Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 20
Es war Tag geworden, und die grüne Flur war mit rotem Licht übergossen. Weithin schimmerte die Ebene, und nur hier und da standen kleine Gehölze und Haufen von Gestrüpp inmitten der Landschaft. Offenbar steckte der Löwe mit seiner Beute in einem der Dickichte. Sehr weit war er gewiß nicht entflohen, denn er hatte ja den schweren Körper des getöteten Dieners mit sich zu schleppen. Der Plan der Schwarzen war sehr einfach. Nachdem sie die Spuren des Raubtiers gefunden hatten, liefen sie in langer dünner Reihe in der gefundenen Richtung hin, umkreisten unterwegs die Gebüsche und Gehölze und suchten sie ab. Sie gingen dabei mit solcher Kühnheit zu Werke, daß der Knabe sich verwunderte. Er selbst blieb vorsichtig in der Ferne halten, wenn man vor ein Dickicht kam. Aber die Schwarzen hielten nur die Mitte ihrer langen Linie an, um den Löwen nicht vorzeitig zu verscheuchen, schwenkten mit dem rechten und linken Flügel herum, bis sie das Dickicht umklammert hatten und liefen ohne Besinnen hinein, als suchten sie einen Springbock oder ein Gnu. Auf diese Weise verfolgten sie ihren Weg und durchsuchten ein Gehölz nach dem andern. Ihre elastischen schwarzen Glieder waren in beständiger schneller Bewegung, und sie rannten und sprangen mit kaum begreiflicher Kraft.
Diese Treibjagd stöberte gar manches Wild auf. Kleine Antilopen, welche Taucher genannt werden, da sie plötzlich aus hohem Grase aufzuspringen und dann ebenso schnell in einem Busch zu verschwinden pflegen, wurden viel gesehen. Allerhand Vögel, Perlhühner, wilde Tauben, welche nur so groß wie Lerchen waren und lange Schwänze hatten, Kiebitze, Finken und Wachteln stiegen auf, während die zweihundertundfünfzig Krieger durch das Gras und das Buschwerk hin suchten. Einmal ward sogar das gefleckte Fell eines Leoparden im Gebüsch sichtbar, aber erschrocken vor dem Anblick so vieler Männer zog er sich zurück, und er ward nicht gejagt, da dies nicht befohlen war.
Nachdem schon sechsmal vergeblich ein undurchsichtiges Dickicht abgesucht worden war, kam die Schar vor ein aus hohen Mimosen gebildetes Versteck, in welchem Felsblöcke lagen, die teilweise aus den stacheligen Zweigen mit rotbrauner Färbung hervorblickten. Ohne Zaudern warfen sich die Zulus hinein, indem sie nur die scharfen Stacheln der Akazien vorsichtig umgingen. Es dauerte nicht lange, so ertönte aus dem Innern die tiefe, grollende Stimme des Königs der Tiere. Ein gellender Ruf aus Hunderten von rauhen Kehlen antwortete ihm. Pieter Maritz hielt außerhalb, auf halbe Schußweite vom Saume, und die Büchse lag ihm quer über dem Sattel. Sein Herz klopfte, indem er sich vorstellte, was da drinnen vorgehen möge. Denn jetzt mischten sich brüllende Töne zu wiederholten Malen mit menschlichem Schrei. Plötzlich erschien der Löwe für den Knaben sichtbar auf einem hervorragenden Felsstücke. Es kam dem Knaben vor, als sei das Tier in Verwirrung, denn indem es nach unten blickte, stieß es Schreie aus, die fast wie das Heulen eines Hundes klangen. Aber nach wenigen Sekunden schon erschienen blaue Federn und schwarze Haarkronen auf dem Felsen. Die Zulus kletterten am Felsen empor. Der Löwe schien verwundert und in Furcht zu sein. Er kauerte nieder und sprang mit einem ungeheuern Satze über mehrere Akazien weg, die wohl zwanzig Fuß hoch waren, und kam nun außerhalb des Dickichts zur Erde. Pieter Maritz konnte ihn genau sehen. Er war sehr groß, seine gelbe Mähne war nahe dem Halse sehr dunkel, und schwarze Zotteln hingen an den Beinen. Er peitschte die Erde mit dem Schweif und brüllte wiederholt, indem er auf den verlassenen Schlupfwinkel zurückstarrte. Jager zitterte an allen Gliedern, stieg in die Höhe, und nur mit Mühe vermochte der Knabe ihn auf dem Flecke zu halten. Aber jetzt stürmten die Zulus aus dem Dickicht hervor, voll Angst, daß die Bestie ihnen entfliehen könnte. Sie fürchteten sich mehr vor ihrem Könige als vor den Tatzen und Zähnen des Löwen. Wie Hunde auf den Eber, so warfen sie sich ohne Besinnen auf das starke, wilde Tier.
Ein entsetzlicher Kampf hub an. Mit einem Schlage seiner Tatze hieb der Löwe den vordersten der Angreifer zu Boden, indem er ihm Brust und Leib zerschmetterte. Drei andere warf er in einer raschen Wendung mit Blut bedeckt nieder, und einem fünften zerfleischten seine Zähne den Arm von der Schulter bis zum Ellbogen. Aber die Zulus warfen sich über ihn, ohne nachzulassen. Ihre schwarzen Fäuste packten seine Mähne, seine Tatzen, seinen Schweif, seine Nase, ja sie packten in den Rachen und ergriffen seine Zunge. Ihre Zähne mußten helfen, sie bissen sich wie Tiere in seine Haut und in seine langen Haare ein und hielten ihn ebensowohl mit ihren Gebissen wie mit den Händen fest. Ein schrecklicher Knäuel wälzte sich am Boden. Die gelbe Form des Tieres war wie erdrückt unter schwarzen Gliedern, doch steckte eine so unbändige Kraft in dem Löwen, daß er noch zweimal in die Höhe kam und sich oberhalb der schwarzen Leiber wälzte. Aber die Zulus ließen nicht los, und nach einem Ringen, das mehrere Minuten dauerte, lag der Löwe, an allen vier Pranken fest geschnürt, machtlos am Boden. Ein Strick verschloß auch seinen Rachen, so daß nur noch ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust hervordringen konnte. Aber außer drei Toten lagen noch sechs schwer verwundete Männer neben dem Untier im Grase.
Die Zulus stießen ein Jubelgeheul aus. Sie liefen in das Dickicht zurück und holten die Überreste des vom Löwen fortgeschleppten Dieners heraus, zum Beweise dafür, daß sie ihrem Könige den richtigen Löwen brächten. Dann legten sie die Verwundeten auf Tragbahren und trugen sie zum Lager zurück, den Löwen aber schleiften sie an einem Stricke über das Gras hin.
Tschetschwajo saß auf seinem Schilde inmitten seines Hofstaats, als der Zug herankam. Demütig trat der Anführer vor ihn und meldete, man bringe den Löwen. Tschetschwajo erhob sich und befahl, den Löwen auf die Füße zu stellen und ihm die Fessel vom Rachen zu nehmen. Gehorsam führten die Krieger den Befehl aus. Dem Löwen wurden die Bande so weit gelockert, daß er stehen konnte, und als er den Rachen wieder öffnen konnte, stieß er ein mehr klagendes als drohendes Gebrüll aus. Er war etwas betäubt und schwankte auf den Füßen, auch hatte er unzählige kleine blutige Flecken auf dem Fell, aber er hatte keine schwere Wunde.
Tschetschwajo sah den Löwen an, und seine Augen bekamen einen wilden Ausdruck. Der Missionar beobachtete ihn und bemerkte, wie die kleinen Adern im Weißen des Auges sich mit Blut füllten. Noch niemals war ihm so deutlich wie in diesem Augenblick die Wildheit des Königs aufgefallen, der, indem er dem Löwen gegenüberstand, sich selbst als löwenähnlich zeigte. Denn er fühlte sich von dem Tiere beleidigt, er zürnte ihm, als sei es seinesgleichen. Er trat dem Löwen nahe und schleuderte ihm Verwünschungen zu, er drohte dem Tiere und bestrafte es mit Worten. Endlich aber erhob er den schweren Elfenbeinstab und schlug dem Tiere damit über den Kopf, daß es ingrimmig aufheulte, und auf des Königs Wink stießen ihm einige Herren vom Hofe den Speer in die Rippen und töteten ihn vollends.
Ein lautes Triumphgeschrei ertönte. »Der König hat gestraft! Der mächtige Elefant hat sich gerächt! Stark ist die Hand des Königs der Könige! Pezulu! Pezulu!« rief der Hofstaat und riefen die Blauschilde.
Dem Könige selbst schien die Bestrafung des Tieres das Herz erleichtert zu haben. Sein Gesicht wurde freundlicher, er lud zum Essen ein und unterhielt sich mit dem Missionar. Durch diesen ließ er dann dem Lord mitteilen, er gedenke ihm zu Ehren eine Elefantenjagd abzuhalten. Nach dem Frühstück sollte aufgebrochen werden.
Die ehemals so zahlreichen großen Dickhäuter hatten im südlichen Afrika unter den beständigen Verfolgungen der Menschen so sehr gelitten, daß weder der Lord noch auch Pieter Maritz jemals einen Elefanten zu sehen bekommen hatten. So versetzte die Nachricht der bevorstehenden Jagd beide in große und freudige Aufregung. Der Missionar nahm an dieser Freude jedoch keinen Teil. Er erzählte, daß er oft Elefanten gesehen habe und oft an der Jagd auf sie teilgenommen habe zu früheren Zeiten, wo diese Tiere noch das Gebiet des Transvaallandes und Oranje-Freistaates durchzogen. Aber immer habe es ihm leid gethan, wenn er hätte sehen müssen, daß so gewaltige und so kluge Tiere nur um ihrer Stoßzähne willen hätten sterben müssen, ja oft sogar nur aus Grausamkeit von eifrigen Jägern erlegt worden seien. »Wenn Raubtiere gejagt werden,« sagte der Missionar, »so finde ich es recht und gut, und auch die Jagd auf eßbares Wild ist notwendig. Aber Elefantenjagd hat mir immer Unbehagen verursacht.«
Der Lord und Pieter Maritz dachten anders und sahen der Jagd mit Spannung entgegen. Nur darüber waren sie nicht erfreut, daß sie selbst schwerlich anders wie als Zuschauer würden teilnehmen können. Der Lord war ganz ohne Waffen, da sein Pallasch nicht gerechnet werden konnte, Pieter Maritz aber durfte mit dem kleinen Kaliber seiner Büchse auch nicht darauf zählen, die Haut des Elefanten wirksam zu durchbohren. Beide waren sehr begierig, zu sehen, wie der König seine Jagd einrichten werde.
Tschetschwajo, der sich durch Boten über die Anwesenheit von Elefanten an den Ufern des Schwarzen Umvolosi hatte unterrichten lassen, brach nach kurzer frugaler Mahlzeit auf, und seine gesamte Begleitung folgte ihm. Es ging noch weiter nach Norden, und den ganzen Tag, bis zum Abend, wurde marschiert. Das hügelige Land wurde immer gebirgiger, je weiter der Marsch ging, schroffe Berge stiegen auf und dunkle Thäler wurden durchschritten. Endlich, als die Sonne sank, wurde der Fluß erreicht. In einem Thale wurde Halt gemacht und gespeist, während ein Induna vom Hofe, der das Amt eines Hofjägermeisters versah, mit einer Jägerschar weiterging, um die Elefanten zu suchen. Dann, als der Mond aufgegangen war, brach der König wieder auf und folgte dem Hofjägermeister, welcher inzwischen Nachricht über die gesuchten Tiere gebracht hatte.
Eine wunderbare Beleuchtung herrschte im Umvolosi-Thale, indem das felsenreiche Ufer mit seinen schroffen Höhen von oft seltsamer Form den Schein des Mondes hier hemmte, dort in voller Klarheit durchdringen ließ. An einigen Stellen zogen sich Thäler, welche die Höhenzüge quer durchbrachen, zum Flusse hin, und die niedrig stehende helle Planetenscheibe leuchtete an solchen Stellen mit silbernem Glanze über den Fluß hin und gab den stachligen Gewächsen, welche das Wasser umsäumten, durch den Wechsel von Licht und Schatten oft höchst sonderbare Formen. Nicht selten stockte der Zug, indem die vorangehenden Jäger, durch die eigentümliche Gestaltung eines Busches getäuscht, die dunkle Masse oder in dem vorgestreckten Ast einer Euphorbiazee den Rüssel eines Elefanten zu sehen glaubten. Oft gelang es nur mit Mühe, den Weg fortzusetzen, da Urwald bis an das Wasser herantrat und nur der Pfad, den die Elefanten selbst hier gebahnt haben mußten, hindurchführte. An manchen Punkten lagen starke verwitterte Baumstämme halb im Wasser, halb am Ufer, und während zugleich dunkle Körper sich im Flusse bewegten, welche als Alligatoren erkannt wurden, entstand oft der Zweifel, ob der lang gestreckte Schatten am Wege ein gestürzter Baum oder der schuppige Leib des gefährlichen Amphibiums sei. Die Weißen ritten nebeneinander hinter der Schar der Blauschilde, und das Herz der jungen Leute klopfte vor Erwartung. Der Missionar jedoch ritt ruhig seines Weges, und der gedankenvolle Ausdruck seines Gesichts zeigte, daß sein Geist mit andern und höheren Gegenständen beschäftigt war.
Jetzt ging eine Bewegung durch den lang gestreckten Zug. Von der Spitze aus pflanzte sich ein leises Flüstern und ein Winken fort, und alle hielten an. Der König, welcher an seinem Stabe dahinschritt und der Schar des Hofjägermeisters folgte, gab den Blauschilden Befehl, seitwärts abzubiegen und in einem weiten Bogen wieder an den Fluß heranzukommen. Als die Schwarzen sich nun geräuschlos seitwärts geschlichen hatten, so daß der Weg frei geworden war, ritten die drei Weißen vorwärts und gelangten an die Stelle, wo der König stand. Er wies mit ausgestreckter Hand nach vorn, und die Weißen erblickten nun in der Entfernung von etwa tausend Schritten mehrere dunkle Gestalten, die sich am Saume des Wassers und im Wasser selbst bewegten. Deutlich sah man die schwarzen Körper sich von der glänzenden Oberfläche des Flusses abheben, und ihre Größe ließ keinen Zweifel darüber, daß es die Tiere seien, welche Gegenstand der nächtlichen Jagd waren. Zu der Stelle hin, wo sie badeten und tranken, führte ein Seitenthal, und offenbar war hier ihre gewohnte Tränke. Der König hatte die Blauschilde abgeschickt, um aus jenem Thal hervor gegen die Tiere vorzubrechen und ihnen dort den Weg zu verlegen, falls sie etwa die Annäherung der Jäger bemerken und durch das Seitenthal entfliehen sollten. Der König selbst ging mit seiner Begleitung langsam weiter, um den Blauschilden Zeit zu lassen, herumzukommen. Er trug jedoch selbst keine Waffe und hatte augenscheinlich nicht die Absicht, sich selbst an der Jagd zu beteiligen, sondern wollte nur zusehen, wie seine Jäger die Tiere erlegten. Als man den Tieren so nahe gekommen war, daß man sie zählen und ihre Rüssel und Stoßzähne erkennen konnte, ging der König nicht weiter, sondern stieg seitwärts auf einen Felsen, von wo aus er das Flußthal übersehen konnte. Dorthin ließ er sich vom Missionar und von Lord Fitzherbert sowie einer kleinen Schar Indunas begleiten. Alle stiegen hinauf und stellten sich auf einen Vorsprung, der wie eine Tribüne gestaltet war. Hier konnten sie den Verlauf der Jagd in Sicherheit verfolgen.
Pieter Maritz stieg vom Pferde, froh, daß er die Jäger begleiten konnte, und übergab Jager einem der Diener, welche zurückblieben. Dann schloß er sich dem Hofjägermeister an und schlich mit diesem im Schatten der Uferbüsche vorwärts. Hinter einem Weidenstrauche niedergeduckt, sah er die gewaltigen Tiere bald in geringer Entfernung vor sich. Es waren ihrer zehn große, dazu noch drei kleine, welche ganz jung waren. Langsam patschten die Elefanten mit ihren säulenartigen Beinen im flachen Wasser herum, sogen ihre Rüssel voll und bespritzten sich ihr dunkles Fell, wälzten sich im Schlamm und wedelten mit den kurzen Schweifen. Ein Tier von ungeheurer Größe, welches bis an die Kniee im Flusse stand, schien der Führer der Herde zu sein. Es erhob zuweilen den Kopf und lauschte, es zeigte einige Unruhe und überließ sich nicht mit der Behaglichkeit der andern dem Genusse der schönen Nacht. Seine langen, spitzen, nach oben gekrümmten Stoßzähne glänzten wie Silber. Der Mondschein war so rein und klar, daß Pieter Maritz jede Bewegung der Tiere genau verfolgen konnte. Er sah die kleinen Augen, sah die riesigen Ohren, welche am Kopfe herabhingen und von denen ein jedes einen Mantel für einen der Zulus hätte abgeben können, sah die blinkenden Wassertropfen über die dicke Haut hinlaufen.
Jetzt sah Pieter Maritz die schwarzen Gestalten der Jäger, in deren Händen die Speerspitzen glänzten, neben sich vordringen und nahe an die Elefantenherde heranschleichen. Er wußte nicht, wie diese Leute es machen würden, um die Tiere zu erlegen, und er selbst getraute sich nicht, sich in die Jagd einzumischen. Er hatte seine Büchse, aber er wollte nicht schießen, weil er fürchtete, der Knall des Schusses möchte die beabsichtigte Jagd stören und den Zorn des Königs erregen. Auch glaubte er nicht, mit seiner Büchse Erfolg bei den dickhäutigen Kolossen haben zu können, wenn er nicht etwa mit der Kugel ins Auge träfe. Er war etwa zweihundert Schritte von dem nächsten Tiere entfernt, dort blieb er und wühlte sich in die Schlinggewächse ein, welche den Boden bedeckten. Vor ihm lag ein gebogener starker Ast, über welchen er hinwegsah, sonst war er ganz im Grün und im Schatten vergraben, indem er platt am Boden lag. Doch hatte er die Büchse vor sich und legte deren Lauf auf den Ast, wobei er über das Visier und Korn hinguckte und unwillkürlich auf das Auge des größten Elefanten zielte.
Mit einem Male machte sich inmitten des Plätscherns und Rauschens, welches die Tiere im Wasser verursachten, eine Stille bemerklich. Der Führer der Herde schnob und alle andern Tiere standen still. Dann ging der Führer ans Land, erhob den Rüssel und zog die Luft ein, während er zugleich die Ohren absperrte, um jeden Laut aufzufangen. Er mußte die Annäherung der Jäger bemerkt haben, denn nun stieß er einen trompetenartigen Warnungsruf aus, und die andern Tiere fingen an, sich schwerfällig nach ihm hin zu bewegen. In diesem Augenblick sprangen wohl vierzig Jäger unter Leitung des Hofjägermeisters aus dem Ufergebüsch auf und rannten gegen die Tiere los. In größter Aufregung sah Pieter Maritz zu.
Die Hälfte der Jäger griff den riesigen Führer der Herde an. Jetzt, wo er am Ufer hinschritt, sah Pieter Maritz deutlich, wie gewaltig groß er war. Wie ein Riese wandelte er, der von Zwergen angegriffen wird. Zwei der Zulus stellten sich ihm in den Weg und liefen dann fort, um ihn zur Verfolgung zu reizen, die übrigen lauerten seitwärts, um ihm, wie Pieter Maritz vermutete, ihre Speere in die Rippen zu rennen. Aber der große Elefant bekümmerte sich um nichts. Er stieß noch einmal, und jetzt viel stärker, den trompetenartigen Ton aus, und als sich nun sämtliche Tiere hinter ihm versammelt hatten, wobei sie die Jungen in die Mitte nahmen, schwang er den Rüssel hoch durch die Luft und stürzte mit weit abstehenden fliegenden Ohren geradeaus in das Querthal. Sämtliche andern Elefanten rannten hinter ihm her. Sie brachen in das Ufergebüsch und das Holz im Thale mit unaufhaltsamer Gewalt ein, und ein Geräusch von krachenden Stämmen und Ästen, von niedergetretenen Sträuchern, ein seltsames Rasseln und Dröhnen erhob sich, wie Pieter Maritz dergleichen noch niemals vernommen hatte. Die Jäger blieben zur Seite stehen, nachdem sie auseinander geflohen waren, und noch hatte kein Speer die Tiere berührt. Aber nun erhob sich noch ein anderer Lärm im Thale, der gellende Ruf der Blauschilde. Sie verlegten den Elefanten den Weg und wollten sie zum Flusse zurückscheuchen. Ein entsetzliches Getöse scholl aus dem Thale hervor in die milde und bezaubernde Tropennacht. Das Trompeten der starken Tiere übertönte den Ruf der Krieger, und deutlich war an manchem Angst- und Schmerzensruf zu erkennen, daß die unerschrockenen Zulus, welche ihr Leben einsetzten, um ihren König und dessen Gäste zu unterhalten, einen schweren Kampf zu bestehen hatten und die Rüssel und Stoßzähne der Elefanten zu spüren bekamen. Dann brachen mehrere der Kolosse wieder rückwärts aus dem Thale hervor, und ihre Erscheinung bewies, daß wenigstens teilweise der Plan der Jagd in Erfüllung gegangen war, wenn auch mehrere der Elefanten durchgebrochen sein mochten.
Voran stürmte der große Elefant, welcher der Führer war. Aber Pieter Maritz bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er nicht sowohl auf Flucht bedacht zu sein schien, als darauf, seine Begleiter und die Jungen zu beschützen. Vier Tiere, kleiner als er, aber doch gewaltig groß, waren neben ihm, und alle drängten sich um die Jungen zusammen. So nahmen sie ihren Weg gerade auf die Stelle zu, wo Pieter Maritz versteckt lag. Sie schienen den Fluß entlang laufen zu wollen. Kaum war der große Führer aber wieder erschienen, als der Hofjägermeister, eine athletische, ganz nackte Gestalt sich ihm entgegenwarf und mit ihm seine Jägerschar. Es galt, dem König ein würdiges Schauspiel zu bereiten. In großen Sätzen bewegte sich der Hofjägermeister, den Speer in der Faust, vor dem Elefanten her, während die Jäger nach den Hinterbeinen des Tieres liefen, um es in die Sprunggelenke zu stechen und es zu lähmen. Aber trotz seiner Gewandtheit und Elasticität kam der Hofjägermeister zu schaden. Der Elefant ergriff ihn mitten in einem Seitensprunge mit dem Rüssel an seiner künstlichen Frisur, schwang ihn hoch durch die Luft, schmetterte ihn zu Boden und zertrat ihn im Augenblicke darauf zu einem blutigen Brei. Doch gleich darauf kehrte der Elefant sich um. Er fühlte die Spitzen mehrerer Speere in seine Hinterfüße eindringen. Wütend packte er einen der Jäger, die ihn verwundet hatten, schleuderte ihn nieder und bohrte ihm den Stoßzahn durch die Brust. Aber die behenden Jäger waren schon wieder hinter ihm, und nun zerschnitten die breiten Speerklingen ihm die Sehnen an beiden Füßen, und stöhnend sank das mächtige Tier mit dem Hinterteil zu Boden, während ein Blutstrom die Erde färbte.
Nun sah Pieter Maritz eine Scene, welche ihn rührte und tief bewegte. Die andern Tiere, obwohl ebenfalls von Jägern umschwärmt, drängten sich an den Gefallenen heran und suchten ihn mit ihren Rüsseln aufzurichten, wobei sie klagende Töne ausstießen, er aber schlang den Rüssel um ein Junges, das ihm nahe war, als wollte er es vor den Waffen der Feinde beschützen. Wie Teufel umsprangen die heulenden Zulus die Kolosse, die einander hilfreich beistanden.
Bald ward die Gruppe gesprengt. Aus dem Thale hervor brachen die Blauschilde, und dicht wie Fliegen schwärmten die nackten schwarzen Gestalten umher. Sie griffen die Tiere von allen Seiten an, Hunderte von Assagaien sausten durch die Luft und bohrten sich in die großen Leiber ein, und obwohl gar mancher der tollkühnen Jäger das Leben lassen mußte, indem er durchbohrt, zertreten und in die Luft geschleudert ward, so wurden die Tiere doch voneinander getrennt und einzeln umringt. Jetzt durchbrach ein Elefant, dem wohl zehn Assagaien im Rücken und in den Flanken steckten, den Jägerkreis und lief mit hoch gehobenem Rüssel in seiner Flucht auf den Platz zu, wo Pieter Maritz lag. Es war für den Knaben keine Zeit mehr, aufzuspringen und davonzulaufen. Er blieb ruhig liegen, denn wenn er sich erhoben hätte, würde ihn das Tier mit dem Rüssel gepackt haben. Als aber der Elefant gerade über ihm erschien und seine gewaltig stampfenden Füße unmittelbar neben dem Kopfe des Knaben niedertraten, da schoß Pieter Maritz seine Büchse, ohne zu zielen, gegen die riesige schwarze Gestalt ab und schrie dazu unwillkürlich mit voller Kraft seiner Lungen. Das Tier mochte wohl über den Schuß und das Geschrei, während es keinen Feind sah, verwundert sein, denn es stockte im Laufe, trompetete laut und wandte sich seitwärts. Bald hatten die Jäger es dann wieder eingeholt, da es infolge seiner Wunden nur noch langsam laufen konnte, und auch dieser Elefant sank zu Boden.
Bald waren alle Tiere zu Falle gebracht und bluteten aus Hunderten von Wunden. Aber es dauerte fast eine Stunde, bis sie tot waren, denn die Wunden gingen sämtlich nicht tief, und nur langsamer Blutverlust ließ die Tiere sterben. Mit vorwurfsvollem Blick ihrer klugen Augen sahen sie bis zum letzten Augenblick ihre unerbittlichen Mörder an, von denen sie beständig umschwärmt und beständig von neuem verwundet wurden, und umschlangen, selbst sterbend, die toten Jungen zärtlich mit dem Rüssel.
Vierzehntes Kapitel
Mainze-kanze = Laßt den Feind kommen!
Nachdem am folgenden Morgen der König mit der Jagdgesellschaft gespeist hatte und nachdem den erlegten Elefanten die Stoßzähne ausgebrochen und den Trägern aufgepackt worden waren, ließ Tschetschwajo den Marsch am Flusse hin fortsetzen, und zwar in südöstlicher Richtung. Doch verließ der Zug die unmittelbare Nähe des Wassers und wählte den gangbarsten Weg über die Höhenzüge hin. Nach dreistündigem Marsche begegnete ihnen ein anderer kriegerischer Zug, und dessen Führer verneigte sich tief vor dem Könige, der ihn alsdann in seine Arme schloß. Die Weißen erkannten in dem Führer den Bruder des Königs, den Prinzen Dabulamanzi.