Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 2
Er legte dem Tier die Zügel auf den Hals, und alsbald wandte es sich links und ging in schnellem, munterem Schritt vorwärts. Ruhe, Wasser und Futter hatten es neu gekräftigt. Zufrieden sah der Knabe, daß Jager mit großem Geschick, als sei er in dieser Wildnis zu Hause, die stachlichten Büsche der Kaktus und der Giraffen-Akazie umging und seinen Weg durch die an manchen Stellen undurchdringliche Waldung fand. So ging es eine Strecke weiter, und dann öffnete sich ein Felsenthal, wo im Grunde ein halbvertrocknetes Bächlein rieselte und allerhand wunderlich gebildete mächtige Steine den Weg von beiden Seiten einfaßten. In Zickzack-Windungen ging es zwischen Büschen und Felsen immer weiter, oft stiegen hohe spitze Felsen wie Türme düster empor, und das tiefe Schweigen dieses Thales ward nur durch das Grunzen einzelner Paviane unterbrochen, welche den Reiter in der Ferne begleiteten und mit großen Sätzen von Stein zu Stein sprangen. Aber nach und nach wurden dieser Tiere mehr, und als Jager unruhig schnob, fingen sie an zu schnattern, die Zähne zu fletschen und laut zu rufen, so daß ihrer Hunderte von allen Seiten zusammenliefen. Sie kamen oft nahe an Pieter Maritz heran, grinsten ihn an, streckten ihre Mäuler vor, zogen die Stirnhaut empor und schienen Lust zu einem Angriff zu haben. Pieter Maritz nahm die Büchse von der Schulter und drohte ihnen, indem er ihnen die Mündung zeigte. Es war ein ausgezeichnetes Gewehr, ein Martini-Henry, dessen Magazin ihn in den Stand setzte, zwölf Schüsse hintereinander abzugeben, ohne neu zu laden. Aber er hütete sich wohl zu schießen, da er die Natur dieser Affen kannte. Hätte er einen von ihnen verwundet, so würden sie ihn in Stücke gerissen haben, ehe er den zweiten Schuß hätte abfeuern können. So begnügte er sich damit ihnen zu drohen, und sie schienen das zu verstehen und griffen nicht an, obwohl einzelne so nahe kamen, daß sie seinen Hut streiften, als er an einem überhängenden Felsen vorüberritt, auf dem sie hockten.
Doch jetzt kam Befreiung aus dieser Not. Das enge Thal öffnete sich plötzlich, eine weite Ebene dehnte sich dort aus, und die häßlichen Affen scharten sich am Ausgange zu einer schnatternden lärmenden Versammlung, als ob sie einen Rat hielten, was sie thun sollten. Pieter Maritz hatte wohl Lust, dem größten unter ihnen, einem wild aussehenden Burschen, der ihn zähnefletschend von einem Stein herab ansah, zum Abschied eins auf den Pelz zu brennen, und zweimal war sein Zeigefinger schon im Begriff, an den Drücker zu rühren, aber er sagte sich: Ich bin davongekommen, ich will dankbar sein. Er zog den Kolben von der Backe herunter, warf das Gewehr über den Rücken und ergriff die Zügel, als Jager jetzt aus dem Thal ins Freie trat und alsbald in eine schnellere Gangart fiel.
Auch dem Pferde war angst gewesen. Der Schweiß lief ihm vom Körper herab, obwohl es der vielen Steine und verschlungenen Wurzeln wegen hatte im Schritt gehen müssen. Sobald es jetzt auf die freie Ebene kam, schnob es tief und kräftig, hob den Kopf und setzte sich in den schnellsten Galopp. Pieter Maritz drückte den Hut fester auf den Kopf, beugte sich vor und ließ Jager laufen, wie er laufen wollte. Das Tier bewahrte die Schnelligkeit, durch die es berühmt war und die ihm den Namen Jager verschafft hatte, da es auf der Jagd das Wild von fern witterte, ehe noch der Reiter es erblicken konnte, und selbst die Antilope und den Strauß überholte. Wie die Windsbraut fegte Jager mit seiner leichten Last über die Ebene dahin.
Aber die Sonne neigte sich zum Untergange. Ihre schrägen Strahlen übergossen das Land mit rotgoldenem Lichte und ließen das Heidekraut, über welches die Hufe des Rosses dahineilten, weithin, soweit das Auge blickte, wie einen roten Teppich erscheinen. Der Schatten von Roß und Reiter war riesengroß angewachsen und begleitete den eiligen Ritt gleich einer am Boden hinfliegenden sonderbar gestalteten Wolke. Jetzt sank die Sonne unter den Horizont, und mit einem Schlage verbreitete sich völlige Finsternis über Himmel und Erde. Pieter Maritz spähte sorgenvoll umher. Was sollte er beginnen? Sollte er das Pferd anhalten und auf freier Ebene die Nacht verbringen? Aber schon hörte er in der Ferne den Ruf der Schakale und Hyänen, welche ihre Schlupfwinkel verließen, um ihrer Beute nachzugehen. Sollte er versuchen, beim Schein der jetzt am Himmel hell aufleuchtenden Sterne ein Gebüsch zu erreichen, wo er hoffen durfte, ein Feuer anzünden zu können, um die Raubtiere während der Nacht fern zu halten? Aber er fürchtete, durch den Schein des Feuers etwa umherstreifende Kaffern herbeizulocken, die ihm, dem einzelnen Knaben, gefährlich werden konnten. Er beschloß nichts zu thun, sondern im Sattel zu bleiben und sich ganz der Führung des Pferdes zu überlassen. Jager war mit Einbruch der Dunkelheit in Schritt verfallen und verschnaufte von dem meilenweiten schnellen Lauf. Er ging vorsichtig weiter und spitzte die Ohren. Der Knabe zog ein Stück getrocknetes Antilopenfleisch aus der Tasche und aß. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen, und nur die Aufregung des ereignisreichen Tages hatte seinen Hunger betäubt. Jetzt aß er mit gierigem Appetit das ganze Fleisch, welches er bei sich trug, und trank dazu von dem Wasser, das er vorsichtigerweise in der Trinkflasche aus der Höhle mitgenommen hatte.
Währenddessen erhellte sich die Nacht immer mehr, die Sterne funkelten mit Brillantlicht, und die Mondsichel erschien in reiner silberner Klarheit über der schwarzen runden Linie, die im Osten die Erde vom Himmel abschnitt. Aber während das Licht dem Geiste des Knaben Beruhigung einflößte, wurde er zugleich auch darauf aufmerksam, daß die Wüste lebendiger wurde. Das entfernte Heulen und lachende Bellen der Hyänen und Schakale, welches ein seinem Ohre wohlbekannter Ton war, verstärkte sich und schien näher zu kommen. Auch Jager mußte diese unheimlichen Laute vernommen und verstanden haben. Er schnob kräftiger, und sein Gang ward unruhig. Er stutzte zu Zeiten und schnupperte, als wollte er die Luft nach Anzeichen von Gefahr durchforschen, und setzte sich dann mit hoch emporgehobenen Füßen wieder in Bewegung.
Mit einem Male erscholl ein neuer Ton über die Wildnis dahin, welcher für kurze Zeit alle übrigen verstummen machte. Er klang aus weiter Ferne und war nicht laut, aber es war eine erschütternde Kraft in der Art und Weise seines Klanges. Es war wie ein Donner aus einer fernen Wolke, ein langhin hallender tiefer Klang. Jager stemmte im Schrecken seine vier Füße fest gegen den Boden und bog sich zusammen. Pieter Maritz fühlte, wie des Pferdes Flanken zitterten. Es hatte die Stimme des Löwen erkannt. Dann sprang es mit einem ungeheuren Satze vorwärts, so daß der Knabe seiner ganzen Reitkunst bedurfte, um sich im Sattel zu erhalten, und flog in erneutem Galopp über den Boden hin. Seine Müdigkeit schien völlig verschwunden zu sein, die Angst gab ihm Flügel, und schneller noch als vorhin jagten seine Hufe über das Heidekraut. Noch einmal und ein drittes Mal erklang nach langen Pausen der fürchterliche Ton, welcher die Stimmen der schwächeren Raubtiere zum Schweigen brachte, und das Brüllen schien näher zu kommen. Kein Spornstreich hätte Jagers Eile so beschleunigen können. Pieter Maritz ließ ihm die Zügel und überließ sich völlig dem Instinkt des edlen Tieres. Er bemerkte, daß es eine bestimmte Richtung festhielt und selbst in seiner Angst nicht von ihr abirrte. Pfeilgerade lief es nach Südosten, wie der Knabe an dem Stande der Sonne gemerkt hatte und jetzt an der Stellung der Sternbilder sah. So wurde Meile nach Meile zurückgelegt, die Nachtluft pfiff durch des Knaben Locken und ließ die weiche Mähne und den langen Schweif des Rosses nach rückwärts flattern. Sollte es immerfort, ohne das Ziel zu erreichen, so weitergehen, bis Erschöpfung dem Rennen ein Ende machte?
Da wurde der Knabe auf einen Schimmer aufmerksam, der gerade vor ihm mit mattem, rötlichem Schein den Himmel färbte. Der Schimmer war nahe über der Erde und verlor sich nach oben in einem weißlichen Streifen, gleich einer leichten Wolke. Er ward immer deutlicher, je weiter der Ritt ging, und frohe Hoffnung ließ des Knaben Herz lebhafter pochen. Er erkannte, daß der rote Schein nur von einem großen Feuer ausgehen konnte, und wo das Feuer war, da mußten auch Menschen sein. Seine Hoffnung täuschte ihn nicht. Bald sah er deutlich die roten Flammen mehrerer Lagerfeuer und den Qualm und Rauch brennender Rhenosterbüsche gen Himmel steigen.
Er jauchzte vor Freude, als er näher kam. Das treue kluge Tier hatte ihn zu den Seinigen zurückgetragen. In einem großen Kreise standen wohl zwanzig riesige Wagen mit hell schimmernden runden Verdecken, zahllose langhörnige Ochsen waren teils an diesen Wagen festgebunden und teils in einem von Stricken umzäunten Pferch versammelt. Mehrere Feuer inmitten der Wagenburg loderten empor, und ihr rotes Licht, welches bald hell flammte und bald einen düstern Schein aus erstickendem Rauch warf, erhellte den ganzen Umkreis.
Pieter Maritz drängte sein Pferd zwischen dem Vieh hindurch in den Kreis der Wagen und sah an dem größten der Feuer eine zahlreiche Versammlung von Buern, Männer und Frauen, darunter auch seine eigene Familie lautlos versammelt. Sie hörten der Abendandacht zu, welche ein stattlicher Mann mit unbedecktem, weißem Haupte und langem, weißem Bart hielt. Pieter Maritz kannte diesen Mann nicht, hörte aber an seiner Aussprache des Holländischen, daß es ein Deutscher sein müsse. Als Kanzel diente dem Prediger der Vorderkasten einer der großen Wagen, so daß er über der schweigenden und andächtigen Gemeinde stand. Sein ehrwürdiges Antlitz war vom Feuerschein hell beleuchtet. Er sprach über die Verwüstung, die der letzte Kampf angerichtet habe, und tröstete seine Zuhörer über ihre Verluste. Zuletzt stimmte er mit starker Stimme und dem Ausdruck unerschütterlicher Zuversicht eine Hymne an und sang:
Für eine Zeitlang wohl mag Satan siegen, Sein finstres Reich hält er für sicher dann, Gerechter Männer Bitten unterliegen, Des Himmels frohe Botschaft langt nicht an. Doch harr' im Glauben aus, bald wird ersprießen Das Samenkorn, das zu ersticken schien, Von Zions Höhen wird ein Regen fließen und fruchtbar durch das Land der Dürre ziehn. Dann lacht die Flur und wird mit Grün sich schmücken Jehovahs Preis das bange Herz beglücken.
Zweites Kapitel
Die Gesandten des Zulukönigs
Als sich nach der Beendigung des nächtlichen Gottesdienstes unter den Familien der hier versammelten Buern die Nachricht verbreitete, daß Pieter Maritz allein zurückgekehrt war und seinen Vater verloren hatte, da erhob sich allgemeines Klagen. Es war ein schlimmer Tag gewesen. Außer Andries Buurman, der in der Höhle von Makapanspoort sein Leben ausgehaucht hatte, war noch ein anderer tapferer Mann im Kampfe tot geblieben, und drei Buern lagen an ihren Wunden danieder. Klaas Buurman, der Bruder des Andries und Oheim des Knaben Pieter Maritz, ließ sich von seinem Neffen erzählen, was geschehen war, und führte ihn dann zu einem der großen Wagen, wo die Familie des Verstorbenen wohnte. Hier lagen des Knaben jüngere Geschwister, eine stattliche Schar von fünf Knaben und drei Mädchen, in sanftem Schlummer unter der schirmenden, hochgewölbten Decke, neben dem Wagen aber war eine Frau von starkem Wuchse eifrig beschäftigt, für die Zugochsen zu sorgen. Zwei Schwarze in wollenen Hemden mit nackten Armen und Beinen gingen ihr dabei gehorsam zur Hand, schütteten den Tieren Heu vor, gaben ihnen Wasser und wuschen ihnen die vom Joche wund gedrückten starken Nacken. So erfüllte die wackere Gattin außer den Pflichten der Mutter auch die des Hausherrn.
Als sie ihren ältesten Sohn mit den Waffen und dem Pferde des Vaters in Begleitung des Klaas langsam und mit bekümmerter Miene herankommen sah, ging sie ihnen festen Schrittes entgegen, strich das lange goldblonde Haar vom Gesichte zurück und blickte ihren Sohn fragend an. Sie hörte die traurige Botschaft, und die Thränen rannen ihr langsam und schwer über die Wangen herab. Währenddessen drängten sich die schwarzen Dienstboten heran, indem sie die Ochsen und den Wagen verließen, wechselten Blicke untereinander und murmelten: »Der Baas ist tot, der Baas ist tot.«
»Elisabeth, dein Mann ist tot,« sagte Klaas Buurman, indem er der bekümmerten Frau seine breite Hand auf die Schulter legte, »aber vergiß nicht, daß ich sein Bruder bin. Ich will auch dein Bruder sein.«
Die Frau drückte ihm die Hand, und dann umarmte sie ihren Knaben und weinte an seinem Halse. Endlich richtete sie sich auf, wischte die Thränen ab und sagte: »Pieter Maritz, das Pferd ist müde.«
Der Knabe führte das Tier zur Seite und versorgte es, die Frau schickte die Schwarzen an die Arbeit zurück und legte selbst mit Hand an, Klaas aber wandte sich zu seinem eigenen Wagen.
Pieter Maritz hatte sich einen Haufen von Büschen neben dem Lager zurecht gelegt, das er für Jager aus Stroh und Blättern bereitet hatte, und streckte sich neben dem Pferde aus. Er sah noch eine kurze Weile die Sterne über seinem Kopfe schimmern, dann aber schlief er ein und wachte nicht eher auf, als bis der Himmel wieder hell geworden war. Er hörte ein Gewirr von Stimmen und drohende Worte, und als er sich aufrichtete, sah er, daß in einiger Entfernung schwarze Diener des Buernlagers zwei andere Schwarze gleichsam als Gefangene mit sich führten. Er konnte diese beiden Gefangenen leicht schon an ihrem Äußern als Fremde erkennen. Denn die Diener der Buern gingen zwar mit nackten Beinen, aber trugen blaue, rote oder schmutzig weiße Wollenhemden, die beiden Männer in ihrer Mitte aber waren völlig nackt, bis auf einen schmalen Lendengurt. Pieter Maritz sprang von seinem Lager auf und näherte sich neugierig der Gruppe. Er sah nun noch deutlicher, daß die beiden Gefangenen von einem fremden Stamme sein mußten. Sie waren dunkelfarbig, von hohem, schlankem Wuchs und stolzem Aussehen. Ihr Haar war sehr künstlich in krause Löckchen zusammengedreht und mit steifem Fett fest gehalten, ihr Körper war weniger dick mit Öl und Butter eingerieben, als er es sonst bei den Kaffern gesehen hatte, und ihr Benehmen war von einer gewissen Würde, so daß der Knabe dachte, es müßten vornehme Leute unter ihrem Volke sein. Er begleitete den lärmenden Haufen bis zum Mittelpunkte des Lagers, welches jetzt mit dem Anbruch des Tages zu erwachen anfing, und sah, daß sich mehrere ältere Buern versammelt hatten und, auf ihre Büchsen gestützt, das Herankommen der Schwarzen erwarteten.
Mit vielem Geschrei und offenbar im Gefühle der eigenen großen Wichtigkeit berichteten die schwarzen Diener, daß sie diese beiden Fremden in der Nähe des Wagens des Missionars entdeckt hätten und daß es sicherlich Spione seien. Hierauf richtete der älteste unter den anwesenden Buern einige Fragen an die Fremden, aber diese antworteten nicht, verstanden augenscheinlich die holländische Sprache nicht und zeigten nur mit den Händen nach dem Wagen des Missionars, wobei sie durch Gebärden zu zeigen suchten, daß sie zu ihm gehörten.
Aber die Buern sahen dem mit finsterm Gesichte zu, und der älteste unter ihnen, ein Mann mit langem, graugemischtem Barte, sprach nach einer Pause in ruhigem Tone: »Diese beiden fremden Spitzbuben sind sicherlich nicht in guter Absicht hierher gekommen, und da sie nicht sagen können, wer sie sind, so ist es wohl das Einfachste, wenn wir sie tot schießen.«
Er blickte nach diesen Worten seine Genossen fragend an, und sie nickten ihm zu, um ihm auszudrücken, daß er mit seiner Ansicht auf ihren völligen Beifall rechnen könne.
Hiermit schien der Urteilsspruch besiegelt zu sein, und zwei von den Buern warfen ihre Büchsen über den Rücken und gaben den Dienern einen Wink, die Gefangenen hinaus aufs freie Feld zu führen. Die Diener aber nahmen diesen Wink mit Freude auf, stießen ein Triumphgeheul aus und begannen die Verurteilten hinwegzuzerren.
Pieter Maritz konnte dieser Scene nicht ohne das Gefühl des Mitleids für die Fremden zusehen. Er beobachtete die stolze Haltung, welche die schönen, schlanken und geschmeidigen Gestalten auszeichnete, und empfand in seinem Herzen die Neigung, ihnen beizustehen. Doch wagte er nicht, dem ehrwürdigen Ältesten der Gemeinde gegenüber den Mund aufzuthun, und er sah nur traurig zu, wie diese Leute, welche sich nicht verständlich machen konnten, von den Fäusten ihrer gemeineren Landsleute gepackt wurden. Aber nun schien der ältere von den beiden Verurteilten, indem er begriff, daß es sich um Leben und Tod handelte, einen neuen Entschluß gefaßt zu haben. Er stieß die Männer, die ihn hielten, mit einer kraftvollen Bewegung seiner nervigen Arme zurück und richtete dann an den Graubart in englischer Sprache einige Worte, aus denen zu verstehen war, daß er und sein Gefährte unter dem Schutze des Missionars ständen und Gesandte des Zulukönigs seien. Er redete das Englische sehr unvollkommen und mit einer schnalzenden Aussprache, doch war der Sinn seiner Worte klar, und das Wort Zulu traf alle, die es hörten, wie ein Schlag.
»Zulu!« riefen die Schwarzen voll Verwunderung und mit einer Art von Schrecken. »Zulu!« sagte der Älteste der Buern mit düsterer Miene. »Es sind Zulus, und sie sprechen die Sprache unserer Feinde,« setzte er dann mit heftigem Tone hinzu, »wir wollen sie niederschießen, ehe sie ferneres Unheil anrichten können. Haltet sie fest, Leute, daß sie euch nicht entkommen, und führt sie vor das Lager hinaus.«
Die Diener griffen von neuem zu, Pieter Maritz aber, von einem unüberwindlichen Mitleid getrieben, lief, so schnell er konnte, davon, um den deutschen Missionar zu benachrichtigen; denn er dachte, daß dieser vielleicht ein rettendes Wort für die armen Leute einlegen könnte. Er war in wenig Augenblicken bei dem Wagen angelangt, schwang sich hinauf, schlug das Verdeck vorn auseinander und sah den Greis in tiefem Schlafe liegen. Er trat an ihn heran und legte die Hand auf seinen Arm. Sofort schlug der Missionar die Augen auf, richtete sich empor und wandte seinen milden Blick auf des Knaben erregtes Gesicht. In kurzen Worten teilte ihm dieser den Vorfall mit, und der Missionar, der die Nacht angekleidet verbracht hatte, stieg alsbald vom Wagen herab und begab sich unter des Knaben Führung dorthin, wo die Gefangenen und ihre Richter waren. Man hatte die beiden Zulus bereits aus dem Ringe der Wagenburg hinausgeführt, und die Buern, ihre Büchsen im Arme, folgten den vorangehenden Schwarzen. Jetzt machten alle Halt, die Diener traten von den Gefangenen zurück, und diese kreuzten die Arme über der Brust und sahen unbewegten Blickes auf die harten, strengen Gesichter der weißen Männer, welche ihre Gewehre schußbereit machten. Sie waren nicht gefesselt, aber sie machten keinen Versuch, zu entfliehen, da sie wohl dachten, daß sie der verfolgenden Kugel doch nicht entgehen könnten, oder auch wohl den trotzigen Sinn und die Todesverachtung ihres Stammes den Weißen gegenüber bewähren wollten.
In diesem Augenblick war der Missionar bis auf kurze Entfernung herangekommen, und nun streckte er seine Arme gegen die Buern aus und rief laut: »Haltet ein, haltet ein, vergießt nicht das Blut dieser unschuldigen Leute! Im Namen Gottes haltet ein!«
Der Anblick des ehrwürdigen Mannes, dessen unbedecktes weißes Haupt im Glanz der Morgensonne zu leuchten schien, machte tiefen Eindruck auf alle Versammelten, und der Ton seiner Stimme erschütterte ihre Herzen. Die Buern setzten die Kolben ihrer Büchsen auf den Boden nieder, und die Gefangenen sahen mit hellen, freudigen Augen auf ihren Beschützer. Baas van der Goot aber, der Älteste, sagte mit unzufriedener Stimme zu dem nun herantretenden Missionar: »Warum wollt Ihr uns hindern, diese Taugenichtse aus der Welt zu schaffen? Die Schepsels« -- bei diesen Worten zeigte er auf die schwarzen Diener -- »haben sie bei unseren Wagen herumschleichend gefunden, und sicherlich führen sie nichts Gutes im Schilde.«
»Ich beschwöre Euch, Baas, laßt diese Leute in Frieden,« entgegnete der Missionar. »Sie sind Abgesandte Tschetschwajos, des mächtigen Zulukönigs, und sie haben friedliche Absichten. Sie sind ausgesandt, um sich nach dem Christentum zu erkundigen, und ich erkenne die Liebe Jesu Christi darin, daß er das Herz des wilden Tschetschwajo gelenkt hat.«
Der Baas schüttelte den Kopf, nahm die kurze Thonpfeife aus dem Munde, strich den grauen Bart und sagte mit grimmigem Lächeln: »Tschetschwajo wird sich wenig um das Christentum bekümmern, alter Freund, es ist ihm um Raub und Mord zu thun, und diese Leute sind seine Spione. Auch hat er Missionare in seinem eigenen Lande, bei denen er genug über das Christentum erfahren kann, wenn er sich wirklich um dergleichen kümmerte. Aber es ist das alles ganz gleichgültig. Entweder sind diese beiden Männer Spione, und dann müssen sie tot geschossen werden, oder sie sind es nicht, und dann gebietet die Vorsicht, sie tot zu schießen, ehe sie es werden können. Denn es ist besser, diese Pfefferköpfe sterben, als daß Menschenblut vergossen wird.«
»O, ich bitte Euch, hört auf das Wort eines Mannes, der ein halbes Jahrhundert lang in diesem Lande dem Evangelium diente,« sagte der Missionar. »Sind denn die Schwarzen keine Menschen? Ihr seid nun in böser Stimmung, weil Ihr mit den Schwarzen erst gestern habt kämpfen müssen. Aber auch ich könnte in böser Stimmung sein, denn sie haben mir das Haus niedergebrannt, darin ich zehn Jahre lang ein Lehrer der Liebe war, und sie haben mir meine Gärten und Pflanzungen verwüstet. Doch wäre ich nicht wert, ein Diener Christi zu sein, wenn Groll gegen die Unwissenden und Ungläubigen in mein Herz eindringen könnte. So sollt auch Ihr gedenken, daß Ihr Christi Diener seid, denn Ihr seid Christen unter den Heiden und ein lebendiges Vorbild. Dazu sind diese Männer von einem andern Stamme und haben Euer Blut nicht vergossen.«
»Wie könnt Ihr das sagen?« entgegnete der Baas. »Sie sind vom Volke der Zulus, die beständig unsere Grenzen belästigen und mit denen unsere Brüder im Osten beständig Krieg führen. Eben dieses Zuluvolk war es, das uns vor zwei Jahren auf Anstiften der Engländer angriff und den Engländern zu einem Siege verhalf, den sie allein sicherlich nicht errungen hätten. Diese beiden sind nichts als Spione, die ausgesandt sind, um zu erforschen, wo der beste Angriffspunkt für Tschetschwajos wilde Horden ist. Dazu reden sie englisch, und das ist der deutlichste Beweis, daß sie unsere Feinde sind. Laßt uns denn nicht mehr viel Worte verschwenden, sondern ein Ende machen mit diesen Halunken. Zwei schwarze Teufel weniger macht zwei Feinde weniger, wie die Zeitläufte nun einmal sind.«
Die Buern machten von neuem ihre Gewehre fertig, denn das Ansehen und die Meinung ihres Ältesten überwog den Eindruck der Worte des Missionars. Dieser aber stellte sich den Mündungen entgegen und erhob von neuem seine Stimme.
»Diese Leute reden englisch, weil sie mit englischen Handelsleuten hierher gereist sind, und sie haben diese Sprache erst auf der Reise gelernt. Sie haben Hunderte von Meilen durchwandert, um die Stationen der Mission zu besuchen. Sie werden nach ihrer Rückkehr den gesegneten Samen des göttlichen Wortes im Lande der Finsternis verbreiten. Ihr begeht ein schweres Verbrechen, wenn Ihr der Lehre des Evangeliums hindernd in den Weg tretet und das Blut von Männern vergießt, die der Herr zu Trägern seines Wortes bestimmt hat.«
»Sind sie Christen geworden?« fragte Baas van der Goot.
»Nein,« sagte der Missionar, »sie sind noch keine Christen, aber ich hoffe, daß sie es noch werden, wenn sie näher mit dem Evangelium bekannt geworden sind.«