Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 19
»Mein hochverehrter Herr und Freund,« sagte der Lord, »ich habe mit Bewunderung die Macht Ihrer Überredung bei Titus Afrikaner gesehen, aber ich muß Ihnen doch gestehen, daß ich nicht glauben kann, Sie würden jemals dahin gelangen, Tschetschwajo zu bekehren. Dieser König behauptet seine Herrschaft nur durch blutige Gewalt. Er hat alle die kleinen Könige, welche ehemals in seinem jetzigen Reiche herrschten, im Kriege unterworfen, und er hält sie nur durch Furcht im Zaum. Wollte er aufhören, sie zu bedrücken und jede Unzufriedenheit durch Hinrichtungen zu ersticken, so würden sie sich empören. Denn sie würden einen friedliebenden Herrscher verachten. Ich habe über diese Verhältnisse in England Leute reden hören, die mit der afrikanischen Politik genau vertraut sind. Und ich will Ihnen noch etwas sagen, indem ich für Ihr Wohl besorgt bin: Bleiben Sie nicht zu lange hier, sondern wenden Sie Ihren Einfluß beim Könige zu dem Zwecke auf, daß er Sie entläßt. Sie sind hier nicht sicher. Die Regierung des Kaplandes ist entschlossen, mit den Zulus aufzuräumen. Nachdem wir das Transvaalland für britischen Besitz erklärt haben, fühlen wir uns verpflichtet, für dessen Sicherheit zu sorgen. Es darf den Überfällen der wilden Zulus nicht länger ausgesetzt bleiben. Die Buern sind nicht fähig, sich selbst zu beschützen. Die Regierung Ihrer Majestät ist entschlossen, Tschetschwajo zu vernichten. Schon sind zahlreiche Truppen gelandet, es werden noch mehr nachfolgen, und Ende dieses Jahres oder spätestens zu Anfang des nächsten, werden unsere Truppen von mehreren Seiten aus in dies Land einmarschieren und mit der Zulumacht ein Ende machen. Dann aber sind die Weißen gefährdet, welche hier leben. Der erbitterte König oder auch seine Krieger werden sich für den Angriff an den Weißen rächen wollen, welche in ihren Händen sind. Suchen Sie also bald von hier fortzukommen, mein hochverehrter Freund!«
»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, Mylord,« sagte der Missionar. »Aber ich rate Ihnen doch, bei Ihrer Rückkehr dem Gouverneur Aufschluß über manches zu geben, was er nicht zu wissen scheint. Mich dünkt, die Engländer unterschätzen die Macht Tschetschwajos und auch die Stärke der Buern. Ich bin der Überzeugung, daß starke Truppenmassen nötig sind, um die Zulus zu besiegen. Was aber die Buern betrifft, so kennen die Engländer deren Macht gar nicht. Die Buern sind sehr wohl imstande, sich der Zulus zu erwehren, und ich halte es nicht für recht, daß England das Transvaalland annektiert hat.«
»Wenn ich nach der Tüchtigkeit dieses Buernknaben, des Pieter Maritz, urteilen soll, so sind die Buern allerdings als Krieger sehr hoch zu achten,« sagte der Lord. »Dieser Junge reitet und schießt wie ein junger Gott und hat ein Herz von Gold. Aber die Buern werden wohl nicht alle so sein. England hat eine große Mission in der Welt, und Transvaal sollte sich glücklich schätzen, unter der Königin Schutze zu stehen.«
»Ich wünschte doch sehr, Mylord, Sie wendeten Ihren Einfluß für den Frieden nach jeder Richtung hin auf,« erwiderte der Missionar. »Greifen Sie die Zulus nicht an! Überlassen Sie es dem Christentum, diese wilde Macht zu brechen!«
»Meiner Treu, was ich dazu thun kann, soll geschehen!« sagte der Lord. »Aber wer bin ich? Der Gouverneur wird sich um meinen Rat nicht bekümmern. Ich bin Soldat und habe nur zu gehorchen. Glauben Sie mir: Tschetschwajo ist verloren.«
Dreizehntes Kapitel
Königliche Manöver und Jagden
König Tschetschwajo führte seine Absicht aus, den englischen Offizier wie einen Häuptling zu ehren, und er verfolgte dabei hauptsächlich den Plan, diesem seine Macht anschaulich zu machen. Er hatte schon zum Empfange seiner Gäste mehr Truppen in der Hauptstadt zusammengezogen, als für gewöhnlich dort zu sein pflegten, indem er die Regimenter aus den zunächst liegenden Garnisonen hatte heranmarschieren lassen. Das bemerkten die Weißen an der Überfüllung mit Kriegern, deren unmöglich so viele für gewöhnlich in Ulundi versammelt sein konnten. Überall lagen die schwarzen Speerträger in den Hofräumen umher und durchstreiften haufenweise die Gassen. Nunmehr aber brach der König von Ulundi auf, um seine Residenz weiter nach Norden zu verlegen, und er lud seine Gäste ein, ihn zu begleiten, da er ein Manöver zu ihren Ehren abhalten wollte.
Begleitet von den Kriegern seines Hofstaates, machte sich der König am zweiten Tage nach dem Hoffeste auf, als seine Armee schon unterwegs war. Die Weißen sattelten ihre Pferde und schlossen sich dem königlichen Zuge an, sie allein beritten, während der König selbst gleich dem ganzen Heere zu Fuße ging. Denn Pferde gab es sehr wenige im Zululande, und die Armee bestand nur aus einer einzigen Waffengattung, der Infanterie. Nur die obersten Indunas, welche über mehrere tausend Mann kommandierten, waren beritten.
Die schwere Figur des Königs erlaubte ihm nicht, so weit und schnell zu marschieren, wie seine Truppen zu marschieren pflegten, gleichwohl wurde an diesem Tage gar manche Meile zurückgelegt. Gegen Abend kamen sie auf einer weiten Ebene an, wo ihnen viele Feuer schon von weitem verkündigten, hier sei der Sammelplatz der Armee. Dichte lange Reihen von Kriegern waren aufgestellt, um den König zu empfangen, und eine Anzahl bienenkorbförmiger Hütten war in aller Eile errichtet worden, um ihn und sein Gefolge aufzunehmen. Auf zwanzig Eseln und auf den Köpfen von hundert Trägern wurden Speise und Trank herbeigeschleppt.
Am folgenden Morgen bot sich den Weißen das Schauspiel einer Armee von wohl zwanzigtausend Mann, welche regimenterweise aufmarschiert war, um das Manöver auszuführen. Einige der Regimenter zählten nur vierhundert oder fünfhundert Mann, andere waren bis zu zweitausend Mann stark. In jedem Regiment waren die Krieger gleichen Alters, die jüngsten Regimenter bestanden aus Leuten von fünfzehn und sechzehn Jahren, die jedoch schon schlank und groß, obwohl nicht stark waren. Mit ohrenbetäubendem Gesang empfingen sie den Monarchen, als er mit seinem Hofstaat herankam, um sie zu besichtigen. Er zog unter diesem Gesange an ihren langen Reihen vorbei und stellte sich dann auf einem Hügel auf, von wo er den Bewegungen der Truppen zusehen wollte. Hierbei ließ er den Lord neben sich stehen und bediente sich der Vermittelung des Missionars, um sich mit ihm zu unterhalten. Er erklärte dem jungen Engländer, während die schwarzen Regimenter sich ordneten, daß in seinem Volke jeder kräftige Mann dienen müsse. Schon als Knaben würden die männlichen Einwohner unter Offizieren vereinigt, um es zu lernen, zu marschieren, zu laufen, den schweren Schild zu tragen und den Speer zu führen. Dann würden sie je nach dem Alter zu Regimentern vereinigt. Niemand dürfe heiraten ohne königliche Erlaubnis, und diese Erlaubnis werde auch nicht den einzelnen Leuten, sondern gleich ganzen Regimentern verliehen. Sie sei die Belohnung für ausgezeichnete Kriegsdienste, denn nur solche Regimenter, welche bereits im Felde und in der Schlacht ihre Tüchtigkeit bewährt hätten, erhielten Frauen zugewiesen. Aus diesen erprobten Regimentern würden die Offiziere genommen welche die jungen Regimenter befehligten, und deshalb sei die Bezeichnung »verheirateter Mann« ein Ehrentitel in der Armee. Die Offiziere führten diese Bezeichnung als Titel.
Das Manöver bestand aus regelrechten Bewegungen der Truppen. Sie waren in zwei große Schlachthaufen formiert, deren jeder von einem Bruder des Königs befehligt wurde. Der eine hieß Dabulamanzi, der andere Sirajo. Diese beiden ritten auf Pferden und saßen nackend auf Tigerfellen, die anstatt der Sättel dienten, ohne Steigbügel. Die Regimenter wurden in dichte Kolonnen formiert, dann wieder zu langen Linien auseinander gezogen, machten Schwenkungen und bildeten verschiedenartige Schlachthaufen, welche auf ein bestimmtes Zeichen gegen einen und denselben Angriffspunkt losstürmten. Der Lord war erstaunt über die Genauigkeit, mit welcher alle diese Bewegungen ausgeführt wurden, vor allem aber über die Schnelligkeit, mit welcher die Truppen sich bewegten. Sie machten die meisten Evolutionen im Laufschritt, und dieser Laufschritt war viel stärker, als ihn der Engländer je gesehen hatte. Ermüdung schienen diese Truppen nicht zu kennen.
Des Königs Antlitz leuchtete vor Stolz, als der Lord ihm seine Bewunderung über die Manöver durch den Missionar aussprechen ließ. Er befahl einigen der Krieger näherzukommen und zeigte dem Engländer ihre Bewaffnung. Der große Schild, den alle trugen, war fünf Fuß hoch, aus dem stärksten Ochsenfell gemacht und wog so schwer, daß der Lord einsah, er selber würde nicht imstande sein, ihn zehn Minuten lang zu tragen und dabei zu laufen. Die Speere waren von zähem Holz mit breiten langen Stahlspitzen. Die Assagaien hatten sehr leichte Rohrschäfte und lanzettenförmige Spitzen, oft auch noch Widerhaken hinter der Spitze. Der König erklärte, daß beim Angriff zuerst die Assagaien geschleudert würden, dann aber der starke Speer gebraucht würde, welcher für das Handgemenge bestimmt sei, und daß hierin die Überlegenheit seiner Krieger über alle andern schwarzen Krieger begründet liege. Denn jene schleuderten nur ihre leichten Speere und verließen sich allein auf den Kampf aus der Ferne, weshalb sie auch leichte Schilde führten; aber die Zulus griffen Mann gegen Mann an, und sie könnten keinen Kampf führen ohne zu siegen oder fast alle zu fallen. Um die Schnelligkeit der Truppen zu zeigen, ließ er ein halbes Regiment herankommen und bat den Lord, seinen Rappen zu besteigen und die Schar zu begleiten, während sie einigemal die Ebene auf und nieder liefe. Der Lord stieg auf, und auch Pieter Maritz erhielt die Erlaubnis, mitreiten zu dürfen.
Die Zulus brachen in einem regelmäßig gebildeten Haufen von fünfzig Gliedern zu je zehn Mann auf, und ein »verheirateter Mann« war an ihrer Spitze. Ihre roten Schilde hingen ihnen am linken Arm, und in der linken Hand trugen sie drei Assagaien, den Speer trugen sie auf der rechten Schulter, und die roten Federn auf den Haarkronen nickten im Winde. Sie gingen im Laufschritt ab, und der Lord und Pieter Maritz folgten ihnen zu Pferde. Die Reiter mußten im kurzen Trabe reiten, um mit dem Fußvolk Schritt halten zu können. Glühend brannte die Sonne, und die Waffen der Krieger, ihre Perlenketten, elfenbeinernen und metallenen Ringe blitzten, die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und an den Beinen glänzten hell. Zu Anfang ritten die Jünglinge hinter der Kolonne, da ihnen aber der starke Geruch des reichlichen Fettes, womit die Zulus eingerieben waren, gerade ins Gesicht wehte, bogen sie in schnellerer Gangart ab und ritten neben der Truppe. Der Lauf der Krieger blieb immer derselbe. Sie liefen so weit nach Westen, bis der Hügel, auf dem der König stand, kaum noch zu erkennen war, dann wendeten sie nach Süden, beschrieben einen großen Bogen und liefen nach Osten zurück. Die Pferde schnoben stärker, sie fingen an warm zu werden, aber die Zulus blieben in demselben Laufschritt, und kein Stöhnen oder Keuchen war zu hören. Gleichmäßig tönte das Stampfen von tausend nackten Füßen, das Klirren der Ringe und Ketten, und mit immer derselben Schnellkraft bewegten sich die schlanken Beine. Wohl mochten sie auch warm geworden sein, aber es war kein Schweiß auf den glänzenden, schwarzen Leibern und in den Gesichtern zu erkennen, aus deren tiefer Nacht die herrlichen weißen Zähne hervorleuchteten.
»Ob die Kerle wirklich nicht schwitzen?« fragte der Lord den Knaben. »Vielleicht sehen wir nur den Schweiß nicht, weil das Fett die Poren verklebt. Alles glänzt, man weiß nicht, ob es Öl oder Schweiß ist.«
»Ich glaube nicht, daß sie schwitzen,« antwortete Pieter Maritz. »Sehen Sie, Mylord, ihr Atem geht ganz ruhig, und sie rollen die Augen vor lauter Vergnügen über ihre befriedigte Eitelkeit. Sie sind stolz, daß sie sich vor ihrem Könige zeigen dürfen.«
Der Lord sah auf seine Uhr. Der Lauf hatte bereits eine halbe Stunde gedauert und schien eher schneller als langsamer zu werden. Es ging in östlicher Richtung weiter, bis wiederum der König mit seinem Hofstaat kaum noch zu erkennen war, dann bog der »verheiratete Mann« an der Spitze nach Norden, machte einen großen Bogen und führte die Schar dem Könige, nach Westen laufend, wieder vor. Eine volle Stunde war vergangen, als die Kriegerschar wieder vor dem Hügel ankam, und in derselben Ordnung, wie sie abgegangen war, ohne daß ein einziger Mann gestürzt oder zurückgeblieben wäre, lief sie heran. Auf ein Wort hielt sie an und brach in ein furchtbares Gebrüll aus, welches bezeugte, daß sie alle gut bei Atem waren.
Der König lächelte, als der Lord ihm sein Erstaunen aussprach. »Meine Truppen marschieren einen Tag und eine Nacht hindurch, ohne sich auszuruhen,« sagte er stolz. Darauf ließ er einzelne Leute vortreten und mit den Assagaien nach der Scheibe werfen. Ein Ziel von der Größe einer Hand ward aufgestellt, und die Krieger warfen auf eine Entfernung von hundert Schritten. Es mochten wohl die besten Schützen ausgewählt worden sein, denn sie trafen mit nie irrender Sicherheit. Dann erwies der König der Truppe, welche sich vor ihm hatte besonders zeigen dürfen, eine Gnade. Er sandte Humbati den Hügel hinab und ließ ihr sagen, sie sollte heiraten. Es war eine noch junge Truppe, und diese Erlaubnis war eine hohe Gunst, da sie nicht nach der Schlacht, wie sonst üblich gegeben wurde. Die Krieger gerieten in einen wahren Taumel des Entzückens. Sie stimmten den Kriegsgesang an und sprangen mit so gellenden Rufen vom Platze aus in die Höhe und dann wieder auf dieselbe Stelle nieder, daß sie einen schreckenerregenden Anblick boten. Des Lords Rappe und Jager, welche von einigen Zulus am Zaume gehalten wurden, bäumten sich voll Entsetzen auf.
Doch hatte das Manöver einen unerwarteten Schluß, der die Herzen der Weißen mit Grauen erfüllte. Nachdem gegessen worden war, bei welcher Mahlzeit der König und sein Gefolge gebratenes Ochsenfleisch und ein sehr dünnes Bier, die Truppen eine Art von Zwieback aus Kafferkorn und kleine Stücke Kürbis erhielten, brach der König mit einem Teile des Heeres noch weiter nach Norden hin auf. Der andere Teil des Heeres ward entlassen und trennte sich, indem die einzelnen Regimenter für sich abzogen und ihre Dörfer wieder aufsuchten. Der Marsch ging mehrere Stunden weit, und die Weißen fragten sich untereinander, wohin es wohl gehen möge. Gegen Abend sahen sie ein Dorf vor sich liegen, und nun verteilte der König die Truppen so, daß sie das Dorf ringsum einschlossen. Man konnte von weitem erkennen, daß die Bewohner herausliefen und ängstlich hin und her rannten, aber sich nicht von den Hütten entfernten. Mit einem Male stürzten die Krieger Tschetschwajos sich von allen Seiten gegen das Dorf und schrieen dazu in furchtbarer Weise. Wie ein Sturmwind packten sie den dunklen Haufen von Hütten an, und bald verkündeten Angstrufe ein entsetzliches Ereignis. Flammen schlugen aus dem Dorfe auf, und bei ihrem Scheine sah man, daß die Einwohner getötet wurden. Männern und Weibern wurde der Speer durch die Brust gestoßen oder der Schädel mit dem Knopf des Kirri eingeschlagen, und die Kinder wurden in die Flammen geschleudert. Die Weißen schrieen vor Mitleid und Abscheu laut auf, und der Missionar lief vor den König und bat ihn um Schonung. Tschetschwajo war aber nur verwundert über diese Bitte, rührte keine Hand, um dem Gemetzel Einhalt zu thun, und erklärte, das Dorf habe seine Unzufriedenheit erregt, weil dort ein Häuptling herrsche, der seinen Befehlen nicht mit der gehörigen Eile nachkäme. Er vermute, daß meuterische Pläne in dem Dorfe geschmiedet würden.
»O, das ist schrecklich, König, das ist schrecklich!« rief der Missionar empört. »Deine eigenen Unterthanen läßt du eines Verdachts wegen ermorden? Selbst die Weiber und Kinder werden nicht verschont?«
König Tschetschwajo war von einem zahlreichen Gefolge umgeben, welches wie gewöhnlich jede seiner Handlungen mit lautem Beifallsgeschrei begleitete, und dies Hofgesinde hatte soeben beim Anblick des brennenden Dorfes laut gerufen, hier sei die Gerechtigkeit des großen Königs bewundernswert. Als die Schmeichler die Worte des Missionars hörten und seine aufrechte Gestalt vor dem Tyrannen, sein von Entrüstung belebtes Antlitz sahen, befiel sie ein gewaltiger Schrecken. Es wurde stumm in ihrem Kreise, und betroffen wichen sie von dem Manne zurück, den sie sonst als einen Günstling des Herrschers mit der größten Aufmerksamkeit und Demut zu behandeln gewohnt waren. Tschetschwajo selbst richtete einen finstern Blick auf den alten Mann, und eine Sekunde lang bewegte sich seine rechte Faust nach dem Elfenbeingriff des Streitkolbens hin, als wolle er dem kühnen Redner den Kopf einschlagen. Aber er besann sich.
»Mein Vater ist sehr weise,« sagte er, »aber dies sind die Angelegenheiten des Königs, und davon versteht mein Vater nichts.«
Nach diesen Worten drehte er sich um und ging schnellen Schrittes davon, indem er sich von dem Schauplatz des Strafgerichts entfernte. Sein Hof folgte ihm. Im Weitergehen erteilte er einige Befehle, und mehrere Offiziere liefen eiligst davon und begaben sich zu den Truppen. Der Ton des Kommandos erscholl durch die Reihen hin, und die Weißen sahen, daß die Truppen zusammengezogen wurden und dann das Feld verließen. Nur zweihundertundfünfzig Mann vom Regiment der blauen Schilde folgten dem Könige. Auch die Weißen, welche noch in Betrachtung des furchtbaren, mörderischen Anblicks vertieft stehen geblieben waren, erhielten Weisung, dem Könige zu folgen.
Tschetschwajo ging wohl eine Stunde weit, bis von dem Rauch und Brand des Dorfes nichts mehr zu sehen war. Dann ließ er bei einem Gehölz Halt machen und befahl, das Nachtlager aufzuschlagen. Er war augenscheinlich übler Laune, und die Weißen merkten, daß er sich teilweise schämte, ihnen ein Schauspiel geboten zu haben, von welchem er zu spät merkte, daß es ihnen peinlich sei, daß er aber teilweise auch erzürnt war über den Tadel des Missionars. Das Gefolge schlich stumm um den König herum, indem ein jeder in Angst war, das Gewitter könne sich in einem Blitzschlage auf sein Haupt entladen. Tschetschwajo legte sich, in seinen Löwenmantel gehüllt, in das Gras unter einem Baume, das Gefolge, etwa hundert Männer, ahmte ihm nach, indem es in weitem Kreise um ihn her sich niederlegte, die Diener mit dem Küchengerät lagerten sich etwas weiter entfernt, nachdem sie vorher einige Lagerfeuer angezündet hatten, und die Blauschilde stellten ihre Speere zusammen, legten die Schilde nieder und kauerten sich unter den Bäumen nackend ohne Mäntel oder Decken nieder. Pieter Maritz suchte einen Platz zwischen mehreren hohen Büschen aus und ließ dort von den Dienern die Mäntel zum Lager bereiten und in der Nähe die Pferde anbinden, denn die Weißen hatten sich von ihren Dienern begleiten lassen.
Leise unterhielten sich die Weißen. Sie waren in schmerzlicher Aufregung.
»Da sehen Sie, mein Herr, wie sehr die englische Regierung recht hat, mit diesen wilden Fürsten aufzuräumen,« sagte der Lord. »Ich muß gestehen, daß mir selbst angesichts der königlichen Gastfreundschaft Zweifel gekommen sind, ob ich nicht treulos handelte, indem ich eine Botschaft an den Gouverneur übernähme, von deren Erfolglosigkeit ich doch überzeugt bin. Als Sie mir den Auftrag des Königs überbrachten, da fühlte ich etwas wie Gewissensbisse. Ganz Europa wirft uns vor, daß wir treulos und grausam ein Volk von Wilden und Halbcivilisierten nach dem andern zu Grunde richteten. Aber nun ich dies gesehen habe, mache ich mir keine Sorge mehr um Tschetschwajos Schicksal. Ist er doch wie ein wildes Tier! An mir bebt noch alles. Ich sehe die Gestalten der verzweifelnden Frauen vor mir und sehe die Kinder verbrennen -- nie wird sich dieser Anblick aus meinen Augen verwischen lassen.«
Erst spät schliefen die Weißen ein. Doch nach wenigen Stunden schon wurden sie durch einen Lärm geweckt. Das furchtbare Brüllen des Löwen erscholl, und ein gellender Schrei folgte unmittelbar darauf. Nun ward das ganze Lager lebendig.
Als Pieter Maritz aufsprang und sich die Augen gerieben hatte, denn er war noch schlaftrunken und konnte nicht gleich sehen, bemerkte er, daß die Feuer erloschen waren, während der erste Tagesschimmer, ein rotes Flammen am östlichen Horizont, über den Himmel hinzuckte. Offenbar hatten die Diener, von Müdigkeit überwältigt, die Feuer vernachlässigt, diese waren erloschen, und infolgedessen war ein Löwe so dreist geworden, in das Lager einzubrechen. Nur das eine Brüllen und der eine Schrei war zu vernehmen gewesen, jetzt war davon nichts mehr zu hören, und dafür erscholl das Lager vom Klang der Schilde und Speere und von vielen Rufen. Aber unter dem donnernden Ruf der Stimme Tschetschwajos erstarb auch dieser Lärm. Der König war wütend. Schon übelgelaunt am Abend vorher, war er durch den Überfall des Löwen, der ihn aus dem Schlafe geweckt hatte, ganz um seine sonstige Fassung gekommen. Pieter Maritz näherte sich ihm vorsichtig, indem er zwischen Büschen ungesehen hinschlich, und sah den König seinem Gefolge drohen. Gleich darauf sah er die schwarzen Krieger sich versammeln. Er erfuhr, daß ein Löwe eingebrochen sei und einen der Diener erwürgt habe. Durch die zahlreiche Mannschaft sei er sofort verscheucht worden, doch habe er den Getöteten mit sich geschleppt.
Tschetschwajo, außer sich vor Wut, befahl seinen Kriegern, ihm den Löwen lebendig zu bringen. Mit eigener Hand wolle er das Tier töten, das so kühn gewesen sei, in das königliche Lager zu dringen. Und gehorsam legte die Abteilung vom Regiment der blauen Schilde die Speere, Kirris und Schilde ab, um mit bloßen Händen auf die Jagd zu gehen. Sie durften ja das Tier nicht töten, und auch der Schilde entledigten sie sich, um schneller laufen zu können und beide Hände frei zu haben. Dafür rissen sie Weidenzweige ab und nahmen Stricke vom Küchengerät der Diener.
Als Pieter Maritz diese Vorbereitungen sah, lief er eilends zurück, teilte dem Missionar und dem Lord die Sache mit und sattelte Jager. Seine Freunde wollten nicht glauben, daß es wirklich so sei, aber Pieter Maritz irrte sich nicht. Er warf die Büchse über die Schulter, um für den Fall der Not bewehrt zu sein, und ritt aus, um die waffenlosen Jäger zu begleiten. Der Lord verzichtete darauf, mitzureiten, weil er nur seinen Degen hatte und weder sich noch sein Pferd einer möglicherweise sehr großen Gefahr aussetzen wollte.
Als Pieter Maritz aus dem Gehölz hervorkam, wobei er eine Stelle wählte, welche der König nicht überblicken konnte, fand er die Krieger bereits auf dem Marsche. Sie waren in eine lange Kette auseinander gezogen und suchten die Spuren des Löwen im Grase. Kein Murren, keine Weigerung und auch keine Furcht zeigte sich bei ihnen, und da sie ganz unbeschwert von Waffen waren, liefen sie wie Windhunde. Pieter Maritz mußte den stärksten Trab reiten, um ihnen folgen zu können.