Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 18
»Er sieht aus wie ein König, das heißt, wie ein Gebieter über das Volk. Er ist fast so groß wie du, aber nicht so dick. Er trägt einen weißen Bart und weißes Haar und ist noch einmal so alt wie du, denn er zählt achtzig Jahre.«
»Und du hättest ihn nie gesprochen? Wer gab dir die Erlaubnis, das Land zu verlassen?«
»Tschetschwajo ist ein großer König,« sagte der Missionar, »und er hat viele Unterthanen, viele Krieger. Aber der König Wilhelm hat so viele Unterthanen, daß er nicht mit jedem sprechen kann und nicht jedem, der das Land verläßt, Erlaubnis geben kann. Seine Häuptlinge sorgen für solche Dinge.«
»Hat der König Wilhelm viele Ochsen?«
Der Missionar lächelte. »Er hat viele Ochsen,« entgegnete er. »Genau kann ich dir nicht sagen, wie viele es sind, aber ich kann dir mitteilen, daß in seiner Hauptstadt allein jeden Tag wohl mehr als tausend geschlachtet werden.«
Der König erschrak, und ein Ausdruck der Verwirrung zeigte sich auf seinem Gesicht. Dieses Beispiel der Größe der königlichen Macht traf ihn tief. Hastig sagte er: »Tschetschwajo liebt den Frieden, er wünscht nicht, mit dem König Wilhelm Krieg zu führen. Sage ihm, wenn du heimkehrst, Tschetschwajo sei sein Freund.«
Der Missionar erhob sich und ging an seine Bücherkiste. Es war ihm eingefallen, daß er ein Buch besaß, welches eine Abbildung des Deutschen Kaisers und viele andere Bilder enthielt, die den Zulukönig interessieren mußten. Es war die Beschreibung des deutsch-französischen Krieges von Hiltl, welche aus Leipzig ihren Weg nach Afrika gefunden und ihm in der Ferne die Kunde von den großen Ereignissen in der Heimat gebracht hatte. Dies Buch übergab er dem Könige und zeigte ihm die Bilder. Tschetschwajo geriet in das höchste Entzücken. Zwar war dies Entzücken zu Anfang mit Grauen gemischt. Beim ersten Anblick der Bilder und der schwarzen unzähligen Buchstaben verfärbten sich seine Lippen, und er packte den Arm des Missionars mit einem schreckensvollen Griff, der sich tief in das Fleisch eindrückte. Der Gebieter über Leben und Tod vieler Tausende fürchtete sich vor dem Buche.
»Hast du dem Dinge Medizin gegeben?« fragte er mit abergläubischem Schauder.
»O nein,« sagte der Missionar, ihn beruhigend. »Es ist ganz ohne Medizin. Alles ist mit Händen gemacht, das glatte Papier, die kleinen schwarzen Zeichen und die Bilder.«
Nun verlor sich die Furcht des Königs, er blieb wohl eine Stunde lang bei dem Missionar, ließ sich vieles erzählen und ging sehr befriedigt von dannen, indem er sich das Buch nachtragen ließ. Bald darauf kam eine Einladung zu einem Hoffeste, welches an demselben Abend stattfinden sollte.
Das Fest begann bei Sonnenuntergang und ward beim Scheine von tausend Fackeln gefeiert. Vor den ausgedehnten, doch niedrigen Palasträumen des Königs, vier Gebäuden aus Fachwerk, an welche sich eine große Veranda anschloß, war ein ebener großer Platz, ganz mit kurzem, weichem Grase bewachsen. Diesen Platz säumten einige tausend Krieger ein, welche die Fackeln in Händen hielten. Auf der einen Seite waren Herdfeuer, wo Ochsen gebraten und gekocht und Kuchen gebacken wurden. In der Mitte aber befand sich der König mit den königlichen Prinzen und Prinzessinnen und mit seinem ganzen Hofstaate, wohl hundert bewaffneten Männern, und hier nahmen auch die Weißen auf Rasensitzen Platz, die mit Tigerfellen überkleidet waren. Der Hauptteil des Festes bestand in einem Tanze. Der Harem des Königs war zur Stelle, mehrere hundert Frauen. Von diesen waren sechzig der schönsten ausgesucht und in lange, weiße, faltige Gewänder gekleidet. Diese schritten vorwärts und rückwärts, seitwärts und in verschlungenen Figuren durcheinander. Sie umhüllten sich bald mit den Gewändern und bewegten dieselben in verschiedenen Faltungen, bald ließen sie ihre schwarzen, von Fett glänzenden Glieder sehen, daß sie sich wie polierter schwarzer Marmor im Scheine der Fackeln von der Gewandung abhoben. Sie tanzten nach dem Takte eines Gesanges, den sie selbst und die übrigen, am Boden sitzenden Frauen erschallen ließen. Auch in diesem Gesange gleichwie in dem Kriegsgesang am vergangenen Tage war nicht nur Takt, sondern auch eine Art von Harmonie, nur ward er ebenfalls durch schrille Töne in einer für das Gehör der Weißen unangenehmen Art unterbrochen.
Tschetschwajo selbst leitete das Fest, indem er durch ein Nicken oder durch eine Handbewegung der ganzen Versammlung ihre Bewegungen vorschrieb. Jede seiner Anordnungen ward von Rufen der Bewunderung und der Schmeichelei begleitet, und wenn er sich setzte oder aufstand, aß oder trank, hallten Himmel und Erde von den donnernden Rufen Tausender wieder. Dazu umschwärmte ihn beständig ein Haufen von Männern, welche eine Art von Hofnarren zu sein schienen oder doch in der Mitte zwischen ernsthaften Hofleuten und Narren standen. Sie waren sehr phantastisch gekleidet, mit bunten Mänteln, hohen bunten Federbüschen und klirrendem Putz. In den Händen trugen sie Stäbe von Elfenbein mit geschnitztem Knauf. Sie gingen vor und hinter dem König, sprangen auf und nieder und umtanzten ihn. Zuweilen warfen sie sich wie in Anbetung vor ihm nieder und riefen mit großer Schnelligkeit der Zunge eine Flut von Schmeicheleien, dann schwangen sie ihre Stäbe und verkündigten laut die Siegesthaten des Despoten.
Als der Tanz der Frauen zu Ende war, setzte Tschetschwajo sich auf seinen riesigen, mit Löwenfell überzogenen Schild, den er heute trug, winkte den Missionar zu sich heran und fragte ihn, ob das nicht ein schöner Anblick gewesen sei und ob am Hofe des Königs Wilhelm ebenso schöne Schauspiele wären.
Der Missionar war einen Augenblick in Verlegenheit, was er antworten sollte. Es war nicht seine Absicht, den Stolz des von allen Seiten umschmeichelten Despoten zu kitzeln und seiner Eitelkeit Genüge zu thun. Gleichwohl sah er, daß des Königs kriegerische Brust sich hob beim Anblick so vieler Waffenträger und Weiber, die ihm gehorchten, und er wünschte nicht einen so gefährlichen Mann zu erzürnen. Endlich hielt er es nicht für klug, einzugestehen, daß auch in Europa zu Ehren der Großen Bälle, Maskeraden und Balletts gegeben würden.
»Wenn ich die stolzen Schauspiele der mächtigen Könige auf Erden sehe,« antwortete er, »so wendet sich mein Blick von ihnen hinauf zu den hellen Sternen, die am Himmel glänzen. Denn so viel heller und klarer die Sterne sind als rot brennende Fackeln, so viel größer ist die Macht des Unsichtbaren über den Sternen als die Macht der sichtbaren Könige.«
»Mein Vater liebt es, von dem Unsichtbaren zu reden,« sagte der König mit etwas unzufriedenem Tone. »Aber er kann von dem Unsichtbaren nichts wissen.«
»O doch, ich weiß von ihm. Ich kenne seinen Willen, auch ohne ihn gesehen zu haben.«
»Und was ist sein Wille?«
»Er will, daß alle Menschen einander lieben, weil sie alle Brüder sind. Er will nicht, daß die Könige sich mit Feuer und Schwert überfallen, die Länder verheeren und vieles Blut vergießen. Er lehrt: Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Dies nennt man die christliche Lehre, und es sind Lehrer in deinem Lande, welche dies verkündigen.«
»Es ist so,« sagte der König, »mein Vater redet die Wahrheit. Aber mein Vater ist begleitet von einem jungen Häuptling der Engländer. Er kennt die Engländer. Sind die Engländer nicht auch Christen?«
»Allerdings.«
»Aber die Engländer führen Krieg. Sie haben die Buern bekriegt und haben die schwarzen Männer in den Nachbarstaaten unterworfen. Wenn sie ihren Nächsten liebten wie sich selbst, so dürften sie ihn nicht mit dem Feuergewehr tot schießen.«
Der Missionar antwortete auf diesen Einwurf nicht sogleich, sondern überlegte eine passende Erklärung.
»Du erzähltest mir von deinem König in Deutschland und gabst mir ein Buch, worin sein Bild und das Bild seiner Krieger ist. Aber ich sehe, daß sie Helme und Waffen tragen und abgebildet sind, wie sie in den Rauch der Feuergewehre und brennender Dörfer gehüllt sind. Wenn sie Christen sind, wie kommt es, daß sie Krieg führen?«
Der Missionar sah betroffen vor sich nieder.
»Mein König zog in den Krieg, weil er sich gegen seine Feinde verteidigen mußte,« entgegnete er. »Er hat nicht angegriffen, sondern er liebt den Frieden.«
Tschetschwajo lächelte triumphierend. »Und so macht es auch Tschetschwajo,« entgegnete er. »Auch Tschetschwajo liebt den Frieden, aber er hat seine Feinde. Er muß in den Kampf ziehen, um sein Land zu verteidigen.«
Er faßte nach diesen Worten vertraulich den Arm des Missionars und zog ihn zur Seite. Beide wandelten von dem Festplatze seitwärts, und niemand wagte, ihnen zu folgen.
»Mein Vater ist sehr klug,« sagte der König, »und er ist auch sehr gut. Du sagst die Wahrheit und schmeichelst nicht, darum vertraue ich dir. Wenn dir der Friede am Herzen liegt und du nicht willst, daß wieder Blut vergossen wird, so wirst du Tschetschwajos Wünsche gern erfüllen. Ich liebe den Frieden. Nie lebte ein König, der friedliebender gewesen wäre als Tschetschwajo, Pandas Sohn. Sage mir, sind die Engländer alle herübergekommen in das Kapland und Natal, oder sind ihrer noch in ihrem eigenen Lande zurückgeblieben?«
Der Missionar verstand die Frage nicht sogleich, und seine Miene verriet dies.
»Meine Boten sagen mir, daß viele Krieger in roten Röcken über das Meer gekommen sind,« fuhr der König fort. »Ich möchte wissen, ob alle Krieger der mächtigen Königin von England gekommen sind oder ob noch ein Heer zu Hause geblieben ist.«
Jetzt verstand der Missionar. Tschetschwajo wollte erforschen, ob die englischen Truppen noch Verstärkungen erhalten könnten, und hielt es in seiner Unwissenheit für möglich, daß bereits alle Engländer in Afrika wären. Hiernach wollte er offenbar seine Politik einrichten.
»O König,« sagte der Missionar, »die Macht der Engländer ist sehr groß. Sie beherrschen nicht allein ihre eigene Insel, auf der ihre Heimat ist, sondern sie haben überall auf der Erde viele Königreiche erobert, und für jeden Unterthan, den du hast, haben sie tausend. Ihre Heere sind sehr groß und sie haben noch nicht den zwanzigsten Teil ihrer Krieger nach Afrika herübergeschifft. Das Kapland und Natal sind nur ein Fußbreit ihrer Besitzungen.«
»Ha!« rief der König. Sein Gesicht war sehr finster, und Blitze schossen aus seinen Augen. Er ging schweigsam neben dem Missionar.
»Redest du die Wahrheit?« fragte er plötzlich mit drohender Miene.
»Ich rede die volle Wahrheit,« sagte der alte Mann.
»Du hast noch nicht alle Krieger Tschetschwajos gesehen,« fuhr der König fort. »Sie sind im Lande zerstreut, und du sahest noch nicht den vierten Teil. Die Engländer sind viel schwächer an Zahl. Es sind ihrer nicht mehr als drei meiner Regimenter. Darum halten sie auch Freundschaft mit den Häuptlingen an den Grenzen meines Landes, denn allein können sie den Kampf mit mir nicht aufnehmen. Habe ich nicht recht?«
»Was die Zahl betrifft, hast du recht,« sagte der Missionar. »Aber bedenke, daß die Engländer Feuergewehre haben, deine Krieger aber nur Schild und Speer. Dazu bedenke, daß die Engländer niemals eine Niederlage erleiden, ohne neue Krieger nachkommen zu lassen. Sie dürfen ihren vielen unterworfenen Königreichen nicht zeigen, daß sie geschlagen werden können, deshalb lassen sie immer neue Krieger kommen, bis sie siegen. Wenn du es deshalb möglich machen kannst, o König, mit den Engländern in Frieden zu bleiben, so rate ich dir, es zu thun.«
Dies war eine kühne Rede gegenüber einem Mann, der sich einbildete, der mächtigste Monarch und immer siegreich zu sein, gegenüber einem Herrscher, der die Sorgfalt seines ganzen Lebens auf die Ausbildung eines musterhaften Heeres verwandt hatte. Aber Tschetschwajo erzürnte sich nicht, im Gegenteil schwebte ein Lächeln um seinen Mund, als der Missionar davon sprach, daß die Zulus nur mit Schild und Speer bewaffnet wären.
»Du sprichst die Wahrheit,« begann er von neuem. »Tschetschwajo denkt ebenso wie du. Er wünscht mit den Engländern Frieden zu halten. Mein Vater möge dem Könige dazu helfen. Er möge dem jungen englischen Induna kluge Worte ins Ohr träufeln, damit dieser seinen Landsleuten des Königs gute Absicht mitteilt. Ich werde ihn wie einen Induna ehren und ihn nach seiner Heimat entlassen. Mein Vater möge ihm dies sagen und möge ihm noch folgende Worte Tschetschwajos mitteilen: Wenn die Engländer Land und Vieh erobern wollen, so sollen sie Krieg gegen die Buern führen. Die Buern haben mehr Vieh als Tschetschwajo. Ich will ihnen dabei zu Hilfe kommen. Wenn die englischen Truppen von Mittag her in das Land der Buern einrücken, wird Tschetschwajo mit dreißig Regimentern, jedes tausend Mann stark, vom Aufgang der Sonne her angreifen. Dann wollen beide das Land der Buern teilen. Die Engländer mögen alles nehmen, was jenseits der Drakensberge liegt, Tschetschwajo verlangt nur sehr wenig: er will das Land diesseits der Drakensberge nehmen.«
»Ich werde den Wunsch des Königs erfüllen,« sagte der Missionar. »Aber wird mir der König gestatten, meine Ansicht über dieses Unternehmen auszusprechen?«
»Tschetschwajo hört.«
»Du meinst, daß die Engländer Land und Vieh erobern wollen, aber ich denke, ihre Absicht ist eine andere. Die Engländer haben bereits das ganze Land der Buern für das ihrige erklärt. Du kannst ihnen nicht anbieten, was sie schon besitzen. Die Engländer haben eine andere Art, ihre Herrschaft auszudehnen, als du glaubst. Sie wollen den Buern nicht ihr Land und Vieh wegnehmen, sondern sie wollen nur, daß die Buern die Oberherrschaft der Königin anerkennen. Sie wollen, daß das Land, in welchem die Königin als Oberherrin gilt, glücklich und zufrieden ist. Sie wollen nicht, daß die schwarzen Menschen von den Buern unterdrückt werden, aber sie wollen auch nicht, daß der König Tschetschwajo Einfälle in das Buernland macht, um Dörfer zu verbrennen und Vieh fortzutreiben. Sie wollen den Oranjefreistaat und das Transvaalland beherrschen, aber auch zu einem reichen Gebiet machen und zu einem Gebiete, wo das Christentum gepredigt wird. Deshalb glaube ich nicht, daß der Gouverneur der Königin deinen Vorschlag annehmen wird.«
Tschetschwajo hatte aufmerksam zugehört. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Du irrst. Mein Vater ist sehr weise, aber er kennt die Engländer nicht genau. Haben sie nicht schon einmal, als Tschetschwajo noch jünger war, mit seiner Hilfe gegen die Buern Krieg geführt? Die Engländer wollen alles Land in Afrika für sich nehmen, und sie wollen die schwarzen Männer zu ihren Knechten machen. Sie wollen ihnen ihre Waffen nehmen und sie weibisch machen. Die Engländer sind Handelsleute. Sie halten ihre Krieger, um ihre Handelsleute zu unterstützen. Denn solange Frieden zwischen ihnen und Tschetschwajo ist, kommen die weißen Männer mit Wagen und Ochsen über die Grenze und verkaufen den Zulus ein Gift, welches sie Rum nennen. Wenn die Krieger Tschetschwajos den Rum im Leibe haben, geht ihre Seele hinaus. Auch die Buern wissen wohl, daß die Engländer etwas anderes im Sinne haben, als das Christentum zu lehren und das Land glücklich zu machen. Denn sie sind erzürnt gegen die Engländer, weil diese ihr Land für das ihrige erklärt haben. Tschetschwajo kann nicht in Frieden leben mit den weißen Männern. Entweder muß er sie töten, oder sie töten ihn. Haben nicht die weißen Männer alles Land, welches sie besitzen, den Schwarzen weggenommen? Denn ehe die weißen Männer kamen, so erzählen unsere weisen Leute, gehörte alles den schwarzen Männern, alles Land bis an das Meer hin.«
Der König war stehen geblieben und blickte nachdenklich vor sich nieder.
»Nicht alle weißen Männer sind schlecht,« sagte er dann. »Du bist gut, du liebst mich. Rede mit dem englischen Induna, wie ich dir gesagt habe, und ich werde dir viele Ochsen und Weiber geben, wenn mein Wunsch in Erfüllung geht. Du liebst mich, und ich werde dich sehr reich und groß machen. Hat der König mit den Engländern vereinigt erst die Buern besiegt, so wird er mit den Buern vereinigt die Engländer besiegen, und dann soll das Vieh, welches meinem Vater gehören wird, nicht mehr zu zählen sein.«
Nach diesen Worten gab er dem Missionar durch eine höfliche Verbeugung zu verstehen, daß er das Gespräch für beendigt halte, und kehrte in den Kreis des Hofstaats zurück, wo das Festmahl auf Matten bereit gestellt wurde.
Der Missionar blickte ihm sinnend nach, wie seine mächtige Gestalt, ehrfurchtsvoll begrüßt, in die Menge der Krieger und Weiber eintrat. Ein phantastisches, zauberhaftes Bild bot sich dem Auge des alten Mannes und fesselte ihn, obwohl er an wunderbare Anblicke in Afrika gewöhnt war. Der Mond war aufgegangen und die Sterne funkelten. Der Himmel strahlte mit einer Klarheit auf die Erde nieder, welche in Europa unbekannt ist. In diesem silbernen Schein, der auf den großen Platz mit Tausenden von Menschen fiel, und das Feuer der Fackeln überstrahlte, sahen die Gestalten der bewaffneten Schwarzen und die vielen Frauen und Mädchen wunderbar aus. Die schwarzen, glänzenden Glieder mit dem blinkenden Schmuck der Waffen und der goldenen und elfenbeinernen Ringe und im Gegensatz zu den roten, weißen und blauen Schilden, den Straußenfedern und den Perlenketten, boten ein Gemälde, das so reich an Farben war und die natürliche Kraft und Geschmeidigkeit der menschlichen Gestalt so lebhaft darstellte, wie der Missionar Ähnliches nie gesehen hatte.
Er ging der mittelsten Gruppe näher, wo seine jungen Freunde, der Lord und Pieter Maritz, in Gesellschaft Molihabantschis und einiger anderer Hofmänner auf einer Rasenbank saßen. Gern hätte er dem jungen Offizier die Nachricht, daß der König ihn entlassen wolle, sogleich mitgeteilt, aber er hatte schon genug von dem überlegten und ceremoniösen Wesen des Hofes kennen gelernt, um zu wissen, daß er klüger thäte, seine wichtige Aufgabe nicht hier vor aller Ohren anzugreifen. Er wußte nicht, wie weit die englische Sprache verstanden würde, und der Anblick so vieler, nicht allein schön geformter, sondern auch intelligenter Gesichter unter dem Hofstaat machte ihn vorsichtig. Er verschob seine Mitteilung auf die Zeit, wo er mit dem Lord allein sein würde, und mischte sich unter die Männer, welche ihn die vornehmsten zu sein deuchten. Er hätte gern noch mehr Aufschlüsse über den Charakter des Königs erhalten, um deutlicher in den Verhältnissen zu sehen. Hatte doch Tschetschwajo noch vor kurzer Zeit Gesandte in das Buernland geschickt, um ein Bündnis mit den Buern gegen England anzubahnen. Nun wollte er mit den Engländern gegen die Buern ziehen?
So fing er denn ein Gespräch mit Humbati und einigen Männern an, welche mit diesem zusammen waren. Er gewahrte aber bald, daß er nicht weit kam. Sie antworteten ihm bereitwillig auf seine Fragen, aber in einer so vorsichtigen Weise, so diplomatisch, daß er bald sah, er habe mit Leuten von scharfem Verstande zu thun. Sie redeten in einem flüsternden Tone, als scheuten sie sich, in der Nähe des Monarchen die Luft zu erschüttern, und alle ihre Worte waren Ehrfurchtsbezeugungen für Tschetschwajo.
»Er ist der König der Könige,« sagten sie, indem sie sich verneigten. »Wer sollte nicht den Sohn Pandas fürchten, der mächtig ist in der Schlacht? Wo sind die Mächtigen vor dem Angesicht unseres großen Königs? Wo ist die Stärke des Waldes vor dem starken Elefanten? Sein Rüssel zerbricht die Äste der Bäume. Der Klang der Schilde kündigt den Sieg von Pandas Sohn.«
Der Missionar machte hier dieselbe Erfahrung, welche er bei den ihm zugeteilten Hofbeamten gemacht hatte: der Despotismus Tschetschwajos, obwohl gewiß von vielen seiner Großen hart empfunden, lag so schwer auf dem ganzen Volke, daß niemand auch nur zu murmeln wagte. Der Missionar begriff, daß die ihm zur Bedienung zugewiesenen Leute mehr seine Wächter und Aufpasser waren und daß sie über seinen Verkehr mit Fremden zu wachen und namentlich zu verhindern hatten, daß eine unerwünschte Mitteilung über den König zu ihm dränge.
»Es ist merkwürdig, welch ein Gemisch von Unwissenheit und Schlauheit in diesen Zulus steckt,« sagte der Missionar zu dem Lord, als er am Abend nach dem Feste mit diesem allein war. »Tschetschwajo ist vollständig unbekannt mit den Machtverhältnissen und Zuständen europäischer Mächte und möchte seine barbarische Politik auf sein Verhältnis zu unsern Landsleuten anwenden. Denken Sie, Mylord, er will Sie mit einem Bündnisvorschlage an den Gouverneur des Kaplandes senden.«
Der Lord errötete vor Freude. »Wahrhaftig?« rief er. »O, das ist herrlich! Ich werde mein Regiment wiedersehen!«
»Ja, aber unter der von mir soeben erwähnten Bedingung,« sagte der Missionar und erzählte dem jungen Offizier die Unterredung, welche er mit dem schwarzen Fürsten gehabt hatte. »Ich habe Tschetschwajo gleich gesagt, daß seine Botschaft schwerlich Erfolg haben würde, denn in der That kann ich nicht an deren Erfolg glauben, aber ich will doch mein Versprechen halten, und ich stelle es Eurer Lordschaft anheim, ob Sie die Sendung auf sich nehmen wollen.«
»O gewiß!« rief der Lord lachend, »ich übernehme jede Botschaft, um nur die Freiheit wiederzuerlangen. Es ist ja auf die Entschließungen der Regierung der Königin ganz ohne Einfluß, was ich vorschlage. Ich bin ein unbedeutender Leutnant. Übrigens ist Tschetschwajos Vorschlag nicht so ganz dumm. Jetzt freilich wird er zu spät kommen, er paßt nicht mehr in die politischen Verhältnisse, aber sonst -- unter uns gesagt -- ist der Vorschlag nicht dumm. Vor einigen Jahren noch war das Bündnis mit den Zulus sehr angenehm und nützlich für uns, denn die Buern sind unsere gefährlichsten Feinde in Afrika, und wir wären ihrer vor einigen Jahren nicht Herr geworden, wenn uns die Zulus nicht beigestanden hätten. Auch muß ich gestehen, daß der Anblick der Krieger Tschetschwajos mir Respekt eingeflößt hat. Wären diese Truppen mit Gewehren bewaffnet, so möchten sie leicht sowohl uns als die Buern unterkriegen. Wie die Kerls gut einexerziert sind, wie sie in Ordnung stehen, wie sie schwenken, und wie kräftig sie sind! Mit ihren Schilden und Speeren freilich können sie gegen europäische Truppen nichts ausrichten.«
»Sie sind also bereit, Mylord, dem Gouverneur den Vorschlag Tschetschwajos vorzutragen?«
»Gewiß, ich werde es thun. Welch ein himmlischer Gedanke, wieder nach Hause zu kommen! Und werde ich Pieter Maritz mitnehmen dürfen? Ich thäte dem armen Burschen so gern einen Gefallen, denn er hat sich gegen mich vortrefflich benommen, und ich werde ihm zeitlebens dankbar sein.«
»Das wird nicht gehen,« antwortete der Missionar. »Der König hat davon nichts gesagt, und er hat einen Groll gegen die Buern, weil diese seine Gesandten haben erschießen wollen. Er spielt ein doppeltes Spiel, denn wie Sie wissen, hat er Humbati und Molihabantschi zu den Buern gesandt, um mit ihnen ein Bündnis gegen die Engländer abzuschließen. Mir ist es nicht angenehm, in diese politischen Verhandlungen verwickelt zu sein, denn ein Missionar sollte sich niemals um Politik, sondern nur um die Erfüllung seines Lehramtes bekümmern. Ich hoffe zu Gott, daß sich aus dem allen kein Krieg entwickelt, und vielleicht gewinne ich, so Gott will, Macht über sein Gemüt und bringe ihn dahin, daß er aufhört, Blutvergießen für Heldenthat und für den Zweck seines Lebens zu halten.«