Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 17
»Dort lebte der große Häuptling vieler Menschen. Er herrschte unter ihnen wie ein König. Er war der Häuptling des blaufarbigen Hornviehes. Es war zahlreich wie der dichte Nebel auf dem Kamme des Gebirges, seine Herden erfüllten die Ebene. Er dachte, die Menge seiner Krieger würde seine Feinde in Schrecken halten. Sein Volk rühmte sich seiner Speere und lachte über die Feigheit derer, welche aus ihren Städten geflohen waren. Ich werde sie schlagen und ihre Schilde an meinem Hügel aufhängen. Unser Stamm ist ein Stamm von Kriegern. Wer hat je unsere Väter unterjocht? Sie waren mächtig in der Schlacht. Wer ist nicht im Besitz der Beute alter Zeiten? Haben nicht unsere Hunde die Herzen der Edelsten unter unseren Feinden gefressen? Die Geier haben die Leichen unserer Feinde zerrissen. So sangen sie und so tanzten sie, bis sie auf jenen Höhen dort drüben den Feind herankommen sahen. Da verschlang die Nacht den Ton ihres Gesanges, da füllten sich ihre Herzen mit Traurigkeit. Sie sahen Wolken aufsteigen von den Gefilden. Es war der Rauch von brennenden Städten. Die Verwirrung eines Wirbelwinds erfaßte das Herz des großen Häuptlings über das blaufarbige Hornvieh. Es erhob sich ein Ruf: Es sind Freunde! Da verkündigten ihre Nähe die nackend einhermarschierenden Zulus. Die Männer ergriffen ihre Waffen und liefen hervor, als gelte es die Jagd auf schnellfüßige Antilopen. Ihr Angriff war wie die Stimme des Blitzstrahls, und ihre Speere erklangen wie der Herbststurm, der den Wald schüttelt. Aber die Zululöwen erhoben den Todesruf und flogen gegen ihre Schlachtopfer. Ihr Ruf war der Ruf des Sieges. Ihr zischender und heulender Schrei verkündigte ihren Fortgang unter den Erschlagenen. Nach einigen Augenblicken nur lagen Hunderte am Boden. Der Klang ihrer Schilde war das Zeichen ihres Triumphs. Unser Volk floh mit seinem Vieh auf die Spitze jenes Berges. Die Zulus drangen in die Stadt mit dem Gebrüll des Löwen, plünderten die Häuser und steckten sie in Brand, durchbohrten die Mütter mit dem Speer und warfen die Kinder in die Flammen. Die Sonne ging unter. Die Sieger kamen aus der rauchenden Ebene hervor, sie verfolgten ihren Lauf und umringten den Abhang jenes Berges. Sie schlachteten Vieh, sie tanzten und sangen, bis die Sonne wieder aufging, dann stiegen sie bergan und töteten, bis ihre Hände müde waren, den Speer zu schwingen.«
Der Bakoni schwieg, raffte eine Handvoll Staub vom Boden auf, blies ihn von der Handfläche weg und sagte: »Das ist alles, was übrigblieb von dem großen Häuptling des blaufarbigen Hornviehs.«
Die Richtung des Weges ward allmählich mehr südlich genommen, und große Wälder wurden durchschritten, mehrere Flüsse mühsam übersetzt. Starke Gewitterstürme überfielen tagelang den Zug und hinderten sein rasches Fortschreiten. Die Regengüsse waren so schwer, daß eine Überschwemmung durch die Ebene flutete. Der reiche schwarze Boden ward so mit Wasser gesättigt, daß es zwei Tage lang unmöglich war, weiterzukommen. Weder Menschen noch Tiere konnten sich darin bewegen. Die Räder des Wagens wurden zu einer Masse von Thon und Lehm und Erde, und nichts konnte diese zähe Masse entfernen. Die Hufe der Ochsen wurden zu riesigen Klumpen, so daß die Tiere sie nicht mehr zu erheben und weiterzusetzen vermochten. Doch die heiße Sonne trocknete alles wieder sehr schnell, und endlich kam der Zug in die Nähe von Ulundi, der Hauptstadt Tschetschwajos.
Zahlreiche Dörfer in der Nähe und vielfache Rauchsäulen in der Ferne, welche eine dichte Bevölkerung anzeigten, bereiteten die Reisenden auf den Anblick der Stadt des Zulukönigs vor. Humbati entfernte sich vom Zuge und ging ihm mit sechs Kriegern voran, um dem König den Besuch vorher anzumelden.
Der Wagen hatte einen Umweg zu machen, um die Furt durch einen kleinen Fluß zu finden, der diesseits der königlichen Residenz floß, und Molihabantschi machte den Vorschlag, die Weißen möchten mit ihm den geraden Weg machen, damit nicht eine Verzögerung entstände, während Titus Afrikaner mit seinen Leuten den Wagen begleiten und erst später eintreffen solle. Er schien ängstlich zu sein, daß der König vergeblich warten könnte. So stieg denn der Missionar am Tage nach der Entfernung Humbatis zu Pferde, und, von den Kafferkriegern begleitet, zogen die Weißen unter Führung Molihabantschis geradeaus, durchschwammen den Fluß und nahmen den kürzesten Weg nach der Hauptstadt. Am Flusse waren wohl hundert Leute versammelt, Einwohner benachbarter Ortschaften, und badeten, als die Reiter herankamen. Sie gerieten sichtlich in Schrecken bei dem Anblick der weißen Gesichter und Pferde und flohen in großer Hast. Dies zeigte den Reisenden, daß fremder Besuch weißer Farbe und daß Pferde hier eine seltene Erscheinung sein müßten.
Nach einigen Stunden, etwa um drei Uhr nachmittags, sahen sie das weite, von Hügeln und Bergen eingefaßte Thal vor sich, in welchem Ulundi, die Residenz des Königs, lag. An den grünen Hängen erblickten sie von weitem mehrere nebeneinander liegende dunkle Kreise, welche gleich großen Kränzen auf einer Wiese aussahen. Sie erfuhren, daß dies die Militärkraale, Garnisonen der Armee des Königs, seien. »Jener Kreis dort ist Umlambongwemja, der Kraal des verstorbenen Königs Panda, der darauffolgende ist Quikazi, der dritte ist Undabakaombi und der vierte ist Ulundi, wo der große Elefant wohnt,« sagte Molihabantschi erklärend.
Sie nahmen den Weg auf den letztgenannten Kraal, die Residenzstadt. Doch kein hervorragendes Gebäude zeigte die Stadt an, sondern nur der ausgedehnte Kreis von Rauchfähnchen, welche über konischen Dächern wehten, und eine große Menge von niedrigen dunklen Hütten. Auch war viel Volk am Wege zu sehen, welches durch das Gerücht von der Ankunft der Fremden herbeigelockt war. Die Residenz zeigte sich ihrer Form nach als eine Anzahl von Ringen, die ineinander steckten. Jeder Ring ward von einer Reihe Hütten gebildet, und inmitten des Ganzen war ein gewaltig großer freier Raum. Schon von fern war ein Blitzen und Funkeln in dem freien Raume und an dessen Rande zu bemerken. Die Reisenden konnten dies erkennen, da sie von der Höhe ihrer Pferde herab über die Zäune und Einfriedigungen hinwegsahen. Als sie dann bis in den äußersten Ring der Hütten gekommen waren, näherten sich ihnen einige Männer, welche vom Hofe zu sein schienen. Ihre Frisuren waren seltsam künstlich. Der eine hatte zwei hohe Spitzen von verklebtem Haar auf dem Kopfe, in welche hinein über der Stirn ein rundes Stück Elfenbein, so groß wie ein Fünfmarkstück, gelegt war. Der andere hatte unzählige kleine Wellen aus seinem Haar gebildet. Bei jedem war der Kopfputz anders. Sie trugen goldene Ringe sowie kostbare Mäntel von Affenfell und Kniebänder, von denen vor dem Schienbein weiße Ochsenschwänze herabbaumelten. Sie begrüßten Molihabantschi und die Weißen mit Verbeugungen und führten sie auf dem ferneren Wege. In der Nähe des großen freien Platzes standen auf jeder Seite wohl fünfhundert Krieger in vollem Waffenschmuck, welche Spalier bildeten, zwischen welchem die Fremden dahinzogen. Diese Krieger trugen sämtlich hohe, spitze Schilde, die ihnen vom Kinn bis zu den Füßen reichten, so daß sie den ganzen Körper schützen konnten. Die Schilde waren von Leder und verziert, und alle gleichmäßig rot bemalt. Außerdem trugen sie mehrere leichte Assagaien und einen stärkeren Speer mit blinkenden Eisenspitzen, dazu eine kurze Keule, den Kirri. Ihr Kopf war mit roten Federn, und Hals, Brust, Arme und Beine waren mit Behängen von Ochsenschweifen verziert. Sie standen unbeweglich in doppelter Reihe hintereinander, genau gerichtet, und Schilde und Lanzen in derselben Weise haltend. Nicht eine Feder rührte sich auf ihrem Kopfe, und nur die dunklen Augen rollten, und prachtvolle weiße Zähne leuchteten hier und da aus den schwarzen Gesichtern, welche im Gegensatze zu den andern Völkern Südafrikas einen Bart um Kinn, Wangen und Lippen hatten. Alle trugen die Haarkrone oben auf dem Haupte, während rundum über den Ohren und am Hinterkopfe alles Haar wegrasiert war. Die Haarkrone war mit Perlenketten umwunden. Es waren schöne, große Gestalten, alle von einer Größe, stark von Muskeln und glänzend von Fett.
Als die Weißen diesen lebenden Heckengang passiert hatten, traten sie in den weiten freien Platz ein, und sahen sich voll Überraschung um. Soweit ihr Auge umherblickte, fiel es auf Schilde, Speerspitzen und Kriegsfedern. Dichte Haufen von Kriegern umsäumten den Platz, Mann an Mann stehend, mehrere Glieder tief, unbeweglich und schweigend. Wohl zehntausend Mann mochten es nach der Schätzung des Engländers sein. Sie schienen in Regimenter abgeteilt und diese Regimenter durch Farben unterschieden zu sein. Denn hier war alles blau, Schilde und Federn, dort ebenso weiß, dort rot, dort schwarz und dort gelb, dort wieder gestreift, indem Rot und Weiß quer über den Schild gelegt waren. Überall aber blitzten über der rechten Schulter die breiten Spitzen der Speere.
Inmitten des tiefen Schweigens, welches über dem Platze lag, als sei es Mitternacht, ertönte jetzt ein Kommando hinter den Pferden, und das Rasseln vieler Speere und Schilde war zu vernehmen. Die tausend Krieger mit roten Schilden, welche Spalier gebildet hatten, zogen in vollkommen geordneten Zügen hinter den Gästen in den großen Platz ein und schlossen den Ausgang. Sie marschierten im Gleichschritt, machten Halt und Wendungen, daß alles ein Tritt, ein Schlag und ein Klirren war.
»Goddam!« rief der Lord voll Erstaunen, »diese Niggers exerzieren besser als die Garden der Königin!«
Jetzt wurde den Gästen bedeutet, sie möchten vom Pferde steigen. Sie kamen dieser Anordnung der Herren vom Hofe nach und faßten die Tiere am Zügel. Gleich darauf erhob sich gleichzeitig aus allen Teilen des weiten Platzes der Kriegsgesang, und die Pferde schnaubten ängstlich, als nach dem tiefen Schweigen plötzlich dieser mächtige Ton anhob. Es war eine Art von Harmonie in dem Gesange, und sämtliche Krieger stampften den Takt mit den Füßen, aber im ganzen rollte der Gesang wie Donner, der langhin hallend über die Erde zieht, und er hatte einen hohlen, erschütternden Klang, da die Krieger den Schildrand vor den Mund hielten und mit voller Kraft ihrer Lungen in die Wölbung hineinbrüllten. Nur an bestimmten Stellen ward dieser donnernde Klang von einer Musik unterbrochen, welche aus der Hölle selbst hervorzukommen schien. Das war, als wenn das Ächzen der Sterbenden auf dem Schlachtfelde nachgeahmt würde und sich mit diesem Ächzen die gellenden und zischenden Jubelrufe der Sieger vermischten.
Auf einmal aber hörte der Gesang auf, und wiederum trat eine Pause der Totenstille ein.
Die Fremden sahen sich verwundert um und fragten sich mit Blicken, was dies zu bedeuten habe, als nunmehr ihnen gegenüber die Reihen der Krieger sich öffneten und der Monarch erschien.
Zwölftes Kapitel
Tschetschwajo, der Zulukönig
Der König trat aus der Mitte seiner Krieger hervor, und hinter ihm gingen eine Anzahl von Männern, welche Körbe und Schalen und Krüge trugen. Er ging den Fremden bis in die Mitte des Platzes entgegen, und diesen wurde ein Zeichen gegeben, zu ihm zu kommen. Der Missionar, der Lord und der Buernsohn ließen nun ihre Pferde zurück und gingen auf den König zu. Er war offenbar unterrichtet über die Art der Begrüßung bei den Engländern, denn er streckte seine rechte Hand aus und schüttelte den drei Weißen herzlich, aber so kräftig die Hand, daß sie glaubten, von einem Schraubstock erfaßt zu sein, der ihnen den Arm hätte aus der Schulter reißen wollen. Sie betrachteten den König voll Spannung. Er war sehr groß, fast einen ganzen Kopf höher als der schlanke englische Offizier, welcher der größte unter ihnen war. Aber er war auch sehr breit und dick. Da er nackend war und nur einen kleinen Schurz von Löwenfell trug, konnte seine Figur genau betrachtet werden. Sein Kopf war gewaltig breit und dick, ein dünner Bart zog sich um Kinn und Mund. Sein Nacken glich dem eines Stieres, seine Schultern bildeten wahre Berge von Muskeln. Seine Arme waren die eines Herkules, seine Schenkel schwollen von Kraft. Nur war der König um Bauch und Brust zu fett, um wahrhaft schön von Gestalt zu sein, und sein etwas kurzer Atem deutete an, daß er zu wohlgenährt war, als daß seine Lunge und sein Herz ganz frei hätten thätig sein können. Er trug keine Waffen, sondern einen langen Stab, eine Art von Scepter aus Elfenbein, mit goldenen Ringen verziert. In dem kurzen krausen Haar steckten drei Straußenfedern und ein goldener Pfeil. Um seinen Hals schlang sich vierfach eine Kette von echten Perlen, die vorn am Kehlkopf sehr groß waren und auf der schwarzen Haut herrlich schimmerten. Vier dünne Perlenstreifen, deren Ende aus goldenen Nadeln bestand, hingen vom Halsband herab. Dann trug er an Schmuck noch Perlenohrringe und zwei goldene Ringe an der linken Hand.
Nachdem er jedem der Weißen die Hand gegeben hatte, faßte er den Missionar in vertraulicher Weise am Arm, zeigte mit der andern Hand ringsum, so daß sie einen Bogen beschrieb, und sagte in der Sprache der Zulus, welche der Missionar ziemlich gut verstand: »Das Land liegt vor dir. Du bist zu deinem Sohn gekommen. Schlafe, wo es dir gefällt.«
Alsdann lud er die Weißen mit einem Wink ein, sich auf das Gras zu setzen, kauerte selbst nieder, indem er ihnen das Beispiel gab, und ließ die Diener ihre Körbe, Schalen und Krüge auf fein geflochtene Matten vor ihm und den Gästen niedersetzen.
Als er sich niederkauerte, brach ein ungeheures Getöse im Gefolge und in den Reihen der Krieger los. Alle riefen: »Der große König setzt sich! Der mächtige König des Himmels will speisen! Der starke Elefant hat die Gnade, sich niederzulassen!«
Mehrere Minuten lang rollte dieser Ruf donnerartig durch die dichten Reihen, dann wurde es wieder totenstill. Die Weißen sahen Humbati aus dem Gefolge hervorkommen und sich zur Rechten des Monarchen niederkauern. Sie erkannten jetzt deutlich die Stellung dieses Mannes. Doch blickte er bescheiden zu Boden, grüßte die Bekannten nicht, sondern erschien nur als des königlichen Winkes gewärtig. Ähnlich benahmen sich Molihabantschi und die Hofleute, welche den Weißen entgegengegangen waren.
Der König sprach kein Wort weiter, sondern aß und trank. In den zierlich geflochtenen Körben waren Apfelsinen, Melonen, Granatäpfel und andere Früchte, dazu allerhand Backwerk. In den Schalen war Milch und Honig, und in den Krügen reines Wasser. Zum Erstaunen der Weißen waren auch mehrere Champagnerflaschen auf die Matten gesetzt. Der Wein war nicht gekühlt und schäumte infolge der Wärme sehr stark. Er wurde deshalb auch nicht in Gläser gegossen, sondern in große Trinkbecher aus der Schale des Straußeneies, welche auf goldenen Untersätzen standen. Nach dem Könige griffen die Gäste zu und dann der Hofstaat, welcher heute nur aus etwa zwölf Männern bestand: Indunas, wie bei den Zulus die Männer vom Hofe, die hohen Räte und die Heerführer genannt wurden. Sie waren einfacher in ihrem Schmuck als die Truppen, aber trugen doch mehr Putz als der König. Alle trugen Schild und Speer, den starken Speer der Zulus, welchen sie im Kampf nicht schleudern, sondern in der Faust behalten, um im Handgemenge zu siegen oder zu sterben. Es war ein durchaus kriegerischer Hofstaat und nichts von Weibern zu sehen.
Das Mahl dauerte nur etwa eine Viertelstunde und hatte mehr die Bedeutung einer Ceremonie, mit welcher die Gäste willkommen geheißen wurden, als daß es hätte zur Sättigung dienen sollen. Während desselben ließ der König seinen Blick forschend auf den Gästen weilen, und ganz besonders schienen ihn der Pallasch und die Patrontasche des Engländers zu interessieren. Doch sagte er nichts. Stumm stand er wieder auf und winkte den Gästen zum Zeichen, daß sie entlassen seien, mit der Hand. Von neuem brach das Getöse los, indem Humbati laut rief: »Pezulu! Pezulu! Der König steht auf! Der mächtige Elefant hat gespeist!« Worauf alle Hofleute und hiernach alle Krieger den Ruf wiederholten. Unter dem rollenden Donner dieses Rufes schritt der König davon, wobei seine mächtige Gestalt sich in den Hüften wiegte, so daß er ähnlich dem Seemann auf dem Schiffe dahinging. Ihm folgte der Hofstaat, und nur Humbati blieb bei den Gästen zurück. Er gab ihnen Anweisung, ihm zu folgen, und ging voran, um sie zu ihrer Wohnung zu führen.
Im innersten der Straßenringe, welche sich um den freien Platz hinzogen, und nicht weit von diesem entfernt, führte er sie zu einem eingezäunten Raum, worin fünf Hütten standen. Sie waren ähnlich den Hütten der Betschuanen, doch hatten sie mehr die Form eines Bienenkorbes. In diesen Hütten, welche ziemlich geräumig und mit Fellen, Schemeln und anderm Hausgerät versehen waren, sollten die Gäste und die ihnen zugeteilten Diener wohnen. Jeder der Weißen bekam eine Hütte für sich. Auch die Diener fanden sich bereits vor, und zwei Hofbeamte standen bereit, um die nötigen Einrichtungen zu treffen. Doch erfuhren die Gäste, daß sie nur von Zulus umgeben sein würden, mit Ausnahme von Jan, Christian und Kobus, daß aber die ganze Begleitung aus der Schar des Titus Afrikaner fortgeschickt sei. Titus Afrikaner selbst, dessen Benehmen das Mißfallen des Königs erregt hatte, war mit seiner Anhängerschaft nach einer zehn Meilen weit entfernten Missionsstation geschickt worden, wie Humbati erzählte. Nur die Rücksicht auf den Missionar hatte den König abgehalten, ihn und seine Anhänger töten zu lassen. Der Befehl, nach der Missionsstation zu ziehen, war dem Häuptling entgegengesandt worden, so daß dieser Ulundi gar nicht zu Gesicht bekam. Zulukrieger sollten den Wagen herbegleiten. Es that dem Missionar leid, daß er nicht selbst fernerhin auf Titus Afrikaner durch seine Lehre wirken könne, doch mußte er sich wohl oder übel dem Willen des Königs fügen, und er vertraute darauf, daß seine Missionsbrüder das gute Werk fortsetzen würden. Tschetschwajo hatte mehreren Missionsgesellschaften den Aufenthalt in seinem Lande gestattet, duldete jedoch deren Anwesenheit nicht in der eigenen Residenz und in den wichtigsten Garnisonen seiner Armee, da er den verweichlichenden Einfluß der Missionare fürchtete.
Im übrigen zeigte er sich sehr gnädig gegen die Gäste. Während sie am Abend auf dem Hofe vor den Hütten saßen und sich über ihre Lage unterhielten, näherte sich ein Zug von Dienern. Sie trugen Körbe mit Früchten und Korn, Schalen mit Milch und Honig, gebratenes Fleisch von Ochsen und Ziegen an Bratspießen, auch gekochtes Fleisch in Töpfen. Voran gingen zwei Männer, welche eine Urne voll rauchenden Blutes trugen. Die Urne faßte wohl einen Eimer, und das Blut war flüssig, als wäre es eben erst aus den Adern des Ochsen gelaufen; denn durch eine besondere Art des Kochens und der Beimischung bestimmter Gewürze verstanden es die königlichen Köche, das Blut für lange Zeit flüssig zu erhalten. Die Übersendung des Blutes war eine besondere Auszeichnung, wie einer der ihnen zugeteilten Hofbeamten ihnen sagte. Aber der Missionar bat, das Blut wieder fortzutragen, da er und die weißen Männer überhaupt keine Bluttrinker wären. Die Hofbeamten waren sehr verwundert und erwiderten, nichts, was der König sende, dürfe zurückgeschickt werden. In dieser Verlegenheit halfen sich die Zulus aber, indem sie sich selbst über die Urne hermachten und mit Händen, Löffeln und kleinen Schalen binnen kurzem den Inhalt selbst vertilgten. Auch sechs schwarze Mädchen von schlankem Wuchse befanden sich in der Schar der Diener und wurden dem Missionar übergeben, damit er ihre Dienste benutzen solle. Aber der Missionar wies auch dieses Geschenk zurück, indem er sagte, daß er an männlicher Bedienung schon Überfluß habe, und die Hofbeamten erklärten, daß sie die Vermittelung Humbatis anrufen würden, damit der König es nicht übel nähme, wenn die Mädchen zurückgewiesen würden.
Am folgenden Tage erschien unangemeldet der König selbst. Er war von Humbati und Molihabantschi sowie von zwei andern Indunas begleitet. Er trat in des Missionars Hütte ein, wo dieser sich allein befand, und war sehr freundlich. Er legte seine linke Hand auf des Missionars Schulter, die rechte auf die eigene Brust und sagte: »Panda! Ich nenne dich Panda, denn du bist mein Vater gewesen. Du hast mein Herz so weiß wie Milch gemacht. Milch ist heute nicht weiß, mein Herz ist weiß. Ich kann nicht aufhören, mich über die Liebe eines Fremden zu wundern. Du hattest mich nie gesehen, und doch liebtest du mich! Du liebst mich mehr, als mein Volk mich liebt. Du kleidetest mich, als ich nackend war, du speistest mich, als ich hungrig war, du trugst mich an deinem Busen.«
Dann ergriff der König des Missionars rechten Arm und hob ihn die Höhe.
»Dieser Arm,« sagte er, »beschützte mich vor meinen Feinden.«
Der Missionar merkte wohl, daß Tschetschwajo auf den Schutz anspielte, den er den Gesandten des Königs gewährt hatte, und er sah aus den übertriebenen Ausdrücken des Monarchen, daß der feine Humbati, um sich selbst eine hohe Wichtigkeit zu geben, den weißen Gast in ein glänzendes Licht gestellt hatte.
»Ich weiß nicht, daß ich so etwas gethan hätte,« antwortete er. »Ich erinnere mich nicht, dem Könige so große Dienste erwiesen zu haben.«
Der König zeigte auf Humbati und Molihabantschi, welche ihm zu Füßen auf der Erde hockten.
»Dies sind große Männer,« sagte er, »Humbati ist meine rechte Hand. Als ich diese beiden von meinem Angesicht wegsandte, um das Land der weißen Männer zu sehen, da sandte ich meine Augen, meine Ohren, meinen Mund. Was sie sahen, sah ich; was sie hörten, hörte ich; was sie sprachen, das sprach Tschetschwajo. Du hast sie gespeist, als sie hungrig waren, du hast sie gekleidet, als es regnete, und als sie getötet werden sollten, da decktest du sie mit deinem Schilde. Das hast du mir gethan, du thatest es Tschetschwajo, dem Sohne Pandas.«
Der Missionar sah Dankbarkeit, aber zugleich Stolz aus dem Gesichte des Königs leuchten, und offenbar war es dem Herzen des Despoten schmeichelhaft, zu denken, sein Name sei so mächtig und so weit gefürchtet, daß der weiße Mann in weiter Entfernung und mitten zwischen den Buern doch dem fernen Könige einen Dienst habe leisten wollen. Ein leises Gemurmel kam von den Lippen der Hofherren, als der König geendigt hatte. »Pezulu! Pezulu!« klang es leise, »der König des Himmels, der König der Könige. Die Völker kennen seinen Namen, die Nationen fürchten ihn.«
Dann fing Tschetschwajo von neuem an. »Bist du ein Induna?« fragte er.
»O nein,« rief der Missionar, »ich bin kein Induna. Ich bin der letzte der Diener eines unsichtbaren Herrn.«
Tschetschwajo schüttelte den Kopf. »Ich bin ein König,« sagte er, »aber du bist Panda, Tschetschwajos Vater.«
»Ich bin ein Lehrer,« versetzte der Missionar, »ich bin ausgesandt von meinem himmlischen Gebieter, sein Wort zu verkündigen.«
»Du bist kein Engländer und kein Buer, woher bist du?« fragte der König.
»Ich bin ein Deutscher,« antwortete der Missionar. »Deutschland ist ein Land, welches weithin nach Mitternacht neben England liegt.«
»Ist in dem Lande auch ein König?«
»Ja wohl, ein sehr mächtiger König. Er heißt Wilhelm.«
»Was hat er dir gesagt, als du von seinem Angesicht gingst? Hat er dir aufgetragen, Tschetschwajo zu besuchen?«
»Ich habe ihn nie gesprochen.«
Der König geriet in das höchste Erstaunen. »Wie?« fragte er, »du kennst deinen König nicht? Du hast ihn nie gesprochen? Hast du mir denn nicht gesagt, dein himmlischer Gebieter habe dich ausgesandt?«
»Der himmlische Gebieter, von dem ich sprach, ist nicht der König Wilhelm, sondern Gott selbst, der über alle Könige, auch über Tschetschwajo, gebietet.«
Der König stieß einen Ruf der Verwunderung aus, doch fragte er nicht mehr nach dem himmlischen Gebieter, sondern nahm mehr Anteil an dem sichtbaren König in Deutschland.
»Sicherlich hast du deinen König gesehen,« sagte er.
»Auch gesehen habe ich ihn nicht. Ich bin seit vielen Jahren in diesem Lande. Nur Bilder kenne ich von ihm.«
»Wie sieht er aus? Ist er so groß wie ich? Ist er schon alt?«