Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 16
Draußen hatte sich die Scene sehr verändert. Die Khotla war leer, die Kriegerhaufen waren abgezogen, aber die Bewohner des Dorfes standen in Gruppen beisammen und hatten viel miteinander zu reden. Es dauerte noch einige Stunden, bis alles zur Abreise gerüstet war, bis Jan, Christian und Kobus das Gepäck des Missionars auf den Wagen gebracht und die Ochsen zusammengetrieben und eingespannt hatten und bis endlich die Pferde und Waffen herbeigeschafft worden waren, wie Humbati versprochen hatte. Der Lord und Pieter Maritz erwarteten diesen Augenblick in fieberhafter Aufregung. Acht Wochen lang hatten sie in dem Dorfe einsam unter Schwarzen gesessen, und diese Zeit war ihnen wie eine traurige Gefangenschaft erschienen. Die Aussicht, ihre Pferde wiederzusehen, war für sie ein Gefühl, als sollten ihnen Flügel wachsen, mit denen sie sich aus dem Kerker emporschwingen und die Freiheit erreichen könnten. Der Gedanke, wieder im Sattel sitzen und davonreiten zu können, war für sie so süß, daß sie darüber selbst die Besorgnis vergaßen, welche ihnen die erzwungene Reise ins Zululand einflößen mußte. Die Wunde des Lord war inzwischen vollständig geheilt. Längst hatte er das Pflaster abgenommen, und der Riß in der Haut zeigte sich vollständig geschlossen, nur noch eine rötliche Narbe war zurückgeblieben. Ja, es zeigte sich zu seinem Erstaunen nicht notwendig, den Faden, mit welchem der Riß zusammengenäht worden war, herauszuziehen. Da dieser aus Tiersehnen bestanden hatte, war er vom Fleisch vollständig aufgesogen worden und verschwunden. Als nun die Tiere endlich erschienen, von zwei Kaffern am Zügel geführt, Sattel und Zaumzeug in leidlicher Ordnung und die Tiere selbst, wenn auch nicht eben blank geputzt, so doch gut gefüttert und gesund, da brachen dem Buernsohn die Thränen aus den Augen hervor, und der Lord wurde nur mühsam seiner Bewegung Meister. Pieter Maritz lief mit einem Freudenschrei auf Jager zu, umarmte seinen Hals und Kopf, drückte die Wangen an die Nüstern des Pferdes und ward nicht müde, es zu streicheln und mit ihm zu sprechen. Auch Jager freute sich des Wiedersehens, rieb den Kopf an des Knaben Schulter, wieherte und scharrte mit dem Fuß. Voll Lust schwang sich der Knabe in den Sattel und ritt voll Wonne auf dem freien Platze umher. Lord Fitzherbert betrachtete mit emporgezogenen Lippen den Sattel auf seines Rappen Rücken. Die ehedem helle Lederfarbe war schwarz geworden und das Leder war ganz von Fett durchtränkt, ein Zeichen, daß gar manches Mal ein fettglänzender Räuber darauf gesessen hatte. Aber er überwand den Ekel über den Zustand des Sattels in der Freude über den wiedererlangten Besitz des schönen Pferdes. So stieg auch er hinauf und probierte das Tier in allen Gangarten. Es war etwas aus der Übung gekommen und hatte die schulmäßigen Gänge etwas verlernt, aber es war gesund auf den Beinen, und der junge Offizier atmete erleichtert auf. Dann wurden von den Räubern die Waffen gebracht. Pieter Maritz ergriff das gute Gewehr, welches schon sein Vater geführt hatte, und sah, daß die der Feuerwaffe kundigen Schwarzen es in gutem Stande gehalten hatten. Es war rein und gut geölt, die Federn spielten richtig. Auch den Gurt mit den Patronen und den Hirschfänger erhielt er zurück, und bald war er wieder beritten und gerüstet wie damals, wo er vom Buernlager ausritt, um die Zulus zu überwachen. Nur hatte sich die Sache in ihr Gegenteil verkehrt: er war der Gefangene, und Humbati und Molihabantschi überwachten ihn. Der Lord empfing seinen Pallasch, seine Patrontasche mit goldgesticktem Bandelier und seinen Helm. Er machte eine seltsame, jedoch nicht unkriegerische Figur in dem Rocke des Missionars, über welchen er den Gurt des Degens schnallte und das Bandelier hängte. Sogar seine Uhr und sein goldenes Etui erhielt er zurück, und nur seine Börse mit Geld blieb ihm verloren. Er schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, steckte dies in das Cigarrenetui, ritt auf Fledermaus zu und überreichte es ihm.
»Nimm dies zum Andenken, du Niggerräuber,« sagte er englisch, -- was Fledermaus nicht verstand. »Und wenn dich meine Landsleute einmal an einem Baume aufknüpfen wollen zum wohlverdienten Lohne deiner Thaten, so zeig' ihnen dies und berufe dich auf meine Empfehlung. Denn du hast mich, wenn man eins ins andere rechnet, anständiger behandelt, als irgend ein Räuberhauptmann in Europa mich behandelt haben würde.«
Fledermaus zog die Lippen auseinander, daß seine prachtvollen weißen Zähne glänzten, und steckte das schöne Etui dankend in seinen Karoß.
Währenddessen traten zwölf Kaffernkrieger aus der Bande des Fledermaus heran, den Speer in der Rechten, den Schild in der Linken, die Streitaxt und das Messer im Gürtel. Sie bildeten die Begleitung, welche die Gesandten sich zur Sicherung ihres Marsches bestellt hatten. Aber zum höchsten Erstaunen der Weißen erschien auch Titus Afrikaner. Er war ohne Waffen, trug keine Federn im Haar, sondern war einfach in seiner Tracht wie einer der Diener des Missionars. Nur der kurze Mantel von Leopardenfell bedeckte ihn, und er war mit dem Karoß umgürtet. Ihn begleiteten in Waffenrüstung etwa zwanzig seiner treuesten Anhänger, die den Häuptling nicht verlassen, sondern mit ihm Christen werden wollten.
»Behalte mich bei dir,« sagte er zum Missionar. »Ich habe dich noch vieles zu fragen. Ich übergebe dir meine Seele, daß du sie errettest.«
Der Missionar war tief bewegt von der demütigen Erscheinung des sonst so stolzen und wilden Kriegers. Er schloß ihn in seine Arme und rief laut: »O Titus Afrikaner, du hast viel gethan! Du hast den schwersten Kampf gefochten, und du hast gesiegt!«
Dann setzte sich der Zug in Bewegung und verließ die Hochebene, um in südöstlicher Richtung weiterzuziehen. Voran schritten die Gesandten, ihnen folgten der Missionar und Titus Afrikaner zu Fuße gehend und in religiösem Gespräch, hinter ihnen gingen die Anhänger des ehemaligen Räuberfürsten, von denen einer das Pferd des Missionars am Zügel führte. Auf diese folgte der Ochsenwagen, hinter diesem ritten der Buernsohn und der Lord, und den Beschluß machten die zwölf schwarzen Krieger, welche die Eskorte der Gesandten bildeten.
Langsam stieg der lang gedehnte Zug vom Gebirge hinab zu der Ebene im Südosten, welche von den Nebenflüssen des in den Indischen Ocean sich ergießenden Umzuti bewässert wird und mit vielen Wäldern bedeckt ist. Als es Abend ward, war noch nicht der Fuß des Gebirges erreicht, denn erst am Nachmittage war der Aufbruch geschehen, und in einem schönen grünen Thale ward Rast gemacht. Bei so zahlreicher und tapferer Begleitung war an keine Gefahr zu denken, obwohl das Gebrüll des Königs der Tiere in der Ferne zu hören war. Ein mächtiges Feuer ward angezündet, und erlegte Tiere, welche den Assagaien der schnellen Krieger während des Marsches zum Opfer gefallen, wurden gebraten. Am andern Tage ging der Zug weiter und trat nach wenigen Stunden in die Ebene ein. Weite Grasflächen, gleich Feldern von hohem, gelbem Weizen im Hauche des Windes schwankend und wogend, bedeckten das Land, und dazwischen standen hier und da dichte Haufen von Mimosen als kleine Gehölze. Der Monat März endigte, der Herbst fing an, soweit von einem Herbst die Rede sein kann in einem den Tropen nahen Lande, welches den Winter nur als Regenzeit kennt. Zahlreiches Wild war zu sehen, und genügender Vorrat für den Tag ward erlegt. Zuweilen wurden Bewohner dieser Gegend angetroffen, armes Volk, das nur von Wurzeln und Jagdbeute lebte und keine andern Wohnungen als Erdhöhlen hatte. Sie bettelten um Tabak und starrten voll ehrfürchtiger Scheu auf die kriegerische Gesellschaft, welche durch ihr Land zog. Sie waren die Genossen des Löwen, der hier Gebieter war, und kannten seine Gewohnheiten genau. Als am Abend Rast gemacht wurde und sie Holz herbeischleppten und sich bettelnd herzudrängten, ging nicht weit von diesem Platze ein Löwe vorbei und stieß von Zeit zu Zeit ein Brüllen aus, welches in der Entfernung erstarb.
»Fürchtet ihr euch nicht?« fragten die schwarzen Krieger. »Denkt ihr nicht, daß er kommen könnte, um euch zu fressen?«
»O nein,« sagten sie, nachdem sie auf den Ton des Brüllens gelauscht hatten. »Es ist keine Gefahr, denn er hat gegessen und geht nun heim, um zu schlafen.«
»Woher wißt ihr, daß er satt ist und schlafen will?«
»Wir leben mit den Löwen,« antworteten die armen Leute, »sie sind unsere tägliche Gesellschaft. Da müssen wir wohl ihre Sprache verstehen.«
Am Tage darauf aber fand ein ernstliches Zusammentreffen mit einem der starken wilden Tiere statt. Der Zug ging an einem dichten Gebüsch hin, und er war lang auseinander gezogen. Die Gesandten und der Missionar nebst Titus Afrikaner und dessen Leuten waren weit voraus, während der schwere Ochsenwagen langsam nachkam. Als nun die Zugtiere schnaufend und ächzend unter unaufhörlichem Rufen der Treiber und dem gellenden Klatschen der langen Peitsche an einer besonders undurchsichtigen Stelle des Dickichts vorüberkamen, sprang plötzlich, obwohl es mitten am Tage und heller Sonnenschein war, ein gewaltiger Löwe aus dem Schatten hervor und einem der stärksten Ochsen auf den Nacken. Mit einem einzigen Schlage seiner Pranke hatte er das Tier getötet und bemühte sich nun, es seitwärts in das Gebüsch zu schleppen, was ihm natürlich nicht gelang, da der Ochse im Geschirr lag. Eine entsetzliche Verwirrung entstand. Alle Ochsen brüllten und bemühten sich, nach verschiedenen Richtungen davonzulaufen. Die Treiber schrieen voll Entsetzen und flüchteten. Während nun die Kaffern mit ihren Speeren herbeiliefen, um das Untier anzugreifen, das mit seinen Zähnen an dem getöteten Ochsen zerrte, hatte Pieter Maritz seine Büchse von der Schulter genommen und schoß vom Sattel aus. Aber seine Kugel streifte den Löwen nur an der Haut, indem sie durch die Mähne fuhr, weil das Tier im Augenblick des Schusses eine Bewegung gemacht hatte. Der Löwe ließ nun von dem Ochsen ab, stieß ein furchtbares Gebrüll aus und kauerte sich nieder, um auf den Knaben zu springen. Pieter Maritz wandte sein Pferd, ritt eilig eine Strecke zurück, sprang ab und zielte von neuem. Der Löwe hatte sich aufgerichtet und sah dem Knaben brüllend entgegen. Die Kugel traf diesmal gerade in den weit geöffneten Rachen und zerschmetterte ihm mehrere Zähne, ohne das Tier jedoch tödlich zu treffen. Außer sich vor Wut, stürzte der Löwe vor, ohne sich um die Kaffern zu bekümmern, die ihn von der Seite her angreifen wollten. Aber schon war Pieter Maritz wieder im Sattel und jagte davon. Der Löwe, gewohnt, im Sprunge anzugreifen, folgte nur eine kurze Strecke und kauerte sich dann von neuem nieder. Seine Brust war mit Blut bedeckt, welches ihm aus dem Rachen floß. Pieter Maritz hielt von neuem das Pferd an, sprang ab und feuerte zwei Schüsse hintereinander ab. Diesmal folgte der Löwe nicht wieder. Eine Kugel hatte ihm die rechte Pranke zerschmettert, die andere ihm die Brust durchbohrt. Aber so zäh war das Leben in diesem starken Tiere, daß es noch einer letzten Kugel bedurfte, die ihm aus der Nähe hinter der Schulter eindrang, um es völlig tot niederzuwerfen. Es war ein ganz alter Löwe, den langes Jagdglück so mutig gemacht hatte, daß er am Tage anzugreifen wagte.
An den folgenden Tagen änderte sich die Landschaft, durch welche der Zug ging. Sie ward hügelig, und die Höhen waren bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Oft zeigten sich Affen und glänzende Vögel in den Bäumen. Die Thäler waren mit immergrünen Pflanzen geschmückt und von hellen Gewässern durchrieselt, welche alle nach mannigfachen Windungen ihren Weg nach dem Indischen Ocean nahmen, der auf der einen Seite die Ostküste Afrikas und die Insel Madagaskar, auf der andern Seite die indische Küste und den Malaiischen Archipel bespült. Oft ward Lord Fitzherbert beim Anblick der Landschaft an Schottlands Hügel und Thäler erinnert, wie er sagte.
Traurig aber war es, inmitten dieses Reichtums der Natur auf zahlreiche Spuren zu treffen, welche anzeigten, daß dies Land einst dicht bevölkert gewesen war, während jetzt nur das Brüllen des Löwen ihm Leben gab. An den Abhängen der Hügel lagen ganze Städte in Ruinen, wo einst Tausende inmitten bebauter Felder und blühender Gärten gewohnt haben mußten. Üppiges Gras wucherte über zerfallenen Wänden und Zäunen. Die verwüstenden Einfälle der Mantatis, Matabeles und Zulus hatten den Raubtieren dieses reiche Land zum Jagdgefilde gemacht. Die Löwen, an die Schwelgerei in Menschenfleisch gewöhnt, umgaben mit immer größerer Frechheit den Zug, als ob der menschliche Leib die ihnen gebührende Nahrung sei, und allnächtlich hörte man ihr Gebrüll in der Nähe des Lagers. Einmal ward auch ein Rhinozeros durch das Knallen der langen Peitsche aus seinem Schlummer geweckt und erhob seine graue finster drohende Masse aus dem hohen Grase, so daß die Zugochsen voll Angst und Schrecken gleich Rennpferden davonzustürmen begannen und der Wagen zerbrochen niederstürzte. Vergeblich schlugen Büchsenkugeln auf das dicke Fell des gewaltigen Tieres, es zog in langsamem Trabe ab in den Wald, wo die kleineren Bäume sich krachend beiseite bogen vor seiner Last. Es kostete Mühe und Zeit, den Wagen wiederherzustellen. Oft mußte der Zug in dem wegelosen Lande sehr große Umwege machen, um den Wagen fortbringen zu können und tiefe Schluchten zu vermeiden. Mehrmals mußten Schaufeln und Hacken gebraucht werden, um den Weg fahrbar zu machen.
Am sechsten Reisetage gelangte der Zug zu den ersten Außenposten der Zulus, welche an der Grenze aufgestellt waren, um die Ankunft von Feinden zu erspähen und die Flucht oder den Raub der Viehherden aus dem Innern des Landes heraus zu verhindern. Ehrfurchtsvoll begrüßten die Zulukrieger die herankommenden Gesandten. An eben dieser Stelle, in einem Engpaß zwischen bewaldeten Höhen, bot sich ein Anblick, der selbst den Missionar, obwohl er landeskundig war, überraschte. Ein wunderschöner und riesiger Baum stand im Thale, eine Art von Feigenbaum, der seine belaubten Äste und Zweige nach allen Seiten ausstreckte und eine runde, gewölbte Form gleich einer Linde, nur größer, hatte. Aus dem Grün aber blickten spitze Dächer wie von Hütten hervor, und schwarze Gesichter erschienen zwischen den Zweigen. Mehrere Schwarze saßen auch an den Wurzeln des Baumes. Es zeigte sich, daß der Baum bewohnt war und daß siebzehn kleine Hütten in seinen Ästen zu zählen waren. Die Weißen stiegen neugierig den mit vielen Knoten besetzten Stamm hinan und besuchten die Einwohner, welche dem Stamme der Eingeborenen angehörten, die ehemals das Land bevölkert hatten, nun aber fast ganz ausgerottet waren. Die kleinen Hütten, in welchen ein Mann kaum aufrecht stehen konnte, waren sehr elend ausgestattet. Getrocknetes Gras bedeckte den Fußboden, und ein Speer, ein hölzerner Löffel und ein Topf voll gedörrter Heuschrecken war der einzige Besitz in der Familie, welche sie besuchten. Das Gebäude war so hergestellt, daß aus geraden Brettern eine Plattform gebaut war, auf welcher sich eine spitze Hütte, ähnlich einem Schilderhause, erhob. Doch nahm diese Hütte, welche kaum zwei Meter Durchmesser hatte, nur die Hälfte der Plattform ein, die andere Hälfte gab einen freien Platz vor der Thür. Ein Weib mit einem Kinde an der Brust saß in der Thür, während der Mann und einige Knaben sich in der Nähe auf den Zweigen wiegten. Der Missionar bat um etwas zu essen, und bereitwillig bot ihm die Frau von den Heuschrecken an. Mehrere andere Frauen kamen unterdessen herangeklettert und sprangen von den Nachbarhütten her von Ast zu Ast, hockten in einiger Entfernung nieder und guckten und schwatzten. Der Missionar kostete die Heuschrecken und gab der Frau dann Maiskuchen und getrocknetes Fleisch aus seiner Tasche. Der Lord teilte Tabak unter alle die Leute aus, welche in der Nähe zu sehen waren. Furcht vor den Löwen war es, was diese armseligen Leute zu solchem Wohnen getrieben hatte.
Als die Reise weiterging, erschien das Land immer dichter mit Ruinen von Städten und Dörfern bedeckt. Einige dieser Ruinen waren von erstaunlicher Ausdehnung. Dazu waren Hügel und Thäler sehr reich an Boden und Wasser. Der Boden war an manchen Stellen ganz schwarz, eine fette Erde, die, wohl drei bis sechs Meter tief, von den schnell fließenden Gewässern angeschwemmt, den Granitgrund bedeckte. Noch waren Spuren davon zu finden, daß ehedem Kafferkorn, Wassermelonen, Kürbisse, Bohnen und Hirse hier gewachsen waren. Die Ruinen mancher Städte zeigten Spuren großer Arbeitsamkeit und Ausdauer. Steinerne Einfriedigungen, einige vier, einige bis zu sieben Fuß hoch, waren zu sehen, und diese Mauern waren ohne Mörtel, ohne Richtscheit, ohne Werkzeug ausgeführt. Ein jedes Ding war kreisrund: sowohl die inneren Umwallungen und Zäune, welche jede einzelne Wohnung umgaben, als auch die äußeren Mauern, welche das ganze Dorf oder die ganze Stadt umschlossen, waren im Zirkel aufgebaut. Als der Missionar mit seinen jungen Freunden durch die Trümmerfelder dieser Städte hindurchstrich, fanden sie die Überbleibsel einiger Häuser, welche den Flammen entgangen waren. Diese waren groß und in einer Bauart errichtet, die weit ausgebildeter war als irgend eine andere, welche sie bis jetzt unter den Wohnorten der Eingeborenen Südafrikas gefunden hatten. Die kreisrunden Wände waren gemeiniglich aus einer harten Thonart mit geringer Beimischung von Kuhdünger gebildet und so gut verstrichen und geglättet, indem die äußere Fläche aus feinerem Thon mit Erzstaub vermischt war, daß das Innere der Häuser den Anschein hatte, als wäre es gefirnißt. Mauern und Flure waren hübsch verziert und mit Architraven und Simsen gegliedert. Die Stützen, welche das vorspringende Dach trugen, hatten Säulenform und waren mit Bildwerken verziert, welche Geschmack bezeugten. Doch war alles in einem zerbrechlichen Material ausgeführt, nur das Fundament und die äußeren Einfriedigungen waren von Stein. Alle Häuser trugen ein konisch geformtes Dach, welches so weit vorsprang, daß um das Gebäude herum eine schattige Veranda entstand. Der Bau der Einfriedigungen mußte unendliche Mühe gemacht haben, denn alle Steine waren augenscheinlich auf den Schultern von Menschen herbeigeschleppt, und die Orte, woher sie gebracht worden waren, lagen weit entfernt. Auch die umgebenden Hügel, welche die Spuren der Landwirtschaft zeigten, bewiesen Ausdauer und Fleiß der Bewohner, denn die Instrumente, mit denen sie bearbeitet worden waren und deren manche umherlagen, waren von einfachster, rohester Beschaffenheit. Es waren die Wohnsitze der Bakonis, und Feuer und Schwert hatten die Einwohner und ihre Städte zerstört.
Nachdenklich durchwanderte der Missionar diese Stätten der Verwüstung und dachte zurück an die Zeit, wo diese Hügel und Thäler, die nun ein Bild der Zerstörung und Verödung boten, von den Ausbrüchen heidnischer Lust erfüllt gewesen waren. Nun war nichts übriggeblieben als zertrümmerte, rauchgeschwärzte und von Gras überwucherte Mauern, Steinhaufen und Schutt, vermischt mit den Knochen der Ermordeten, und die weißen Schädel, welche zwischen den Ruinen hier und da vom Boden emporblickten, schienen eine schaurige Geschichte erzählen zu wollen. Raubvögel, Schakale und Löwen sowie giftige Schlangen waren jetzt die einzigen Bewohner der einst lachenden Gefilde.
»Ist es nicht, als ob der Zulukönig sein Land mit einem Gürtel der Verwüstung hätte umgeben wollen?« fragte der Lord den Missionar. »So gingen einst die französischen Heere aus, um die deutschen Nachbarstaaten in eine Einöde zu verwandeln, doch haben die Zulus ihre Sache noch gründlicher verstanden, als die Generale Ludwigs des Vierzehnten.«
Von Zeit zu Zeit traf der Zug auf Viehherden der Zulus, welche auf den Trümmerfeldern weideten, und Leute, die dem vernichteten Volke angehörten, dienten als Knechte bei deren Hirten. Aber wenn die Weißen sich nach früheren Zeiten bei ihnen erkundigen wollten, wichen jene scheu aus, denn sie fürchteten sich, die vornehmen Leute, welche den Reisezug anführten, zu erzürnen. Sie zitterten vor den hochmütigen Zulus, die das Land mit eiserner Rute beherrschten. Auch wurde es offenbar, daß die Eroberer bestrebt waren, ein Dunkel über die Ereignisse zu verbreiten, welche die ringsum sichtbare Verwüstung herbeigeführt hatten, denn Humbati und Molihabantschi traten immer herzu, wenn der Missionar sich mit den Leuten bei den Viehherden unterhalten wollte. Doch war einer unter den Anhängern des Titus Afrikaner, der aus dieser Gegend gebürtig war, ein athletischer, ernst blickender Krieger, welcher mit trübem Blick über die öden Gefilde hinsah. Er erzählte in der Betschuanensprache dem Missionar von der Geschichte seines Vaterlandes. Er beschrieb die frühere Einwohnerschaft desselben als so zahlreich wie die Heuschrecken, reich an Vieh, und als Handelsleute, welche mit den Erzeugnissen ihrer Industrie und Viehzucht selbst entfernt wohnende Völkerstämme versorgt hätten. Er war Zeuge der Einfälle der Matabeles und Mantatis gewesen, welche Wohlstand und Glück der Bewohner gleich einer Sturmflut hinweggeschwemmt hatten, aber nichts -- so sagte er -- habe an Furchtbarkeit dem Eindringen der Heere Pandas und seines Sohnes Tschetschwajo geglichen. Doch wagte er nur flüsternd und heimlich über diese Dinge zu sprechen.
An einem Morgen, als die Ochsen zusammengetrieben wurden, um angespannt zu werden, hatte der Missionar einen Hügel erstiegen, an dessen Fuße während der Nacht geruht worden war. Er setzte sich eben unter einem Feigenbaume nieder und blickte nach dem Horizont, als jener Begleiter des Titus Afrikaner sich zu ihm stahl, um ihm Antwort auf einige Fragen zu geben, die er gestern wegen der Nähe der Zulus nicht hatte beantworten wollen. Er kauerte neben dem Missionar im Grase nieder, und beide unterhielten sich, als der alte Mann nach einem Trümmerfelde zeigte, welches sich rechter Hand in der Ebene zeigte, und seinen Genossen fragte, was wohl aus den ehemaligen Bewohnern jener Stadt geworden sein möchte. Der Bakoni warf einen Blick dorthin, und nach einer Pause des Brütens sprang er im Übermaß seiner Gefühle in die Höhe, streckte seine rechte Hand in der Richtung der Trümmerstätte aus und rief: »Ich bin es, ich, der dort herrschte.« Er versank von neuem in Nachdenken und fuhr dann fort: