Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 15

Chapter 153,531 wordsPublic domain

Eines Tages ereignete sich ein bemerkenswerter Vorfall, welcher eine Veränderung in dem Benehmen des Häuptlings hervorrief. Als der Missionar nachts in tiefem Schlafe lag, berührte eine Hand seinen Arm, und erwachend hörte er Pieter Maritz' Stimme, welcher ihm zuflüsterte, er möge aufstehen und auf seiner Hut sein, da es ihm schiene, als wollte jemand in die Hütte einbrechen. Beide weckten nun den Lord, und vereinigt gaben sie Achtung auf ein sonderbares Geräusch an der einen Seite der Hüttenwand. Sie hielten sich ganz still, und Pieter Maritz sowie der Engländer hatten zu ihrer Verteidigung ihre Messer, mit denen sie zu essen pflegten, bereit, da diese ihre einzige Waffe waren. Sie sahen nach wenigen Minuten zwei Gestalten durch die durchbrochene Wand hereinkommen und eine von diesen sofort nach dem Platze eilen, wo der Missionar zu schlafen pflegte, und einen furchtbaren Hieb mit der Streitaxt nach dem Kopfende führen. Es war nicht hell genug, um die Personen zu erkennen, aber es fiel doch genug Licht durch die Ritzen der Hütte und die durchbrochene Wand herein, um die Bewegungen der Gestalten zu sehen. Als nun die jungen Leute sich mit lautem Rufen auf die beiden Schwarzen warfen, gerieten diese in Bestürzung und Schrecken, der eine floh ohne weiteres durch das Loch zurück, der andere leistete noch kurze Zeit Widerstand, erhielt dabei einen Messerstich von des Engländers Hand in den Arm und entkam dann gleichfalls.

Über diesen Einbruch beklagte sich der Missionar am folgenden Morgen bei Fledermaus, aber dieser machte nichts aus der Sache, sondern fertigte den Kläger mit der kurzen Bemerkung ab, er möge zufrieden sein, daß man ihm keinen Schaden zugefügt habe. Hierdurch wurden die beiden Einbrecher so frech gemacht, daß sie sich nicht versteckten, sondern gerade heraus sagten, sie seien es gewesen und würden ein anderes Mal wohl besseres Glück haben. Aber am Abend dieses Tages kam Titus Afrikaner, und als er von der Geschichte hörte, geriet er in großen Zorn. Er ließ die beiden Leute, deren einer den Arm verbunden hatte, herbeikommen und fuhr sie hart an.

»Wißt ihr nicht,« sagte er, »daß die Weißen unter dem Schutze eures Häuptlings stehen? Wißt ihr nicht, daß der Weißbart dem Morimo geheiligt ist? Habt ihr vergessen, daß Morimo selbst sich auf seinem Haupte gezeigt hat? Wer die Mordwaffe gegen das Haupt erhebt, das von Morimo geheiligt ist, der ist des Todes schuldig.«

Tief erschrocken flehten ihn die Übelthäter um Gnade an, aber der Häuptling blieb unerbittlich und ordnete an, daß sie auf der Stelle getötet würden. Schon wurden sie abgeführt, und die Speere, mit denen sie niedergemacht werden sollten, blinkten schon in der Abendsonne, denn der Respekt vor dem Häuptling war groß, und Menschenleben standen nicht in hohem Preise unter dieser Schar -- da gebot der Missionar Halt und wandte sich bittend an Titus Afrikaner.

»Laß diese Leute leben!« sagte er. »Woher sollen sie Zeit nehmen, ihre Übelthat zu bereuen, wenn du sie tötest?«

Erstaunt und betroffen sah der Häuptling ihn an und schwieg eine lange Weile, während in seinem Gesichte ein rascher Wechsel der Empfindungen zu lesen war.

»Du bittest für Schurken, die dich haben ermorden wollen?« fragte er endlich mit weicher Stimme.

»Es ist die Lehre Gottes, dem ich diene, daß der gute Mensch auch seine Feinde liebt,« antwortete der Missionar.

»Und wie kann ein Mann seine Feinde lieben?« fragte jener.

»Er kann sie lieben, weil er einsieht, daß seine Feinde nur im Irrtum sind, wenn sie ihn berauben und töten wollen. Denn sie glauben doch, daß es ihnen nützen würde, wenn sie sich fremdes Besitztum aneigneten und ihre Gegner umbrächten. In Wahrheit aber thun sie sich selbst damit den größten Schaden, denn sie werden nichts antworten können, wenn sie dereinst nach ihrem Tode von dem Gott, welcher ein Richter ist, gefragt werden, ob sie im Leben gut und edel gewesen sind. Vorlügen können sie ihm nichts, denn er weiß alles. Dann aber werden sie nicht in den Himmel kommen, sondern in die Hölle. Wenn ich nun weiß, wie übel es denen ergehen wird, die mir Schaden thun, muß ich da nicht Mitleid mit meinen Feinden haben?«

»Gebt die Leute frei und tötet sie nicht!« rief der Häuptling. Am andern Tage aber kam er schon früh, was gegen seine Gewohnheit war, zu dem Missionar und führte ihn auf einen einsamen Platz unter einem schattigen Baume.

»Mein Vater,« sagte er, »ich hatte diese Nacht einen bösen Traum.«

»Was träumte dir?« fragte der Missionar.

»Mir träumte, daß ich am Fuße eines steilen und felsigen Berges stünde, über welchen ich hinübergehen mußte. Es gab nur einen einzigen Pfad, welcher zum Gipfel führte, und dieser ging an einem tiefen Abgrunde hin. Aus diesem Abgrunde drangen Rauch und Flammen empor, und Blitze zuckten aus ihm hinauf. Der Anblick machte mich fürchten, ich wandte mich ab und ging zur Seite. Da stand ich vor einer großen Finsternis, so daß ich mich nicht zurecht finden konnte, und aus diesem dunklen Lande scholl mir eine Donnerstimme entgegen und rief mir zu, es gebe keine Flucht für mich, sondern ich müßte über den engen Pfad. Ich versuchte nun, ihn hinanzuklimmen, aber die Hitze aus dem brennenden Abgrunde war furchtbar, so daß ich in Todesschweiß niedersank. Aber als ich zu Boden fiel, wandte sich mein Blick aufwärts zu dem Gipfel des Berges und sah eine Gestalt auf einem grünen Hügel stehen. Diese Gestalt war sehr hell, denn sie ward von der Sonne beschienen, und sie kam mir auf dem schmalen Wege entgegen, streckte die Hand gegen mich aus und winkte mir. Da raffte ich mich auf, hielt beide Hände von der Seite vor mein Gesicht, um es vor der Glut des Abgrunds zu schützen, und kletterte empor durch Rauch und Glut, obwohl ich es unerträglich für menschliche Gestalt fand. Und endlich kam ich am Abgrunde vorbei und nahe dem grünen Hügel, auf dem der Fremde gestanden hatte, und das Land war ringsum hell und schön, aber als ich nun den Fremden, der vor mir hergeglitten war, anreden wollte, da wachte ich auf.«

»Und was denkst du selbst über diesen Traum?« fragte der Missionar. »Was, meinst du, könnte seine Bedeutung sein?«

»Dieser Traum sitzt in mir, wie ein vergifteter Pfeil im Fleisch sitzt,« entgegnete der Häuptling. »Ich kann es nicht aushalten, darüber nachzudenken, außer in einer einzigen Art.«

»Und welche Art ist dies?«

»Ich denke, der Pfad war der schmale Weg, von dem du gesprochen hast, daß er zum Himmel führe. Die helle Gestalt aber ist der Heiland, von dem du gesagt hast, daß er alle Menschen erlösen wolle. Das Feuer und der Rauch aber sind die Mühsale, die ich zu überstehen habe, wenn ich ein guter Mensch und ein Christ werden will. Denn ich bin ein Häuptling, und meine Krieger werden mich verachten, die Buern aber werden mich töten, wenn sie mich nicht mehr zu fürchten haben.«

Nachdem er dies gesagt hatte, stand der Häuptling auf, ging langsam von dannen und ließ sich eine Woche lang nicht wieder sehen. Die Weißen aber erhielten nach dieser Zeit die Nachricht, daß die Räuber eine Ratsversammlung, einen Pitscho, wie die Betschuanen sagen, abhalten wollten. Der Pitscho sollte auf der Khotla, dem freien Platze neben dem Dorfe des Fledermaus, sein.

An dem bestimmten Tage sahen die Weißen eine Schar Krieger nach der andern herankommen, denen die Anführer mit seltsamen Sprüngen und mit hoch geschwungenen Waffen voranschritten. Alle die verschiedenen Abteilungen der großen Räuberschar, welche ringsum im Gebirge verteilt wohnten, kamen zusammen. Sie bildeten einen Kreis um einen großen Raum in der Mitte, hockten alle am Boden nieder und stellten ihre Schilde vor sich, so daß eine geschlossene Wand wie eine Barriere den inneren Kreis bezeichnete, während dahinter dichte Scharen lagerten. Alsdann stimmten sie einen gemeinsamen Gesang an, und Titus Afrikaner als der Vornehmste unter ihnen führte einen Tanz auf, indem er mit feierlichen Schritten und Sprüngen inmitten des freien Platzes die Musik begleitete. Hierauf hockte auch er nieder, und nun stand einer der Führer auf und hielt eine Rede, welche er mit dreimaligem Geheul einleitete. Diese Rede enthielt eine scharfe Verurteilung der beiden Häuptlinge Titus Afrikaner und Fledermaus und war mit sehr spitzigen Bemerkungen gewürzt. Er sagte, daß die Häuptlinge in ihrer Sorge für das Wohl des Volkes nachgelassen hätten. Besonders sei Titus Afrikaner zu tadeln. Anstatt sich bei den Führern der Krieger Rats zu holen, sitze er mit den Weißen zusammen, und sie schwatzten wie die Weiber. Darüber werde vergessen, Raubzüge in das umliegende Land zu unternehmen und Vieh zusammenzutreiben. Man könne sehen, daß die Häuptlinge fett würden, und das sei kein gutes Zeichen, denn die Beleibtheit eines Häuptlings verrate, daß er sich wenig Sorge um seine Untergebenen mache und den Gebrauch der Waffen vernachlässige. Nachdem der Redner geendigt hatte, trat ein anderer auf, und nach diesem ein dritter. Ein jeder brachte ähnliche Klagen vor. Das Vieh verringere sich, das Ansehen der Schar nehme ab, die Krieger würden unter solchen Verhältnissen unlustig. Und zum Schluß richtete ein vierter Redner unter allgemeinem Beifall der Versammlung die Aufforderung an Titus Afrikaner, alsbald den jungen Engländer für ein gutes Lösegeld seinen Landsleuten zurückzugeben, den Buernsohn zu töten und den Missionar fortzuschicken, dann aber sogleich einen großen Zug in das Buernland zu unternehmen, um die Würde seines hohen Amtes wiederherzustellen.

Der Missionar, welcher nebst dem Lord und dem Buernsohn der Versammlung außerhalb des Kreises beiwohnte, war nicht verwundert über diesen Gang der Verhandlung, da ihm wohl bekannt war, mit welchem Freimut bei den meisten südafrikanischen Völkern die Pitschos hinsichtlich der Häuptlinge verfahren. Aber er war verwundert, als er, nachdem die Ankläger still geworden waren, keine Entgegnung vernahm. Denn in der Regel pflegt der getadelte Häuptling, wenn alle Unzufriedenen geredet haben, sich zu verantworten. Er pflegt seine ganze Beredsamkeit bis zum Ende der Verhandlungen aufzusparen, um dann die gehaltenen Reden zu zergliedern und in wütender Sprache diejenigen zu geißeln, welche gewagt haben, ihm ihre Füße auf den Nacken zu setzen. Aber hier geschah dergleichen nicht. Titus Afrikaner blieb mit gesenktem Haupte sitzen, als ginge die Sache ihn nichts an oder als wisse er nicht, was er sagen solle. Alle blickten verwundert auf ihn, und sein Bruder Fledermaus erhob sich und sah ihn vorwurfsvoll an.

»Redest du nichts?« fragte Fledermaus. »Weißt du nichts zu sagen, und soll ich als Jüngerer für dich sprechen?«

Titus Afrikaner erhob sich langsam, stützte sich auf die Streitaxt, die er in der rechten Hand trug, sah mit wehmütigem Blicke über die Versammlung hin, und sein Gesicht zuckte von schmerzlichen Gefühlen.

»Meine Freunde,« begann er, »es war eine Zeit, wo ein Häuptling in den fernen Thälern wohnte, dort, wo die Sonne um Mittag steht. Er wohnte mit seinem Bruder und seinen Schwestern in den Gefilden, die seinen Vätern gehört hatten, und ringsum waren die Wiesen bedeckt von seinem Vieh. Er war glücklich und reich. Aber Morimo zürnte ihm und ließ die weißen Männer in sein Land kommen. Er verlor durch die Buern alles, was er hatte, sein Vieh, seine Familie, seine Wiesen und Äcker, es blieb ihm nur sein treuer Bruder, und es blieben ihm seine Waffen und einige Freunde. Er schwur, daß er den Weißen nie verzeihen werde, und zog in das Gebirge; dort versammelte er viele hundert tapfere Männer um sich und führte Krieg gegen die Buern. Wiederum ward er reich und stark, aber glücklich ward er nicht. Denn in seinem Herzen peinigte ihn jenes unsichtbare Wesen, von welchem die weißen Männer Kunde haben, und machte ihn unruhig. Es flüsterte ihm zu, daß die erschlagenen Männer und die verwaisten Kinder ihm zürnen und ihm keine Ruhe lassen würden, wenn sie ihm dereinst nach dem Tode an jenem Orte über der Erde begegneten, wo die Verstorbenen leben. Nun ist dieses unsichtbare Wesen so stark in ihm geworden, daß es ihn betäubt und ihm den Anblick seiner Krieger und des fetten Viehes verleidet. Er will nicht mehr mit den Waffen in die Ebene ziehen und Mord und Brand unter den Weißen verbreiten. Darum fahrt wohl, kriegerische Waffen und Schmuck des Häuptlings! Titus Afrikaner will euch nicht mehr tragen, er will im Verborgenen leben und Gott bitten, daß er seiner Seele gnädig sei.«

Mit diesen Worten legte der Häuptling die Streitaxt und die Büchse zu Boden, streifte die goldenen Ringe von den Armen und nahm die Kriegsfedern vom Haupte.

Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen in der bestürzten Versammlung, dann aber erhob sich lautes Schreien und höhnisches Lachen, mehrere der Führer aber zückten ihre Wurfspieße, als wollten sie den Häuptling niederstoßen, der ein in ihren Augen so jämmerliches Schauspiel bot.

Aber mit einem Male änderte sich die Haltung des Pitscho, und von neuem trat Schweigen ein. Zwei dunkle geschmeidige Gestalten traten in den Kreis ein, und Pieter Maritz erkannte in diesen die Gesandten des Zulukönigs, Humbati und Molihabantschi.

Elftes Kapitel

Die Reise in das Zululand

In dem ehrfurchtsvollen Schweigen, welches die Erscheinung der Zulus unter den Räubern hervorrief, erkannte der Missionar die Bedeutung der beiden Männer, die er einst vom Tode durch die Gewehre der Buern errettet hatte, und er fand darin zugleich die Bestätigung einer Vermutung, welche er seit seinem Aufenthalte im Dorfe des Fledermaus gehegt hatte. Es war ihm nämlich so vorgekommen, als ob die Macht des Titus Afrikaner nicht allein auf dessen eigener Kraft beruhe. Die Menge der Kaffern, welche sich unter der Schar befanden, die Art und Weise, mit welcher er von dem Zulureiche Tschetschwajos hatte sprechen hören, und die Nähe der Grenze jenes Reiches hatten ihn oft denken lassen, daß die Räuber im Gebirge die Unterstützung des mächtigen Fürsten genössen, der in ganz Südafrika gefürchtet war, und daß sie gleichsam einen Vorposten der Zulumacht bildeten. In dieser Vermutung ward er jetzt durch die Ereignisse bestärkt.

Humbati und Molihabantschi, welche offenbar den Häuptlingen bekannt waren, benahmen sich im Pitscho, als seien sie die Gebieter, und während sie von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen begrüßt wurden, trafen sie Anordnungen, welche sofort als gültig anerkannt wurden. Sie geboten, daß die Scharen der Krieger bei gemeinsamer Mahlzeit in der Khotla bleiben, daß aber sämtliche Häuptlinge sich zu einer geheimen Beratung zurückziehen sollten. So geschah es. Die große Menge blieb zurück und rüstete einen Schmaus zu, Humbati und Molihabantschi aber gingen mit den Häuptlingen in den Hofraum, welcher die große Hütte des Fledermaus umgab. Dort blieben sie lange Zeit in Beratung zusammen.

Die Weißen begaben sich währenddessen, nicht ohne Sorge wegen des Verlaufs der Dinge, in ihre eigene Hütte und besprachen miteinander, was geschehen war. Die Umwandlung in der Seele des Titus Afrikaner hatte sie tief berührt, und während der Missionar sich im Dankgebet an Gott wandte, der solche Wunder unter den Heiden wirkte, erkannten der junge Lord sowohl wie Pieter Maritz so hell wie nie vorher die nie erlöschende Macht der ewigen Wahrheit in den Herzen der Menschen.

Ihr Zusammensein wurde nach einigen Stunden durch die Erscheinung Humbatis unterbrochen. Mit höflicher Verneigung und freundlichem Lächeln trat der Gesandte herein und ließ sich nach Aufforderung des Missionars auf einen Schemel nieder.

»Mein Vater,« sagte er mit demütigem Blick zu dem Missionar, »du warst unser Beschützer. Wenn deine Hand uns nicht schirmte, wären Humbati und Molihabantschi tote Männer. Wir sind deine Diener, wir gehören dir an. Siehe dort drüben, in wenigen Tagereisen zu erreichen, wohnt der große Tschetschwajo. Er wird meinem Vater zu danken wissen, was dieser uns Gutes erwiesen hat. Denn er ist sehr reich und mächtig, wir aber sind arm und schwach. Mein Vater möge die Güte haben, uns zu dem König zu begleiten.«

Obgleich voll Mut und Gottvertrauen, hörte der Missionar diesen Vorschlag doch nicht ohne Schrecken. Er hatte genug über den Zulukönig vernommen, um zu wissen, daß es keinen Mann im ganzen Südafrika gab, der mehr zu fürchten gewesen wäre. Tschetschwajo war als Tyrann ohnegleichen berüchtigt, er war ein großer Menschenmörder, Blut strömte wie Wasser in seinem Lande.

»Mein Freund,« erwiderte er nach kurzem Nachdenken, »ich erkenne die Güte an, welche du mir erweisen willst, aber ich bin nicht gesonnen, so weit zu reisen. Ich habe mir vorgenommen, die christliche Lehre hier unter den Anhängern des Titus Afrikaner zu verbreiten, und da ich mit dieser Aufgabe noch nicht fertig bin, will ich hier bleiben. Was sollte ich bei deinem Könige? Ich bin nicht begierig nach Dank und Lohn. Wir Christen thun das Gute nicht der Belohnung wegen, sondern weil unser Gott es uns so befohlen hat.«

»Ich weiß,« entgegnete der Zulu. »Aber mein Vater möge überlegen, ob er hier in Sicherheit noch länger wohnen kann. Gewiß hat er ein Beispiel seiner großen Beredsamkeit gegeben, indem er das Herz des Titus Afrikaner nach seinem Willen gebeugt hat, aber Titus Afrikaner wird ihn nicht länger beschützen können, da er nicht mehr Häuptling ist. Sein Bruder Fledermaus ist an seine Stelle getreten und wird im Gebirge die Herrschaft führen. Die Krieger aber zürnen dem weißen Manne, weil er das Herz des Häuptlings erweicht hat, und diese rohen und ungebildeten Männer können leicht eine Frevelthat an dem ehrwürdigen Haupte meines Vaters begehen, da sie dessen Heiligkeit nicht zu schätzen wissen. Mein Vater möge mit uns gehen. Tschetschwajo wird sich freuen, denjenigen ehren zu können, der seinen Knechten Wohlthaten erwies.«

»Es ist nicht möglich,« sagte der Missionar kopfschüttelnd. »Diese Reise würde mich zu weit führen. Du als ein kluger Mann weißt selbst, daß ein Mann den Kreis seiner Thätigkeit nicht zu weit ausdehnen sollte, weil er sonst seine Kraft gebrochen sieht, wie der Bogen zerbricht, der zu straff gespannt wird. Meine Wirksamkeit soll sich auf dieses Land beschränken. Hier hoffe ich durch anhaltende Thätigkeit die Früchte an den Bäumen reifen zu sehen, die ich pflanzte. Gehe ich in ein neues Land, so möchte ich in dem alten nicht nur die Früchte, sondern auch die Bäume verlieren.«

»Mein Vater ist sehr weise,« entgegnete der Zulu, »und sicherlich hat Humbati nicht die beredte Zunge, um mit ihm streiten oder ihn belehren zu können. Aber mein Vater möge Mitleid mit den Gesandten Tschetschwajos haben. Der König wird erfahren, was geschehen ist. Er wird hören, daß der weiße Mann hier ist, und er wird uns fragen, ob unser Betragen Anlaß gegeben hat, daß er uns nicht hat begleiten wollen. Er wird zornig werden, wenn wir allein kommen. Er wird es nicht glauben wollen, daß wir den weißen Mann eingeladen haben, an seinen Hof zu kommen. Er liebt es, kluge Männer bei sich zu sehen, und er hat hohe Achtung vor den Lehrern der Weißen. Uns wird er die Schuld geben, wenn mein Vater nicht mit uns kommt, und uns wird sein Zorn treffen. Ehe die Sonne untergeht an dem Tage, wo wir vor sein Antlitz treten, werden unsere Köpfe fallen. Darum, wenn mein Vater uns wirklich liebt, möge er uns begleiten.«

Der Zulu sprach so ernst und eindringlich, daß der Missionar nachdenklich ward. War diese Einladung nicht vielleicht eine Fügung Gottes und wies darauf hin, daß der blutige Tyrann für die christliche Lehre empfänglich gemacht werden sollte?

»Was wird aus meinen Begleitern werden, aus diesem Bauernknaben und aus dem englischen Krieger?« fragte er.

Der Zulu besann sich keinen Augenblick. »Diese beiden werden auf jeden Fall mit uns gehen,« sagte er. »Ich habe Befehl gegeben, daß beiden ihre Pferde und Waffen zurückgegeben werden, denn die Begleiter meines Vaters dürfen nicht beraubt werden. Ich werde sie vor das Angesicht Tschetschwajos führen, und der König selbst wird über ihr Schicksal entscheiden.«

»Habt ihr verstanden?« sagte der Missionar, sich in englischer Sprache an seine jungen Begleiter wendend. »Eure Lordschaft und du, Pieter Maritz, sollt die Reise noch weithin fortsetzen. Dieser Gesandte des Zulukönigs will euch zu Tschetschwajo bringen.«

»Meiner Treu,« sagte der Lord, »vorausgesetzt, daß ich nicht zu Fuße gehen soll, bin ich bereit, bis ans Ende der Welt zu ziehen. Ich fühle mich von einem Dämon erfaßt, der mit mir umspringt, als wäre ich ein Federball. Ich habe allen eigenen Willen verloren und werde mich über nichts mehr wundern. Ich habe hier in Afrika schon so viel erlebt, daß ich nicht erstaunen würde, wenn ich etwa selbst noch schwarz würde und mich mit Butter einriebe.«

»Und was mich betrifft,« fügte Pieter Maritz hinzu, »so vertraue ich auf Gott, und so lange ich in Eurem Schutze bin, Mynheer, werde ich auch Tschetschwajo nicht fürchten.«

»Aber wenn ich dich nun bäte, mir deine Dankbarkeit dadurch zu bezeugen, daß du diese jungen Leute heimkehren ließest?« fragte der Missionar den Zulu. »Sie sehnen sich nach ihrer Heimat. Laß sie ziehen, gieb ihnen die Freiheit. Ich aber will mit dir gehen.«

»Es ist unmöglich,« antwortete Humbati. »Ich würde den Zorn des Königs auf mich laden. Dies muß außer Frage bleiben. Die Jünglinge müssen mit mir gehen.«

Er richtete seine glänzenden Augen auf die jungen Leute. »Wenn die weißen Jünglinge mir ihr Wort geben wollen, nicht zu entfliehen,« sagte er in seinem gebrochenen Englisch, »so werde ich ihnen ihre Pferde lassen, damit sie reiten können. Und auch ihre Waffen werde ich ihnen geben, denn es ist für einen Krieger schmerzlich, unbewaffnet zu gehen.«

Beide versprachen, nicht entfliehen zu wollen, und nun wandte sich Humbati von neuem an den Missionar und bat ihn wieder mit flehendem Tone, gleichfalls mitzuziehen und ihn nicht der Gefahr auszusetzen, den Zorn des Königs ertragen zu müssen.

»Nun, wie Gott will!« rief der Missionar. »Ja, ich werde mit dir ziehen.«

Hocherfreut stand der Zulu auf und ging hinaus, um die Vorkehrungen zum Aufbruch zu treffen, und auch die Weißen packten ihre Habseligkeiten zusammen und sahen nach dem Wagen und den Zugochsen.