Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 14
»Es ist schwer, ein rechtes Verständnis für die religiösen Anschauungen der südafrikanischen Völker zu gewinnen,« sagte der Missionar. »Denn was man darüber wahrnimmt, ist voll von Widersprüchen. So haben manche Missionare schon vermutet, daß überhaupt die Verehrung der Gottheit dem Menschen nicht angeboren sei, weil sie so oft bei Kaffern und Betschuanen, bei Griquas und Namaquas keine Spur von Religion entdecken konnten. Und mein eigener Lehrer, der edle Moffat, sagte mir, daß nach seiner Erfahrung der Anblick der Schöpfung nicht hinreiche, um in der menschlichen Seele den Glauben an einen Schöpfer zu erzeugen. Er sagte mir, die Erkenntnis göttlicher Dinge in einer jeden Nation, von den verfeinerten Griechen herab bis zu den elenden Götzendienern der schwarzen afrikanischen Stämme, beruhe immer auf Offenbarung, und diejenigen, welche keine Offenbarung hätten, wären durchaus ohne Kenntnis Gottes. In gewissem Sinne mag dies auch wohl wahr sein, aber meine langjährige Erfahrung hat mich doch dahin gebracht, den Gegenstand anders anzusehen. Ich muß gestehen, daß ich nicht den Mut haben würde, zu unbekannten Völkerstämmen zu ziehen, um ihnen zu predigen, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, ich fände einen Punkt, an welchen ich die christliche Lehre anknüpfen könnte. Dieser Punkt aber kann nichts anderes sein als die angeborene Verehrung eines höheren Wesens, mag sie nun stark oder schwach sein, mag sie sich an etwas Unsichtbares oder an ein Götzenbild heften. Nur ist es schwer, zu entdecken, welcher Art jene Verehrung Gottes ist. Gemeiniglich habe ich gefunden, daß die Heiden mir in ihren Antworten auswichen, wenn ich sie nach ihrer Religion befragte. Sie sagen wohl, die Weißen wären klug und listig, sie ihres Ortes aber wären einfältig und unwissend, deshalb möge ich sie entschuldigen, wenn sie keine Auskunft gäben. Wenn ich dann aber länger mit ihnen sprach und sie auch wohl mit etwas Rauchtabak zutraulich machte, dann wurden sie offenherziger. Doch sind ihre Auskünfte immer voll Unsicherheit. Oft haben sie mir gesagt, sie glaubten, daß es ein mächtiges Wesen gebe, welches hoch über dem Monde wohne und die Erde und das Meer und alles, was darin lebe, geschaffen habe. Oder sie sagen auch wohl, sowie das Haupt ihrer Nation über alle Häuptlinge der einzelnen Dörfer erhaben sei, so sei auch der höchste Gott im Himmel erhaben über alle Häuptlinge der Nationen. Meistens sagen sie dann auch, dieser höchste Gott regiere die ganze Welt, und durch seine Allmacht hätten alle Menschen und Tiere und Pflanzen Leben und Bewegung. Er habe unbegreifliche Vollkommenheiten und Eigenschaften. Dennoch verehren selbst diejenigen, welche so sprechen, ihre Gottheit nicht in der Weise, daß man sagen könnte, sie hätten eine Religion. Sie beten nicht und opfern nicht, und wenn ich ihnen sagte, es sei sonderbar, daß sie dem allmächtigen Herrn der ganzen Welt keine Verehrung bezeugten, so antworteten sie wohl, es brauche ihn niemand zu fürchten, denn er gebrauche seine Macht niemals zum Schaden der Menschen, und er wohne hoch oben über der Sonne und dem Mond und allen Sternen. Dann habe ich wohl gesagt, dieser Gott sei herabgekommen auf die Erde, und man habe ihn gesehen, und er habe die Menschen belehrt. Aber sie wollen das gemeiniglich nicht glauben, und ein Häuptling der Betschuanen erwiderte mir einmal: »Wie kann es möglich sein, daß der höchste Gott uns würdigen sollte, zu uns zu kommen, da ja der Mond, der doch nur eine geringere Gottheit ist, sich niemals so weit erniedrigt? Welche Absicht oder welchen Vorteil könnte das höchste Wesen dabei haben, sich solchergestalt zu demütigen?« Dabei verwickeln sich diese arme Heiden aber immer in Widersprüche, denn wenn ich sie fragte, woher denn das Üble käme, das sie zu erdulden hätten, Krankheit, Armut, Tod, Sklaverei und andere Leiden, so erzählten sie wohl, ihre ersten Eltern hätten das höchste Wesen beleidigt und seitdem ständen sie unter dem Fluche. Mache ich sie dann auf ihren eigenen Widerspruch aufmerksam, da sie doch gesagt haben, das höchste Wesen thue niemand ein Leid, so werden sie gewöhnlich trotzig, leugnen ihre eigenen Worte, sagen, sie wollten überhaupt nicht mehr mit mir über Gott sprechen, und gehen weg. Ich sehe in dem allen aber eine dunkle verworrene Kenntnis der Wahrheit, welche ihren Seelen eingeboren ist, und ich lasse nicht nach, bis ich die Finsternis durch das Licht der christlichen Lehre durchbrochen habe. Bei manchem ist mir das auch durch die Gnade Jesu Christi gelungen, wenngleich es immer schwer hält, die Bekehrten dahin zu bringen, daß sie ihren Glauben nicht nur äußerlich zur Schau tragen, sondern durch ihr Leben bezeugen. Sie fallen gar zu leicht wieder in niedrige Sinnenlust zurück. So sehe ich denn dort auch jetzt meine drei christlichen Diener fröhlich zu Ehren Morimos schmausen, und ich bin überzeugt, daß sie von dem Segen des Käfers ebensoviel halten wie ihre heidnischen Stammesgenossen. Nur die stärkeren Geister unter ihnen halten die Lehre fest und bilden einen fruchtbaren Acker für das göttliche Wort. Darum lege ich auch auf die Bekehrung des Titus Afrikaner einen hohen Wert. Denn er ist zwar böser als Tausende seiner Brüder, aber er ist ein stärkerer Charakter und klüger als sie, und wenn er sich zum Christentum bekennt, so wird er ein starkes Werkzeug zur Verbreitung des Glaubens.«
»Ich glaube nicht, daß es Ihnen jemals gelingen wird, den Titus Afrikaner zu bekehren,« sagte der Engländer. »Er ist ein böser Bursche, und eher frißt er uns alle mit Haut und Haar, als daß er sich taufen läßt.«
»O doch, es sind gerade die Bösesten, welche sich bekehren, wenn sie nur kraftvoll und klug sind,« erwiderte der Missionar. »Wurde nicht Saulus zum Paulus und der erste aller Apostel? Die armen Heiden! die armen Heiden! Welch ein schrecklicher Gedanke, daß ihrer so viele sind, die das Heil nicht kennen! Ist es wohl erträglich für einen Christen, ihren Unglauben zu sehen und nicht alles, selbst das eigene Leben, daran zu setzen, ihnen zu helfen und sie mit dem Heiland bekannt zu machen? Ich sage mir immer, daß sie doch alle das Gute wollen und sich nach der Glückseligkeit sehnen, daß aber die Augen ihres Geistes geblendet sind, so daß sie den rechten Weg zur Seligkeit nicht finden können. So sucht ja auch dieser wilde Häuptling das Gute, nur irrt er sich und glaubt, daß die blutige Rache an den Weißen und der kriegerische Ruhm unter seinen Landsleuten dasjenige seien, was ihn glücklich machte. Kennt er aber erst einmal die christliche Liebe, so wird er aus seinem Irrtum erwachen.«
Die Räuber blieben um ihre Feuer versammelt und tanzten und sangen, bis die Sonne unterging und der rote Schein der Flammen allein noch die Ebene erhellte. Droben erschienen die ewigen Lichter des Firmaments und blickten in stiller Klarheit auf die wilde Scene herab, wo Hunderte von schwarzen Gestalten in Bewegung waren und bald mit ihren glänzenden Leibern vom Feuer rot beschienen wie Teufel anzusehen waren, bald in der Finsternis verschwanden, während der wirre Jubel ihrer Kehlen weithin erscholl.
Endlich gab Titus Afrikaner das Zeichen zum Aufbruch. Er kam auch zu dem Wagen, wo die Weißen sich befanden, und gebot ihnen, zu folgen. Der Missionar rief seine Diener herbei, die Ochsen wurden zusammengetrieben und eingespannt, und dann setzte sich der Zug nach den Bergen hin in Bewegung. Der Engländer hatte seine zerrissene Uniform mit einem braunen Rocke vertauscht, den ihm der Missionar aus seinem Besitz gegeben, und seinen Kopf mit einer Mütze mit breitem Schirm bedeckt, die jener ihm ebenfalls geliehen hatte. So zog alles weiter, und ein Trupp von Schwarzen folgte dem Ochsenwagen, um die heimliche Entfernung der Weißen zu verhindern.
Nachdem der Zug sich etwa eine Stunde weit in das Gebirge hinein vertieft hatte, trennte er sich. Titus Afrikaner zog mit einem Teil der Krieger bergan und schien die Höhle wieder aufsuchen zu wollen, welche ihm als Festung diente, Fledermaus aber mit dem andern Teil der Schar bog in ein Thal zur linken Hand ein. Ihm mußten auch die Weißen mit dem Wagen folgen. Die Häuptlinge schienen es nicht zu wünschen, daß der Missionar die Höhle sähe, und sie erlaubten dem Engländer und dem Buernsohn, bei dem Missionar zu bleiben. Diese verdankten die Erlaubnis der Bitte und dem Ansehen des Missionars, welcher sich von seinen weißen Freunden nicht trennen wollte.
Fledermaus führte seine Begleiter nun nach einer kleinen Hochebene, von welcher aus sich mehrere Schluchten hinabsenkten, und hier entdeckten die Weißen eine große Anzahl von Hütten, die, vom Monde beschienen, gleich einer ungeordneten Menge schwarzer, oben spitz zulaufender Erdhaufen dalagen. Ein Trupp von Weibern und Kindern kam ihnen entgegen und begrüßte die Krieger mit lautem, freudigem Geschrei. Auf dieser Hochebene pflegte Fledermaus zu wohnen, während Titus Afrikaner in der Höhle hauste. Hier befand sich ein Dorf von mehreren hundert Hütten. Von hier aus erspähte Fledermaus durch seine Kundschafter die Gelegenheit zu Raubzügen und die Annäherung des Feindes nach der einen Seite hin, während sein Bruder droben im Gebirge die andere Seite des umliegenden Landes dem hoch wohnenden Adler gleich unter Augen hielt.
Alle Hütten waren von runder Form und aus rohem Holzwerk mit Lehm hergestellt. Die Wände etwa zwei Meter hoch, und der innere Raum drei bis vier Meter im Durchmesser groß. Rauchfang und Fenster gab es nicht. Luft und Licht kamen allein durch die Thür, und diese Thür war ein ovales Loch von weniger als Mannshöhe, welches bei Nacht mit einem geflochtenen Deckel verschlossen ward. Ein Mittelpfeiler in jeder Hütte trug die Spitze des Daches von Kegelform, das aus hölzernen Sparren gebildet und mit Schilfgras gedeckt war. Dieses Dach reichte noch über die Wände hinaus und ward draußen von Stützen getragen, die in den Boden eingerammt waren, so daß ein oben bedeckter Gang um die Hütte herumführte. Das Ganze war von einem Dornengehege eingefaßt, welches bis zum Dache aufragte und so weit war, daß noch ein Hofraum vor der Hütte gebildet wurde. Zuweilen lagen auch mehrere Hütten mit ihren Hofräumen innerhalb eines und desselben Dornengeheges. Regelmäßige Straßen gab es zwischen den Hütten nicht, sondern es ward ein wirres Durcheinander von sehr engen Gäßchen gebildet.
Der Ochsenwagen war zu breit und das Gespann zu lang und breit, um in das Dorf selbst einfahren zu können. Der Missionar blieb deshalb mit seinen jungen Freunden draußen, und alle drei legten sich im Wagen selbst zur Ruhe, den Ereignissen der kommenden Zeit entgegensehend. Der vorsichtige Fledermaus stellte Posten ringsum aus, welche die Schluchten überwachen mußten und zugleich die etwaigen Fluchtversuche der Weißen verhindern konnten.
Ein Tag folgte nun auf den andern, und die Lage blieb immer dieselbe. Der Missionar sah seinen Zweck erfüllt, indem er ungehindert unter den Räubern wohnen und die Predigt des Evangeliums gleich einem guten Samen ausstreuen konnte. Der Engländer aber und der Buernsohn wären wohl gern davongegangen, der eine, um zu seinem Regimente zurückzukehren, der andere, um seine Landsleute wieder aufzusuchen. Denn Pieter Maritz sehnte sich jetzt nach Hause, und gern hätte er den Tadel oder die Strafe dafür auf sich genommen, daß er die Gesandten des Zulukönigs nicht besser bewacht hatte. Aber es gab für sie beide keine Aussicht, sich entfernen zu dürfen. Die Schwarzen thaten ihnen nichts zuleide, sondern ließen sie ruhig unter sich wohnen, aber sie litten auch nicht, daß sie sich entfernten. Beständig unterhielt Fledermaus eine Postenkette, welche die Ausgänge aus dem Dorfe und der Hochebene überwachte, und es war nicht möglich, ohne seine Erlaubnis über diese hinauszugehen. Er erteilte aber diese Erlaubnis nicht, und immer fühlten sich die Weißen unter dem argwöhnischen Blick des Häuptlings und seiner Krieger.
Es war dem Missionar und seinen jungen Freunden eine geräumige Hütte, deren Besitzer im Kampfe gefallen war, als Wohnung eingeräumt worden, hier herein hatten sie die Kisten und Decken aus dem Wagen schaffen lassen und wohnten nun in halb europäischer, halb afrikanischer Weise. Vor der Thür ihres kleinen Hauses war ein vertiefter Feuerplatz, auf welchem die Diener des Missionars das Essen kochten, und das Innere der Hütte war teils mit dem einfachen Hausgerät der Schwarzen, teils mit dem beweglichen Besitz des Missionars ausgestattet. Ein hölzerner Mörser, aus einem ausgehöhlten Baumstamm verfertigt und mit einer doppelten Keule versehen, diente ihnen dazu, die halb weich gekochte Hirse oder den Mais zu zerstampfen. Dazu hatten sie eine Handmühle, die aus einem flachen gehöhlten Steine bestand, in welchem ein anderer walzenförmiger Stein umhergerollt wurde. Hier wurden Hirse und Mais zermalmt und zu einer Art von Grütze gemahlen, aus welcher Brei gekocht wurde. Schüsseln aus Holz mit verziertem Rande und irdene Kochtöpfe mit Deckeln, große urnenförmige Wasser- und Biergefäße, kleinere Kalabassen, die mit spiralförmigen Linien verziert waren, und künstlich geschnitzte Löffel aus Holz und Elfenbein, deren Stiel einen Elefanten oder eine Giraffe oder einen Löwen darstellte, vervollständigten das Gerät, welches die Hütte des Betschuanenkriegers enthielt. Als Sitze dienten erhöhte Stellen des Fußbodens, aus Lehm gebildet, die mit Schaffellen überdeckt waren, und kleine dreibeinige Schemel, wie die Betschuanen sie als Luxusgegenstände besitzen. Dazu hatte der Missionar aus seinen Kisten einen Tisch und ein Büchergestell aufgebaut.
Der Engländer unterhielt sich meistens damit, die Hütten der Schwarzen zu besuchen und die verschiedenartigen Gestalten und Manieren der Einwohner zu beobachten. Denn hier unter den Räubern hatte sich eine verschiedenartige Menge heimatlosen und unzufriedenen Volkes angesammelt, welche alle darauf bedacht waren, die Buern zu bekämpfen und lustig vom Raube zu leben, anstatt mühsam das Feld zu bebauen und Vieh zu hüten. Hier waren hauptsächlich Betschuanen von dunkelbrauner Farbe, mit breiter Nase und nur wenig vortretendem Munde. Sie gingen zu Hause meistens nackt, nur mit dem kleinen Schurz bekleidet, und mit Fett und Butter über und über eingerieben. Die Frauen waren auf dem Kopfe ringsum rasiert, nur oben trugen sie ihr Haar wie ein Polster, gleich dem Kissen oder Kranz, worauf die Frauen in Italien und Spanien den Wasserkrug zu tragen pflegen. Dieses Haarpolster war mit einer Pomade eingerieben, Sibilo genannt, die aus Fett und Eisenglimmer bereitet war, so daß es dicht und filzig aussah und dabei glänzte. Es war außerdem von einer Schnur von Glasperlen umgeben. Im übrigen trugen sie zahlreiche Schnüre von Glasperlen um den Hals und die Füße, so daß sie wie ein kleiner Ringpanzer den Hals und oberen Teil der Brust und ebenso die Beine von den Knöcheln bis zur Wade umgaben. Dazu waren sie mit Amuletten zum Schutz gegen die bösen Einflüsse feindlicher Geister versehen, welche sie an den Halsketten befestigten, und trugen das spatelförmige Eisen am Gürtel, womit sie sich den Kopf rasierten. Ihre kleinen Kinder trugen sie in einem Tragetuch auf dem Rücken. Die Männer ließen ihr Haar wachsen, hielten es aber kurz. Sie bereiteten es ebenfalls zu einem filzigen Polster zu oder flochten es in kurze Strähne. Sie trugen Ringe von Elfenbein, Messing oder Kupfer an Armen und Beinen und dazu ihre Waffen: Streitäxte, deren Eisen durch einen keulenförmigen Griff getrieben war, den Kirri, eine mit eingeschnittenen Figuren verzierte Keule aus hartem, schwerem Holze, Messer und Lanzen. Ihr Schild war klein, mit Fell überzogen, quadratisch geformt und mit Ausschnitten versehen.
Die Kaffern waren von höherem, schlankerem Wuchs als die Betschuanen und von dunklerer Farbe. Sie waren schmaler in den Hüften und ihre Muskeln an Unterarm und Wade schwächer. Die Nase an der Wurzel ziemlich breit, oben abgerundet, die Nasenflügel etwas nach außen und nach oben gerückt, was etwa die Gestalt eines gekrümmten Schnabels gab. Die aufgeworfenen Lippen hatten einen fahlen, ins Graue spielenden Farbenton. Die Augen waren nur bei den Kindern schön, da nur bei diesen ein reines Weiß die tiefbraune Iris umgab. Bei älteren Kaffern war dies Weiß braunfleckig. Das Haar war bei Männern und Frauen hart und bei den meisten ähnlich wie bei den Frauen der Betschuanen geschoren. Sie trugen Mäntel von Tierfell, schwere Ketten von Schakals- oder Tigerzähnen um den Hals, Perlen in den Ohren, Ringe um Arme und Beine. Die Frauen waren ebenfalls mit dem Ingubo, dem Mantel aus Tierfell, und dazu oft noch mit einem ledernen Unterrock bekleidet. Die Kaffern zeigten sich hochmütiger als die andern, liebten es, zu prahlen, waren aber dabei unverschämte Bettler, die fast immer die Hütte der Weißen umlagerten, um Speise, Tabak, Bier und andere Dinge zu erhaschen. Auch logen sie viel und heuchelten.
Mancherlei wertvolle Dinge bargen die Hütten der Räuber, solche Gegenstände, welche für gewöhnlich bei den Schwarzen nicht gefunden werden, welche diese sich aber auf ihren Raubzügen verschafft hatten. Dahin gehörten namentlich Kunstwerke der südafrikanischen Schmiedekunst, wie die Betschuanen sie zu bereiten verstehen: eiserne Geräte, Schalen von Kupfer, Ketten von Kupfer und sogar von Gold. Auch kunstvoll gearbeitete Wurfspieße und Streitäxte und allerhand Hausgerät von Elfenbein, dazu kostbare Zieraten von bunten Perlen, Messing- und Golddraht.
Die Nahrung der Leute bestand zumeist aus Hirse, Kafferkorn, Kürbissen, Milch, Wurzeln, Zwiebeln, Rüben und den Früchten des Gelbholzbaumes. Milch war ihnen die liebste Speise. Sie hatten eine große Herde in Besitz, die in der Nähe des Dorfes weidete, und in jeder Hütte hingen lederne Säcke, in welchen die gemolkene Milch gesammelt wurde, um sauer gegessen zu werden. Sie verzehrten sie vermittelst eines Pinsels oder Quastes von Binsen, den sie hineintauchten und dann ableckten. Das für den täglichen Gebrauch nur abgesottene und in kleinen Körben aufgetragene Korn aßen sie mit der bloßen Hand oder einem Stückchen Holz oder mit Eisen oder einer Muschel. Zweimal am Tage aßen sie, morgens um zehn und abends um neun Uhr. Der Mann, als Herr über alles, teilte das Essen aus, nur für die ganz kleinen Kinder, welche die Milch von einer für sie bestimmten Kuh erhielten, sorgten die Mütter. Die Männer aßen für sich unter freiem Himmel, die Frauen jede einzeln im Hause, die Knaben saßen hinter den Männern, die Mädchen bei den Frauen, und die Kinder mußten mit dem fürlieb nehmen, was die Alten ihnen reichten. Vor und nach dem Essen spülten sie sich den Mund aus. Sonst aber waren sie sehr unreinlich, wuschen sich die Hände weder vor noch nach dem Essen, reinigten niemals die Schüsseln, fingen sich das Ungeziefer vom Leibe und aßen es auf. Nur die Hunde, deren es in den meisten Hütten gab, sorgten etwas für Reinlichkeit, indem sie die Schüsseln ableckten.
Der Missionar pflegte regelmäßig am Abend auf einem freien Platze in der Nähe seiner Hütte einer größeren oder kleineren Versammlung, die sich um ihn zusammenfand, Geschichten zu erzählen, in welche er eine Lehre verwob. Er ging darauf aus, die Schwarzen an sich zu gewöhnen und sie zu unterhalten, um dann nach und nach den ernsten und heiligen Zweck seiner Anwesenheit unter ihnen mehr zu betonen. Sie kamen auch gern und hörten ihm zu, aber sowohl er als seine jungen Freunde hatten bei Tag und bei Nacht viel unter ihrer Zudringlichkeit und Unverschämtheit zu leiden. Sie betrachteten zu Anfang Gesicht und Kleidung der Weißen, ihr Benehmen, ihre Art und Weise, zu sitzen, zu stehen, zu gehen, zu sprechen, zu essen und zu trinken, machten ihre Bemerkungen darüber und witzelten und lachten. Sobald sie sich aber an das Fremdartige der Erscheinung gewöhnt hatten, bemächtigte sich Gleichgültigkeit ihrer Gemüter, und sie waren nur noch darauf versessen, zu betteln und zu stehlen. Sie drängten sich zu Haufen in den Zaun und die Hütte ein, saßen auf den Sitzen, den Schemeln und den Kisten umher, hockten um die Feuerstelle und betrachteten alles mit begehrlichen Augen. Oft fehlte auch dieser oder jener kleinere Gegenstand, ein Löffel oder eine Schale, und es war nicht zweifelhaft, daß die Schwarzen ihn mitgenommen hatten. Sie thaten oft ganz so, als wären sie bei dem Missionar zu Hause, schliefen, schwatzten, rauchten in seiner Hütte und beschmutzten alles mit ihren fettigen Leibern. Mehrmals mußte ein Kaffer von dem Schreibtisch selbst heruntergeworfen werden, wo er sich, das Kinn zwischen den Knieen und die Dachapfeife im Munde, hingehockt hatte. Einmal hatten mehrere Kaffern einen gußeisernen Topf gestohlen, mit dessen Beschaffenheit sie nicht vertraut waren, da sie nur geschmiedetes Eisen kannten. Sie hatten ihn vom Feuer genommen, als Kobus, welcher das Kochen besorgte, nicht Achtung gegeben hatte; da er aber sehr heiß war, ließen sie ihn aus den Händen fallen, während sie ihn über die Dornenhecke befördern wollten, und er zerbrach auf einem Stein. Nun trugen sie die einzelnen Stücke zum Schmied, um sich Werkzeug daraus machen zu lassen, machten ein Kohlenfeuer, und die Scherben wurden mit Zangen in die Glut gehalten, um weich zu werden. Als sie aber glühend unter den Hammer kamen und nun, anstatt sich zu biegen, in viele kleine Stücke zersprangen, gleich als wären sie von Glas, da standen die Kaffern ganz verwirrt dabei und glaubten, der Missionar hätte, um sie für ihren Diebstahl zu bestrafen, den Topf verzaubert.
Unter all dem Ungemach, welches er von der Roheit und Unwissenheit der Schwarzen zu erdulden hatte, tröstete den Missionar jedoch immer wieder das Benehmen des Titus Afrikaner. Oft, wenn er im Kreise der Räuber auf dem freien Platze neben dem Dorfe Geschichten erzählte und lehrte, gab sich eine Bewegung unter seinen Zuhörern kund, und er bemerkte alsdann die finster drohende Gestalt des Häuptlings, der vom Berge niedergestiegen war, um an der Unterhaltung teilzunehmen. Zwar hätte ein anderer Mann als dieser herzenskundige Lehrer des Evangeliums sich wohl schwerlich über diesen Besuch gefreut. Denn Titus Afrikaner saß in seiner Waffenrüstung und mit dem Löwenfell gleich einem unheilvollen Feinde da, warf düstere Blicke auf den Missionar und die Schar der mit kindlicher Aufmerksamkeit zuhörenden Räuber und lachte verächtlich auf, wenn eine Lehre vorgetragen wurde, welche sich auf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele und die christliche Liebe bezog. Ja, wenn der Missionar geendigt hatte, ergriff wohl der Häuptling das Wort, verspottete ihn und stieß Beleidigungen gegen den Lehrer und seine Lehre aus. Aber alles dies konnte die Geduld des alten Mannes nicht ermüden und ihn in seiner Hoffnung nicht wankend machen. Sah er doch, daß der Häuptling immer wiederkam, daß seine Besuche immer häufiger wurden und daß er jedem Worte sorgsam lauschte. Fledermaus dagegen nahm keinen Anteil an den Predigten des Missionars, sondern betrachtete mit kaltem Auge alles, was die Weißen betraf. Er dachte an Beutezüge, aber beschäftigte sich nicht mit geistiger Arbeit. Sicherlich hätte er schon längst, so dachte der Missionar, die Weißen davongejagt, wenn nicht ein anderer Einfluß, der Befehl seines Bruders, ihm vorgeschrieben hätte, was er thun sollte.