Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 13
Die bösen Befürchtungen, welche er hegte, sollten nur zu bald in Erfüllung gehen. Als Titus Afrikaner gegessen hatte, näherte er sich den Gefangenen, neben ihm ging Fledermaus, und den Führern folgte ein dichter Haufen.
»Ihr habt nun gesehen, ihr weißen Jünglinge, daß vor der Macht unserer Waffen der Feind nicht standhält!« sagte Titus Afrikaner, indem er sich in die Brust warf und stolz auf die am Boden sitzenden Gefangenen hinabsah. »Verrat und Treulosigkeit können die Weißen üben, aber im Kampfe unterliegen sie. So auch du, Knabe, wolltest Verrat an uns üben und gabst den Buern ein Zeichen. Aber es half deinen Landsleuten nur wenig. -- Meine tapferen Krieger,« rief er dann, sich umwendend, seiner Schar zu, »welche Strafe wollen wir über diese beiden verhängen? Welche Art, sie zu töten, wird euch das größte Vergnügen bereiten? Ich werde diesen jungen Leuten einen Speerwurf weit Vorsprung geben, damit sie versuchen können, davonzulaufen. Dann sollen die guten Schützen, welche heute den Feind besiegten, mit ihren Gewehren nach ihnen schießen. Das giebt eine lustige Jagd und wird das Herz der Helden erfreuen.«
Lautes jubelndes Geschrei antwortete der Rede des Häuptlings, Speere und Schilde wurden geschwungen, und Hunderte von funkelnden Augen richteten sich mordlustig auf die Gefangenen. Die mit Gewehren bewaffneten Leute drängten sich hervor und stellten sich neben den Häuptling, und dieser gab den Verurteilten einen Wink, sich zu erheben und davonzulaufen.
Der Engländer war totenbleich, aber sah den Häuptling mit verächtlichem Lächeln an. »Diese schwarzen Spitzbuben können uns umbringen,« sagte er zu dem Knaben, »aber sie sollen uns nicht laufen sehen. Ich gehe keinen Schritt von der Stelle.«
Damit kreuzte er die Arme über der Brust, legte sich der Länge nach im Grase nieder und schloß die Augen.
Pieter Maritz war aufgestanden und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Er sah nicht auf die Schwarzen, sondern blickte zum Himmel empor. Seine Lippen bewegten sich, und leise sprach er ein Gebet, das ihn seine Mutter gelehrt hatte.
»Lauft, ihr Weißen, lauft!« rief der Häuptling wütend. »Lauft, oder ich werde euch mit Speerspitzen anstacheln lassen!«
Pieter Maritz bewegte sich nicht von der Stelle. Er betete weiter und erwartete den Tod. Auch der Lord bewegte sich nicht. Er biß die Zähne zusammen und hielt die Arme trotzig verschränkt. Die Gefangenen wollten sich nicht zum Spiel der wilden Feinde machen, sondern, ihrer Todeswunde entgegengehend, ihre Würde bis zuletzt behaupten. Und nun näherten sich mehrere der Schwarzen, die Assagaien in der Faust.
Aber in diesem Augenblick legte Fledermaus seine Hand auf des Bruders Arm und zeigte mit dem Finger zur Seite. Titus Afrikaner blickte in der bezeichneten Richtung und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Auch die Schar um ihn her hielt in ihrem mörderischen Vorhaben inne und sah dorthin, wo eine neue Erscheinung die Aufmerksamkeit der Führer auf sich gezogen hatte. Die Bewegung unter den Schwarzen war so allgemein und gab sich so laut zu erkennen, daß auch die Gefangenen davon ergriffen wurden. Der Lord richtete sich in die Höhe, und Pieter Maritz wandte seine Gedanken vom jenseitigen Leben ab, hielt in seinem Gebet inne und blickte ebendorthin, wohin sich die Augen seiner Feinde richteten.
Was er nun sah, erfüllte ihn mit der höchsten Überraschung und zu gleicher Zeit mit Freude und mit Schrecken. Am Saume des Waldes kam von fern in gemütlicher Ruhe ein Wagen daher, der mit einer langen Reihe von Ochsen bespannt war. Die Tiere gingen in dem gewöhnlichen ruhigen Schritt mit vorgeneigten Stirnen im Joche, und drei schwarze Männer begleiteten sie.
Jetzt klang der scharfe Knall der langen Peitsche herüber, und das runde Zeltdach des Wagens schimmerte hell auf dem dunklen Hintergrunde des Waldes. Vor dem langen Zuge aber ritt ein Mann, den Pieter Maritz schon von weitem deutlich an seiner Haltung und an seinem weißen Barte erkannte. Es war der alte Missionar. Er richtete seinen Weg gerade auf die Kriegerschar der Räuberfürsten.
Das Erstaunen, welches das ruhige Herankommen des Ochsenwagens unter den Schwarzen hervorrief, war so groß, daß sie unter Fragen und Rufen unbeweglich dastanden und die Anwesenheit ihrer Gefangenen gänzlich vergessen zu haben schienen. Die Gegend, in welcher sie sich befanden, wurde niemals von Wagen besucht, denn sie war weit und breit als der Tummelplatz der Räuber bekannt und gemieden. Ja noch weit über diesen Teil der Drakensberge hinaus war der Schrecken des Titus Afrikaner verbreitet, und kein Weißer lenkte seinen Schritt freiwillig in diesen Landstrich. Nur die bewaffneten Kommandos der Buern drangen wohl, wie auch heute geschehen war, in diese Thäler ein, um ihre Kraft mit der der kühnen Viehräuber und Mordbrenner aus den Bergen zu messen.
Der Wagen kam näher und näher, das Knarren der schweren Räder und das Schnaufen der Zugtiere war zu vernehmen, und noch immer blieb die Räuberschar unbeweglich und erwartungsvoll versammelt auf ihrem Platze. Jetzt stieg der alte Mann an der Spitze des Zuges vom Pferde, übergab das Tier dem einen der schwarzen Diener, in welchem der Knabe den Christian erkannte, und kam ruhigen Schrittes gerade auf Titus Afrikaner und Fledermaus zu, welche vor ihrer Schar standen, auf die Büchsen gelehnt und in erwartungsvollem Schweigen.
»O Mynheer, o lieber Freund,« sagte Pieter Maritz leise aus gepreßter Brust zu dem Engländer, »Gott schickt uns Hilfe. Das ist der Herr Missionar.«
Der alte Mann hatte die Gefangenen noch nicht erblickt, da sie durch den Haufen der Schwarzen verdeckt wurden und da er sein Augenmerk auf die beiden Männer richtete, welche er als Häuptlinge erkannte. Er blieb vor diesen stehen, erhob feierlich seine Hände und sagte in holländischer Sprache: »Der Segen Gottes sei mit euch, ihr fremden Leute! Ich bin hierher gekommen, um im Namen des höchsten Schöpfers aller Dinge mit den großen Kriegern zu reden, welche das Volk Titus Afrikaner und Fledermaus nennt. Nach eurem Ansehen und eurer Würde seid ihr Fürsten in diesem Gebirge und gebietet über die Menge der Krieger um euch. Seid gütig gegen den Boten Gottes und zeigt ihm den Weg zu den berühmten Männern, die ich euch genannt habe.«
»Ha!« rief Titus Afrikaner. »Der Weg zu ihnen ist nicht weit. Titus Afrikaner und Fledermaus stehen vor dir. Was willst du von ihnen, weißbärtiger Mann?«
»So seid ihr also diese Fürsten selbst,« antwortete der Missionar, »und der Anblick eurer Waffen und eurer schönen goldenen Ringe hat mich nicht betrogen. Ihr seid Herrscher in diesem Gebirge und gebietet über viele Streiter. Ihr seid mächtig und verbreitet den Schrecken eures Namens weithin im Lande, so daß die weißen Ansiedler sich fürchten, wenn sie von euch reden. Ich aber komme zu euch im Namen des Fürsten, der im Himmel thront und der alles erschaffen hat, was unsere Augen sehen: das Gebirge und den Wald, die Tiere und die Menschen. Dieser hat mir geboten, zu euch zu gehen und seinen Willen zu verkünden.«
Titus Afrikaner schwieg eine Weile, als der Missionar geendigt hatte, und ein nachdenklicher Ausdruck zeigte sich auf seinem klugen Gesicht. Dann wandte er sich zu seinem Bruder und seiner Kriegerschar und sagte mit lachender Miene: »Hier seht ihr, meine Brüder und Freunde, einen der Männer, welche die Weißen Missionare nennen, und erkennt die ganze Arglist dieses treulosen Volkes. Solange der weißen Männer wenige sind und sie nicht wagen, ihre Waffen mit denen der schwarzen Krieger zu messen, so lange reden sie von einem Fürsten, der im Himmel thront und von dem sie lügen, daß er unsichtbar sei. Wenn er aber unsichtbar ist, woher wissen sie dann, daß er im Himmel ist? Können sie etwas sehen, was unsichtbar ist? Aber ihr könnt gar bald erkennen, was ihr Märchen bedeutet. Denn sie lügen, der unsichtbare Fürst wollte, daß die Menschen im Frieden miteinander lebten und daß die schwarzen Männer die Fremden nicht umbrächten. Sobald ihrer aber mehr geworden sind, sobald sie genug Büchsen zusammen haben, um den schwarzen Mann von dem Jagdgebiet seiner Väter zu vertreiben, alsdann reden sie nicht mehr von dem unsichtbaren Fürsten, sondern sie fangen an, die schwarzen Männer zu erschießen, ihre Frauen und Töchter zu rauben, ihre Kinder zu Sklaven zu machen, ihre Dörfer zu verbrennen und ihr Vieh und Wild zu essen.«
Lautes Rufen des Beifalls und das Klirren der Waffen antwortete der Rede des Häuptlings aus der Schar seiner Krieger. Inzwischen hatten der Lord und Pieter Maritz sich dem Missionar genähert und der Knabe wandte sich mit flehendem Blicke zu dem alten Mann, der ihn und den Engländer voll Staunen betrachtete, und küßte seine Hand in erneutem Vertrauen und erneuter Hoffnung.
»Seht da!« rief der Häuptling, auf diese Gruppe zeigend. »Ihr werdet bald den Nutzen des unsichtbaren Fürsten kennen lernen. Dieser alte Mann will uns dessen Willen verkünden. Ich weiß schon vorher, was dieser Wille ist. Wir sollen unsere Gefangenen verschonen. Wir sollen keinem Weißen ein Haar krümmen. Aber ich sage dir, weißbärtiger Lügner, du bist zu keiner guten Stunde gekommen. Sieh dich um, die Leichen der schwarzen Männer bedecken das Gras ringsum. Sie sind von den Kugeln deiner Brüder gefallen, und wir wissen, was deine Lehre wert ist. Ich habe diese Lehre kennen gelernt, du wirst dem Titus Afrikaner nichts Neues erzählen. Habt ihr meine Krieger und Freunde getötet, so töte ich euch. Wir werden die Jagd nicht allein auf diese unbärtigen Jünglinge, sondern auch auf dich mit eröffnen. Ihr sollt alle drei von unsern Händen fallen, und deine Ochsen werden wir schlachten und essen.«
Stürmischer Beifall erklang unter den Schwarzen, und die Aussicht auf den Ochsenbraten machte sie vor Freude jauchzen. Aber von neuem erhob der Missionar seine Stimme, und der Eindruck seiner ehrwürdigen Gestalt, die Zuversicht, welche aus seinem Antlitz strahlte, die Scheu vor der weißen Farbe und das Staunen über den Mut des Unbewaffneten waren so groß, daß der Tumult schwieg und alle lauschten. Er redete jetzt nicht wieder holländisch, sondern bediente sich der Sprache der Betschuanen, weil er hoffte, daß ihn dann alle verstehen würden und daß er dann auf die Gesamtheit einen Einfluß gewinnen könne, an den er dem Häuptling gegenüber nicht mehr glauben durfte.
»Du sagst, daß wir Weißen treulos und lügnerisch wären,« begann er, »und behauptest, daß wir von dem Unsichtbaren sprächen, um euch zu betrügen, solange wir noch zu schwach wären, euch mit Gewalt zu unterdrücken. Wie kommt es denn aber, daß ich zu euch in die Berge ziehe? Fehlt es mir an Mais oder Fleisch? Konnte ich nicht bei meinen Brüdern im Lande bleiben, wohin ihr nicht kommt? Konnte ich nicht meine Ochsen, die ihr schlachten wollt, selber essen? Seht, es sind vierundzwanzig Tiere, ich hätte mein Haus auf lange Zeit damit versorgen können, und jahrelang hätte mich ihr Fleisch ernährt, wenn ich drunten bei den Meinigen geblieben wäre. Auch habe ich Mais und Reis und Kaffee und Zucker und viele andere Dinge in meinem Wagen, die ihr mir nehmen könnt, wenn ihr keine Scheu vor dem Unsichtbaren im Himmel habt, der die Sonne und den Mond und die Sterne in seiner Hand hält und die Blitze aus den Wolken schleudert. Ihr seht also, daß ich nichts von euch will, nichts von euch verlange. Nicht um etwas zu holen, suche ich euch auf, sondern um euch etwas zu bringen. Was ich euch aber bringe, das ist sehr köstlich und schön, schöner als alles, was ihr habt, schöner als Schmuck und Waffen und Vieh.«
Die Schwarzen horchten gespannt und ihre glänzenden Augen hingen unverwandt am Munde des Weißen. Titus Afrikaner blickte düster und betrachtete mit höhnischem Lächeln seiner Landsleute Mienen. Er machte eine Bewegung, als wollte er dem Missionar das Wort abschneiden, aber er besann sich und mochte wohl überlegen, daß es klüger sei, der gespannten Erwartung und Neugierde seiner Anhänger nicht entgegen zu sein. Vielleicht auch verfehlte auf sein eigenes Gemüt die Rede des Missionars ihren Zauber nicht. Denn er war aus früherer Zeit mit der christlichen Lehre vertraut und sein Gedächtnis hatte den Eindruck des Geheimnisvollen bewahrt.
»Du sagst, wir könnten von dem Unsichtbaren nichts wissen, da unsere Augen ihn nicht sehen,« fuhr der Missionar fort. »Ich sage euch aber, daß ihr auch eure Gedanken nicht sehen könnt und doch davon wißt. Du zeigst mir die Toten, die umher liegen. Warum gehen sie nicht mehr umher? Sie haben noch ihre Beine und Arme. Warum laufen und schießen sie nicht? Ich sage euch, es ist deshalb, weil das Unsichtbare in ihnen entflohen ist. Denn in jedem Menschen lebt ein Unsichtbares, und dieses geht zu dem Unsichtbaren, der im Himmel ist, den ihr Morimo nennt, das Sichtbare aber bleibt auf der sichtbaren Erde, wird begraben und verwandelt sich in Erde. Dieses unsichtbare Wesen in uns ist die Seele, welche niemals stirbt, und ....«
»Höre auf!« rief Titus Afrikaner jetzt, den Missionar unterbrechend, »du lügst ungeheuerliche Dinge! Wie?« rief er lachend seinen Kriegern zu, »dieser Mann behauptet, es lebten Wesen in uns, die man nicht sehen könnte -- hat man je so alberne Lügen gehört?«
Es erscholl lautes Lachen zur Antwort, aber Fledermaus neigte sich zu seinem Bruder und flüsterte ihm etwas zu, wobei er ein ernstes Gesicht zeigte. Titus Afrikaner hörte ihm zu, schüttelte dann aber heftig den Kopf und wandte sich von neuem zu der Schar.
»Hört nicht auf diesen Lügenschmied und Verräter!« rief er voll Wut. »Er will sich nach unsern Wohnungen umsehen und den Buern berichten, wo sie uns angreifen sollen. Bald werdet ihr die Reiter mit den Büchsen wiedersehen, wenn ihr diesen Mann lebend nach Hause zurückkehren laßt. Folgt mir, Freunde! Stoßt die Weißen nieder und laßt uns die Ochsen verzehren!«
Die folgsame Schar brüllte ihm zu, gedankenlos von einem Wunsche zum andern gelenkt, und jetzt erhoben sich viele Assagaien, und das Leben der Weißen schien verloren zu sein, als plötzlich Fledermaus einen gellenden Ruf ausstieß und mit der Gebärde des höchsten Entsetzens auf das Haupt des Missionars zeigte.
»Morimo!« schrie er warnend, »Morimo!«
Die ganze Schar der wütend erregten Männer stutzte und blickte dorthin, wohin der Finger des Häuptlings wies. Die Büchsen und Speere entfielen ihren Händen und in starrem Staunen standen viele wie versteinert da, während viele zu Boden sanken und anbetend die Hände erhoben. Scheu und ingrimmig stand Titus Afrikaner da.
»Morimo!« klang es aus vieler Munde. Verwundert sahen der Lord und Pieter Maritz bald auf den Missionar, bald auf die Schwarzen. Da aber entdeckte der Knabe die Ursache dieser allgemeinen Bewegung.
Auf dem weißen Haar des Missionars, der unbedeckten Hauptes herangekommen war, saß ein Käfer von besonderer Art, etwa ein Fingerglied lang, mit grünem, glänzendem Rücken, dazu weiß und rot gefleckt, mit schimmernden durchsichtigen Flügeln und zwei kleinen Hörnern auf dem Kopfe. Kopf und Flügel waren gelb, die Beine silbergrau, ähnlich dem Haar des Greises. Pieter Maritz erkannte die Bedeutung dieses seltenen Tierchens. Er sah, daß es der geheiligte Käfer war, welchen die südafrikanischen Völker zum Teil als einen Boten der Gottheit, zum Teil als die Gottheit selbst verehren. Die Stelle, auf welche dieser Käfer sich setzt, ist ihnen geweiht, die Person, auf welcher er sich niederläßt, wird für glückselig gehalten. Seine Ankunft bedeutet großes Glück; wenn aber das Insekt oder die Person und selbst das Tier, auf welchem er ruht, verletzt würde, bedeutete es das größte Unglück.
»Wir sind gerettet,« rief der Knabe jauchzend und sank dankbar gegen Gott auf die Kniee.
Zehntes Kapitel
Die Bekehrung
Als der Missionar die Ursache der merkwürdigen Umwandlung wahrnahm, welche in den Gemütern der Schwarzen vor sich ging, ward auch er von Staunen ergriffen. Er sah mit ernstem, nachdenklichem Blicke auf das kleine Tier, welches nun von seinem Haupte weggeflattert war und sich vor ihm, mitten zwischen ihm und Titus Afrikaner, auf dem Grase niedergelassen hatte. Wohl ward er von trüben Gedanken ergriffen, indem er sich sagte, daß es Götzendienst sei, der die Seelen dieser armen Unwissenden gefangen hielt; aber doch ward er von Dankbarkeit gegen den allmächtigen Gott bewegt, der in seiner unerforschlichen Weisheit sich dieses Mittels bedient hatte, um das Leben dessen zu schützen, der sein Wort verkündigte.
»Sieh doch, mein Sohn, wie unbegreiflich die Wege des Höchsten sind,« sagte er zu Pieter Maritz, der neben ihm stehend gleich ihm das glänzende Insekt betrachtete. »Müßten wir nicht weinen, wenn wir bedenken, daß dies arme kindische Volk seine Ohren verschlossen hält gegen das Wort des Lebens und seine Augen nicht öffnen will, um den Heiland zu sehen, während es seine Kniee beugt vor dieser Kreatur? Aber so gütig ist die Gottheit, daß sie an diesem schwachen Funken der Erkenntnis des Göttlichen, den sie in den armen Seelen glimmend erhält, die Fackel entzünden möchte, von welcher das wahre Licht ausstrahlt. Denn es ist doch die Ahnung einer überirdischen Lenkung des menschlichen Geschicks, welche in den Augen der Schwarzen diesem armseligen Insekte Wert verleiht, und in dem kläglichen Tiere verkörpert sich für diese Armen das Bewußtsein der Gottheit.«
Währenddessen hatten sich die Schwarzen in einem weiten, dicht gedrängten Kreise um den Käfer sowie um die Häuptlinge und die Weißen versammelt, welche dem Tierchen zunächst standen. Der Jubel war allgemein und stieg immer höher, indem das laute Rufen und Händeklatschen die leicht beweglichen Gemüter gleichsam berauschte, so daß immer stärker und anhaltender gejauchzt und geschrieen wurde. »Ho! Ho! Ho! Ho!« riefen sie. »Sei gegrüßt! Sei willkommen! Mache, daß wir vielen Honig erhalten! Mache, daß unser Vieh zu fressen finden möge und viel Milch gebe! Mache, daß wir fette Ochsen stehlen können, und gieb uns Fleisch und Fett in unsere Töpfe! Ho! Ho! Morimo, sei gegrüßt, sei willkommen!«
So riefen sie und tanzten dazu, schwangen ihre Speere und Schilde, schlugen die Waffen zusammen und wurden mit jedem Augenblicke lustiger, erregter, erhitzter und gleichsam trunken vor Freude. Einige liefen auf des Missionars Ochsenwagen zu, spannten die beiden vordersten Tiere aus, zogen sie herbei und schlachteten sie mit ihren Assagaien, ohne daß der Missionar es in dem allgemeinen Tumulte verhindern konnte. Sie wollten die Tiere dem Morimo zum Opfer bringen und das Fleisch zu seiner Ehre verspeisen. Andre brachten ein Kraut herbei, welches sie Buchu nannten, zerrieben es zu Pulver und bestreuten damit den Käfer, welcher ruhig sitzen blieb, warfen auch eine Handvoll davon über die Kleidung des Missionars hin und endlich bestreuten sie sich selbst damit. Mit demselben Pulver bestreuten sie auch die Eingeweide der Ochsen, ehe sie sie verschlangen. Feuer wurden von neuem angezündet, und ein allgemeines Fest ward gefeiert, an welchem auch die Diener des Missionars fröhlich teilnahmen. Der Käfer hatte inzwischen seine Flügel ausgebreitet und war davongeflogen. Niemand hinderte ihn daran, auch war kein Versuch gemacht, ihn zu fangen. Er hatte ihnen seinen Segen gebracht, mochte er nun thun, was er wollte. Es wäre verwegen gewesen, ihn zu berühren.
Titus Afrikaner allein hatte der ganzen Scene mit einer Miene zugesehen, in welcher der Missionar Unbehagen lesen konnte. Er schien nur aus Politik in den Jubel mit einzustimmen, und die verächtlichen Blicke seiner kleinen, funkelnden Augen zeigten, daß er selber anders dachte als sein Volk, daß er aber doch nicht wagte, dem allgemeinen Aberglauben entgegenzutreten.
Während die Schwarzen sich um die Feuer versammelt hatten und von neuem zu schmausen anfingen, war der Missionar mit dem Lord und Pieter Maritz zur Seite gegangen, und diese erzählten ihm ihre Erlebnisse. Niemand bewachte die Gefangenen mehr, und sie hätten jetzt vielleicht mit Erfolg einen Fluchtversuch machen können. Aber sie waren ermüdet von dem langen Marsche an dem heißen Tage, sie konnten nicht darauf rechnen, in dem unbekannten Lande sich zurecht zu finden, und sie wären nicht imstande gewesen, weit zu kommen, wenn etwa die schnellfüßigen Kaffern sich zu ihrer Verfolgung hätten aufmachen wollen. Außerdem aber war durch die Gegenwart des Missionars ein Gefühl der Sicherheit über sie gekommen, und der Lord ebensowohl wie der Buernsohn gaben sich der festen Hoffnung hin, daß sie aus ihrer jetzigen Lage auf eine bessere Art und Weise würden herauskommen können, als bei einer unüberlegten Flucht für jetzt möglich war.
So saßen alle drei im Schatten des Wagens beisammen, während die ausgespannten Ochsen ringsum ihr Futter suchten, und sie besprachen ihr Geschick und die Zukunft. Voll Verwunderung hörte der Lord die Erklärungen an, welche der Missionar ihm über die schwarzen Völker gab, in deren eigentümliches Wesen er nun selbst schon einen Einblick gethan hatte, und begierig erkundigte er sich nach der Beschaffenheit jenes Morimo, der ihm und den andern beiden Weißen heute das Leben gerettet hatte.