Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 12
Titus Afrikaner machte eine Bewegung der Ungeduld und blickte nach dem Walde hin, der das Thal linker Hand erfüllte und aus diesem hervor dort unten in die Ebene vorsprang. Da, mit einem Male, mußten die Buern etwas entdeckt haben. Die zu Fuße vorangehenden Leute blieben plötzlich stehen und verschwanden dann im Buschwerk. Nun stieg ein weißes Rauchwölkchen von der Stelle auf, wo sie verschwunden waren, ein schwacher Knall scholl herauf, und alsbald saßen sämtliche Buern ab, vereinigten sich aus beiden Trupps zu einer langen Linie mit weiten Zwischenräumen und rückten mit Ausnahme einiger weniger, welche die Pferde hielten, gegen das bewaldete Thal vor.
Atemlos sahen die Gefangenen zu -- da, plötzlich, erscholl ein wildes Geheul unten im Thale, und aus dem Walde hervor stürzte eine lange dichte Reihe schwarzer Krieger, die Speere schwingend und die Schilde vor die Brust haltend. Allen voran lief eine Gestalt in fliegendem, grauem Mantel, der Häuptling Fledermaus, der wirklich in seiner Erscheinung, wie er so aus dem Walde hervorkam, dem unheimlichen Tiere glich, dessen Namen er trug.
Die Schwarzen stürzten sich mit Kriegsgeschrei auf die Buern, so viele gegen so wenige -- aber nun entstand dort unten ein eigentümliches Bild. Die Buern waren nicht mehr zu sehen, es war, als hätte der Erdboden mit seinem hohen Grase, seinen dichten Büschen und den Felsblöcken, die zerstreut umherlagen, sie verschlungen. Aber hier und da, erst einzeln, dann immer häufiger stiegen hinter den Felsblöcken, hinter den Büschen, hinter den Stämmen der Bäume Rauchwölkchen auf, und der Knall vieler Schüsse drang aus der Entfernung empor. Unter den Schwarzen aber entstand alsbald Verwirrung. Es war, als hätte ein Taumel sie ergriffen. So viel Rauchwölkchen aufstiegen, so viel schwarze Krieger stürzten zu Boden, und die in der Nähe der Fallenden liefen seitwärts und stockten im Angriff.
»Wie diese Buern schießen!« rief der Lord voll Bewunderung. Er war so von dem Schauspiel in Anspruch genommen, daß er die eigene Ermüdung und die Gefahr seiner Person vergessen hatte und mit weit geöffneten Augen, vorn übergeneigt, nur noch den Kampf sah und nur noch an den Kampf dachte. Pieter Maritz war in derselben Spannung, und unwillkürlich zuckten seine Hände in den Banden.
Jetzt wandten sich die Schwarzen, um in den Wald zurückzukehren. Der Angriff war mißlungen oder ward vielleicht mit Absicht so früh aufgegeben, und während viele schwarze Gestalten draußen auf dem Boden liegen blieben, tauchte die Masse wieder in das deckende Grün ein und entschwand dem Blick.
Langsam und schrittweise rückten jetzt die Buern vor, indem sie einzeln nach und nach aus ihren Verstecken hervorkamen.
In diesem Augenblick hörten die Gefangenen einen zischenden Ton, wie ihn die ~cobra capella~, die gefürchtete Brillenschlange, ausstößt, wenn sie, um auf den Feind zu stoßen, den Leib aufrichtet und mit vorgestrecktem Kopfe den Hals aufbläht, und als sie nach Titus Afrikaner blickten, von dessen Platze aus der Ton gekommen war, sahen sie den Häuptling seine Büchse schwingen und seinen Gefährten winken. Er schien gewachsen zu sein: seine kleine Figur dehnte sich, und die Kampflust schwellte seine Sehnen. Er zeigte nach dem Hange hin und eilte alsbald mit leichtem, weitem Schritte die Höhe hinab, gleichsam hingleitend durch das Buschwerk, das den steilen Abfall des Berges bedeckte. Hinter ihm folgten seine Krieger, und auch die Gefangenen wurden genötigt, zu folgen, indem die letzten beiden Schwarzen sie in die Mitte nahmen. Die Richtung, welche Titus Afrikaner einschlug, mußte den Trupp gerade zwischen die Linie der Buern und den Haufen ihrer ledigen Pferde führen.
Neuntes Kapitel
Morimo
Der Abhang war so steil, daß die Gefangenen nur mit Mühe den eilig voranschreitenden Kriegern folgen konnten. Denn da ihre Hände gefesselt auf dem Rücken lagen, konnten sie weder zu ihrer Stütze die Zweige der Büsche erfassen, noch auch nur durch die Bewegung der Arme das Gleichgewicht des Körpers erhalten; dazu wurden sie durch ihre Stiefel gehindert. Mehr als einmal waren sie dem Sturze nahe, während die Schwarzen vor ihnen mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie Springböcke hinabeilten. Der Zwischenraum, der die Gefangenen von der Spitze des Trupps trennte, ward immer größer, und mehrmals mußten die sie begleitenden Speerträger sie stützen oder vorwärts ziehen.
»Könnte ich doch nur ein Zeichen geben!« stöhnte Pieter Maritz schmerzlich. »Titus Afrikaner führt seine Schützen den Buern in den Rücken. Aber wenn ich auch mein Leben opfern und laut rufen wollte, so würde es doch nichts nützen. Die Buern würden es nicht hören, denn sie sind zu weit entfernt, und wenn wir erst nahe genug sein werden, dann ist es zu spät, denn dann können die Räuber auch schon schießen.«
Aber während der Knabe noch so sprach, fühlte er, daß unter dem beständigen, teils unabsichtlichen Zerren seiner Hände an den fesselnden Bastseilen diese Fessel sich lockerte. Er that einen kräftigen Ruck, und seine starken, harten Hände hatten den letzten Halt zerrissen und waren frei. Ohne sich zu besinnen, ohne an die Gefahr für ihn selbst zu denken, steckte er zwei Finger in den Mund und ließ mit voller Macht seiner Lungen einen langhin gezogenen gellenden Pfiff erschallen. Der Ton durchschnitt weithin die Luft, und es war, als läge eine warnende Bedeutung in dem langsam ersterbenden Klange.
Augenblicklich erfaßten die Fäuste der Begleiter seine Schultern, er fühlte sich niedergeworfen, und die Assagaispitzen blitzten toddrohend über ihm in der Luft. Aber der junge Engländer ließ ihn in diesem gefährlichen Augenblick nicht im Stich. Er that, was er thun konnte. Da er sich einen Schritt zurück und auf einem höheren Standpunkte befand, gab er dem einen der Schwarzen einen kräftigen Tritt mit seinem Reiterstiefel in die Rippen. Er stürzte selbst dabei hin, aber im Fallen riß er noch den andern Schwarzen mit sich, und für einige Sekunden rollten alle vier zwischen den Büschen am Boden hin. Aber die Schwarzen waren schnell wieder auf den Füßen und hätten nun sicherlich beiden Gefangenen den Garaus gemacht, wenn nicht das Zischen der Cobra aufs neue sich hätte hören lassen und gleich darauf die dunkle Gestalt des Titus Afrikaner selbst erschienen wäre. Gleich dem Tiger kam der Häuptling in weiten Sätzen herauf. Er winkte mit der Hand, und die Schwarzen ließen von ihrem Angriff ab. Ein böses Lächeln lag auf dem Gesicht des Häuptlings. »Der Tod soll euch nicht so schnell und leicht kommen,« sagte er zu den Gefangenen, und dann wandte er sich zu den beiden Schwarzen und gab ihnen einen Befehl in der eigenen Sprache.
Diese rissen alsbald von dem zerfetzten Rockschoße des Engländers zwei tüchtige Streifen ab, rollten sie zusammen und stopften sie den Gefangenen in den Mund. Dann banden sie Pieter Maritz von neuem, und der für einige Minuten ins Stocken gekommene Zug ging weiter, nachdem der Führer sich wieder in langen Sprüngen bergab an die Spitze gesetzt hatte.
Es währte nicht mehr lange, so war das Thal erreicht, und nun ward der Weg durch sehr unebenes Terrain in derselben Richtung, welche hinter die Schützenlinie der Buern führen mußte, fortgesetzt. Ein kleiner Bach ward überschritten, und die Gefangenen, welche sich so gern hinabgebeugt und ihre brennenden Lippen erfrischt hätten, mußten sich mit der Kühlung begnügen, die ihnen das um die Füße spülende Wasser gewährte. Sie wechselten Blicke stummer Verzweiflung miteinander. Dann ging es durch ein ziemlich dichtes niedriges Gehölz, in welchem viele große Steinblöcke umherlagen, die vielleicht einmal bei einer Erderschütterung von dem überragenden Berge abgebröckelt und herabgerollt waren. Das Schießen war längst verstummt. Kein anderer Laut als das leise Hinstreichen der Körper an den Büschen und der Schritt der Männer im trockenen, knisternden Grase war zu vernehmen.
Titus Afrikaner war voran, sein Gang war langsamer geworden, er schritt vorsichtig weiter, er spähte nach links und rechts. Er mußte seiner Berechnung nach jetzt nahe an der Stelle sein, von wo er die Gewehre seiner Krieger und das eigene Geschoß von der Seite und von hinten auf die Feinde lenken konnte. Nun sprang er mit der Gelenkigkeit des Raubtiers auf einen hohen Stein, um über die vorliegenden Büsche hinwegblicken zu können, und streckte den Hals.
Aber in dem Augenblick, wo er mit vorgeneigtem Kopfe auslugte, ward ein feines Pfeifen hörbar, eine der purpurn schimmernden Federn in dem Haarputz des Häuptlings stob davon, und gleich darauf war das scharfe Krachen eines Büchsenschusses zu vernehmen. Ein Wutgeheul brach aus des Führers Munde hervor und klang unter seinen Kriegern wieder. Die Buern hatten das Nahen des neuen Feindes gemerkt und eine andere Stellung eingenommen, um ihm Widerstand leisten zu können.
Titus Afrikaner schwang seine Büchse hoch in die Luft, zeigte nach vorwärts und stürzte sich in die Büsche. Hinter ihm liefen die andern Schwarzen, und auch die Gefangenen wurden mitgeschleppt. Nur etwa hundert Schritte aber ging es noch weiter. Denn jetzt lichtete sich das Gehölz, eine für den Überblick fast freie, von kleinen Einsenkungen durchzogene Ebene, in welcher auch Steinblöcke lagen und einzelne Büsche standen, dehnte sich vor den Angreifern aus. Pieter Maritz, hinter einem Baumstamm versteckt, konnte linker Hand in großer Entfernung den Saum des Waldes erkennen, aus welchem Fledermaus bei seinem ersten Angriff hervorgebrochen war, und schloß aus der Form, wie sich ihm das Land jetzt zeigte, daß er in der Nähe des Weges sei, auf welchem die Buern vorhin an dem Berge vorübergeritten waren. Doch war weder von den Buern noch von ihren Pferden etwas zu sehen. Der Knabe lächelte zufrieden und freute sich im Herzen. Er kannte die Fechtart seiner Landsleute, und die Büchsenkugel, welche des Häuptlings Kopf gestreift, hatte ihn beruhigt.
Seine Erwartungen wurden bald bestätigt. Unmutig und ungeduldig, auf den Feind zu stoßen, zauderte Titus Afrikaner nicht lange im Saume des Gehölzes. Er schickte zehn seiner Speerträger aus dem schützenden Dickicht hervor. In niedergeduckter Haltung, den Schild vor den Kopf haltend und den Speer in der Rechten, rannten diese Leute heraus und in die Ebene hinein. Aber sie kamen nicht weit. Alsbald tauchten kleine Rauchwölkchen aus dem Grase, hinter den Steinblöcken und hinter den Büschen auf, der Knall der Büchsen ertönte in der Nähe, vier von den Schwarzen stürzten zu Boden, und die übrigen rannten, in Entsetzen vor dem unsichtbaren Feinde, in das verbergende Gehölz zurück.
Den Gefangenen war es inzwischen gelungen, sich des Knebels in ihrem Munde durch wiederholte angestrengte Bewegungen der Kinnbacken zu entledigen, und ihre Wächter waren so sehr mit dem Betrachten des Kampfes beschäftigt, daß sie nicht darauf achteten. So konnten sie sich wenigstens unterhalten. Sie kauerten nebeneinander hinter den Stämmen zwei nahestehender Aloebäume und duckten sich in das Gras nieder, um nicht selbst irrtümlich eine Kugel zu bekommen.
»Wie sie tiraillieren können, diese Buern!« sagte der Lord, ganz in Staunen verloren. »Man sieht sie gar nicht. Noch keinen Hut habe ich erblicken können, und doch liegen sie keine dreihundert Schritte entfernt.«
»So nahe!« erwiderte Pieter Maritz. »O wenn ich denke, daß die Befreiung so nahe ist! Aber wenn wir aufsprängen und hinüberliefen, so möchten wir wohl sehr bald ein Ziel für beide Parteien werden, denn die Buern würden nicht gleich erkennen, wer wir wären, und die Räuber würden uns verfolgen.«
Der Lord nickte. »Und doch wäre es vielleicht klug, davonzulaufen,« sagte er, »denn dann wäre es rasch mit uns aus. So aber -- doch es ist ein eigentümliches Gefühl, das mich zurückhält. Ich glaube, die Hoffnung stirbt erst, wenn man uns selbst getötet hat.«
Das Gespräch zwischen den beiden Gefangenen hatte inzwischen ihre Wächter aufmerksam gemacht, und diese mußten wohl auf denselben Gedanken gekommen sein, der jene bewegte. Sie nahmen biegsame Zweige von einer in der Nähe stehenden Weide und banden den Gefangenen die Füße zusammen.
Titus Afrikaner, voll Wut, daß sein Plan eines Überfalls gescheitert war, konnte jetzt seine Kampfbegierde nicht mehr mäßigen. Er winkte seinen gleich ihm mit Gewehren bewaffneten Leuten und drang mit ihnen vor. Aber nicht frei vorlaufend setzten sich diese auserwählten Krieger dem feindlichen Feuer aus, sondern sie krochen im Grase vorwärts, fast ganz flach liegend und dennoch stets schußbereit, mit den Knieen und Ellbogen sich weiterschiebend, während sie den Kolben des Gewehres in den Händen behielten. Die Buern auf der andern Seite mußten wohl die anhaltende Stille verdächtig finden, und auch sie konnten offenbar nichts mehr von ihrem Feinde sehen. Denn jetzt, während die Schwarzen im Grase heranschlichen, tauchte drüben, bald hier und bald da, ein dunkler Fleck auf, den Pieter Maritz als den Filzhut eines Buern erkannte und dem Lord zeigte.
Nun ertönte aus der dunklen Linie der sich am Boden hinbewegenden Krieger wiederum das Zischen der Schlange, und alsbald sprangen fünf bis sechs schwarze Gestalten in die Höhe, standen eine Sekunde lang aufrecht und lagen dann wieder auf dem Bauche. Wohl zehn Schüsse krachten, als die Gestalten sichtbar wurden, aber die Erscheinung derselben war so flüchtig, daß kein einziger Schuß traf. Die Schwarzen krochen weiter.
»Wenn Fledermaus auf der Militärakademie gewesen wäre,« sagte der Lord zu dem Knaben, »so würde er jetzt die Gelegenheit zu einem neuen Angriff benutzen. Er muß doch das Schießen hören und daraus merken, daß sein Bruder im Begriff ist, anzupacken.«
Kaum hatte der junge Offizier, der sich mit dem ganzen Eifer des Soldaten dem Schauspiel vor ihm hingab, diese Worte ausgesprochen, als sich ein wildes Geheul aus weiter Ferne hören ließ. Fledermaus hatte die Bedeutung des Augenblicks erkannt und brach mit seiner Schar von neuem aus dem Thale hervor; zu sehen war nichts von ihm, aber die Gefangenen erkannten das Geheul und vernahmen auch bald darauf Schüsse, welche ihnen zeigten, daß die Buern auch dort drüben auf ihrer Hut waren. Sie mußten sich geteilt haben und der eine Teil dem Ausgang des Thales gegenüber geblieben sein, während der andere Teil sich dorthin gewandt hatte, von wo das warnende Pfeifen erklungen war.
Der Ton des Kampfes, welcher sich dort drüben entspann, ward auch von Titus Afrikaner und seinen Begleitern vernommen und schien diese wilden Krieger zu berauschen. Es duldete sie nicht mehr in ihrer vorsichtigen, langsamen Annäherung an den versteckten Feind, sondern sie sprangen auf und liefen ebenfalls mit Kriegsgeschrei vorwärts. Ihr weithin tönender Ruf antwortete dem der Brüder in der Ferne und mit weiten Sprüngen eilten sie, an den Feind zu kommen, der ihnen gegenüber lag.
Aber jetzt wurden auch die Gestalten der Buern sichtbar. Sie erhoben sich hinter ihren Deckungen, und die Geschosse ihrer sicher treffenden Gewehre flogen den Angreifern entgegen. Einer nach dem andern ihrer schwarzen Gegner stürzte nieder. Den einen traf die Kugel mitten im Sprunge, die Büchse entsank seiner Hand, und schwer schlug er nieder; den andern schlug das Geschoß in die Brust, als er eben schießen wollte, so daß er gleich dem getroffenen Wilde hoch emporsprang und dann auf das Gesicht niederfiel; einem dritten zerschlug das Blei den Schenkel, so daß er stöhnend in die Kniee sank. Die Schwarzen hielten von neuem inne und legten nun ihrerseits die Gewehre an.
In dieser Scene ward die Aufmerksamkeit der Gefangenen vor allem auf Titus Afrikaner gelenkt, der der Vorderste im Trupp war und sich gerade einem der halb sichtbaren Buern gegenüber befand. Deutlich sah der Knabe den weißlich glänzenden Bart des Buern und den Umriß seiner breiten Schultern und des großen Hutes. Er hatte das Gewehr an der Backe und zielte auf den Häuptling. Die Gestalt des Titus Afrikaner, welche mit der Gelenkigkeit des Panthers über den unebenen Boden dahin gesprungen war, stand jetzt unbeweglich. Auch er hatte die Büchse zielend emporgezogen, und für eine Sekunde glich seine Begegnung mit dem alten Buer einem Zweikampf, der auf die gefährlichste aller Waffen, das weit tragende gezogene Gewehr, ausgefochten wurde. Der Schuß des Weißen kam zuerst, und in dem Augenblick, wo das Feuer aus der Mündung seiner Waffe hervorbrach, schien die aufrechte Gestalt des Häuptlings in sich zusammenzusinken. Er war wie in den Boden hineingedrückt. Aber die Hoffnung der Gefangenen, daß er getroffen sei, erfüllte sich nicht. Seine Büchse verließ ihre Haltung in seinen Armen nicht, und während der Buer begierig der Wirkung seines Schusses nachsah, blitzte der Feuerstrahl aus des Häuptlings Waffe auf. Ein Schreckenslaut entrang sich des Knaben Munde. Der weißbärtige Buer öffnete die Arme, das Gewehr entfiel ihm, und er stürzte vorwärts nieder. Gleich darauf waren alle Gestalten, die drüben zu sehen gewesen waren, verschwunden, die Ebene lag wieder im grünen Schein ihrer Bewachsung da, und kein Hut tauchte mehr auf, kein Pulverdampf stieg mehr empor. Aber auch die Schwarzen lagen jetzt still. Titus Afrikaner blickte unter seinen Leuten umher. Ihrer sechs lagen am Boden, und er mochte wohl denken, daß ein fernerer Sturmlauf unthunlich sei. Von neuem fing er an, vorsichtig im Grase weiterzukriechen, und seine Begleiter ahmten ihm nach.
»Seht doch,« sagte Pieter Maritz plötzlich zu dem Lord, indem er nach einem fernen Punkt in der Ebene deutete, »sind das nicht die Pferde?«
Der Engländer sah nach der bezeichneten Stelle hinüber und erkannte eine dunkle Masse, welche in Bewegung war.
»Die Buern geben den Kampf auf,« sagte der Knabe mit schmerzlichem Seufzer.
»Zum Henker!« rief der Lord, »das wäre eine verwünschte Geschichte! Aber wie können sie den Kampf aufgeben? Werden ihnen die Niggers nicht auf den Fersen bleiben?«
»Nein, nein, sie werden es schon zu machen wissen. Hört Ihr, Mynheer, daß drüben der Lärm verstummt ist? Fledermaus ist wieder in den Wald zurückgetrieben worden. Nur einige Schüsse sind noch zu hören. Die Buern lassen einige Leute zurück, um auf die Schwarzen zu schießen, welche zu nahe kommen, währenddessen steigt die Masse zu Pferde. Dann folgen auch die letzten, und sie jagen alle davon.«
»Aber sie haben doch nur einen einzigen Mann verloren,« entgegnete der Lord ungläubig. »Da werden sie doch nicht schon umkehren. Wenn sie den Kampf auf diese Weise fortsetzen, müssen sie doch zuletzt alle Nigger tot geschossen haben.«
»Ich fürchte, sie haben mehr als einen Mann verloren. Wir sahen nur den einen ganz deutlich fallen, aber es schien mir so, als wären noch zwei andere getroffen worden. Und vielleicht sind drüben auch Verluste gewesen. Wenn die Buern ein paar Leute verlieren, so gehen sie zurück, denn sie wollen sich nicht töten lassen, sondern ihr Vieh wiederholen und die Räuber bestrafen.«
»Wenn die Buern so bald schon zurückgehen, können sie keine gefährlichen Feinde sein,« sagte der Engländer nachdenklich.
»O, es könnte auch der Fall eintreten, daß sie bis auf den letzten Mann kämpften,« erwiderte lebhaft der Knabe. »Es ist nicht Feigheit, daß sie den Kampf aufgeben, sondern das Blut der Männer ist bei uns zu wertvoll, um den Kaffern gegenüber vergossen zu werden. Kämpfen wir aber einmal mit den Engländern, so wird das ganz anders sein.«
»Das ist eine sehr freundliche Versicherung,« sagte der Lord lächelnd. »Aber wahrhaftig, Sie haben recht, mein junger holländischer Freund, die Buern ziehen ab.«
Der dunkle Haufen war näher gekommen und nun deutlich als ein starker Pferdetrupp zu erkennen. Doch hielt derselbe sich völlig außer Schußweite. Bald waren auch kleine Haufen von Männern zu sehen, die sich den Pferden näherten. Titus Afrikaner hatte diese Bewegung ebenfalls bemerkt, und er drang eiliger vorwärts. Aber noch zweimal sank einer seiner Begleiter, der sich unvorsichtig über dem Grase gezeigt hatte, erschossen zu Boden, und die kleinen Pulverwölkchen stiegen noch einzeln empor und zeigten an, daß die sich zurückziehenden Buern das Feld in ihrem Rücken scharf beobachteten. Die Schüsse entfernten sich aber mehr und mehr, nun sahen die Gefangenen den ganzen Reitertrupp in eiligem Laufe davonsprengen, und vergebens sandten Titus Afrikaner und seine Leute ihnen noch Kugeln nach.
Trüben Auges blickten die Gefangenen hinter dem Reitertrupp her, der in derselben Richtung, in welcher er gekommen war, wieder entschwand und immer kleiner und kleiner wurde. Der letzte Schimmer von Hoffnung drohte in ihrem Gemüt zu erlöschen. Aber sie blieben ihren Betrachtungen nicht lange überlassen. Die im Gehölz zurückgebliebenen Speerträger folgten jetzt dem weit voraus auf der Ebene befindlichen Führer, sie banden den Gefangenen die Füße los und nötigten sie mitzugehen.
Der Weg führte über die Stelle des Schützenkampfes, und mit tiefer Bewegung sah Pieter Maritz die Leichen zweier Buern ausgeplündert hinter den Deckungen liegen, von denen aus sie gefochten hatten. Dann ging es weiter, dem Titus Afrikaner nach, der sich vor dem Eingange des waldigen Thales mit seinem Bruder Fledermaus vereinigte. Siegesstolz blickten die Räuberfürsten auf ihre Kriegerschar. Wohl hatten sie an fünfzig Leute verloren gegen drei der Buern, aber der Feind, gegen den sie gekämpft hatten, war so gefürchtet, und der Weiße stand bei ihnen in solchem Ansehen, daß sie den eigenen Verlust für reichlich bezahlt mit dem des Gegners hielten. Dazu hatten sie das Schlachtfeld behauptet, ihre Beute behalten und fern von ihren Schlupfwinkeln den Sieg errungen. Ihre Schar mußte sich leicht wieder an Zahl ergänzen, da heimatloses Volk genug im Lande umherstreifte, von den Wohnsitzen seiner Väter vertrieben und bald von den Weißen, bald von feindlichen Stämmen der eigenen Rasse bekriegt.
Titus Afrikaner und Fledermaus versammelten ihre Krieger auf der mit Gras bewachsenen Ebene vor dem waldigen Thale und sorgten für ihre Verwundeten. Es gab deren nicht viele. Die meisten der Getroffenen hatten die Kugel in den Kopf oder in das Herz bekommen; diejenigen, welche Fleischwunden in Armen und Beinen hatten, liefen zum höchsten Erstaunen des Engländers mit einem leichten Verband herum, und nur die schwer Verwundeten wurden von einigen alten erfahrenen Kriegern sorgfältig behandelt. Diese wuschen ihnen die Wunden, ohne sich um die Kugel zu bekümmern, wenn sie tief saß, nähten das Loch zu und legten zerkaute Kräuter darauf.
Dann ließen die Häuptlinge, nachdem die Gewehre und Patronen der Gefallenen an die besten unter den Überlebenden verteilt worden waren, ein Mahl zurüsten. Auf ihrem Marsche durch den Wald hatten die Leute des Fledermaus Wild erlegt, und nun schleppten sie Holz zusammen, zündeten ein Feuer an, brieten Antilopen und Quaggas und holten in ihren Trinkflaschen Wasser herbei. Bald saß die ganze Schar fröhlich schwatzend beisammen, vergaß der Toten und schmauste nach Herzenslust. Auch die Gefangenen wurden hierbei nicht übergangen. Man band sie los, und ihre Wächter brachten ihnen Fleischstücke und Wasser.
»Welch ein gutmütiges Volk!« sagte der Engländer voll Staunen zu Pieter Maritz. »Sie sehen ihre Toten ringsum am Boden liegen und verschonen uns. Dieser schwarze Kerl, der mir Essen und Trinken bringt, hat noch den Eindruck meines Stiefelabsatzes auf der Brust, eine blutige Schramme in der schwarzen Haut. Und doch macht er sich nichts daraus und versorgt mich! Wäre die Sache umgekehrt, wären wir schwarz und von meinen Landsleuten gefangen, so möchte es uns wohl nicht so gut ergehen, und ich denke, die Buern springen auch anders mit ihren Gefangenen um.«
Der Knabe nickte. »Die Schepsels sind gut,« sagte er, »aber doch fürchte ich, sie werden noch ein übles Spiel mit uns spielen. Ich traue dem Titus Afrikaner nicht. Seht nur, Mynheer, wie oft er seine schlimmen Blicke nach uns herüberschießt. O, hätten wir doch unsere Pferde hier zur Hand!«