Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 11

Chapter 113,707 wordsPublic domain

»Dies ist eine Komödie ohnegleichen!« rief er. »Was würden meine Freunde im Klub in London dafür bezahlen, wenn sie Eintritt erlangen könnten, mich so zu Abend essen zu sehen!«

Pieter Maritz sah und hörte verwundert dies Lachen und diese Worte, und da er weder von einer Komödie noch von einem Klub jemals gehört hatte, wußte er nicht recht, was er denken sollte.

»So ist das Leben!« sagte der Lord dann ernsthaft. »Entweder langweilt es uns zu Tode, oder es wirft uns wie einen Spielball umher, so daß wir bald hoch oben in Lüften tanzen, bald unten im Kot liegen. Seien wir froh, daß die Geschichte aus ist, mein junger Freund aus dem holländischen Lager! Morgen sehen wir die Sonne nicht wieder untergehen, und alle Langeweile und aller Ärger sowie alle trügerischen Freuden haben ein Ende.«

»Ist es nicht Sünde, so zu sprechen?« fragte Pieter Maritz mit einem treuherzigen Blick seiner blauen Augen.

»Weshalb sollte das Sünde sein?« fragte der Engländer.

»Der liebe Gott will, daß wir unsere Pflicht thun,« entgegnete der Knabe. »Wir sollen unserm Vaterlande dienen und unsern Eltern Freude machen. Das können wir doch nicht, wenn wir tot sind.«

»Sehr wahr,« sagte der Engländer lächelnd. »Nun, es hilft auch alles Überlegen und Denken und Sprechen zu nichts. Alles kommt, wie es kommen soll.«

»Wir wollen beten,« sagte der Knabe sanft und voll Andacht. »Wir wollen Gott bitten, daß er uns hilft, dann wird er uns helfen, wie er Daniel in der Löwengrube half -- und unsern Pferden möge er auch helfen!«

Nach diesen Worten kniete er nieder und sprach das Vaterunser. Er sprach es mit solchem Ernst und solcher gläubigen Zuversicht, daß das Gebet tiefen Eindruck auf den Lord machte, obgleich er die Worte nicht verstand. Zu Anfang lächelte er, dann aber ward er ernst und betrachtete den frommen Knaben mit Bewunderung. Pieter Maritz legte sich, nachdem er gebetet hatte, nieder, und bald verrieten seine tiefen ruhigen Atemzüge, daß er schlief. Lord Adolphus Fitzherbert wollte ihm nachahmen, aber trotz aller Müdigkeit blieb er noch lange wach. Er dachte an die Heimat und ein blondlockiges junges Mädchen mit Rehaugen. Niemals, so dachte er, würde er das Mädchen wiedersehen. Endlich ward aber auch er von den unaufhörlichen Klängen einer Musik eingewiegt, die von der fröhlichen Versammlung der Schwarzen zu ihm herübertönte. Mit den bald wehmütigen, bald kreischenden Klängen der Kalabaßviol mischte sich der Ton der Mundharmonika, und die mit Ochsenfleisch vollgestopften Räuber tanzten nach den einförmigen Melodien die ganze Nacht hindurch, als hätten sie nicht den Tag vorher beim Viehraub gar manche Meile durch Berg und Thal zurückgelegt.

Als die Gefangenen wieder erwachten, wußten sie nicht, ob es früh oder spät am Tage sei, denn nur ein dämmerndes Licht herrschte an ihrem Aufenthaltsorte, und sie hätten nicht sagen können, woher es kam. Vielleicht fiel es durch Spalten in der obern Decke der großen Höhle herein und verbreitete sich bis in ihren Winkel. Die Fackeln waren erloschen, der rote Schein des großen Feuers leuchtete nicht mehr. Doch lagen noch zwei der Schwarzen, welchen ihre Bewachung übergeben worden war, quer in dem Eingange zu ihrem Gefängnis und schienen zu schlafen. Sie lagen auf ihren Mänteln von Tierfell am Boden, den Assagai neben sich und versperrten ihrer Länge nach den Eingang, eine lebendige Schwelle, über welche die Gefangenen hätten hinwegschreiten müssen, wenn sie hätten fortgehen wollen. Aber sie dachten nicht daran. Ihr Aufenthalt war so beschaffen, daß sie an Flucht vorläufig nicht denken konnten. Unbekannt mit dem Orte, wo sie sich befanden, wußten sie nur, daß Hunderte von Männern in der Höhle lagerten und daß vor dieser Höhle ein See sich erstreckte.

Während sie aber nach dem Erwachen ihre Gedanken miteinander austauschten und, trüben Ahnungen hingegeben, nur leise miteinander sprachen, entstand in der großen Höhle plötzlich Leben und Bewegung. Viele Stimmen wurden laut und der Klang von Waffen scholl herüber. Die am Boden liegenden Wächter richteten sich auf und lauschten. Mit den Augen war nichts zu erkennen, da es nicht hell genug war, doch konnte das Ohr wohl wahrnehmen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse. Es währte auch nicht lange, so erschien eine Anzahl von bewaffneten Männern im Dämmerlicht der Höhle und näherte sich den Gefangenen.

»Man will uns holen,« sagte der Engländer zu dem Knaben. »Dies möchte wohl unsere letzte Stunde sein. Ich bin wirklich neugierig, zu sehen, in welcher Weise diese Niggers Hinrichtungen zu vollziehen pflegen. Wären wir fetter, so möchte ich doch wohl zu der Ansicht neigen, daß man uns rösten und fressen will.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Tiefer Ernst lag auf seinem Gesicht, aber seine Augen blitzten von so mutiger Entschlossenheit, daß der im Galgenhumor scherzende vornehme junge Mann ihn von neuem mit hoher Achtung ansah.

Inzwischen war der bewaffnete Trupp ganz nahe herangekommen, und die Gefangenen erkannten, daß Titus Afrikaner selbst an ihrer Spitze war. An seiner Seite stand ein Mann, den sie tags zuvor noch nicht gesehen hatten. Dieser war eine so bemerkenswerte Erscheinung, daß sie ihn gewiß nicht vergessen haben würden, wenn er am vergangenen Abend mit im Kreise des Häuptlings gewesen wäre. Er hatte an Hautfarbe und Gesichtsschnitt große Ähnlichkeit mit Titus Afrikaner, doch war er größer und stärker gebaut. Er trug eine Mütze von dunkelgrauem Affenfell auf dem schwarzen krausen Haar, und um seine Hüften schlang sich ein Mantel von demselben Stoff. Er trug an seinem nackten rechten Arm, der frei aus dem Mantel hervorsah und dessen Hand den Lauf einer Büchse umschloß, ähnliche goldene Ringe wie der Häuptling selber. Etwas Vornehmes und Gebieterisches in seiner Haltung wie die eigentümliche Farbe seines Anzugs brachten Pieter Maritz auf die Vermutung, daß dies der Bruder des Häuptlings, daß es Fledermaus sei.

Titus Afrikaner richtete das Wort an die Gefangenen. »Dies ist der Tag, an welchem ihr sterben müßt,« sagte er. »Aber ihr sollt noch lange genug leben, um zu sehen, wie die Basutofürsten im Kampfe ihre Feinde schlagen. Die Weißen sind heimtückisch und treulos, sie töten die Schwarzen, die mit ihnen ein Bündnis geschlossen haben, aber die Basuto töten ihre Feinde im offenen Kampfe. Die Buern ziehen die Berge heran, um ihr Vieh wiederzuholen. Sie sollen ihre eigenen Leiber in den Bergen liegen lassen.«

Pieter Maritz wußte im ersten Augenblicke nicht, wie er die Worte des Räubers verstehen sollte. Hatte dieser wirklich gemeint, jetzt, zu dieser Stunde, seien die Buern im Anzug, oder hatte er sich nur bildlich und allgemein ausgesprochen? Sein Herz klopfte mächtig in der Brust. Der Gedanke, möglicherweise könnten seine Landsleute in der Nähe sein, erweckte die schlummernde Hoffnung von neuem. Es war ja sehr denkbar, daß die Buern der Umgegend, denen am Tage vorher eine ganze Herde Ochsen geraubt worden war, sich versammelt und auf den Marsch gemacht hätten, um das Ihrige wiederzuholen und an den Räubern Rache zu nehmen. Er selber hatte schon solche Kommandos begleitet, und bei einem solchen Zuge war es gewesen, daß sein Vater die tödliche Wunde erhalten hatte.

Er betrachtete den Häuptling und sah, daß dessen Anzug geändert war. Titus Afrikaner hatte die weiße Tunika abgelegt und sich dafür mit einem Karoß, dem kleinen Fellschurz, umgürtet. Er trug eine Büchse in der Hand und einen Patronengurt über der nackten, muskulösen Brust. Auch den weiten faltigen Löwenfellmantel hatte er abgelegt und dafür ein leichtes und engeres Gewand von Leopardenfell um die Schultern geworfen. Seine nackten Beine waren unterhalb der Kniee mit einem Riemen umgürtet, von welchem weiße Zipfel, aus dem Fell des kleinen gestreiften Maushundes geschnitten, bis auf die Knöchel herabbaumelten. Es war zu erkennen, daß er sich zum Kampfe gerüstet hatte.

Pieter Maritz teilte dem Lord den Inhalt der Rede des Häuptlings mit, und alsbald traten mehrere der Schwarzen heran, banden den Gefangenen die Hände mit Riemen auf den Rücken und nötigten sie, dem Zuge der Krieger zu folgen, welche sich nach dem hinteren Teile der Höhle begaben.

Es ging in einen engen Gang hinein, der vielfach gewunden war und bergauf stieg, aber allmählich heller ward, indem die Felsen sich oben auseinander thaten und dem blauen Himmel Einblick vergönnten. An mehreren Stellen dieses schmalen, aber nun oben offenen Ganges waren erweiterte Plätze, und hier lagen riesige Steinblöcke, mit denen der Gang selber verschlossen werden konnte, wenn etwa Feinde diesen Schlupfwinkel entdecken und angreifen sollten. Doch war die Gefahr eines solchen Angriffs nur gering, das sahen die Gefangenen, als sie an das Ende des schmalen Ganges gelangten.

Sie hatten eine weite Fernsicht, als sie an dessen Ausgang kamen und die dichte Masse der vor ihnen herziehenden Schwarzen sich nun abwärts in das vor ihnen liegende Thal hinab verlor. In unbegrenzter Weite dehnte sich vor ihren Blicken der strahlende blaue Himmel aus, und unten lag Berg an Berg, Thal an Thal, teils in blauem Dufte verschwimmend, teils mit Grün überkleidet in der Nähe zu ihren Füßen. Es wäre wohl ein herrlicher Anblick für sie gewesen, wenn nicht die Aufregung über das eigene Geschick sie so sehr beschäftigt hätte, daß sie keine Aufmerksamkeit auf die Schönheit der sie umgebenden Welt verwenden konnten. Dennoch fühlte sich ihr betrübtes Gemüt durch die helle Sonne und den Glanz der Landschaft nach dem Aufenthalt in der Höhle erfrischt und gehoben.

Der schmale Gang mündete in der Nähe des Gipfels eines hohen Berges, oberhalb eines steilen Abhanges, und der Berg, in welchem die Höhle lag, zeigte sich von dieser Seite in einer ganz andern Gestalt als von der Seite, auf welcher die Gefangenen am vergangenen Abend in die Höhle hineingekommen waren. Sie waren allmählich zur Höhe hinangeklommen und hatten nicht bemerkt, wie hoch und schroff der Berg war, der auf seiner westlichen Seite von einem Gebirgssee bespült wurde, während er im Osten seinen Hang jählings in eine große Tiefe neigte. Vor ihnen kletterte die lange Reihe der Schwarzen auf einem sehr engen Wege im Zickzack in das Thal, und sie sahen von oben in Hunderte von krausen Wollköpfen mit Federschmuck und Hunderte von Speerspitzen hinab, hinter ihnen kam wiederum eine lange Kette von Bewaffneten, deren letzte Glieder noch im Berge versteckt waren, als die Gefangenen bereits einen guten Steinwurf weit vom Ausgang der Höhle entfernt hinunterstiegen.

»Ein schlauer Fuchs ist dieser Niggerhäuptling,« sagte der Lord. »Er hat mehrere Eingänge zu seinem Bau, und der Teufel selbst sollte nicht ahnen, wie das Ding von hinten aussieht, wenn er es nur von vorn gesehen hat. Doch finde ich es frech, daß er aus dem sicheren Versteck heraus ans Tageslicht kommt, um sich draußen zu schlagen.«

»Er ist kühn,« entgegnete Pieter Maritz, »aber doch handelt er vorsichtig, dem Feinde entgegenzugehen, denn er will ihn wohl fern von seiner festen Burg halten und bewahrt sich diese für die letzte Not auf.«

Der junge Lord sah im hellen Tageslicht höchst traurig aus, von seiner glänzenden Erscheinung war nichts übrig geblieben. Mitleidig sah der Knabe ihn an. Der Scharlachrock war völlig beschmutzt und hing, da ihm die Knöpfe fehlten, formlos herab. Lehm und Wasser, der schwarze Boden der Höhle und der fettige Schmutz der Lagerfelle hatten ihm seine schöne Farbe nur an wenigen Stellen gelassen, und die Fetzen hingen herunter. Der Kopf war bloß, nur mit dem großen Pflaster bedeckt, welches der Kaffernarzt ihm aufgelegt hatte. Dies Pflaster war schwarzbraun und zog sich bis zur Augenbraue hin. Das Gesicht war sehr bleich infolge der Anstrengungen, der Aufregung und der Verwundung. Nur der Ausdruck seines Gesichts war noch von dem alten Stolz durchdrungen. Auch Pieter Maritz war in seiner äußeren Erscheinung nicht unberührt von den Ereignissen der letzten Tage geblieben. Seine Bluse hatte mehrere Risse. Aber dieser dunkle, ungemein derbe Anzug konnte mehr vertragen als die Uniform des Engländers, und weder das lederne Beinkleid, noch der Rock, noch der breitkrempige Hut hatten ernstlichen Schaden genommen.

Der Knabe sah die Sonnenstrahlen auf des jungen Mannes Kopf niederscheinen und bemerkte, wie dieser mit den Augen blinzelte und wie sein Gesicht sich nach und nach mit einer ungesunden Röte bedeckte.

»Nehmt meinen Hut, Mynheer,« sagte er, dem Lord seine eigene Kopfbedeckung anbietend. Und mit diesen Worten gab er einem der begleitenden Schwarzen den Auftrag, den breiten Hut auf des Engländers Kopf zu setzen. Denn der Gefangenen Hände waren ja gefesselt.

»Ich kann es eher vertragen,« sagte er lächelnd, als der Lord das Erbieten nicht annehmen wollte.

Der Lord ließ es sich gefallen und ging, vor der Sonne besser geschützt, frischeren Mutes weiter. Eine Thräne dankbaren Gefühls drängte sich ihm ins Auge.

Der Weg, auf welchem die lange dünne Kolonne marschierte, bog sich auf der halben Höhe des Berges plötzlich zur Seite, und nun ging es in einer Richtung weiter, welche der bisher verfolgten gerade entgegengesetzt war. Nach einem halbstündigen Marsche durch ein sehr baumreiches Thal, während dessen sich die langgezogene Reihe mehr zusammengeschlossen und zu dicken Haufen geballt hatte, ging plötzlich ein Ruf durch die Masse hin, und der Zug stockte. Die Gefangenen sahen, daß Titus Afrikaner, der inmitten seiner Schar gegangen war, nach vorn eilte. Es schien eine Störung in dem Plane, den er verfolgte, eingetreten zu sein.

Nicht lange darauf ward eine Änderung getroffen. Titus Afrikaner kehrte zurück und versammelte um seine Person alle mit Gewehren bewaffneten Männer, deren es nur etwa zwanzig gab, dazu einen gleich starken Haufen von Speerträgern und bog mit dieser kleinen Schar nach rechts ab. Die Gefangenen mußten ihm folgen. An die Spitze des größeren Haufens, der über vierhundert Köpfe stark war, stellte sich der Häuptling mit dem grauen Mantel, er allein mit einer Büchse bewaffnet, und führte diese Hauptmasse der Streiter in der bisherigen Richtung weiter. Pieter Maritz hatte von einem der begleitenden Kaffern erfahren, daß dieser Häuptling in der That der Bruder des Anführers, der berühmte Fledermaus, sei.

Es ging unter der Leitung des Titus Afrikaner eine Höhe hinan, welche mit Buschwerk und einzelnen niedrigen Bäumen bestanden war, die gleich Kandelabern ihre Äste emporstreckten, und nach etwa viertelstündigem Steigen war der Rücken des Berges erreicht. Die Sonne stand jetzt schon hoch, und Pieter Maritz sah, daß es nicht weit von der Mittagsstunde sein könnte. Da er noch nichts gegessen und getrunken hatte, fühlte er sich sehr hungrig und durstig. Noch mehr als er aber litt der junge Lord, der weniger als der Buernsohn an Entbehrungen gewöhnt war. Doch hielt ihr Stolz beide davon ab, um Speise zu bitten.

Der Berg, auf welchem sie sich befanden, zog sich in langgestrecktem Zuge hin, aber der Marsch ward nicht in derselben Richtung fortgesetzt, sondern Titus Afrikaner wandte sich jetzt links, so daß er in derselben Richtung vorging, in welcher sein Bruder unten im Thale marschierte. Es ging noch eine Weile vorwärts, und nun sahen die Gefangenen blaues Licht durch das Unterholz vor sich scheinen und erkannten, daß der Berg sich dort schroff hinabsenkte. Ein Abhang von ziemlicher Steilheit lag vor ihnen, und von dem Rande desselben konnten sie weit hinaus in tiefer liegendes Hügelland sehen. Dieser Saum des Abhanges war noch mit Bäumen und Büschen besetzt, und im Versteck derselben ließ Titus Afrikaner seine Schar halten, trat hinter den Stamm einer der kandelaberförmigen Euphorbiazeen und lugte ins Land hinaus.

Von Begierde getrieben, zu erfahren, was im Werke sei, näherten sich auch die Gefangenen dem Saume des Abhangs und blickten hinaus, doch hielten sie sich hinter einem Busch verborgen, um nicht den sie bewachenden Männern Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Pieter Maritz beobachtete den Führer und sah, daß dieser mit unverwandtem Blick seiner schwarzen funkelnden Augensterne auf eine bestimmte Stelle in der Entfernung blickte. Er folgte mit seinem Blicke und erkannte nun mit tiefer Bewegung zwei dunkle Streifen, die sich gleich Würmern über ein grünes Tuch nebeneinander hin bewegten. Sein scharfes, geübtes Auge erkannte aus der Schnelligkeit, mit welcher diese Streifen herankamen, und aus der Gestalt, welche sie hatten, die wahre Natur ihrer Erscheinung.

»Seht dort, Mynheer,« flüsterte er dem Engländer zu, mit dem Kopfe winkend, »dort kommen die Buern.«

Der Lord sah mit Anstrengung aller seiner Sehkraft hinüber. »Ich sehe nichts,« sagte er.

»Seht doch,« sagte der Knabe. »Seht dort die schwarzen Streifen, so lang wie ein Finger und eine Handbreit von einander entfernt. Der eine ist mehr oben, am Rande des dunklen Waldes, der andere mehr unten auf der grünen Fläche. Und seht doch nur! Jetzt könnt Ihr einzelne schwarze Punkte erkennen, die vor den Streifen herziehen. Das sind einzelne Reiter, die den Weg aufsuchen und nach Feinden spähen, die Streifen aber sind zwei Haufen meiner Landsleute. Seht, wie sie wachsen, sie reiten schnell, seht doch nur, sie kommen hierher.«

»Ich sehe wahrhaftig nichts,« entgegnete der Engländer. »Meine Augen sind nicht scharf genug, wie mir scheint, und ich habe kein Fernrohr, könnte es ja auch nicht gebrauchen, da ich keine Hand frei habe.«

Titus Afrikaner indessen hatte den herankommenden Feind so gut wie der Buernsohn genau erkannt. Seine Faust umklammerte das Gewehr mit festem Griff, so daß die Muskeln seines Armes emporschwollen, sein Kopf war vorwärts geneigt, und sein Blick glich dem eines Raubtiers. Jetzt wandte er sich zu den Gefangenen und zeigte mit dem Finger in die Ferne.

»Dort kommen sie,« sagte er mit grausamem Lächeln, »die weißen Männer, eure Väter und Brüder, kommen. Ob sie euch wohl helfen werden? Sie kommen, um den armen schwarzen Mann zu jagen. Sie sehen ihn für ein Wild an, das man in den Bergen schießt. Aber Titus Afrikaner und Fledermaus haben Krallen und Zähne. Das werdet ihr sehen. Sie sind Löwen und werden den Jäger fressen.«

Dann wandte er sich zu seinen Kriegern, die ringsum im Grase lagen und mit ihren glänzenden Augen seine Bewegungen verfolgten, und sprach zu ihnen in einer Sprache, welche Pieter Maritz nicht verstand.

»Was hat der schwarze Kerl gesagt?« fragte der Lord. »Hat er uns ein Frühstück angeboten? Ich muß gestehen, daß ich für eine Flasche gut gekühlten Champagner und ein Antilopensteak gern die Hälfte des mir noch zur Verfügung stehenden Lebens gäbe.«

Er ließ sich müde auf die Erde nieder und starrte vor sich hin.

Pieter Maritz hatte unverwandt hinabgesehen. »Seht doch nur,« rief er jetzt, »sie sind so nahe gekommen, daß Ihr sie sicherlich sehen könnt. Ich kann sie beinahe zählen, es müssen ihrer fünfzig bis sechzig Buern sein.«

Der Lord wandte den Kopf. »Wahrhaftig, jetzt sehe ich sie auch,« sagte er lebhaft. »Sie kommen hierher. Aber Ihr müßt Augen haben, mein holländischer Freund! Ich wüßte doch auch jetzt noch kaum zu sagen, ob's Krähen oder Menschen wären. Doch was nützt es uns? Sollten die Buern die Niggers unterkriegen, so sticht uns dieser Titus Afrikaner aus Ärger tot, kriegen aber die Niggers die Buern unter, so bringt er uns zum Vergnügen um. Doch darum keine Sorge, lieber Freund. Alt-England für immer -- und meinetwegen Alt-Holland auch! Wenn wir nur einmal darauf trinken könnten!«

Nach diesen Worten sah er gleichgültig auf die Schar der schwarzen Krieger, die ihm, wie sie so im grünen Grase lagen, mit ihren glänzenden fettigen Körpern gleich riesigen Waldschnecken erschienen.

Pieter Maritz blieb stehen und verwandte den Blick nicht von den heranreitenden Buern.

»Wenn ich ihnen nur ein Zeichen geben könnte, wo wir sind,« sagte er leise. »Es wäre schrecklich, wenn sie in einen Hinterhalt fielen. Ich weiß nicht, wo Fledermaus geblieben ist, aber ich denke mir, er ist dort unten im Dickicht versteckt und soll die Reiter überfallen oder auf sich ziehen und dann in solcher Richtung hinter sich her locken, daß Titus Afrikaner sie von der Seite angreifen kann.«

»Sollten die Niggers wirklich so schlau sein?« fragte der Lord ungläubig. »Das wäre ja eine Taktik, als hätten sie die Militärakademie besucht.«

»Was ist das, eine Militärakademie?« fragte der Knabe.

»Das ist eine Schule bei mir zu Hause, wo die jungen Offiziere lernen, wie man Krieg führt.«

»Kann man das in der Schule lernen?« fragte Pieter Maritz lachend. »Wir lernen das im Kampfe von unsern Vätern.«

»Vielleicht habt ihr die bessere Manier,« sagte der Lord. »Aber bei mir zu Hause herrscht die schöne Sitte des Umherziehens im Lande und des Viehstehlens nicht, und da müssen wir es wohl in der Schule lernen; wenigstens die Anfangsgründe. Denn später lernen wir es auch, indem wir auf dem Felde Krieg spielen -- was wir Manöver nennen -- und dann in den Kolonien im wirklichen Kampfe mit Niggern, Indern, Malaien und allen möglichen bunten Völkerschaften der ganzen Erde. Denn unsere Truppen sind überall, wir beherrschen den größten Teil der Welt.«

-- »Jetzt reiten sie langsamer, das ist klug,« sagte Pieter Maritz. »O könnte ich ihnen doch ein Zeichen geben! Aber es ist zu weit, und sie würden es nicht verstehen, wenn ich winkte. Wollte ich ihnen aber entgegenlaufen, so würde mir von hinten gar bald ein Wurfspieß folgen.«

Der Lord erhob sich wieder, von Teilnahme an den bevorstehenden Ereignissen trotz seiner Erschöpfung ergriffen, und spähte hinab. »Ja, sie reiten langsamer,« sagte er. »Sie sind noch einen Kanonenschuß weit entfernt. Aber ich begreife nicht, was sie zu Pferde wollen. Sie denken doch nicht etwa daran, mit Niggern im Walde zu Pferde zu kämpfen?«

»O nein,« sagte der Knabe. »Sie werden schon wissen, was sie zu thun haben.«

»Aber es sind ihrer so wenige. Was wollen fünfzig bis sechzig Leute? Hier sind doch wohl zehnmal so viel.«

»Es sind Buern!« sagte der Knabe stolz. »Ein Buer gegen zehn Kaffern ist schon eine starke Übermacht.«

»Ihr habt ein schönes Selbstvertrauen,« sagte der Lord kopfschüttelnd.

Titus Afrikaner lehnte ruhig an dem Stamm des Baumkandelabers und beobachtete die Scene dort unten. Die Buern waren noch in zwei Haufen geteilt, die einen Büchsenschuß weit voneinander entfernt ritten, und drei Reiter waren jedem der Trupps voraus und durchsuchten das Terrain, damit nicht ein unerwartetes Zusammentreffen mit den Räubern stattfände, deren Anwesenheit in dieser Gegend ihnen bekannt war. Als sie das weite, offene Thal durchmessen hatten und sich nun dem waldigen Teil des höheren Gebirges näherten, verringerte sich die Eile, mit welcher sie sich bis jetzt vorwärts bewegt hatten; sie ritten im Schritt an der Höhe vorbei, auf welcher die Gefangenen waren, und auf einen Wink der vorausgesandten Späher machten sie, noch außer Schußweite, Halt. Ein Wald war vor ihnen, derselbe Wald, in welchem Fledermaus mit der Hauptmasse vorgerückt war, und die kundigen Buern wagten sich nicht ohne Vorsichtsmaßregeln weiter. Sie hielten weit genug vor dem unübersichtlichen Thale still, und mehrere Männer stiegen ab, übergaben ihre Pferde den Kameraden und gingen, die Büchse schußbereit in der Hand, vorsichtig vor. Die Gefangenen konnten deutlich den Anzug und die Waffen der Buern erkennen. Sie trugen alle den breitkrempigen Hut, der so gut vor den Sonnenstrahlen schützt und ein bequemes, sicheres Zielen begünstigt, und waren alle mit dem Patronengurt über der Bluse und dem Hirschfänger ausgerüstet.