Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 10
Mit immer gleicher Geschwindigkeit ging es in dem ungeheuren Walde weiter, bis die Sonne sank. Dann wurde Halt gemacht und ein Feuer angezündet. Die Schwarzen trafen keine Art von Vorsichtsmaßregeln, um ihre Gefangenen an Flucht zu verhindern, da sie die Finsternis und den Wald für genügende Sicherung halten mochten, sondern stellten nur eine Wache aus, welche auch das Feuer unterhalten mußte, und legten sich schlafen. Auch die Gefangenen schliefen, ohne sich durch das Gebrüll der Panther stören zu lassen. Beide waren todmüde, der Engländer durch seine Verletzungen, Pieter Maritz durch den langen und ihm ungewohnten Marsch.
Früh am Tage ward wieder aufgebrochen, nachdem ein jeder von dem mitgenommenen Fleisch zu essen bekommen hatte. Lord Adolphus Fitzherbert war wieder einigermaßen gekräftigt und sprach in freundschaftlicher Weise mit dem Knaben, über dessen Gesellschaft er nun sehr froh war. Es ging den ganzen Tag im Walde weiter, und nur einmal ward eine Rast von einigen Stunden gemacht, um eine Mahlzeit aus einer Elenantilope zu bereiten, die einer der Kaffern unterwegs geschossen hatte. Pieter Maritz dachte oft über die Möglichkeit einer Flucht nach. Wenn es ihm gelang, auf Jagers Rücken zu kommen, so wäre es vielleicht möglich gewesen, davonzueilen, und oft sah er das Pferd trübselig an, und dann schien es ihm, als blicke das Tier auch ihn mit Verwunderung und Teilnahme an. Aber der Gedanke an das Schicksal des Engländers verscheuchte wieder derartige Wünsche. Das Verhältnis zwischen ihm und dem jungen Lord veränderte sich mehr und mehr und wurde ein vertrauliches. Er hätte es wohl schon zu Anfang der gemeinsamen Gefangenschaft nicht übers Herz gebracht, seinen Schicksalskameraden zu verlassen; nun aber, wo sie freundliche Gespräche ausgetauscht hatten, schien es Pieter Maritz ganz unmöglich zu sein, davonzugehen und den andern allein zu lassen. Das Befinden des Engländers hatte sich übrigens im Laufe der Nacht und des darauf folgenden Morgens so sehr gebessert, daß er am Nachmittag schon eine kleine Strecke zu Fuße gehen konnte. Er klagte jetzt mehr über seine linke Hüfte als über seinen Kopf, denn die Hüfte war ihm durch den Sturz auf den Degengriff arg zerstoßen worden.
Am Abend dieses Tages kamen sie in gebirgiges Land. Höhen und Thäler wechselten ab und alles war mit Wald bedeckt, der nun niedriger wurde und viel Unterholz hatte. Die Berge wurden allmählich höher, und der Wald hörte an manchen Stellen auf. Tief eingeschnittene Thäler eröffneten sich, Wildbäche rauschten von den Höhen hernieder, und über die niedrigeren Berge hinweg waren die Spitzen sehr hoher Gipfel im Hintergrunde zu sehen.
Der Engländer stieg von seiner Tragbahre herab und ging eine Strecke zu Fuß. Zwar wollten die Schwarzen in ihrer bisherigen raschen Gangart bleiben, aber der Engländer, der nur langsam gehen konnte, fuhr sie drohend an, und sie bequemten sich, obwohl sie nicht verstanden, was jener sprach, seinen Gebärden zu gehorchen. Sie waren die Herren, und er war ihr Gefangener, aber so groß war die ihnen eingeborene Ehrfurcht vor der weißen Farbe, daß sie nicht wagten, seinem Willen entgegen zu handeln.
Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich auf Pieter Maritz' Schulter und ging in vertraulicher Weise mit dem Knaben. Sein Benehmen gegen ihn hatte sich vollständig geändert. Mochte es nun der Respekt sein, den ihm dessen Reiten eingeflößt hatte, oder das Gefühl, in ihm den einzigen Genossen von gleichem Stamme zu haben, oder mochte auch das gute ehrliche Gesicht des Knaben Eindruck auf ihn gemacht haben -- genug, er behandelte Pieter Maritz in freundlicher Weise und fast wie seinesgleichen.
»Wie schön ist diese Landschaft!« sprach er zu ihm. »Sehen Sie dort die blauen Bergeswipfel über die dunklen Schluchten emporragen und die rotglühenden Wolken sich an den Höhen festhängen! Sehen Sie dort den glitzernden Gießbach über den schwarzen Hang sich herabstürzen! Wie das schäumende Wasser zwischen den starren dunklen Felsen und Bäumen glänzt! Wahrlich, dies Land ist so schön wie nur irgend ein von Fremden gesuchtes Stück in den Alpen oder Pyrenäen in unserer Heimat, Europa.«
Pieter Maritz sah den Sprecher verwundert an, begriff nicht, was der bleiche junge Mann mit seinem schwärmerischen Blicke dort in der Ferne suchen könne, und erwiderte lachend: »Das Land ist nicht schön, Mynheer. Es sind ja nichts als wüste Berge und unfruchtbare Bäume. Keine gute Weide für das Rindvieh, kein Gras für das Wild und kein Boden für Mais und Weizen!«
Der Lord lächelte. »Also nur Weideland und Äcker finden Sie schön?« fragte er.
»Gewiß,« versetzte Pieter Maritz. »Welche Landschaft sollte denn sonst schön sein? Drüben im Westen im Kreise Lydenburg und am Potschefstroom um Pretoria, auch im Norden, wo wir leben, dort ist es schön, aber dies ist ein wüstes und wildes Land.«
»So ist der Geschmack verschieden,« sagte der Lord. »Bei mir zu Hause reisen die närrischen Leute aus dem flachen Lande fort in die Gebirge, um etwas Schönes zu sehen. Aber sagen Sie mir doch, Pieter Maritz, was werden die schwarzen Kerle mit uns machen? Sie kennen ja die Lebensgewohnheiten dieses Volkes. Ist es hier wohl Sitte, die gefangenen Feinde zu braten und aufzufressen?«
»O nein,« sagte der Knabe, »das ist hier nicht Sitte, aber ich weiß wirklich nicht, was sie mit uns machen wollen.«
»Oder wollen sie ein Lösegeld aus uns herauspressen? In Europa giebt es gewisse Völker -- man nennt sie Türken und Griechen -- welche gefangene Fremde einsperren und dann von ihren Freunden und Verwandten viel Geld für ihre Freilassung fordern. Ob diese Leute von jener schönen Sitte gehört haben?«
»Das denke ich nicht,« sagte Pieter Maritz. »Ich glaube, wir sind in die Hände der Leute von Titus Afrikaner und Fledermaus gefallen. Denn dies ist die Gegend, von der man sagt, sie sei ihr Wohnsitz. Dies müssen die Drakensberge sein, und dort hausen diese Räuber. Aber da sie uns nicht gleich getötet haben, weiß ich nicht, was sie mit uns machen wollen.«
»Sie meinen also wirklich, wir wären auf dem Wege zu diesen vielberufenen Räubern? Da habe ich ja gleich zu Anfang meiner afrikanischen Laufbahn interessante Erfahrungen zu machen. Nun, mein lieber Junge, es ist im Grunde alles eins. Dies ist wenigstens etwas Neues, und sicherlich ist das Schlimmste, was uns widerfahren kann, das, daß man uns umbringt, und damit sagen wir einer sehr langweiligen Welt Valet!«
Pieter Maritz sah den Lord erstaunt an, denn er verstand durchaus nicht, was er sagte.
»Aber was, meinen Sie,« fuhr der Engländer fort, »könnten wir thun? Sollte es sich nicht empfehlen, einen Streit mit unserer Wache anzufangen? Die Kerle haben so hübsche spitzige Spieße. Damit würden sie uns schnell erstechen können und wir ersparten uns vielleicht vielen Ärger, der uns bevorsteht. Wie wäre es, wenn wir stehen blieben, einem der Nigger den Spieß wegrissen und ihn niederstießen? Dann wäre ein hübscher, frischer Zank da.«
Pieter Maritz schüttelte den Kopf. »Mynheer, ich glaube, der Sturz vom Pferde hat Euch etwas verrückt gemacht,« sagte er mit aufrichtigem Blick und Ton. »Denkt nicht an solchen Unsinn. Es wird schon alles wieder gut werden, wenn wir auf Gott vertrauen.«
Der Lord sah den Knaben mit einem eigentümlichen Blicke an, worin sich eine Art von Rührung aussprach, und fing dann von anderen Dingen zu sprechen an. Bald ward er auch wieder müde und legte sich von neuem auf die Tragbahre.
Die Gegend, durch welche sie zogen, ward immer wilder und rauher, und es ging beständig der Höhe zu. Oft freilich senkte sich der Weg ins Thal, aber nur um jenseits eine noch größere Höhe hinaufzuklimmen. Seitdem der Engländer sich wieder tragen ließ, ging es mit verdoppelter Schnelligkeit vorwärts, und Pieter Maritz hatte Mühe mitzukommen. Die schwarze Begleitung schien ein bestimmtes Ziel zu haben, welches sie heute noch erreichen wollte. Pieter Maritz war nicht leicht zu ermüden, sondern von großer Kraft und Ausdauer, dennoch ward es ihm sauer, mit den Schwarzen gleichen Schritt zu halten. Er war mehr an Reiten als an Fußmärsche gewöhnt, und seine schweren Stiefel hinderten ihn am Gehen, während die Kaffern mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie Gazellen über Berg und Thal liefen. Selbst die beiden Leute, welche den Engländer trugen und von Zeit zu Zeit abgelöst wurden, liefen mit größerer Leichtigkeit als der unbelastet einhergehende Buernsohn.
Die Schwarzen bemerkten die Schwierigkeit, welche der Knabe hatte, um mitzukommen, und sie beschlossen endlich, dem abzuhelfen. Sie gaben ihm Zeichen, daß er zu Pferde steigen möge. Mit der größten Freude näherte sich Pieter Maritz dem treuen Jager und stieg mit einem wahren Wonnegefühl auf dessen Rücken. Der Engländer rief ihm von seiner Bahre aus einen Glückwunsch zu. Pieter Maritz fühlte sich wie neugeboren, als er im Sattel saß, und nicht nur der Genuß der Erholung nach dem langen raschen Marsche, sondern auch ein Gefühl der Sicherheit und der Kraft belebten seinen Mut. An eine Flucht freilich war nicht zu denken, denn nicht allein faßten zwei Kaffern Jagers Zügel von beiden Seiten, sondern es ging auch ein Trupp hinter dem Pferde her, den schmalen Weg durch das Gebirge hin rückwärts versperrend.
Jetzt ging die Sonne unter, und die Wälder nahmen, ihres Lichtes beraubt, eine düstere Farbe an, welche daran erinnerte, daß die Stunden herankamen, zu welchen die Raubtiere auf Beute auszugehen anfangen und sich auch die Unthaten grausamer Menschen zu vollziehen pflegen. Dieser Zeitpunkt war um so unheimlicher, als er inmitten des Gebirges eintrat, wo die Gestaltung der umgebenden Landschaft wunderliche und drohende Formen im Verbleichen des Himmels und beim Eintreten der nächtlichen Schatten zeigte. Die Gefangenen erwarteten, daß Halt gemacht werden würde, um die Nacht im Scheine eines Feuers zu verbringen, aber die Schwarzen setzten ihren Weg trotz der Dunkelheit mit derselben Schnelligkeit fort. Es war erstaunlich, daß sie ihn zu finden wußten, denn kaum ließ das Sternenlicht hier die Biegung der Felsenwände, dort den eigentümlich gerichteten Stamm eines Baumes erkennen, der als Merkmal hätte dienen können. Auch war es kein gebahnter Weg, dem der Zug folgte, sondern bergauf bergab führte nur ein untrüglicher Instinkt der rechten Richtung durch waldiges wie offenes Terrain. So ging es unaufhaltsam weiter, während das Gebrüll der nun umherstreifenden Löwen gleich fernem Donner von Echo zu Echo im Gebirge hinrollte und die Pferde ängstlich schnaufen machte.
Jetzt ging es durch eine Waldesschlucht über steiniges Geröll hin, in tiefer Finsternis, die gleichzeitig durch die hohen Wände zu beiden Seiten wie durch die von oben überhängenden Büsche verursacht wurde, und als der Zug aus dieser Schlucht hervorkam, lag eine silberglänzende Landschaft ausgebreitet da. Der Mond war hinter den fernen Bergen emporgestiegen und erleuchtete mit beinahe voller Scheibe Berg und Thal. Seine hellen Strahlen zitterten auf einem weiten stillen See, der einen zauberischen Anblick gewährte. Der Zug ging gerade auf den See zu und machte Halt. Nur wenig bewegt war das Gewässer, und wo sich sanfte Wellen regten, indem sie langhin schwellende kleine Furchen bildeten, da glänzte der gebrochene Spiegel der Oberfläche in weiß leuchtendem Schein. Im Hintergrunde schlossen mächtige schwarze Höhen, aus weiter Entfernung herüberragend, den hellen See ab, und die Schatten jener Berge setzten sich im Wasser fort bis zu der Stelle, wo das strahlende Bild des Planeten gleichsam in dem See schwimmend aus ihm hervorblickte.
Der Engländer stützte sich auf den Arm und sah mit entzücktem Auge auf dies herrliche Bild. Sein mutiger Sinn, der die Gefahr ebenso verachtete wie die Vorsicht, ließ sich durch die Gefangenschaft nicht beugen und er genoß die Schönheit dieser erzwungenen Reise, als wäre er zu seinem Vergnügen mit aller Behaglichkeit des Reichtums in den Hochlanden Schottlands zur Jagd.
Die Schwarzen setzten ihre Last nieder, und dann stieß ihr Führer dreimal den gellenden Ruf der schwarzen Gans aus, der seltsam über das stille Wasser dahintönte. Zugleich hatte ein anderer der Begleitung einen Feuerbrand entzündet und schwenkte ihn dreimal im Kreise umher.
Nach einer Weile erschien auf dem See ein dunkler Punkt, der das silberne Licht durchschnitt und sich allmählich vergrößerte. Bald war auch das Plätschern von Rudern vernehmbar. Ein großes Boot von spitzer und gewaltig langer Form kam heran, von vier Schwarzen gerudert. Es stieß ans Land, und der Führer des Zuges wechselte mit den Bootsleuten einige Worte, worauf die Gefangenen in das schmale Schiff gebracht wurden und auch die schwarze Begleitung einstieg. Die beiden Pferde wurden ins Wasser geführt und mußten neben dem Boote schwimmen, wobei sie dadurch unterstützt wurden, daß ihre Zügel dicht am Maul gefaßt und die Köpfe emporgehalten wurden.
Nach einer Fahrt von etwa einer Viertelstunde war das jenseitige Ufer erreicht, das Boot stieß an den Felsen, und alle stiegen aus. Die Bootsleute banden ihr Fahrzeug neben mehreren anderen an, die am Ufer lagen. Nur ein schmaler Platz, auf welchem Fuß gefaßt werden konnte, fand sich hier am Gestade, denn überall stiegen die Felsen mit drohender Steilheit empor. Doch fand sich jetzt nach einigen Schritten längs des Ufers eine Öffnung in der Bergwand, gleich einer verborgenen Thür, und nachdem eine kleine Strecke in den Berg hinein zurückgelegt worden war, drehte sich der Weg nach rechts, und es eröffnete sich plötzlich vor den überraschten Augen der Gefangenen eine weite hohe Höhle, welche hell erleuchtet war. Das Licht ging von einem großen Feuer in der Mitte des Raumes aus, und um das Feuer herum bewegten sich zahlreiche Gestalten.
Die schwarze Begleitung hielt am Eingange der Höhle still und bedeutete auch die Gefangenen, hier zu bleiben und zu warten, der Führer aber ging in das Innere der Höhle, welche sich, wie es schien, weit in den Berg hinein erstreckte. Er wollte, wie es schien, dem Befehlshaber der hier hausenden Horde Bericht erstatten und dessen Weisungen einholen.
Die Gefangenen sahen indessen dem Treiben um das Feuer zu. Augenscheinlich war eine Schar von Schwarzen erst vor kurzem von einem Raubzuge zurückgekehrt, denn es wurde ein Mahl zugerüstet, obwohl es schon spät in der Nacht war. Wohl fünfzig bis sechzig schwarze Gestalten waren um das Feuer und in dessen Nähe beschäftigt und glichen in dem roten Schein einem Heer von Teufeln. Dieser wilde Eindruck ward noch durch die Art ihrer Beschäftigung erhöht. Sie holten aus einer Abteilung der großen Höhle, welche seitwärts im Dunkel lag, von vielen dumpf brüllenden Ochsen ein fettes Tier heraus und führten es in die Nähe des Feuers. Dann rissen sie das Tier zu Boden, wälzten es auf den Rücken und banden ihm einen Strick an jeden Fuß. Diese Stricke zogen sie an, so daß die Beine so weit als möglich auseinander gebogen wurden, und pflöckten sie an kurzen Pfählen in den Boden, so daß der Ochse ganz unbeweglich liegen mußte. Alsdann trat ein Schwarzer mit einem blinkenden Messer heran und schnitt mit einem Zuge den Leib des Ochsen in der Mitte auf, ohne daß mehr als nur einige Tropfen Blutes vergossen wurden. Dann nahm er mit Hilfe eines andern Mannes die Gedärme heraus und übergab sie mehreren Weibern, welche sie in einem großen Kessel wuschen und alsbald ans Feuer setzten, damit sie gegessen würden, während der Ochse noch lebte. Während dessen rührten die Männer mit Stäben das in der Bauchhöhle zusammenfließende Blut um, so daß es nicht gerann, und warteten ab, daß das Tier, dessen Herz und andern edlen Teile noch lange in Bewegung blieben, völlig sterben würde. Die Kaffern standen aufmerksam umher und verwandten kein Auge von den sich bewegenden Organen.
»Das sind geschickte Metzger,« sagte der Engländer zu Pieter Maritz, während er einen Blick des Abscheues auf die Scene richtete. »Unsere Metzger in London könnten von ihnen lernen. Aber ich wünschte, daß diesen schwarzen Teufeln selber der Leib aufgeschlitzt würde.«
Pieter Maritz erwiderte nichts. Er kannte die Manier der Kaffern schon lange.
Während nun aber die Schwarzen anfingen, mit großen Löffeln das Blut aus der Bauchhöhle herauszuschöpfen und in einen Kessel zu füllen, näherte sich den Gefangenen ihr Führer wieder und forderte sie auf, ihm zu folgen. Der Lord stützte sich auf des Knaben Schulter, um besser gehen zu können, und beide gingen an dem von jubelnden und tanzenden Schwarzen umgebenen Feuer vorbei in den Hintergrund der Höhle.
Hier war ein Kreis von Männern versammelt, die ernst und schweigend auf ihren Fersen hockten und, wie es schien, einen bevorzugten Rang einnahmen, indem sie sich nicht an dem gemeinsamen Fest am Feuer beteiligten und auch besser gekleidet waren als die große Schar. Sie waren von sehr verschiedener Hautfarbe und Gesichtsbildung, so daß sie leicht als verschiedenen Stämmen angehörig zu erkennen waren. Einige waren braunrötlich, andere tiefschwarz, und sowohl die gebogene Nase des Kaffern wie die eingedrückte Nase des Hottentotten war hier vertreten. Sie trugen sämtlich schöne Mäntel von Tiger- und Pantherfellen und waren mit glänzenden Hals- und Armbändern geziert. Alle hielten Pfeifen in der Hand, aus denen sie Tabak rauchten, und sie tranken dazu abwechselnd aus einer großen Flasche, die in ihrer Mitte stand, ein Getränk, welches Pieter Maritz am Geruche schon als Arrak erkannte.
Unter ihnen allen der Vornehmste war aber offenbar ein schon bejahrter Mann, der auf einer Art von Ruhebank lag, die mit Löwenfellen bedeckt war. Er war von sehr glänzender Hautfarbe, von einem Braun, welches dem des gerösteten Kaffees glich, und seine Haare waren stark mit Grau gemischt. Seine kohlschwarzen Augen waren unruhig und durchbohrend, seine Nase war breit, doch nicht platt gedrückt, der Mund vorstehend, mit aufgeworfenen Lippen, doch nicht so sehr, daß seinem Gesicht ein tierischer Zug verliehen worden wäre. Im Gegenteil hatte es einen klugen Ausdruck, denn Augen und Stirn beherrschten den unteren Teil. Dieser Mann trug eine Art von Tunika oder kurzem Gewand von weißer Wolle mit ganz kurzen Ärmeln, die nur eben die Achseln bedeckten, und an seinen muskulösen Armen glänzten breite goldene Ringe. Um den Hals trug er eine Kette von Löwenzähnen, die mit Golddraht zusammengehalten wurden, und ein Mantel von Löwenfell hing über seinen Rücken hinab. Um den Leib trug er einen Gurt von gesticktem Leder, an welchem ein Hirschfänger von europäischer Arbeit und außerdem ein kleines Messer mit Perlmutterschale steckten. Er stand auf und blieb vor seinem Sitze stehen, als die Gefangenen ihm vorgeführt wurden; diese sahen mit Überraschung, daß der Gebieter der großen wilden Schar nur von einer Statur unter Mittelgröße war.
Mit drohendem Blicke musterte er den blassen Jüngling in dem zerrissenen Scharlachrock und den Knaben mit den blonden Locken und schüttelte gegen sie die erhobene rechte Faust, so daß die goldenen Armbänder klirrten. Dann rief er in holländischer Sprache, die er vollkommen gut redete: »Ihr seid in die Höhle des Löwen geraten, Söhne der treulosen und grausamen weißen Menschen! Bereitet euch zum Tode, ihr seid in der Macht des Titus Afrikaner!«
Achtes Kapitel
Unter den Räubern
Als die beiden jugendlichen Gefangenen diese Drohung vernahmen und einen Namen hörten, welcher viele Meilen ringsum gefürchtet war und nur mit Schrecken genannt wurde, da zog wohl ein Gefühl des Todesbangens durch ihre Brust, aber ihr Stolz ließ es nicht zu, daß der Räuberfürst etwas von Furcht an ihnen bemerkte.
Pieter Maritz trug den Kopf so aufrecht wie vorher, der Engländer, welcher aus Ton und Haltung den Sinn der Drohung verstanden hatte, richtete sich aus seiner gebeugten Haltung höher auf, und beide sahen mit unerschütterlicher Festigkeit dem zornigen Titus Afrikaner in die kleinen, funkelnden Augen. Gegenüber diesem dunkelfarbigen Volke regte sich das Blut des weißen Mannes in ihnen, und nichts hätte sie jetzt dahin bringen können, Demut oder gar Furcht zu zeigen.
Titus Afrikaner beobachtete den Eindruck, den seine Worte gemacht hatten, und als er in der stolzen Haltung und den festen Blicken seiner Gefangenen deren unbeugsamen Trotz las, nahm seine Miene eine noch finstere Gestaltung an.
»Seht da,« sagte er, sich zu seinen Offizieren wendend und in der Betschuanensprache redend, die vom Oranjefluß im Süden bis zum Limpopostrom im Norden verstanden wird, »seht da dies gefährliche Volk der weißen Männer. Diese hier sind noch Knaben, und ihr seht sie trotzig gleich erprobten Kriegern. Im Frieden treulos, habsüchtig und übermütig, im Kampfe zäh, ausdauernd und grausam, so sind die Feinde beschaffen, die Morimo in seinem Hasse gegen unser Volk zu uns übers Meer geführt hat. Die Griqua, die Koranna, die Namaqua, die Stämme der Kaffern und alle Stämme der ehemals mächtigen Betschuanen schmelzen vor den weißen Männern hinweg, wie das Fett des Ochsen am Feuer schmilzt. In Höhlen und auf den Bergen müssen die wenigen Tapferen sich verbergen, die nicht dem Zugstier gleich das Joch der Weißen auf dem Nacken tragen wollen. Darum keine Schonung! Ihr meint wohl, es sei gut, Tabak und Arrak, Gold und Silber zu erlangen, und ihr wolltet den Jüngling mit dem roten Rocke seinen Freunden zurückgeben, aber ich sage euch, einem wahren Krieger ist das Blut seiner Feinde der süßeste Anblick, und weder den Buernsohn noch den reichen Jüngling von den Truppen des englischen Gouverneurs soll die Hoffnung auf Lösegeld vom Tode retten.«
Ein Gemurmel der Zustimmung kam aus dem Kreise der Offiziere hervor, und niemand wagte der Ansicht des Häuptlings zu widersprechen. Doch entging es seinem scharfen Auge nicht, daß mehrere seiner Untergebenen nur widerwillig zustimmten, insgeheim aber begehrliche Blicke auf den Engländer warfen, in denen zu lesen war, daß sie sich den Gewinn, der aus einem solchen Gefangenen zu ziehen sei, wohl überlegten.
»Führt sie fort!« befahl Titus Afrikaner jetzt mit ruhiger Stimme, »und bewacht sie gut! Morgen werde ich ihr Urteil sprechen.«
Ein Haufen von Schwarzen, welcher die Gefangenen umringte, führte sie dieser Weisung gemäß fort nach einem andern Teile der großen Höhle und gab ihnen zu verstehen, daß sie dort bleiben sollten. Hier war ein kellerartiger Raum aus der Felsenwand herausgesprengt, den einst zu Zeiten großer Erdbewegungen die geheimnisvollen Kräfte des Erdinnern gleich der ganzen Höhle hervorgerufen haben mußten. Nur schwach war hier das Licht, das von dem großen Feuer herüberdrang. Pieter Maritz und der Engländer standen schweigend in diesem Raume und dachten über ihr Schicksal mit traurigen Ahnungen nach. Doch erwiesen sich ihre Wächter menschlicher, als sie erwarteten. Die natürliche Gutmütigkeit der meisten jener Völker, welche die südafrikanischen Länder bewohnen, zeigte sich auch hier unter diesen Leuten, die doch Räuber waren. Zwei von ihnen trugen weiches Laub und Schaffelle herbei, auf denen die Gefangenen bequem ruhen konnten, ein anderer holte einen brennenden Ast herbei, der von einem harzigen Holze war und gleich einer Fackel leuchtete. Diesen Ast steckte er in ein Loch in der Felsenwand, so daß der Kerker erhellt ward. Und endlich schleppten andere Leute einen Topf mit Brühe und gekochtem Fleisch, sowie große Stücke des frisch gebratenen Ochsen herbei und gaben den Gefangenen reichlich davon ab, während sie selber schmausten. So saßen Kerkermeister und Gefangene zusammen und teilten ihr Mahl, als seien sie die besten Freunde. Sowohl Pieter Maritz als der Engländer waren so erschöpft von der Reise und so hungrig, daß die körperliche Natur über die traurigen Vorstellungen ihres Geistes siegte und sie es sich gut schmecken ließen.
Ja, als er gegessen hatte, ließ Lord Adolphus Fitzherbert den Hornlöffel, womit er in Gemeinschaft mit den Schwarzen aus demselben Topfe hervorgelangt, mit lautem Lachen in den Topf zurückfallen.