Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 1
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Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal.
Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal.
Von
August Niemann.
Mit 16 Tonbildern, 1 Karte und zahlreichen Textabbildungen.
Achte Auflage.
Bielefeld und Leipzig. _Verlag von Velhagen & Klasing._ 1910.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld
Inhaltsübersicht.
Seite
_Erstes Kapitel_: In der Mordhöhle von Makapanspoort 1
_Zweites Kapitel_: Die Gesandten des Zulukönigs 14
_Drittes Kapitel_: Auf der Reise 28
_Viertes Kapitel_: Heimliche Flucht 43
_Fünftes Kapitel_: Die Missionsstation Botschabelo 58
_Sechstes Kapitel_: Lord Adolphus Fitzherbert 71
_Siebentes Kapitel_: Titus Afrikaner 88
_Achtes Kapitel_: Unter den Räubern 103
_Neuntes Kapitel_: Morimo 118
_Zehntes Kapitel_: Die Bekehrung 134
_Elftes Kapitel_: Die Reise in das Zululand 152
_Zwölftes Kapitel_: Tschetschwajo, der Zulukönig 170
_Dreizehntes Kapitel_: Königliche Manöver und Jagden 188
_Vierzehntes Kapitel_: Mainze-kanze -- Laßt den Feind kommen! 206
_Fünfzehntes Kapitel_: Der Regenmacher 224
_Sechzehntes Kapitel_: Der Abschied vom Zululand 243
_Siebzehntes Kapitel_: Utrecht 262
_Achtzehntes Kapitel_: Die Schlacht von Isandula 280
_Neunzehntes Kapitel_: In Pretoria 299
_Zwanzigstes Kapitel_: Die Anwerbung 317
_Einundzwanzigstes Kapitel_: Daheim und in englischen Diensten 335
_Zweiundzwanzigstes Kapitel_: Die Schlacht bei Gingilowo 352
_Dreiundzwanzigstes Kapitel_: Prinz Ludwig Napoleon 376
_Vierundzwanzigstes Kapitel_: Die Schlacht von Ulundi 392
_Fünfundzwanzigstes Kapitel_: König Tschetschwajos Gefangennahme 409
_Sechsundzwanzigstes Kapitel_: Von Pretoria nach Kimberley 424
_Siebenundzwanzigstes Kapitel_: Von Kimberley nach Bloemfontein 442
_Achtundzwanzigstes Kapitel_: Die Rekognoszierung 461
_Neunundzwanzigstes Kapitel_: Der Kampf bei Langes Nek 480
_Dreißigstes Kapitel_: Der Kampf bei Schains Hoogte 498
_Einunddreißigstes Kapitel_: Im feindlichen Lager 521
_Zweiunddreißigstes Kapitel_: Die Erstürmung des Majuba 539
_Schluß_ 555
Erstes Kapitel
In der Mordhöhle von Makapanspoort
An einem Nachmittage des Monats Januar 1878 zog ein einzelner Reiter, neben dessen Pferd ein Knabe von etwa vierzehn Jahren einherschritt, durch das Thal des Nylflusses, welches die langgestreckten Höhenzüge der Waterberge im Lande Transvaal in Südafrika durchbricht.
Die Strahlen der Sonne fielen in blendender Klarheit vom unbewölkten Himmel herab und erzeugten in dem engen Thale eine brennende Glut. Nur langsam bewegte der kleine Zug sich vorwärts, das Pferd ging einen müden Schritt, der Reiter hatte sein bärtiges Haupt auf die Brust gesenkt, und der Knabe, welcher mit einer Hand den Steigbügelriemen gefaßt hatte, blickte oft voll Besorgnis zu dem Gesicht des Mannes empor.
Der Reiter war von gewaltigem Wuchse, breit von Brust und Schultern und mit langen Beinen. Er hatte ein kriegerisches Aussehen, obwohl keine Abzeichen militärischer Art seinen Anzug als den eines Soldaten kenntlich machten. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gebräunt, ein Hut mit sehr breitem Rande bedeckte sein Haupt, über der dunkelgrauen Bluse trug er einen Gurt von Büffelleder, an welchem ein Hirschfänger herabhing; über die eine Schulter gehängt war ein breiter Lederriemen, der der ganzen Länge nach mit metallenen Patronen besteckt war, und über der anderen Schulter trug er eine Büchse. Seine Füße steckten in hohen, bis zum Knie reichenden Stiefeln mit schweren Sporen.
Gleich dem Reiter war auch das Pferd seinem Aussehen nach an die Beschwerden der Märsche, der Jagd und des Krieges gewöhnt. Es war ein schönes starkes Tier von brauner Farbe, an dessen Brust und Hals einige hellere Streifen im Haar die Narben empfangener Wunden, sei es von Kugeln oder den Wurfspießen der Schwarzen kennzeichneten. Seine feinen, nervigen Beine zeigten eine außerordentliche Muskelkraft an, sein schlanker Hals war mit einer langen, leichten Mähne geziert, seine Augen glänzten von Klugheit, sein Kopf war zierlich und gedrungen, sein langer Schweif peitschte die Flanken. Kleine runde Narben über den Sprunggelenken ließen erkennen, daß es die Krankheit der südafrikanischen Wildnis überstanden hatte und nun allen Strapazen jenes Landes gewachsen war. Es war ein gesalzenes Pferd, wie die europäischen Kolonisten sich dort ausdrücken.
Welches aber der Grund davon war, daß das Tier so langsam ging und der Reiter sowohl wie der ihn begleitende Knabe so traurig aussahen, das war bei näherer Betrachtung leicht zu erkennen. Die linke Hand des Reiters hing bewegungslos an seiner Seite herab, und die Zügel lagen in der rechten. Dazu war diese gelähmte Hand mit einer Binde umwunden, welche von Blut gefärbt war, wie aus einer frischen Wunde. Außerdem aber war die Bluse auf der Brust mit dunkelroten Flecken reichlich bedeckt, und es war zu erkennen, daß auch hier, so nahe dem Sitze des Lebens, die Geschosse der Feinde bedrohlich gewirkt hatten. Auf diese Flecke und auf das Antlitz des verwundeten Mannes richteten sich die Blicke des besorgten Knaben an seiner Seite. Er hielt sich dicht am Pferde und war bereit, dem Vater eine Stütze zu sein, falls dieser etwa, vom Blutverlust geschwächt, nicht mehr imstande sein sollte, sich allein im Sattel zu halten. Er war ein kräftiger Knabe, dem Vater ähnlich an Gestalt. Unter seinem Hute hervor wallten blonde Locken bis auf den Kragen seiner Bluse herab und umrahmten ein frisches Gesicht mit hellen blauen Augen. Er war gleich dem Vater umgürtet und trug ein Waidmesser an der Hüfte, doch weiter keine Waffen. Ebenso trug er die hohen Stiefel, in welche die weiten Beinkleider hineingesteckt waren, doch keine Sporen.
»Wir werden unsern Marsch nicht lange mehr fortsetzen können, ich fühle mich zu schwach, mein Junge,« sagte in holländischer Sprache der Vater. »Und wer weiß, ob diese schwarzen Teufel uns nicht doch überholen, wenn sie die Richtung entdecken, in der wir ihnen entwischt sind. Aber ich weiß ein Versteck hier in dieser Gegend, dort wollen wir uns verbergen. Es ist mir um dich zu thun, Pieter Maritz, mein guter Sohn, denn was mich betrifft, so fühle ich wohl, daß es mit mir zu Ende geht.«
Indem der Reiter diese Worte mit schwacher Stimme sprach, lenkte er sein Pferd seitwärts nach dem Abhange des Berges zur Linken hin, in ein Dickicht. Das von der Sommerhitze verbrannte, lange, braune Gras, welches unter den Hufen des Pferdes und den Füßen des Knaben knisterte, hörte hier auf, und der Boden war mit frischen grünen Gewächsen bedeckt. Im Schatten hoher Agaven, deren gelbe Blumen hoch über dem Kopfe des Reiters leuchteten, hatte sich die Erde von dem letzten Gewitterguß feucht erhalten, und brennend rote Pelargonien, sowie die schirmförmigen, himmelblauen Blütenrispen der Kaplilie schimmerten zwischen dem Grün. Der Reiter richtete einen forschenden Blick auf die Gestalt der Felsen, deren rotbraune Flächen zwischen den Büschen hindurchschienen, und trieb das Pferd tiefer in das unwegsame Dickicht hinein. Kaktusbüsche von mannigfaltiger Gestalt, mit furchtbaren Stacheln bewaffnet, versperrten hier und dort den Weg und nötigten zu Umwegen, Schlingpflanzen zogen sich von Busch zu Busch und erschwerten das Vorwärtskommen. Endlich aber war die gesuchte Stelle erreicht. Eine mit grünem Moose überzogene Felswand zeigte sich dem Blicke. Hierher schien die Sonne nicht, denn sie richtete ihre Strahlen auf die andere Seite des Gebirges, und die Felswand lag im Schatten. Ein erfrischender Hauch ging von ihr aus, so daß das Pferd den Kopf erhob und mit den heißen Nüstern durstig schnupperte. Silberhelles Wasser rann in unzähligen Tropfen die Moosdecke hinab und bahnte sich einen Weg nach dem Thale hin.
Der wunde Mann hielt das Pferd an und sah mit schwermütiger Miene rings um sich. Es war hier ganz still, nur das leise Rieseln des Wassers war vernehmbar, und aus der Ferne tönte von dem verlassenen Dickicht her der Ruf eines Pavians, der auf Wachtposten vor seiner Herde stehen und die Nähe des Menschen gewittert haben mochte.
»Lange Jahre ist es her, daß ich zuletzt hier war,« sagte der Verwundete leise, »und ich hatte nicht gedacht, daß ich diesen Ort wiedersehen sollte.«
Er ließ das Pferd wieder angehen und lenkte eine kurze Strecke weit längs der Felswand hin, bis sich in dieser eine Kluft eröffnete. In diese ritt er hinein, und der Knabe hielt sich dicht an seiner Seite. Auf beiden Seiten stiegen die Felsen schroff empor, und ihre Moosbekleidung ward von einem schräg und schmal hereinfallenden Sonnenblick wie mit Gold übergossen. Jetzt zeigte sich in der Kluft ein schmaler Einschnitt in der Wand zur Rechten, kaum breit genug, um Pferd und Reiter hindurchzulassen. Hier hinein ging der Weg. In der Dämmerung, die hier herrschte, ward es dem Knaben, der jetzt dem Pferde folgte, nicht leicht, die Gegenstände ringsum zu erkennen, doch schritt er dicht hinter dem Tiere weiter. Er bemerkte zur rechten Seite einen tiefen Schlund, der schwarz und unabsehbar, wie ein Brunnen, nur mit weit größerer Öffnung, sich hinabsenkte, zur linken Seite dagegen eröffnete sich gleich darauf eine breite mächtige Halle. Auch hier herrschte ein dämmerndes Licht, welches vom Himmel herab durch irgend welche Spalten oder Löcher hereinfallen mußte, und nur undeutlich zeichneten sich an der hohen Wölbung lange spitze Zacken von Tropfstein ab, welche wie Zieraten herabhingen. Von der Halle aus ging es in eine schräg abfallende Höhle, die mit Schutt und Geröll bedeckt war, und an deren Ende führte ein schmaler Eingang in eine zweite hochgewölbte natürliche Halle. Hier war der Boden mit Wasser bedeckt, welches dem Knaben anfänglich bis über die Knöchel reichte. Das Wasser wurde tiefer, je weiter die Flüchtigen in den Berg hinein vordrangen, und es ging dem Pferde bis über die Kniee, als der Reiter zur Seite und aufwärts lenkte, um eine neue Höhle zu erreichen, welche höher lag. Diese bildete einen weiten Saal von etwa dreißig Fuß Höhe, und man blickte von hier aus in eine lange Reihe von anderen ähnlichen Gewölben, deren Ende nicht abzusehen war. Es schien dem Knaben, als befinde er sich in einem unterirdischen Palaste, von dem er wohl die Großmutter in ihren Märchen hatte erzählen hören, und voll Staunen blickte er in den dämmerigen Räumen umher. Ein sonderbares Glitzern und Flimmern, wie von vielen geschliffenen Glasflächen, erfüllte diese unter der Oberfläche des Berges befindlichen Säle und war in der Ferne noch heller als an dem Orte, wo sein Vater jetzt das Pferd anhielt. Doch nicht ohne Schaudern gewahrte der Knabe eine Menge von Gegenständen, die den Boden bedeckten. Es waren gebleichte Knochen in großer Zahl. Hier starrte der Schädel eines Menschen mit leeren Augenhöhlen empor, und daneben lagen lange weiße Arm- und Beinröhren, deren Fleisch, und Blut vor vielen Jahren schon dahingeschwunden war. Dort lag ein ganzer Haufen von Knochen wirr durcheinander. Auch Schädel von Ochsen, an deren Stirn die langen, gewundenen spitzigen Hörner emporragten, lagen zwischen den Gebeinen der Menschen umher. Neben den Gerippen aber waren es noch andere Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit des Knaben erregten. Da lagen zerbrochene Wurfspieße und Streitäxte, Bogen und Pfeile, dazu geflochtene Matten, Thonkrüge, Trinkflaschen der Kaffern, Tabaksdosen, allerhand Schmuckstücke, wie Halsketten von Tigerzähnen und kupferne Armringe, auch Mäntel von Fell und sonstige Gegenstände, welche von den afrikanischen Stämmen getragen werden. Das lag alles in wüster Unordnung durcheinander und machte auf den Knaben einen schauerlichen Eindruck. Denn diese unterirdischen Höhlen erschienen ihm wie die Grabstätte eines ganzen Volkes, und der Schimmer der Tropfsteingebilde an der Decke machte den Greuel am Boden nur noch deutlicher.
Auch auf den Vater selbst wirkte dieser Ort mit der Gewalt von etwas Unheimlichem, und als der Sohn ihm fragend ins Gesicht sah, schüttelte er den Kopf und wies nach einer Ecke der Höhle hin, wo sich eine kleinere Abteilung, einer Nische gleich, befand und wo dichtes Moos die Erde bedeckte, aber keine jener schrecklichen Überbleibsel lagen.
Mühsam stieg er alsdann, von dem Knaben gestützt, vom Pferde und ging wankenden Schrittes, auf dessen Schulter gelehnt, nach der bezeichneten Nische, die wie mit grünem Teppich bekleidet war. Dort breitete Pieter Maritz den Mantel, welchen er vom Rücken des Pferdes genommen hatte, auf dem Boden aus, nahm dem Vater die Büchse und den Patronengurt ab und half ihm sich niederzulegen. Stöhnend sank der gewaltige Mann hin und flüsterte mit trockenen, fieberheißen Lippen: »Wasser.«
Pieter Maritz blickte sich um und sah, daß das Pferd, welches sich selbst überlassen geblieben war, seinem Instinkt folgend, dem Geruche frischen Wassers nachgegangen war und am andern Ende der Höhle mit niedergebeugtem Kopfe trank. Er ergriff eine der am Boden liegenden Trinkflaschen und ging eben dorthin, wo ein Quell aus dem Felsen hervorrieselte und ein schmales Bächlein bildete, das abwärts nach jener Höhle lief, durch welche sie gekommen waren. Hier spülte er die Trinkflasche sorgfältig rein, füllte sie und brachte den Trank seinem nach Labung lechzenden Vater. Dieser trank mit begierigen Zügen und sank dann mit einem Seufzer der Erleichterung auf sein Lager zurück. Der Knabe kniete neben ihm nieder und betrachtete traurig sein bleiches Gesicht.
»Wir sind hier sicher vor Verfolgung,« hub der Verwundete nach einer Weile an. »Kein Kaffer wird sich hierher wagen, denn sie fürchten sich vor den Toten. Ein furchtbarer Kampf war hier vor mehr als zwanzig Jahren. Ich war mit dabei. Hier in dieser Höhle hatten sich Tausende von Schwarzen eingeschlossen, um sich gegen uns zu verteidigen, aber wir häuften Strauchwerk vor den Eingängen auf und zündeten es an, so daß sie alle im Rauche erstickten.«
»Wir haben dieses Land mühsam erobern müssen,« setzte er nach einer Pause hinzu, als der Knabe ihn mit dem Ausdruck des Entsetzens anblickte. »Entweder unser Blut mußte fließen oder das unserer Feinde. Doch laß mich noch einmal trinken, ich fühle ein Brennen in meinem Blute, und ich fürchte, der Pfeil, der meine Hand traf, ist vergiftet gewesen.«
Der Knabe reichte ihm von neuem die Trinkflasche, er leerte sie vollständig und schloß dann die Augen, um zu schlafen. Der Knabe aber stand auf und ging zu dem Pferde. Er nahm ihm den Sattel ab und streifte ihm den Zaum über den Kopf, legte beides zur Seite nieder und ließ dem Tiere völlige Freiheit. Es rieb, ihm gleichsam dankend, seinen Kopf an des Knaben Schulter, schüttelte sich und ging dann, nach Futter suchend, zur Höhle hinaus.
Als der Knabe wieder zu seinem Vater zurückkehrte, fand er ihn noch mit geschlossenen Augen daliegend, aber sein Atem war unregelmäßig und seine Hände und Arme zuckten unruhig. Der Knabe sah diese Anzeichen des Fiebers mit tiefer Besorgnis. Er preßte die Hände auf die Brust und murmelte leise eine Bitte zu Gott, dem Vater in dieser Not beizustehen. Der Mann mußte die Nähe seines Sohnes spüren, er öffnete die Augen, dann bewegte er den Kopf, richtete sich auf und blickte den Sohn an.
»Es geht schnell zu Ende,« sagte er. »Grüße deine Mutter und Geschwister, ich werde sie nicht wiedersehen. Bleibe ein frommer Junge und behalte dein Vaterland lieb. Sei immer treu und wahrhaft und tapfer, Pieter Maritz, und bedenke, daß deine Väter dieses Land mit ihrem Leben erkauft haben.«
Er schwieg, da ihm die Kraft zum ferneren Sprechen ausging, und trank noch einmal aus der Flasche, die Pieter Maritz von neuem mit Wasser gefüllt hatte.
»Wir haben nur einen Feind,« sagte er dann, während in seinen Augen ein zorniges Licht aufblitzte. »Dieser Feind ist England. Hätten die treulosen Engländer nicht die elenden Kaffern ermutigt, so hätten diese nie gewagt, sich gegen uns aufzulehnen. Es ist die Hand der Engländer, die deinen Vater getötet hat, Pieter Maritz, das vergiß nicht.«
»Ich werde es nicht vergessen,« sagte der Sohn, dem Vater mit festem Blick ins Gesicht sehend.
Der sterbende Mann heftete seine Augen lange auf des Knaben offenes und ehrliches Gesicht, und der tröstliche Gedanke, daß er einen Sohn von männlichem Sinne zurücklasse, goß Balsam in seine Seele. Er legte von neuem den Kopf auf das Lager zurück und sprach mit flüsternden Lippen ein Gebet.
Der Knabe, welcher neben ihm kniete, faltete die Hände, und ein Gefühl des tiefsten Schmerzes durchdrang seine Brust. Er sah, daß das Ende des geliebten Vaters schnell herannahte. Noch eine halbe Stunde wohl bewegte die Brust des tödlich Verwundeten sich auf und nieder und verkündigte, daß das Leben noch nicht entflohen war. Diese Zeit erschien dem Sohne wie eine unermeßliche Reihe voll trauriger Bilder. Er sah sich noch als Kind, umgeben von der Sorgfalt des nun Dahinscheidenden, er sah sich heranwachsend und von dem Vater den Gebrauch des Gewehrs und der Zügel lernend. Diese kraftvollen Hände sollten nun erlahmen, diese starke Gestalt, zu der er sein Lebenlang voll Ehrfurcht aufgeblickt, sollte dahinschwinden. Jetzt richtete sich der Blick des Vaters noch einmal voll Liebe auf den Sohn, ein Schauer durchlief den Körper, ein Zucken bewegte alle Glieder, und es war alles vorbei.
Pieter Maritz brach in ein stilles Weinen aus, welches seine Brust krampfhaft erschütterte. Er drückte dem Vater die Augen zu und blieb noch lange auf den Knieen neben ihm.
»O Vater, Vater!« rief er einmal über das andere. »O lieber Vater, bist du dahingeschieden und hast mich zurückgelassen? Hätte mich doch die Wunde getroffen! Hätte ich doch für dich sterben dürfen! Nun ist die Mutter verlassen, nun sind wir Kinder verwaist!« Er warf sich über die Brust des Toten, als könnte seine Umarmung das entflohene Leben zurückrufen, er preßte seinen Mund auf die bleichen Lippen und schluchzte voll Jammer.
Endlich, als der Körper des Toten erkaltete und als der Gedanke, daß der geliebte Vater wirklich aus dem Leben geschieden sei, ihm völlig klar geworden war, stand er auf und dachte an sein eigenes Schicksal. Doch nur zögernd vermochte er sich von dem toten Körper loszureißen. Der Gedanke, ihn zu verlassen, ihm kein christliches Begräbnis geben zu können, war ihm furchtbar. Noch einmal warf er sich in inbrünstigem Gebet neben der Leiche auf die Kniee, dann erhob er sich und ging mit schwerem Herzen. Er beschloß, zu den Seinigen zurückzukehren. Aber wie sollte er sie finden? Die Gemeinde der Buern, zu welcher er gehörte, war von ihrem Standorte aufgebrochen, weil ein benachbarter Betschuanenstamm sich in feindlicher Absicht in ihrer Nähe gezeigt hatte. Es war zu Kämpfen gekommen, die sich in Angriff und Verfolgung über weite Strecken Landes hingezogen hatten. Wo mochte jetzt die Gemeinde sein?
Der Knabe ging bis zum Ausgang der Höhle, und da er das Pferd nicht sah, setzte er die Hand an den Mund und ließ einen gellenden Pfiff von besonderer Art ertönen. Es währte nicht lange, da hörte er den Schritt des treuen Tieres, welches sich gehorsam näherte. Er streichelte es, umarmte seinen schlanken Hals und benetzte die seidenweiche Mähne mit Thränen. Es war ihm, als umarme er einen Freund, der seine einzige Stütze in großer Not sei. »Du und ich, alter Jager, wir sind jetzt allein,« sagte er, ihm die Nüstern liebkosend. Dann legte er ihm den Zaum an und schnallte ihm den Sattel auf den Rücken, verkürzte die Steigbügelriemen, so daß sie für ihn passend wurden, hing die schwere Büchse und den breiten Patronenriemen über die Schultern und stieg auf das Tier. Er war breitschulterig und stark gebaut, nach der Art seines Vaters, und wenn ihn auch dessen Ausrüstung belastete, so war ihm doch der Druck nicht zu schwer. Er warf noch einen Blick zurück, einen Blick, dessen Erinnerung sich für immer seinem Gemüte einprägte, und ritt dann den Weg zurück, den er gekommen war.
Als er den letzten Ausgang der Höhle erreicht hatte und aus der Spalte hervorkam, welche ein schmales Eingangsthor in dem moosüberkleideten Felsen bildete, sah er, daß die Sonne schon tief am Horizonte stand und daß der Einbruch der Nacht in etwa einer Stunde zu erwarten war. Es galt also, die Zeit zu benutzen, um noch vor der Dunkelheit ein tüchtiges Stück Weges zurückzulegen. Er lenkte sein Pferd nach rechts, um denselben Pfad durch das Dickicht zurückzureiten, welcher ihn hierher geführt hatte, aber das Tier widersetzte sich und zeigte eine beharrliche Neigung, nach links zu gehen. Weder Zurufe noch Zügeldruck wirkten, es stemmte zuerst seine Vorderfüße fest in den Boden und fing dann an, auf den Hinterbeinen in die Höhe zu steigen.
»Nun gut,« sagte sich Pieter Maritz, »vielleicht weißt du besser als ich, welches der richtige Weg ist.«