Philotas

Chapter 2

Chapter 23,311 wordsPublic domain

Philotas. Vortrefflich! Parmenio, wenn ich so empfindlich wäre, als du--

Parmenio. Und doch kann nur derjenige meinen blinden Gehorsam heischen, dem die Erfahrung doppelte Augen gegeben.

Philotas. Bald werde ich dich also um Verzeihung bitten müssen.--Nun wohl, ich bitte dich um Verzeihung, Parmenio. Murre nicht, Alter! Sei wieder gut, alter Vater!--Du bist freilich klüger, als ich. Aber nicht die Klügsten allein haben die besten Einfälle. Gute Einfälle sind Geschenke des Glückes; und das Glück, weißt du wohl, beschenkt den Jüngling oft lieber, als den Greis. Denn das Glück ist blind. Blind, Parmenio; stockblind gegen alles Verdienst. Wenn es das nicht wäre, müßtest du nicht schon lange Feldherr sein?

Parmenio. Sieh, wie du zu schmeicheln weißt, Prinz--Aber im Vertrauen, lieber Prinz! Willst du mich nicht etwa bestechen? mit Schmeicheleien bestechen?

Philotas. Ich, schmeicheln! Und dich bestechen! Du bist der Mann, der sich bestechen läßt!

Parmenio. Wenn du so fortfährest, so kann ich es werden. Schon traue ich mir selbst nicht mehr recht!

Philotas. Was wollte ich also sagen?--So einen guten Einfall nun, wollte ich sagen, als das Glück oft in das albernste Gehirn wirft, so einen habe ich itzo ertappt. Bloß ertappt; von dem Meinigen ist nicht das geringste dazugekommen. Denn hätte mein Verstand, meine Erfindungskraft einigen Anteil daran; würde ich ihn nicht gern mit dir überlegen wollen? Aber so kann ich ihn nicht mit dir überlegen; er verschwindet, wenn ich ihn mitteile; so zärtlich, so fein ist er, ich getraue mir ihn nicht in Worte zu kleiden; ich denke ihn nur, wie mich der Philosoph Gott zu denken gelehrt hat, und aufs höchste könnte ich dir nur sagen, was er nicht ist--Möglich zwar genug, daß es im Grunde ein kindischer Einfall ist; ein Einfall, den ich für einen glücklichen Einfall halte, weil ich noch keinen glücklichern gehabt habe. Aber mag er doch; kann er nichts nützen, so kann er doch auch nichts schaden. Das weiß ich gewiß; es ist der unschädlichste Einfall von der Welt; so unschädlich als--als ein Gebet. Wirst du deswegen zu beten unterlassen, weil du nicht ganz gewiß weißt, ob dir das Gebet helfen wird?--Verdirb mir immer also meine Freude nicht, Parmenio, ehrlicher Parmenio! Ich bitte dich, ich umarme dich--Wenn du mich nur ein klein wenig lieb hast--Willst du? Kann ich mich darauf verlassen? Willst du machen, daß ich erst morgen ausgewechselt werde? Willst du?

Parmenio. Ob ich will? Muß ich nicht? muß ich nicht?--Höre, Prinz, wenn du einmal König wirst, gib dich nicht mit dem Befehlen ab. Befehlen ist ein unsicheres Mittel, befolgt zu werden. Wem du etwas recht Schweres aufzulegen hast, mit dem mache es, wie du es itzt mit mir gemacht hast, und wenn er dir alsdenn seinen Gehorsam verweigert-- Unmöglich! Er kann dir ihn nicht verweigern! Ich muß auch wissen, was ein Mann verweigern kann.

Philotas. Was Gehorsam? Was hat die Freundschaft, die du mir erweisest, mit dem Gehorsam zu tun? Willst du, mein Freund?--

Parmenio. Hör' auf! hör' auf! Du hast mich schon ganz. Ja doch, ich will alles. Ich will es, ich will es deinem Vater sagen, daß er dich erst morgen auslösen soll. Warum zwar erst morgen,--das weiß ich nicht! Das brauch' ich nicht zu wissen! Das braucht auch er nicht zu wissen. Genug, ich weiß, daß du es willst. Und ich will alles, was du willst. Willst du sonst nichts? Soll ich sonst nichts tun? Soll ich für dich durchs Feuer rennen? Mich für dich vom Felsen herabstürzen? Befiehl nur, mein lieber kleiner Freund, befiehl! Itzt tu' ich dir alles! Sogar--sage ein Wort, und ich will für dich ein Verbrechen, ein Bubenstück begehen! Die Haut schaudert mir zwar; aber doch Prinz, wenn du willst, ich will, ich will--

Philotas. O mein bester, feuriger Freund! O du--wie soll ich dich nennen?--du Schöpfer meines künftigen Ruhmes! Dir schwöre ich bei allem, was mir heilig ist, bei der Ehre meines Vaters, bei dem Glücke seiner Waffen, bei der Wohlfahrt seines Landes schwöre ich dir, nie in meinem Leben diese deine Bereitwilligkeit, deinen Eifer zu vergessen! Möchte ich ihn auch würdig genug belohnen können!--Höret, ihr Götter, meinen Schwur!--Und nun Parmenio, schwöre auch du! Schwöre mir, dein Wort treulich zu halten.--

Parmenio. Ich schwören? Ich bin zu alt zum Schwören.

Philotas. Und ich bin zu jung, dir ohne Schwur zu trauen. Schwöre mir! Ich habe dir bei meinem Vater geschworen, schwöre du mir bei deinem Sohne. Du liebst ihn doch, deinen Sohn? Du liebst ihn doch recht herzlich?

Parmenio. So herzlich, wie dich!--Du willst es, und ich schwöre. Ich schwöre dir, bei meinem einzigen Sohne, bei meinem Blute, das in seinen Adern wallet, bei dem Blute, das ich gern für deinen Vater geblutet, das auch er gern für dich einst bluten wird, bei diesem Blute schwöre ich dir, mein Wort zu halten! Und wenn ich es nicht halte, so falle mein Sohn in seiner ersten Schlacht, und erlebe sie nicht, die glorreichen Tage deiner Regierung!--Höret, ihr Götter, meinen Schwur--

Philotas. Höret ihn noch nicht, ihr Götter!--Du hast mich zum besten, Alter. In der ersten Schlacht fallen; meine Regierung nicht erleben: ist das ein Unglück? Ist früh sterben ein Unglück?

Parmenio. Das sag' ich nicht. Doch nur deswegen, um dich auf dem Throne zu sehen, um dir zu dienen, möchte ich--was ich sonst durchaus nicht möchte--noch einmal junge werden--Dein Vater ist gut; aber du wirst besser, als er.

Philotas. Kein Lob zum Nachteile meines Vaters!--Ändere deinen Schwur! Komm, ändere ihn so: Wenn du dein Wort nicht hältst, so möge dein Sohn ein Feiger, ein Nichtswürdiger werden; er möge, wenn er zwischen Tod und Schande zu wählen hat, die Schande wählen; er möge neunzig Jahre ein Spott der Weiber leben, und noch im neunzigsten Jahre ungern sterben.

Parmenio. Ich entsetze mich--doch schwöre ich: das mög' er!--Höret den gräßlichsten der Schwüre, ihr Götter!

Philotas. Höret ihn!--Nun gut, nun kannst du gehen, Parmenio. Wir haben einander lange genug aufgehalten, und fast zu viel Umstände über eine Kleinigkeit gemacht. Denn ist es nicht eine wahre Kleinigkeit, meinem Vater zu sagen, ihn zu überreden, daß er mich nicht eher als morgen auswechsle? Und wenn er ja die Ursache wissen will; wohl, so erdenke dir unter Weges eine Ursache.

Parmenio. Das will ich auch! Ich habe zwar, so alt ich geworden bin, noch nie eine Unwahrheit gesonnen. Aber doch, dir zuliebe, Prinz--Laß mich nur; das Böse lernt sich auch noch im Alter.--Lebe wohl!

Philotas. Umarme mich!--Geh!

Sechster Auftritt.

Philotas.

Es soll so viele Betrüger in der Welt geben, und das Betrügen ist doch so schwer, wenn es auch in der besten Absicht geschieht.--Habe ich mich nicht wenden und winden müssen!--Mache nur, guter Parmenio, daß mich mein Vater erst morgen auslöset, und er soll mich gar nicht auszulösen brauchen.--Nun habe ich Zeit genug gewonnen! Zeit genug, mich in meinem Vorsatze zu bestärken--Zeit genug, die sichersten Mittel zu wählen.--Mich in meinem Vorsatze zu bestärken?--Wehe mir, wenn ich dessen bedarf!--Standhaftigkeit des Alters, wenn du mein Teil nicht bist, o so stehe du mir bei, Hartnäckigkeit des Jünglings!

Ja, es bleibt dabei! es bleibt fest dabei!--Ich fühl' es, ich werde ruhig,--ich bin ruhig!--Der du itzt da stehest, Philotas--(indem er sich selbst betrachtet)--Ha! es muß ein trefflicher, ein großer Anblick sein: ein Jüngling gestreckt auf den Boden, das Schwert in der Brust!--

Das Schwert? Götter! o ich Elender! ich Ärmster!--Und itzt erst werde ich es gewahr? Ich habe kein Schwert; ich habe nichts! Es ward die Beute des Kriegers, der mich gefangen nahm.--Vielleicht hätte er es mir gelassen, aber Gold war der Heft.--Unseliges Gold, bist du denn immer das Verderben der Tugend!

Kein Schwert? Ich kein Schwert?--Götter, barmherzige Götter, dies einzige schenket mir! Mächtige Götter, die ihr Erde und Himmel erschaffen, ihr könntet mir kein Schwert schaffen,--wenn ihr wolltet?-- Was ist nun mein großer, schimmernder Entschluß? Ich werde mir selbst ein bitteres Gelächter--

Und da kömmt er auch schon wieder, der König.--Still! Wenn ich das Kind spielte?--Dieser Gedanke verspricht etwas.--Ja! Vielleicht bin ich glücklich--

Siebenter Auftritt.

Aridäus. Philotas.

Aridäus. Nun sind die Boten fort, mein Prinz. Sie sind auf den schnellesten Pferden abgegangen, und das Hauptlager deines Vaters ist so nahe, daß wir in wenig Stunden Antwort erhalten können.

Philotas. Du bist also, König, wohl sehr ungeduldig, deinen Sohn wieder zu umarmen?

Aridäus. Wird es dein Vater weniger sein, dich wieder an seine Brust zu drücken?--Laß mich aber, liebster Prinz, deine Gesellschaft genießen. In ihr wird mir die Zeit schneller verschwinden; und vielleicht, daß es auch sonst glückliche Folgen hat, wenn wir uns näher kennen. Liebenswürdige Kinder sind schon oft die Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern gewesen. Folge mir also in mein Zelt, wo die besten meiner Befehlshaber deiner warten. Sie brennen vor Begierde, dich zu sehen und zu bewundern.

Philotas. Männer, König, müssen kein Kind bewundern. Laß mich also nur immer hier. Scham und Ärgernis würden mich eine sehr einfältige Person spielen lassen. Und was deine Unterredung mit mir anbelangt-- da seh' ich vollends nicht, was daraus kommen könnte. Ich weiß weiter nichts, als daß du und mein Vater in Krieg verwickelt sind; und das Recht--das Recht, glaub' ich, ist auf seiten meines Vaters. Das glaub' ich, König, und will es nun einmal glauben--wenn du mir auch das Gegenteil unwidersprechlich zeigen könntest. Ich bin Sohn und Soldat, und habe weiter keine Einsicht, als die Einsicht meines Vaters und meines Feldherrn.

Aridäus. Prinz, es zeiget einen großen Verstand, seinen Verstand so zu verleugnen. Doch tut es mir leid, daß ich mich also auch vor dir nicht soll rechtfertigen können.--Unseliger Krieg!--

Philotas. Jawohl, unseliger Krieg!--Und wehe seinem Urheber!

Aridäus. Prinz! Prinz! erinnere dich, daß dein Vater das Schwert zuerst gezogen. Ich mag in deine Verwünschung nicht einstimmen. Er hatte sich übereilt, er war zu argwöhnisch--

Philotas. Nun ja; mein Vater hat das Schwert zuerst gezogen. Aber entsteht die Feuersbrunst erst dann, wenn die lichte Flamme durch das Dach schlägt? Wo ist das geduldige, gallose, unempfindliche Geschöpf, das durch unaufhörliches Necken nicht zu erbittern wäre?--Bedenke,-- denn du zwingst mich mit aller Gewalt von Dingen zu reden, die mir nicht zukommen--bedenke, welch eine stolze, verächtliche Antwort du ihm erteiltest, als er--Doch du sollst mich nicht zwingen; ich will nicht davon sprechen! Unsere Schuld und Unschuld sind unendlicher Mißdeutungen, unendlicher Beschönigungen fähig. Nur dem untrüglichen Auge der Götter erscheinen wir, wie wir sind; nur das kann uns richten. Die Götter aber, du weißt es, König, sprechen ihr Urteil durch das Schwert des Tapfersten. Laß uns den blutigen Spruch aushören! Warum wollen wir uns kleinmütig von diesem höchsten Gerichte wieder zu den niedrigern wenden? Sind unsere Fäuste schon so müde, daß die geschmeidige Zunge sie ablösen müsse?

Aridäus. Prinz, ich höre dich mit Erstaunen--

Philotas. Ach!--Auch ein Weib kann man mit Erstaunen hören!

Aridäus. Mit Erstaunen, Prinz, und nicht ohne Jammer!--Dich hat das Schicksal zur Krone bestimmt, dich!--Dir will es die Glückseligkeit eines ganzen, mächtigen, edeln Volkes anvertrauen; dir!--Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbeern und Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege, als glückliche Untertanen zählen.--Wohl mir, daß meine Tage in die deinigen nicht reichen werden! Aber wehe meinem Sohne, meinem redlichen Sohne! Du wirst es ihm schwerlich vergönnen, den Harnisch abzulegen--

Philotas. Beruhige den Vater, o König! Ich werde deinem Sohne weit mehr vergönnen! weit mehr!

Aridäus. Weit mehr? Erkläre dich--

Philotas. Habe ich ein Rätsel gesprochen?--O verlange nicht, König, daß ein Jüngling, wie ich, alles mit Bedacht und Absicht sprechen soll. --Ich wollte nur sagen: Die Frucht ist oft ganz anders, als die Blüte sie verspricht. Ein weibischer Prinz, hat mich die Geschichte gelehrt, ward oft ein kriegerischer König. Könnte mit mir sich nicht das Gegenteil zutragen?--Oder vielleicht war auch diese meine Meinung, daß ich noch einen weiten und gefährlichen Weg zum Throne habe. Wer weiß, ob die Götter mich ihn vollenden lassen?--Und laß mich ihn nicht vollenden, Vater der Götter und Menschen, wenn du in der Zukunft mich als einen Verschwender des Kostbarsten, was du mir anvertrauet, des Blutes meiner Untertanen, siehest!--

Aridäus. Ja, Prinz; was ist ein König, wenn er kein Vater ist! Was ist ein Held ohne Menschenliebe! Nun erkenne ich auch diese in dir, und bin wieder ganz dein Freund!--Aber komm, komm; wir müssen hier nicht allein bleiben. Wir sind einer dem andern zu ernsthaft. Folge mir!

Philotas. Verzeih, König--

Aridäus. Weigere dich nicht!

Philotas. So wie ich bin, mich vor vielen sehen zu lassen?--

Aridäus. Warum nicht?

Philotas. Ich kann nicht, König; ich kann nicht.

Aridäus. Und die Ursache?

Philotas. O die Ursache!--Sie würde dich zum Lachen bewegen.

Aridäus. Um so viel lieber laß sie mich hören. Ich bin ein Mensch, und weine und lache gern.

Philotas. Nun so lache denn!--Sieh, König, ich habe kein Schwert, und ich möchte nicht gern, ohne dieses Kennzeichen des Soldaten, unter Soldaten erscheinen.

Aridäus. Mein Lachen wird zur Freude. Ich habe in voraus hierauf gedacht, und du wirst sogleich befriediget werden. Strato hat Befehl, dir dein Schwert wieder zu schaffen.

Philotas. Also laß uns ihn hier erwarten.

Aridäus. Und alsdenn begleitest du mich doch?--

Philotas. Alsdenn werde ich dir auf dem Fuße nachfolgen.

Aridäus. Gewünscht! da kömmt er! Nun, Strato--

Achter Auftritt.

Strato (mit einem Schwerte in der Hand). Aridäus. Philotas.

Strato. König, ich kam zu dem Soldaten, der den Prinzen gefangen genommen, und forderte des Prinzen Schwert in deinem Namen von ihm zurück. Aber höre, wie edel sich der Soldat weigerte. "Der König", sprach er, "muß mir das Schwert nicht nehmen. Es ist ein gutes Schwert, und ich werde es für ihn brauchen. Auch muß ich ein Andenken von dieser meiner Tat behalten. Bei den Göttern, sie war keine von meinen geringsten! Der Prinz ist ein kleiner Dämon. Vielleicht aber ist es euch nur um den kostbaren Heft zu tun--" Und hiermit, ehe ich es verhindern konnte, hatte seine starke Hand den Heft abgewunden, und warf mir ihn verächtlich zu Füßen--"Da ist er!" fuhr er fort. "Was kümmert mich euer Gold?"

Aridäus. O Strato, mache mir den Mann wieder gut!--

Strato. Ich tat es. Und hier ist eines von deinen Schwertern!

Aridäus. Gibt her!--Willst du es, Prinz, für das deinige annehmen?

Philotas. Laß sehen!--Ha!--(Beiseite.) Habet Dank, ihr Götter! (Indem er es lange und ernsthaft betrachtet.)--Ein Schwert!

Strato. Habe ich nicht gut gewählet, Prinz?

Aridäus. Was findest du deiner tiefsinnigen Aufmerksamkeit so wert daran?

Philotas. Daß es ein Schwert ist!--(Indem er wieder zu sich kömmt.) Und ein schönes Schwert! Ich werde bei diesem Tausche nichts verlieren.--Ein Schwert!

Aridäus. Du zitterst, Prinz.

Philotas. Vor Freuden!--Ein wenig zu kurz scheinet es mir bei alledem. Aber was zu kurz? Ein Schritt näher auf den Feind ersetzt, was ihm am Eisen abgehet.--Liebes Schwert! Welche eine schöne Sache ist ein Schwert, zum Spiele und zum Gebrauche! Ich habe nie mit etwas andern gespielt.--

Aridäus (zum Strato). O der wunderbaren Vermischung von Kind und Held!

Philotas (beiseite). Liebes Schwert! Wer doch bald mit dir allein wäre!--Aber, gewagt!

Aridäus. Nun lege das Schwert an, Prinz; und folge mir.

Philotas. Sogleich!--Doch seinen Freund und sein Schwert muß man nicht bloß von außen kennen. (Er zieht es, und Strato tritt zwischen ihn und den König.)

Strato. Ich verstehe mich mehr auf den Stahl, als auf die Arbeit. Glaube mir Prinz; der Stahl ist gut. Der König hat, in seinen männlichen Jahren, mehr als einen Helm damit gespalten.

Philotas. So stark werde ich nicht werden! Immerhin!--Tritt mir nicht so nahe, Strato.

Strato. Warum nicht?

Philotas. So! (Indem er zurückspringt, und mit dem Schwerte einen Streich durch die Luft tut.) Es hat den Zug, wie es ihn haben muß.

Aridäus. Prinz, schone deines verwundeten Armes! Du wirst dich erhitzen!--

Philotas. Woran erinnerst du mich, König?--An mein Unglück; nein, an meine Schande! Ich ward verwundet und gefangen! Ja! Aber ich will es nie wieder werden! Bei diesem meinem Schwerte, ich will es nie wieder werden! Nein, mein Vater, nein! Heut sparet dir ein Wunder das schimpfliche Lösegeld für deinen Sohn; künftig spar' es dir sein Tor! Sein gewisser Tod, wenn er sich wieder umringt siehet!--Wieder umringt?--Entsetzen!--Ich bin es! Ich bin umringt! Was nun? Gefährte! Freunde! Brüder! Wo seid ihr? Alle tot? Überall Feinde?-- Überall! Hier durch, Philotas! Ha! Nimm das, Verwegner!--Und du das!--Und du das! (Um sich hauend.)

Strato. Prinz! was geschieht dir? Fasse dich! (Geht auf ihn zu.)

Philotas (sich von ihm entfernend). Auch du, Strato? auch du?--O Feind, sei großmütig! Töte mich! Nimm mich nicht gefangen!--Nein, ich gebe mich nicht gefangen! Und wenn ihr alle Stratos wäret, die ihr mich umringet! Doch will ich mich gegen euch alle, gegen eine Welt will ich mich wehren!--Tut euer Bestes, Feinde!--Aber ihr wollt nicht? Ihr wollt mich nicht töten, Grausame? Ihr wollt mich mit Gewalt lebendig?--Ich lache nur! Mich lebendig gefangen? Mich?--Eher will ich dieses mein Schwert, will ich--in diese meine Brust--eher-- (Er durchsticht sich.)

Aridäus. Götter! Strato!

Strato. König!

Philotas. Das wollt' ich! (Zurücksinkend.)

Aridäus. Halt ihn, Strato!--Hilfe! dem Prinzen zur Hilfe!--Prinz, welche wütende Schwermut--

Philotas. Vergib mir, König! ich habe dir einen tödlichern Streich versetzt, als mir!--Ich sterbe; und bald werden beruhigte Länder die Frucht meines Todes genießen.--Dein Sohn, König, ist gefangen; und der Sohn meines Vaters ist frei--

Aridäus. Was hör' ich?

Strato. So war es Vorsatz, Prinz?--Aber als unser Gefangener hattest du kein Recht über dich selbst.

Philotas. Sage das nicht, Strato!--Sollte die Freiheit zu sterben, die uns die Götter in allen Umständen des Lebens gelassen haben, sollte diese ein Mensch dem andern verkümmern können?--

Strato. O König!--Das Schrecken hat ihn versteinert!--König!

Aridäus. Wer ruft?

Strato. König!

Aridäus. Schweig!

Strato. Der Krieg ist aus, König!

Aridäus. Aus? Das leugst du, Strato!--Der Krieg ist nicht aus, Prinz! --Stirb nur! stirb! Aber nimm das mit, nimm den quälenden Gedanken mit: Als ein wahrer unerfahrner Knabe hast du geglaubt, daß die Väter alle von einer Art, alle von der weichlichen, weiblichen Art deines Vaters sind.--Sie sind es nicht alle! Ich bin es nicht! Was liegt mir an meinem Sohne? Und denkst du, daß er nicht ebensowohl zum Besten seines Vaters sterben kann, als du zum Besten des deinigen?--Er sterbe! Auch sein Tod erspare mir das schimpfliche Lösegeld!--Strato, ich bin nun verwaiset, ich armer Mann!--Du hast einen Sohn; er sei der meinige!--Denn einen Sohn muß man doch haben.--Glücklicher Strato!

Philotas. Noch lebt auch dein Sohn, König! Und wird leben! Ich hör' es!

Aridäus. Lebt er noch?--So muß ich ihn wieder haben. Stirb du nur! Ich will ihn doch wieder haben! Und für dich!--Oder ich will deinem toten Körper so viel Unehre, so viel Schmach erzeigen lassen!--Ich will ihn--

Philotas. Den toten Körper!--Wenn du dich rächen willst, König, so erwecke ihn wieder!--

Aridäus. Ach!--Wo gerat' ich hin!

Philotas. Du daurest mich!--Lebe wohl, Strato! Dort, wo alle Tugendhafte Freunde, und alle Tapfere Glieder eines seligen Staates sind, im Elysium sehen wir uns wieder!--Auch wir, König, sehen uns wieder--

Aridäus. Und versöhnt!--Prinz!--

Philotas. O so empfanget meine triumphierende Seele, ihr Götter; und dein Opfer, Göttin des Friedens!

Aridäus. Höre mich, Prinz!--

Strato. Er stirbt!--Bin ich ein Verräter, König, wenn ich deinen Feind beweine? Ich kann mich nicht halten. Ein wunderbarer Jüngling!

Aridäus. Beweine ihn nur!--Auch ich!--Komm! Ich muß meinen Sohn wieder haben! Aber rede mir nicht ein, wenn ich ihn zu teuer erkaufe!-- Umsonst haben wir Ströme Bluts vergossen; umsonst Länder erobert. Da zieht er mit unserer Beute davon, der größere Sieger!--Komm! Schaffe mir meinen Sohn! Und wenn ich ihn habe, will ich nicht mehr König sein. Glaubt ihr Menschen, daß man es nicht satt wird?--(Gehen ab.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Philotas, von Gotthold Ephraim Lessing.