Phantasten: Roman

Chapter 4

Chapter 43,373 wordsPublic domain

Inzwischen arbeiteten die anderen in der heißen Sonne. Ihre erste Sorge galt der Zuführung von Trinkwasser, dessen tägliche Herstellung im Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorläufig auf die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begnügte sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete Edgar Allan an dem Stadtplane, während die anderen fünf kleinere, aber notwendige Arbeiten ausführten. Es war beschlossen worden, sofort nach der Fertigstellung von Allans Plänen an den Häuserbau zu gehen, und zwar sollten die Häuser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Gründer sich endgiltig zur Übersiedelung auf die Insel bereit erklärt hatten.

Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten später umhüllte tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach, leuchtete für eine Sekunde grünlich-weiß der Gischt auf.

Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken gehüllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzündet hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor.

Keiner sprach ein Wort.

Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Männer da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des Wellenschlages.

Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer ließ seine scharfen Züge unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu Paul Seebeck:

»Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gespräch zurückkommen, das wir vor mehreren Monaten in Berlin führten?«

Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte spielte mit einigen Kieseln.

Melchior sagte:

»Unser Gespräch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die Menschen ohne weiteres hier hersetzen könnte, damit sich die langsam entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir hier künstlich schaffen wollen. Sie antworteten, daß die Menschen so vieles zu vergessen hätten, bevor sie reif würden, Sie gebrauchten das Wort Masseninstinkte - erinnern Sie sich noch?«

Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag, war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser fuhr fort:

»Ich habe darüber nachgedacht und habe zunächst folgende Formel gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das menschliche Massenbewußtsein ersetzen.«

Paul Seebeck nickte und hörte auf, mit den Steinchen zu spielen. Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glänzenden Augen weit vornüber. Edgar Allan aber sagte gleichmütig im Hintergrunde:

»Glauben Sie denn wirklich, daß das geht? Wir, die etwas besonderes zu sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen, um das Betreffende zu sagen und können dann mit gutem Gewissen abtreten. Denn wir erleben doch nicht, daß die Masse uns versteht; in manchen Fällen geschieht es später - meistens wohl überhaupt nicht. Aber wir haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben können, gleichgiltig, ob es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten können wir aber nicht. Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir müssen es ihr anheimstellen, ob sie uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die Masse.«

Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte:

»Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt, auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse, literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar, sondern -«

Er stand auf und hob dozierend einen Finger:

»Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation, immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form und Inhalt - und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.«

»Sind die Staatsformen wirklich im Rückstande?« mischte sich Herr von Rochow ins Gespräch. »Ich möchte lieber sagen, daß sie eine viel vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen. Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt, die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.«

Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief: »Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt, wo das Problem liegt - lassen Sie mir nur etwas Zeit!«

Verwundert und ein wenig gekränkt sahen die anderen ihn an. Seine Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere Gestalt im Feuerscheine so grotesk, daß sich der Ärger bald in Achtung und Mitleid verwandelte. Doch hätte die Situation peinlich werden können, hätte Otto Meyer sie nicht aufgelöst. Er sagte nämlich gemütlich:

»Ja, Kinder, was strengt ihr euch unnötig an, wenn Herr Melchior so liebenswürdig ist, alle Denkarbeit für uns zu übernehmen, und für die endgiltige Lösung aller Weltprobleme garantiert.«

Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehört. Mit gekrümmtem Rücken saß er da und starrte vor sich hin.

Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan:

»Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis übergehen. Ich bin nämlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir können morgen vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelände machen, und ich kann Ihnen dann genau erklären, wie ich alles meine. Ich habe natürlich versucht, die Natur so genau wie möglich zu verstehen und sie ihrer eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der Bildung der Felsen eng anschließen; sie darf ja kein Fremdkörper auf der Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blüte. Na, das sind ja Gemeinplätze«, sagte er aufstehend, »aber ich habe auch einige gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde möchte ich die Hauptstraße haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht später weiter auf das Hochland geführt wird. Die achte große Terrasse - Sie wissen, die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so daß die Straße dort in starken Serpentinen weitergeführt werden müßte - möchte ich den öffentlichen Gebäuden vorbehalten, einem Volkshause für Versammlungen und ähnlichen Dingen.

Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, könnte eine einreihige Straße von Fischerhäuschen liegen; dort rechts, wo die Wand ziemlich steil ist, wäre nur Platz für einige, wenige Häuser. Das ist eine ganz ideale Stelle für Sonderlinge, die von dort aus höhnisch auf die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Käuze müssen wir ja auch vorbereitet sein. Vielleicht beschließt sogar einer von uns sein Leben dort.«

»Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren«, fuhr er lebhaft fort. »Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit hinaus für die Wasserzufuhr völlig ausreichen. Wir müssen aber den ganzen Fluß herunter bringen, denn dann können wir hier im Laufe einiger Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre brauchen würde. Und das Überspringen von Zeiträumen ist ja unsere Hauptbeschäftigung hier. Die Sache läßt sich ausgezeichnet machen. Ich habe alles ganz genau geprüft. Der Fluß muß zunächst in das tiefe Becken geleitet werden, das auch sicher früher einen See beherbergt hat - falls Seebecks Theorie richtig ist, daß die Insel nur vorübergehend unter das Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natürlich auch diese Mulde das frühere Flußtal.

Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschließt, ist durchgängig höher, als der zum Meere. Besser könnte die Sache überhaupt nicht liegen, denn so hat das Staubecken ein natürliches Sicherheitsventil. Wir brauchen niemals eine Überschwemmung der Stadt zu befürchten, denn das überschüssige Wasser wird immer gleich ins Meer stürzen. Wir müssen nur ziemlich tief im Becken eine große Röhre anbringen, die den Wall in der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhängig von dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmäßigen Wasserstrom.

Oben, bei der Terrasse, die ich für die öffentlichen Gebäude reservieren will, soll sich der Fluß dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstraße folgen; ich will aber unzählige, kleine Bäche von ihm ableiten, so daß fast jedes Haus an fließendem Wasser liegt. - Natürlich wird das Trinkwasser davon unabhängig in geschlossenen Röhren geleitet. - So gut wie alle Häuser werden ja auf kleinere oder größere Terrassen zu liegen kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers können wir nicht nur öffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schönheit, sondern besonders an die Regulierung der Atmosphäre.

Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abfälle den Gärten zugute kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das genügt vorläufig nicht. Wir müssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflächen etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bäume mit recht starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine allmähliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bäume, die eigentlich nur einen Halt in einer dünnen Humusschicht brauchen, und ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhölzer, auch Birkenarten. Das alles müßte natürlich mit einem großzügigen Gärtner besprochen werden.

Meine Skizzen zu den Häusern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen - na ja, das alles morgen.

Aber jetzt möchte ich noch etwas sagen: es ist ein schöner Gedanke, hier alles aus eigenen Kräften auszuführen; aber eigentlich ist es doch nur eine unpraktische Sentimentalität. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf Dinge, die jeder Kuli machen könnte. Sollten wir nicht lieber einige hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein körperlichen Arbeiten für uns auszuführen? Dann kämen wir doch viel schneller vorwärts. Es ist nur ein Vorschlag -«

Nechlidow sprang auf:

»Nein, nein«, rief er. »Keine Kompromisse! Damit finge die Lüge an, die alles durchsetzen würde. Wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben. Solche scheinbar - und nur scheinbar - praktische Erwägungen haben die große Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, daß das strenge Festhalten am großen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten führt.«

»Ich erlaubte mir nur einen Vorschlag«, antwortete Edgar Allan höflich. »Da er auf Widerspruch stößt, ziehe ich ihn hiermit zurück.«

Das Feuer war bei Allans Rede langsam zusammengesintert; jetzt war es nahe am Verlöschen, aber niemand dachte daran, es wieder anzufachen. In ihre Decken gehüllt, lagen die Sieben schweigend da und sahen zum glänzenden Sternenhimmel empor.

Als der Tag sich jährte, an dem die sieben Gründer die Insel betreten hatten, lag die »Prinzessin Irene« in vollem Flaggenschmuck vor der Bucht. Als die Hochflut kam und die Klippen bedeckte, schleppten die beiden zierlichen Dampfbarkassen schwere Boote mit Menschen und Hausgerät ans Land. Auf der improvisierten Landungsbrücke standen Paul Seebeck und Melchior und begrüßten die Ankömmlinge, während die anderen Fünf eifrig damit beschäftigt waren, ihnen Unterkunft in den großen Schuppen und Zelten zu bereiten, die zu diesem Zwecke errichtet waren. Denn die Häuser mußten ja erst gebaut werden und zwar in derselben Reihenfolge, in der die endgiltigen Erklärungen eingelaufen waren.

Dreihundertfünfzig erwachsene Personen trafen an diesem Tage ein: tüchtige Handwerker mit gesetzten Gesichtern, Kaufleute, die aus irgend einem Grunde nicht vorwärts gekommen waren und nicht wenige unbestimmbaren oder unsicheren Berufes, die erst hier ihr wirkliches Vaterland wußten. -

Es ergab sich von selbst, daß die sieben Gründer nicht mehr wie früher selbst Hand an alle Arbeit legen konnten: Organisation und Leitung nahm ihre Zeit und ihre Kräfte völlig in Anspruch. Hauptmann a. D. von Rochow übernahm die Leitung beim Bau der Straße und der öffentlichen Anlagen; Edgar Allan hatte Tag und Nacht als Architekt zu tun; Otto Meyer hatte einen Teil von Jakob Silberlands Tätigkeit übernommen, der nur noch die Rechnungssachen versah, und Paul Seebeck hatte mit der Oberleitung und persönlicher Inanspruchnahme durch die Kolonisten mehr als genug zu tun. Nechlidow und Melchior wären den andern als Assistenten willkommen gewesen; beide erklärten aber ein für allemal, daß sie einfache Arbeiter bleiben wollten.

Bei der fieberhaften Tätigkeit entstand schnell Haus auf Haus, und froh vertauschte man Schuppen oder Zelt mit dem festen Dache. Damit wurden auch immer mehr Kräfte frei, so daß in immer größerem Maßstabe an den Straßen und den öffentlichen Gebäuden gearbeitet werden konnte. Die Wasseranlage wurde nach Edgar Allans Plänen durchgeführt, und die Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transportgesellschaft« mußten halbwöchentlich verkehren und konnten doch kaum die Masse des benötigten Materials bewältigen.

Jedesmal, wenn die »Prinzessin Irene« vor der Bucht hielt, brachten ihre Boote Dutzende von neuen Ansiedlern auf die Insel.

Als das Jahr verflossen war, stand die Stadt da.

Auf den amphitheatralisch ansteigenden Bänken in der großen, flachgewölbten Halle des Volkshauses saßen dreihundertfünfzig Männer und Frauen und hinter ihnen drängten sich wohl zweihundert auf den Tribünen. An einem langen Tische auf einem kleinen Podium im Brennpunkte des Kreisbogens saßen die sieben Gründer.

Nicht zum ersten Male waren die Glieder der Gemeinschaft hier versammelt; aber doch zeigten alle Gesichter einen seltsamen Glanz. Vor zwei Jahren hatten an diesem Tage die sieben Gründer die Insel betreten, und heute waren dreihundertfünfzig Männer und Frauen vollberechtigte Bürger geworden. Sie waren heute hier versammelt, um zum ersten Male ihre Rechte auszuüben.

Paul Seebeck erhob sich von seinem Stuhle, und sofort trat atemlose Stille ein. Er richtete sich hoch auf, warf einen langen Blick über die Versammlung und lächelte glücklich. Dann sagte er:

»Meine Damen und Herren!

Im Namen meiner Freunde heiße ich Sie hier willkommen! In der gemeinsamen Arbeit dieses Jahres haben wir Werte geschaffen, die uns und unsere Enkel überdauern werden. Wir danken Ihnen für Ihre treue Mitarbeit.

Bis jetzt sind wir sieben Ihre Führer gewesen, nicht aus Hochmut oder Herrschsucht, sondern nur, weil wir anfangs eine größere Sachkenntnis hatten.

Jetzt legen wir unsere Mandate in Ihre Hände. Sie mögen prüfen, was Sie von den Bestimmungen, die wir getroffen haben, beibehalten wollen und was nicht. Vorbehaltlos übergeben wir Ihnen unsere Rechte und Pflichten.

Bevor wir in die Verhandlungen eintreten, müssen wir einen Vorsitzenden haben. Als den in solchen Dingen gewandtesten erlaube ich mir, Herrn Dr. Silberland vorzuschlagen. Es wird kein anderer Vorschlag laut - also bitte ich Herrn Dr. Silberland, den Vorsitz dieser Versammlung zu übernehmen.«

Ein erstauntes und verschwommenes Gemurmel wurde laut, als die sechs vom Podium herunterschritten und auf der vordersten Bank Platz nahmen.

Jakob Silberland war der Situation durchaus gewachsen; er gab ein kurzes Glockenzeichen und sagte:

»Sie werden mir ein Wort des Dankes an Herrn Seebeck erlauben. Ich weiß, daß ich im Sinne der ganzen Versammlung spreche, wenn ich sage: in diesem Augenblicke, wo Herr Seebeck aufgehört hat, unser offizieller Führer zu sein, wollen wir ihm versichern, daß er immer und ewig unser geistiger Führer bleiben wird. Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden: seine Initiative, seine Energie, sein praktischer Blick, sein Glaube an den Menschen haben die Errichtung des stolzen Werkes ermöglicht, das wir hier vor uns sehen. Und wenn wir alle längst im Grabe liegen, wird der Name Paul Seebeck für immer mit goldenen Buchstaben im Buche der Menschheit stehen.«

Zögernd hatten sich die Versammelten erhoben; Paul Seebeck war sitzen geblieben und starrte in tötlicher Verlegenheit vor sich hin. Jakob Silberland sah einen Augenblick lang auf die stehende Versammlung und wußte augenscheinlich nicht recht, was er mit ihr anfangen sollte. Hilfesuchend sah er Otto Meyer an, der nur mit größter Mühe ein Lachen herunterschluckte. Herrn von Rochows Gesicht strahlte. Er ging zu Paul Seebeck und drückte ihm die Hand.

Plötzlich bekam Jakob Silberland einen rettenden Gedanken; er griff zur Glocke, läutete kurz und sagte, während die Versammlung sich geräuschvoll wieder setzte:

»Ich ersuche jetzt Herrn Seebeck als ersten, einen Überblick über die verflossenen zwei Jahre zu geben.«

Paul Seebeck trat mit einigen schnellen Schritten auf das Podium und sagte:

»Was hier geschehen ist und was wir hier wollen, wissen Sie ja alle, und ich brauche nicht mit feierlichen Worten darauf einzugehen. Was ich getan habe, glaube ich verantworten zu können.

Nur auf einen Punkt möchte ich hinweisen: ich bin, wie Sie ja alle wissen, Reichskommissar mit den Rechten und Pflichten eines solchen. Ich habe aber vom Reichskolonialamt die Ermächtigung erwirkt, mein Amt einem andern, das heißt, meinem jetzt zu wählenden Nachfolger zu übertragen. Sobald die Wahl vor sich gegangen ist, werde ich es tun. Ich deponiere hier beim Vorsitzenden der Versammlung eine unterzeichnete und datierte offizielle Benachrichtigung an das Reichskolonialamt, wo nur noch der Name des neuen Reichskommissars auszufüllen ist.«

Er verbeugte sich kurz und ging zu seinem Platze zurück.

Jakob Silberland gab ein Glockenzeichen und sagte:

»Da ich jetzt selbst das Wort ergreifen möchte, um über die Verwaltung der öffentlichen Gelder Rechenschaft abzulegen, bitte ich um Erlaubnis, den Vorsitz so lange an Herrn Referendar Meyer abzutreten. - Da kein Widerspruch erfolgt, tue ich es hiermit. - Herr Referendar, darf ich bitten.«

Otto Meyer schritt gravitätisch auf das Podium und flüsterte Jakob Silberland zu:

»Na, Sie werden staunen: zunächst werde ich mal die ganze Zeit durch bimmeln, dann kriegen Sie drei Ordnungsrufe, und ich fordere Sie auf, den Saal zu verlassen.«

Jakob Silberland sah ihm erschreckt ins Gesicht:

»Um Gotteswillen -«

Er kam nicht weiter, denn Otto Meyer läutete und sagte:

»Herr Dr. Jakob Silberland hat das Wort.«

Jakob Silberland suchte stehend allerhand Papiere zusammen, die auf dem Tische lagen und sagte:

»Ich kann jetzt natürlich nur in großen Zügen ein Bild von der finanziellen Lage geben; ich werde Sie später bitten, eine Kommission zu wählen, um meine Bücher in allen Einzelheiten nachzuprüfen.

Wir sind, wie Sie wissen, mit einer dreiprozentigen inneren Anleihe in der Höhe von einer Million Mark belastet. Dieses Geld hat uns, solange es noch teilweise auf der Bank lag, einen Zinsenüberschuß von zehntausendachthundertdreiundfünfzig Mark und einundsiebzig Pfennigen gebracht.

Wir haben zweihundertachtunddreißig Schildkröten verkauft. Sie wissen ja, daß wir nach dem Urteile der Sachverständigen dazu gezwungen waren, da der Platz für die Tiere nicht ausreichte, und sie sonst einfach fortgewandert wären. Dafür haben wir die Summe von fünf Millionen, achthundertsechsundvierzigtausend siebenhundert und einundzwanzig Mark und elf Pfennigen eingenommen. Wir hatten also sechs Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend fünfhundertvierundsiebzig Mark zweiundachtzig Pfennig bares Geld zur Verfügung.

Unsere Ausgaben waren folgende: Gehälter: abzüglich der Mietsbeträge eine Million siebenhundertachtunddreißigtausend fünfhunderteinundzwanzig Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straßenbau, Anlage des Bewässerungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen, vierhundertfünftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir schließen diese zweijährige Periode mit einem Defizit von anderthalb Millionen, siebenundvierzigtausend fünfhundertfünfundzwanzig Mark und sechsundneunzig Pfennigen ab.

Hierzu ist zu bemerken, daß wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der Irenenbucht decken können; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch hundert Schildkröten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb möglich zu machen. Dann, daß wir in diesen zwei Jahren einen großen Teil der Stadtanlage ausgeführt haben, so daß wir in der Zukunft nur einen geringen Posten dafür aufzuwenden haben werden. Dann, daß das für den Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jährliche Miete beträgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein Prozent für einen Reparaturfond zurück. Trotz dieses Defizits ist unsere finanzielle Stellung also sehr günstig.«

Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verließ das Podium. Im Hinunterschreiten flüsterte er Jakob Silberland zu:

»Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier heraufkrabbeln mußte. Aber wundervoll war es da oben.«

Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und blickte über die Köpfe der Versammlung weg. Er sagte:

»Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles getan, was in meinen Kräften stand.«

Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte: