Chapter 2
»Woher kannst du das wissen?«
»Die Steine sehen mir nicht aus, als ob sie lange Meeresboden gebildet hätten.«
Damit stand Paul Seebeck auf, rollte seine Kartenskizzen zusammen und brachte sie in sein Zelt. Als er zurückkam, sagte er, vor Jakob Silberland stehen bleibend:
»Ist das nicht ein ganz idealer Grund für eine Stadt? Alle Straßenzüge, sogar die Plätze der einzelnen Häuser sind von der Natur vorausbestimmt. Ich kann mir die ganze Stadt so lebendig vorstellen, wie sie sich den Felsen anschmiegt, wie sie in ihrer Struktur den Stufen folgt. Aber wir müssen einen Architekten haben, der einen ganz neuen Stil schaffen kann. Einen großzügigen Künstler wie Edgar Allan. Dort oben -« und er wies mit der Hand auf einen vorspringenden Felsen - »soll mein Haus stehen. Von dort aus kann ich alles übersehen.«
»Du fühlst dich schon jetzt als König?«
»König? Nein, nein!« wehrte Paul Seebeck erschrocken ab. Er sah still vor sich hin. Dann sagte er, lächelnd wieder aufblickend:
»Komm jetzt. Wir wollen etwas zu Abend essen. Dann werde ich dir meine Ichthyosaurenfarm zeigen.«
Da es fast Windstille war, beschlossen sie, vor dem Zelte ihre Mahlzeit einzunehmen. Als Jakob Silberland sah, daß Paul Seebeck seinen Destillationsapparat aufstellte, und Wasser vom Meere holte, fragte er besorgt:
»Gibt es denn gar kein Trinkwasser auf der Insel?«
»Doch, es gibt einen Bach hier in der Nähe, der wohl zur Versorgung einer kleinen Stadt ausreichen dürfte, und weiter oben einen großen Fluß. Es wird aber nicht leicht sein, ihn einzufangen und hier herunter zu leiten, denn er fällt mehrere Kilometer von hier in einem schönen Wasserfalle direkt vom Hochplateau aus ins Meer.«
Als sie gegessen hatten - der Kapitän hatte Jakob Silberland einen Korb mit frischem Fleisch und Gemüse aus den Vorräten des Schiffes mitgegeben, so daß Paul Seebeck nach den vielen Wochen mit Konservennahrung endlich einmal etwas anderes bekommen hatte - rief Jakob Silberland:
»Aber jetzt will ich nicht länger warten; jetzt mußt du mir deine Ichthyosauren vorführen. Ich bin wirklich sehr gespannt, zu erfahren, wovon wir hier leben sollen, besonders, was wir von hier exportieren können.«
»Schön«, sagte Seebeck. »Komm!«
Sie stiegen langsam in der mit Geröll bedeckten Mulde bergauf, und Paul Seebeck erklärte dabei seinem Freunde, wie er sich die Anlage der Stadt dachte. Der sonst so redselige Jakob Silberland sprach auch jetzt nur wenig; zu sehr beschäftigten seinen Geist die Perspektiven auf die Zukunft, die ihm ja tausend Träume zu verwirklichen versprach.
Als sie die Plateauhöhe erreicht hatten, blieb Seebeck stehen und sagte:
»Wenn man nicht ein anständiger Mensch wäre, könnte man bei dem Gedanken ganz sentimental werden, daß dieses reine, unberührte Land, das keine Geschichte und keine Vorzeit hat, eine Gemeinschaft von Menschen auf sich wachsen und blühen sehen wird, die auch jungfräulich frei, ohne Verbindung mit der übrigen Menschheit, ohne morsche Traditionen und ohne überlieferten Zwang, irrende Sterne im großen Raume sind und die hier sich nur auf Grund ihres reinen Menschentums zusammenfinden und hier zusammenarbeiten werden. In der Traditionslosigkeit unseres zukünftigen Staates sehe ich seine Bedeutung. Daß ich einigen Hundert oder Tausend Menschen, die sonst in keinen Rahmen passen, hier freie Entwicklungsmöglichkeiten und Glück zu geben vermag, genügt mir nicht. Vom ersten Augenblick an war mir dieser Staat ein Begriff, ein Kunstwerk, eine formale Befreiung. Ebenso, wie der Künstler durch seine reine Darstellung befreit, durch die einseitige, aber dadurch abschließende Form Klarheit im Chaos schafft, soll für die übrigen Menschen der Gedanke an unsere reine Insel eine geistige Erlösung sein.«
»Du siehst nicht weit genug«, sagte Jakob Silberland, wobei er sich mit der Hand durch sein blauschwarzes, strähniges Haar fuhr und erregt mit seinen kurzen Beinchen trippelte. »Du sprichst als Künstler. Ich bin Praktiker und als solcher sehe ich noch eine Gewißheit: die Institutionen, die hier entstehen, die wir hier schaffen werden, werden beachtet, nachgeahmt werden, und unser Staat wird das Seinige dazu beitragen, daß sich die Menschheit aus den Ketten löst, in die Gewalttätigkeit, Dummheit und Herrschsucht sie gelegt haben. Sie wird durch uns lernen, frei zu sein, frei in der geschlossenen Gemeinschaft zu werden. Man muß ihr nur einmal zeigen, daß es möglich ist.«
Paul Seebeck sah mit seinen großen Augen dem Freunde gerade ins Gesicht:
»Ich hoffe, daß es so wird, wie du sagst. Es ist ja auch sehr wahrscheinlich. Umsomehr, als wir ja kaum einen bestimmten Ausschnitt aus der Menschheit darstellen werden, nicht einen besonderen Typus, sondern gerade einen Extrakt aus der ganzen Menschheit. Stelle dir doch nur vor, was für Menschen zu uns kommen werden«, fuhr er lebhaft fort, wobei er sich in der Richtung auf die Irenenbucht zum Gehen wandte, »jedenfalls keine Durchschnittsmenschen, die irgendwo warm und zufrieden in ihren Nestern sitzen, sondern die Unzufriedenen, Bedrückten, Heimatlosen, alle die von einander entferntesten Extreme, die nur das eine verbindet: der Ekel vor der Verlogenheit der Gesellschaft, die Sehnsucht nach dem freien, dem wirklichen Menschen, dem Menschen, der jeder einzelne sein könnte, wenn ihn nicht die Ketten der Tradition zum Herdentiere erniedrigten. Hierher werden sie kommen und nichts mitbringen, als ihr innerstes, freies Menschentum, und ihre Gemeinschaft wird die Erlösung des Menschen, des Ebenbildes Gottes sein.«
Jetzt standen sie vor dem steilen Abfalle zur Irenenbucht. Paul Seebeck blickte noch eine Weile schweigend und mit glänzenden Augen auf das Meer. Dann sagte er lächelnd zu seinem Freunde, wobei er auf die Bucht unter ihnen mit ihrem Gewirr von Klippen und Sandbänken wies:
»Also dort unten hausen und grausen meine Ichthyosauren.«
Für Jakob Silberland kam dieser Sprung von Paul Seebecks feierlichen Worten zum leichten Scherze so überraschend, und außerdem wußte er gar nicht, was er aus Paul Seebecks Ichthyosauren machen sollte, daß er schweigend seinem Freunde mit Hilfe von Strickleitern, Eisenklammern und natürlichen Felszacken in die Tiefe folgte. Da beide geübte Bergsteiger waren, ging der Abstieg schnell von statten.
Als sie unten auf einer breiten Felsplatte angekommen waren und auf das Wasser sahen, das hier schlammig und voll von grünen Algen war, sagte Paul Seebeck:
»Setz dich jetzt hier in den Schatten und verhalte dich ganz ruhig.«
Jakob Silberland tat, wie ihm geheißen. Er sah, daß Paul Seebecks umherschweifender Blick immer wieder zu einer tiefen dunklen Spalte in der Felsenwand zurückkehrte. Er schaute scharf hin und glaubte, einen schweren Körper herausgleiten zu sehen, der kein Fisch sein konnte. Ängstlich sah er Paul Seebeck an, aber dieser lächelte nur.
Jetzt hob sich zwanzig Schritte von ihm entfernt, ein riesiger, schwarzer Kopf aus dem Wasser, ein breites, zahnloses Maul öffnete sich - -
Mit einem Entsetzensschrei sprang Silberland auf. Sofort verschwand der Kopf im Wasser. Paul Seebeck aber sagte lachend:
»Du sollst mir meine Tiere nicht scheu machen.«
»Was sind das für Tiere?« fragte Jakob Silberland, noch am ganzen Körper zitternd.
»Schildkröten, mein Junge, allerdings reichlich große.«
»Riesenschildkröten?« fragte Jakob Silberland aufatmend.
»Ja. Und zwar sind es reine Wassertiere. Ich habe sie nie länger als für Minuten am Lande gesehen. - Sei ruhig, hier können sie nicht heraufkrabbeln. - Am Tage sieht man sie immer nur ganz flüchtig. Aber in hellen Mondscheinnächten habe ich sie oft viele Stunden lang beobachtet. Sie können schwimmen, tun es aber fast nie. Sie kriechen auf dem Boden hin. Es gibt unzählige hier. Die größten waren über vier Meter lang.
Ich traute mich nie recht, mit meinem Motorboote vom Meere her in die Bucht zu fahren, um die Tiere nicht zu erschrecken. Außerdem würden die unzähligen Sandbänke und Klippen, die du siehst, die Sache fast unmöglich gemacht haben, ganz abgesehen von den riesigen Algen, die meiner Schiffsschraube wohl das Leben gekostet hätten. Aber toll ist es hier. Zuweilen habe ich tief unten im Wasser die Leuchtorgane von elektrischen Fischen aufblitzen sehen, und bei Tiefebbe liegen die phantastischsten Tiefseetiere hier herum. Soviel ich sehen konnte, ist der Meeresboden hier auch nicht nackt, wie bei der großen Bucht, sondern sieht wie ein submariner Urwald aus, der sich weit hinaus ins Meer erstreckt. Meine Auffassung ist, daß sich mit der Hebung der Insel diese unterseeische Oase auch gehoben hat. Wie sie in dieses Gestein hereinkommt, weiß ich nicht. Vielleicht ruht sie auf Lehm. Jedenfalls ist sie da, und die Schildkröten mit ihr.
Wenn wir vernünftig sind und keinen Raubbau treiben, können wir durch die Tiere eine dauernde Einnahmequelle haben, die für die ganze Insel ausreichen wird. Dazu kommt noch der Fischfang. - Du siehst, unser Staat braucht keine Not zu leiden.«
Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber kein Tier ließ sich mehr blicken. So traten sie den Rückweg an.
Paul Seebeck saß mit seinem Studienfreunde, dem Architekten Edgar Allan zusammen im Café Bauer in Berlin. Paul Seebeck war trotz der frühen Nachmittagsstunde im Frack, denn er hatte am Vormittage mehrere Staatssekretäre und andere höheren Beamte aufgesucht. Jetzt hatte er alle offiziellen Schritte getan; da er aber am Abend ins Theater wollte, wollte er sich nicht erst die Mühe machen, sich für die wenigen Stunden nochmals umzuziehen. Deshalb war er im Frack geblieben, und es störte ihn nicht, daß er dadurch etwas Aufsehen erregte.
Edgar Allan war lang und knochig und hatte eine etwas eingefallene Brust. Auch in seinem scharfgeschnittenen Gesichte verleugnete sich der englische Halbteil seines Blutes nicht.
Paul Seebeck sah durchs Fenster auf die Straße hinaus. Edgar Allan stützte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den langen, mageren Händen. Als er es nach einigen Minuten wieder erhob, sah er, daß Paul Seebeck ihn jetzt mit seinen großen Augen forschend anblickte.
Edgar Allan sah ihn erst fremd an, dann verzog sich sein Gesicht. Er sagte erregt:
»Ich bin übrigens nicht nur mit meiner Klage vom Reichsgericht abgewiesen; das Warenhaus hat mit seiner Widerklage sogar erreicht, daß ich zu einer Entschädigung verurteilt wurde. Alle Sachverständigen waren darin einig, daß mein Bau nicht den Voraussetzungen des Kontraktes entsprach. Fast meine ganzen Ersparnisse habe ich hingeben müssen.« Dann fuhr er ruhiger fort: »Die Leute haben aber recht, ich kann kein einzelnes Haus bauen; ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand das kann. Man soll mir einmal den Bau einer ganzen Stadt übertragen, dann werde ich schon zeigen, wozu ich tauge.«
Paul Seebeck senkte seine Augen und sah dann wieder zum Fenster hinaus.
Plötzlich legte Edgar Allan seine Hand auf seinen Arm:
»Wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er.
Paul Seebeck wandte sich herum und sah ihm gerade in die Augen:
»Ja«, sagte er, »gerade solche Menschen wie Sie suche ich, brauche ich. Ich wollte Sie nur aus dem Grunde nicht auffordern, weil ich nicht will, daß jemand anders als ganz aus freien Stücken zu uns kommt. Halloh!« rief er, aufstehend, einen vorbeigehenden, jungen, blonden, hochgewachsenen Herrn zu, der, das »Berliner Tageblatt« in der Hand, sich gerade nach einem freien Tische umsah.
»Herrgott bist du plötzlich in Berlin?« fragte der Angesprochene im höchsten Grade erstaunt. »Noch dazu im Frack? Ich dachte, du wärst Kaffernhäuptling oder Seeräuber oder so etwas ähnliches geworden.«
»Noch nicht«, erwiderte Paul Seebeck. »Aber meine amtliche Bestallung als Seeräuber habe ich seit heute Vormittag in der Tasche. Gestatten die Herren, daß ich vorstelle: mein Schulkamerad stud. jur. Otto Meyer, Architekt Edgar Allan.«
»Referendar Meyer, wenn ich bitten darf«, sagte der junge Mann, wobei er Edgar Allan die Hand reichte, die dieser höflich nahm.
Als alle drei wieder saßen, fragte Paul Seebeck seinen Schulkameraden:
»Woher weißt du eigentlich von der ganzen Geschichte?«
»Du mußt mir Diskretion versprechen«, sagte Otto Meyer feierlich.
»Gewiß.«
»Also die Sache steht lang und breit da drin -«, er wies auf die Zeitung, die er noch immer in der Linken hielt - »sogar in der halbamtlichen Fassung des Wolffschen Bureaus.«
»Zeig doch mal«, sagte Seebeck und griff nach dem Blatte.
»Nein, ich werde es vorlesen, sonst verstehst du es nicht richtig.« Und er las:
»Eine Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes?
Durch den Schriftsteller und Forschungsreisenden Paul Seebeck wurde da und da eine unbewohnte, vulkanische Insel mit einem Flächenraume von zwölfhundert Quadratkilometern entdeckt und für das Deutsche Reich in Besitz genommen. Da auf und bei der fraglichen Insel auch nicht das allergeringste zu holen ist -«
»Willst du vielleicht die Güte haben, ungefähr das zu lesen, was dasteht?« unterbrach Seebeck den Lesenden. »Die Sache interessiert mich nämlich.«
Otto Meyer las weiter:
»Da die fragliche Insel augenscheinlich nur als Wohnsitz einiger, weniger Menschen in Betracht kommen kann und nicht für eine eigentliche Kolonie, ließ der Staatssekretär des Kolonialamtes dem Entdecker der Insel, Herrn Paul Seebeck, bis auf weiteres freie Hand in allen Fragen der Besiedelung der Insel, wobei er ihn auf Widerruf zum Reichskommissar mit allen Rechten und Pflichten eines solchen ernannte.
Diese Ernennung, die selbstverständlich im Einverständnisse mit dem Reichskanzler erfolgte, ist als eine Konzession an die durch das Scheitern der preußischen Wahlreform verstimmten linksstehenden Parteien aufzufassen. Die Konservativen beruhigte der Reichskanzler durch das bindende Versprechen, daß die Insel in drei Jahren ebenso still und leise verschwinden würde, wie sie aufgetaucht ist -«
Paul Seebeck und Edgar Allan lachten. Otto Meyer reichte Paul Seebeck die Zeitung und dieser las die Notiz aufmerksam durch. Als er das Blatt fortlegte, fragte Otto Meyer:
»Ist es wirklich dein Ernst, dort eine Republik zu gründen? Eine republikanisch regierte, deutsche Kolonie?«
»Ja, machst du mit?«
»Mit Vergnügen, aber nur als Justizminister«, sagte Otto Meyer ruhig.
»Als Justizminister? Hm. Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich dachte eher als Staatslausejunge, als offizielles, destruktives Element.«
»Du bist furchtbar liebenswürdig«, antwortete Otto Meyer, ohne im geringsten beleidigt zu sein. »Aber sag mal, willst du nicht morgen bei uns zu Mittag essen? Meine Eltern würden sich doch sehr freuen, dich mit australischem Ruhme bedeckt, dazu noch als zukünftigen Imperator Rex begrüßen zu können.«
»Schön. Wie früher um Drei?«
»Ja.«
Jetzt erhob sich Edgar Allan und nahm Abschied. Paul Seebeck begleitete ihn, so wie er war, in Frack und ohne Hut, auf die Straße hinaus. Als er zurückkam, fragte Otto Meyer:
»Was hast du dir denn da für einen steifen Engländer aufgegabelt?«
»Na, er ist mehr Deutscher als Engländer. Deutsche Mutter und in Deutschland erzogen. Er ist sonst auch gar nicht steif, hat nur jetzt recht unangenehme Sachen durchgemacht. Ich hoffe, daß er mit mir kommt - und uns unsere Stadt baut. Er ist gerade der Typus Mensch, den wir brauchen; das heißt, er ist gerade kein Typus, sondern ein Mensch.«
»Ich bitte dich, sei nicht so schrecklich geistreich«, sagte Otto Meyer. »Sonst bekomme ich Magenschmerzen.«
»Entschuldige mich einen Augenblick«, sagte Paul Seebeck aufstehend und ging auf Jakob Silberland zu, der gerade zur Tür hereintrat. Paul Seebeck stellte ihm Otto Meyer vor, und als sie wieder Platz genommen hatten, sagte er:
»Edgar Allan kommt mit. Noch ein paar Leute, und wir können anfangen.«
»Kommt er? Gut! Da haben wir ja einen ganzen Kerl gewonnen. Ja, du, was ich sagen wollte - mir sind noch einige Leute eingefallen - aber man kann ja nicht gut jemand auffordern. Und wie soll man es sonst diesen Leuten nahelegen?«
»Gar nicht, natürlich«, antwortete Paul Seebeck. »Wer nicht freiwillig, aus innerstem Instinkt zu uns kommt, mag fortbleiben. Die brauchen wir, die uns zufällig finden, weil sie uns brauchen.«
»Ja, ja«, sagte Jakob Silberland etwas verlegen. »Aber wir müssen doch einen Anfang haben. Wir zwei, drei Menschen können uns dort nicht festsetzen und auf die anderen warten. Damit würden wir uns nur lächerlich machen und gar nichts erreichen.«
»Du irrst. Wir müssen gerade hingehen und uns der Lächerlichkeit aussetzen.«
»Ich fürchte nur, daß wir zwei, mit Edgar Allan also drei, unser ganzes Leben lang allein auf der Insel hocken werden.«
Otto Meyer, der offenbar fürchtete, Zeuge eines Streites der beiden Freunde zu werden, verabschiedete sich, wobei er Seebeck daran erinnerte, daß er morgen zum Mittagessen zu kommen versprochen hätte.
Der Streit brach aber nicht aus, im Gegenteil, Paul Seebeck sagte ganz ruhig, wobei er seinem Freunde gerade ins Gesicht blickte:
»Ich verstehe dich vollkommen; du willst gleich mit einem gewissen Material anfangen. Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Es werden mehr zu uns kommen, als wir brauchen können. Du wirst sehen, daß viele gleich mit uns kommen wollen. Aber jetzt mußt du mich entschuldigen«, brach er ab, wobei er auf die Uhr sah. »Ich will ins Theater.«
Als Paul Seebeck gegangen war, setzte sich Jakob Silberland richtig in der Ecke zurecht und ließ sich vom Kellner alle Abendblätter bringen und las die - je nach der politischen Richtung der betreffenden Zeitung - wohlwollenden, abwartenden oder gehässigen Glossen zur halbamtlichen Wolff-Nachricht. Nach einer Stunde war er aber müde vom Lesen; er lehnte sich zurück und ließ sich sein letztes Gespräch mit Paul Seebeck noch einmal durch den Kopf gehen. Je mehr er nachdachte, umsoweniger hielt er Paul Seebecks Ansicht für richtig; er glaubte vielmehr, daß man sich einen gewissen, soliden Kern sammeln müßte, um den sich dann die Gemeinschaft kristallisieren könnte. Aber einfach abwarten - nein. Lieber organisieren, aufbauen.
Und als ihm das als das richtige klar vor Augen stand, beschloß er, einen Mann aufzusuchen, den er sich als wertvollen Mitarbeiter an der Sache denken konnte, nämlich den russischen Flüchtling Nechlidow.
Durch schwere, dunkle Vorhänge gedämpft, fiel das Licht in den Salon, in dem die hohe Frauengestalt stand. Das schwarze Schleppkleid ließ Hals und Gesicht noch weißer erscheinen, und die großen braunen Augen leuchteten.
»Warum kommen Sie erst jetzt zu mir?« fragte Frau von Zeuthen Paul Seebeck, der noch Hut und Stock in der Hand haltend vor ihr stand.
»Wie schön Sie sind!« erwiderte Seebeck und küßte ihre Hand. »Unveränderlich schön wie ein edles Bild, das Zeiten und Geschehnis überdauert.«
Ihr Lächeln war nicht der Art als ob sie seine Worte als Schmeichelei auffaßte. Sie sagte:
»Jetzt müssen Sie mir aber alles, alles erzählen. Ich habe die Zeitungen gelesen und allerhand gehört. Das will ich jetzt aber vergessen und alles neu und rein von Ihnen hören.«
Sie setzte sich auf den Divan und wies mit der Hand auf einen Armstuhl neben dem Rauchtischchen, aber Paul Seebeck blieb stehen:
»In Ihrem Hause ist eine Ruhe wie sonst nirgendwo auf der Welt. Sie sind einige Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen, Gabriele. Sie passen nicht in unser Zeitalter. Sie gehörten nach Italien zur Zeit der Wiedergeburt, und in Ihren Räumen hätten sich die edelsten Männer versammelt, um ernst und gewichtig die Fragen zu erörtern -«
»Sie wollten mir doch etwas erzählen«, unterbrach ihn Frau von Zeuthen, wobei sie sich zurücklehnte.
Paul Seebeck legte Hut und Stock fort und setzte sich in den Armstuhl.
»Also, ich kam von Sidney zurück -«
»Nicht so schnell. Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Aber Sie dürfen Australien nicht überspringen.«
»Über Australien kann ich leider nicht viel berichten. Ich kam hin - Sie kennen ja meinen Expeditionsplan, er stand ja auch in allen Zeitungen - und wie ich dort war, sah ich, daß meine ganze Expedition eigentlich überflüssig war. Von dem, was ich als Neuland erforschen wollte, ist der größte Teil in seinen großen Zügen schon bekannt, sogar schon aufgenommen, und es reizte mich nicht, mich nur mit den Bagatellen abzugeben, die natürlich auch von wissenschaftlichem Interesse sind -«
»Da Sie ja mehr Abenteurer als Wissenschaftler sind.«
»Vielleicht, vielleicht liegt der Wert meines Abenteuertums gerade darin, daß ich nur große Dinge entdecken kann, nicht Kleinigkeiten untersuchen. Ich kann nur die großen Dinge sehen und räume dann gern das Feld dem Gelehrten, der dann nach Herzenslust messen und forschen mag. Schon am ersten Tage in Sidney, wo ich in der Bibliothek der Geographischen Gesellschaft saß und mir das ganze Material durchsah, sank mir der Mut. Ich sah wohl, daß da noch unendlich viel zu tun war, aber fast nichts für mich.
Ich unternahm die Expedition trotzdem - ich war ja dazu verpflichtet - aber ohne Freude. Dadurch kam auch das Sprunghafte, Unsichere herein, das manche Zeitungen mit Recht gerügt haben, und kehrte vorzeitig zurück.«
»Ich las in der Zeitung, daß die furchtbaren Stürme und Überschwemmungen, die der großen Flutwelle folgten, Sie zur Rückkehr gezwungen hätten.«
»Ich nahm das mehr als Vorwand. Hätte ich ernstlich gewollt, hätte ich schon dort bleiben können. Ich kehrte aber nach Sidney zurück.«
»Und dann?«
»Ja, dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung natürlich die große Flutwelle verursacht hat. Und da beschloß ich, auf ihr meinen Staat zu gründen.«
»So schnell?«
»Ja, wissen Sie, Gabriele«, fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, »zwischen der Entdeckung der Insel und meiner Ankunft lagen ja viele Stunden. Und eine Stunde ist lang, wenn man allein auf einem Schiffe steht und ganz ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Und unser Plan eines wirklich modernen Staates auf breitester, demokratischer Grundlage, aber mit dem Prinzipe der größten persönlichen Freiheit war ja schon lange fertig.«
»Wer ist »wir«?«
»Mein Freund Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker aus München, ein kluger Mensch, der unendlich viel in seinem Leben gearbeitet hat und dem es immer schlecht gegangen ist, und ich. In meiner Münchener Zeit sind wir oft nächtelang im Café Stephanie gesessen oder im Englischen Garten herumgegangen und haben dabei immer nur unseren Staat besprochen. Sie werden verstehen, daß zwei Menschen wie er und ich sich in einer solchen Frage aufs Glücklichste ergänzen können.«
Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort:
»Wie ich also die Insel sah und wußte, daß sie herrenloses Land darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland. Ich erinnerte ihn an unsere Träume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr provisorische Vollmacht für mich mitgegeben und verlangte, mich selbst zu sehen und zu hören. So mußte ich also nach Berlin kommen.« Und Paul Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah.
»War Ihnen denn das so unangenehm?« fragte Frau von Zeuthen.
»Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf meiner Felseninsel zugebracht und fühlte mich dort so heimisch, daß es mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders fürchtete ich, sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in Europa zu ihr zurückkehrte.«
»Wie denn?« fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lächeln.
Er sah sie an und sagte langsam:
»Ich fürchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr so ganz als Symbol der Unberührtheit, kurz, nicht mehr so persönlich, mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung - Sie verstehen?«
Frau von Zeuthen nickte.
»Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein?« fragte sie nach einer kleinen Pause.
»Weil ich sehe, wie wertvoll es für mich ist, etwas Distanz bekommen zu haben - nicht nur aus praktischen Gründen.« Wieder schwieg er und sah vor sich hin.