Phantasten: Roman

Chapter 11

Chapter 113,693 wordsPublic domain

Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich nur für einige Minuten auf sein Bett. Leise öffnete sie dann die Tür zum Badezimmer, schlüpfte durch dieses in die Küche und ging die Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprüngen hatte sie unbemerkt die nächsten Häuser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gäßchen, die die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In kurzen Zwischenräumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen.

Hedwig ging zu Nechlidows Häuschen, das gerade am Anfang der Fischerstraße lag. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Türe und trat ein.

Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war es fast dunkel, denn die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen.

Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden Stellung.

»Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn man das erfährt?«

Ein scharfer Knall in der Nähe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen von niederstürzenden Mauerteilen folgte, ließ ihn aufstehen. Er trat zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das gegenüberliegende Haus hatte sich in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt.

Nechlidow lachte bitter auf:

»Meine Schuld, nicht wahr?«

»Herr Nechlidow«, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. »Glauben Sie nicht doch, daß Paul recht gehandelt hat?«

»Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld trage, daß jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich habe nicht vorausgesehen, daß es so kommen würde. Aber es ist besser, daß diese riesige Lüge zusammengeschossen wird, als daß sie weiter lebt. Wer weiß, vielleicht kommen die englischen Schiffe noch rechtzeitig, und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.«

»Sind Sie wirklich schuld daran?« fragte Hedwig schüchtern.

Nechlidow legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr in die braunen Augen:

»Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?«

»Weil ich wissen will, was Sie sind.«

»Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld, sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn Seebeck aus lauter Sentimentalität die Dummheit begeht, seine Entlassung zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution kommen lassen! Wir hätten alles so glatt machen können, Seebeck hätte gehen müssen, Rouvière wäre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder der sinnlose Selbstmord von Rouvière dazwischen, und damit war alles verloren. Denn Rouvière hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks schöner Augen wegen von ihm in den Tod führen. Eine Kette von unbegreiflichen Sentimentalitäten war wie immer der Grund alles Unglücks. Mein Fehler war nur, daß ich auf die Vernunft der Menschen vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.«

»Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?«

»Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drüben mögen sich gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif für die Vernunft sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die Menschheit.«

Hedwig sah vor sich hin. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf:

»Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer weiß, wann wir wieder zusammen sein können.«

Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die Straße. Da schoß dicht vor ihnen auf der Straße ein blendend weißes Licht auf. Nechlidow taumelte zurück. Hedwig stieß einen leichten Schrei aus und fiel flach auf das Gesicht.

Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drückte sie an seine Brust - sie schlug die Augen auf, lächelte noch einmal, wollte die Hand heben, aber ließ sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurück -

* * * * *

Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.

»Das ist Silberland«, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu.

Er lief die Treppe hinunter, auf die Straße, schrie Hauptmann von Rochow zu:

»Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken!« und stürzte dem Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nähe ein und bedeckten ihn mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in Trümmern. In der Fischerstraße standen nur noch einige Häuser. Und horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt.

Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was Seebeck des Lärmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut floß von seinen Händen herunter. Er schrie:

»Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der Weltfriede endgiltig gesichert.«

Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser - Jakob Silberland fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf der Bootsbank zusammen. Langsam füllte sich das durchlöcherte Boot mit Wasser und sank.

Paul Seebeck blieb mit verschränkten Armen stehn und sah das Boot versinken.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er große Blutflecke. Er fragte:

»Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?«

Seebeck reichte ihm die Hand:

»Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie für Ihre Idee, ich für mein Werk.«

Nechlidow schüttelte den Kopf:

»Ich sehe nichts mehr, weiß von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch einen Strom, dessen Wellen uns in die Höhe hoben, als wir ihn zu leiten glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht. Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit Ihnen zusammen sterben.«

»Kommen Sie«, sagte Seebeck. »Wir wollen den anderen sagen, daß wir alle sterben müssen.«

Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen.

»Jetzt ist es genug!« rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser nickte. Und einige Minuten später donnerte das schwere Festungsgeschütz, begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.

Dies war aber nur ein Signal für den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu verstärken. Und jetzt galten seine Schüsse nicht mehr dem Hafen. Überall schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die Häuser.

Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Straße herauf. Die Leute umdrängten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete, bis das Feuer für einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer klarer Stimme:

»Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns für unser Werk zu sterben?«

Die Gesichter dort unten wurden groß. Wutschreie ertönten. Drohende Fäuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrülle waren nur einzelne Worte verständlich:

»Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!«

»Wir sind verraten.«

»Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...«

»Drehen Sie die Geschichte herum«, sagte Edgar Allan zu Felix, und der gehorchte. Die noch rauchende Mündung des Festungsgeschützes war auf die Infanteristen gerichtet.

Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer drehte sich um und feuerte einen Schuß ab, bevor er den anderen gleich sein Gewehr fortwarf.

Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen.

An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen sei, niemand machte ihm Vorwürfe. Man drückte ihm die Hand, und schweigend trat er an das Geschütz.

Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf.

Seebeck konnte ihm nur flüchtig zunicken, denn jetzt geschah draußen etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm.

»Hört mit dem Schießen auf«, telephonierte Seebeck hinunter. »Vielleicht kommen die in friedlicher Absicht.« Aber so scharf er auch hinsah, er konnte keine weiße Fahne bemerken.

»Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, daß Seeminen da draußen liegen!« rief Seebeck.

Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu.

»Die glauben, daß da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von Rochow, ich bitte Sie!« Hauptmann von Rochow stürzte zum Tastbrett, und Paul Seebeck beugte sich über den Plan. Die Barkasse kam näher, war jetzt bei der flachen Klippe -

Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen ans Fenster getreten war.

»Siebenunddreißig, achtunddreißig, zweiundvierzig«, sagte er kurz und scharf.

Wie um einen Akkord zu spielen, drückte Hauptmann von Rochow die drei Tasten nieder, und draußen schoß ein ungeheurer Wasserberg in die Luft und stürzte dann mit donnerndem Gebrüll zusammen. Boote und Klippe waren verschwunden.

Herr von Rochow griff sich mit beiden Händen taumelnd an den Kopf:

»Deutsche, deutsche Soldaten«, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und schoß sich in die Schläfe.

Seebeck wandte sich beim Knalle um; spöttisch lächelnd sah er auf die Leiche.

Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu:

»Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie müssen sich Ihren Kindern erhalten.«

Sie stand auf und schüttelte energisch den Kopf:

»Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen -«

»Nichts geschieht Ihretwegen«, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann setzte er aber sanft hinzu: »Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie können ihm nach zehn Jahren erzählen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat. Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und grüßen Sie Ihre kleine Hedwig von mir.«

Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und küßte seine Hände. Er hob sie auf und zog sie an seine Brust. Draußen krachten wieder die Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschütz, begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.

Frau von Zeuthen riß sich los:

»Felix muß bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer muß ich Ihnen bringen. Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.«

Paul Seebeck trat ans Telephon.

»Felix soll herauf kommen.«

Das schwere Geschütz verstummte und Felix kam herauf.

»Was gibt's?«

»Du mußt deine Mutter zum Vulkane zurückbegleiten.«

»Aber Paul!«

»Du mußt! Hol dein Pferd für deine Mutter.«

»Paul, ich will bei dir bleiben.«

»Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was für ein Leben du noch haben kannst und denk an deine Mutter.« Er legte den Arm um Felix Schulter und führte ihn Frau von Zeuthen zu:

»Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?«

Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strömenden Tränen rief sie:

»Felix, komm mit mir!«

Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte:

»Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortführen kannst, und das mit mehr Glück. Geh meines Werkes wegen.«

Felix kämpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen Augen Paul Seebeck an und sagte:

»Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie du.«

Paul Seebeck strich ihm über das Haar.

»Gut, mein Junge. - Aber geh jetzt und hol dein Pferd.«

Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein. Wenige Minuten später war es dunkle Nacht, in der hier und da die Flammen von den brennenden Häusern emporloderten.

Da hob sich riesengroß die rotgelbe Scheibe des Vollmondes über den Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im kalten Lichte die Trümmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu feuern; unter donnerndem Krachen stürzte das große Volkshaus zusammen.

»Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er begleitete sie bis zur Hauptstraße und weiter bis zu den rauchenden Trümmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und Felix holte sie auf seinem Pferde ein.

»Ich möchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur voraus, Mutter!« rief er und galoppierte zurück.

»Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht wahr?« Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter.

Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Straße hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes Gesicht.

»Fräulein Erhardt?«

»Ja, gnädige Frau!«

»Wollen Sie zur Stadt?«

»Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so müde. Wo ist Felix?«

»Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?«

Fräulein Erhardt schüttelte den Kopf:

»Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie wird an mir vorbeigeritten sein, ohne daß ich sie bemerkte. Aber Felix kommt, mein Felix!«

Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft über den Leib. Da schlang Fräulein Erhardt die Arme um ihren Hals und flüsterte ihr zu:

»Ich habe ja ein Kind von ihm.«

Frau von Zeuthen küßte sie:

»Liebe Tochter«, sagte sie.

Dann schwiegen sie beide, saßen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam auf der Ebene und warteten, warteten - -

Als Paul Seebeck von der Hauptstraße wieder auf sein Haus zu einbog, blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster schoß eine Stichflamme, der ohrenbetäubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich an die Stirn und stürzte dann hin. Dichter, beißender Rauch quoll aus den Fenstern, verhüllte die Läufe der drei Geschütze -

Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern entgegen. Die Lampe war verlöscht, aber das weiche Dämmerlicht der Mondnacht erfüllte den Raum.

Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zügen, der ganze Leib war ihm aufgerissen. Über den Verschluß des Geschützes gebeugt lag Felix. Paul Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lächelte:

»Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das Geschütz nicht allein bedienen.«

Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner nasser Fleck. Seebeck riß die Kleider auf; das Blut strömte.

»Muß ich sterben, Paul? Dann grüß die andern.«

»Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.«

»Ja«, sagte Felix, »ich bin so müde.«

Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den Boden.

Unter seinem Maschinengeschütz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand:

»Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. »Ich sterbe für die Freiheit«, oder etwas ähnliches?«

»Du stirbst, weil du ein anständiger Kerl bist.«

»Also gut: ich sterbe, damit die Anständigkeit lebe! Bravo. Schluß. - Es war so schön, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafür.«

Dann sank er zurück.

Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewußtlos in einer Blutlache an der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf:

»Herr Seebeck, Sie? Gut, daß Sie kommen. Ich habe es gefunden!«

»Was haben Sie gefunden?«

»Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hören Sie!« Er versuchte sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen.

»Das Problem der Menschheit!« Seebeck lachte auf. »Da draußen haben Sie das Problem der Menschheit!« Und er wies auf das Kriegsschiff hinaus, das jetzt langsam sein Feuern einstellte.

»Seebeck, schämen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern. Hören Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.«

Paul Seebeck verschränkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins Gesicht.

»Ich höre«, sagte er.

»Sie erinnern sich noch an alle unsere Gespräche? Sie alle haben am Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, daß alle Fragen immer wieder auf denselben toten Punkt kamen, daß man die Begriffe gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rückständig in den Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto Meyer mit dem Einfall, daß sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet sein müßten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?«

»Nein, er ist tot.«

»Schade, es hätte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck, jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der Menschheit aufbaut - solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe ich diese Kristallisation gefühlt, aber nicht begriffen, ich fühlte, wie sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne krampfhaft dagegen wehrte - dann müssen ja unsere Gedanken klein sein, die der Menschheit sind aber groß, für uns ebenso unbegreiflich groß, wie die Zelle in unserem Körper nichts von unseren Gedanken versteht, und doch baut sie Körper und Leben auf.

Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich, halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der Menschheit, sondern gerade die noch ungelöste Spannung zwischen beiden Teilen.

Prüfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe. Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, für die Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus; und für den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern zu niedrig.

Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar rückständig ist, in Wirklichkeit aber die großen, ewigen Gesetze und Wandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der Menschheit wiedergibt.«

»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und wies auf die Leichen um sie her.

»Ach was hat das zu sagen, daß einige Zellen absterben. Ein kleiner Entzündungsprozeß im Körper der Menschheit, weiter nichts.«

»Ja, ja«, sagte Paul Seebeck.

»Und sehen Sie doch, daß die großen Taten nie vom einzelnen ausgeführt werden, sondern nur von der Masse, vom Individuum Menschheit. Das ist ja auch selbstverständlich, denn der Natur der Dinge nach muß die auf einer millionenmal höheren Stufe stehende Menschheit auch höhere Gedanken haben. Wie selten opfert sich ein einzelner für eine Idee, und wie leicht tun es tausende zusammen, weil nicht mehr der Einzelne denkt, sondern die Masse an sich.«

»Aber hat uns nicht hier die Masse verraten, und bleiben nicht wir einzelne zurück?«

»Kommt das nicht auch in unserem Körper vor, in dem sich die einzelnen Blutkörperchen gegenseitig auffressen, statt zusammen zum höheren Zwecke als dem ihrer Einzelexistenz zu wirken? Krankheitserscheinungen, weiter nichts. Und eben so, wie trotz aller Krankheiten der menschliche Körper sich weiter entwickelt, so wird es auch die Menschheit tun, um später wieder Zelle eines neuen, unermeßlich hohen Individuums zu werden. Bis sich schließlich das Universum in einem unendlich weiteren Sinne, als wir armselige Einzelzellchen es heute begreifen können, zu einem großen Organismus zusammenschließt. Und da wird die Erlösung sein, der Zweck des Daseins. Ich sterbe«, fuhr er mit schwächerer Stimme fort, »aber Sie leben ja noch. Gehen Sie zu den Menschen und sagen Sie ihnen, daß ich ihr Geheimnis gelöst habe.«

Paul Seebeck schüttelte langsam den Kopf:

»Ich gehe nicht mehr zu den Menschen, Melchior.«

Jetzt richtete sich der Sterbende mit seiner letzten Kraft auf:

»Sie müssen, Seebeck, sonst habe ich das alles umsonst gedacht. Das darf doch nicht sein!«

»Nein«, sagte Paul Seebeck hart, »Sie sollen das alles umsonst gedacht haben. Mag Ihr Leben verschwendet sein, wie das von uns allen.«

Da brach Melchior zusammen.

Nun fiel das bleiche Mondlicht durch die Fenster und beleuchtete die vier Leichen und die Geschütze. Sinnend blieb Paul Seebeck stehen. Er schaute auf das Meer hinaus, das so friedlich dalag. Aber dort in der Ferne das Ungeheuer, jetzt nicht mehr feuerspeiend.

Paul Seebeck setzte sich neben Felix' Leiche hin und wartete. Aber ihm war keine Granate bestimmt. Da küßte er des Knaben eiskalte Stirn und ging hinaus. Er ging an den Trümmern des Volkshauses vorbei, die sich gespenstig in die Höhe reckten, zur Irenenbucht hinunter. Langsam stieg er die Stufen hinab und setzte sich unten auf die Felsplatte. Er sah die breiten Rücken der Riesenschildkröten feucht im Mondlichte glänzen, sah sie die Köpfe erheben -

Da ließ er sich langsam ins Wasser gleiten. Die Tiere tauchten erschreckt unter. Er wollte schwimmen, weiter hinaus ins Meer wollte er, aber er verfing sich in den langen Schlingpflanzen. Er kämpfte, um sich zu befreien, aber sie ließen ihn nicht los. Da gab er nach und ließ sich vom Wasser tragen. Es umfing ihn so lau und weich. Aber wie er sich nicht mehr bewegte, beruhigten sich die Tiere wieder. Er sah ihre glänzenden Rücken herankommen, dicht vor ihm tauchte ein riesiger, schwarzer Kopf aus dem Wasser auf, schob sich langsam näher, ein breites, zahnloses Maul öffnete sich - -

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_Saale-Zeitung_: Oft, hundertmal, ist die Liebe zweier Männer besungen, zerstört, angegriffen worden, niemals in der intensiven Art wie hier. Hans Franck ist es gelungen, sein Thema restlos zu durchleben, zu erfassen, in sich aufzunehmen, es in die Form der Kunst zu gießen und geläutert herauszuschälen. Das Thema selbst hat Franck restlos erschöpft, ohne auch nur die geringsten Seitensprünge zu machen. Hatte sein Name auch zuvor schon einen guten Klang, so ist Franck mit diesem Roman in die Reihe unserer ersten deutschen Dichter gerückt. Der Roman wird in der Geschichte des deutschen Romans noch eine Rolle spielen.

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