Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band.
Part 5
An der Westseite hin glitten aber zu gleicher Zeit die Gestalten des alten und jungen Holke, die Flinten auf dem Rücken, den Hund an der Leine, und als sie eine Stelle erreicht, wo ein kleiner Graben, eine Art Wasserfurche, von den Feldern aus in die Schlucht hineinführte, folgten sie dieser und sahen sich bald von dichten Büschen und steilen Seitenwänden der »Delle« vollkommen gedeckt.
»Wär's nicht besser, Vater, wir warteten, bis sie wieder schössen,« flüsterte der Fritz, und zog den Hund an sich, der rechts in die Büsche hineinwindete, »wenn wir wenigstens gerade aus bis an den Rand gehen, können wir die ganzen Felder übersehen.«
»So viel sich von oben aus erkennen ließ,« erwiederte ihm der Vater mit eben so unterdrückter Stimme, »haben sie hier im Busche Halt gemacht, und der Henker weiß jetzt, ob sie noch drin stecken oder hinaus in's Freie gegangen sind; fast glaub' ich aber, wir haben sie noch hier unten, denn Hektor will absolut da hinein und der thut Nichts umsonst.«
»Horch,« sagte Fritz leise und faßte des Vaters Arm -- »klang das nicht, als ob ein Treiber mit seinem Stocke an einen Busch geschlagen hätte?«
Die Beiden horchten einen Augenblick in gespannter Erwartung -- gleich darauf wiederholte sich das Geräusch und dem scharfen geübten Ohr der Jäger mußten die wohlbekannten Laute bald entdecken, was die »Wilddiebe« eigentlich beabsichtigten.
»Bei Gott, wir sind mitten im Treiben drin,« schmunzelte der Alte mit einem Blicke wilder Zufriedenheit -- »hoho, meine Burschen, Ihr kommt mir heute gerade recht -- Fritz, das ist ein kapitaler Spaß -- in so einer Lage hab' ich mich auch noch nicht befunden -- ein paar alte Füchse im Kessel -- ob wir durchbrennen?«
»Vorgehen werden wir auf keinen Fall dürfen,« sagte Fritz -- »wer weiß, was für Aasjäger sich vorgestellt hat, und wenn der die Büsche sich regen sieht, haut er am Ende hin.«
»Die dreie haben nur eine Flinte,« meinte hierauf der Alte -- »der Schmied hat's ganz genau gesehen, er konnte nur nicht recht genau erkennen, wer es war, oder wollt's auch vielleicht nicht gern sagen. Jedenfalls liegt der mit der Flinte, da sie von unten auf trieben, oben in der Spitze, wo er beide Seiten bestreichen kann und bis dahin, wo die Haselbüsche aufhören, können wir also recht gut vor; dort ist ja wieder so ein Graben ausgestochen und über den Erdaufwurf hin kann er uns nicht bemerken -- ich kenne den Platz genau, denn ich habe mich erst vor vierzehn Tagen etwa gerade da hindurch an den Fuchs angeschlichen, der draußen stand -- Hektor ruhig -- Strick Du, kannst Du nicht Frieden halten, wenn's auf Hochwild geht?«
»Aber schießen werden wir doch nicht, Vater?« sagte der Sohn, »ich möchte nur ungern, und dann auch nur in Selbstvertheidigung, Menschenblut vergießen.«
»Es wird wohl ohne das abgehen,« brummte der alte Waidmann, »wenn sich Einem auch das Herz dabei umdreht, wie die Canaillenbrut wieder heute Morgen auf dem Revier herumgeknallt hat; der Herr Schütze soll nur eine einfache Muskete führen, und vielleicht können wir ihn gerade anspringen, wenn er die einmal abgeschossen hat -- Zündpatronen wird er wohl nicht laden, und ehe er seinen alten Schießprügel wieder vollstopft, behalten wir Zeit genug, ihm das weitere Jagdplaisir abzuschneiden -- hol mich der Böse, die klappern das Holz ganz regelrecht durch, das sind alte Hallunken.«
Das Treiben kam in der That immer näher und Holke winkte seinem Sohne jetzt mit der Hand, ihm so leise als möglich zu folgen; gebückt schlichen sie dabei in dem Bett des kleinen, nur wenige Zoll tiefen und mitten durch die Schlucht rieselnden Baches hin, bis sie sich bis beinahe an den Graben, der hier von beiden Seiten der Mitte zu lief, hingepürscht hatten. Die Treiber konnten kaum hundert Schritte hinter ihnen sein. Hier mußten sie über einen schmalen gelben Rasenfleck, den jedoch dichte und undurchsichtige Büsche rings umschlossen, und als sie eben die Zweige vorsichtig auseinander bogen, um hindurch zu schlüpfen, fuhr aus dem warmen buschigen Grase ein Hase, sprang über den niederen Erddamm und floh gerade die Spitze hinaus und der Stelle zu, wo sich Müllers Friede so vortheilhaft aufgestellt hatte.
»Der kam apropos,« lachte mit vorsichtig gedämpfter Stimme der Alte, »jetzt paß einmal auf, ob sie nicht drauf pulvern.«
Noch während er sprach, krachte der laut donnernde Schuß der alten Muskete durch die Büsche, und das laute Klagen des Hasen verrieth gleich darauf, daß die arme Creatur waidwund oder in die Hinterläufe geschossen sei.
»Jetzt spring hinauf, Fritz,« rief da der Vater schnell -- »mach rasch, mein Junge, und nimm dem Schufte die Flinte ab, ich will hier hinaus, daß ich die anderen Canaillen abfange, oder doch wenigstens zu sehen kriege, wenn sie etwa durchbrennen sollten. -- Allo faß, Hektor?«
Der Alte brach, die Büsche links und rechts zurückwerfend, durch das Dickicht der Stelle zu, wo er das freie Feld am schnellsten erreichen konnte, um dadurch den _flüchtigen_ Wilddieben den Weg abzuschneiden; Fritz aber glitt rasch und behende der Stelle zu, wo er den Schuß gehört hatte; Hektor verrieth indeß eher, als er es im Anfang gewollt, seine Nähe. Kaum hörte der Hund, der sonst folgsam und klug genug war, die klagenden Töne des angeschossenen Hasen, als er blitzeschnell seitab durch die Sträucher brach und jetzt plötzlich dicht vor dem entsetzten Müllerfrieden, der eben emsig bemüht war, den im Kreise herumschnellenden zu erfassen, aus dem Strauch fuhr, Lampen im Genick packte, todtbiß und dann stolz und freudig aushob, ihn seinem Herrn zu aportiren. »Alle Teufel!« rief der Müller überrascht, und fuhr mit der ungeladenen Flinte im Anschlag -- denn das laute Rascheln der Büsche verrieth ihm jetzt den unwillkommen Zeugen seines Jagdfrevels -- in die Höhe; »zurück da oder ich schieße -- zurück sag ich!«
Fritz war aber nicht der Mann, der sich von so lächerlicher Drohung hätte zurückhalten lassen.
»Haha,« rief er -- »hast wohl zwei Patronen eingeladen und erst eine ausgeschossen -- na drück ab, aber dann her mit der Flinte« und ohne weiter einen Augenblick zu zögern sprang er gegen den entdeckten Wilddieb an. -- Dieser, der wohl einsah, daß er dem Jäger nicht mehr mit der Schußwaffe drohen könne, faßte seine Muskete rasch am Lauf und hob den Kolben, den Angreifer damit zu Boden zu schlagen, dieser aber, gewandter als er selber, unterlief ihn, ehe er den Streich führen konnte, ließ dicht vor ihm sein eigenes Gewehr in das Gras niederfallen und traf den Müller zu gleicher Zeit mit der festgeballten Faust so kräftig in den Magen, daß der große starke Mann zusammenbrach als ob ihn ein Blitzstrahl getroffen hätte und die Muskete machtlos seiner Hand entsank.
Dieser Sieg hätte aber für den Jäger beinah von sehr bedenklichen Folgen sein können, denn die beiden Bauerburschen stoben keineswegs, wie der alte Holke vermuthete, rechts und links in das Feld hinaus, sobald sie fanden, daß sie entdeckt wären, sondern Krautsch besonders rannte in wilder Wuth dorthin, wo er seinen Kameraden zurückgelassen, und mit diesem jetzt den ihm verhaßten Jägerburschen anscheinend ringen sah. So dicht kam er dabei heran, daß er in demselben Augenblick den Kampfplatz erreichte, wo Fritz sein geladenes Doppelrohr hingeworfen hatte und sprang nun mit wildem Jubelruf, während der Jäger seinen Genossen zu Boden schlug, darauf zu.
Fritz wandte rasch den Kopf und sah kaum die eigene Waffe schon fast in des Gegners Gewalt, als er auch, jetzt wohl wissend, daß es das Aeußerste gelte, die Muskete aufgriff, vorsprang und mit dem schweren Kolben den schützend vorgestreckten Arm des Wilddiebes so kräftig traf, daß er gelähmt an seine Seite sank. Nichts destoweniger wäre der Sieg dennoch zweifelhaft gewesen, denn der dritte, sonst keineswegs feige Bauerbursche flog in diesem Augenblick heran -- noch im Zuspringen hörte er aber einen Anruf an seiner Seite, wandte den Kopf und sah hier plötzlich zu seinem Entsetzen auch noch den alten Jäger mit auf ihn selber gerichteter Flinte dastehn.
Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke an den Flüchtling auf den derselbe Jäger ja erst vor wenigen Tagen ebenfalls geschossen, und ehe er noch wirklich im Stande war einen eigenen Entschluß zu fassen, trieb ihn das Gefühl der Selbsterhaltung zauberhaft rasch aus dem Bereich der dunkeldrohenden Rohre. Wie er in die Schlucht kam, wußte er eigentlich selbst nicht, nur dessen erinnerte er sich später, daß er fortwährend durch die dicksten Büsche gesetzt und sporenstreichs und athemlos, ohne auch nur ein einziges Mal umzuschauen, ob die Verfolger wirklich hinter ihm wären, zu Hause gerannt sei.
Mit dem jetzt allein stehenden Krautsch, dem noch dazu, für den Augenblick wenigstens, der rechte Arm vollkommen gelähmt war, wurde Fritz indessen bald und noch ehe sein Vater ihm weiter zu Hülfe kam, fertig. Er hatte seine Flinte wiedergewonnen, und stand jetzt dem mit fest zusammengebissenen Zähnen wüthend zu ihm aufblickenden Bauer, wie dem sich gerade von dem gewaltigen Faustschlag erhebenden Müllerburschen fest und trotzig entgegen.
»So, Ihr Lumpenpack« fuhr die Beiden aber jetzt der alte Förster an, der nun auch herbei kam, dem noch immer ruhig aportirenden Hektor den Hasen abnahm und diesen neben die alte Muskete in's Gras warf -- »so -- also Ihr seid's, die Ihr hier draußen auf fremden Revieren und nicht einmal auf Euren eigenen Feldern, herumknallt und Gottes Creaturen, die jetzt hochtragend gehn und nicht einmal genießbar sind, die Glieder verschießt. Nicht arme Tagelöhner seid Ihr, die es vielleicht aus Armuth und Hunger thun könnten, sondern reiches Lumpenpack, das zu faul zur Arbeit ist, und am lieben Wochentage stiehlt und raubt. -- Pfui über solche Bande -- ich wollte mich doch in Euere Seele hinein schämen.«
»Wartet iär grienreckigen Holzlaifer iär!« knirschte aber der seiner Wuth kaum mächtige Bauer durch die fest zusammengebissenen Zähne sie an -- »wartet nuar -- eire Zeit kummt ooch noch, un dann soll mer der Deibel das Licht halten, wenn ich nich meine Rechnung so gut im Kopp behalte, wie der Wirth in der Schenke dringe -- gebt dem Müller sain Gewähr widder ruas.«
»Hier liegt der Hase, den er geschossen und das Gewehr ist mein,« sagte der alte Holke ruhig, ohne sich um des Burschen ohnmächtigen Zorn weiter zu kümmern. »Ihr aber könnt Euch drauf gefaßt machen, daß die Sache damit noch nicht abgethan ist; heutigen Tages noch werdet Ihr angezeigt und daß der Herr von Gaulitz kein Federlesens mit Euch machen wird, darauf dürft Ihr Euch verlassen. Hier Hektor -- was hat der Hund?«
»Er steht« -- sagte Fritz und ging mit gehobener Flinte der Stelle zu.
Hektor stand gerade da, wo die Haselbüsche anfingen, vor einem kleinen niederen aber dichten Gewirr von Gras, Dornen und Sträuchern fest und regungslos, den Kopf versteckt, den rechten Vorderlauf emporgehoben, die Augen unverwandt auf den dunkeln Busch gerichtet, und allem Anschein nach mit größter Spannung die Luft einschnopernd, die von dort herüberwehte und jedenfalls von höchstem Interesse für ihn sein mußte. Nur als sich sein junger Herr ihm näherte, beurkundete er seine Freude durch ein leises, aber auch nur ganz leises Schwanzwedeln.
Müllers Friede hatte sich noch immer nicht ganz von dem erhaltenen Schlage erholt, und auch Krautsches Arm schmerzte diesen sehr, dennoch machten die Beiden, als sie sahen, wie der Hund vor dem Strauche blieb und Fritz ihm nach ging, einen Schritt gegen den Ort zu, wo die Muskete lag. Aber auch nur einen Schritt, denn des alten Holke Flinte fuhr rasch genug herauf, und er rief ihnen mit seiner derben herausfordernden Stimme trotzig zu:
»Zurück, Ihr Schufte, oder ich will verdammt sein, wenn ich Euch die Beine nicht mit dem klaren Schrot so voll spicke, daß Ihr das Laufen auf vier Wochen wenigstens an den Nagel hängen könnt; fort mit Euch, denn es juckt mich schon im Zeigefinger, und ich dächte, Ihr wüßtet, daß ich nicht gerade viel Spaß verstehe.«
»Allo faß!« rief Fritz indessen, der sich mit einem rasch nach rückwärts geworfenen Blick bald überzeugte, wie sein Vater die beiden Burschen leicht allein im Respect erhalten konnte -- »=en avant=, Hektor! =en avant=, mein Hund.«
Hektor hatte anfänglich, wie sich gar nicht verkennen ließ, keineswegs die Absicht gehabt, so ohne Weiteres einzuspringen, da er den Jäger aber jetzt dicht bei sich sah, und die fortwährend aufmunternden Worte hörte, that er ein Uebriges -- wedelte erst einmal aus Leibeskräften mit dem braun und weißen Stumpfschwanz, als ob er gerne gesagt hätte, »na, wenn's nicht anders ist,« und sprang dann plötzlich zu. -- Aber weder Schnepfe noch Huhn fuhr heraus -- kein Hase sprang aus der schützenden Decke hervor, Hektor jedoch hatte sich keineswegs geirrt, sondern das, auf was er mit so unverrückbarer Aufmerksamkeit gezeigt, mit den scharfen Zähnen erfaßt, und einen armen schwer mißhandelten, und über und über mit Schweiß bedeckten Lampe, dem alle vier Läufe zerschossen und der Kopf breit geschlagen war, zog er bald darauf aus Dornen und Gras hervor.
Als ihn Fritz an den Löffeln empor hob, brachte Hektor einen zweiten kaum besser bedachten hervor, und des alten Holke Ingrimm machte sich in schweren gewichtigen Flüchen und Drohungen Luft; die Bauern aber, die sich auf die Art auch das gehoffte und schon, wie sie meinten, in Sicherheit gebrachte Wildpret entzogen sahen, schimpften und wetterten nicht minder, und es wäre vielleicht schon hier zu neuen Thätlichkeiten gekommen, hätte der dritte Mann sie nicht so feige allein und im Stich gelassen, so aber war doch die Uebermacht und noch außerdem das gute Recht auf der Jäger Seite zu stark gegen sie, und ein Angriff mußte deshalb sicherlich nur höchst unglücklich für sie enden.
Die Jäger schienen auch etwas derartiges gar nicht zu fürchten, Fritz steckte zwei, sein Vater einen Hasen in die Tasche, der erste schulterte dabei noch die alte Muskete, und raschen Schrittes wanderten sie dem Dorfe zu, um die Anzeige der ertappten Wilddiebe zu machen, und endlich einmal ein paar von den Schuften zur Strafe zu bringen, die des alten Holke Ingrimm, besonders in der letzten Zeit schon so oft rege gemacht, und ihm die Galle aufgerüttelt hatten.
Die Bauern blieben noch eine lange Weile in der Schluchtspitze zurück, und sprachen dabei fleißig, um ihren Aerger zu ertränken, der grünen Flasche zu, die der Müller neben dem Pulverhorn in seiner Rocktasche trug; viele Pläne wurden geschmiedet, Rache zu üben für die erlittene schmähliche Behandlung -- Pläne, wie sie nur das schwärzeste Herz gebären und ersinnen konnte. Als die Flasche dann geleert war, gingen sie auf dem schmalen Fußpfad hin, der nicht weit von der Schlucht vorbei nach der Rauschenmühle herniederführte, bis zu dieser hinab, um dort ihr begonnenes Gelage fortzusetzen, und der Beschluß sollte dann noch Abends spät, als die Nacht schon hereingebrochen war, und andere ordentliche Menschen ihre Heimath aufsuchten, in der Hornecker Schenke gemacht werden, wo heute die Bauern wieder zum Lesekränzchen zusammenkamen und sie die schändliche Ungerechtigkeit zu schildern gedachten, die ihnen von den »grünröckigen großen Herrn Dienern« angethan worden.
Fünftes Kapitel.
Das Gefängniß.
Das Gefängniß von Horneck war ein niedriges kleines aber sehr festes Gebäude, das dicht an eine Reihe von Ställen und darauf befindlichen Getreide- und Heuböden stieß, auch dieselbe Gestalt wie diese hatte, und sich im Aeußeren durch nichts als die starken Eisengitter an den kleinen hohen Stallfenstern von ihnen unterschied.
Nur zwei Stuben oder Kammern, wie man es nun nennen wollte, befanden sich übrigens in diesen zur Aufbewahrung von Verbrechern bestimmten Mauern, und wurden durch einen schmalen Gang, der zu der hinteren Bodentreppe führte, geschieden; die eine von diesen bewohnte der »Voigt« vom Gut, der auch zugleich bei solchen Gelegenheiten die Schließerstelle versehen mußte, und die andere wurde für gelegentlich Eingebrachte offen gehalten, oder sollte doch wenigstens offen gehalten werden. Da es übrigens nur äußerst selten vorkam, daß in Horneck irgend ein wirklicher Verbrecher eingesperrt wurde, so benutzte der Voigt die Gefangenstube auch gewöhnlich zum Aufbewahren der aus der Mühle zurückkommenden Kleie, und selbst jetzt lag ein mächtiger Haufen von dieser, der in der Eile nicht hatte hinausgeschafft werden können, in der einen Ecke zusammengeschaufelt und angekehrt, und in der anderen befand sich ein kleiner Tisch und Stuhl; auf dem ersteren stand ein Wasserkrug und eine Schüssel mit eingebrockter Kürbissuppe, wie sie das Gesinde bekam, und ein Stück trockenes schwarzes Brod, aber kein Messer, sondern nur in der Schüssel ein hölzerner Löffel. In der einen Ecke lag noch eine zusammengeklappte Matratze mit wollener Decke.
In dem kleinen Raume schritt der Gefangene mit untergeschlagenen Armen hastig auf und ab, blieb manchmal an dem Fenster stehen, neben das er seinen Stuhl gerückt hatte, um nur hinausschauen zu können, lauschte auf das von draußen zu ihm hereintönende Geräusch, und setzte dann finster und brütend seine einförmige Wanderung fort.
»Das also ist Dein Dank, Du blinde Menge, zu deren Heil ich meine ganze Existenz in die Wagschale warf, das der Lohn für alle Aufopferung von meiner Seite, für die reine uneigennützige Treue, mit der ich mich Deinem Dienste weihte. Aber nicht zurechnungsfähig bist Du, armes verblendetes, irre geleitetes Volk -- Jahrhunderte lang in Schmach und Knechtschaft gehalten, weht Dich der neue Freiheitstraum so plötzlich, so unerwartet an, daß Du Dein Glück noch gar nicht zu fassen vermagst, daß Du nicht begreifen kannst, welche Gewalt Dir plötzlich in die Hand gelegt, und wie es in Deiner Macht jetzt stehe, die, die Dich bis dahin gedrückt und in Schande und Schmach zu Boden gehalten, mit einem kräftigen Schlage zu vernichten. Erwache, mein deutsches Volk, erwache! -- Der Morgen der Freiheit hat wirklich getagt; im schönen Frankenlande krähte der gallische Hahn seinen weit durch die _deutschen_ Gauen schallenden Gruß, und im Norden, Süden und Westen greifen die Völker schon zu den Waffen, und die erstehende Sonne sieht ihr flammendes Bild tausend und tausendfältig von blitzenden Sensen und Schwertern zurückgeworfen.«
»Nicht reif seist Du, mein herrliches Volk, die schwerste Pflicht, die Pflicht der Selbstbeherrschung auszuüben, rufen Deine Feinde, die Männer mit Orden und Bändern, die Schranzen und Knechte sclavischer Disciplin -- wie das Feuer seist Du, winseln sie in heuchlerischem Mitleid, dessen Kraft gezähmt und in Schranken gehalten werden müsse, um nicht unendliches Elend über unser schönes Vaterland zu bringen. Auf, auf, meine deutsche lodernde Flammensäule, zum Himmel empor sende Deinen rothen Feuergruß, und durch die Schaaren derer, die Deinem freien göttlichen Lichte hemmend entgegentreten, durch die Schatten der alten giftigen Nacht, deren Schleier der Bundestag so fest und furchtbar in seinen Krallen hielt, öffne Dir die freie herrliche Bahn. -- Kein Brand wirst Du sein, der sengend Städte und Dörfer in Asche legt und die Wohnung des friedlichen Landmannes dem Boden gleich macht, sondern wie die segensreiche Gluth sollst Du über die Felder und Fluren ziehen, die auf den dürren Steppen das trockene holzige Gras im raschen Flug verzehrt, und den frischen grünenden Graskeimen Raum giebt zum fröhlichen Wachsthum und Gedeihen.«
»Glück auf, mein Volk! Wenn auch der Einzelne darüber untergeht, tausend Andere werden erstehen, und Dich mit weitausdröhnendem Jubelruf den Reihen Deiner Feinde entgegenführen. Nur zusammen haltet dann, wie der Schranzen Schwarm bis jetzt zusammenhielt. -- Die Linke fasse in des Nachbars Gürtel, die Rechte schwinge hoch das breite Schwert, und Gottes Ungewittern gleich werft Euch vernichtend und verderbend den Massen des schon moralisch erdrückten Gegners in die Fronte.«
»Und Du, Sonne, die Du da drüben so bleich und trübe, von dämmernden Nebeln umdrängt, zur Ruhe gehst, steige rothglühend im Osten über ein _freies_ Volk wieder herauf -- und wenn Du dann auch mein Grab beschienest, ich wollte nicht klagen, dürfte mein Herz dann nur mit seinem letzten Blute den Boden eines freien _einigen_ Deutschlands düngen!«
Er war bei diesen Worten wieder auf den Stuhl getreten, hatte den einen Arm, um sich oben zu halten, durch das Fenstergitter gezogen, und lehnte, nach der scheidenden Sonnenscheibe hinüber schauend, die heiße fieberische Stirn an die kalten starren Eisenstäbe seines Kerkers.
So stand er lange und träumend, -- das Abendgeläute war schon lange mit dem frischen Hauch der von den Bergen wehte, in weiter Ferne verklungen; düstere Dämmerung lagerte sich auf der Erde, die Sterne blitzten matt und trübe durch eine dünne Nebeldecke nieder, die sich über das ganze Firmament gezogen; drüben aus dem Dorfe herüber funkelten die Lichter der stillen friedlichen Wohnungen, das Feuer der Schmiede sah er deutlich durch die Obstbäume, die zwischen dieser und dem Schloß die steile Aufdachung des Hügels deckten, niederscheinen, sah die Funken sprühen, und hörte die regelmäßigen Schläge der schweren Hämmer. Der heimkehrende Knecht, der nach Frauen Art seitwärts auf dem müden geduldigen Ackergaul kauernd vorüber zog, sang sich mit leiser Stimme ein kleines Lied -- ein Gruß an den Schatz, den er »bei sich zu Hause« gelassen, und aus der Rauschenmühle kehrte der mit den gewichtigen Mehlsäcken beladene Rüstwagen zurück und hielt nicht weit von der Thüre des Gefangenen an, so daß dieser, in einer Art Halbtraum, in dem sein Ohr die äußeren Eindrücke nur dumpf und unbestimmt vernahm, hören konnte, wie die einzelnen Säcke langsam und in regelmäßigen Zwischenräumen die steile Treppe, welche zu den Getreideböden und Vorrathskammern führte, hinauf getragen wurden. Dann spannte der Knecht die Pferde aus, die allein zu ihrem Stall hinüber trabten, der Wagen wurde unter den Schuppen zurück geschoben -- das Gesinde ging zum Essen in die Gesindestube, und lautlose Stille lag auf dem weiten Gebäu des Gutes.
Wahlert wußte selber nicht, wie lange er so und in dieser Stellung mit seinem Arm an dem Gitter verweilt, den Blick auf die bleich funkelnden Sterne gerichtet, als leise und vorsichtig der Schlüssel in das Schloß seiner Thüre geschoben und eben so geräuschlos aufgeschlossen wurde. Erstaunt wandte er den Kopf, denn sein Wärter war sonst stets rasch und rücksichtslos zu ihm herangetreten, und eine eigene frohe Ahnung durchschauerte ihn -- vielleicht nahte ein Rettungsbote und die wieder aufsteigende Sonne sah auch ihn frei und fröhlich wie die aufwirbelnde Lerche über die dampfenden, vom Nebel umschleierten Berge ziehen. --
Eine dunkle Gestalt glitt in's Zimmer und blieb wie schüchtern an der Thüre stehen, die sich wieder hinter ihr schloß.
»Wer ist da -- seid Ihr es, Voigt?« frug Wahlert, und trat von dem Stuhle herunter in die Stube.
»Herr Wahlert,« lautete die ängstlich zitternde Antwort -- »ich komme, Sie zu retten!«
»Heiliger Gott, diese Stimme!« rief der Gefangene und preßte sich, kaum seinen Ohren trauend, die ihm den Klang der süßen Laute verriethen, die heiße brennende Stirn -- »Sophie --«
»Um Gottes Willen, sprechen Sie leise,« flüsterte das arme, an allen Gliedern bebende Mädchen -- »und nur wenige Secunden sind mir vergönnt, deshalb bleibt mir auch keine Zeit, mein Hiersein zu entschuldigen. Nur Mitleid für Sie trieb mich her. Heute Abend um neun Uhr sollen Sie von hier fortgeschafft und den Militairgerichten überliefert werden -- was Sie verbrochen haben, weiß ich nicht -- will es nicht wissen -- nur die eine Frage beantworten Sie mir -- wahr und redlich, als ob Sie vor Gottes Throne ständen, aber auch ohne Bedenken und ohne Rücksicht auf mich und die Ursache, die mich vielleicht bestimmte, dieselbe an Sie zu richten. Ist Ihr Leben bedroht, wenn man Sie der Militairgewalt überliefert?«