Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band.

Part 2

Chapter 23,594 wordsPublic domain

»Von mir? -- nein« -- lächelte Feodor verlegen, und eine eigenthümliche Bescheidenheitsröthe verlieh seinem Antlitz etwas Zinnoberartiges -- »ein _sehr_ guter Freund von mir -- er ist noch -- er ist noch Dilettant -- Sie -- Sie werden Nachsicht mit ihm haben müssen.«

»O bitte, bitte lesen Sie« baten die Damen.

»Aber es eignet sich in der That gar nicht zum Vorlesen« versicherte Feodor -- »es sind nur einzelne, epigrammatisch gehaltene abgerissene Strophen, ohne Zusammenhang -- es sollte -- wie mir mein Freund gesagt hat, ein Versuch sein, einen Vers auf das ernsthafteste, tragischeste zu beginnen, und dann urplötzlich ganz humoristisch zu schließen -- es ist das eine ungeheuer schwere Aufgabe, und ich weiß wirklich nicht« --

»Oh bitte, bitte« -- lautete die einzige Antwort.

»Nun, wenn Sie denn nicht anders wollen, aber zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie langweile -- ahem -- ahem!« --

»Wollen Sie sich die Lampe nicht etwas weiter hinübernehmen?« frug Frau von Gaulitz.

»Oh ich danke, meine Gnädige -- ich kann herrlich hier sehen -- also ahem -- wenn Sie denn Nachsicht mit mir haben wollen -- ahem:«

Feodor rückte noch einige Male räuspernd auf dem Stuhl herum, hielt das Manuscript etwas gegen das Licht und begann dann mit ernster, feierlicher Stimme, die ein ernsthaft schmachtender Blick nach des Pastors Töchterchen hinüber aber Lügen strafte:

»Das Warum wird offenbar Wenn die Todten auferstehen! -- -- Wer versetzt den Mantel muß, Wenn es kalt, im Fracke gehn!«[1]

[1]: Diese und die nachstehenden Verse sind wörtlich einem kleinen Liederbuche entnommen: »Faxen aus Sachsen, zweites Heft« Englische Kunstanstalt von A. H. Payne in Leipzig.

»Hahaha.«

»Hahaha« lachten die Damen Seiffenberger und von Gaulitz und auch Poller, der in der Thüre stehn geblieben war, verzog den breiten Mund von einer Seite zur andern. Der humoristische Schriftsteller fuhr fort:

»Zwei Seelen und ein Gedanke Zwei Herzen und ein Schlag -- -- Ich glaube Ritzebüttel Ist kleiner doch als Prag.«

»Hahahaha -- sehr gut vortrefflich!«

»Wo Muth und Kraft in deutscher Seele flammen Fehlt nicht das blanke Schwert beim Becherklang -- -- Rauch nie Cigarrn zwei Stück für einen Dreier Sie machen sicher nur Gestank.«

»Sehr wahr -- sehr wahr« kicherten die Damen Seiffenberger -- Feodor lächelte und fuhr fort:

»Alles war im Anfang gut auf Erden. Alles wird durch Weisheit wieder gut -- Drum versäume ja nicht aufzukrämpeln Deinen alten abgeschabten Hut.«

Ich will die Geduld des Lesers nicht durch noch mehr von diesen Versen auf die Probe stellen. -- Die Damen, Fräulein Scheidler und Schütte ausgenommen, amüsirten sich übrigens vortrefflich und riefen, als der junge Mann das Gedicht seines _sehr_ guten Freundes beendigt, wie im Chor: --

»O, das ist sehr drollig -- das ist allerliebst!«

»So abgerissen,« lachte Fräulein Josephine -- »erst glaubt man Wunder was für ein ernster wehmüthiger Vers kommt, und dann schließt es so pikant und reizend -- ha ha ha ha!«

»Der Ernst verleiht dem Humor gerade den höchsten Reiz,« versicherte Feodor, während er das Gedicht in die Westentasche zurückschob. »So hätten Sie nur zum Beispiel sehen sollen, mit welchem unerschütterlichen Ernst das junge Mädchen heute mein -- das humoristische Lied sang -- es war zu komisch, und ich -- ha wahrhaftig -- da ist es -- nun hab' ich es doch in allen Taschen gesucht --«

Ein paar angeschlagene Accorde ließen den Sehnsuchtswalzer ahnen -- aber kurz abgebrochen wurden sie, als ob ein furchtbarer Schmerz selbst jedes Sehnen unterdrücke.

»Sie wollten uns ja ein Lied singen, mein Fräulein,« sagte aber jetzt der Oberpostdirector, der nicht mit Unrecht eine Fortsetzung solch literarischer Thätigkeit fürchtete.

»Ach ja, liebe Anna,« bat auch Sophie, zu ihr tretend, »Du kannst gewiß irgend ein kleines Lied auswendig, singe nur etwas.«

Feodor hatte die zweite Auflage seiner Humoristik schon wieder zum vollständigen Angriffe bereit, da aber die Bitte zum Singen auch von einer der Damen, noch dazu von Fräulein Scheidler unterstützt wurde, so konnte er dagegen doch nicht gut ankämpfen -- er legte das Papier vor sich nieder, und nahm sein Taschentuch heraus.

»Ich weiß nicht -- meine Stimme ist heute so belegt,« sträubte sich Anna, und Strohwisch fuhr bei den Lauten blitzesschnell herum -- _das_ war seine Hausgenossin mit ihrer gellenden Stimme -- ha, selbst bis hierher verfolgte ihn sein Geschick.

»Es wird schon gehen,« ermunterte sie aufstehend der Oberpostdirector, und schien nur eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um das Zimmer zu verlassen.

»Vielleicht könnten Sie uns irgend ein geistliches Lied singen?« schlug mit gewinnendem Lächeln der Pastor vor.

Feodor war bei der Nachfrage nach einem Liede fast unwillkührlich wieder mit der Hand an die Tasche gefahren, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch einen Schatz von solchen in ihren Falten barg, dieser letzte Vorschlag ließ ihn aber in Verzweiflung davon abstehen. Weiteres Ueberlegen half jedoch auch gar Nichts, denn Fräulein Schütte schien plötzlich zu einem Entschluß gekommen zu sein; sie rückte sich wenigstens den Stuhl zurecht -- präludirte ein wenig, und --

»Robert, Robert, mein Geliebter, Mein Herz lebt nur -- lebt allein durch Dich«

schwoll mit steigender Bewegung durch die stillen Räume des Saales.

Die _Gnadenarie_ stöhnte Strohwisch leise vor sich hin, und sank vernichtet in seinen Stuhl zurück. Und die Gnadenarie war es auch wirklich, die Anna, trotz der belegten Stimme, in schmetternden Tönen, bald einen Viertelton zu hoch, bald einen halben zu tief, aber regelmäßig aus dem Tact, und fast bei jedem Satze stecken bleibend, vortrug.

»Wenn ich nur meine Noten hätte,« entschuldigte sie sich fortwährend dabei -- Feodor aber nahm gar keine Entschuldigung an -- bleich und lautlos saß er am Tisch, und nur einmal flüsterte er leise mit unter der Decke gefalteten Händen: »Ich leide unschuldig!«

Unten im Hof aber war es indessen lebhaft geworden, und der Oberpostdirector an's Fenster getreten, wo er hinter den zur Seite geschobenen Rouleaux hervor hinabsah. Dunkle Männergestalten schritten dicht bei einander über den gelben Kies.

»Sie haben ihn,« sagte er, die Gesellschaft ganz vergessend, gegen den Pastor gewandt, wenn aber auch Sophie Scheidler den Kopf wandte, so schien doch sonst Niemand die Bemerkung gehört zu haben, der Pastor aber verließ rasch mit dem Gutsherrn das Zimmer.

»Sie haben ihn?« flüsterte Sophie, und unwillkührlich überlief ein kaltes Frösteln ihre Glieder -- »wen? -- großer Gott, wenn es möglich wäre.«

Sie glitt rasch an's Fenster, und sah hinaus -- gegenüber, wo das kleine Gebäude stand, in welchem zu Zeiten, obgleich sehr selten, Missethäter eingesperrt wurden, standen eine kleine Gruppe Menschen, ihr Vater trat mit dem Oberpostdirector eben zu ihnen; dieser gab einige Befehle.

»Das ist Tyrannei, und wird seine Strafe finden -- der Tag des Gerichts ist nahe!« donnerte eine Stimme vom Hofe aus, daß sie selbst hinter dem geschlossenen Fenster die Worte deutlich verstehen konnte. Auch die Uebrigen mußten etwas davon vernommen haben, denn die Fräulein Seiffenberger drehten sich rasch nach dem Fenster um, und Frau von Gaulitz trat zu Sophien, um hinaus zu sehen. Nur Anna Schütte ließ sich nicht stören.

»Wie? Dein Herz, wie? Dein Herz hat vergessen, Was Du heiß, was Du heiß einst mir schwurst!«

tönte ihre gellende Stimme durch das ganze Haus; selbst die Mägde, die eben mit den Aeschen, in denen sie ihre Abendsuppe geholt, aus der Küche kamen, blieben erstaunt stehen, und horchten hinauf, »wem denn da oben etwas fehle.« Feodor aber saß noch immer in dumpfes düsteres Brüten versenkt.

Gleich darauf schloß sich die Thür wieder drüben, Schlüssel klapperten, und der Oberpostdirector kam mit dem Pastor in das Haus zurück.

»Ach Gnade, Gnade für Dich selber, für Dich selber, Und Gnade -- und Gnade, Gnade für mich -- Gnade -- Gnade -- Gnade für mich!«

schloß Anna ihre schmetternde Bravourarie, und »herrlich!« »göttlich!« riefen die Fräulein Seiffenberger wie aus einem Munde.

»Wirklich schön!« sagte Herr Strohwisch, und machte einen schwachen Versuch zu applaudiren -- »sehr schön, mein Fräulein -- ich habe -- ich habe auch schon früher das -- Vergnügen gehabt, Sie singen zu hören --«

Weitere Complimente wurden unnütz, denn Melinde wie Josephine gingen auf Fräulein Schütte zu, preßten sie in die Arme, küßten sie, und nannten sie einen »süßen melodischen Engel.«

Der Oberpostdirector trat mit dem Pastor in's Zimmer, »so will ich Ihnen das andere kleine Gedicht noch vorlesen -- mit Musik macht es sich freilich besser -- alle meine Gedichte sind fast componirt -- wundervoll -- schön!«

»Um Gotteswillen, Vater, was ist da draußen eben geschehen?« frug aber Sophie, die neue Kriegserklärung gar nicht beachtend, in Todesangst ihren Vater, so wie dieser die Schwelle nur überschritten hatte.

»Nichts, mein Fräulein, beruhigen Sie sich,« nahm da Herr von Gaulitz die Antwort auf -- »Nichts, was Sie ängstigen dürfte, im Gegentheil etwas Freudiges -- wir haben den Burschen aufgespürt, der von der Residenz aus steckbrieflich verfolgt ist, und Sie selber sogar gestern im Walde angefallen hat.«

Sophie hatte eine Stuhllehne erfaßt, und es bedurfte aller ihrer Geistesgegenwart, sich in diesem Augenblick nicht zu verrathen.

»Den haben Sie erwischt?« rief da Anna Schütte fröhlich dazwischen -- »Gott sei Dank, jetzt kann man doch wieder vor die Thüre gehen, ohne fürchten zu müssen, angefallen zu werden. Was geschieht nun mit dem erschrecklichen Menschen?«

»Aber er hat uns ja gar nicht angefallen!« betheuerte Sophie, denn gewaltsam raffte sie sich zusammen, da sie recht gut fühlte, wie es jetzt an der Zeit sei, dem Unglücklichen, was er auch sonst immer verbrochen haben mochte, wenigstens von dieser Anklage zu reinigen -- »nur vom Waldrand her, wo er wahrscheinlich gesessen, trat er auf uns zu, als ihn auch schon das Blei des Jägers traf -- und er ist -- er ist verwundet.«

»Der klare Schrot wird ihm nicht viel gethan haben,« meinte der Oberpostdirector; »das bleibt sich aber auch gleich, und es soll mir seinetwegen lieb sein, wenn ihm das nicht härter in's Gewicht fällt. Ich habe bei der Sache aber weiter Nichts zu thun, als daß ich ihn in die Stadt an's Criminalgericht liefere, das mag nachher meinetwegen sehen, was es mit ihm anfängt.«

»Was hat er denn eigentlich verbrochen?« frug Strohwisch, der seufzend den Gedanken aufgab, heute noch und unter solchen Verhältnissen zum Vorlesen zu kommen -- »hat er gestohlen?«

»Das kaum,« sagte von Gaulitz, »dem Ministerium scheint nur sehr viel an seiner Gefangennehmung zu liegen, es muß wohl ein sehr gefährlicher Mensch und Demagoge sein -- nun, wild genug sieht er aus, und es ist mir lieb, daß wir ihn hinter Schloß und Riegel haben. Aber bitte, meine Damen, setzen Sie sich doch, Sie brauchen sich wirklich nicht mehr zu fürchten, -- er ist ganz unschädlich. -- Wir haben Sie gewiß in Ihrer Arie gestört, mein Fräulein.«

»Ich hatte sie gerade beendet -- aber -- bester Herr Oberpostdirector, könnte man den Menschen denn wohl einmal zu sehen bekommen? -- ich habe noch nie einen ordentlichen Räuber --« sie zögerte einen Augenblick, und der Pastor fuhr lächelnd fort --

-- »in aller Sicherheit hinter einem Gitter wie ein wildes Thier betrachten können.«

»Aber Anna!« sagte Sophie vorwurfsvoll --

»Nun liebes Kind, ich weiß wirklich nicht, ob man mit einem solchen Menschen Mitleiden zu haben braucht,« vertheidigte sich die junge Dame -- »wenn Einer einmal erst _steckbrieflich_ verfolgt ist, dann _muß_ es ein schlechter Mensch sein.«

»Bitt' um Verzeihung, mein Fräulein,« fiel hier Strohwisch ein -- »das kann in jetziger Zeit dem Besten passiren: ein _sehr_ guter Freund von mir hat einmal auf die politischen Steckbriefe ein Gedicht gemacht, das --« er fing schon wieder an, in den Taschen zu suchen -- »das -- in -- der -- That -- es wird Sie vielleicht -- vielleicht interessiren --«

Es klopfte in dem Augenblick stark an die Thür, und auf ein fast unwillkührliches lautes »Herein« des Dichters, der jedoch erschreckt danach zusammenfuhr, und »tausendmal« um Entschuldigung bat, öffnete sich die Thür, und ein junger Mensch, der Bote, den Herr von Gaulitz heute in die Stadt geschickt hatte, trat herein:

»Nehmen Se's nich vor ungut, Herr Oberpostdirecter,« sagte dieser, »daß ich so g'rad hereinfalle, aber 's war keener nich von den Bedienten da, und da dacht' ich, de Sache hätte Eile.«

»Nun, Christoph, was giebts?« frug der Gutsherr rasch -- »bringst Du Briefe?«

»Ja, zwee -- eenen an den Herrn Oberpostdirecter, un eenen an den Herrn Paster -- es sieht wild in der Stadt aus.«

»Was? -- Wie so?« sagte von Gaulitz, indem er an den Tisch trat und den Brief erbrach.

»De Minister haben se fortgejeggt,« lachte der Bursche, »reene fort -- eben wie ich zum Thore 'naus wulle, gung der Spectakel los.«

»Um Gott,« fuhr der Oberpostdirector erschreckt auf -- »das wäre bös --«

»Ja, Se kennen sich druff verlassen, -- in der Schenke han ich's en ooch schonst verzählt -- na, die fungen en scheenen Cravall an -- herr jes!«

Der Pastor hatte indessen seinen Brief ebenfalls geöffnet, von Gaulitz bat ihn aber mit leiser Stimme, ihm auf sein Zimmer zu folgen, und die beiden verließen nach nur kurzer, hastiger Entschuldigung die Gesellschaft.

Auch Christoph wollte sich mit vielen Bücklingen entfernen, um seine Neuigkeit wahrscheinlich im Dorfe weiter zu tragen, der kam aber schön an. Die drei Damen Seiffenberger und Schütte nahmen ihn in die Mitte, Strohwisch besetzte die Thür, und er mußte nun erzählen, bis er, wie eine total ausgepreßte Citrone, der auch der letzte Tropfen Saft genommen, trotz den gewaltigsten Anstrengungen nichts weiter mehr herausgeben konnte. Erst dann überließen sie ihn, matt und erschöpft seinem Schicksal.

»Herr Pastor,« sagte der Oberpostdirector indessen, als der Bediente das Licht auf den Tisch gestellt, und das Zimmer verlassen hatte -- »die Sache in der Residenz scheint allerdings schlimm zu stehen, und die Revolution auch in unser kleines Ländchen ihre Bahn gefunden zu haben; nur von dem Sturz des Ministeriums las ich hier noch kein Wort -- ich hoffe, der Bursche hat in all seiner Aufregung die Sache am Ende gar schlimmer angesehen, als sie wirklich war.«

»Auch in meinem Briefe steht keine Sylbe davon,« versicherte der Geistliche, -- »für mich aber ist hier eine sehr fatale Nachricht enthalten. Denken Sie nur, unser Gefangener ist der Sohn unseres Generalsuperintendenten Wahlert, der sich freilich, wie mir der Hofprediger Bellmann hier schreibt, nach dessen letzten politischen Umtrieben von ihm losgesagt, und ihm förmlich das Haus verboten hat -- aber, Du lieber Gott, Elternliebe läßt sich nicht so ohne Weiteres und mit solchem jungen Menschen zu gleicher Zeit vor die Thüre setzen; die bleibt zu Haus, und nagt und mahnt, und holt ihn am Ende doch wieder herein. Der Generalsuperintendent ist, besonders bei Hofe, außerordentlich einflußreich, und ich weiß in der That nicht, ob er es uns später danken würde, dazu beigetragen zu haben, sein einziges Kind aufzufangen.«

»Aber _freigeben_ kann ich ihn doch wahrhaftig auch nicht wieder,« sagte von Gaulitz nach kurzem Ueberlegen, während er mit schnellen Schritten und verschränkten Armen im Zimmer auf- und abgegangen war; »erstlich ist mir das Sprengen des Ministeriums vollkommen unglaublich; wer weiß, was der holzköpfige Bursche in der Stadt gehört und sich dabei in seinem eigenen vernagelten Gehirn zusammengestellt hat -- und dann -- wirklich den Fall gesetzt, es wäre dem so, wer bürgt mir nachher dafür, daß die heute Gestürzten nicht morgen schon wieder die Zügel, und dann sicherlich noch viel gewaltiger als vorher in Händen haben? -- Ich kann, man mag mir nun sagen was man will, noch immer an keine wirkliche, ordentliche Revolution glauben; der Geist des Militairs ist noch der alte, und läßt man den Regierungen nur Zeit, daß sie sich ein wenig von ihrem ersten Schreck erholen können, so werden sie sicherlich das verlorene, oder hier und da fast muthwillig selber aufgegebene Terrain bald wieder gewinnen. Deßhalb muß ich mir also den Rücken in jedem Fall frei halten, und jetzt vor allen Dingen suchen, authentisch-officielle Berichte über den wahren Stand der Dinge in der Residenz zu erhalten. Daß den Ministern, wären sie wirklich gestürzt, Nichts daran liegen würde, einen unruhigen Kopf mehr oder weniger unter Riegel zu wissen, versteht sich wohl von selbst, sind sie aber _nicht_ gestürzt, und war das ein bloßes, vielleicht absichtlich ausgesprengtes Gerücht, -- denn die freie Presse leiht ja jetzt zu jeder Schändlichkeit bereitwillig die Hände -- und hätt' ich mich dann verleiten lassen, den Gefangenen wieder _frei zu geben_ -- so könnt' ich in schöne Verlegenheit hineingerathen.«

»Frei _geben_ dürften Sie ihn auf keinen Fall«, meinte der geistliche Herr, der eine ganze Weile sinnend am Fenster gestanden und in die dunkle Nacht hinausgeschaut hatte, sich jetzt aber plötzlich wieder gegen den Gutsherrn wandte -- »wer würde Sie dagegen tadeln können, wenn der Gefangene, durch die Hülfe irgend eines Anderen, vielleicht guten Freundes, von hier _entwischte_.«

Von Gaulitz blieb vor dem Pastor stehen und sah ihn ein paar Minuten forschend und scharf in die kleinen schwarzfunkelnden Augen, schüttelte aber nach kurzem Ueberlegen mürrisch den Kopf, setzte seinen unterbrochenen Spaziergang wieder fort Und sagte:

»Nein -- nein -- das geht nicht -- das geht wenigstens _jetzt_ noch nicht -- erst muß ich die gewisse Bestätigung dieser Nachricht bekommen, und mit _der_ -- werde ich wohl auch Instructionen über mein künftiges Benehmen erhalten. Das alte Staatennetz ist viel zu vortrefflich und dauerhaft gewebt, als daß es so mit einem Male, und schon bei dem ersten gewaltsamen Ruck aus allen Fugen reißen sollte -- eine Masche kann wohl manchmal nachgeben -- doch das läßt sich restauriren -- und die ausgebesserten Stellen halten nachher gerade am Besten. Ich will ohne Zögern einen zuverlässigen Boten in die Stadt zurückschicken; der kann dann recht gut vor morgen früh wieder hier sein, und nachher weiß ich, wie ich zu handeln, was ich zu thun habe, und woran ich bin.«

»Aber der General-Superintendent.«

»Es ist eine böse Geschichte -- aber ich kann's nicht ändern -- daß mir auch das alberne Volk den Menschen gerade heute Abend einbringt -- das verdank' ich Niemandem, als diesem Ohrwurm, dem Poller -- so lange hat der Schuft gebohrt und spionirt und wieder gebohrt, bis ich mich verlocken ließ. Ich weiß nicht, was ich jetzt darum gäbe, mit der ganzen Sache gar Nichts zu thun gehabt zu haben. Doch zum Spioniren ist er gut, und darum soll er mir auch ohne weiteres Zögern in die Stadt hinein.«

Der Oberpostdirector schritt rasch der Thüre zu, als ein wunderlich murmelndes Geräusch sein Ohr traf, und ihn fest an die Stelle bannte -- auch der Pastor hob erschreckt den Kopf, trat zum Fenster und öffnete schnell den Flügel.

Draußen wogte und tobte eine wilde, stürmende Menschenschaar in das noch offen stehende Thor des Rittergutes herein, junge Bauerburschen und Handarbeiter aus dem Dorfe, und an der Spitze des Zuges wer anders als Doctor Levi, das gesinnungstüchtige Nordlicht der Freiheit mit bis obenhin zugeknöpftem Rocke und fest und entschlossen in die Stirn gedrücktem Hut.

»Hurrah -- Freiheit -- Freiheit oder'n Dot -- 'raus mit'n Gefangenen -- Postdirecter 'raus -- Hurrah -- Republik soll leben -- hoch!!! -- Hurrah -- Postdirecter abdanken -- freien Schnaps -- hurrah -- alle eine Metze Erdbirn' und zwee Pfund Fleesch -- hurrah den Gefangenen 'raus!« Das waren die wildverworrenen Schreie und Ausrufungen, die von dem Menschenhaufen zu den am Fenster Stehenden heraufdrangen. In demselben Augenblicke glitt aber auch schon die bleiche, zum Tode entsetzte Gestalt des jungen Poller in's Zimmer und rief, fast athemlos vor innerer Angst und Aufregung:

»Sie kommen, Herr Oberpostdirector, sie kommen -- sie wollen ihn wiederholen -- das ganze Dorf ist unten, und sie haben geschworen, sie wollen das Schloß in Brand stecken, wenn sie'n nicht gleich mitkriegen.«

»Unsinn!« sagte Herr von Gaulitz, dem es, was auch seine sonstigen Eigenschaften sein mochten, keineswegs an persönlichem Muth gebrach -- »Du bist eine Memme, daß Du gleich beim ersten Lärmschuß das Hasenpanier ergreifst -- wer ist unten?«

»Das ganze Dorf!« rief der Erschrockene.

»Sind auch die Eisenbahnarbeiter vom Sellsberge dabei?«

»Es kriwwelt und wimmelt von lauter Gesindel.«

»Das ist ja gar nicht möglich,« sagte der Pastor, »Christoph hat die Nachricht vor kaum einer Stunde mitgebracht und auf die hin ist sicherlich erst die ganze Aufregung entstanden.«

»Herr Oberpostdirector!« rief in diesem Augenblicke der alte Poller, der ohne Weiteres das Zimmer aufriß und herein prallte -- »Sie wollen mit dem Herrn Oberpostdirector sprechen -- die ganze Gemeinde ist da.«

»Ist denn das ganze Haus verrückt geworden?« sagte der Herr von Gaulitz, dem Alten rasch und zornig entgegen gehend -- »was ist das für eine Manier, zu mir in's Zimmer zu kommen -- weiß er nicht besser, was sich schickt?«

»Bitt' um Verzeihung, Ew. Gnaden -- aber -- das Volk -- der Schrecken -- Besorgniß um Ew. --« stotterte der Alte.

»Wer ist noch draußen auf dem Vorsaale?« unterbrach ihn der Gutsherr rasch und heftig.

»Fritz -- der Jäger,« lautete die Antwort.

»Er soll hereinkommen -- schnell!«

Wenige Secunden später stand Fritz auf der Schwelle und sein monotones

»Zu Befehl Ew. Gnaden« -- machte den jetzt wieder hastig im Zimmer auf- und abgehenden erst auf den Gerufenen aufmerksam. Er wandte sich nach ihm um und frug:

»Wie steht's draußen, Fritz? -- Was sind das für Schaaren, die da lärmend und schreiend auf mein Gut ziehen -- was wollen sie?«

»Sie scheinen's selber nicht so recht zu wissen,« lachte der junge Jäger -- »der Doctor führt sie an und eigentlich wollen sie, glaube ich, den Gefangenen befreien, die wirklichen Bauern aus dem Dorfe sind's aber nicht -- eine Parthie junge Bursche meistens und Neugierige, sie wählen unten gerade eine Deputation, um sie herauf zu schicken.«

»Ah gut -- laß sie kommen,« sagte der Herr von Gaulitz rasch -- »geh' hinunter Fritz, und führe sie herauf zu mir -- Du bist doch wenigstens noch vernünftig, und weißt was Du sprichst, das Volk hier scheint aber das Bißchen Verstand vollendes verloren zu haben -- hinaus mit Euch -- halt da, Du, Karl -- Du wartest draußen, ich habe noch einen Auftrag für Dich.«

Die beiden Poller glitten, zwischen Furcht vor ihrem Herrn und den aufgebrachten Volkshaufen draußen schwankend (denn die Bewohner von Horneck haßten sie, wie sie recht gut wußten, gründlich) aus dem Zimmer. Fritz aber führte gleich darauf den Doctor Levi mit zwei anderen »Vertrauensmännern«, dem Schneider aus dem Dorfe und dem Böttcher, in's Zimmer, und Levi hielt denn auch, mit seiner ganzen liebenswürdigen Bescheidenheit und ohne weitere Vorrede eine Ansprache an den Rittergutsbesitzer, in der er diesen darauf aufmerksam machte, wie die Tyrannei gestürzt und ihre Helfershelfer der Spreu gleich in alle Winde »zerstiebt« wären, wie das souveraine Volk jetzt eine Weile selber regieren wolle und ihn, den Reactionair auffordere, den Vorkämpfer der Freiheit, den schändlich und heimtückisch gefangenen Wahlert, augenblicklich wieder in Freiheit zu setzen. Sie -- die Deputation -- wären einstimmig vom Volke erwählt, das unten auf Antwort harre, und den »Bayonetten« zum Trotz seine Foderung mit seinem Heldenblute unterstützen wolle -- er rechne auf unbedingte Unterwerfung.

Der Pastor stand in der einen Fenstervertiefung und rieb sich schmunzelnd die Hände -- der Sohn des General-Superintendenten wurde frei und er selber damit jeder Verantwortlichkeit enthoben.