Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.

Part 2

Chapter 23,725 wordsPublic domain

»Herr Gott, was müssen wir doch für Riesen sein, Marie;« lachte der Alte, und wandte sich nach seiner Tochter um; die aber antwortete Nichts, nahm ihm nur das vom Schulmeister erhaltene Frühstück -- ein Stück trockenes Brod -- aus der Hand, brach sich einen kleinen Theil davon ab, und verzehrte es schweigend. -- Ihr Blick heftete in dem Thale unten an irgend einem Gegenstand -- sie sprach kein Wort und verzog keine Miene.

»Eure Tochter ist wohl stumm?« frug mit mitleidigem Blicke der Schulmeister.

»Stumm? nein,« lautete die Antwort, »nur maulfaul -- sie denkt wahrscheinlich viel, aber sie hat die Gabe nicht, es von sich zu geben. Schade drum, die Welt wird viel verlieren.«

Ein vorwurfsvoller Blick des Mädchens fiel auf den Vater, als er die Worte sprach, doch es war nur ein Blick, und es wandte rasch wieder den Kopf. Dem Schulmeister fing es aber an unheimlich bei den Beiden zu werden. Das Mädchen hatte augenscheinlich schon bessere Tage gesehn; ihr Anstand war edel und selbst die Züge verriethen einen Grad von Ueberlegenheit, der um so auffallender gegen das gleichgültige Wesen ihres Begleiters abstach. Auch ihr Anzug gab Zeugniß einer besseren Zeit und ganz verschiedener Verhältnisse, wenn nicht die Ueberreste der Kleider von mitleidiger Hand kamen, und jetzt nur, wie zu Spott und Hohn die hageren Glieder mehr verhüllten als bedeckten.

Marie, wie sie der Alte nannte, trug ein zerrissenes, beschmutztes Kleid von schwerer schwarzer Seide, das an mehreren Stellen durch Stücken bunten gewöhnlichen Kattuns, ja über dem linken Aermel sogar mit Bindfaden zusammengehalten wurde. Die bloßen Füße staken in zerrissenen, aber feinen, mit Pelz noch hie und da verbrämten Lederschuhen, und den Kopf bedeckte ein sonngebleichter blauer Atlashut, von dem jedoch jeder Zierrath, der ihn sonst vielleicht bedeckte, heruntergeschnitten war, während darunter einzelne unordentliche Locken des üppigen Haares hervorquollen. Die Arme trug sie bloß, und einen in früherer Zeit vielleicht schön gewesenen Shawl, der aber jetzt durch Straßenschmutz und Regen höchst unansehnlich geworden, hatte sie, als sie mit ihrem Vater an dem jetzigen Ruheplatze angekommen, fest um sich hergeschlagen, jetzt aber, durch was nun auch ihre Aufmerksamkeit abgelenkt sein mochte, nachlässig niederfallen lassen, daß der bleiche Nacken, unter dessen durchsichtiger Haut die blauen Adern schimmerten, und die eine Schulter hervorschaute.

»Nun, kannst du den Mund nicht aufmachen, Mamsell?« fuhr sie nach kurzer Pause der Alte noch einmal an, »oder ist die _Madame_ vielleicht heute Morgen nicht zu sprechen, und läßt sich absagen?«

Das Mädchen erwiederte keine Silbe, schien auch den Hohn, der in den Worten lag, gar nicht zu beachten oder zu bemerken, und deutete jetzt nur schweigend, mit der rechten, abgemagerten Hand nach dem Thale hinunter, wo sich eine Gruppe bewegte, die auch die Aufmerksamkeit der Männer, sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, im höchsten Grade fesselte, und jedes weitere Gespräch für den Augenblick abschnitt.

Das Thal, durch welches sich ein schmaler Fußpfad links hinüberwand, und der, nach dieser Richtung hin etwa eine halbe Stunde entfernten, zur Residenz führenden breiten Chaussee zulief, war ziemlich offen und nur größtentheils von nackten Feldern und Wiesenstrichen durchkreuzt; erst gegen den Fuß der Anhöhe hin bildeten sich kleine, der Höhe zustrebende Schluchten, die mit niederem aber dichtem Gebüsch bewachsen, schon gewissermaßen die Vorpostenkette der stattlicheren Waldmassen bildeten, welche nachher von der Kuppe des Berges aus weit hin gen Norden und Osten zogen.

Zwischen diesen Schluchten lagen immer wieder freie Feldstrecken, und gegen den Kamm des Hügels hin, wo wir gerade den Schulmeister mit den beiden Fremden verlassen haben, verschwanden auch die Büsche, so daß hier eine einzige ununterbrochene Fläche diese von dem Walde selber vollkommen abschnitt. Nur ein kleines Weidendickicht lag gerade mitten auf der Kuppe, und dahinter hin dehnte sich, durch mehrere hier kräftig vorsprudelnde Quellen erzeugt, ein schmaler Streifen sumpfigen Moorgrundes aus.

Ueber das offene Feld aber, das noch unterhalb der Schluchten, und von dem Fußpfad durchzogen lag, lief, als die Dreie eben dort hinüberschauten, ein Mann, und schien mit aller nur möglichen Kraftanstrengung den nächsten Büschen zuzustreben. Hinter ihm aber, in kaum zweihundert Schritten Entfernung, sprengte ein Reiter, und trieb mit Peitsche und Sporn sein Pferd zu wildester Eile an, um den Flüchtigen einzuholen, oder ihn doch wenigstens von dem schützenden Dickicht abzuschneiden, wo Verfolgung im Sattel unmöglich gewesen wäre, und ihn aufzuhalten, bis ein anderer Hülfstrupp, der aus vier Fußgängern bestand, und ebenfalls so rasch als möglich, aber schon anscheinend erschöpft, herbeistürmte, die Anstrengungen des Berittenen zu unterstützen vermochte.

Der Flüchtling zeigte übrigens, wenn er Grund und Boden, auf dem er sich befand, nicht schon von früher kannte, einen so richtigen Blick in der Richtung, die er einschlug, und der Bahn, der er folgte, daß er nicht allein die für den Reiter schwierigsten Stellen rasch nach einander benutzte, sondern auch den alten Musikus durch seine Kraft und Gewandtheit zu lauter Bewunderung hinriß.

»Bei Gott!« rief dieser, »das ist nicht das erste Mal, wo der einem Gensdarmen aus dem Wege geht -- hurrah mein Junge -- nur noch ein paar Minuten ausgehalten, und der Schnurrbart mag nachher sehn, wo er zuerst in den Büschen hängen bleibt -- hurrah mein Herzchen -- das ist recht -- ha ha ha -- wie der die kleine Hecke und den Dornenbusch benutzt -- jetzt links mein Schatz -- noch mehr links, nachher kommen die Steine, und in denen bricht er Hals und Bein, wenn er sich hineinwagt -- so brav -- so brav, hol' mich der Teufel, das war ein kapitaler Sprung -- jetzt hinein in's Dickicht -- ha ha ha ha das thuts, das war famos ausgeführt:

»Heißa juchheißa, die Hetze ist aus, Guten Morgen Herr Förster, itzt gehn mer zu Haus; Itzt gehn mer zu Haus und itzt gehn mer zu Bett, Und wer z'erst in den Federn liegt, g'winnet die Wett'!«

Der Alte schwang sein eingewickeltes Instrument jubelnd um den Kopf und sprang dann auf den Stein, um den weiteren Verfolg der Sache besser übersehn zu können.

Der Gehetzte hatte auch wirklich, wie es ihm der Alte in eigenthümlicher Theilnahme, obgleich weit außer Rufsweite, mit lauter ängstlicher Stimme angerathen, eine kleine Spitze dürren Haidelandes, auf dem scharfe Felsblöcke wild zerstreut umherlagen, gewonnen, und endlich, indem er diese zwischen sich und dem Reiter ließ, die Schlucht gerade in demselben Moment erreicht, als der Gensdarm eine Pistole aus der Holfter zog und nach ihm feuern wollte. Gählings aber in das tiefe Geröll hinabspringend tauchte er in dem maigrünen Laube unter, und verschwand den Blicken der auf dem Hügel Stehenden, wie auch wahrscheinlich denen des Gensdarmen, denn dieser wandte sich jetzt nach einigen vergeblichen Versuchen, mit dem Pferde in das Dickicht zu dringen, gegen seine herankeuchenden Genossen, winkte ihnen, den bewachsenen Platz zu umzingeln und sprengte dann selbst, um den Rand des Busches hin, der Höhe zu.

Die Dreie am Stein aber, standen wieder schweigend und in gespannter Erwartung da, und erharreten ängstlich das Resultat dieser merkwürdigen Jagd; ja selbst der Schulmeister, obschon sonst ein abgesagter Feind jeder Ungesetzlichkeit, ertappte sich zu seiner eigenen Ueberraschung auf dem Wunsch, _den_ Menschen, der doch sicherlich irgend ein Verbrechen begangen hatte und Strafe verdiente, entwischen zu sehn -- es ist das jenes eigene Gefühl, das unsere Theilnahme stets dem schwachen, anscheinend unterdrückten Theile zuwendet, und der Vernunft nicht Raum gewährt, kalt vorher zu entscheiden, auf welcher Seite das Recht, auf welcher das Unrecht sei.

Die Jagd nahte sich aber auch jetzt ihrer Entscheidung; denn hielt sich der Verfolgte, wie das auch das wahrscheinlichste war, da er jedenfalls einer kurzen Rast bedurfte, in dem Gebüsch, so konnte der Berittene leicht den oberen Theil der Schlucht besetzt halten, und ihm dadurch die Flucht zu dem dichten Wald vollkommen abschneiden; die anderen Verfolger aber hätten zu dreien das noch lichte und durchsichtige Gebüsch mit leichter Mühe abgetrieben, so daß er entweder diesen, die leichte Jagdflinten auf den Schultern trugen, in die Hände gefallen, oder von dem Gensdarmen, hätte er den Ausbruch erzwingen wollen, auf dem nun ebenen Boden eingeholt wäre, und was konnte der arme Teufel dann gegen den vollkommen Bewaffneten ausrichten?

»Wenn er nur nicht in dem verdammten Loch da unten stecken bleibt!« rief der Musikus, und hob sich hoch auf die Fußzehen, um den ganzen Umfang der buschbewachsenen Schlucht so weit als möglich zu übersehn -- »Wetter noch einmal! wenn er den Wald erreichte, ehe der Himmelhund von Gensdarmen nachkommt, ich gäb' meiner Seel' --«

Er schwieg plötzlich, denn entweder fiel ihm ein, daß er gar nichts zu geben hatte, oder er war sich auch vielleicht nicht so ganz klar darüber, ob er in der That der Sicherheit eines Anderen, Fremden wegen, irgend etwas geben sollte -- wenn er es hätte.

»Vater«, sagte da das Mädchen -- »wenn er wirklich bis hier oben her kommt, so fürchtet er sich vielleicht, so lange wir hier stehen, herauszubrechen, weil er nicht wissen kann, ob wir Freunde oder Feinde sind. Sind wir hier nicht gerade zwischen ihm und dem Wald? -- wir wollen auf die Seite treten!«

»O, geh' zum Teufel!« brummte der Alte, »da drüben kann man Nichts sehen, und glaubst Du etwa, der würde sich vor uns geniren, wenn er dort hinten in's Dickicht wollte? -- Bist Du dumm, das ist ein alter Fuchs, und spürt mit einem Blick, ob wir Ehrenmänner oder Polizeigeschmeiß sind. -- Bei Gott, da kommt der vermaledeite Hegereiter um die Spitze herum, wenn er doch den Hals bräche, der Lump!«

»Aber lieber Freund,« fiel ihm hier der Schulmeister, dem das doch zu arg werden mochte, in's Wort, »der Mann ist nur ein Vollzieher des Gesetzes, und was sollte _ohne_ Gesetze aus uns werden? Wer weiß, was der Mensch, den sie da einfangen wollen, verbrochen hat; es sind jetzt schlimme Zeiten, und vieles böse Volk treibt sich im Lande herum.«

Der Musikant warf ihm einen halb verächtlichen, halb ärgerlichen Blick zu.

»Verbrochen?« brummte er -- »ja, ein großes Verbrechen wird der begangen haben -- vielleicht hat er im Wald ein trockenes Stück Holz abgebrochen, um daheim die Kinder nicht erfrieren zu lassen, oder gar einen hochfürstlichen Hasen erschossen, dem der liebe Gott das erlaubt hatte, was ihm versagt war, in Feld und Wald sein tägliches Brod zu suchen. Schreckliche Verbrechen das, aber -- he he he he he -- seht den Hegereiter:

»Holter polter alle zwei, Wir fielen den Berg hinunter, Das Rößlein streckt die Bein empor, Der Reiter der liegt drunter, Das Rößlein streckt sich einmal aus, Und wie sie den Reiter suchen, Da liegt er unter Rößleins Bauch So flach als wie ein Kuchen.«

Sein jubelndes Lied war nicht ohne Grund; das Pferd des Gendarmen mußte mit dem einen Vorderbeine in eins der vielen Löcher, die hier den rauhen Boden überall zerrissen, getreten haben und dadurch plötzlich einknickend, schleuderte es den Reiter weit über sich weg zur Erde. Dieser aber, wenn er auch in die scharfen Steine hinein keineswegs sanft gebettet fiel und an Stirn und Händen blutete, raffte sich doch rasch empor, hob seine Mütze auf, sprang in den Sattel des zitternden schweißtriefenden Thieres und strebte schon nach wenigen Secunden mit fest zusammengebissenen Zähnen und zornfunkelnden Augen seinem Ziele wieder zu. So gering aber auch der Aufenthalt gewesen sein mochte, der durch den Sturz herbei geführt worden, so hatte er doch genügt, dem Verfolgten einen kleinen Vorsprung und so viel Zeit zu geben, das obere Dickicht, das er indessen erreicht, ohne Säumen zu verlassen, um vor allen Dingen den wirklichen Wald zu gewinnen, wo er dann, erst einmal dort, nicht zu fürchten brauchte, so rasch entdeckt zu werden.

Wie der Musikant vermuthet, kümmerte sich jener auch wenig um die drei Menschen, die er bald als harmlos erkannt hatte, ja er floh sogar stracks auf sie zu, da gerade hinter ihnen die ihm nächste Waldecke lag. Seine Lage wurde aber eine sehr mißliche, denn das Pferd war nur noch eine kurze Strecke von dem Kamm des Hügels, der Wald aber wenigstens vierhundert Schritte entfernt, und konnte der Reiter erst den obenliegenden verhältnißmäßig ebenen Grund benutzen, wo er den Verfolgten augenblicklich entdecken mußte, so war nur geringe Hoffnung, daß dieser mit seinen fast erschöpften Kräften aushalten würde gegen das kräftige Thier, das seinen Verfolger trug.

Jetzt flog dieses, mit kühnem Sprung, und von dem Sporn des Reiters gestachelt, auf den letzten, wohl zwei Fuß hohen Rain hinauf, der schräg am Rande des Hügels hinlief und kaum erblickte hier der, durch den Sturz nur noch mehr erbitterte und angereizte Mann den Flüchtigen, der mit raschen Sätzen über das holprige Feld dahin sprang, als er seinem Gaul fast die Schenkel in die Flanken drückte und zugleich, mit lautem Triumphruf den Arm emporwarf; denn auf der offenen Fläche sah er den Flüchtigen schon rettungslos in seine Hand gegeben.

Der also Gehetzte befand sich jetzt kaum funfzig Schritte von da, wo der Schulmeister mit dem Musikanten und seinem Kinde stand, ein niederer, flacher Graben aber, der auf der einen Seite mit Schlehen bewachsen war, und den er hier annahm, um die Sturzäcker zu vermeiden, die seine Flucht aufhalten mußten, entzog ihn auf etwa hundert Schritte ihren Blicken. Als er wieder daraus emportauchte und jetzt von ihnen fortfloh, führte ihn seine Richtung gerade auf den kleinen Weidenbusch zu, der, wie schon erwähnt, inmitten dies offenen Feldes stand, der Schulmeister aber, der, die Hände gefaltet und mit ängstlich klopfendem Herzen diesem eigenthümlichen Schauspiele zugeschaut, sagte halblaut und fast unwillkürlich:

»Großer Gott! in den Weiden ist er verloren -- dort sinkt er ein.«

»Vermeidet den Busch!« rief da rasch entschlossen das Weib, und der Flüchtige, der die Worte nicht zu verstehen schien, wandte den Kopf nach ihr um -- »in den Weiden ist Sumpf!« wiederholte eben mit noch lauterer Stimme die Frau, und das letzte Wort wenigstens mußte jener begriffen haben, denn ohne Weiteres rechts abbiegend, blieb er auf dem Raine, der die nächste Feldgrenze bildete. Dadurch aber beschrieb er einen kleinen Bogen um den moorigen Busch, und so nah kam ihm dadurch der Verfolger, daß dieser, in voller Hast und der freudigen Gewißheit, den Flüchtigen endlich erreicht zu haben, die eine Pistole wieder aus der Holfter riß, und, mit den Verhältnissen des Bodens hier unbekannt, gerade auf den Busch zu sprengte, über dessen niedere Sträucher hin, und anscheinend dicht vor sich er den nun wieder gerade dem Walde zu Fliehenden sehen konnte.

»Dort ist ein Sumpf!« wollte auch jetzt, fast unwillkürlich, der Schulmeister rufen, die breite Hand des Musikanten lag ihm jedoch bei der ersten Sylbe auf den Lippen, und gleich darauf betrat das Roß den gefährlichen Boden.

Die dem Flüchtenden gegebene Warnung schien aber keineswegs unnütz gewesen; schon bei den ersten Sätzen sprang das Pferd bis über die Fesseln in den weichen Moor; der Gensdarm übrigens, anstatt es rasch herumzuwerfen, glaubte durch Schnelle des Bodens Schwierigkeiten am Besten besiegen zu können, preßte noch einmal mit den Sporen nach, und fand sich wenige Secunden später bis an den Sattelgurt in einem schlammigen Graben, aus dem sich sein erschöpftes Thier nur nach langer mühseliger Anstrengung wieder heraus und auf festen Grund arbeiten konnte.

Der Verfolgte warf, als er das plätschernde Geräusch so dicht hinter sich hörte, einen scheuen Blick zurück, setzte aber seine Flucht ununterbrochen fort. Wohl sprengte der Reiter, als er sein Thier wieder befreit sah, ihm noch einmal nach, und wäre der Wald nur hundert Schritte weiter entfernt gewesen, so müßte er den zum Tode Ermatteten dennoch eingeholt haben, so aber erreichte dieser das schützende Dickicht und verschwand gerade, als der Gensdarme in vollem Ingrimm seinem Pferde in die Zügel griff und beide Pistolen hinter ihm her feuerte, zwischen dem dichten Nadelholzanwuchs, dem sich gleich dahinter ein noch weit undurchdringlicher Eichenschlag anschmiegte.

»Ha ha!« lachte und jubelte aber jetzt der Musikant.

Wirst mer's net so ibel nehme, Wenn i net zerückkomm heut', Denn i bin in schenster Arbeit Und da han i, Schatz, kei Zeit.

»Ha ha ha! Se. Excellenz der Herr Gensdarme haben sich umsonst bemüht; kleine Bewegung schadet dem Pferdchen gar Nichts -- wird doch blos gefüttert, um einen Faullenzer zu tragen, daß er keine Hühneraugen kriegt.«

»Ihr werdet uns den Gensdarmen auf den Hals ziehen,« sagte der Schulmeister und schaute sich etwas ängstlich nach dem Reiter um, der auch wirklich jetzt, während er zugleich frische Patronen in seine Pistolen hinunterschob, auf die kleine Gruppe zu trabte.

»Hallo da!« rief er, sobald er sich den Dreien gegenüber sah, und sein in Schweiß gebadetes keuchendes Thier einzügelte, »wer von Euch hat dem entwischten Schuft da etwas zugerufen? -- nun? -- könnt Ihr die Zähne nicht auseinander bringen? oder soll ich Euch erst gesprächig machen?«

»_Ich_ war's!« sagte das Mädchen, und schaute dabei dem zornigen Soldaten fest und unerschrocken in das finster auf sie niederblickende Auge.

»Und was hast _Du_ mit einem entflohenen Sträfling zu verkehren, Mamsell?« fuhr sie der ingrimmig an -- »willst Du gestehen, Du -- Ding Du? oder --«

»Bitt' um Verzeihung, Euer Gestrengen,« schnitt hier der alte Musikant rasch, aber mit einem eigenthümlichen Gemisch von Trotz, Unverschämtheit und Scheu der Tochter die Antwort ab -- »Sie wissen wohl, die Weiber sind neugierig und wollen immer gern mehr wissen, als sie vertragen und behalten können, und da frug mein dummes Ding von Mädchen da den jungen Menschen, der in solcher Eile war, was er denn so liefe, und weshalb die anderen Herren hinter ihm drein rennten.«

»Du Lügenhund verdammter! hab' ich Dich schon gefragt?« schnauzte der Gensdarme den Alten an -- »wer bist Du überhaupt, und wo kommst Du her? wo ist Dein Paß?«

»Hm« brummte der Musikant und fuhr sich langsam mit der rechten Hand in die Brusttasche, »Lügenhund werd' ich eigentlich gewöhnlich nicht gerufen -- aber was thuts -- hier Herr Lieutenant -- bitt' um Verzeihung, wenn die Anrede nicht klappt -- am Verdienst wird's nicht fehlen -- hier ist der Paß -- wird wohl Alles in Richtigkeit sein.«

Der Gensdarme riß das zerknitterte, beschmutzte und vielmal zusammengefaltete Papier, das ihm der Alte reichte, an sich, öffnete und durchflog es mürrisch, denn nicht freundlicher schien ihm das gerade zu stimmen, daß er keinen Halt an dem Musikanten fand, um seinem _Zorne_ Luft zu machen.

»Jacob Meier,« las er halb laut, und verglich dabei mit rasch und mißtrauisch hinüberschweifenden Blicken die Figur mit dem in dem Paß befindlichen Signalement -- »Alter 53 Jahr -- Haare grau gesprenkelt -- Nase kurz -- Backenknochen vorstehend -- Pockennarben -- mit Tochter -- Marie Meier -- Haare schwarz -- Augen dunkel -- Zähne vollständig -- Gesichtsfarbe gesund -- nun, das ist _die_ doch nicht?« und er deutete dabei auf das Mädchen, in deren Wangen bei den rohen Worten ein leichter Hauch stieg und auf wenige Secunden zwei rothe eckige Flecken zurückließ, dann aber eben so rasch wieder verschwand, wie er gekommen.

»Das Kind sieht jetzt krank und angegriffen aus,« sagte hier der Schulmeister, dem es doch weh that, daß die armen und überdies schon so unglücklichen Leute so barsch und rauh angefahren wurden -- »es wird ihr nicht wohl sein.«

»Wer ist _Er_, und was hat er hier d'rein zu reden?« fuhr der gewaltige Mann des Gesetzes grob genug den erschreckt Zusammenfahrenden an.

»Ich bin der Schulmeister aus Horneck,« sagte dieser fast unwillkürlich, aber selbst der schüchterne Greis fühlte sich entrüstet über das Entehrende solcher Behandlung, und mit etwas schärferer Betonung setzte er gleich darauf hinzu: »auch steh' ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden und habe keinen Menschen beleidigt, daß ich verdiente, so angefahren zu werden.«

»Dann kümmern Sie sich auch um ihre Schule und stecken Sie die Nase lieber in ihre Bücher und nicht in anderer Leute Geschäfte,« entgegnete ihm, wohl nicht mehr so herrisch, aber doch noch immer ärgerlich und trotzig genug der Gensdarme, und wandte sich wieder von ihm ab. Den Paß dann dem alten Musikanten vor die Füße werfend, und, die Dreie weiter keines Blickes oder Wortes würdigend, sprengte er rasch seitwärts den Hügel hinab und der Stelle zu, wo jetzt seine den Berg heraufklimmenden und nicht berittenen Begleiter sichtbar wurden.

»Ist das ein rauher grober Mensch,« sagte Kleinholz und sah kopfschüttelnd dem Davongallopirenden nach, »und doch eigentlich weiter Nichts als ein berittener Polizeidiener, und das muß man sich gefallen lassen.«

»Wird schon zahm werden, Alterchen,« lachte der Musikant, »wird schon zahm werden, und lange kann's nicht mehr dauern; in Wien und Berlin sind sie mit Kolben gelaufen, und wenn wir hier ihnen noch nicht den Daumen auf's Auge gesetzt, so -- aber komm Marie, 'swird spät und ich muß noch gehörig herumlaufen, daß ich auch morgen die Erlaubniß auftreibe -- guten Tag Schulmeister, guten Tag, schönen Dank für den Imbiß und bessere Zeiten für den Morgen -- Morgen? 'sist ein komischer Trost;

Und wenn wir am Morgen zusammenkommen, Und denken zurück an das Heute, Dann finden wir, daß wir zum Nutzen und Frommen Der alten und jüngeren Leute Gehofft und geharret, gewünscht und geträumt Von nächst zu erhaschendem Glücke; Und was ist uns worden -- wir waren geleimt -- Der Bettler behielt seine Krücke. Der Morgen bleibt morgen, wir aber wir harren Und hoffen und träumen -- wie Allerweltsnarren.«

Und mit dem Liede noch auf den Lippen wandte er sich, von seiner Tochter gefolgt, dem Dorfe zu, und verschwand bald darauf hinter den Hecken und Obstgärten, die dasselbe rings umschlossen.

Drittes Kapitel.

Der Diaconus und der Hülfslehrer.

Es war gegen Mittag desselben Sonnabends, mit dem ich diese Erzählung begonnen, als Pastor Scheidler in seiner Studierstube saß und sich gar eifrig für die morgende Predigt vorbereitete. Um ihn her lagen eine Masse Bücher, Hefte und Zettel, und er selber stand oft auf, ging mit auf den Rücken gefalteten Händen eine Zeit lang rasch im Zimmer auf und ab und memorirte laut und heftig.

Es mußte aber heute etwas ganz Wichtiges sein, was ihm bei seinem Studium so schwere Sorge machte, denn sonst wurden ihm die Predigten gar nicht so sauer, und ein paar Candidaten hatten in der benachbarten Stadt schon ausgesprengt, er wisse genau, wo er in alten staubigen Büchern nagelneue Sermone auffinden und benutzen könne. War das wirklich einmal der Fall, so durfte es sicherlich auf diese keine Anwendung finden, denn die ganze Nacht hatte er geschrieben, wieder ausgestrichen, wieder geschrieben, und endlich schon mit Tagesdämmerung den zu Papiere gebrachten Entwurf auswendig gelernt.

In derselben Etage, aber dicht an der Treppe und nach der Kirchmauer zugewandt, die nur wenig Licht und Wärme in das kleine Gemach ließ, hatte der Diaconus Brauer sein Arbeitszimmerchen, und hier saß er heute mit dem Hülfslehrer Hennig traulich auf dem Sopha, und Beide studierten die eben durch die Botenfrau aus der Stadt gebrachte Zeitung, in der sie des Neuen wohl viel, des Erquicklichen aber gar wenig fanden.

»Ich wollte, ich wäre jetzt Soldat,« seufzte Hennig endlich, und warf das Blatt unmuthig vor sich nieder auf den Tisch, »in der Welt giebt's nichts als Krieg und Aufruhr, und _wir_ sollen hier indessen den Jungen noch die alte Geduld und Christenliebe einbläuen, während ihre Brüder und Vettern draußen, und ohne beides, in's Feld laufen. Es giebt doch in solcher Zeit nichts Elenderes, als einen Schulmeister.«