Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band.
Part 15
»Er ist heute über der Rausche drüben, die Vorbereitung zur Auction der Stockklaftern und Haufen zu treffen, die wir von den, für die Eisenbahn gelieferten Stämmen übrig behalten haben.«
»Aha -- also nicht geschont -- nur einmal _Einem_ der Bande die Jacke recht tüchtig voll geschossen, und die Uebrigen lassen sich das schon eine Warnung sein -- _ich_ vertret' es.«
Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und der alte Bediente trat herein.
»Mein Karl ist draußen, Euer Gnaden, er hätte etwas zu melden.«
»Ich empfehle mich, Euer Gnaden« sagte Fritz, und wollte sich entfernen.
»Soll herein kommen -- halt, noch Eins, Holke, wie ist denn das gestern Abend mit dem Flüchtling abgelaufen? -- Habt Ihr keine Spur wieder von ihm gefunden?«
»Nicht das Mindeste, bis zu Pastors Obstgarten hatten wir ihn getrieben, denn als wir später die Hunde hinein brachten, wurden die laut, und es ließ sich nicht verkennen, daß etwas darin gewesen war; er muß aber zurückgewechselt sein, denn die ausgestellten Posten haben gar Nichts von ihm gesehen. Uebrigens soll er die jungen Damen, wie ich ganz bestimmt weiß, gar nicht angefallen, sondern nur angeredet haben; Fräulein Sophie Scheidler hat das selbst gesagt.«
Die Thür ging auf, und Karl Poller, der Sohn des alten Bedienten, ein bleicher, hagerer junger Mensch mit grünen Augen und dünnen, fast weißen Haaren, trat mit einer tiefen Verbeugung ein, und blieb dann, die Mütze in der Hand drehend, auf der Schwelle neben Fritz Holke stehen. Er that, als wenn er den Jägerburschen gar nicht sähe.
»Nun, Karl, wie ist's? -- richtige Fährte?«
»Alles in Ordnung,« grinzte, mit widerlichem Lachen der Angeredete, »der Fuchs steckt richtig im Loch drinnen, ich hab' ihn nicht allein gehört, sondern sogar mit leibhaftigen Augen gesehen.«
»Wahrhaftig? -- gut! -- herrlich! -- dann dürfen wir aber ja keine Zeit verlieren, ihn abzufangen -- ruf' mir den Gerichtsschreiber herauf, Karl, rasch -- er soll im grünen Zimmer auf mich warten --«
»Sehr wohl, Euer Gnaden,« erwiederte der Bursche, und schwenkte mit rascher Bereitwilligkeit rechts um, blieb jedoch noch einmal stehen und sagte zögernd --
»Bis Dunkelwerden möchten wir aber doch wohl damit warten -- ich weiß nicht, die Bauern haben in letzter Zeit ganz andere Reden geführt wie früher.«
»Von denen haben wir Nichts zu fürchten,« lachte der Gutsherr höhnisch, »die hat mir der Pastor so unter der Fuchtel, daß sie sich hüten werden, ein Wort in meine Gerichtsbarkeit hinein zu werfen, doch es mag sein, also nach Dunkelwerden. Allons, marsch!«
Der Bleiche glitt wie ein Ohrwurm zur Thür hinaus, Fritz aber, der zuerst bei dem tölpischen Jagdvergleich desselben verächtlich die Nase gerümpft hatte, konnte doch nicht umhin, der späteren Verhandlung, die jedenfalls irgend ein wichtiges Ereigniß betraf, aufmerksamer zu horchen. Herr von Gaulitz ließ ihn jedoch nicht lange über das, was er bis dahin nur zu errathen gesucht hatte, in Zweifel.
»Siehst Du?« -- sagte er, als sich die Thür hinter dem Burschen schloß -- »die haben bessere Nasen, als Ihr Jäger mit allen Euren Treibern -- die wissen, wo der Flüchtige zu Bau gegangen ist!«
»Wer? -- Der, den wir aus dem Walde getrieben?« rief Fritz erstaunt.
»Allerdings, und heute Abend soll er ein sichereres Quartier haben, als sein jetziges ist. Du aber, Fritz, magst ebenfalls in der Nähe bleiben, bis sie den Gefangenen eingebracht haben; nicht etwa, daß ich glaubte er würde sich zur Wehr setzen, oder daß ich irgend eine andere Gewaltthat befürchtete, aber -- es ist doch besser. Nach Dunkelwerden sollen sie ihn bringen, und jetzt geh einmal indessen hinauf zum Pastor, und bestell' dort, ich ließe ihn bitten, zum Kaffee herunter zu kommen, seine Tochter, die heute bei uns gegessen hat, bleibt auch noch unten -- ich hätte etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen.«
»Sehr wohl, Euer Gnaden --«
»Also Holke!«
»Zu Befehl, Euer Gnaden!«
»Haltet mir die Bauern unter; find ich oder Jemand Anderes wieder ein angeschossenes oder verendetes Stück im Walde, ohne daß der Thäter, wenn nicht bestraft, doch angezeigt wäre, so könnt Ihr Euch Beide freuen -- Du und Dein Vater --«
Der Jäger erwiederte Nichts weiter darauf, sondern verbeugte sich nur, und verließ das Zimmer.
Als sich der Oberpostdirector gerade wandte, um in den Speisesaal zurück zu kehren, trat der alte Poller mit einer riesigen Kaffeemaschine herein, und hinter ihm her kam die Wirthschaftsmamsell mit zwei Körbchen voll Gebackenem.
»Ist der Bote noch nicht aus der Stadt zurück?« frug Herr von Gaulitz diese.
»Nein, Euer Gnaden,« lautete die Antwort, »er wird auch wohl vor Dunkelwerden gar nicht hier sein können.«
»Wer war denn das Mädchen, welches da eben über den Hof ging? -- Hat der Gerichtshalter etwas herüber sagen lassen?«
»Nein, Euer Gnaden, es war das Mädchen der Frau Kommerzienräthin Schütte, die sich hat erkundigen lassen, ob die gnädige Frau heut' Nachmittag zu Hause blieben, und ob sie störten, wenn Sie ein Bischen herüber kämen.«
»Herr, Du mein Gott!« seufzte der Oberpostdirector halblaut vor sich hin -- »das wird ein angenehmer Nachmittag werden -- nun fehlte mir nur noch unser tägliches Brod -- der Literat Strohwisch.«
Das Mädchen, dem die Worte nicht entgangen waren, lächelte und verschwand gleich darauf mit ihrem Backwerk im anderen Zimmer, wo indessen die Damen um den großen runden, mit weicher Damastdecke überhangenen Eichentisch Platz genommen hatten.
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:
Seite VI: "295" geändert in "270" (Die Gutsherrschaft 270)
Seite 38: "«" angefügt (Und hoffen und träumen -- wie Allerweltsnarren.«)
Seite 45: "«" angefügt (so tüchtige >Haare auf den Zähnen< hätte.«)
Seite 49: "." eingefügt (den hat mir der Schulmaistr verschlahn.«)
Seite 53: "»" eingefügt (»_es solle nicht wieder geschehen!_«)
Seite 64: "«" angefügt (zu arbeiten, sondern nur in einem fort geschrieben.«)
Seite 69/70: "Dienstleuleuten" geändert in "Dienstleuten" (was man für eine Noth mit den Dienstleuten hat)
Seite 81: "zumeiner" geändert in "zu meiner" (Ich habe auch gewilddiebt zu meiner Zeit)
Seite 90: "Tocher" geändert in "Tochter" (Zu der Zeit war ich auch des Revierjägers Tochter gut)
Seite 91: "zn" geändert in "zu" (beschloß ich, wenigstens einen Versuch zu machen)
Seite 93: "ich'" geändert in "ich's" (Jetzt aber hielt ich's auch nicht länger aus)
Seite 97: "«" eingefügt (doch das schadet Nichts,« fuhr er)
Seite 110: "," eingefügt (fiel ihm hier einer der Bauern in die Rede, »so schlimm)
Seite 113: "die Thür die Thür" geändert in "die Thür" (ging die Thür des grünen Zimmers auf)
Seite 123: "," eingefügt (Mein Fritz und ich, wir nahmen die Flügel)
Seite 123/124: "," eingefügt (»Der Teufel weiß es« brummte der Jäger, »er ging wieder)
Seite 127: "Himmelskörper" geändert in "Himmelskörpern" (an den fernen glänzenden Himmelskörpern ihre feuchten Blicke)
Seite 133: "hinabzu" geändert in "hinab zu" (niederträufenden Regen in die Schlucht hinab zu führen)
Seite 137: "Beide" geändert in "beide" (war es beide Male etwa nicht den »Bayonetten« gelungen)
Seite 158: "zugängliche" geändert in "zugängliches" (sein sonst sanften Regungen nicht leicht zugängliches Herz)
Seite 169: "," verschoben, ">" eingefügt (Schulmeister muß schon --<, der >_Herr_ Schulmeister< fiel)
Seite 172: "," eingefügt (Wasserspiegel, der große herrschaftliche Fischteich)
Seite 176: "Kaffe" geändert in "Kaffee" (der Pastor drinne sitzt und eine Tasse Kaffee trinkt)
Seite 177: "vorhergewußt" geändert in "vorher gewußt" (und meinten, das hätten sie vorher gewußt)
Seite 178: "»" eingefügt (lachte der Musikant, »aber der Wirth will uns)
Seite 206: "sogenanten" geändert in "sogenannten" (und den sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen)
Seite 208: "Lauten" geändert in "Läuten" (seinen vollen Gehalt für Läuten, Orgelspielen)
Seite 221: "nehmeu" geändert in "nehmen" (wie bisher, Theil am Religionsunterrichte nehmen zu lassen)
Seite 222: "unserst bew iesen" geändert in "uns erst bewiesen" (aber es müßte uns erst bewiesen werden)
Seite 230: "Misbrauch" geändert in "Mißbrauch" (und mancher Mißbrauch auch, von Seiten der Geistlichkeit)
Seite 232: "Krafft" vereinheitlicht zu "Kraft" (Es war der Lehrer Kraft aus Bachstetten)
Seite 233: ":" eingefügt (die gewöhnliche Anrede giebt den Beweis: >Schullehrer< heißt's)
Seite 263: "," eingefügt (Melodie: >Ich bin der Doktor Eisenbart<, ein wunderhübscher Text)
Seite 281: "«" entfernt (Er that, als wenn er den Jägerburschen gar nicht sähe.)]