Pfaffernüsseln: Allerlei Erzgebirgisches

Part 4

Chapter 41,022 wordsPublic domain

Unheimliche Gewalten werden am Johannistage auch in den Gewässern lebendig. Jeder Teich oder Fluß verlangt ein Menschenleben. Im Heidentum brachten die Menschen freiwillig eine solche Gabe dar, heute holen die Geister des feuchten Elements sich selbst die unfreiwillige Spende. Der Verfasser besinnt sich noch, wie ihm als Kind die alte Kinderfrau an dem verderbenschwangeren Tage, beim Verlassen des Hauses, die besorgte Mahnung mitgab: »Heut is Gohanne, gieh fei net ans Wasser!« Besonders war bei uns Kindern ein Mühlgraben berüchtigt, in dem einige Male Kinder ertranken. Als er auf behördliche Anordnung dann zugedeckt worden war, geschah das Merkwürdige, daß ein zirka dreijähriges Mädchen, das die Bretter als Brücke benutzte, an einer dünnen Stelle durchbrach und ertrank. Nun konnte uns, und vielleicht auch manchen Erwachsenen, niemand mehr irre machen, daß der böse Nix sich sein Opfer geholt habe.

An Stelle des Johannisfeuers trat in einzelnen Orten früher der Johannisbaum, der in seinem Aeußeren aber etwas ganz anderes darstellt, wie die Pfingstbäume usw. Süddeutschlands. Der erzgebirgische Johannisbaum war eine aus vier Stäben bestehende, mit Kränzen und Blumen geschmückte Pyramide, die in der Stube oder im Freien auf ein Tischchen gestellt und abends, wie die Weihnachtspyramide, mit Lichtern verziert wurde. Burschen und Mädchen tanzten weißgekleidet um diesen »Baum«. Diese Sitte ist schon seit Jahrzehnten verschwunden. Ebenso gehört der sogenannte Johannistopf der Vergangenheit an. Dieses Spiel beschreibt Spieß folgendermaßen: »Ein großer Topf wird mit Kränzen geschmückt und ein Geschenk daruntergelegt. Wer mit verbundenen Augen den Topf mit einem Stecken trifft, erhält den Preis.« Man kann dieses Spiel wohl in dem bei Kinderfesten beliebten Topfschlagen wiedererkennen. Den Schluß des »Johannistopfes« bildete gewöhnlich ein festliches Mahl, bei dem die traditionelle Semmelmilch gegessen wurde, und ein fideler Tanz.

Waren, wie eingangs geschildert, am Johannistag üble Dämonen rege, so machten sich aber auch dem Menschen freundliche Kräfte bemerkbar. Vor allem tritt die Heilkunst der Natur an keinem Tage so in die Erscheinung, wie zu Johanni. Deshalb gilt dieser Tag als die geeignetste Zeit zum Sammeln heilkräftiger Kräuter. Vor allem gilt die Johannisblume, auf Spiritus gesetzt, als Allheilmittel. Stiefmütterchen, Quendel und Kamillen soll man zu Johanni eintragen. Besonders wirksam ist ein daraus hergestellter Tee, wenn die Kräuter um 11 Uhr eingetragen werden und der Tee schon um 12 Uhr getrunken wird; man beugt so allen Krankheiten vor. Die mittags von 11--12 Uhr von sieben Feldrainen eingetragenen Kräuter sind am heilkräftigsten.

In Herold wurde am Johannistag Gras gehauen, auf dem Oberboden getrocknet und den Tieren unter das Futter gemischt So waren sie vor den üblen Folgen des »Beschreiens« gesichert.

Eine besondere Bedeutung hat die Johannisnacht als Losnacht, in der bei Beobachtung besonderer Gebräuche die Zukunft entschleiert wird. Daß dabei liebende Mädchen und liebeglühende Burschen hauptsächlich interessiert sind, bedarf wohl keines besonderen Nachweises.

Das verliebte Mädchen schläft auf einem Sträußchen, das am Johannistag gebunden ward, und ihm wird in der Nacht der Zukünftige erscheinen. Aus Bärenstein wird ein origineller Brauch berichtet. Das neugierige Mädchen hebt in der Johannisnacht im Garten etwas Rasen ab und legt die Stücke wieder hin. Um Morgen nimmt es eilends die Rasenstücke weg, um zu sehen, ob ein Käfer sich darunter aufhält. Die Farbe dieses Käfers gibt den Stand des künftigen Gatten an. Ist der Käfer grün, so steht ein Förster in Aussicht, trägt er schwarze Farbe, so wird ein Pfarrer der Erwartete sein; es ist bedauerlich, daß ich nicht erfahren konnte, wie diese Farbenskala sich weiter fortsetzt! -- Die jungen Burschen binden Blumensträuße, möglichst von verschiedenen Feldrainen, und werfen die Sträußchen von der Straße aus der Geliebten ins Schlafstubenfenster. Gelingt schon der erste Wurf, so findet noch in demselben Jahre die Hochzeit statt, jeder vergebliche Wurf aber schiebt die Vereinigung der Liebenden um ein Jahr hinaus.

In Mildenau steckt man Johannisblumen in den Garten, wessen Pflanze zuerst verdorrt, wird zuerst sterben. Auf die Säuglinge ist der Johannistag auch von Einfluß. Man soll es möglichst so einrichten, die Kinder von diesem Tage an zu entwöhnen, da sie dann gut gedeihen. Gelingt das Experiment, so werden dem Kinde viele Johannisfeste beschieden sein.

Das Wetter zu Johanni ist ebenfalls von besonderer Wirkung für die Zukunft, wie einige Bauernregeln zur Genüge beweisen, z. B.:

Reg'n an Gohannistog, nasse Ernt mer erwarten mog.

Johannesregn brengt ken Segn.

Vor Gohanne, herscht de, lob fei kane Gerschte.

Sind viele von diesen Gebräuchen nur noch in vereinzelten Orten anzutreffen, so findet sich der Brauch des »Johannispfennig-Heischens« in den verschiedensten Gegenden unseres Gebirges. Arme Kinder binden sich ein winziges Kränzchen aus Feldblumen, oft aus Gänseblümchen, das auf einen Teller gelegt wird. Damit stellen sie sich an Straßen, hauptsächlich an Promenadenwege, und bitten Vorübergehende um eine kleine Gabe. Ueblich ist in einzelnen Orten, wie z. B. Frohnau und Bernsbach, daß dabei das Verschen gesprochen wird:

Ich bin klä un Du bist groß, greif in dr Tasch un schenk mr wos!

Dann und wann wird die Straße durch eine quergezogene, mit Blumensträußchen gezierte Schnur gesperrt und der Wanderer muß sich durch eine Gabe loskaufen. Gern geben alle dem liebenswürdigen, kleinen Bettelvolk.

Es bliebe nur noch übrig, eines Brauches zu gedenken, der in Sachsen jetzt allgemein üblich ist, nämlich des Schmückens der Gräber am Johannistage. Dr. Eugen Mogk glaubt, daß diese Sitte aus Freimaurerkreisen herrühre und zuerst in Leipzig aufgetreten sei. Wie dem auch sei, es liegt viel Sinn in dem Brauche, zu der Zeit, da die Natur in voller Blüte, frischer Schönheit und Saftfülle prangt, derer zu gedenken, die sich dieser Wonnen nicht mehr zu erfreuen vermögen.

Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Dr Kanaritzvugel 5

De Bähmische 9

Dr letzte Haller 14

De umusikalische Ratt 20

's Ruprichschloß 23

Dr verurachte Kermeßkuchen 26

Harbest 31

Die garschting neue Tänz 40

Dr salige Goldfisch 42

E Entschädiging 43

Von Fichtendorfer Tutengraber 44

Dr Trinkspruch 46

's Pfandgungel 47

Verschiedens Mooß 51

Dr änzige Gung 52

Johanniszauber im Erzgebirge 56

Gedruckt bei Hesse & Kaufmann in Chemnitz im Juni 1922.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen im Original wurden beibehalten. Der Schmutztitel wurde entfernt.

Korrekturen:

S. 32: in → an wurde es im Winter {an} die Schafe gefüttert

S. 33: Erdäpfel → Erdapfel herrscht der {Erdapfel} als unbeschränkter Gebieter

S. 34: folgendem Spottverse → folgenden Spottversen in {folgenden Spottversen}, die um Mildenau im Schwange sind