Petersburg

Part 9

Chapter 93,413 wordsPublic domain

»Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer übersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefühl; dich aber will ich in deiner Freiheit, das mußt du wissen, nicht stören . . . Noch mehr: ich kann dich in deiner Freiheit nicht stören: ich verstehe dich; ich weiß, Liebling, sehr gut, daß es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe, Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na, nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich es nennen, Gleichgültigkeit kommt keinesfalls von Kälte . . . Nein, nicht, nicht! . . .«

* * *

»Du möchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzähl' mit doch alles: erzähle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide über deine Situation nachdenken.«

»Sie dürfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft. Ein anderer Mann würde ihn längst erschossen haben . . . Ihre Frau wird verfolgt, verhöhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.«

Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Köpfchen erzählte sie alles, alles.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache Menschen sind aber von einer unverständlichen, sinnlosen Tat mehr überrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat. Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen. Verstehen aber heißt ja beinahe -- rechtfertigen; wie ist es aber zu begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies wäre, wie ich aussprechen muß, eine völlige Schufterei! Die Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine Gotteslästerung, Kirchenschändung oder ähnliche sinnlose Bosheiten. Nein, mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird alles geschändet.

Zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor, wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und . . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu erröten, bis er purpurn wurde: das Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow gespielt; später bewunderte er oft seine philosophischen Fähigkeiten; edelmütig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine Gattin zu stellen, weil er ihn für einen Mann aus guter Gesellschaft, für einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den scharfen Kurven wuterfüllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch außer sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste; sie fürchtete sich ein wenig: sie fürchtete sich immer -- nicht vor der Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrückte.

»Was . . . was haben Sie?«

»Nichts . . . nichts weiter.«

Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf und ab, die Hand zu einer Faust geballt.

Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der Eingangstür -- ha?! . . .

Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren, durch eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese Schlange zu zertreten, zu zertreten; nach diesem Entschluß fuhr er fort, auf und ab durchs Zimmer zu spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hände zu Fäusten geballt, den muskulösen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft schwingend; selbst Sofja Petrowna war ängstlich geworden: ebenfalls rot, mit halb offenen Lippen, die ungetrockneten Tränen an den Wangen, verfolgte sie aufmerksam die Bewegungen ihres Gatten.

»Was haben Sie?«

Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt Drohung und unterdrückte Wut.

»Nichts . . . nur so . . .«

Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wäre auch sie an der schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt.

»Geh in dein Zimmer: leg' dich schlafen . . . überlaß alles mir.«

Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr Zimmer auf.

Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab und hüstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust über ein Tischchen, und es schien, als müßte es in Stücke zerfallen.

Doch die Faust löste sich.

Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke; doch einen Augenblick später flog die Decke auf den Boden; Ssergeij Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte vernehmlich flüsternd:

»Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschieße ihn wie einen Hund . . .«

Da ertönte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen.

»Was haben Sie?«

* * *

»Nichts . . . nur so . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke über den Kopf und seufzte, flüsterte, drohte . . .

* * *

Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mädchen. Sie entkleidete sich selbst und stand bald ganz in Weiß unter einer Fontäne von Kleidungsstücken, die sie in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins Bett; jetzt saß sie, die Beine übereinandergeschlagen, das erboste Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten Schnurrbärtchen auf beide Arme gestützt.

Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf das Klavierspiel, das heute wie allabendlich über ihrem Kopfe tönte; dort wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als zweijähriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten, ahnungslosen Töne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in Müdigkeit, in Apathie; sie begann sich über den Mann zu ärgern, in dem sie selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den _Andern_ geweckt hatte. Sofja Petrowna sah plötzlich ein, daß ihr Mann mit dem ganzen Vorfall nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und dem _Andern_ bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die Angelegenheit in eine für sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch würde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlüsse ziehen; vor allem würde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre süß-bangenden Gefühle noch die Verkleidungskomödie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf die Töne der alten Masurka und auf das peinliche Geräusch hinter der Wand; aus der Fülle der schwarzen Haare blickte geängstigt das perlenfarbige Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen.

Plötzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief, den sie _ihm_ auf dem Ball übergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz vergessen). Im ersten Augenblick beschloß Sofja Petrowna, das Schreiben am nächsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurückzusenden. Wie durfte man es wagen, sie mit Aufträgen an ihn zu belästigen! Sie würde ihn ohne Zweifel zurückschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt hätte (wenn er doch endlich einschlafen würde!); jetzt ärgerte sie sich über die Einmengung anderer, während sich in ihr ein Gefühl des Protestes erhob: schließlich war es _ihre_ persönliche Angelegenheit, und sie hatte auch das vollständige Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren; wie wagte er es überhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit einem Sätze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief in Händen, als sie ein wütendes Flüstern hinter der Wand vernahm.

»Was haben Sie?«

Hinter der Wand antwortete man ihr:

»Nichts . . . nur so . . .«

Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so größer wurden ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der Apfelblätter, dann wurde es rosarot und schließlich, als sie mit dem Lesen fertig war -- einfach purpurn.

Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt für ihre zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Händchen würde er diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken wollen; doch dieselbe mißlang ihm und wurde zu einer Reihe von Blödigkeiten; nun sollte er jetzt das sühnen, was er in ihr hervorgerufen hatte! Ja, ja, ja: sie würde sich rächen durch die einfache Übergabe des geöffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino, betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg für den blutigen Domino werden!

Die Tür knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen, als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Weiß: in weißem Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr völlig fremden Menschen in so ungenierter Weise versetzte sie in Wut.

»Sie hätten sich doch wenigstens anziehen sollen.«

Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer, einen Augenblick später aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock bekleidet. Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schärfe sagte er ihr:

»Sophie . . . Sie müssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . .«

Schweigen.

»Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst sagen: ersparen Sie mir weitere Erklärungen.«

Schweigen.

»Ich möchte, daß Sie selbst die Unmöglichkeit einsehen, nach dem Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen.«

Schweigen.

»Wenigstens gab ich selbst für Sie das Offizierswort, daß Sie nicht auf dem Ball sein werden.«

Schweigen.

»Ich werde sonst genötigt, es Ihnen einfach zu verbieten.«

»Ich werde auf dem Ball sein . . .«

»Nein, Sie werden nicht dort sein!!«

Sofja Petrowna war überrascht von der hölzernen Stimme, mit der er es sagte.

»Nein, ich werde dort sein . . .«

Es entstand eine drückende Stille; man hörte nur ein seltsames Röcheln in der Brust des Offiziers. Er griff sich nervös an den Hals und bewegte den Kopf, wie bemüht, eine schwere Entscheidung abzuschütteln; mit übermenschlicher Kraft unterdrückte er einen drohenden Ausbruch; er ließ sich still auf einen Stuhl nieder und blieb stockgerade sitzen; mit unnatürlich leiser Stimme begann er:

»Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belästigt. Sie selbst haben mich zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht.«

Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort »roter Domino« nicht aussprechen; instinktiv fühlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf abschüssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er fühlte, daß es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue, selbst nicht um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte über dem Ganzen das Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausäure für immer die Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wußte: wird seine Frau morgen bei Zukatows erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann ist alles verloren: die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles.

»Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, muß es Ihnen klar sein, daß Sie sich mit ihm nicht treffen dürfen, daß dies eine Schande, eine Schande wäre; endlich gab ich das Wort, daß Sie nicht hingehen würden. Haben Sie Erbarmen mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst . . . ich, ich weiß nicht . . . ich bürge für nichts . . .«

Doch Sofja Petrowna empörte sich immer mehr über die freche Einmengung dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte, in ihrem Schlafzimmer in einem so unanständigen Aufzug zu erscheinen: sie hob irgendein Kleidungsstück vom Fußboden auf (sie hatte erst jetzt bemerkt, daß sie selbst im vollständigen Neglige war) und warf es über sich, darauf drückte sie sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel sagte sie entschlossen, das Köpfchen bewegend:

»Vielleicht wäre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich so eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin!«

»Nein, das werden Sie nicht!!!«

»Was ist es?« Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betäubender Schuß; gleichzeitig tönte ein unmenschlicher Schrei: eine dünne, heisere Fistelstimme schrie etwas Unverständliches; ein eichener Mann sprang in die Höhe; ein Sessel fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige Tischchen entzwei, dann flog krachend die Tür ins Schloß, und alles war ruhig . . .

Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hörbar; schließlich begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben.

Sofja Petrowna Lichutina saß zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der soeben vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal ein Tier. Vor ihr hatte soeben ein wütender, toller Hund geheult.

Der zweite Raum des Senators

Das Schlafzimmer Apollon Apollonowitschs war einfach und klein: vier graue perpendikuläre Wände und ein einziger Fensterausschnitt mit weißen Spitzengardinen; ebenso weiß waren die Bettlaken, Handtücher und Kissenüberzüge; vor dem Schlafengehen des Senators spritzte der Kammerdiener die Bettlaken mit einem Pulverisator ein.

Apollon Apollonowitsch gebrauchte nur das Eau de Cologne des Petersburger Chemischen Laboratoriums.

Weiter stellte der Kammerdiener ein Glas mit Zitronenlimonade auf das Nachttischchen und entfernte sich dann, Apollon Apollonowitsch entkleidete sich selbst.

Mit großer Korrektheit zog er seinen Schlafrock aus, mit ebensolcher Korrektheit faltete er ihn zusammen und warf ihn geschickt über die Lehne des Stuhles; mit größter Korrektheit zog er dann auch Sakko und Hose aus; in gestrickter, fest anliegender, weißer Unterhose und im Hemd pflegte er vor dem Schlafengehen seine gymnastischen Übungen zu machen.

Diese nützlichen Übungen machte er besonders eifrig an jenen Tagen, an denen er an Hämorrhoiden litt.

Nach den nützlichen Übungen zog er die Decke über sich, um sich der friedlichen Ruhe hinzugeben und die Reise zu beginnen: denn der Schlaf (das fügen wir von uns hinzu) ist eben nichts anderes als eine Reise.

Das alles vollführte Apollon Apollonowitsch auch heute. Bis zum Kopf in die Decke gehüllt, schwebte er bereits in der zeitlosen Leere.

Aber da werden wir unterbrochen, und man fragt uns: »Wieso Leere? Und die Wände, der Boden? Und . . . so weiter? . . .«

Wir antworten:

Apollon Apollonowitsch sah immer zwei Räumlichkeiten vor Augen: eine war die _materielle_ (die Zimmerwände, die Wände des Wagens usw.), die andere -- nicht gerade die _geistige_ . . . (die materielle aber keinesfalls) . . . Also, über seinem Kopf sah der Senator Ableuchow sonderbare Strömungen: funkelnde, gleißende, aber auch neblige, irisierende Flecke, aus sich drehenden Zentren hervorgehend, im Halbdämmer die Grenzlinien der materiellen Flächen verschleiernd; so schwirrte Raum im Raum, und letzterer, alles andere verdeckend, verband sich mit dem Unermeßlichen der sich bewegenden, sich biegenden Perspektiven, deren Inhalt aus . . . so etwas wie Tannennadeln, Sternchen, Fünkchen, Flämmchen bestand. Apollon Apollonowitsch pflegte vor dem Einschlafen die Augen zu schließen und sie dann wieder zu öffnen; wobei sich folgendes ergab: die Flämmchen, Nebelflecke, Fäden und Sternchen fügten sich wie aufsteigender heller Schaum brausender, übergroßer Dunkelheiten plötzlich zu wahrnehmbaren, deutlichen Bildern (für eine Viertelsekunde nur): zu einem Kreuz, zu einem Brillanten, zu einem Vieleck, zu einem Schwan, zu einer lichterfüllten Pyramide. Dann zerstob alles. --

Apollon Apollonowitsch besaß ein seltsames Geheimnis: die Welt der mathematischen Figuren, der Konturen, der Zitterigkeiten, der absonderlichen physischen Empfindungen -- kurz: ein All der Seltsamkeiten. Dieses _All_ entstand immer vor dem Schlafengehen und entstand so, daß Apollon Apollonowitsch in diesem Augenblick alle früheren Unvernehmbarkeiten, Geräusche, kristallographischen Figürchen, goldene, im Finstern sich tummelnde chrysanthemenartige Sterne auf vielfüßigen Strahlen wahrnahm (manchmal übergoß ein solcher Stern des Senators Schädel mit flüssigem Gold, dann lief es ihm kalt über den Schädel); kurz, er erinnerte sich alles dessen, was er am Tage vorher gesehen hatte und dessen er sich folgenden Morgen wohl nicht mehr erinnerte.

Manchmal (nicht immer) merkte Apollon Apollonowitsch beim Schlafengehen, in den letzten Momenten seines Tagesbewußtseins, daß alle Fäden, alle Sterne, einen kochenden Wirbel bildend, aus sich einen Korridor bauten, der ins Unendliche lief; und (was das Seltsamste war) er fühlte, daß dieser Korridor seinen Anfang im Senatorkopfe hatte, daß er, der Korridor -- eine unendliche Fortsetzung des Kopfes selbst sei, seines Kopfes, dessen Scheitel sich öffnete, um eine Fortsetzung zum Unermeßlichen zu bilden; und so gewann der alte Senator vor dem Einschlafen den höchst sonderbaren, eigentümlichen Eindruck, als sähe er nicht mit den Augen, sondern mit dem Zentrum seines Kopfes, das heißt, als sei er, Apollon Apollonowitsch, nicht _er_, sondern ein Etwas, das in seinem Hirn saß und von dort aus alles ansah; wurde der Scheitel geöffnet, konnte jenes _Etwas_ frei und ohne Hemmung über den Korridor bis zu dem in unendlich weiter Ferne liegenden Abgrundsrand laufen.

Das war die zweite Räumlichkeit des Senators -- das Land seiner allnächtlichen Reisen; und nun genug davon . . . ja.

Den Senatorkopf in die Decke gehüllt, schwebte er bereits über der zeitlosen Leere, der lackierte Fußboden löste sich schon von den Beinen des Bettes, und dieses stand sozusagen im Unbekannten -- als des Senators Ohren sonderbare Laute vernahmen, ähnlich denen aufschlagender Hufe.

»Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . .«

Die Laute kamen näher.

Seltsam, höchst seltsam: der Senator schob ein Ohr aus der Decke hervor -- ja: es _scheint_ richtig -- aus dem Spiegelsaal kam das Geräusch.

Apollon Apollonowitsch schob den Kopf hervor.

Die Laute klangen noch immer: Apollon Apollonowitsch sprang auf und lief in den Korridor.

Der Mond beschien die stillen Zimmer.

Mit bloßen Beinen, mit brennender Kerze in der Hand spazierte der Senator durch die Räume. Die plötzlich aufgetauchte Bulldogge folgte ihrem beunruhigten Herrn und wedelte wohlwollend mit dem abgehackten, halben Schwanze.

Wie ein flacher Holzdeckel wiegte sich keuchend die haarige Brust, während das blaßgrüne Ohr lauschte. Zufällig fiel der Blick des Senators in einen Spiegel; der zeigte ein seltsames Bild: seine Arme, Beine und Brust waren mit dunkelblauem Atlas überzogen.

Apollon Apollonowitsch schöpfte Atem und lief in den Saal: von woher die Laute drangen.

»Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . .«

Schimpfend hallte des Senators Stimme:

»Nach welchem Paragraphen des Gesetzes?«

Dies rufend sah er, daß die gleichmütige Bulldogge, friedlich und verschlafen, neben ihm herlief. Doch -- welche Frechheit! -- Aus dem Saal erwiderte eine Stimme:

»Auf Grund einer außerordentlichen Verfügung.«

Über die freche Antwort empört, lief der blaue Ritter in den Saal, und Apollon Apollonowitsch sah jetzt: die Laute waren nichts anderes als das Zungenschnalzen eines elenden, tanzenden Mongolen: eines dicken Mongolen, dessen Physiognomie er in Tokio gesehen hatte (der Senator war einmal nach Tokio geschickt worden) --, und dieser dicke Mongole eignete sich das Gesicht des Nikolai Apollonowitsch an; _eignete_ es sich an, sagte ich, denn er war nicht Nikolai Apollonowitsch, sondern ein gewöhnlicher Mongole, den der Senator früher in Tokio gesehen hatte. Dies zu begreifen, weigerte sich der Senator, mit den Fäustchen die erstaunten Augen reibend. Der Mongole aber (Nikolai Apollonowitsch) näherte sich ihm in eigennütziger Absicht.

Da rief der Senator zum zweitenmal:

»Nach welchem Gesetz? Und nach welchem Paragraphen?«

Und die Räumlichkeit antwortete ihm:

»Es gibt jetzt schon keine Paragraphen und keine Gesetze.«

* * *

Plötzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Körperlichkeit, ganz Gesicht und Gehör, von jedem anderen Gefühl befreit, hob er die Stellen der Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Körperlichkeit war ja entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, daß kein Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen Knochen gehalten wurde, war jetzt eine runde Öffnung, die zur dunkelblauen Ferne strahlte, und über dieser Öffnung hing ein rotierendes Rad aus tanzenden, sprühenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den Mongolen an seinen kraftlosen Körper heranschleichen fühlte -- im selben Augenblick begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und pfiff, das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen Sternfernen emporzuziehen.

Hier geschah ein Skandal (das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs konstatierte, daß schon einmal ein ähnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann -- dessen erinnerte er sich nicht) -- hier geschah ein Skandal: der Wind blies das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch. Durch die runde, strahlende Öffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne als goldener, federleichter Stern; als er genügend hoch über seinem eigenen Kopfe schwebte (der ihm als _Planet_ erschien); zerstob der goldene Stern, einer Rakete gleich, lautlos in Luft . . .

Ende des dritten Kapitels.

Viertes Kapitel

Der Sommergarten

Nüchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit eiligen Schritten durchquerte sie der düster dreinschauende Passant, um sich dann in der hoffnungslosen Ödigkeit des Marsfeldes zu verlieren.

Verstimmt lag der Sommergarten da.

Die Sommerstatuen flüchteten sich unter die Holzverschläge; die großen Bretter glichen in ihrer Längsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Särge umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Särgen verbargen sich Nymphen und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und Frost nagen konnte; denn die Zeit -- sie zernagt alles mit ihrem eisernen Zahn; sie zernagt in gleicher Weise den Körper wie die Seele und selbst die Steine. --

Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verödete der Garten, er wurde grau, schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht mehr, die Sommergalerie war zerstört, der Wasserfall ausgetrocknet; zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk.