Petersburg

Part 8

Chapter 83,421 wordsPublic domain

Wonach aber forschen?

Beim Tor stießen sie auf den Kleinrussen Lipantschenko.

»So, so, wohin?«

Sofja Petrowna winkte geärgert mit der Hand und mit dem Plüschmuff.

»Ich gehe zum Meeting, zum Meeting.«

Der schlaue Kleinrusse aber gab nicht nach.

»Schön, ich gehe mit Ihnen.«

Warwara Ewgrafowna errötete, blieb stehen: sie starrte den Kleinrussen an.

»Ich glaube, ich kenne Sie: Sie wohnen im Zimmer bei . . .«

Der schamlose Kleinrusse geriet hierüber in größte Verwirrung: begann zu schnaufen, trat zurück, lüftete verwirrt seine Mütze und ging fort.

»Wer ist, bitte, dieses unangenehme Subjekt?«

»Lipantschenko.«

»Das stimmt nicht. Nicht Lipantschenko, sondern ein Grieche aus Odessa: Mawrokordato; er kommt öfters ins Zimmer, das hinter meiner Wand ist: ich rate Ihnen nicht, ihn zu empfangen.«

Doch Sofja Petrowna hörte nicht zu. Mawrokordato, Lipantschenko -- das war ganz gleich . . . Der Brief nur, der Brief . . .

* * *

Edel, schlank und blaß! . . .

Sie gingen über die Moikastraße.

Links von ihnen bebte das letzte Gold der Baumblätter; träte man näher, man würde die Meisen hüpfen sehen; aus dem Garten aber zog sich, resigniert am Boden liegend, bis zu den Steinfliesen hin, ein knisternder Faden, der sich vor den Füßen des Fußgängers wirbelte, sich an seine Füße hängte und flüsternd gelbrote Worte aus Blättern flocht.

»Uuuu -- uuuu -- uuuu?«

»Haben Sie gehört?«

»Was denn?«

* * *

Plötzlich tauchte auf dem feuerroten Fond eine Silhouette auf: Flügeln gleich flatterte im Winde der weite graue Mantel; im Wachsgesicht mit den vorstehenden Lippen ein nachlässiger Ausdruck; die Augen schienen nach irgend etwas in den bläulichen Newafernen zu suchen, fanden es aber nicht und glitten über alles Nahe hinweg: so sah er weder Sofja Petrowna noch Warwara Ewgrafowna: die Augen sahen nur die Tiefe, das grünliche Blau. Vor der Silhouette aber lief keuchend die tigerartig gestreifte Bulldogge, die silberne Reitpeitsche des Herrn in den Zähnen.

An die beiden näher herangekommen, blinzelte Ableuchow, zu sich kommend, mit den Augen und berührte grüßend seine Mütze; er sagte nichts und ging weiter: dorthin, wo im Feuerrot die Häuser badeten.

Sofja Petrowna, mit schielenden Augen, verbarg ihr Gesichtchen in den Muff und nickte unbeholfen seitlich mit dem Kopfe, nicht ihm, sondern der Bulldogge zu. Warwara Ewgrafowna aber blieb mit starrem Blick an ihm hängen.

»Ableuchow --«

»Ja . . . ich glaube.«

Nach dieser bejahenden Antwort (sie selbst war kurzsichtig) murmelte Warwara Ewgrafowna erregt vor sich hin:

Edel, schlank und blaß, Wie Flachs der blonde Schopf; Reich an Geist und arm an Herz: N. A. A. -- Kennt ihr diesen Kopf?

Sofja Petrowna wandte sich plötzlich unerwartet für sie selbst um und sah, wie dort in der Ferne in den letzten grellroten Strahlen der Newasonne, ihr zugewandt, Nikolai Apollonowitsch stand; seltsam vornübergebeugt, das Gesicht in den Kragen vergraben, stand er und lächelte, wie es ihr schien, in unangenehmster Weise; er gab eine höchst komische Figur ab: in seinen weiten Mantel gehüllt, sah er bucklig und wie seiner Arme beraubt aus; vor diesem Anblick wandte sie eilig ihr Köpfchen ab.

Lange noch stand er, gekrümmt, unangenehm lächelnd und machte auf dem feuerroten Fond der untergehenden Sonne eine recht komische Figur. Doch nicht sie sah er: bei seinen kurzsichtigen Augen konnte er die sich entfernenden, kleinen Gestalten kaum sehen; er lachte vor sich hin und blickte weit, weit, wo die Linien der Inseln sich tief senkten.

Sie aber -- weinen wollte sie: sie wünschte, ihr Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin hätte sich dem Schuft genähert, ihm mit seiner sehnigen Faust ins Gesicht geschlagen und ihm seine ehrliche Offiziersmeinung gesagt.

Die untergehende Sonne schleuderte ihre herzlosen Strahlen direkt vom Horizont; über ihm wiegte sich die Unermeßlichkeit der rosa schimmernden Luftwellen; noch höher lagen die soeben noch weißen, jetzt rosigen Wölkchen in von Perlmutter durchzogenem Türkisblau; bald werden die Perlmutterstreifen die zarten Durchblicke im Türkisblau erlöschen; ergießen wird sich das dunkle, schwere Blau, die blaugrüne Tiefe, auf die Häuser, auf den Granit, auf die Wasser.

Einen Sonnenuntergang aber wird es nicht mehr geben.

Comt! -- Comt! -- Comt!

Der Lakai trug die Suppe auf. Vor den Teller des Senators hatte er schon vorher eine Pfefferschale hingestellt.

Apollon Apollonowitsch in seinem kurzen grauen Sakko zeigte sich in der Tür; rasch nahm er seinen Platz ein, und der Lakai hob den Deckel der dampfenden Suppenschüssel.

Dann ging die Tür links auf; Nikolai Apollonowitsch in hochgeknöpftem Studentenrock sprang rasch ins Zimmer.

Beide richteten die Blicke aufeinander, und beide wurden verlegen (sie wurden immer verlegen).

Nikolai Apollonowitsch stolperte am Tischbein.

Apollon Apollonowitsch reichte dem Sohne seine wulstigen Lippen; an diese wulstigen Lippen drückte Nikolai Apollonowitsch seine zwei Lippen; die Lippen berührten einander; und zwei Finger schüttelten eine schwitzende Hand.

»Guten Abend, Vater!«

»Guten Abend!«

Apollon Apollonowitsch setzte sich. Apollon Apollonowitsch ergriff die Pfefferschale und pfefferte wie gewöhnlich seine Suppe zu stark.

»Aus der Universität? . . .«

»Nein, vom Spaziergang . . .«

Und ein Froschausdruck legte sich um den Mund des ehrerbietigen Sohnes; wir betrachteten sein Gesicht mit all den mannigfachen Grimassen, mit dem Lächeln und den Mienen der Höflichkeit, die der Fluch Nikolai Apollonowitschs war, wenn auch nur deswegen, daß von der _griechischen Maske_ dann nicht eine Spur zurückblieb; dieses Lächeln, die Grimassen und die einfachen Gesten der Höflichkeit schäumten wie eine ununterbrochene Kaskade vor dem hüpfenden Blick des zerstreuten Vaters. Die Hand, die den Löffel hielt, zitterte sichtlich, und die Suppe lief daneben.

»Aus dem Amt, Vater?«

»Nein, vom Minister . . .«

* * *

Oben sahen wir, wie Apollon Apollonowitsch in seinem Arbeitszimmer sitzend, zu der Überzeugung gelangte, daß sein Sohn ein ausgemachter Schuft sei: so pflegte der achtundsechzigjährige Vater täglich einen zwar nur mit den Gedanken erfaßbaren, aber doch terroristischen Akt an seinem eigenen Blute und seinem Fleische zu begehen.

Doch das waren abstrakte, durch gedankliche Arbeit gezogene Schlüsse, die nicht einmal in den Korridor, geschweige in das Speisezimmer aus dem Privatraum getragen wurden.

»Wünschest du Pfeffer, Kolenka?«

»Ich möchte um das Salz bitten, Vater . . .«

Apollon Apollonowitsch blickte seinen Sohn an, das heißt, er hüpfte mit den Augen über die Gestalt des grimassierenden jungen Philosophen und er gab sich in dieser Stunde, der Tradition gehorchend, einer Aufwallung von Väterlichkeit hin.

». . . Und ich gebrauche gern Pfeffer: es schmeckt besser gepfeffert . . .«

Nikolai Apollonowitsch, die Augen auf den Teller gerichtet, war bemüht, die aufdringlichen Assoziationen aus seinem Gedächtnis zu jagen: den Sonnenuntergang an der Newa, die Unaussprechlichkeit der rosaschimmernden Wellen, den zarten Perlmutterglanz, die blaugrüne Tiefe; und auf dem Fond des zartesten Perlmutterschimmers . . .

»So--o! . . .«

»So--o! . . .«

»Schö--ön . . .«

So unterhielt Apollon Apollonowitsch seinen Sohn (oder vielmehr sich selber).

Schwer lastete das Schweigen über dem Tische. Aber dieses Schweigen störte den suppespeisenden Vater gar nicht (das Schweigen pflegt alte Leute nicht zu stören, wohl aber die nervöse Jugend). . . Der Sohn aber empfand im Suchen nach einem Gesprächsthema regelrechte Qual.

Für ihn selbst unerwartet, platzte er heraus:

»Und ich . . .«

»Wie? Was?«

»Nein . . . so . . . nichts . . .«

Über dem Tische hing schwer das Schweigen.

Nikolai Apollonowitsch platzte wiederum unerwartet für sich heraus.

»Und ich . . .«

Die Fortsetzung zu diesem herausgeplatzten »Und ich« fand er noch immer nicht.

»Was soll ich nur zu diesem >Und ich< hinzufügen?« dachte er. Doch rein nichts fiel ihm ein.

Apollon Apollonowitsch, beunruhigt durch die sinnlose Wortverwirrung des Sohnes, sah ihn indessen fragend, streng und kapriziös an, erbost über das »Gestammel« . . .

»Aber gestatte: Was meinst du?«

»Und ich . . . las in der >Theorie der Erfahrung< von Cohen . . .« Wieder hielt er stockend inne . . .

»Also was ist das für ein Buch, Kolenka?«

In der Ansprache bewahrte Apollon Apollonowitsch seinem Sohne gegenüber die Tradition von dessen Kindheit: und der _vollendete Schuft_ wurde _Kolenka, Söhnchen, Liebling_ genannt . . .

»Cohen ist der bedeutendste Vertreter der europäischen Kantianer.«

»Erlaube -- Comtianer?«

»Kantianer, Vater . . .«

»Aber Kant ist ja nicht wissenschaftlich . . . -- Comt ist es, der nicht wissenschaftlich ist . . .«

* * *

Apollon Apollonowitsch, müde und ein wenig unglücklich, rieb sich langsam mit dem kalten Fäustchen die Augen und wiederholte zerstreut:

»Comt . . . Comt . . . Comt . . .«

Apollon Apollonowitsch dachte, daß sein Gehirn die letzte Woche wieder unter heftigem Blutandrang, verursacht durch starkes Hervortreten der Hämorrhoiden, litt; sein Schädel fiel schwer gegen die dunkle Stuhllehne; die blauen Augen starrten fragend vor sich hin.

»Comt . . . Ja: Kant . . .«

Er überlegte etwas und richtete den Blick auf den Sohn:

»Was ist es also für ein Buch, Kolenka? . . .«

* * *

Nikolai Apollonowitsch hatte aus instinktiver Schlauheit das Gespräch auf Cohen gebracht; Cohen war ein neutrales Gesprächsthema. Dieses Thema schloß andere Themen aus, und so wurde eine Auseinandersetzung verschoben (von Tag zu Tag -- von Monat zu Monat). Außerdem behielt der Sohn von der Kinderzeit die Gewohnheit, mit dem Vater lehrreiche Gespräche zu führen: so pflegte Nikolai Apollonowitsch, aus dem Gymnasium kommend, seinem Vater eifrig die Einzelheiten des gallischen Krieges zu erzählen; vergnügt hatte der Vater dem Sohne zugehört und wohlwollend dessen Interesse am Lehrstoff zu steigern gesucht. Auch in späteren Zeiten hat Apollon Apollonowitsch öfters seine Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt:

»Kolenka, du solltest die _Logik_ von Mill einmal lesen: es ist dies -- weißt du -- ein nützliches Buch . . . Zwei Bände . . . Ich habe es seinerzeit von A bis Z gelesen . . .«

Nikolai Apollonowitsch erschien am Tage darauf mit einem mächtigen Buch in der Hand. Apollon Apollonowitsch fragte freundlich mit geheuchelter Unabsichtlichkeit:

»Was liest du da, Kolenka?«

»Mills Logik, Vater.«

»So--o, so--o . . . sehr, sehr gut.«

* * *

Jetzt endgültig voneinander gelöst, kehrten sie unbewußt zu dem Alten zurück: ihr gemeinsames Mittagessen endete oft mit einem lehrreichen Gespräch . . .

Apollon Apollonowitsch dachte: »Es muß zugegeben werden; sein Gehirnapparat ist gut ausgearbeitet.«

Und beim Dessert waren sie bis zu einer Art Freundschaft gelangt.

Beide erhoben sich, beide spazierten durch die Zimmerflucht; die weißen Schatten der griechischen Weisen huschten durch die Räume: dort, dort und dort; die Flucht der Zimmer verdunkelte sich; weit im Salon hüpfte an der Wand ein rötlicher Schein; man vernahm das Knistern des Kaminfeuers.

So pflegten sie auch früher durch die leere Zimmerflucht zu wandern -- der Knabe und . . . der damals noch zärtliche Vater. Etwas später pflegte der zärtliche Vater dem blonden Knaben kameradschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen; der zärtliche Vater führte damals den Knaben an das Fenster, die Finger zu den Sternen hebend:

»Die Sterne, Kolenka, sind weit: über zweieinhalb Jahre sind notwendig, bis der Strahl von dem nächsten Stern, zu uns herüberkommt . . . So ist es, mein Lieber!« Einmal schrieb er ihm ein Verschen:

Kolenka, der dumme Tropf, Tanzt und hüpfet immer; Mit der Mütze auf dem Schopf Reitet er durchs Zimmer.

War es -- oder war es vielleicht gar nicht? . . . Nie, niemals?

Beide saßen jetzt im Salon auf dem Atlassofa und sprachen, zwecklos und gedehnt, bedeutungslose Worte. Der glattrasierte, graue alte Apollon Apollonowitsch zeichnete sich im hüpfenden Feuerschein mit seinen Ohren und dem Sakko: mit ebendemselben Gesichtsausdruck, auf dem Fond des brennenden Rußlands, wurde er vor kurzem auf dem Titelblatt eines Straßenblättchens dargestellt.

»Kommt öfters zu dir, Liebling, der . . . der . . .?«

»Wer, Vater?«

»Der, wie heißt er nur . . . Der junge Mann?«

»Der junge Mann? . . .?«

Nikolai Apollonowitsch grinste plötzlich . . .

»Der, den Sie neulich in meinem Zimmer trafen? Alexander Iwanowitsch Dudkin . . . Nein, er kommt nur manchmal.«

* * *

»Wenn . . . wenn . . . es keine indiskrete Frage ist, so . . . scheint mir . . .«

»Was, Vater?«

* * *

»Übrigens . . . wenn meine Frage sozusagen ungeschickt ist . . .«

»Wieso ungeschickt?«

»Ich meine . . . ein ganz angenehmer junger Mann: arm, wie es scheint.«

Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr.

»Ja, so . . . Es gibt viele spezielle Wissenschaftsgebiete: jedes Spezialgebiet ist tief. Weißt du, Kolenka, ich bin müde.«

Apollon Apollonowitsch wollte seinen Sohn, der sich die Hände rieb, nach etwas fragen . . . Er blieb stehen, sah sich um, fragte aber nichts, sondern senkte den Blick: Nikolai Apollonowitsch empfand einen Augenblick Scham.

Mechanisch hielt Apollon Apollonowitsch dem Sohne seine wulstigen Lippen hin; zwei Finger schüttelten eine Hand.

* * *

Bald darauf öffnete sich die Tür des senatorischen Arbeitszimmers: mit einer Kerze in der Hand lief Apollon Apollonowitsch in den mit nichts zu vergleichenden Raum, um sich . . . dem Zeitungslesen zu widmen . . .

* * *

Nikolai Apollonowitsch trat ans Fenster.

Ein phosphoreszierender Fleck raste in wildem Tempo über den Himmel; in phosphoreszierendem Glanz leuchtete neblig die Newaferne, und grün schimmerten die lautlos gleitenden Flächen; bald dort, bald da sprühte ein goldener Funken auf; an verschiedenen Stellen des Wasserspiegels entflammten rötliche Lichter, um sich vielleicht nach einer Sekunde im phosphoreszierenden Nebel zu verlieren. Hinter der Newa dehnten sich die Riesengestalten der Inseln und warfen in den Nebel mattleuchtende Blicke -- endlos, lautlos, qualvoll: es schien, als weinten sie: höher streckten sich in wildem Rasen undeutlich gezeichnete bauschige Arme; Schar um Schar erhoben sie sich über den Wellen der Newa; vom Himmel aber fielen sie als durchleuchtend phosphoreszierende Flecke. Nur an einer vom Chaos unberührten Stelle, wo sich am Tage die Troitzkibrücke breitete, glänzten durchnebelte riesige Brillantennester über einer glitzernden Schar rundgliedriger Lichtschlangen; sich bald zusammenringelnd, bald streckend, rasten die Schlangen als Funkenlinie nach oben; und untertauchend, erschienen sie dann wieder als Sternfäden auf dem Spiegel des Wassers.

Nikolai Apollonowitsch blickte verträumt auf diese Fäden.

In der dunklen Ferne des Korridors ertönte metallisch ein Türriegel, in der dunklen Ferne des Korridors schimmerte Licht auf: mit der Kerze in der Hand verließ Apollon Apollonowitsch den mit nichts zu vergleichenden Raum: ein mausgrauer Schlafrock, graue, rasierte Backen und riesige Konturen ganz toter Ohren zeichneten sich deutlich im tanzenden Licht und liefen aus der Helle in die völlige Dunkelheit hinein.

* * *

Nikolai Apollonowitsch dachte: »Es ist Zeit.«

Nikolai Apollonowitsch wußte, daß sie zum Meeting gegangen war (dafür bürgte die Begleitung Warwara Ewgrafownas), Nikolai Apollonowitsch dachte, daß schon zweieinhalb Stunden vergangen sind, seit er sie getroffen hatte; jetzt dachte er: »Es ist Zeit . . .«

Tatam -- tam -- tam!

Es war schon spät.

Sofja Petrowna war auf dem Wege nach Hause, sie verbarg ihr Näschen in den flaumigen Muff. Hinter ihrem Rücken dehnte sich die Troitzkibrücke, lief endlos gegen die Inseln, die stumm in der Ferne sich dehnten; über die große eiserne Brücke breiteten sich Schatten, legten sich auf das feuchte Geländer, legten sich auf die grünlichen, von Bazillen wimmelnden Wasserflächen.

Plötzlich weiteten sich Sofja Petrownas Augen, begannen zu zwinkern, schielten: unter dem feuchten, feuchten Geländer lag mit gespreizten Beinen ein dunkles tigerartiges Tier, in den Zähnen eine silberne Reitpeitsche; die runde Schnauze des tigerartigen Tieres war zur Seite gewandt; als Sofja Petrowna in diese Richtung den Blick warf, sah sie das wächserne Gesicht mit den vorstehenden Lippen, den Blick auf das grünliche, von Bazillen wimmelnde Wasser gerichtet; es schien, als barg dies Gesicht in sich einen teuflischen Gedanken, der in ihr seinen Widerklang gefunden hatte; denn quälend verfolgten sie in den letzten zwei Tagen die Worte aus der allbekannten Romanze:

Wir standen am Ufer der Newa Und sahen dem purpurnen Sonnenuntergang zu.

Und nun, er stand auf dem Ufer der Newa und sah dumpf auf das Grün, oder nein -- er flog mit dem Blick in die Ferne, wo sich die Ufer breiteten, wo sich resigniert die Inselhäuser duckten, wo über den weißen Festungswänden hoffnungslos und kalt die qualvoll scharfe, herzlose, kalte Spitze der Petropawlowski-Festung zum Himmel ragte.

Es zog sie zu ihm -- was sind Worte, was sind Gedanken! Aber er, er bemerkte sie wieder nicht; mit den vorstehenden Lippen und glasig erweiterten Augen ähnelte er in seinem weiten Mantel einem kleinen, armlosen Krüppel.

Als sie vorbei war, wandte sich Nikolai Apollonowitsch langsam um und ging mit raschem, trippelndem Schritt fort; an der Ecke vor der Brücke wartete sein Wagen; der bald dahinraste; und als sein Wagen Sofja Petrowna überholte, wandte Nikolai Apollonowitsch, während er, zum Hunde niedergebeugt, mit den Händen dessen Halsband herunternahm, den Blick der einsam schreitenden dunklen Gestalt zu, die ihr Näschen in den Muff gesteckt hat; er sah sie an, lächelte; doch der Wagen raste vorbei.

Plötzlich, unerwartet, begann der erste Schnee zu fallen; seine lebendigen Diamanten schimmerten tanzend im Lichtkreis der Laterne; nur ganz, ganz matt beschien der Lichtkreis auch eine Mauer des Palais, den Kanal und die kleine steinerne Brücke; leer war es rundum; eine einsame Droschke wartete auf jemand an der Ecke, und der Kutscher pfiff sorglos ein Liedchen; in der Droschke lag nachlässig hingeworfen ein weiter grauer Mantel.

Sofja Petrowna Lichutina blickte, auf der Brücke stehend, verträumt in die Tiefe; Sofja Petrowna Lichutin war schon öfters dagestanden; einmal stand sie auch mit ihm da; und sie sprach von den göttlichen, wundervollen, zauberhaften Klängen einer Oper und, mit dem Fingerchen dirigierend, sang sie halblaut:

»Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam!«

Nun stand sie wieder da; ihre Lippen öffneten sich, das Fingerchen hob sich in die Höhe:

»Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam!«

Plötzlich hörte sie Schritte, die sich ihr rasch näherten. Sie sah sich um -- und schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote Domino, lief wie suchend bald hin, bald her und stürzte, die Frauengestalt auf der Brücke entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt die Maske weit vor sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen breiten Spitzenfächer. Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der laufenden Maske kaum Zeit, sich klar darüber zu werden -- daß der rote Domino eine Narrenmaske sei, daß ein geschmackloser Witzbold (und wir wissen, wer es war) mit ihr einfach einen Scherz machen wollte, daß hinter der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht verbarg -- Sofja Petrowna dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), daß die Welt ein sonderbares Loch bekommen habe und daß sich auf sie aus diesem Loch, keinesfalls aber aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spaßvogel stürzte; wer dieser teuflische Spaßvogel sei, das hätte sie kaum zu erklären vermocht.

Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brücke erreichte, riß ein Windstoß an dem roten Narrenanzug so heftig, daß seine Flügel übers Geländer in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein wohlbekannter Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in den armseligen Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und fiel mit der ganzen Wucht seines Körpers zu Boden; über ihm aber klang jetzt lautes, unbändiges Lachen:

»Kleiner Frosch, Scheusal -- roter Narr! . . .«

Ein flinker kleiner Frauenfuß stieß zornig gegen den Narren.

Längst des Kanals eilten inzwischen bärtige Männer daher, aus der Ferne ertönte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr stürzte zur Droschke; man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine Gestalt bewegte, bemüht, den Mantel wieder über die Schulter zu ziehen. Sofja Petrowna begann zu weinen und verließ im Laufschritt die verruchte Stelle. Vom Kanal her lief bellend in der Richtung der Droschke die stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen Beine flitzten nur so dahin, und hinterher raste ein Gefährt, in dem zwei Schutzleute saßen.

Es winselte ein toller Hund

Sofja Petrowna lief gekränkt auf die andere Seite; gekränkt vergoß sie Tränen in ihren Muff; an das schreckliche, für sie ewig schmachvolle Geschehnis konnte sie nicht denken. Hätte Nikolai Apollonowitsch sie nur in anderer Weise beleidigt, hätte er sie lieber geschlagen, hätte er sich in seinem roten Domino übers Geländer gestürzt -- sie würde ihr ganzes weiteres Leben mit grausigem Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache, Rache!

Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer hing ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne abzulegen, flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie riß mit derber, prosaischer Geste die Tür auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff und flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschön geschwollen war: flog hinein und blieb stehen.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er selbst aber in schneeweißem Hemd und Hosenträgern -- lag auf den Knien, einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt glänzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem Öllämpchen davor. Blaß zeichnete sich im Halbdunkel des Öllämpchens das Gesicht des Offiziers mit spitzem, blau erscheinendem Bärtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen Hand; Hand, Gesicht, Bart und weiße Brust schienen wie geschnitzt aus festem, duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die Lippen, kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und kaum merkbar rührten sich die aneinandergepreßten blauen Finger an der Stirn, das Kreuz schlagend.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drückte erst die bläulichen Finger auf die Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen seinen Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde nicht verlegen; sich vom Fußboden erhebend begann er gewissenhaft hängengebliebene Stäubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas langsam vollführten Handlung fragte er ruhig:

»Was hast du, Ssonjuschka?«

Die gleichmütige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja Petrowna, ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem scharfen Ruck fiel sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend, und begann laut zu weinen.

»Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein Kind! Kindchen, Kindchen! . . .«

»Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . .«

»Was ist geschehen? Sag'! . . . Wir wollen uns beide ruhig darüber beraten.«

»Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie mich! Sie scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . .«

Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und ließ sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder.

»Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Weiß nichts! . . .«

»Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wüßte gar nichts . . . Sieh mal . . .«

* * *