Part 7
Alle Völker werden dann ihre Plätze verlassen; einen großen Streit wird es geben, einen Streit, wie ihn die Welt noch niemals gesehen: die gelben Horden aus Asien, ihre festangesessenen Plätze verlassend, werden die europäischen Fluren mit Ozeanen von Blut überströmen; es wird, es wird -- ein Zusima geben! Es wird -- eine neue Kalkschlacht geben! . . .
Schlachtfeld von Kulikowo -- ich harre deiner!
Aufgehen wird dann die letzte Sonne auch über meinem geliebten Land. Wenn du, o Sonne, nicht aufgehst, dann versinken, o Sonne, unter den schweren mongolischen Fersen die europäischen Ufer, und weiße Gischt wird diese Ufer bespritzen, die Erdgeborenen werden wieder auf des Ozeans Grund sinken -- in das ureigene, in das längst vergessene Chaos . . .
Geh auf, o Sonne!
Geh auf!
* * *
Ein türkisblauer Durchblick glitt am Himmel hin; ihm entgegen flog durch die Wolken ein brennender Phosphorfleck, der sich plötzlich in die helleuchtende Mondscheibe wandelte; für einen Augenblick entflammte alles rundum: Wasser, Rinnsteine, Granit, die zwei Göttinnen über dem Viadukt, das Dach des vierstöckigen Hauses; hell blinkte die Kuppel des Issakijdoms; entflammt waren auch -- des Reiters Angesicht und der Kupferlorbeerkranz; allmählich erloschen die Lichter der Inseln, und das zweideutige Fahrzeug inmitten der Newa erwies sich als ein einfacher Schoner; ein heller Punkt leuchtete funkelnd von der kleinen Kapitänsbrücke: vielleicht das Lichtsignal des rotnasigen Bootsmanns mit der holländischen Mütze, vielleicht die helle Laterne des wachthabenden Matrosen.
Einem Rußwölkchen gleich, löste sich der Halbschatten vom kupfernen Reiter, und schwärzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der buschhaarige Grenadier und der Reiter.
Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch plötzlich von hellem Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein wird; er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein _eigenes_ Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschüttert, ergriffen, sehnsuchterfüllt stand er davor.
Und -- der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . .
Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige Hexenhaarsträhnen durchzogen die Höhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein brennender Phosphorfleck . . .
Plötzlich -- ein betäubendes Brüllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto; Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann verließen ihn die Kräfte. Er fiel plötzlich zu Boden, und zu seinen Füßen rollte seine durchnäßte Mütze, während er hinter seinem Rücken ein einem Wehklagen ähnliches Lispeln vernahm:
»Herr Jesus Christus! Steh uns bei!«
Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, daß es der Grenadier war.
»Herrgott, was war das?«
»Ein Auto: hohe japanische Gäste . . .«
Das Auto aber war nicht mehr zu sehen.
Stjopka
Hinter Petersburg, von Kolpino ab, läuft in Windungen die verlassene Straße: diese Gegend -- es gibt keine schrecklichere Gegend! Näherst du dich Petersburg morgens oder blickst beim Erwachen aus dem Fenster: -- tot; keine einzige Seele, kein Dorf; es ist, als wäre das Menschengeschlecht ausgestorben und die Erde selbst -- ein toter Körper.
Vielschlotiges, vielrauchiges Kolpino.
Von Kolpino gegen Petersburg läuft also diese sich windende Straße; sie schlängelt sich einem grauen Bande gleich; ihr Rand ist von Schotter und Telegraphenpfählen eingefaßt. Mit einem Bündel am Stock über der Schulter wanderte dort ein Arbeitsbursche dahin; wurde aus irgendeinem Grund fortgejagt; jetzt zog er auf seinem eigenen Rappen in der Richtung gegen Petersburg; um ihn herum borstete sich das gelbe Schilf; tot lagen die Steine am Wege; zuweilen flogen Schlagbäume auf und nieder, die Telegraphendrähte summten, anfangs und endlos. Der Arbeitsbursche war der Sohn eines verarmten Krämers; sein Name war Stjopka; kaum einen Monat hatte er in der Fabrik gearbeitet, nun ging er nach Petersburg.
Vielstöckige Mauerriesen kauerten zwischen den Fabrikschloten, da und dort, dort und hier; am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und der Horizont schien wie ein schmieriger Rußstreifen; und diesen Ruß atmeten dorten anderthalb Millionen Einwohner.
All das sah mein Stjopka, doch aus all dem machte er sich wenig; auf einen Schotterhaufen sich niederkauernd, aß er ein Stück von seinem Brot. Und weiter ging's: gegen Petersburg; gegen Petersburg, das giftige, rußbedeckte.
Am Abend dieses Tages öffnete sich die Tür der Hausmeisterwohnung; der Hausmeister Matweij Morschow saß gerade im Zimmer und las den »Börsenkurier«; die korpulente Hausmeisterin (sie litt immer an den Ohren) hatte einen Berg von Kissen auf dem Tische liegen und war eifrig bemüht, mit Hilfe russischen Terpentinöls die Wanzen aus denselben zu vertilgen; ein scharfer, ätzender Geruch erfüllte die Hausmeisterwohnung.
In diesem Augenblick ging quiekend die Tür auf; auf der Schwelle stand unsicher Stjopka (der Hausmeister Matweij Morschow auf der Wassiljewskij-Insel war sein einziger Landsmann in Petersburg; es war daher begreiflich, daß Stjopka ihn aufsuchte).
Am Abend erschien auf dem Tische eine Wodkaflasche; es erschienen auch Sauergurken; es erschien auch Beßmertny, der Schuhmacher, mit seiner Gitarre. Die Wodka lehnte Stjopka ab: um so mehr tranken der Hausmeister Matweij Morschow und Beßmertny, der Schuhmacher.
»Hör' nur mal . . . hör' nur mal, was der Landsmann da alles erzählt«, sprach schmunzelnd Morschow.
»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben«, zuckte der Schuster Beßmertny die Achseln; er berührte die Saite mit dem Finger, und es ertönte: bim, bim. Stjopka aber erzählte immer wieder von demselben: was sich in ihrem Dorfe für besondere Menschen eingefunden hatten, was diese besonderen Menschen über dies und jenes für Ansichten besaßen, wie sie im Dorfe des Kindleins Geburt, das heißt die Freiheit, verkündeten: o, die allgemeine Freiheit.
»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben; sie haben nicht den gehörigen Verstand: und niemand hat ihn.«
Der Schuster berührte wieder die Saiten, und es ertönte: bim, bim. Er sang dabei.
Stjopka erwiderte zuerst nichts; dann sang auch er ein Liedchen.
Wer aufmerksam gehorcht hatte, war der junge Herr, der oben die Mansarde bewohnte und zufällig in die Hausmeisterwohnung hereingetreten war; er fragte Stjopka über die von ihm erwähnten besonderen Menschen: was diese von dem »Untergang der Welt« prophezeiten und von der Zeit, in welcher dies geschehen werde; noch genauer erkundigte er sich über den fremden Herrn, der ins Dorf gekommen war. Mager war der Herr, litt, wie es schien, und trank auch zuweilen gern ein Gläschen; so daß Stjopka ihm öfters zugeredet hatte:
»Herr, Sie sind kränklich; der Tabak und die Wodka ist für Sie der Tod; auch ich frönte früher diesem Laster, ich trank: dann aber gab ich ein Gelübde . . . Vom Tabak und der Wodka ist alles Böse gekommen; ich weiß auch, wer das Volk mit Wodka vergiftet: der Japaner.«
»Woher weißt du das alles?«
»Von der Wodka? Erstens sagt es selbst Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi -- haben Sie sein Büchelchen >Der erste Brantweinbrenner< gelesen? -- Dasselbe sagten aber auch die Leute im Dorf, die besonderen.«
»Und das mit den Japanern?«
»Von den Japanern -- das weiß man schon: das wissen alle. Erinnern Sie sich noch an den Sturm, der in Moskau wütete; damals haben die Leute auch dies und jenes gesprochen; es sollen die Seelen der Erschlagenen gewesen sein: sie seien vom Jenseits, hieß es, über Moskau gezogen, denn sie waren ohne kirchlichen Segen von dannen gegangen. Und noch weiter hieß es: es bedeute einen Aufruhr, der in Moskau ausbrechen würde.«
»Und was wird mit Petersburg geschehen?«
»Was da geschehen wird: Die Chinesen errichten hier einen Götzentempel!«
Der junge Herr lud dann Stjopka zu sich in die Mansarde ein: die Wohnung des jungen Herrn war nicht hübsch, es bangte ihn, allein drinnen zu sitzen, da nahm er Stjopka zu sich hinauf und ließ ihn bei sich schlafen.
Er nahm ihn also mit nach oben, ließ ihn vor sich Platz nehmen, holte aus dem Koffer ein zerrissenes Schriftstück und las es Stjopka vor: »Eure politischen Überzeugungen sind mir klar und deutlich: es ist immer derselbe Teufelsspuk, immer dieselbe finstere Nacht; ihr glaubt mir nicht, aber ich weiß es schon zur Genüge: ich weiß, daß ihr es in Bälde erfahren werdet, wie es viele bald erfahren werden . . . Ich aber werde aus den unreinen Krallen befreit.
Es naht eine große Zeit: denkt daran, schreibt es euch auf, und sagt es euren Nachkommen« . . .
Stjopka zog mit der Nase laut die Luft ein, der junge Herr las noch lange das Schriftstück . . .
»So ist es -- so, so. Und wer hat das geschrieben?«
»Der ist im Auslande, verbannt ist er.«
»So--o . . .«
* * *
»Und was wird in der Zukunft geschehen, Stjopka?«
»Ich hörte: vor allem wird es ein Morden geben, dann kommt eine allgemeine Unzufriedenheit; dann wieder kommen Seuchen, Hunger; nun, und dann, sagen gelehrte Leute, wird es Unruhen geben: der Chinese wird sich gegen sich selbst erheben; die Mohammedaner -- auch sie werden sich rühren, aber daraus wird nichts . . .«
»Na, und weiter?«
»Was weiter? Da hast du, Herr, eine Prophezeiung: wir müssen eine Arche Noah bauen!«
»Wie bauen?«
»Wir werden sie schon bauen: Sie sagen es mir, ich sag' es Ihnen -- wir werden es uns zuflüstern.«
»Was werden wir uns zuflüstern?«
»Aber das eben, immer dasselbe: vom zweiten Erscheinen Christi.«
»Genug: das alles ist . . .«
* * *
»Komm hernieder, Jesus Christus!«
Ende des zweiten Kapitels.
Drittes Kapitel
Die Feier
Es hieß an einer sehr hohen Stelle zu erscheinen; das Erscheinen sollte sich gestalten, d. h. -- es gestaltete sich hochfeierlich.
Aus diesem Anlaß fanden sich außerordentliche Persönlichkeiten mit außerordentlich ernsten Gesichtern, in goldgestickten Uniformen, an besagter Stelle ein.
Es war ein Tag des Außerordentlichen. Dieser Tag war natürlich hell. In den frühesten Stunden schon funkelte am Himmel die Sonne: und alles funkelte, was nur zu funkeln vermochte: die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln.
In der Ferne fielen Kanonenschüsse.
Hätten Sie Muße genug, um einen Blick auf jene wichtige Stelle zu werfen, Sie hätten nur Lack, nur Glanz gesehen: Glanz lag auf den Spiegelscheiben; und selbstverständlich -- hinter den Spiegelscheiben; Glanz waren die Säulen; Glanz das Parkett; vor der Einfahrt ebenfalls Glanz; kurz: Lack, Schimmern und Glanz!
Es war ein Tag des Außerordentlichen; und er sollte natürlich in Glanz vergehen; und -- er verging natürlich in Glanz.
Vom frühen Morgen schon war jede Dunkelheit gewichen, und es war ein Leuchten, heller als das der Elektrizität, ein Leuchten des Tages; in dieser Helligkeit funkelte alles, was zu funkeln vermochte: die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln.
In der Mittagssonne donnerten Kanonenschüsse.
An diesem außerordentlichen, leuchtenden Morgen sprang aus dem Bett mit blendend weißen Bettlaken, im blendenden Schlafzimmer, ein kleines weißes Figürchen; dieses Figürchen erinnerte, weiß Gott weshalb, an einen Zirkusreiter. Nach einer heiligen Tradition alter Zeiten begann dieses Figürchen durch schwedische Gymnastik seinen Körper zu stärken; es streckte die Arme und Beine und machte zwölf (und mehr) Kniebeugen. Nach dieser nützlichen Übung rieb das Figürchen den nackten Schädel und die Hände mit Eau de Cologne.
Weiter, nachdem Schädel, Hände, Ohren und Hals mit kaltem Wasser erfrischt waren und der Kaffee, für den außerordentlichen Tag ins Schlafzimmer gebracht, eingenommen war, warf sich Apollon Apollonowitsch Ableuchow (wie die anderen hochgestellten Greise an diesem Tag) in das gestärkte Linnen; er steckte durch die Öffnung des panzerartigen Hemdes zwei überraschend große Ohren und den lackglänzenden Schädel. Dann holte Apollon Apollonowitsch Ableuchow aus dem Schrank die rotlackierten Schächtelchen, unter deren Deckel, in weichem Samt gebettet, seltene, kostbare Orden lagen. Wie den anderen hochgestellten Greisen, wurde auch ihm eine glänzende Uniform mit vergoldeter Brust gereicht; dazu eine Hose aus weißem Tuch, ein Paar weiße Handschuhe, eine Schachtel von besonderer Form, eine schwarze Säbelscheide, deren Griff mit silbernen Fransen verziert war; unter des gelben Nagels Druck flogen alle zehn rotlackierten Deckelchen auf, und hervorgeholt wurden: der Weiße Adler mit entsprechendem Stern und blauem Band und viele andere Orden, endlich auch die Brillantenzeichen; das alles legte sich auf die goldgestickte Brust. Apollon Apollonowitsch stand vor dem Spiegel, weißgoldig (ganz Schimmern und Schauer!), mit der Linken den Säbel an die Seite drückend, die Rechte mit dem pleureusengeschmückten Dreimaster und den weißen Handschuhen -- an der Brust. In dieser Schauer einflößenden Ausstattung lief Apollon Apollonowitsch den Korridor entlang.
Im Salon machte der Senator etwas verwirrt einen Augenblick halt; die außerordentliche Blässe und das nachlässige Aussehen des Sohnes versetzten den Senator in Erstaunen.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich an diesem Tage ungewöhnlich früh; nebenbei gesagt, hatte Nikolai Apollonowitsch diese Nacht überhaupt nicht geschlafen: am Abend rollte ein Wagen an das gelbe Haus heran; Nikolai Apollonowitsch sprang aus dem Wagen und begann kräftig zu läuten; als ihm der graue, goldbetreßte Lakai aufgemacht hatte, lief Nikolai Apollonowitsch, ohne den weiten Mantel abgenommen zu haben, die leere Zimmerflucht entlang und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Bald darauf begannen vor dem gelben Hause unbekannte Schatten zu spazieren. Nikolai Apollonowitsch wanderte in seinem Zimmer auf und ab; um zwei Uhr in der Nacht, dann um halb drei, selbst um vier hörte man noch immer seine Schritte.
Ungewaschen und übernächtig, saß Nikolai Apollonowitsch im bunten Schlafrock düster vor dem Kamin. Apollon Apollonowitsch, ganz Schimmer und Schauer, blieb unwillkürlich stehen, und auf dem glatten Parkett spiegelte sich sein Glanz; er stand vor einem Trumeau, umgeben von pausbackigen Putten; seine Finger trommelten leise auf der Inkrustation eines Tischchens. Nikolai Apollonowitsch sprang, plötzlich wie zu sich gekommen, auf, wandte sich um und schloß unwillkürlich die Augen: auch ihn blendete der weißgoldene Greis.
Der weißgoldene Greis war ihm Vater; doch verspürte Nikolai Apollonowitsch in diesem Augenblick nicht die geringsten verwandtschaftlichen Gefühle; er empfand im Gegenteil etwas ganz anderes, dasselbe vielleicht, was er schon in seinem Zimmer empfunden hatte; in seinem Zimmer übte nämlich Nikolai Apollonowitsch terroristische Akte an sich selbst: -- Nummer eins übte terroristische Akte an Nummer zwei, der Sozialist an dem Edelmann, der Tote an dem Verliebten; in seinem Zimmer verfluchte Nikolai Apollonowitsch sein irdisches Wesen, und da er das Ebenbild seines Vaters war, verfluchte er denselben logischerweise. Es war klar, daß seine Gottähnlichkeit ihn dazu bewog, seinen Vater zu hassen; liebte aber sein _irdisches_ Wesen dennoch den Vater? Dies würde Nikolai Apollonowitsch sich kaum gestanden haben. Lieben? . . . Ich weiß nicht, ob dieses Wort hier am Platz ist; Nikolai Apollonowitsch kannte seinen Vater gewissermaßen mit den eigenen Sinnen, kannte ihn bis zu den verborgensten Seelenwindungen, bis zum Beben der unaussprechlichen Gefühle; noch mehr: er glich, seinen Sinnen nach, dem Vater vollständig; am meisten wunderte es ihn, daß er psychisch nicht wußte, wo er selbst aufhörte und wo in ihm der Geist des Senators begann, des Trägers jenes funkelnden Brillantenordens unter anderen, die jetzt schimmerten auf der goldgestickten Brust. Er stellte sich im Augenblick vor (vielmehr er fühlte sich selbst in dieser prunkvollen Uniform): was hätte er empfunden, angesichts eines solchen unrasierten Kumpans im bunten bucharischen Schlafrock wie er? Es mußte ihm als Verletzung des guten Tones erscheinen. Nikolai Apollonowitsch begriff, daß er Ekel empfunden hätte, daß diesen Ekel jetzt sein Vater empfand. Er begriff auch, daß es ein Gemisch von Haß und Scham war, das ihn bewogen hatte, vor dem weißgoldenen Greis emporzuspringen:
»Guten Morgen, Vater.«
Der Senator aber fuhr fort, mit den Sinnen, instinktiv vielleicht, in dem Sohne das zu sehen, was ihm selbst nicht uneigen war; seinerseits dachte er sich absichtlich im Negligé, den Sohn dagegen als Karrieristen und Emporkömmling ganz weißgolden vor ihn tretend, und -- er zwinkerte ängstlich mit den Augen und erwiderte mit äußerst übertriebener Naivität, lustig und besonders familiär:
»Guten Tag.«
Der Träger der Brillantenzeichen schien seine eigene Endentwicklung in der Psychik des Sohnes nicht zu erkennen. In beiden war die Psychik zu sehr durch Logik verdrängt. Ihre Psychik erschien ihnen als Chaos, aus dem nur Überraschungen hervorgingen: wenn sie sich aber psychisch berührten, so waren sie wie zwei gegeneinander gerichtete, in einen Abgrund führende Luftlöcher, und vom Abgrund zum Abgrund lief ein höchst unangenehmer Luftzug; diesen Luftzug verspürten jetzt beide; und die Gedanken der beiden mischten sich, so daß der Sohn sicher die Gedanken des Vaters hätte weiterdenken können.
Beide ließen die Augen sinken.
Die undefinierbare Empfindung des Verwandtseins glich am allerwenigsten der Liebe; wenigstens kannte das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs diese Liebe nicht. Dieses undefinierbare Verwandtsein empfand er als schmachvollen physiologischen Akt; in diesem Augenblick würde er das Hervortreten verwandtschaftlicher Gefühle als eine natürliche Absonderung seines Organismus betrachtet haben: Absonderungen dieser Art aber pflegt man weder zu lieben noch zu hassen: man ekelt sich einfach vor ihnen.
Ein kraftloser Froschausdruck erschien auf seinem Gesichte.
»Sie sind heute in Gala?«
Finger berührten Finger und sprangen zurück. Apollon Apollonowitsch wollte, schien es, den Grund seiner feierlichen Ausstattung erklären; auch wollte er nach der Ursache der unnatürlichen Blässe des Sohnes fragen wie seines Erscheinens in so ungewohnter Stunde. Die angefangenen Worte blieben ihm jedoch in der Kehle stecken und gingen in ein Husten über. In diesem Augenblick meldete der eintretende Diener, daß der Wagen warte. Gleichsam erfreut winkte Apollon Apollonowitsch dankbar dem Lakai zu:
»So--o, schön.«
Apollon Apollonowitsch, ganz Schauer und Glanz, rauschte an seinem Sohn vorbei; bald verklangen seine Schritte in der Ferne. --
Nikolai Apollonowitsch spähte seinem Vater nach; auf seinem übernächtigen Gesichte erschien wieder ein Lächeln: der Abgrund hatte sich vom Abgrund abgewandt; der Luftzug wehte nicht mehr. Nikolai Apollonowitsch Ableuchow dachte an das letzte Zirkular des Apollon Apollonowitsch, das im vollständigen Gegensatz zu seinen eigenen Plänen stand; Nikolai Apollonowitsch kam zu dem Schluß, daß sein Vater, Apollon Apollonowitsch, ganz einfach -- ein ausgemachter Schuft war.
Auf dem Meeting
Nach dem naßkalten Schmutz der ersten Oktobertage badeten eines Tages die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln im blendenden Glanz der Oktobersonne. Engel Peri blieb an diesem Tag allein; der Gatte war abwesend; er verwaltete -- irgendwo dort -- den Proviant; der unfrisierte Engel schwebte in seinem rosa Kimono zwischen den Vasen mit Chrysanthemen und dem Berg Fujiyama. Die Falten des Kimonos flatterten wie Atlasflügel, und der besagte Engel biß unter der Hypnose eines Gedankens bald sein Taschentüchlein, bald das Ende des schwarzen Zopfes. Nikolai Apollonowitsch blieb natürlich nach wie vor der schuftigste Schuft, aber auch der Zeitungsreporter Neintelpfein -- so einer! -- war auch -- ein Vieh. Die Gefühle des Engels waren bis zum Äußersten aufgewühlt.
Um ein wenig die aufgewühlten Gefühle ins Gleichgewicht zu balancieren, kauerte sich Engel Peri mit untergeschlagenen Beinen auf ihre Chaiselongue hin und schlug das Büchlein von: Henri Besançon »Der Mensch und sein Körper« auf. Dieses Büchlein hatte Engel Peri schon des öfteren aufgeschlagen, aber . . . (und noch einmal aber): das Büchlein fiel ihr jedesmal aus den Händen, die Augen schlossen sich im Nu, im kleinen Näschen entstand ein stürmisches Leben: es pfiff darin und schnaufte.
Nein, heute wird sie nicht einschlafen: Baronin R. R. hatte sich schon einmal nach dem Büchlein erkundigt; als sie hörte, daß es bereits gelesen ist, fragte sie schelmisch: »Na, und was meinen Sie dazu, ma chère?« Aber »ma chère« erwiderte gar nichts; und Baronin R. R. drohte ihr mit dem Fingerchen: Doch nicht umsonst hatte sie auf die Titelseite des Büchleins geschrieben: »meiner devanchanischen Freundin« und als Unterschrift: »Baronin R. R. -- eine irdische Hülle, doch mit buddhistischen Funken.«
Aber gestatten Sie: was ist es: »devanchanische Freundin«, »Hülle«, »buddhistischer Funken«? Das sollte ihr nun Henri Besançon jetzt erklären. Und Sofja Petrowna wollte sich diesmal in ihn vertiefen; aber kaum hatte sie das Näschen in Henri Besançon gesteckt, als die Glocke ertönte und, einem Sturme gleich, die Kursistin Warwara Ewgrafowna ins Zimmer hereinflog. Engel Peri hatte nicht Zeit, das kostbare Büchlein zu verstecken und wurde bei der Tat ertappt.
»Was ist das?« rief streng Warwara Ewgrafowna, setzte den Zwicker auf die Nase und beugte sich über das Büchlein . . .
»Was haben Sie da? Wer hat's Ihnen gegeben?«
»Die Baronin R. R.«
»Na, freilich . . . Und was ist das?«
»Henri Besançon . . .«
»Sie wollen sagen: Anni Besant . . . Der Mensch und sein Körper? . . . So ein Unsinn . . .«
Die blauen Äuglein zwinkerten ängstlich, während die roten Lippen sich schmollend zusammenzogen.
»Die Bourgeoisie, ihr Ende fühlend, warf sich auf die Mystik: überlassen wir den Himmel den Spatzen, und bauen wir aus dem Reich der Notwendigkeiten das Reich der Freiheit.«
Und Warwara Ewgrafowna übergoß den Engel mit sieghaftem Blick: die Äuglein des Engels aber zwinkerten noch hilfloser; Engel Peri achtete Warwara Ewgrafowna und Baronin R. R. in gleicher Weise, und nun sollte sie zwischen ihnen wählen. Zum Glück machte Warwara Ewgrafowna aus der Sache keine Affäre; die Beine übereinandergeschlagen, wischte sie den Zwicker.
»Es handelt sich um folgendes . . . Sie werden sicher auf dem Ball bei den Zukatows sein . . .«
»Ja«, erwiderte schuldbewußt der Engel.
»Es handelt sich also darum: auf diesem Ball wird, wie ich erfahren habe, auch unser gemeinsamer Bekannter sein: Ableuchow.«
Der Engel errötete.
»Nun also, Sie übergeben ihm hier diesen Brief.« -- Warwara Ewgrafowna streckte dem Engel ein Kuvert entgegen.
»Übergeben Sie ihn, weiter nichts: werden Sie es tun?«
»Ich werde . . . ich werde ihn übergeben.«
»Schön also. Ich habe augenblicklich leider wenig Zeit, ich muß zu einem Meeting . . .«
»Liebste Warwara Ewgrafowna, nehmen Sie mich mit.«
»Aber fürchten Sie sich denn nicht? Es kann zu einer Schlägerei kommen.«
»Nein, Liebste, nehmen Sie mich mit.«
»Dann bitte, kommen Sie. Aber Sie werden erst noch Toilette machen müssen, sich pudern und so weiter . . . Machen Sie es rasch . . .«
* * *
Daß sie »ihn« morgen auf dem Ball bei Zukatows sehen, mit ihm sprechen, ihm den Brief hier übergeben wird -- all das war beängstigend und schmerzhaft: Schicksalschweres lag darin -- nein, nicht denken, nicht denken!
Eine trotzige, schwarze Haarsträhne fiel auf den Nacken.
»Ja, der Brief.« Auf dem Brief stand deutlich zu lesen: An Nikolai Apollonowitsch Ableuchow. Sonderbar war nur dies: diese Schrift war die Schrift Lipantschenkos . . .
Welcher Unsinn!
Nun ist sie schon in ihrem Wollkleid, das am Rücken geknöpft war.
»Also gehen wir, gehen wir . . . Übrigens, dieser Brief . . . von wem ist er? . . .«
»?«
»Ach so, dann nicht, nicht: ich bin fertig.«
Warum wollte sie durchaus zum Meeting? Um unterwegs auszufragen, auszuforschen?