Part 6
»Nur das?« rief Apollonowitsch Nikolai. Er wagte noch kaum zu glauben, daß das beängstigende Erscheinen des Unbekannten nicht _jenes schreckliche_ Versprechen betraf, daß es sich nur um ein harmloses Paketchen handelte; rasch erhob er sich und näherte sich dem Paket; doch seltsamerweise erhob sich auch der Unbekannte und trat zwischen Nikolai Apollonowitsch und das Paket; und als die Hand des Senatorsohnes nach diesem griff, erfaßte der Unbekannte derb seine Finger:
»Vorsichtig, um Gottes willen . . .«
Da ertönte plötzlich ein metallischer Laut, ein Knall; man hörte das Quieken einer gefangenen Maus; im Nu flog das Taburett zu Boden, und mit eiligen Schritten lief der Unbekannte in die Ecke:
»Nikolai Apollonowitsch! Nikolai Apollonowitsch,« rief seine ängstliche Stimme, »eine Maus, eine Maus . . . Sagen Sie geschwind Ihrem Diener . . . daß, das . . . _das_ kann ich nicht ertragen . . .«
Nikolai Apollonowitsch wunderte sich.
»Sie fürchten sich vor Mäusen? . . .«
»Rasch, rasch . . . schaffen Sie sie fort . . .«
Nikolai Apollonowitsch beeilte sich, den Knopf der elektrischen Klingel zu drücken und sah ordentlich komisch aus, in der Hand die gefangene Maus haltend, die allerdings in der Falle saß, und Nikolai Apollonowitsch neigte sein Gesicht fast bis an den Draht, um das Tierchen genauer zu betrachten.
»Ein Mäuschen«, sprach er, die Augen zum hereintretenden Diener gewandt; höflich wiederholte seinerseits dieser:
»Ein Mäuschen.«
* * *
Nikolai Apollonowitsch trug endlich das Paket in sein Arbeitszimmer; es fiel ihm flüchtig nur auf, daß das Paketchen so schwer war; doch dachte er darüber nicht weiter nach; nur als er auf dem weichen Teppich leicht stolperte, ertönte aus dem Paket ein metallischer Klang; der Unbekannte fuhr bei diesem Laut leicht in die Höhe, und dabei beschrieben seine Arme jene Zickzacklinie in der Luft, die den Senator vor kurzem so erschreckt hatte.
Doch es geschah nichts: der Unbekannte erblickte nur zu seiner nicht geringen Verwunderung auf dem Lehnstuhl im Nebenzimmer einen faltenreichen roten Domino und eine schwarze Maske; während Nikolai Apollonowitsch einen Platz in seiner Schreibtischlade freimachte und, vorsichtig, das Paketchen hineintat, betrachtete der Unbekannte den Domino; zugleich sprach er lebhaft Gedanken aus, die in ihm gründlich gereift zu sein schienen:
»Wissen Sie . . . Die Einsamkeit richtet mich zugrunde. Ich habe in diesen Monaten verlernt zu reden. Merken Sie nicht, daß meine Worte verworren sind?«
Nikolai Apollonowitsch, den bucharischen Rücken dem Gaste zugewandt, sagte hierauf durch die Zähne:
»Na, das geschieht zuweilen mit jedem.«
Der Unbekannte sprach hinter seinem Rücken weiter:
»Ich finde mich nicht mehr in den Sätzen zurecht. Ich will irgendein Wort sagen, sage aber etwas ganz anderes: drehe mich immer im Kreis um die Sache herum . . . Ich vergesse zuweilen die Namen der gewöhnlichsten Gegenstände, und wenn ich auf sie komme, dann zweifle ich, ob sie richtig sind. Ich wiederhole mir: Lampe, Lampe, Lampe; plötzlich aber scheint es mir, daß ein solches Wort gar nicht existiere. Ich habe meist niemand, den ich fragen könnte; und den ersten besten zu fragen, davon hält mich Scham zurück; man würde mich am Ende für einen Wahnsinnigen halten.«
»Aber was fällt Ihnen ein . . .«
Übrigens, was das Paket betrifft: hätte Nikolai Apollonowitsch aufmerksam auf die Mahnungen zur Vorsicht seitens seines Gastes geachtet, er würde begriffen haben, daß das vermeintlich harmlose Paketchen keinesfalls so harmlos war; aber er beachtete es nicht und verstand auch kaum die jetzt aufgefangenen Worte. Indessen fuhr die prasselnde Fistelstimme fort, ihn auf den Rücken zu trommeln:
»Das Leben ist schwer für einen, der, wie ich, in der Torricelli-Luftleere . . .«
»Torricelli?« fragte verwundert Nikolai Apollonowitsch, ohne auf die Rede zu achten.
»Ja, eben -- Torricelli-Luftleere, und das alles im Namen der Allgemeinheit, der Sache für die Allgemeinheit; diese Sache für die Allgemeinheit hat aber mich aus der Liste der Lebenden gestrichen. Meine Gesellschaft sind Wanzen und Mauerkäfer. Ich bin nur -- ich. Hören Sie mir zu?«
»Gewiß doch.«
Nikolai Apollonowitsch hörte jetzt tatsächlich zu.
Hier aber schwieg plötzlich der Unbekannte. Denn Nikolai Apollonowitsch hatte den Schreibtisch abgesperrt und wandte sich um.
»Wissen Sie: ich wollte Sie schon längst einmal sehen, um mich einmal vor Ihnen auszusprechen: ich sehe so wenige. Ich wollte Ihnen von mir erzählen.«
»Von wem? . . . Aber warten Sie, warten Sie: ich habe einen Kognak im Schränkchen -- mögen Sie . . .«
»Nicht abgeneigt . . .«
Bald erschien vor dem Gast eine kleine Karaffe und zwei geschliffene Weingläschen.
Während er dem Gast das Glas füllte, dachte Nikolai Apollonowitsch daran, daß jetzt die beste Gelegenheit sei, sich von dem damaligen Versprechen loszusagen; als er aber diesen Gedanken in Worte einkleiden wollte -- wurde er verlegen; aus Feigheit vermochte er es nicht, sich vor einem Fremden feige zu zeigen.
»Ich lese jetzt Conan Doyle zur Erholung,« fuhr der Unbekannte zu prasseln fort, »Meine Lektüre würde Ihnen überhaupt sehr verrückt erscheinen: ich lese die Geschichte des Gnostizismus, Gr. Nissk., den Syrianer, den Apokalypsis. Das ist, wissen Sie, mein Privileg. Die Originalität meiner geistigen Nahrung kommt von denselben Sonderstellungen. Ich bin ein revolutionärer Snob, wie es militärische Snobs gibt, die sich den Georgsorden verdient haben: einem alten Kriegsmann mit Verdiensten verzeiht man manches.«
Der Unbekannte wurde nachdenklich, dann füllte er sein Gläschen, trank es aus, um es von neuem zu füllen.
»Und warum sollte ich auch nicht nach meinem Eigenen, Persönlichen suchen: Ich privatisiere auch so zwischen vier gelben Wänden.«
»Sie waren ja deportiert gewesen?«
»Ja, nach Jakutsk.«
Hier entstand ein verlegenes Schweigen. Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen sah aus dem Fenster auf die Fläche der Newa. Schwänze von Rauch hingen über dem dunkelfarbigen Gewässer. Der Unbekannte nippte aus dem Gläschen, dann sah er die gelbe Flüssigkeit an: seine Hände zitterten.
Nikolai Apollonowitsch sagte beinahe mit . . . Haß:
»Den Massen aber sagen Sie wohl nichts davon?«
»Natürlich schweig' ich noch so lange.«
»Nun, und nach der Rückkehr aus Jakutsk?«
»Die Flucht aus Jakutsk war mir gut gelungen; ich wurde in einem Sauerkrautfaß herübertransportiert, und jetzt bin ich das, was ich bin: ein Arbeiter im Dunkeln. Glauben Sie ja nicht, ich arbeite im Namen sozialer Utopien oder im Namen eurer Eisenbahn -- Gedankengänge. Eure Kategorien erscheinen mir wie Schienen und euer Leben wie ein rollender Eisenbahnwagen; ich war früher auch ein vollendeter Nietzscheaner. Wir alle sind ja Nietzscheaner: auch Sie, Herr Ingenieur Ihrer Eisenbahnlinie, sind es, nur werden Sie es nie zugeben. Nun also: für uns, Nietzscheaner, ist die agitatorisch und revolutionär gestimmte Masse die Klaviatur, über die die Finger des Pianisten frei laufen, eine Schwierigkeit nach der anderen überwindend; und während irgendein Gaffer im Parkett sich an den göttlichen Beethoventönen labt, liegt für den Spieler und für Beethoven die Sache nicht in den Tönen, sondern im Septakkord. Sie wissen ja, was Septakkord ist? So sind wir alle!«
»Also Sportsmänner der Revolution!«
»Was ist dabei? Ist denn der Sportsmann nicht Artist? Ich bin Sportsmann aus reiner Liebe zur Sache, und deshalb bin ich Artist.«
Wieder entstand verlegenes Schweigen. Nikolai Apollonowitsch zupfte geärgert am Knopf seines Ruhebetts.
»Alles ist aufgebaut auf Kontrasten! Und meine Tätigkeit für die Gesellschaft brachte mich in die traurigen Regionen des Eises. Hier gedachte man wohl meiner, man vergaß aber, daß ich dort allein war, in einer Leere; und während ich in dieser Leere versank, verlor ich alle Parteivorurteile, alle Kategorien, wie Sie sagen würden: seit Jakutsk habe ich nur eine einzige Kategorie. Und wissen Sie, welche?«
»Welche denn?«
»Die Kategorie des Eises . . .«
»Wie meinen Sie dies?«
Wohl vom Nachdenken oder vom Alkohol nahm hierbei das Gesicht Alexander Iwanowitschs einen seltsamen Ausdruck an. Seine Farbe, ja selbst sein Umfang veränderte sich kraß (es gibt Gesichter, die sich jäh verändern): er schien jetzt ganz berauscht.
»Die Kategorie des Eises -- das Eis der jakutischen Gegend; ich trage es immer im Herzen; das ist es, was mich von den anderen scheidet; ja, ja, ja; das Eis scheidet mich: erstens als Menschen, der unter fremdem Namen lebt, und dann hat mir dieses Eis jene besondere Eigenschaft verliehen, durch die ich mich, auch wenn ich unter Menschen bin, in die Un--ermeßlichkeiten versetzt fühle . . .«
Nikolai Apollonowitsch empfand eine seltsame Kälte: sein an die Partei gegebenes Versprechen war ja noch nicht zurückgenommen; von den Worten des Unbekannten wehten so durchdringlich eisige Ebenen; wie sein Vater liebte Nikolai Apollonowitsch nicht die Weite.
Inzwischen stand Alexander Iwanowitsch beim Fenster und lächelte:
»Ein Programm für die Revolution hat unsereiner nicht nötig: das ist etwas für Theoretiker, Publizisten, Philosophen . . .«
Plötzlich brach er ab und schwieg: aus dem schlackigen Nebel rollte ein Wagen heran, die Wagentür flog auf, und Apollon Apollonowitsch sprang rasch hervor und warf einen flüchtigen, ängstlichen Blick auf die Spiegelscheiben der Fenster. Auch Alexander Iwanowitsch empfand eine jähe Angst und führte die Hand vor die Augen.
»Er . . .«
»Was ist los?«
»Nichts Besonderes: Ihr Vater ist mit dem Wagen gekommen.«
Wände -- Schnee und nicht Wände
Apollon Apollonowitsch liebte seine geräumige Wohnung nicht; ihre Möbel glänzten zu aufdringlich, so in alle Ewigkeit . . .
Lauttönend, grell hallten die Schritte des Senators durch den Saal. Von der mit weißen Girlandenmustern verzierten Decke, aus dem Kreis der Stuckfrüchte, hing ein Lüster aus Bergkristall. Er wiegte sich, durchschimmernd, behangen von durchsichtigen Mullgeweben, und bebte in kristallenen Tränen.
Die Quadrate des Parketts glänzten wie ein Spiegel. Die Wände: Schnee -- und nicht Wände. Hochbeinige Stühle standen dort und goldene Rinnen liefen die weißen Beine entlang; zwischen den Stühlen mit cremefarbenen Plüschsitzen glänzte das Weiß der hohen Alabastertischchen, auf deren jedem sich ein Archimedes aus demselben Material erhob. Aber es war nicht nur Archimedes, es waren auch andere Griechen. Kalt blinkte von den Wänden das eingelegte ernst-eisige Spiegelglas; doch eine sorgliche Hand hängte auch dahin rundrahmige Bilder von blaßblauen Tönen, die an die Fresken von Pompeji erinnerten.
Apollon Apollonowitsch warf im Vorübergehen einen flüchtigen Blick auf die Fresken und gedachte derjenigen Hand, die sie dahin gehängt; diese sorgliche Hand war die der Anna Petrowna: Apollon Apollonowitsch verzog verächtlich den Mund und schritt in der Richtung seines Arbeitszimmers weiter. Zwei Jahre waren es her, seit Anna Petrowna ihn, eines italienischen Sängers wegen, verlassen hatte. --
Eine Persönlichkeit
Mit dem Erscheinen des Senators im Hause wurde der Unbekannte von Nervosität ergriffen; seine bis dahin glatt fließende Sprache wurde holprig: wahrscheinlich die Wirkung des Alkohols; überhaupt schien sein Gesundheitszustand bedenklich; die Gespräche, die er mit sich selbst und mit anderen führte, lösten in ihm ein sündhaftes Gefühl aus und wirkten quälend auf sein Rückenmark; er empfand einen sonderbaren, düsteren Ekel vor seinen interessierenden Gesprächen; dieser Ekel übertrug sich dann auf ihn selbst; diese äußerlich harmlosen Unterhaltungen schwächten ihn sehr; doch am unangenehmsten war der Umstand, daß, je mehr er sprach, um so unwiderstehlicher sich in ihm das Bedürfnis regte, noch weiterzusprechen; er konnte nicht mehr Einhalt tun und erschöpfte sich mehr und immer mehr; manchmal ging dies so weit, daß er dann vom Verfolgungswahn befallen ward; in Träumen setzten sich diese Anfälle fort: er hatte furchtbare Träume; der Albdruck kehrte oft dreimal in einer Nacht wieder.
All das fiel Alexander Iwanowitsch ein, und er schüttelte die Achseln: als hätte die Rückkehr des Senators seine Seele wieder in Aufruhr gebracht; ein fremder Gedanke beunruhigte ihn. Zuweilen näherte er sich der Tür und horchte auf kaum vernehmbare, ferne Schritte: die Schritte des Senators, der sich in seinem Zimmer bewegte.
»Nun hören Sie meinem Geschwätz weiter zu, Nikolai Apollonowitsch: in all den Worten über die Selbstbehauptung meiner Persönlichkeit liegt ja wiederum Krankhaftigkeit. Ich spreche mit Ihnen, debattiere -- aber nicht mit Ihnen debattiere ich, sondern mit mir, nur mit mir selbst. Der Partner bedeutet für mich gar nichts: ich spreche ebenso mit Wänden, mit Laternenpfahlen, mit vollendeten Idioten. Ich höre nicht auf fremde Gedanken, das heißt ich höre nur davon das, was mich selbst, was das _meine_ betrifft. Ich kämpfe, Nikolai Apollonowitsch: die Einsamkeit ist der Angreifer; ich sitze stunden-, tage-, wochenlang in meiner Mansarde und rauche. Dann beginnt es mir zu scheinen, als wäre alles nicht das Eigentliche. -- Kennen Sie das?«
»Ich kann es mir nicht deutlich vorstellen. Ich hörte, so was kommt bei Herzschwäche vor. Beim Anblick von leeren Flächen, in deren Nähe sich nichts befindet . . . Das versteh' ich eher.«
»Ich aber nicht; doch wenn ich so allein sitze . . . da sag' ich mir: warum bin ich -- ich? Und da scheint es mir: ich bin es eben gar nicht. Oder: da steht vor dir ein Tischchen. Weiß der Teufel: ist das ein Tischchen, oder ist es keines? Und ich sage mir: was hat doch das Leben aus dir gemacht? Aber glauben Sie: ich bin nur allein krank? Oho: auch Sie, Nikolai Apollonowitsch, sind es. Fast alle sind -- krank. Lassen Sie, ich weiß alles, was Sie sagen wollen, und doch: ha--ha--ha! -- Fast alle Ideenarbeiter in der Partei sind in derselben Weise krank; nur bei mir tritt es deutlicher hervor. Ich hab' auch in früherer Zeit, wissen Sie, die Parteiarbeiter gern beobachtet: eine gefüllte Versammlung; Geschäfte, Rauch, Gespräche -- über lauter Erhabenes, Edles; mein Genosse ist voll Aufregung; dann aber lädt er mich ein, mit ihm ins Restaurant zu gehen.«
»Nun, und was dann?«
»Nun, da erscheint natürlich Wodka und dergleichen; ein Glas hübsch nach dem anderen; ich beobachte nun: zeigte sich nach dem Wodka um den Mund meines Partners so ein Schmunzeln (welches es ist, kann ich Ihnen nicht sagen), dann wußte ich: auf diesen Ideenarbeiter ist kein Verlaß; seinen Worten und seinem Tun ist kein Glauben zu schenken; dein Partner ist krank -- an Willensschwäche, an Neurasthenie; und nichts, glauben Sie mir, nichts in der Welt schützt ihn vor Gehirnerweichung: dieser Partner ist nicht nur fähig, in schwieriger Situation sein Wort zu brechen (Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen): er ist auch fähig zum ganz einfachen Diebstahl und Verrat. Und sein Verbleiben in der Partei ist Provokation, Provokation. Seither lernte ich die Bedeutung solcher, wissen Sie, Fältchen um den Mund, kleiner Schwächen, eines Auflachens, einer Grimasse verstehen; und wohin ich meine Augen wende, überall, überall stoße ich auf Zerrüttung des Gehirns -- eine allgemeine, schleichende, nicht zu fassende Provokation -- versteckt hinter einem solchen, wissen Sie, kurzen Auflachen; welcher Art -- könnte ich Ihnen nicht sagen, aber ich erkenne es mit unfehlbarer Sicherheit -- ich habe es auch bei Ihnen erkannt.«
»Dann sind aber auch Sie ein Provokateur. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich meine es in idealem Sinne.«
»Ich -- ja, ja, ja. Ich bin ein Provokateur. Aber meine ganze Provokation betätigt sich im Namen einer großen, heimlich aus Fernen rufenden Idee; eigentlich nicht einer Idee, sondern einer Strömung.«
Die Erregung des Unbekannten übertrug sich auf Ableuchow; die bläulichen Tabakwellen und die zwölf zerknüllten Zigarettenstummel machten ihn durchaus nervös. Als wäre ein unsichtbarer Dritter zwischen sie getreten.
»Warten Sie, ich geh' mit Ihnen; mir brummt der Schädel. Wir können draußen ungestört weiterreden.«
»Ein vorzüglicher Gedanke.«
Ein scharfes Pochen an die Tür unterbrach ihn, und ehe Nikolai Apollonowitsch fragen konnte, wer da sei, öffnete der halbberauschte Alexander Iwanowitsch die Tür. Hart vor ihm, fast an seine Stirn stoßend, befand sich ein nackter Schädel mit großen, allzu großen Ohren. Der Unbekannte sprang zurück und sah zu Nikolai Apollonowitsch hinüber; doch was er erblickte, war nur . . . eine Friseurladenpuppe: ein blasses, schönes Wachsgesicht mit unangenehmem Lächeln auf dem bis zu den Ohren gehenden Munde.
In der offenen Tür stand Apollon Apollonowitsch, eine riesige Melone unterm Arm . . .
»So--o--o, so--o--o. Ich habe, scheint es, gestört . . . Ich brachte dir dieses Melonchen da, Kolenka . . .«
Es war Tradition des Hauses, daß Apollon Apollonowitsch, wenn er in der Herbstzeit vom Dienst nach Hause fuhr, eine Astrachaner Melone mitbrachte, für die beide, sowohl er wie sein Sohn, eine Passion hatten.
Alle drei bewahrten einen Augenblick Schweigen; während dieses Augenblicks empfand jeder von ihnen ganz offen eine tierische Angst.
»Mein Universitätskollege, Vater . . . Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«
»So--o--o . . . Sehr angenehm.«
Apollon Apollonowitsch reichte zwei Finger: _jene Augen_ -- ohne den schrecklichen Blick; war es in Wahrheit jenes Gesicht, das ihn auf der Straße anblickte? Apollon Apollonowitsch sah vor sich einen schüchternen, offensichtlich von Not bedrückten Menschen.
Doch drei Herzen pochten laut; drei Augenpaare vermieden es, einander zu begegnen. Nikolai Apollonowitsch rannte hinaus, um sich umzuziehen.
Inzwischen knüpfte Apollon Apollonowitsch mit dem Unbekannten ein Gespräch an. Die Unordnung im Zimmer des Sohnes, der Kognak, die Zigarettenstummel machten einen peinlichen Eindruck auf den Senator; aber die Antworten des Unbekannten beruhigten ihn: diese waren völlig zusammenhanglos. Alexander Iwanowitsch errötete immer wieder und gab zufällige Antworten. Er sah vor sich nur gutmütige Fältchen, und aus diesen gutmütigen Fältchen blickten gutmütige Augen: die Augen eines Gehetzten; und die knisternde Stimme formte sich zu Worten, die Alexander Iwanowitsch kaum hörte; nur die Endworte der Sätze fing sein Ohr auf:
»Wissen Sie . . . schon als Gymnasiast liebte Kolenka alle Vögel . . . Er war wißbegierig . . . Jetzt ist er ganz anders: hat alles verworfen . . . Und geht nicht zu den Kollegs . . .«
So redete im Schreiton Apollon Apollonowitsch, der achtundsechzigjährige Greis; etwas wie Mitgefühl regte sich im Herzen des Unbekannten . . .
Nikolai Apollonowitsch trat wieder ein.
»Wo gehst du hin?«
»Ich muß geschäftlich wohin, Vater . . .«
»Zusammen mit . . . Alexander . . . mit Alexander . . .«
»Mit Alexander Iwanowitsch . . .«
»So--so . . . Also mit Alexander Iwanowitsch.« Bei sich dachte Apollon Apollonowitsch: »Am Ende ist es vielleicht am besten: vielleicht waren die _Augen_ nur Einbildung . . .« Weiter dachte Apollon Apollonowitsch, daß -- Not keine Schande sei . . . Warum nur der Kognak? (Apollon Apollonowitsch haßte Alkohol.)
»Ja, wir gehen geschäftlich . . .«
Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort:
»Vielleicht essen wir erst zu Mittag? Alexander Iwanowitsch könnte mit uns speisen . . .«
Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr:
»Übrigens ich will nicht stören.«
»Auf Wiedersehen, Vater . . . .«
»Adieu . . .«
* * *
Während sie über den helltönenden Korridor schritten, stand der kleine Apollon Apollonowitsch hinten in der Korridorhalbdämmerung und blickte neugierig den beiden nach.
Und doch, und doch . . . Gestern erblickten ihn diese Augen: Haß und Angst waren in ihnen; und diese Augen: -- sie gehörten _ihm_. -- Und eine Zickzackbewegung mit der Hand . . . eine höchst unangenehme -- oder war alles gar nicht -- war es überhaupt nicht?
»Alexander Iwanowitsch Dudkin, Student . . .«
Apollon Apollonowitsch schritt hinter ihnen weiter.
* * *
Im prunkvollen Vorraum blieb Nikolai Apollonowitsch vor dem alten Diener stehen und suchte nach dem Wort, das er sagen wollte.
»Ja--aa . . . aa . . .«
»Zu dienen!«
»Aha . . . das Mäuschen!«
»Jawohl! . . .«
»Bitte, was haben Sie damit gemacht?«
»Mit dem Mäuschen? Auf dem Kai in Freiheit gesetzt . . .«
»Ist es auch richtig?«
»Gewiß doch, gnädiger Herr: wie immer.«
Nikolai Apollonowitsch empfand besondere Zärtlichkeit gegen diese kleinen Bestien.
Beruhigt über das Schicksal der Maus schritt er neben Alexander Iwanowitsch weiter.
Beiden schien es, als blicke ihnen von der Balustrade jemand mit traurigem, prüfendem Blick nach.
* * *
Die Flucht
Alexander Iwanowitsch kehrte in seine traurige Behausung zurück, um einsam zwischen den vier kahlen, braungelben Wänden zu sitzen und das Leben der Mauerkäfer in den feuchten Wandfalten zu studieren. Sein morgendlicher Ausgang war eine Flucht vor den Mauerkäfern; er merkte schon längst, daß die Ruhe seiner Nächte in direktester Weise von der Ruhe des vorhergegangenen Tages abhänge: was er auf der Straße, im Wirtshaus, im Café erlebte, das brachte er mit nach Hause.
Und was war nun heute?
Alexander Iwanowitsch dachte: wenn er nach Hause zurückgekehrt sein wird, werden die Geschehnisse des Tages seine Tür zu sprengen beginnen.
Hinter sich ließ Alexander Iwanowitsch die diamantenschimmernde Brücke zurück.
Weiter, hinter der Brücke, auf dem Fond des nächtlichen Issakijdoms, reckte sich -- aus der grünen Wirrnis -- immer derselbe Granitblock, immer derselbe geheimnisvolle Reiter hielt dort in der schweren, grünenden Hand seinen kupfernen Lorbeerkranz hoch über die Newa; unter den weit ausschlagenden Vorderhufen des Rosses stand schlummernd ein alter Grenadier mit buschigem Helm auf dem Kopf.
Ein leicht wogender Halbschatten bedeckte des Reiters Angesicht, und die Einheit des metallenen Antlitzes verlor sich im Doppelsinn des Ausdrucks; die metallene Hand schnitt in die türkisblaue Luft ein.
Von jener schicksalsschwangeren Zeit, als der metallene Reiter an die Ufer der Newa herangesprengt kam, von jener, mit kommenden Tagen schwangeren Zeit, als er sein Roß auf das graue, finnische Granit warf -- von da ab -- spaltete sich Rußland; es spalteten sich auch die Schicksale des Vaterlandes; diesen Riß trug Rußland leidend und weinend, trug und trägt ihn bis zur heutigen Stunde . . .
Du, Rußland, bist wie ein Roß! Ins Dunkel, in die Leere schlägst du mit den Vorderhufen aus; und fest verankert im Granit sitzen deine Hinterbeine.
Willst auch du dich von dem haltenden Stein lösen, wie sich manche deiner wahnsinnigen Söhne vom Boden lösten -- willst auch du dich lösen von dem haltenden Stein, um zaumlos in der Luft hängenzubleiben, um dann in das undurchdringliche Wasserchaos zu stürzen? Oder wähnst du, durch die Lüfte, Nebel zerreißend, mitsamt deinen Söhnen in die Wolken zu tauchen? Oder, Rußland, bist du nur aufgebäumt, in Sinnen versunken über das grausige Schicksal, das dich hierher verschlug -- in diesen Norden, wo selbst die Sonne zögernd stundenlang nicht unterzugehen vermag; wo die Zeit fiebernd, bald in frostiger Nacht, bald im tagelichten Schimmer sich dehnt? Oder willst du, dich vor dem Sprunge fürchtend, deine Hufe dem Boden nähern und wiehernd deinen großen Reiter aus den trügenden Landen zurück in die Tiefen der Ebenen tragen?
Möge es nicht geschehen! . . .
Einmal hoch aufgebäumt, die Lüfte mit dem Blick messend, wird das kupferne Roß nicht die Hufe senken: ein Sprung wird es sein in die Geschichte, ein Brausen, ein mächtiges, wird es geben; spalten wird sich der Boden; die Berge selbst werden stürzen von dem Sprung; und die geliebten Ebenen werden höckerig werden; dann werden sich Nishnij Nowgorod und Wladimir und Uglitsch erheben . . .
Du aber, Petersburg, wirst sinken.