Part 5
Als sie das vor ihrem Gatten Ssergeij Ssergeijewitsch aussprach, sagte er nichts und tat, als ginge er schlafen; in seinem Zimmer aber setzte er sich hin und schrieb an Nikolai Apollonowitsch einen kurzen Brief; in seinem Briefchen schrieb er Ableuchow, daß er, Ssergeij Ssergeijewitsch, sich erlaube, ihn um folgendes zu bitten: Er wolle sich aus prinzipiellen Gründen nicht in die Beziehungen Ableuchows zu seiner unendlich geliebten Gattin mischen, doch bitte er dringend (dringend war dreimal unterstrichen), ihrem Hause für immer fernzubleiben, da die Nerven seiner geliebten Gattin angegriffen seien. Sein Benehmen veränderte Ssergeij Ssergeijewitsch nicht im geringsten: er verwaltete -- irgendwo -- das Proviantamt.
Ssergeij Ssergeijewitsch war groß von Gestalt, trug einen hellblonden Bart, besaß Nase, Mund, Ohren, Haare und wundervoll glänzende Augen: leider trug er eine dunkelblaue Brille, und niemand kannte die Farbe dieser Augen und auch nicht ihren herrlichen Ausdruck.
Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit
In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in ungewöhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhäuschen, dann runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans Fenster und wischte mit ihrem Taschentüchlein aus zartem Batist die schweißbedeckten Scheiben, das Glas begann zu quieken, und öffnete einen Augenblick auf den Kanal und auf einen vorübergehenden Herrn mit Zylinder -- nichts weiter; als wäre sie in ihren Ahnungen getäuscht, begann Engel Peri ihr angefeuchtetes Taschentuch mit den Zähnchen zu beißen und zu zerren, dann lief sie hinaus, zog ihren schwarzen Plüschmantel an, setzte die Mütze aus ebensolchem Plüsch auf (Sofja Petrowna kleidete sich sehr bescheiden) und ging fort, um, die Nase in den Pelzmuff vergraben, zwischen der Moikastraße und dem Kai zu schlendern.
Und einmal, während Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und stach sich ins kleine Fingerchen.
»Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs . . . eine Puppe.«
Lipantschenko lachte und sagte:
»Sie sind keine Puppe, Herzchen.«
Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmütze und ging.
Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhäuschen zu wandern, runzelte das Stirnchen, errötete, wischte die Scheiben; es eröffnete sich der Ausblick auf den Kanal und auf eine vorüberfahrende Droschke -- nichts weiter.
Was aber weiter?
Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin R. R. nach Hause zurück. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend »geklopft«; weißliche Funken waren über die Wand gelaufen, und einmal hatte der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven waren äußerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht beleuchtet (in Häusern mit billigen Wohnungen werden die Treppen bekanntlich nicht beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna ganz deutlich einen noch schwärzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske anstarrte. Sofja Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die Tür geöffnet und ein Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das Dienstmädchen Mawruscha auf und schlug die Hände zusammen: Sofja Petrowna sah nichts, denn sie rannte in die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte gesehen: hinter dem Rücken der gnädigen Frau stand ein roter Atlasdomino mit schwarzer Maske, die von einem Fächer aus ebenso schwarzen Spitzen umrahmt war; der rote Domino streckte Mawruscha seinen blutigen Ärmel entgegen, aus dem eine Visitenkarte hervorlugte; und als die Tür vor dem ausgestreckten Arm zugeschlagen ward, erblickte auch Sofja Petrowna die Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte hereinflog; was war aber auf der Karte? An Stelle eines Wappens -- ein Schädel mit Knochen und darunter in modernem Schriftsatz die Worte: »Ich erwarte Sie auf dem Maskenball« -- Ort, Datum und weiter die Unterschrift »_Der rote Narr_«.
Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in größter Erregung. Wer mochte sich als roter Domino verkleidet haben? Er natürlich, Nikolai Apollonowitsch: so hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie war aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenüber zu nennen? War das nicht eine Gemeinheit?
Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit.
Wäre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er würde es dem Unverschämten gezeigt haben. Sofja Petrowna errötete, biß und zerrte ihr Taschentüchlein und begann zu schwitzen. Wär' doch nur jemand gekommen.
Es kam jedoch niemand.
Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fühlte sich merklich beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu müssen: der Narr sei -- er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das süße, bekannte bange Empfinden; sie schien zu wünschen, er hätte sich als vollendeter Schuft entpuppt.
Nein -- nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! -- Und ihr Herz stand still: nicht er.
Unter ihren _sozusagen Besuchern_, die von Revolution -- Evolution sprachen, befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein hieß. Sofja Petrowna schätzte ihn hoch, und ihm eröffnete sie sich: er begleitete sie darauf zum Maskenball; dort gab es Harlekine, Italienerinnen, Spanierinnen und orientalische Frauen, die einander durch die schwarzen Masken in böser Weise zublinzelten. Gestützt auf Neintelpfeins Arm schritt Sofja Petrowna bescheiden in ihrem schwarzen Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet durch die Säle.
Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der nötigen Vorsicht, Neintelpfein von dem geheimnisvollen Vorfall erzählte. Der kleine Neintelpfein war Zeitungsreporter und bekam fünf Kopeken für die Zeile: von diesem Abend ging es an. Jeden Tag eine Notiz in der »Tagesschau«, »der rote Domino« und wieder »der rote Domino«!
Man sprach über den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die einen erblickten darin einen revolutionären Terror; die anderen schwiegen und zuckten die Achseln.
Ein ganz verräuchertes Gesicht
Nikolai Apollonowitsch lehnte über die Treppenbalustrade und warf auf alle Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Säule stand und zum Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob.
Über das Geländer gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit übertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme:
»Sie hatten mich sicher für jemand anders gehalten . . . Ich bin es -- ich . . .«
Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, im Mantel mit aufgeschlagenem Kragen.
Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes Lächeln:
»Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Höchst angenehm!«
Dann fügte er heuchlerisch hinzu:
»Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . .«
* * *
Das unangenehme Empfinden überwindend, das in ihm die Anwesenheit des Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch fort, mit dem Kopfe nach unten zu winken:
»Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im Schlafrock.« (Dies wie nebenbei erwähnend, wollte Nikolai Apollonowitsch dem Besucher zu verstehen geben, daß er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei; wir fügen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten Nächte außer dem Hause verbracht.)
Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertümlichen Waffen machte der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen eine recht klägliche Figur, doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu beruhigen:
»Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, daß Sie gerade aus dem Bette sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja keine Dame, und auch ich bin's nicht . . . Ich selbst bin nämlich auch erst jetzt aufgestanden . . .«
Vor der Eichentür zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch plötzlich zu dem Unbekannten; über beide Gesichter flog ein Lächeln: beide sahen einander erwartungsvoll an.
»Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch!«
»Nur ja keine Umstände . . .«
Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollständige Gegensatz zu der Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische Schlafrock. Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich gewissermaßen in allen Gegenständen des Zimmers fort; so im niederen Sofa, das einem orientalischen Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tönen; das Dunkelbraun inkrustiert mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der Schlafrock fand seine Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken Haut eines einst erlegten Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil mit massivem Griff, der -- weiß Gott warum -- hierher gehängt wurde; endlich setzte sich der Schlafrock in dem gestreiften Pelz eines Leoparden fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den Boden geworfen ward; eine dunkelblaue, türkische Wasserpfeife stand auf dem Taburett und dabei ein dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer durchlöcherten Kugel, über der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber war ein bunter Käfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grüne Papageien mit den Flügeln zu schlagen begannen.
Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen setzte sich auf den Rand und zog ein billiges Zigarettenetui aus der Tasche.
»Sie gestatten?«
»Bitte.«
»Sie rauchen nicht?«
»Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht.« Und verlegen setzte er sofort hinzu:
»Übrigens, wenn andere rauchen . . .«
»Machen Sie das Fenster auf?«
* * *
Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen aus eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die Hemisphären des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergießt sich in den Organismus . . .
Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familiär zu.
»Sehen Sie mein Gesicht?«
Ohne die Brille gefunden zu haben, näherte Nikolai Apollonowitsch seine Augen dem Gesicht des Unbekannten.
»Sehen Sie das Gesicht?«
»Ja, das Gesicht . . .«
»Das Gesicht ist blaß . . .«
»Ja, es ist etwas blaß --« Ableuchows Wangen wurden von Höflichkeitswellen in verschiedenen Nuancen überströmt.
»Ein ganz grünes, verändertes Gesicht«, unterbrach ihn der Unbekannte, »Das Gesicht eines Rauchers.«
Nikolai Apollonowitsch spürte schon längst eine beunruhigende Schwere, als füllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai Apollonowitsch fühlte, wie sich die Hemisphären seines Hirns verstopften und eine allgemeine Mattigkeit seinen Körper durchzog; er dachte aber nicht an die Wirkungen des Tabakrauches -- er dachte vielmehr daran, wie er sich mit Würde aus der peinlichen Lage zurückziehen könnte; er dachte, was er wohl im bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn . . .
Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam vielmehr von der gedrückten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde zu Sekunde, daß sein unruhiger Besucher nun das Geschwätz abbräche, dessen eigenster Zweck zu sein schien -- ihn durch Erwartung zu quälen; ja: daß er es abbrechen würde, um ihn daran zu erinnern, daß er, Nikolai Apollonowitsch, seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten -- wie es nur deutlicher aussprechen? . . .
Kurz, daß er seinerzeit die für ihn furchtbare Verpflichtung übernommen hatte, der gerecht zu werden, ihm nicht bloß die Ehre gebot; dieses furchtbare Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus Verzweiflung gegeben; ein Mißerfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren dieses Mißerfolges verwischten sich nun allmählich. Das furchtbare Versprechen müßte, schien es ihm, von selbst weggefallen sein; doch es blieb bestehen; es blieb schon deswegen bestehen, weil es nicht zurückgenommen ward; aufrichtig gestanden hatte es Nikolai Apollonowitsch einfach gründlich vergessen; und so blieb dieses Versprechen bestehen und lebte im Kollektivbewußtsein einer gewissen Partei fort, während in ihm selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins entschwunden war; und er sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet hätte.
Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbärtchen erfüllte Nikolai Apollonowitsch mit Angst.
Warum denn aber -- warum hatte er sein Versprechen gegeben? -- Und das wäre nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen einer leichtfertigen Partei gegeben?
Die Antwort wäre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschäftigt mit der Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert preisgegeben.
»Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch,« (Nikolai Apollonowitsch fuhr erschreckt auf) »ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . . das heißt das mit dem Tabak war ganz zufällig . . .«
»Ich verstehe schon.«
»Der Tabak ist eine Sache für sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks, sondern einer Sache wegen . . .«
»Sehr angenehm . . .«
»Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine Gefälligkeit -- und diese Gefälligkeit werden Sie mir sicher erweisen . . .«
»Gewiß doch, sehr angenehm . . .«
Nikolai Apollonowitsch wurde blau; er saß und bemühte sich, einen Knopf vom Sofa zu lösen.
»Mir ist es höchst peinlich, aber eingedenk . . .«
Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: die scharfe, hohe Fistelstimme des Unbekannten fuhr wie ein Messer durch die Luft; eine Sekunde des Schweigens war dieser Fistelstimme vorangegangen; diese Sekunde aber glich einer Stunde -- einer unendlichen Stunde.
Doch nahm er sich sofort zusammen; er meinte nur:
»So, ich stehe zu Ihren Diensten --« Und dabei dachte er: die Höflichkeit habe ihn vernichtet . . .
»Eingedenk Ihres Mitfühlens mit uns, kam ich . . .«
»Alles, was ich nur kann« -- schrie Nikolai Apollonowitsch heraus und dachte: er sei doch ein vollendeter Esel . . .
»Eine kleine, o, eine ganz kleine Gefälligkeit . . .« (Nikolai Apollonowitsch horchte gespannt):
»Pardon . . . darf ich um die Aschenschale bitten?«
Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich
Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit: mit frostigem Schritt zog durch Rußlands Norden der giftige Oktober; im Süden aber hingen bereits seine Fäulnisnebel in der Luft. Er jagte das goldene Waldflüstern aus den Bäumen, und das goldene Waldflüstern legte sich ergeben auf den Boden -- ergeben fiel das Espenlaub zu Boden, wirbelte und klebte an den Füßen der Passanten, wisperte und flocht gelbrote Worte aus Blättern. Das süße, in der septemberlichen Laubwelle badende Piepsen der Meisen, es badete längst nicht mehr in den Laubwellen; und die Meise selbst hüpfte jetzt verwaist im Netzwerk der nackten Zweige umher.
Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit; die Froststürme nahten schon in den bauschigen Wolken, die bleiern waren und blau, aber alle glaubten an den Frühling: vom Frühling berichteten die Zeitungen, vom Frühling unterhielten sich die Staatsbeamten der allerletzten Klasse; an den Frühling mahnte ein damals populär gewesener Minister; und direkt nach Maiveilchen dufteten die Seelenergüsse in den Briefen einer Petersburger Studentin.
Die Bauern hatten längst aufgehört, den rauhen Boden zu pflügen; ihre Pflüge warfen sie fort, die Bauern, ebenso ihre Eggen; sie sammelten sich in Häuflein vor ihren Hütten und erörterten die Nachrichten der Zeitungen; sie sprachen und debattierten und bereiteten sich vor, in einer vereinten Schar gegen das Gutsherrenhaus zu ziehen, gegen das Haus mit den Säulen, das sich in den Wolga-, Kama- und selbst in den Dnjeprwellen spiegelte; der Feuerschein der brennenden Güter leuchtete in den langen Nächten über Rußland; der Tag aber verwandelte das Leuchten in das Schwarz der Rauchsäulen. Da aber konnte man in den entlaubten Büschen Haufen zerzauster Kosaken erblicken, die die Läufe ihrer Flinten gegen den Alarmturm richteten; auf ihren zerzausten Pferden sprengten dann ihre Abteilungen hervor, blaue bärtige Menschen rasten, die Nagaiken schwangen durch die herbstlichen Fluren dahin.
So war es auf dem Lande.
Aber so war es auch in den Städten. In den Werkstätten, Friseurläden, Milchgeschäften, Wirtshäusern, überall trieb sich ein redseliges Subjekt umher; die aus den blutgetränkten Feldern der Mandschurei mitgebrachte, buschige Pelzmütze in die Stirn gedrückt, in der Seitentasche ein -- weiß Gott woher herbeigeschaffter -- Browning, steckte das redselige Subjekt zum soundsovielten Male dem Vorübergehenden ein schlecht gedrucktes Blättchen in die Hand.
Alles wartete, hoffte und fürchtete sich; man lief beim leisesten Geräusch auf die Straße, versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander; so lebten in Archangelsk die Loparen, Korelen und Finnen; in Nischne-Kolymsk die Tangusen; am Dnjepr -- die Juden und die Kleinrussen. In Petersburg und Moskau lebten so alle: man wartete, fürchtete sich, hoffte; beim leisesten Geräusch rannte man auf die Straße; man versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander.
Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich: die Zusammenstöße mit den Hausportiers, den Wächtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belästigt: vom Arbeiter, vom Abcschützen, vom Kleinbürger Iwan Iwanowitsch Iwanow und seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen den Revieraufseher und das andere »Gesindel«: so etwas schüchterte den Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Säbel ein, mit zum Boden gesenkten Augen.
So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem; so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz, in all den Städten, die zum Russischen Reiche gehörten.
Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.
Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote Atlasbänder wehten in der Luft.
Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend flocht es gelbrote Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach über dem Häuschen Peters des Großen.
So waren die Tage. Die Nächte aber -- -- Bist du schon nachts einmal gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu -- uuuu -- uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn's aber ein Laut war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener Stärke und Klarheit: »Uuuu -- uuuu -- uuuu«, tönte es in den Vorstädten von Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.
Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr geben: nie mehr.
Es ruft mich mein geliebter Delwig
Über die Stufen des Amtsgebäudes schreitend, sich mit der Hand an des Geländers kalten Marmor stützend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der Fußspitze an dem Plüschläufer hängen und -- stolperte; unwillkürlich verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, daß seine Augen eine Zeitlang an dem Riesenporträt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem Blick vor sich hin sah.
Das Rückgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das Gebäude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der weiße, ausgedehnte Raum.
Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ängstigte ihn noch mehr als der Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des Waldsaums, in der sich kreuzende Luftströme im Schneesturm rasen, dort wäre er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren.
Es geschah vor fast fünfzig Jahren.
In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefühlt, wie kalte Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz berührten; jene frostige Hand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen Hand folgte er in seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle, unmögliche Ausdehnung; dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von dort gähnte ihm entgegen -- die Un--Unermeßlichkeit: Russisches Reich.
Ja: nun zum Porträt des Ministers . . . Öfters hatte er diesem gesagt:
»Rußland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren Wölfe umhertreiben . . .«
Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er und seufzte. Der Minister hatte seine Ämter als ein qualvolles, opferheischend drückendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken, nach Beendigung des Dienstes . . .
Aber er starb.
Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun ganz allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der Un--ermeßlichkeit; vor ihm zeigte eine frostige Hand in die Un--ermeßlichkeit.
Un--ermeßlichkeiten flogen ihm entgegen.
Rußland, Rußland, dich sah er, dich!
Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch Millionen lebendiger, beschwörender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von dort kein Lichtchen in das eisige Schneetreiben hinein; und hungrige Wölfe heulten in Rudeln dort als Echo der heulenden Winde.
Unstreitig: im Senator entwickelte sich mit den Jahren Raumangst.
Die Krankheit wurde akut -- seit jenem tragischen Tod; vielleicht beobachtete ihn nächtlich die Gestalt des toten Freundes und blickte ihn in den langen Nächten an mit seinem samtweichen Blick und streichelte mit der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart.
Inzwischen setzte sich die Unterhaltung fort
Inzwischen setzten Nikolai Apollonowitsch und der Unbekannte die Unterhaltung fort.
»Ich habe den Auftrag,« sagte der Unbekannte, die Aschenschale von Nikolai Apollonowitsch nehmend, --»ja: ich habe den Auftrag, Ihnen dieses Paketchen zur Aufbewahrung zu übergeben.«