Part 4
Verlegenes Schweigen: Apollon Apollonowitsch fand keine andere Formulierung seines Gedankens. Der Lakai aber war nicht imstande, zu erraten, von welchem jungen Mann der gnädige Herr sprach.
»Junge Leute, Exzellenz, kommen hierher selten . . .«
»Na, und . . . junge Leute mit Schnurrbärtchen?«
»Mit Schnurrbärtchen?«
»Mit schwarzen . . .«
»Mit schwarzen?«
»Na ja, und . . . in einem Mantel . . .«
»Alle kommen in Mänteln . . .«
»Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . .«
Etwas erleuchtete den Diener.
»Ah, Sie sprechen von dem, der . . .«
»Na ja, von dem . . .«
»Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . .«
»Wie denn?«
»Jawohl, ja!«
»Mit Schnurrbärtchen?«
»Ganz richtig!«
»Mit schwarzem?«
»Mit schwarzem Schnurrbärtchen!«
»Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen?«
»Ganz richtig . . .«
Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann plötzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter.
Die Treppe war mit grauem Plüschteppich bedeckt; die Treppe war -- naturgemäß -- von schweren Wänden begrenzt; diese Wände waren mit grauen Plüschteppichen bespannt. An den Wänden blinkten die Ornamente altertümlicher Waffen, unter einem rostgrünen Schild glänzte das Gold einer litauischen Mütze; es funkelte der kreuzförmige Griff eines Ritterschwertes; hier rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer übereinander, Hellebarden; bunt in seinem Matt zeichnete sich der vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf nach unten hing da eine alte Pistole.
Oben über der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weiße Niobe hob hier auf einem Sockel aus mattweißem Alabaster ihre alabasternen Augen gen Himmel.
Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff stützend, öffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tür; kalt klangen in dem riesigen, übermäßig in die Länge gezogenen Saal seine Schritte.
So geschieht's immer
Über den leeren Petersburger Straßen schwebten arm beschienene Undeutlichkeiten; jagend überholten einander abgerissene Wolkenflocken.
Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon durchglänzt war das Eisen der Dächer und Rauchfänge. Da floß das grüne Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das dreistöckige Haus mit seinen fünf weißen Säulen. Dort auf dem lichten Fond des lichten Gebäudes schritt langsam ein Kürassier Ihrer Majestät: ein goldener, glitzernder Helm saß auf seinem Kopfe.
Und die silberne Taube über dem Helm breitete weit ihre Flügel aus.
Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, ging, gehüllt in Pelz, über die Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die Augen; in der Seele erhoben sich Schauer -- die keinen Namen besaßen; in ihr sang etwas Banges, Süßes.
Er dachte: dies da -- ist _dies_ auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibül dort heraus und lief über die eiserne Petersburger Brücke, um dort auf der Brücke . . .
Er erbebte.
Eine Lichtgarbe flog an ihm vorüber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei; an den leuchtenden Fenstervertiefungen _jenes_ Hauses glitten seine roten, wie blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strömende Mainacht gossen diese Laternen für kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der gespensterhafte Abriß vom Dreimaster des Lakais und der Abriß von flatterndem Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um sich im Nebel zu verlieren . . .
Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild schlug das Herz in seiner Brust -- plötzlich verschwand er im wohlbekannten Vestibül.
In früherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er über zweieinhalb Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun überschritt er sie wie ein Dieb.
Die Entreetür öffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut von diesem Zuschlagen in den Rücken; Finsternis umfing ihn, als wäre hinter ihm alles in einen Abgrund versunken (so ist's wohl im ersten Augenblick nach dem Tode, wenn von der Seele der Tempel des Körpers in den Abgrund des Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch nicht -- fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor die Tür einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf das Klopfen seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rücken; schwarze Leere breitete sich vor ihm.
So saß Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.
* * *
Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief über die Moika und näherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe hinter der Tür Nikolai Apollonowitsch saß. Die Tür ging auf und schlug hinter ihr zu; Finsternis umfing sie, als wäre alles hinter ihr in einen Abgrund versunken; die kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische Dinge, nun wird sie gleich die Teemaschine auftragen lassen; sie führte schon die Hand an die Glocke, und da -- sah sie: eine Gestalt, wie es schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den Stufen.
Als die Wohnungstür aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich für einen Augenblick eine Lichtwelle ergoß, bestätigte der Schrei des Stubenmädchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen Beleuchtung erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die schwarze Gestalt der kleinen Dame rannte durch die geöffnete Tür.
Hinter ihrem Rücken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein dunkelflammenroter Bajazzo mit bärtigem, zappelndem Lärvchen.
Lautlos und langsam glitt von den Schultern über den rauschenden Atlas der Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnsüchtig gegen die Tür. Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schloß sich die Tür und stieß das Stiegenhaus zurück in die Leere, ins Dunkel.
* * *
Eine Sekunde später lief Nikolai Apollonowitsch auf die Straße hinaus; aus den Falten seines Mantels quoll ein Stück roter Seide hervor; die Nase in den Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow in die Richtung der Brücke.
Ende des ersten Kapitels.
Zweites Kapitel
Tagesschau
Es ist -- eine Sage aus der Wirklichkeit . . . hier die Zeitungsausschnitte von jener Zeit (der Autor wird schweigen): zugleich mit Mitteilungen über Diebstähle, Vergewaltigungen, über das Verschwinden eines Schriftstellers haben wir eine Reihe interessanter Notizen: eine durchgehende Phantastik oder so was, vor der jeden Leser des Conan Doyle schwindeln müßte: kurz -- hier die Zeitungsausschnitte.
»_Tagesschau_.«
»_Erster Oktober_. Wir geben einen höchst geheimnisvollen Vorfall wieder, der uns von der Kursistin N. N. mitgeteilt wurde. Am ersten Oktober ging die Kursistin N. N. in der Abendstunde an der Tschernyschow-Brücke vorbei. Dorten beobachtete sie ein sehr sonderbares Schauspiel: am Ufer des Kanals neben dem Brückengeländer tanzte in der nächtlichen Dunkelheit ein roter Atlasdomino, über dem Gesicht trug derselbe eine schwarze Spitzenmaske.«
»_Zweiter Oktober_. Nach Wiedergabe der Volkslehrerin M. M. teilen wir dem geehrten Publikum einen geheimnisvollen Vorfall mit, der sich neben einer der Vorstadtschulen zutrug. Die Volkslehrerin M. M. war gerade mit dem Vormittagsunterricht in der O.-Volksschule beschäftigt; die Fenster der Schule gehen auf die Straße; plötzlich begann sich auf der Straße vor den Fenstern ein mächtiger Staubwirbel zu drehen; natürlich stürzte die Lehrerin und mit ihr, die lustige Kinderschar zum Fenster; man denke sich aber die Bestürzung der Kinder und ihrer Klassenlehrerin, als der rote Domino, der sich im Zentrum des von ihm aufgewirbelten Staubes befand, sich dem Fenster näherte und seine schwarze Spitzenmaske gegen die Scheibe drückte. Der Unterricht in der O.-Volksschule wurde eingestellt . . .«
»_Dritter Oktober_. Während der spiritistischen Sitzung im Hause der ehrenwerten Baronin R. R. hatten die Anwesenden gerade eine spiritistische Kette gebildet, als ein roter Domino sich in die Kette mischte und im Tanzen mit der Falte seines Überwurfs die Nasenspitze des Geheimen Rates S. berührte. Der Arzt der G.-Klinik konstatierte eine starke Verbrennung: wie es heißt, wird die Nasenspitze lilafarbene Flecke bekommen. Kurz, überall -- der rote Domino.«
Endlich: »_Vierter Oktober_. Die Bevölkerung des Vorortes I. ergriff einmütig vor dem roten Domino die Flucht; es wurden eine Reihe von Protestkundgebungen veranstaltet: in den Vorort N. ist eine Kosakenabteilung abgegangen.«
Der Domino, der Domino -- was hatte es damit für eine Bewandtnis?
Ein würdiger Mitarbeiter einer sicher würdigen Zeitung, der fünf Kopeken für die Zeile bekam, hatte beschlossen, eine Geschichte als Stoff zu benutzen, die er in einem bekannten Hause gehört hatte; die Wirtin dieses Hauses aber war eine Dame. Es handelt sich also um einen würdigen Zeitungsreporter, der per Zeile honoriert war; und es handelte sich um eine Dame.
Von ihr wollen wir nun beginnen.
Eine Dame: hm! und eine hübsche . . . Was ist eine Dame?
Die Eigenschaften einer Dame hat noch nicht einmal der Chiromant zu entdecken vermocht; wie soll sich nun ein Psychologe -- pfui! -- ein Schriftsteller an dieses Geheimnis wagen? Das Geheimnis wird tiefer, wenn die Dame jung ist und wenn man von ihr sagt, sie sei hübsch.
Also: es war eine Dame; sie besuchte aus Langerweile Kurse; und wieder aus Langerweile vertrat sie zuweilen die Lehrerin der O.-Volksschule, wenn sie nicht am Abend vorher im Spiritistenzirkel gewesen war. Im Hause dieser Dame verbrachte der Zeitungsreporter seine Abende.
Diese Dame erzählte ihm lachend, sie habe soeben im dunklen Stiegenhaus einen roten Domino gesehen. Dieses harmlose Geständnis einer hübschen Dame, in die Rubrik »Tagesschau« gekommen, wuchs zu einer Serie ruhebedrohender, nie gewesener Vorfälle heran.
Sofja Petrowna Lichutina
Jene Dame . . . Aber jene Dame war Sofja Petrowna; ihr müssen wir sogleich viele Worte widmen.
Sofja Petrowna zeichnete sich durch einen mehr als üppigen Haarwuchs aus, und sie war außerordentlich schlank; würde sie ihre schwarzen Haare auflösen -- diese schwarzen Haare würden ihre ganze Gestalt einhüllen, bis über die Knie; und sie waren so schwarz, daß es keinen schwärzeren Gegenstand gab. Sei's die Fülle ihrer Haare oder deren Schwärze, aber Sofja Petrownas Oberlippe zeigte einen Flaum, der ihr für später mit einem regelrechten Schnurrbärtchen drohte. Sofja Petrowna besaß einen ungewöhnlichen Teint, ihre Gesichtsfarbe war einfach die Farbe der Perle, vom Weiß der Apfelblüten, doch mit zartem Rosa dazu.
Die Äuglein Sofja Petrownas waren keine Äuglein, sondern -- wenn ich nicht fürchtete, prosaisch zu werden, ich sagte: -- Riesenaugen, von dunkler, blauer -- von dunkelblauer Farbe. Diese Augen waren bald funkelnd, bald matt, bald schienen sie stupid, wie abgefärbt -- und sie schielten. Ihre hellroten Lippen waren groß, viel zu groß, aber . . . die Zähnchen (ach, die Zähnchen!): wie Perlen waren die Zähnchen! Und dazu -- ein kindliches Lachen . . . Dieses Lachen gab den vorstehenden Lippen einen besonderen Reiz; und ein besonderer Reiz lag in der schlanken, wieder allzu schlanken Gestalt: ihre Bewegungen, auch die ihres nervösen Rückens, waren bald rasch, bald träge -- bis zur Häßlichkeit plump.
Sofja Petrowna trug ein schwarzes Wollkleid, das im Rücken geknöpft war.
Ach, Sofja Petrowna.
Sofja Petrowna Lichutina bewohnte eine kleine Wohnung in der Moikastraße; grelle, lärmende Farben fielen dort wie Kaskaden von den Wänden nieder: feuerrote, himmelblaue; japanische Fächer, Spitzen, Anhängsel, Schleifen; an den Lampen Atlasschirme und Atlasflügel, die tropischen Schmetterlingen glichen; es war, als schwebte ein Schwarm dieser Schmetterlinge, die Wände verlassend, um Sofja Petrowna Lichutina.
Sofja Petrowna behängte die Wände mit japanischen Landschaften; was diesen Landschaften gänzlich fehlte, war die Perspektive. Aber auch in den Zimmern, vollgestopft mit Sofas, Puffs, Fächern und lebenden japanischen Chrysanthemen -- fehlte die Perspektive; die Perspektive ergab nur der Atlasalkoven, aus dem Sofja Petrowna hervorschwebte, das flüsternde Schilf über der Tür, durch die sie gleitend hereinschritt; der Berg Fusi-Jama -- der farbige Hintergrund für ihre prächtigen Haare; es muß gesagt sein: wenn Sofja Petrowna Lichutina in ihrem rosa _Kimono_ des Morgens von der Tür zum Alkoven schwebte, war sie eine echte kleine Japanerin. Perspektive aber gab es hier keine.
Es waren winzige Zimmerchen; und jedes füllte ein riesengroßer Gegenstand aus. Das Bett war dieser riesige Gegenstand im winzig kleinen Schlafzimmer; die Wanne war es im winzigen Badezimmer; im Salon war es -- der hellblaue Alkoven; Tisch und Kredenz waren es im Speiseraum; dieser Gegenstand im Dienstbotenraum war das Dienstmädchen; dieser Gegenstand im Herrenzimmer war selbstredend der Gatte.
Woher also sollte hier Perspektive kommen?
Alle sechs Zimmerchen wurden durch Dampfheizung erwärmt, und in der Wohnung erstickte man deshalb fast vor feuchter Treibhauswärme; die Fensterscheiben schwitzten; und die Besucher Sofja Petrownas schwitzten; ewig schwitzten die Dienstboten und der Gatte; Sofja Petrowna selbst war mit leichter Dunstwolke bedeckt, wie die japanischen Chrysanthemen mit Tau.
Wie konnte nun in diesem Treibhaus eine Perspektive entstehen?
Und es gab auch _keine_.
Die Besucher Sofja Petrownas
Sofja Petrowna unterhielt nicht ihre Besucher: war dieser ein junger Mann aus der Gesellschaft, der das Vergnügen liebte, dann hielt sie es für nötig, zu all seinen witzigen, nicht ganz witzigen sowie ganz ernsten Worten zu lachen; sie wurde purpurn vor Lachen, und ihre kleine Nase bedeckte sich mit Schweißperlchen; der mondäne junge Mann wurde, weiß Gott weshalb, auch purpurn, und seine Nase bedeckte sich mit Schweißperlchen; der mondäne junge Mann wunderte sich über das junge, aber doch unmondäne Lachen und räumte Sofja Petrowna innerlich einen Platz unter den Demimondänen ein. Inzwischen erschien auf dem Tisch eine Sammelbüchse mit der Inschrift »Für wohltätige Zwecke«, und Sofja Petrowna Lichutina rief lachend: »Sie haben wieder eine >Fifka< gesagt -- Sie haben zu zahlen.« Sofja Petrowna hatte seit kurzem eine Sammlung zugunsten der Arbeitslosen angelegt, und jeder, der eine gesellschaftliche >Fifka<, d. h. eine gewollte Dummheit, sagte, mußte -- zahlen; das Wort Fifka leitete sie von »fi . . .«[*] ab. Und Baron Ommau-Ommergau, der gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Graf Awen, der blaue Kürassier, der Leibhusare Sporyschew und Werhefden, Sekretär im Amte Ableuchows, lauter mondäne junge Leute, sprachen eine »Fifka« nach der anderen und warfen eine Silbermünze nach der anderen in die Büchse.
[Fußnote *: pfui.]
Warum kamen nur zu ihr so viele Offiziere? Mein Gott, sie tanzte ja auf Bällen; war hübsch, ohne Demimondäne zu sein; und schließlich war sie selbst Offiziersgattin.
War ihr Besucher Musiker oder Musikliebhaber, erklärte ihm Sofja Petrowna, daß ihre Götter -- die Duncan und der Nikisch seien (sie sagte aber Dunkàn und Nikìsch), daß sie selbst Meloplastik zu erlernen gedenke, um den Walkürenflug in -- ja, man denke nur! -- in Bayreuth zu tanzen. Doch erschüttert durch die falsche Aussprache der Namen kam der Besucher bald zu dem Schlusse, Sofja Petrowna Lichutina sei nichts weiter als einfach ein Gänschen; und sein Verhalten wurde ein wenig »ungezwungen«; inzwischen aber brachte das sehr hübsche Stubenmädchen das Grammophon ins Zimmer: und aus der Kehle des roten Blechrohres ergoß sich über den Gast der Flug der Walküre.
Sofja Petrownas Besucher zerfielen in zwei selbständige Gruppen: die zur Gesellschaft Gehörenden und die _sozusagen_ Besucher, die keine waren, denn sie waren -- gern Gesehene -- etwas für die Seele; diese sozusagen Besucher gaben sich keine Mühe -- nicht die geringste! --, in das Treibhäuschen zu gelangen. Mit Gewalt fast lockte sie Engel Peri -- wie die Offiziere sie nannten -- zu sich; und war das geschehen, dann erwiderte sie sofort den Besuch; in ihrer Gesellschaft saß Engel Peri mit geschlossenem Mündchen: sie lachte nicht, kokettierte nicht im geringsten, war äußerst schüchtern und, während die sozusagen Besucher stürmisch miteinander debattierten, war sie stumm. Man hörte »Revolution -- Evolution«. Und wieder »Revolution -- Evolution«. Immer über dasselbe debattierten die _sozusagen_ Besucher; es war nicht die Jeunesse doré, es war die einfache, arme Jugend, Studierende, die mit den Fremdwörtern: soziale Revolution und soziale Evolution stolzierten. Engel Peri verwechselte konsequent diese beiden Worte.
Der Offizier Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin
Unter den Studierenden befand sich eine häufige Besucherin des Hauses Lichutin, eine in diesem Kreise geschätzte Persönlichkeit: die Studentin Warwara Ewgrafowna.
Unter dem Einfluß der Studentin gab sich Engel Peri dazu her, einen -- denken Sie! -- Meeting zu besuchen. Unter dem Einfluß der Studentin stellte auch Engel Peri die Sammelbüchse mit der verschleierten Inschrift »Für Wohltätigkeit« auf den Tisch. Die Büchse war natürlich nur für die Besucher bestimmt; die zu den _sozusagen_ Besuchern Gehörenden waren vom Zahlen befreit; die Zahlenden waren Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Sporyschew und Werhefden. Unter dem Einfluß der Studentin begann Engel Peri die O.-Schule zu besuchen und ochste verständnislos das »Manifest« von Karl Marx. Zu dieser Zeit nämlich besuchte sie täglich der Student Nikolenka Ableuchow, den sie ohne Risiko sowohl mit Warwara Ewgrafowna (die in Nikolenka verliebt war) als auch mit Ihrer Majestät gelbem Kürassier bekannt machen konnte: der Sohn Ableuchows war natürlich überall willkommen.
Übrigens huschte Engel Peri seit einiger Zeit heimlich zu den Spiritisten hinüber, im Hause der Baronin . . . (na, wie heißt sie nur?), die ins Kloster gehen wollte.
Seit dieser Zeit auch lag auf Sofja Petrownas Tischchen ein prachtvoll gebundenes Büchlein »_Der Mensch und sein Körper_« von einer gewissen Henri Besançon (Sofja Petrowna hatte wieder die Namen verwechselt: es war nicht Henri Besançon, sondern Anni Besant).
Ihre neue Passion verheimlichte Sofja Petrowna sorgfältig sowohl vor dem Baron Ommau-Ommergau wie auch vor Warwara Ewgrafowna; und aufs Verheimlichen verstand sich Engel Peri in bewunderungswürdiger Weise: so ist Warwara Ewgrafowna bei ihr nie auf Graf Awen und Baron Ommau-Ommergau gestoßen. Was dahinter gesteckt haben mochte -- weiß der Himmel!
Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war irgendwo in der Proviantverwaltung tätig; frühmorgens verließ er das Haus; vor Mitternacht erschien er nie wieder; gleich sanft begrüßte er die Besucher und die _sozusagen_ Besucher; mit derselben Sanftheit sprach er aus Höflichkeit eine »Fifka« und zahlte eine Münze; oder er nickte bescheiden bei den Worten Revolution -- Evolution, trank eine Tasse Tee und ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen wäre Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den Besuchern wie den _sozusagen_ Besuchern gern ferngeblieben. Im Grunde genommen hätte er gern die Spiritistensitzungen bei der Baronin besucht; doch lag es ihm fern, seinen bescheidenen Wunsch als Gatte geltend zu machen; denn er war kein Despot: Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er hatte vor zweieinhalb Jahren gegen den Willen seiner Eltern, steinreicher sibirischer Gutsbesitzer, geheiratet; sein Vater verfluchte ihn deswegen und entzog ihm das Geld; da trat er, unerwartet für alle, bescheiden in das Gregorische Regiment ein.
Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Höflichkeit und durfte ins Haus kommen.
Der gutmütige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die revolutionären Freunde seiner teuren Hälfte; gegen ihren mondänen Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er bloß.
Der schlanke hübsche Trauzeuge
Schon am ersten Tage ihres sozusagen »Damendaseins«, während des Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch über dem Haupt ihres Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in quälender Weise von dem hübschen schlanken Trauzeugen überrascht, von der Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Weiß seines marmornen Gesichts, von der Göttlichkeit seiner flachsweißen Haare. Nun und . . . Nikolai Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er täglich. Bald merkte aber Sofja Petrowna, daß das Gesicht, das gottähnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hände, schließlich ein unangenehmer Froschausdruck beim Lächeln, herrührend vom ununterbrochenen Spiel der Gesichtszüge -- hinter all dem verbarg jenes Gesicht sich für immer. Zu ihrem Schrecken begriff dann Sofja Petrowna, daß sie verliebt war in jenes Gesicht; nicht in _dieses_, wohl aber in jenes. Engel Peri hatte sich vorgenommen, eine tadellose Gattin zu sein; und der Gedanke, daß sie, ihrem Gatten treu, von jemand anderem gefesselt wurde, bedrückte sie gänzlich. Aber weiter nur, weiter: über die Maske, den Froschmund, über die Grimassen hinweg, suchte sie, unbewußt, ihre verlorene Verliebtheit zu retten: sie quälte Ableuchow, überhäufte ihn mit Beleidigungen; doch heimlich vor sich selbst verfolgte sie seine Spuren, suchte seine Wünsche und seinen Geschmack zu erraten, richtete sich unbewußt nach ihnen, in der ewigen Hoffnung, wieder einmal jenes eigentliche, göttliche Antlitz zu erblicken.
Seit dieser Zeit war ihr eigener Gatte nur Besucher in der kleinen Wohnung an der Moika.
Dies konnte Sofja Petrowna nicht ertragen, denn sie hatte ja ein so winzig, winzig kleines Stirnchen; und neben dem kleinen Stirnchen lebten in ihr Vulkane tiefster Gefühle: denn sie war eine Dame; und man soll in einer Dame das Chaos nicht wecken.
Der rote Narr
Eigentlich benahm sich Sofja Petrowna ihrem Gegenstand gegenüber in den letzten Monaten höchst provozierend: vor dem Grammophon, aus dem »Siegfrieds Tod« tönte, übte sie Körperplastik und hob dabei ihren rauschenden Seidenrock fast bis zum Knie; ferner: ihr Füßchen berührte unter dem Tische mehr als einmal Ableuchow. Nicht zu verwundern, daß dieser manchmal den Engel zu umarmen versuchte; dann entwand sich ihm der Engel und übergoß ihn mit Kälte. Bald darauf aber begann das Spiel von neuem. Einmal klatschte eine Ohrfeige durchs japanische Zimmer: --, Uu -- Scheusal, Frosch . . . Uuu -- roter Narr.
Ruhig und kühl erwiderte Nikolai Apollonowitsch:
»Bin ich ein roter Narr, so sind Sie -- eine japanische Puppe . . .«
Vor der Tür richtete er sich voll Würde empor, in diesem Augenblick bekam sein Gesicht den einmal gesehenen Ausdruck, und an diesen erinnert, erwachte ihre Liebe jäh wieder; als Nikolai Apollonowitsch verschwunden war, warf sie sich auf den Boden, biß und kratzte im Weinkrampf den Teppich; sprang dann plötzlich auf und streckte die Arme gegen die Tür:
»Komm, kehre zurück -- Gott!«
Ihr zur Antwort schlug unten die Tür zu. Nikolai Apollonowitsch lief zu der großen Petersburger Brücke. Wir werden weiter sehen, daß er an dieser Brücke den wichtigen Beschluß gefaßt hatte, durch eine Tat sein eigenes Leben von sich zu werfen. Zu tief hatte ihn das Wort »roter Narr« getroffen.
Nie wieder hat ihn Sofja Petrowna gesehen . . .
Dafür kamen um so öfter Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Werhefden und selbst Lipantschenko; sie lachte mit ihnen ohne Unterlaß; dann hielt sie im Lachen inne und fragte neckisch:
»Nicht wahr, ich bin eine Puppe?«
Sie antworteten mit einer »Fifka« nach der anderen und warfen Silbermünzen in die Sammelbüchse. Lipantschenko aber machte ihr zum Geschenk eine Puppe mit gelbem Gesicht.