Petersburg

Part 32

Chapter 323,465 wordsPublic domain

Sie traten in den Salon ein: überall Nippessachen, Metall- und Perlmutterinkrustationen, Bronzen.

»Kolenka geht es gut, Anna Petrowna . . . er befindet sich ganz wohl . . .« Der Senator machte ein paar eilige Schritte seitwärts.

»Ist er zu Hause?«

Apollon Apollonowitsch, der sich gerade in einen Empiresessel niedergelassen hatte, erhob sich etwas widerwillig und drückte den Knopf der elektrischen Glocke.

»Warum kam er nicht zu mir?«

»Er ist, Anna Petrowna . . . mmä--mmä . . . Er war . . . sehr . . .« -- der Senator wurde seltsam verworren, dann zog er sein Taschentuch hervor, schneuzte sich lange mit sonderbaren Trompetenlauten; dann räusperte er sich ein wenig und steckte sehr langsam das Taschentuch wieder in die Tasche:

»Ja, er hatte sich sehr gefreut . . .«

Schweigen trat ein. Der kahle Kopf neigte sich über einer kalten, langbeinigen Bronze; der Lampenschirm, mit feinster Malerei bedeckt, glänzte nicht mit seinen violetten Tönen: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und auch die feine Malerei war abgedunkelt von der Zeit.

Auf das Läuten trat Ssemjonytsch herein:

»Ist Nikolai Apollonowitsch zu Hause?«

»Jawohl, gnädiger Herr.«

»Mm . . . hören Sie mal: sagen Sie ihm . . . Anna Petrowna sei hier und ließe ihn bitten . . .«

»Vielleicht gehen wir selbst zu ihm«, sagte erregt Anna Petrowna und erhob sich lebhaft aus dem Lehnstuhl; aber der Senator unterbrach sie mit scharfer Wendung gegen Ssemjonytsch:

»Mä -- mmä . . . Ssemjonytsch: also sagen Sie: . . .«

»Zu Befehl . . .«

* * *

»Ich bin mit Kolenka, Anna Petrowna, nicht ganz zufrieden . . .«

»Was sagen Sie . . .«

»Kolenka benimmt sich schon seit geraumer Zeit -- regen Sie sich nicht auf -- er benimmt sich einfach -- aber regen Sie sich nicht auf -- einfach sonderbar . . .«

-- ?

Die goldeingerahmten Trumeaus verschlangen mit ihrem grünlichen Glas den Salon.

»Kolenka wurde etwas verschlossen . . . Kche -- kche« -- nach dem Hustenanfall begann er mit den Fingern aufs Tischchen zu trommeln; es fiel ihm etwas -- etwas Persönliches -- ein, er zog die Augenbrauen zusammen, rieb sich an der Nasenwurzel; doch er faßte sich bald und rief mit fast übermäßiger Lustigkeit:

»Übrigens: nein, es ist weiter nichts dabei . . . Gar nichts . . .«

Zwischen den Trumeaus glitzerten überall Perlmuttertischchen.

Eine einzige Sinnlosigkeit

Den Schmerz im Knie überwindend (der Fall in Lichutins Zimmer machte sich immerhin bemerkbar), ein wenig hinkend, lief Nikolai Apollonowitsch durch den Korridor.

Ein Wiedersehen mit der Mutter!

Ein Wirbel von Gedanken und Vorstellungen rauschte durch seinen Kopf; oder nein: es waren keine Gedanken, und es gab nirgends einen Sinn -- es war ein Wirbel von Sinnlosigkeiten.

Welche Gedanken waren es?

Erstens der Gedanke an den Schrecken seiner Lage; der Schrecken seiner Lage ergab sich durch das Verschwinden der Sardinenbüchse; die Sardinenbüchse, d. h. die Bombe, ist verschwunden; es war klar, daß jemand die Bombe weggeschafft hat; wer aber, wer? Einer von den Dienern; dann ist also die Bombe in die Hände der Polizei gekommen; und er wird -- verhaftet; das wäre nicht das Schlimmste; das Schlimmste ist: Apollon Apollonowitsch selbst hat die Bombe gefunden und hat sie mitgenommen und weiß jetzt: weiß jetzt alles.

Was -- _alles_? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung -- wenn behauptet wird, ein solcher Plan habe existiert.

Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.

Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter -- nein, er kann's nicht wissen: er hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen hätte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufällig, mechanisch: so was passierte ihm manchmal.

In einer Woche wird sich alles von selbst aufklären . . . Doch nein; die Bombe wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen -- durch ein furchtbares Gepolter (das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).

Ihre Anwesenheit -- unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem Kissen -- sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann platzen; er müsse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die Mutter ist da.

Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Männchen, Pawel Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr, gesehen zu haben; und schließlich -- Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die furchtbare Ausbreitung des Körpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im Kopf . . .

Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so daß es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.

Mama

Er öffnete die Salontür.

Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den Fenstern angezündet wurden.

Und er hörte eine Stimme:

»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«

Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.

»Bist du's, mein Junge . . .«

Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß und brach in Weinen aus; er weinte -- weiß Gott warum: ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten (bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte).

»Mama, Mama . . .«

Auch sie weinte.

Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische; er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich dem weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:

»Beruhigt euch, meine Lieben!«

Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer -- um etwas zu holen.

»Mama . . . Mama . . .«

Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:

»Mein Knabe, mein geliebter . . .«

* * *

Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:

»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«

Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch über Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich strich er mit der Hand über die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unnötigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:

»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«

»Es war nur die Überraschung . . .«

»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«

Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.

Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und plötzlich begann er -- zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei altbekannte, liebe Gesichter!

»Soo . . .«

»Soo . . .«

»Sooo . . .«

Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die Sardinenbüchse! . . .

Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh abgebrochen.

»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«

»Was hast du, Liebling?«

»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir, Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten . . . Ja, weißt du . . . Und dann -- komm wieder . . .«

Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen: wie etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.

Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.

* * *

»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle --« Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese . . . Gefühle« -- er streichelte sich über den kleinen Backenbart.

»Sie zeugen« -- er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein wenig vom Fußboden, balancierte einen Moment lang auf den Absätzen und machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden berührenden Fußspitzen nach --

»Sie zeugen« -- er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab durch den Salon:

»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« -- er zuckte mit den Achseln -- »von guten Charaktereigenschaften . . .«

»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«

Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit Überzeugung:

»Ich habe immer gesagt . . .«

»Ja, weißt du . . .«

Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom Tisch zum Fenster:

». . . Wissen Sie . . .«

Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:

»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt -- mich hat sein Benehmen -- beruhigt« -- er zog die Stirn in Falten -- »in bezug auf . . . in bezug auf« -- er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über das Tischchen:

»Mja! . . .«

Plötzlich unterbrach er sich scharf:

»Macht nichts!«

Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten sich; sie lächelten einander zu.

* * *

Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu spielen, unter diesen Klängen pflegte er über den Büchern einzuschlafen.

Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände stehen und dachte qualvoll nach:

»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . .«

Und -- ihm fiel nichts ein.

Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grünten hinter den Schatten; eine Büste -- Kants natürlich -- trat aus den Schatten hervor.

Plötzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen; mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, daß Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles durchsucht, in den Sachen herumgestöbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . .

Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht.

Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal klar geworden: Lichutin! Natürlich, natürlich; hier war er und hat überall herumgestöbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbüchse mitgenommen.

Erleichtert ließ er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von Chopinklängen durchzogen; so war es auch früher: immer wurde die Stille durch Chopinklänge durchzogen -- vor neun, vor zehn Jahren -- immer hatte Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt, als hätte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach aufgeklärt: die Sardinenbüchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem denn sonst? Außer, er nähme an . . . -- aber wozu eine solche Annahme!); nein, es hatte keine Ereignisse gegeben.

Jenseits der Newagewässer erhoben sich Riesen -- als Schattenrisse der Inseln, der Häuser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglänzenden Augen, als -- weinten sie. Die Laternenschnur längs dem User ließ feurige Tränen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberfläche.

Die Melone -- ein Gemüse

Nach zweieinhalb Jahren saßen sie wieder zu dreien beim Mittagessen.

Der Kuckuck in der Wanduhr rief, und in demselben Augenblick erschien der Lakai mit der dampfenden Suppenterrine; Anna Petrowna strahlte vor Zufriedenheit; Apollon Apollonowitsch . . . -- à propos: wer am Morgen den gebrechlichen Greis gesehen hatte, würde ihn in dem Mann, der jetzt am Tisch saß, nicht wiedererkannt haben; er sah auf einmal gekräftigt aus, verlor jedes Alter, saß stramm auf seinem Platz und ergriff mit federnder Bewegung die Serviette; sie hatten bereits ihre Suppe zu essen begonnen, als die Seitentür aufging: Nikolai Apollonowitsch, leicht gepudert, rasiert und sauber, in bis oben geschlossenem Studentenrock, mit ungemein hohem Kragen (wie man sie in der vorhergegangenen Alexandrowschen Epoche getragen hatte) trat herein und näherte sich, ein wenig humpelnd, dem Eßtisch.

»Was hast du, mon cher« -- Anna Petrowna führte etwas affektiert das Lorgnon an die Augen »du hinkst ja, wie ich merke?«

»Ha?« -- Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf Kolenka und ergriff das Pfefferfäßchen, »In der Tat . . .«

Mit einer etwas jugendhaften Bewegung streute er viel zuviel Pfeffer in seine Suppe.

»Es ist nichts, maman: ich bin ausgeglitten . . . mein Knie schmerzt ein wenig . . .«

»Sollte man nicht kalte Umschläge machen?«

»In der Tat, Kolenka« -- Apollon Apollonowitsch führte den Löffel zum Mund und sah zugleich zum Sohn hinüber -- »wenn man sich am Knie gestoßen hat -- damit ist nicht zu spaßen: das kann unangenehm werden . . .«

Und -- er schluckte die Suppe herunter.

Nikolai Apollonowitsch lächelte entzückend und begann seinerseits die Suppe zu pfeffern.

»Sonderbar ist doch das Muttergefühl« -- Anna Petrowna legte ihren Löffel in den Teller, blickte mit großen, kindlichen Augen, den Kopf in den Hals gedrückt (so daß ihr Doppelkinn aus dem Stehkragen hervorquoll). »Ist er auch schon erwachsen, ich bin aber um ihn besorgt, wie in früheren Zeiten . . .«

Sie vergaß vollständig, daß es durch zweieinhalb Jahre jemand anderes war, um den sie sich gesorgt hatte: Kolenka war von einem anderen verdrängt gewesen, von einem Fremden, mit schwarzem, üppigem Schnurrbart, mit Augen wie zwei Kirschen; sie vergaß vollständig, daß sie diesem fremden Mann durch mehr als zwei Jahre täglich die Krawatte gebunden hatte; aus violetter Seide; und jeden Morgen ein Glas -- Guniadi Janos zum Abführen gereicht hatte.

»Ja, das Muttergefühl: erinnerst du dich -- als du deine Dysenterie hattest . . .«

»Sie meinen das mit den Brotscheibchen? Gewiß, ich erinnere mich sehr gut.«

»Ja, eben . . .«

»An den Folgen der Dysenterie«, brummte Apollon Apollonowitsch über dem Teller, »leidest du, glaube ich, auch jetzt noch, mein Lieber.«

Und er schluckte seine Suppe herunter.

»Der junge Herr darf . . . auch jetzt noch . . . keine Erdbeeren essen«, ertönte neben der Tür die zufriedene Stimme des alten Ssemjonytsch, der vor der Tür stand und durch die offene Spalte hereinlugte (bei Tisch bediente ein anderer).

»Erdbeeren, Erdbeeren!« sagte in gedehntem Baßton Apollon Apollonowitsch und drehte sich plötzlich gegen die Tür, wo Ssemjonytsch stand.

»Erdbeeren« -- er begann mit dem leeren Mund zu kauen.

Der am Tisch bedienende Lakai (nicht Ssemjonytsch) lächelte, und sein Gesichtsausdruck sollte den Anwesenden sagen:

»Ich weiß schon, was jetzt kommt!«

Der Senator platzte heraus:

»Was meinen Sie, Ssemjonytsch: ist die Melone eine Beere?«

Anna Petrowna wandte sich bloß mit den Augen zu Nikolenka: sie unterdrückte ein herablassend kluges Lächeln; dann übertrug sie den Blick auf den Senator, der wie versteinert in die Richtung der Tür blickte und ganz in Erwartung einer Antwort auf seine alberne Frage aufgegangen zu sein schien; ihre Augen sagten:

»Treibt er es noch immer so?«

Nikolai Apollonowitsch griff verlegen bald nach dem Messer, bald nach der Gabel, während eine unerschütterliche klare Stimme, die keinesfalls über die Frage verwundert zu sein schien, aus der halboffenen Tür erklang:

»Die Melone, Exzellenz, ist keine Beere, sondern eine Gemüsefrucht.«

Apollon Apollonowitsch machte mit dem ganzen Körper eine rasche drehende Bewegung, und flugs war auch schon der erwartete Witz -- ei--ei--ei! -- da:

Richtig, stimmt, Ssemjonytsch, Alter Kuchentopf -- Er hat schlau geurteilt Der kluge kahle Kopf.

Anna Petrowna und Nikolai erhoben ihre Augen nicht von den Tellern: kurz, es war wie in früheren Zeiten!

* * *

Apollon Apollonowitsch war offensichtlich bemüht, den Seinigen zu zeigen: nun ist alles ins alte Geleise gekommen; er aß wie sonst mit gutem Appetit, machte Scherze und hörte aufmerksam den Schilderungen von Spaniens Schönheiten zu; Nikolai Apollonowitsch spürte, wie sich eine eigentümliche Traurigkeit in seinem Herzen regte; als existiere keine Zeit mehr; als wäre es erst gestern gewesen: er als Fünfjähriger hört zu, wie seine Mutter mit der Gouvernante spricht (die, die Apollon Apollonowitsch dann aus dem Hause gejagt hat); Anna Petrowna erzählt mit Begeisterung:

»Ich gehe mit Sisi und hinter uns her -- zwei _Schwänze_; wir treten in die Ausstellung ein; die _Schwänze_ ebenfalls . . .«

»Nein, diese Frechheit!«

Kolenka sieht sich in einem gewaltigen Raum; eine Menge von Menschen; Damenkleider rauschen (er war einmal in eine Ausstellung mitgenommen worden); in der Ferne sieht er, wie sich über der Menge in der Luft riesengroße, schwarzbraune Schwänze erheben; er bekommt Angst: Nikolai Apollonowitsch wußte damals als Kind noch nicht, daß die Gräfin Sisi mit dem Wort »Schwänze« ihre Verehrer zu bezeichnen pflegte.

Diese Erinnerung an die Angst vor den in der Luft baumelnden Schwänzen ruft jetzt in ihm ein unterdrücktes Gefühl von Unruhe wieder wach; eigentlich sollte er doch Lichutin aufsuchen und sich -- überzeugen . . .

Von was -- _überzeugen_?

Er hörte das fortwährende Ticken einer Uhr: tick tack, tick tack; im Kreise lief die Spiralfeder; natürlich nicht hier in den glänzenden Zimmern (etwa unter einem Teppich, wo jeden Augenblick irgend jemand auf die Stelle treten konnte . . .), nein, die Haarfeder lief irgendwo in einer Mistgrube, im Feld, in der Newa: dort irgendwo liegt dieses Ticktackwerk; die Feder läuft im Kreise bis die verhängnisvolle Stunde herannaht . . .

Welcher Unsinn!

Das alles war die Folge des furchtbaren Senatorwitzes, des wahrhaftig grandiosen . . . in seiner Geschmacklosigkeit; davon kam alles: die Erinnerung an die durch die Luft schwebenden Schwänze; und -- die Erinnerung an die Bombe.

»Was hast du, Kolenka? Du bist so zerstreut und ißt keine Crême? . . .«

»Ach, ja . . .«

* * *

Nach dem Mittagessen spazierte er auf und ab im unbeleuchteten Saal; der nur ein ganz klein wenig erhellt war: vom Mond und von dem durchbrechenden Licht der draußen brennenden Laterne; Apollon Apollonowitsch durchmaß mit ruhigem Schritt die Quadrate des Parkettbodens, und neben ihm ging -- Nikolai Apollonowitsch; sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten aus dem durchbrochen-hellen Fleck in den Schatten. Mit ungewohnter vertraulicher Weichheit sprach Apollon Apollonowitsch, den Kopf tief nach unten geneigt, und es war schwer zu bestimmen: sprach er zum Sohne oder zu sich selbst.

»Wissen Sie -- weißt du, schwer ist die Lage eines Staatsmannes.«

Sie kehrten um.

»Ich habe immer schon den Leuten gesagt: die Einfuhr amerikanischer Dreschmaschinen zu fördern -- das ist eine sehr wichtige Aufgabe; darin ist mehr Humanitätsarbeit als in all den langen öffentlichen Reden . . . Die Staatswissenschaften lehren uns . . .«

Sie kehrten um und durchmaßen die kleinen Quadrate des Parkettbodens; sie schritten aus dem Schatten in die mondbeschienenen Dreiecke.

»Humanitäre Betätigung tut uns not; die Humanität ist eine große Sache, für die große Geister gelitten haben, wie ein Giordano Bruno, wie . . .«

Lange spazierten sie so, auf und ab.

Apollon Apollonowitsch sprach mit etwas gebrochener Stimme; er faßte manchmal mit zwei Fingern den Rockknopf seines Begleiters, näherte sich mit dem Mund direkt dessen Ohr.

»Schwätzer sind sie alle, Kolenka: Humanität, Humanität! . . . In Dreschmaschinen liegt aber mehr Humanität als in allem anderen, Dreschmaschinen brauchen wir! . . .«

Er umfaßte mit der freien Hand die Taille des Sohnes und zog ihn zum Fenster, in die Ecke; er murmelte etwas und wiegte den Kopf: umgangen wurde er, sie brauchten ihn nicht mehr.

»Weißt du: sie haben mich beiseitegeschoben . . .«

Nikolai Apollonowitsch wagte kaum zu glauben; wie einfach das kam -- ohne jede Auseinandersetzung, ohne Szenen, ohne Beichten: dieses vertrauliche Flüstern, diese väterliche Liebkosung.

Warum war es dann all diese Jahre . . . --?

»So, Kolenka, mein Lieber, wir wollen miteinander offener sein . . .«

»Was sagtest du? Ich hörte nicht . . .«

An den Fenstern vorbei zog, wahnsinnig schrill pfeifend, ein kleiner Dampfer; die grelle kleine Laterne am Heck durchschnitt in seltsamer schräger Linie den Nebel; die rubinroten Kreise wurden immer größer. Mit vertraulicher Wärme, den Kopf tief nach unten geneigt, sprach Apollon Apollonowitsch -- man weiß nicht, ob zu sich selbst oder zu seinem Sohn. Sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten -- aus dem helldurchbrochenen Fleck in den Schatten.

* * *

Apollon Apollonowitsch -- klein, kahl und alt -- begann, vom letzten Auflodern der Kaminkohlen beschienen, auf dem Perlmuttertischchen die Karten für ein Patiencespiel zu mischen; zweieinhalb Jahre hatte er sich nicht dem Patiencespiel zugewendet; vor zweieinhalb Jahren war es, als Anna Petrowna das letzte entscheidende Gespräch mit ihm hatte; damals war er vor demselben Tischchen gesessen, und Patience wurde gespielt; so hatte ihn auch Anna Petrowna noch in der Erinnerung behalten.

»Herz Zehn . . .«

»Nein, mein Lieber, diese Karte ist draußen . . .«