Petersburg

Part 31

Chapter 313,527 wordsPublic domain

Jetzt sah er sie deutlich (die Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt), und er sah: ihre Züge wurden, für einen Augenblick, wunderbar erhellt; aber dann verbargen sie sich wieder hinter Fältchen, Verdickungen, Fettpölsterchen; die klare Schönheit der Kindlichkeit in den Zügen hat der Vergröberung des Alters nicht standgehalten; für einen Augenblick aber wurde ihr Gesicht wunderschön; nämlich, als sie mit scharfer Bewegung das Teetablett von sich schob und ihm, dem Senator, mit einem unmerklichen Ruck gleichsam entgegenflog; und doch: sie rührte sich nicht vom Platz; von ihrem Platz warf sie dem Greis, der dort stand und mit den Lippen kaute, nur das eine zu:

»Apollon Apollonowitsch!«

Apollon Apollonowitsch lief ihr entgegen (so war er auch vor zwei Jahren ihr immer entgegengelaufen, um ihr zwei Finger zu reichen, und, sie rasch zurückziehend, sie mit Kälte zu übergießen); er lief zu ihr durch das Zimmer, so wie er gestanden war, im Mantel, mit dem Hut in der Hand; ihr Gesicht neigte sich gegen die Glatze; der große, wie ein Knie nackte Schädel und die zwei abstehenden Ohren riefen in ihr eine Erinnerung an etwas wach, und als die kalten Lippen ihre, vom verschütteten Tee nasse Hand berührten, wich alles Komplizierte aus ihren Zügen dem eindeutigen Ausdruck der Zufriedenheit: denken Sie sich -- etwas Kindliches hüpfte spielend in ihren noch schimmernden Augen auf und verbarg sich wieder in ihnen.

Als er nun gerade vor ihr stand, trat seine Gestalt mit ausgesprochener Deutlichkeit hervor; ein lose am Körper hängendes Höschen, ein Mäntelchen von früher nie getragener Farbe, eine Menge neuer Fältchen im Gesicht, von denen zwei das ganze Gesicht durchquerten, und neue, unbekannte Blicke; doch erschienen ihr diese Augen jetzt nicht mehr wie zwei durchsichtige Steine; es lag in ihnen eine ihr unbekannte Kraft und Unbeugsamkeit.

Und diese Augen senkten sich; Apollon Apollonowitsch suchte nach Worten:

»Ich kam, um« -- er hielt einen Augenblick inne --

-- ?

». . . Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .«

». . . und Sie zu Ihrer Rückkehr zu beglückwünschen . . .«

Anna Petrowna fing einen verlegenen, etwas erstaunten Blick auf, einen einfach weichen, mitleidigen Blick von kornblumenblauer Farbe, in dem wie ein Hauch etwas von Frühlingsluft lag.

Aus dem Nebenzimmer hörte man Lachen und Geräusch; hinter der Tür unterhielten sich noch immer die zwei Zimmermädchen miteinander; unten klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepäckriemen, Handtäschchen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venezianische Vase und ein Stück Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als eine Bluse entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber Rauch, und in diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straßen und Prospekte; Trottoire und Dächer; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif bedeckt; ein kalter Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.

»Und bei uns . . .«

»Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .«

»Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .«

Das Spielzeug

Die Tür ging auf.

Nikolai Apollonowitsch trat in das Vestibül, dessen Wände mit alten Waffen geschmückt waren; Nikolai Apollonowitsch sah höchst desperat aus; er riß sich seinen breiten italienischen Hut vom Kopfe; die Fülle flachsweißer Haare gab dem Gesicht mit dem kalten, ja rauhen Ausdruck, in dem sich angeborener Starrsinn ausprägte, einen etwas milderen Schimmer (selten begegnet man solchen Haaren bei Erwachsenen; diese Nüance findet man nur bei Bauernkindern, besonders in Weißrußland); kalt, trocken, deutlich zeichneten sich die Linien des weißen Gesichtes, als er nachdenklich einen Moment lang vor sich hinsah, und es ähnelte den Gesichtern auf den Heiligenbildern.

Auf einmal übergoß es sich mit Röte; und er flog rasch, ein wenig hinkend, den nassen zerdrückten Überwurf über den Schultern, die teppichbelegten Stufen hinauf. Er hüstelte; er -- keuchte; er zitterte, als hätte er Fieber: gewiß, man steht nicht ungestraft stundenlang im Regen; seltsam genug sah er aus: hinkend, mit gekrümmtem Rücken und in einem Rock, dessen eine Schoßhälfte fehlte.

Er schlüpfte durch die Tür mit dem fein geschliffenen Glasgriff; und die glänzend lackierten Zimmer, an denen er vorbeilief, schienen ihm nur eine Halluzination, die spurlos zerrann, indem sie hinter der Grenze seines Bewußtseins neblige Flächen breitete; und als seine Schuhe im Korridor laut zu tönen begannen, schien es ihm, als klopften seine Adern laut an die Schläfen; das rasche Pulsieren dieser Adern sprach deutlich von frühzeitiger Sklerose.

Innerlich ganz aufgewühlt, trat er in sein buntes Zimmer ein; die kleinen grünen Papageie im Käfig erhoben ein wildes Kreischen und begannen mit den Flügeln zu schlagen; das hemmte seinen eiligen Schritt; er blieb stehen und sah um sich; er erblickte den bunten Leoparden, der mit weitaufgerissenem Rachen zu seinen Füßen lag; dann aber -- begann er in seinen Taschen herumzusuchen (er suchte den Schreibtischschlüssel).

»Ha? . . .«

»Aber zum Teufel . . .«

»Verloren?«

»Dagelassen? . . .«

»Ist's möglich! . . .«

Er rannte hilflos durchs Zimmer hin und her und suchte den vergessenen Schlüssel, er untersuchte die für diesen Zweck unpassendsten Gegenstände, hob den schweren Rauchapparat, die goldene Kugel mit dem Halbmond oben, vom Platz, und redete dabei immerzu mit sich selbst. Ganz erschrocken lief er in das zweite Zimmer -- an den Schreibtisch; unterwegs warf er das arabische, mit Elfenbein eingelegte Taburett um; mit lautem Krachen stieß es auf den Boden; erstaunt sah er, daß der Schreibtisch gar nicht abgesperrt war; die verräterische Schublade stand zur Hälfte offen; ihm blieb das Herz stehen: wie hatte er es nur unterlassen können, die Schublade abzusperren? Er zog sie weiter heraus . . . und -- und -- und . . .

Sie war nicht da! Nein, sie war nicht da!

In der Schublade war alles durcheinandergeworfen; die große Photographie, die sich darin befunden hatte, lag achtlos hingeworfen auf der Tischplatte; und . . . die Sardinenbüchse war -- verschwunden; wütend, erschreckt, mit dem Ausdruck der Verzweiflung wiegte sich über der Schublade das rotglühende Gesicht mit den von dunklem Blau umrahmten, großen Augen, die plötzlich schwarz wurden; schwarz -- durch die erweiterten Pupillen; so stand er zwischen dem Lehnstuhl und der Büste: des Kant natürlich.

Er lief an den zweiten Tisch; öffnete auch da die Schubladen, doch hier lag alles in bester Ordnung: Briefe, Papiere; er schleuderte alles heraus auf den Tisch, doch die Sardinenbüchse . . . die war nicht da . . . Seine Beine begannen zu zittern; er kniete nieder, und sein heißer Kopf fiel auf seine kalten, vom Regen noch feuchten Hände; so erstarb er für einen Augenblick; die flachsweißen Haare hoben sich wie ein toter, gelber Fleck ab von dem grünen Fond des Möbelstoffes, im Halbdunkel der Dämmerung.

Er sprang auf! Im Nu war er beim Schrank! Der Schrank wurde aufgerissen; ein Gegenstand nach dem anderen flog auf den Teppich; aber auch da befand sich die -- Sardinenbüchse nicht; wie ein Wirbelwind fuhr er im Zimmer umher; durch die Heftigkeit seiner Bewegungen, (ähnlich denen seines exzellenten Vaters) und die Kleinheit seines Wuchses erinnerte er sehr an einen flinken Affen. In der Tat: das Schicksal hat ihm einen bösen Streich gespielt; er rannte aus einem Zimmer in das andere; vom Bett (wo er unter den Kissen, unter der Decke, unter der Matratze suchte) lief er zum Kamin: hier beschmierte er sich die Hände mit Asche; vom Kamin eilte er wieder zu den Bücherregalen (mit leichtem Knistern glitten die seidenen Vorhänge auf ihren kleinen Messingringen zur Seite); er untersuchte die Bücherreihen und mancher Band, flog mit rasselndem Gepolter zu Boden.

Doch die Sardinenbüchse war nirgends zu finden, nirgends.

Bald saß er kauernd, das Gesicht mit Asche und Staub bedeckt, vor einem auf dem Boden aufgestapelten Haufen aller möglicher Gegenstände, die er mit seinen langen, schlanken, spinnenfühlerähnlichen Fingern nacheinander berührte.

In dieser Pose wurde er vom hereingestürmten Ssemjonytsch überrascht:

»Nikolai Apollonowitsch! . . . Gnädiger junger Herr! . . .«

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um, noch immer kauernd; mit unwillkürlicher Bewegung breitete er beim Eintritt des Dieners seinen italienischen Überwurf über den Haufen und sah aus wie eine auf den Eiern sitzende Henne: seltsam tot und unbeweglich hoben sich die flachsweißen Haare, wie ein gelber Fleck vom Halbdunkel der Umgebung ab.

»Was ist?«

»Ich gestatte mir . . .«

»Lassen Sie mich, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin . . .«

Mit dem weitausgezogenen Mund ähnelte er dem Leoparden, der mit offenem Rachen bewegungslos auf dem Boden lag.

»Ich muß meine Bücher ordnen . . .«

Doch Ssemjonytsch ließ sich nicht abschrecken:

»Sie werden gebeten . . . Sie werden in den Salon gerufen . . .«

-- ?

»Eine Familienfreude: Unsere gnädige Frau, Mütterchen Anna Petrowna, geruhte selbst zu erscheinen.«

Nikolai Apollonowitsch erhob sich mechanisch; auf seinem mit Staub und Asche bedeckten Gesicht entzündete sich blitzartig schnell eine Röte; er begann plötzlich zu husten, und heiser durch das Husten rief er:

»Was, Mama? Anna Petrowna?«

»Mit Apollon Apollonowitsch geruht sie dort im Salon zu sitzen . . . Gerade sind sie . . .«

»Wurde ich gerufen?«

»Apollon Apollonowitsch läßt bitten . . .«

»Sofort . . . Ich komme sofort . . . Nur noch das hier . . .«

Kaum war Ssemjonytsch aus der Tür, da erhob sich Nikolai Apollonowitsch vom Boden, holte mit ein paar behenden Sprüngen den Alten ein und erfaßte seinen Ärmel:

»Tsss! . . . Ssemjonytsch -- hören Sie mal« -- Nikolai Apollonowitsch hielt den alten Diener beim Ärmel fest:

»Haben Sie nicht . . . Ja, es handelt sich darum . . .« er wurde verwirrt und zog, den Alten näher in das Zimmer, »Haben Sie nicht so einen Gegenstand hier gesehen? Hier im Zimmer . . . So einen Gegenstand -- ein Spielzeug . . .«

»Ein Spielzeug? . . .«

»Ein Kinderspielzeug . . . Eine Sardinenbüchse . . .«

»Eine Sardinenbüchse?«

»Ja, ein Spielzeug, das wie eine Sardinenbüchse aussah -- schwer, mit einem Uhrwerk: es tickte noch so darin . . . Ich habe es, das Spielzeug, in die Lade . . .«

Ssemjonytsch drehte sich langsam um, befreite seinen Ärmel von den sich darin eingehakten Fingern, sah einen Augenblick lang starr die gegenüberliegende Wand an, dachte nach und stieß dann etwas unehrerbietig schroff hervor:

»Nein!«

Einfach nein! -- . . .

»Und ich hatte gedacht . . .«

Sehe mal einer her: so ein Ereignis, eine Freude; selbst der gnädige Herr, der Minister, leuchtet vor Freude . . . Und der da: eine Sardinenbüchse . . . mit Uhrwerk . . . ein Spielzeug! Selbst mit abgerissenem Rockschoß . . .

»Soll ich also melden'?«

»Ich komme sofort, sofort . . .«

Nikolai Apollonowitsch schloß die Tür und stand da, ohne zu wissen wo er sich befand.

Ebenso ohne zu wissen was er tat, zog er den verräterischen Rock aus und vertauschte ihn mit einem anderen, ganz neuen; vorher wusch er sich den Staub und die Asche von Gesicht und Händen. Während er sich wusch und ankleidete dachte er immerzu:

»Was ist das nun, was ist das nun . . . Wohin konnte ich sie nur verlegt haben . . .«

Nikolai Apollonowitsch war sich noch nicht ganz bewußt, welchen Schrecken das plötzliche Verschwinden der Sardinenbüchse eigentlich in sich barg; es war ihm bisher noch nicht eingefallen, daß -- während seiner Abwesenheit jemand in seinem Zimmer gewesen sein, die Sardinenbüchse entdeckt und sie vorsorglich mitgenommen haben konnte.

Die Diener wunderten sich

Dieselben Häuser standen da in Reihen, dieselben grauen Menschenströme zogen dahin, derselbe grüngelbe Nebel hüllte alles ein; in sich versunken liefen Gestalten vorbei; die Trottoirs flüsterten und scharrten unten zu den Füßen der Häuserriesen; ihnen entgegen flog ein Prospekt nach dem anderen; und die sphärische Oberfläche des Planets schien von den schwärzlichgrauen Häuserkuben wie von Schlangenringen eingefaßt; das Netz paraller Prospekte, durchschnitten von einem Netz paraller Prospekte, dehnte sich mit seinen Quadratflächen bis zu kosmischen Abgründen . . .

Doch Apollon Apollonowitsch schenkte diesmal seiner Lieblingsfigur, dem Quadrat keine Beachtung; versank nicht gedankenlos in die Betrachtung der steinernen Parallelepipeda und Kuben; auf die weichen Kissen des gemieteten Droschkenwagens gelehnt, blickte er von Zeit zu Zeit erregt auf Anna Petrowna, die er -- er selbst, jetzt in das lackierte Haus zurückführte; was sie dort beim Tee im Hotelzimmer miteinander gesprochen hatten -- das blieb für immer ein undurchdringliches Geheimnis; nach diesem Gespräch wurde aber beschlossen: Anna Petrowna würde morgen schon in das Haus auf dem Kai übersiedeln; jetzt aber fuhr sie, um den Sohn zu sehen.

Anna Petrowna war verlegen.

Im Wagen sprachen sie nichts miteinander; Anna Petrowna blickte aus dem Fenster; zweiundeinhalb Jahre hatte sie diese grauen Prospekte nicht gesehen: sie sah die Kette der Häusernummern; dort zirkulierte etwas ununterbrochen; dort glänzte an hellen Tagen aus weit-weiter Ferne die goldene Spitze, die Wolken, der glutrote Sonnenuntergang; und dort sah man an nebligen Tagen -- nichts, niemand.

Mit unverhülltem Vergnügen lehnte sich Apollon Apollonowitsch gegen die weichen Wagenpolster, von dem Schmutz der Straße durch den geschlossenen Kubus getrennt; hier blieb er fern den dahinströmenden Menschenmassen, den ihn anödenden, regennassen, roten Umschlägen, die dort an der Straßenecke verkauft wurden; er hüpfte mit den Blicken; hie und da fing Anna Petrowna auf: einen verlorenen, staunenden und -- denken Sie sich nur -- einen einfach warmen, blau-blauen, kindlichen, ja gedankenleeren Blick. (War er nicht schon vielleicht ein wenig in Kindlichkeit verfallen?)

»Ich hörte, Apollon Apollonowitsch, Sie seien für den Ministerposten ausersehen?«

Apollon Apollonowitsch aber unterbrach sie:

»Von wo kommen Sie jetzt eigentlich, Anna Petrowna?«

»Ich komme direkt aus Granada . . .«

»So--o, so--o, so--o . . .« -- und nachdem er sich geschneuzt hatte: »Ja, wissen Sie: es gibt allerlei dienstliche Unannehmlichkeiten . . .«

Und plötzlich, was ist das?: Er fühlte eine warme Hand auf seiner Hand, seine Hand wurde gestreichelt . . . Hm, hm, hm: Apollon Apollonowitsch wurde verlegen; er wurde verlegen, ja er erschrak sogar; es wurde ihm beinahe ein wenig unbehaglich . . . Hm, hm: es werden schon an die anderthalb Jahrzehnte sein, daß man mit ihm nicht so umgegangen war . . . Sie hat ihn tatsächlich gestreichelt. . . . Das hatte er wahrlich von dieser . . . Person nicht erwartet. . . Hm, hm . . . (Apollon Apollonowitsch hatte ja in diesen zweieinhalb Jahren diese Person für eine . . . leichtsinnige Person gehalten . . .)

»Ich bin eben im Begriff, meinen Abschied zu nehmen . . .«

Durch das Fenster des Wagens drang das mattgrüne Tageslicht ein; dort ergossen sich wie eine Flut die Menschenwellen übereinander; und diese Menschenflut war eine donnernde Flut.

Hier, an dieser Stelle, hatte er neulich jenen Mann unbestimmter Herkunft erblickt; die Augen dieses Mannes von unbestimmter Herkunft hatten geglänzt und sie hatten ihn erkannt: das war vor etwa zehn Tagen (ja, vor nur zehn Tagen war es: in diesen zehn Tagen hat sich alles verändert; und verändert hat sich auch Rußland!) . . .

* * *

In der Tat, wie wunderten sich die Diener!

So erzählte später der Junge Grischka, der gerade in dieser Stunde den Dienst im Vorzimmer versehen hatte:

»Ich sitze so da und zähle an den Fingern, wie viele Wochen noch bis zum Heiligen Nikolaus, dem, der in den Winter fällt . . .«

»Aber geh du mit deinem Nikolaus! So erzähl' doch einmal!«

»Jawohl, ja: der Heilige Nikolaus ist bei uns im Dorfe ein großer kirchlicher Feiertag . . . Ich sitze also nun so und rechne nach . . . Auf einmal: ein Wagen, direkt vor unsere Tür; ich springe auf; mache also die Tür auf -- und: alle Heiligen! -- der gnädige Herr, er selbst -- in einem Droschkenwagen! (und ein Wagen, sag ich euch!) Und mit ihm eine Dame, schon eine ältere, in einem ganz billigen Redingote.«

»Was -- Redingote, Bursche! Redingote werden jetzt nicht mehr getragen.«

»Unterbrechen Sie ihn nicht; der weiß auch so schon nicht, wo ihm der Kopf steht.«

»Kurzum: in einem Mantel. Der gnädige Herr -- so flink, flink aus der Droschke -- na, Teufel, wollte sagen: aus dem Wagen -- hüpf! zu der Dame, den Arm so und lächelt: na, wie der reinste Kavalier! In jeder Weise behilflich! . . .«

»Hör mal einer . . .«

»So was . . .«

»Das läßt sich auch denken: zwei Jahre haben sich die Leute nicht gesehen«, ertönten ein paar Stimmen zugleich.

»Also: die Gnädige steigt aus dem Wagen; aber verlegen war sie, das sah ich ihr schon gleich an; lächelt so; streicht sich übers Kinn, der Courage wegen; aber arm gekleidet, sag' ich euch: die Handschuh sicher gestopft . . .«

»Schon gut: was also weiter?«

»Der gnädige Herr also, Apollon Apollonowitsch -- gar nicht so stolz wie immer; steht da im Regen« (es hat ja so geregnet -- hu--u!), »steht so und wartet, bis die Gnädige das Trittbrett . . . Sie ist ja so, hat schon ihr Gewicht . . . Wie sie sich auf den Arm vom gnädigen Herrn stützte, mit ganzer Schwere, da hab' ich mir gedacht: daß er's aushalten kann, eine solche Last . . .«

»Plappere doch nicht, erzähl'!«

»Ich plappere nicht, ich erzähle so schon; aber was: hier kann euch Mitrij Ssemjonytsch weitererzählen: er hat ja die Herrschaften im Vorzimmer empfangen . . . Was soll ich weitererzählen? Der gnädige Herr hat der Gnädigen nur gesagt: >Bitte<, hat er gesagt, >willkommen, Anna Petrowna< . . . Da erst hab ich die gnädige Frau erkannt . . .«

»Na, und wie . . .«

»Alt, sag' ich euch, ist sie geworden . . . Ich erkannte sie erst gar nicht, aber dann . . . Sie hat mir ja oft eigenhändig Süßigkeiten geschenkt . . .«

So redeten später die Diener.

* * *

Wirklich!

Eine unerwartete, unvorhergesehene Tatsache: vor zweieinhalb Jahren hatte Anna Petrowna ihren Gatten verlassen und war mit einem italienischen Schauspieler fortgezogen; von dem Schauspieler im Stich gelassen, verließ sie die herrlichen Paläste Spaniens und eilte über die Pyrenäen, die Alpen, Tirol, mit dem Expreßzug zurück; was aber am wunderlichsten war: zweieinhalb Jahre durfte der Name Anna Petrowna in Anwesenheit des Senators nicht genannt werden, ja, noch vor zweieinhalb Tagen war er durchaus verpönt; zweieinhalb Jahre vermied der Senator jeden Gedanken an Anna Petrowna (trotzdem dachte er wohl an sie), und selbst bei einem zufälligen Zusammentreffen dieser Lautverbindung zog er verächtlich die Lippen zusammen. Warum war aber bei der Nachricht von ihrer Rückkehr an Stelle des verächtlichen Zuckens ein erregt zorniges Zittern des Kiefers getreten? Warum schlief er diese Nacht nicht? Warum war der Zorn im Laufe der zwölf Stunden allmählich gewichen und statt seiner stellte sich eine unruhevolle Sehnsucht ein? Warum hielt er es nicht aus und fuhr selbst ins Hotel; überredete sie, brachte sie selbst nach Hause? Was war dort im Hotelzimmer vorgefallen? -- Auch Anna Petrowna hat ihr Vorhaben vergessen; das Vorhaben, das sich ihr gestern beim Besuch im lackierten Haus wieder fest eingeprägt hatte.

Sie hat ihr Vorhaben aufgegeben und ist zurückgekehrt.

Beide waren durch die Auseinandersetzung im Hotel erregt und verlegen; deswegen verzichteten beide auf irgendwelche Gefühlsäußerungen beim Eintritt in das lackierte Haus; Anna Petrowna sah von der Seite ihren Gatten an: Apollon Apollonowitsch schneuzte sich, dann räusperte er sich ein wenig. Anna Petrowna dankte herablassend auf die ehrfurchtsvollen Grüße der Dienerschaft; sie verhielt sich sehr reserviert; nur den alten Ssemjonytsch umarmte sie und -- es sah aus, als möchte sie an seiner Schulter weinen; aber sie warf einen verlegenen, erschreckten Blick auf Apollon Apollonowitsch und überwand sich: sie griff nach dem Handtäschchen, doch holte sie das Taschentuch nicht vor.

Apollon Apollonowitsch, seiner Gattin ein paar Stufen voraus, warf den Lakaien strenge, befehlende Blicke zu; solche Blicke hatte er nur in Augenblicken der Verlegenheit; gewöhnlich benahm sich Apollon Apollonowitsch gegen die Dienerschaft mit verletzend ausgesuchter Höflichkeit und Kühle (die bekannten Scherze ausgenommen). Er behielt vor der Dienerschaft den Ton der Gleichgültigkeit: nichts ist geschehen, die gnädige Frau hat sich aus Gesundheitsgründen im Auslande aufgehalten, jetzt ist sie zurückgekehrt -- nichts weiter . . . Also was ist dabei? Es ist alles in schönster Ordnung! . . .

Übrigens, einen Diener gab es (alle früheren außer Ssemjonytsch und dem Knaben Grischka sind inzwischen aus dem Hause fortgekommen), -- dieser Diener erinnerte sich ganz genau, wie die gnädige Frau damals ins Ausland gereist war: der Dienerschaft war nichts gesagt worden; das ganze Gepäck hatte aus einer Handtasche bestanden (und das für die Zeit von zweieinhalb Jahren!); den Tag vor der Abreise hatte die Gnädige sich in ihren Gemächern eingesperrt gehalten; die vorherigen Tage aber war bei ihr immer der Schwarze mit dem Schnurrbart gesessen: wie hatte er nur geheißen -- Mindalini (er hieß in Wirklichkeit Mantalini), -- der immer die nichtrussischen Lieder gesungen hatte: »Tra--la--la . . . Tra--la--la . . .« Und der nie Trinkgeld gegeben hatte.

Dieser Lakai, der das alles in seiner Erinnerung hatte, küßte besonders ehrfurchtsvoll das erlauchte Händchen; sein Gewissen war durch die Schuld belastet, nicht die Einzelheiten der Flucht -- d. h. der Abreise -- aus seinem Gedächtnis weggewischt zu haben; er hatte die begründete Angst, daß mit dem Erscheinen der erlauchten Gnädigen seine Tage im lackierten Haus gezählt seien.

Sie sind im großen Salon; wie Spiegel blitzen die Quadrate des Parketts: während dieser zwei Jahre war hier nur selten geheizt worden; von der kalten Zimmerflucht ging immer eine undefinierbare Traurigkeit aus; Apollon Apollonowitsch war stets in seinem Zimmer hinter abgesperrter Tür gesessen; es hatte ihm immer geschienen, aus der Zimmerflucht würde ein Bekannter, ein Trauriger zu ihm hereinstürzen; jetzt stand er da und dachte: nun ist er nicht mehr allein; er wird nicht mehr allein über die Quadrate des Parketts schreiten, sondern mit . . . Anna Petrowna.

Er bot galant der Angekommenen den Arm und führte sie durch den großen Saal; Anna Petrowna blieb vor einer blaßtönigen Malerei stehen, wandte sich Apollon Apollonowitsch zu und lächelte:

»Ach das da . . . Erinnern Sie sich, Apollon Apollonowitsch?«

Sie schielte ein klein, klein wenig, wurde ein klein, klein wenig rot; zwei kornblumenblaue Augen versanken da in zwei andere, von Himmelsblau erfüllte; und -- der Blick, der Blick; etwas Liebes, Gewesenes, Altes, -- etwas, was die Menschen vergessen haben, was aber die Menschen seinerseits nie vergaß, was immer vor jeder Tür steht, dieses Etwas stellte sich plötzlich zwischen ihre Blicke; es war nicht in ihnen; es erwachte nicht in ihnen: es stand zwischen ihnen -- als wäre es vom Frühlingswind hereingeweht worden. Der Leser verzeihe mir: ich will den Sinn dieser Blicke mit dem ganz banalen Wort bezeichnen: es war -- _Liebe_.

»Erinnern Sie sich?«

»Gewiß doch . . .«

»Wo?«

»In Venedig . . .«

»Es sind dreißig Jahre seither vergangen! . . .«

Die Erinnerung an einen im Nebel schimmernden Kanal tauchte in ihm auf, an eine Arie, die seufzend aus der Ferne klang: dreißig Jahre sind seither vergangen. Auch sie wurde von der Erinnerung an Venedig erfaßt; diese Erinnerung spaltete sich aber: vor dreißig Jahren und -- vor zweieinhalb Jahren; sie errötete: sie hatte ja diese Erinnerung zu verdrängen gesucht; nun trat eine andere auf: Kolenka. Sie hatte in den letzten zwei Stunden nicht an Kolenka gedacht; das Gespräch mit dem Senator hatte alles andere für einige Zeit beiseite geschoben; vor diesen letzten zwei Stunden hatte sie doch nur an Kolenka gedacht, voll Zärtlichkeit, voll Zärtlichkeit und Kränkung: Kolenka hatte nichts von sich hören lassen, keine Nachricht gegeben.

»Kolenka . . .«