Petersburg

Part 3

Chapter 33,380 wordsPublic domain

»Gehalt! Mir handelt es sich nicht um das Gehalt; ich bin Artist, verstehen Sie, Artist!«

»In seiner Art . . .«

»Wie?«

»Nichts: ich kuriere mich mit Talglicht.«

Die Figur zog ein ganz durchnäßtes Taschentuch hervor und begann sich wieder zu räuspern.

»Ich spreche ja von der Sache. Sie können es so ausrichten: Nikolai Apollonowitsch hat das Versprechen gegeben . . .«

»Talglicht ist ein sehr gutes Mittel gegen Schnupfen . . .«

»Richten Sie bitte alles aus, was ich Ihnen sagte: die Sache ist organisiert . . .«

»Du reibst abends die Nase ein -- und am Morgen ist der Schnupfen verschwunden . . .«

»Ich sage nochmals, die Sache ist organisiert wie ein Uhrwerk . . .«

»Die Nase ist dann frei, du kannst wieder atmen . . .«

»Wie ein Uhrmechanismus! . . .«

»Ha?«

»Wie ein Uhr--mecha--nismus, zum Teufel.«

»Meine Ohren sind belegt, kann kaum hören.«

»Uhr--en--mech . . .«

»Apschi! . . .«

Das Taschentüchlein spazierte wieder unter die Warze: zwei Schatten verloren sich wieder in naßkaltem Grau. Bald tauchte der Schatten mit der Ohrenklappenmütze aus dem Nebel auf, blickte zerstreut auf die Spitze der Petropawlowschen Festung hinüber.

Und trat ins Restaurant ein.

Und dabei glänzte fettig sein Gesicht

Leser!

Du kennst das »Plötzlich«. Warum versteckst du dann wie der Vogel Strauß den Kopf in die Federn, wenn du das verhängnisreiche, unabwendbare »Plötzlich« nahen siehst?

Höre also . . . Dein »Plötzlich« schleicht hinter deinem Rücken; du fühlst dich sehr beunruhigt: im Rücken entsteht eine unangenehme Empfindung, als wälzte sich gegen ihn wie gegen eine offene Tür eine Schar Unsichtbarer; du wendest dich und bittest die Wirtin:

»Gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich die Tür schließe; ich ertrag's nicht, mit dem Rücken gegen eine offene Tür zu sitzen.«

Dein »Plötzlich« nährt sich vom Spiel deines Hirns; gern frißt es wie ein Hund die Gemeinheit deiner Gedanken; es schwillt an, du aber schmilzt dann wie ein Licht; sind deine Gedanken gemein und erfaßt dich ein Zittern, dann beginnt das »Plötzlich«, vollgefressen an allerhand Gemeinheit, wie ein gemästeter, unsichtbarer Köter vor dir her zu laufen, und ein Fremder bekommt den Eindruck, als seiest du durch eine schwarze unsichtbare Wolke vor den Blicken verdeckt.

* * *

Wir verließen unseren Unbekannten im kleinen Restaurant. _Plötzlich_ wandte sich der Unbekannte rasch um: es schien ihm, als kröche ein widerwärtig-schleimiges Etwas ihm hinter den Kragen und über das Rückgrat hinweg. Hinter seinem Rücken war aber nichts; düster gähnte die Türöffnung des Einganges, und durch die Tür wälzte sich das Unsichtbare.

Da wurde es ihm klar: die von ihm erwartete Person schritt jetzt die Treppe herauf; gleich, sofort wird sie eintreten; aber sie ist noch nicht eingetreten; in der Tür hat sich noch niemand gezeigt.

Doch während mein Unbekannter sich von der Tür abwandte, trat auch schon der unangenehme Dicke herein; während er sich dem Unbekannten näherte, knarrte der Fußboden unter seinen Füßen; sein gelbliches, rasiertes, leicht zur Seite geneigtes Gesicht schwamm gemächlich in dem eigenen Doppelkinn, und dabei glänzte fettig sein Gesicht.

Da wandte sich mein Unbekannter um; die _Person_ winkte ihm freundlich mit der Ohrenklappenmütze:

»Alexander Iwanowitsch . . .«

»Lipantschenko!«

»Ich bin's . . .«

»Sie ließen auf sich warten.«

An dem Tische des Unbekannten Platz nehmend, rief die Person selbstzufrieden aus:

»Kaffee . . . Und -- hören Sie -- einen Kognak: meine Flasche haben Sie dort mit meinem Namen vermerkt.«

Und um sie herum hörte man:

»Hast du mitgetrunken?«

»Jawohl . . .«

»Mitgegessen?«

»Jawohl . . .«

»Was bist du dann, mit Verlaub, für ein Schwein . . .«

* * *

»Vorsichtig!« rief mein Unbekannter: der Dicke, den der Unbekannte mit Lipantschenko ansprach, wollte seinen Arm auf den Zeitungsfetzen legen, der über dem Paket lag.

»Was denn?« Da hob Lipantschenko den Zeitungsfetzen, sah das nasse Paketchen, und seine Lippen erbebten.

»Das . . . das . . . ist es?«

»Ja, _das_ -- ist es . . .«

Lipantschenkos Lippen bebten noch immer.

»Wie sind Sie doch unvorsichtig, Alexander Iwanowitsch.«

Lipantschenko streckte seine hölzernen Finger aus; die falschen Steine seiner Ringe funkelten auf diesen geschwollenen Fingern mit den abgebissenen Nägeln (auf den Nägeln sah man Spuren derselben braunen Farbe, die seine Haare zeigten; ein aufmerksamer Beobachter würde daraus schließen: die Haare der Person waren gefärbt).

»Eine Bewegung nur (hätte ich den Ellbogen darauf gelegt), dann wäre es zu . . . einer Katastrophe gekommen . . .«

Und mit außerordentlicher Vorsicht legte die Person das Paket auf den Stuhl.

»Ha, wir wären dann, beide«, witzelte unangenehm der Unbekannte. -- »Wir würden beide . . .«

Er schien sich zu weiden an der Verlegenheit der Person, die er -- wie wir von uns hinzufügen -- haßte.

»Nicht meinetwegen, natürlich, sondern . . .«

»Gewiß, Ihretwegen nicht, sondern . . .«

* * *

Und um sie herum hörte man:

»Mit >Schwein< haben Sie mich nicht zu beschimpfen . . .«

»Aber ich schimpfte ja doch gar nicht.«

»Freilich schimpften Sie: Sie warfen es mir vor, daß Sie gezahlt haben . . . Was ist dabei? Neulich haben Sie gezahlt, heute zahl' ich . . .«

»Laß dich küssen, Freund, für diese Tat . . .«

»Essen Sie nur, essen Sie, das wird schon richtiger sein.«

»Na, das >Schwein< nicht übelnehmen und essen -- essen tu' ich auch so schon . . .«

* * *

»Wissen Sie, Alexander Iwanowitsch, wissen Sie, mein Lieber, nehmen Sie dieses Paketchen,« -- Lipantschenko schielte hinüber -- »und tragen Sie's gleich zu Nikolai Apollonowitsch.«

»Ableuchow?«

»Eben: zu ihm; zur Aufbewahrung.«

»Aber gestatten Sie, aufbewahrt kann das Paket auch bei mir werden.«

»Das ist ungeschickt: Sie kann man abfassen; _dort_ aber ist es sicher. Immerhin: das Haus des Senators Ableuchow . . . Übrigens, haben Sie schon von dem letzten Wort des ehrenvollen Alterchens gehört?«

Da neigte sich der Dicke zum Unbekannten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Sch--sch--sch . . .«

»Ableuchow?«

»Sch . . .«

»Ableuchow?«

»Sch--sch--sch . . .«

»Mit Ableuchow?«

»Jawohl, nicht mit dem Senator, sondern mit des Senators Sohn: wenn Sie ihn besuchen, übergeben Sie ihm gefälligst zugleich mit dem Paket auch dieses Briefchen: da ist's . . .«

Lipantschenkos schmalstirniger Kopf wälzte sich wie eine Last gegen das Gesicht des Unbekannten; in ihren Höhlen lauerten prüfend zwei bohrende Äuglein; die Lippe bebte leicht und sog an der Luft. Der Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen horchte aufmerksam und suchte im Lärm der Stimmen den Inhalt des Geflüsterten genau zu erfassen. Kaum hörbar flüsterten die widerwärtigen Lippen, und es schien, als läge darin ein furchtbarer Inhalt, als flüsterten sie von Welten und Planeten; bei genauem Zuhören aber erwies sich der Inhalt von einfachster Alltäglichkeit.

»Sie übergeben ihm das Briefchen . . .«

»Wie, steht denn Nikolai Apollonowitsch selbst in Beziehungen?«

Die Person zwinkerte mit den Äuglein und schnalzte mit der Zunge.

»Ich dachte, nur durch mich wird der Verkehr mit ihm vermittelt . . .«

»Sie sehen nun -- das stimmt nicht . . .«

* * *

Um sie herum hörte man:

»Iß, Freund, iß . . .«

»Hau' mir ein Stück vom Aspikfleisch herunter.«

»Im Essen liegt die Wahrheit . . .«

»Was ist die Wahrheit?«

»Wahrheit ist das Eßbare . . .«

»Das weiß ich auch . . .«

»Wenn du's weißt -- dann ist's gut. Gib den Teller her und iß . . .«

* * *

Der dunkelgelbe Anzug Lipantschenkos erinnerte den Unbekannten an die dunkelgelbe Tapete seines Zimmers auf der Wassiljewskiinsel -- an jene Farbe, die sich für ihn mit der Schlaflosigkeit der weißen Frühlings- und der düsteren Herbstnächte verband; und diese böse Schlaflosigkeit war es wohl, die jetzt vor ihm ein unheilvolles Gesicht mit schmalen, mongolischen Augen, das ihn so oft von jener gelben Tapete angesehen hatte, hervorrief.

* * *

»Verzeihung, Lipantschenko, sind Sie Mongole?«

»Warum diese sonderbare Frage?« . . .

»So, mir schien's . . .«

»In jedem Russen kreist ja mongolisches Blut . . .«

Was für Kostümeur?

Die Appartements Nikolai Apollonowitschs bestanden aus Schlaf-, Arbeits- und Empfangszimmer.

Das Schlafzimmer: ein riesiges Bett, darauf eine rote Atlasdecke; ein feiner Spitzenüberwurf über die hoch aufgeschlagenen Kopfkissen. An den Wänden des Arbeitszimmers eichene Bücherschränke mit Seidenvorhängen, die leicht auf ihren Messingringelchen nach links und rechts glitten; eine sorgliche Hand konnte den Inhalt der Fächer vor dem Beschauer verdecken oder aber eine Reihe von Einbandrücken sehen lassen, die mit der Aufschrift »Kant« geziert waren.

Die Sitzmöbel hatten dunkelgrünen Bezug, und herrlich war die Büste . . . eben desselben Kant natürlich.

Seit zwei Jahren stand Nikolai Apollonowitsch nie vor Mittag auf. Zweieinhalb Jahre vorher pflegte er aber in früherer Stunde zu erwachen: um neun; und um halb zehn erschien er in geschlossener Studentenuniform beim Familienfrühstück.

Vor zweieinhalb Jahren spazierte Nikolai Apollonowitsch nicht im bucharischen Schlafrock im Hause umher; das rote Käppchen hing nicht im orientalischen Salon; vor zweieinhalb Jahren verließ Anna Petrowna, die Mutter Nikolai Apollonowitschs, die Gattin Apollon Apollonowitschs, für immer den häuslichen Herd, inspiriert von einem italienischen Sänger. Nach ihrer Flucht mit dem Sänger erschien Nikolai Apollonowitsch auf dem Parkett des erkalteten häuslichen Herdes im bucharischen Schlafrock; die täglichen Begegnungen von Vater und Sohn beim Morgenkaffee hörten von selbst auf. Den Kaffee bekam Nikolai Apollonowitsch ins Bett.

Zu erheblich früherer Stunde als der Sohn geruhte Apollon Apollonowitsch seinen Kaffee zu trinken.

Vater und Sohn trafen sich nur bei Tische; und auch da nur ganz kurz; am Morgen aber sah man Nikolai Apollonowitsch im Schlafrock; seine Füße staken in pelzverbrämten, tatarischen Pantöffelchen, auf dem Kopfe aber hatte er ein rotes Käppchen.

Der glänzende junge Mann wurde zum orientalischen Menschen.

Nikolai Apollonowitsch hatte soeben einen Brief erhalten; einen Brief mit fremder Schrift; armselige Virsche von erotischer Nuance mit der verblüffenden Unterschrift: »Die flammende Seele«. Nikolai Apollonowitsch begann, um die Virsche genauer zu studieren, hilflos durchs Zimmer zu kreisen; nach der Brille suchend, warf er Bücher, Federhalter und andere Kleinigkeiten durcheinander und brummte vor sich hin:

»Ah -- ah . . . Wo ist doch nur die Brille?«

»Hol's der Teufel . . .«

»Verloren? . . .«

»Ha?«

»Nein, so was!«

Nikolai Apollonowitsch pflegte ebenso wie Apollon Apollonowitsch mit sich selber zu sprechen.

Seine Bewegungen waren rasch wie die Bewegungen seines exzellenten Vaters; wie Apollon Apollonowitsch war er klein von Gestalt, und das stets lächelnde Gesicht hatte denselben ruhelosen Blick; versank er jedoch in Betrachtung irgendeines Gegenstandes, dann wurde allmählich dieser Blick steinern: trocken, klar und kalt zeichneten sich die Linien seines Antlitzes, wie das eines Heiligenbildes, überraschend durch besonderen, edlen Aristokratismus: das Edle des Gesichts zeigte sich besonders in der Stirn, die wie gemeißelt war, mit angeschwollenen Äderchen: das rasche Pulsieren dieser Äderchen war ein deutliches Voranzeichen frühzeitiger Sklerose.

Diese bläulichen Äderchen entsprachen dem Blau um die riesigen kornblumenblauen Augen (nur in Augenblicken der Erregung waren diese Augen durch die erweiterten Pupillen schwarz).

Wir sehen Nikolai Apollonowitsch vor uns mit seinem Käppchen auf dem Kopf; würde er es abnehmen, erblickten wir eine üppige flachsweiße Mähne, die den Trotzausdruck dieses kalten, fast rauhen Antlitzes milderte; schwerlich konnte man bald wieder bei einem Erwachsenen Haare von solcher Farbe finden; oft finden wir sie nur bei Dorfkindern, besonders in Weißrußland.

Er warf den Brief unachtsam fort und setzte sich vor ein aufgeschlagenes Buch hin; die gestrige Lektüre, eine Abhandlung, entstand deutlich vor ihm. Er erinnerte sich des Kapitels und der Seite, des lenksamen Ganges der Gedanken und der am Rand des Buches gemachten Notizen; sein Gesicht, noch immer streng und klar, wurde lebhaft von Gedanken belebt.

Hier in seinem Zimmer wuchs Nikolai Apollonowitsch in Wahrheit zu einem sich selbst überlassenen Zentrum; er wandelte sich in eine Serie aus dem Zentrum entstammender, logischer, für Gedanken und Seele vorbestimmender Voraussetzungen, und dieser Tisch da: er war hier das einzige Zentrum des Alls -- des denkbaren und undenkbaren, alle Äonen der Zeit zyklisch durchlaufend.

Aber kaum gelang es heute Nikolai Apollonowitsch, sich den Kleinlichkeiten des Lebens zu entziehen, dem Wirbel allmöglicher Unvernehmbarkeiten, genannt Leben und Welt; kaum gelang es ihm, sich zu sich selbst zu erheben, als eine dieser Unvernehmbarkeiten sich in seine Welt gedrängt hat:

Nikolai Apollonowitsch riß sich von seinem Buche los, es wurde geklopft.

»Na? . . .«

»Was ist?«

Hinter der Tür antwortete eine dumpfe, ehrfurchtsvolle Stimme:

»Dort . . .«

». . . fragt jemand nach Ihnen . . .«

Wenn Nikolai Apollonowitsch sich auf einen Gedanken konzentrierte, sperrte er die Tür seines Arbeitszimmers ab: dann begann es ihm zu scheinen, als verwandelten sich augenblicklich er selbst und die Gegenstände des Zimmers aus Dingen der realen Welt in nur gedanklich erfaßbare Symbole rein logischer Konstruktionen; der Zimmerraum und sein eigener Körper, der die Gefühlsfähigkeit verlor, wurden zum einzigen Sein-Chaos, von ihm das _All_ genannt; sein Bewußtsein aber, abgesondert vom Körper, verband sich unmittelbar mit der elektrischen Lampe des Schreibtisches, von ihm genannt »_Sonne des Bewußtseins_«. So hinter der abgesperrten Tür, Schritt für Schritt seine zur Systemeinheit geschlossenen Sätze überdenkend, fühlte er seinen Körper sich in das »_All_«, d. h. ins Zimmer, ergießen; der Kopf dieses _Körpers_ aber fand seinen Platz im dickbäuchigen kleinen Zylinder der elektrischen Lampe mit dem zierlichen Schirm.

Und so sich in einen anderen Raum versetzend, wurde Nikolai Apollonowitsch ein wahrhaft schöpferisches Wesen.

Das ist es, warum er es liebte, sich einzusperren: eine Stimme, ein Schritt oder ein fremdes Geräusch verwandelte das _All_ in ein Zimmer, das _Bewußtsein_ in eine Lampe und zerstörte in Nikolai Apollonowitsch den willkürlichen Bau der Gedanken.

So auch jetzt.

»Was ist's?«

»Ich höre nicht . . .«

Aus den Fernen des Raumes antwortete des Lakaien Stimme:

»Jemand ist hier.«

* * *

Das Gesicht Nikolai Apollonowitschs bekam den Ausdruck der Zufriedenheit.

»Ah, das ist wohl der Kostümeur? Er brachte mir das Kostüm.«

Was ist es nur für ein Kostümeur?

Nikolai Apollonowitsch ging hinaus, bog sich über die Brüstung der Treppe und rief hinunter:

»Sind Sie's?«

»Der Kostümeur?«

»Vom Kostümeur?«

»Hat er das Kostüm geschickt?«

Und wieder fragen wir von uns aus: Was ist das nur für ein Kostümeur?

* * *

Im Zimmer Nikolai Apollonowitschs lag nun ein Karton. Er sperrte die Tür ab; geschäftig zerschnitt er die Kordel; hob den Deckel; dann zog er aus dem Karton: erst eine kleine Maske mit schwarzem Bart aus Spitzen, dann folgte ein hellroter prächtiger Domino mit rauschenden Falten.

Bald stand er, ganz in Atlas und Rot, vor dem Spiegel, die Maske über dem Gesicht hochhaltend, die schwarze Spitze des Bartes verschob sich und fiel auf die Schultern, rechts und links, wie zwei phantastische Flügel; und zwischen den schwarzen Spitzenflügeln blickte aus dem Spiegel qualvoll-seltsam im Halbdunkel des Zimmers das Eigentliche: das Gesicht, sein Gesicht, sein eigenes; Sie würden sagen, dort im Spiegel sah Nikolai Apollonowitsch nicht sich selbst, sondern einen unbekannten, blassen, sehnsuchtskranken -- Dämon des Raumes.

Nach dieser Maskerade packte Nikolai Apollonowitsch mit ungemein zufriedenem Gesicht erst den roten Domino, dann auch die Maske in den Karton.

Feuchter Herbst

Der feuchte Herbst lagerte über Petersburg, und traurig glomm der septemberliche Tag.

Wie ein grünlicher Schwarm zogen Wolkenflocken dahin, und verdichtet zum gelblichen Rauch, fielen sie auf die Dächer wie eine Drohung nieder.

Über den Himmel einen Trauerbogen spannend, erhob sich ein dunkler Rußstreifen von den Rauchfängen der Dampfer, der seinen Schwanz in die Newa versenkte.

Und die Newa dröhnte, stieß durch die Pfeife des kleinen Dampfers gellende Schreie aus, ihre stählernen Wasserschuppen zerbrachen an den steinernen Pfeilern; und ihre Zungen leckten den Granit; mit ihren kalten Newawinden überfiel sie und zerrte an Mützen, Schirmen, Mänteln. Und überall in der Luft lagerte die fahlgraue Fäulnis; von dort aber, wo auf dem Felsen[*] der nasse Reiter steht, blinkte das gelbe, grünüberzogene Kupfer zur Newa, in die fahlgraue Fäulnis hinüber.

[Fußnote *: Das berühmte aus Kupfer gegossene Denkmal Peters des Großen.]

Auf diesem düsteren Fond des schwänzigen, überhängenden Rußes der feuchten Kaisteine, die Augen auf das bazillenerfüllte, trübe Newawasser gerichtet, zeichnete sich deutlich die Silhouette Nikolai Apollonowitschs im grauen Studentenmantel und seitlich sitzender Studentenmütze ab. Langsam bewegte sich Nikolai Apollonowitsch gegen die graue, dunkle Brücke.

Vor der großen schwarzen Brücke blieb er stehen.

Ein unangenehmes Lächeln erleuchtete für einen Augenblick sein Gesicht und erlosch gleich wieder; die Erinnerung an eine unglückliche Liebe hatte ihn erfaßt, und er wurde von ihr wie vom Aufbrausen eines kalt-kalten Windes bedrängt; Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich einer nebligen Nacht; in dieser Nacht hatte er sich übers Brückengeländer gebeugt; er hatte sich umgewandt und gesehen, daß niemand ihm zusah; er hatte den Fuß hochgehoben, und sein glatt-blanker Gummischuh hatte sich übers Geländer geschwungen und -- so war er -- mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben; es sollte scheinen, daß daraus weitere Folgen sich ergeben müßten; doch . . . Nikolai Apollonowitsch war mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben.

Einige Augenblicke später hatte er seinen Fuß wieder zurückgezogen.

Damals eben reifte in ihm der unüberlegte Plan: einer leichtsinnigen Partei ein furchtbares Versprechen zu geben.

Dieser unglücklichen Tat jetzt gedenkend, lächelte Nikolai Apollonowitsch in unangenehmster Weise. So bog er auf den Newskij-Prospekt ein; es begann zu dämmern; in den Auslagen blinkten bald da, bald dort Lichter auf.

»Ein schöner Mann«, hörte Nikolai Apollonowitsch immer wieder sagen.

»Eine antike Maske . . .«

»Apollo vom Belvedere.«

»Ein schöner Mann . . .«

So sprachen die ihm begegnenden Damen wohl von ihm.

»Dieses blasse Gesicht . . .«

»Dieses marmorne Profil . . .«

»Göttlich . . .«

Die ihm Begegnenden sagten es zueinander. Wäre Nikolai Apollonowitsch aber mit einer der Damen ins Gespräch gekommen, sie würde für sich gedacht haben:

»Scheusal . . .«

Dort, vor einer Einfahrt, wo zwei melancholische Löwen spöttisch die Tatzen auf die grauen Granitplatten legten, dort, an diesem Platz, blieb Nikolai Apollonowitsch stehen und sah verwundert in den Rücken eines vor ihm schreitenden Offiziers. Er holte diesen ein:

»Ssergeij Ssergeijewitsch!«

Der Offizier wandte sich um und sah mit einem Schatten des Ärgers durch die blauen Brillengläser, wie, sich ihm nähernd, die kleine Figur im Studentenmantel von der Einfahrt herkam, wo zwei melancholische Löwen mit glatten Granitmähnen spöttisch die Tatzen übereinander gelegt haben. Für einen kurzen Augenblick wurde das Gesicht des Offiziers von einem Gedanken erleuchtet; das leichte Beben der Lippen ließ vermuten, daß er erregt war; als schwankte er: _erkennen_ oder _nicht_.

»Ah, guten Abend! Wohin?«

»Ich gehe zur Pantelemonstraße«, log Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier durch die Moika zu gehen.

»Gehen wir zusammen, bitte.«

»Wohin gehen Sie?« log wieder Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier durch die Moika zu gehen.

»Ich -- nach Hause.«

»Dann haben wir denselben Weg.«

Beide schienen das Berühren einer schweren Vergangenheit vermeiden zu wollen, und sie leiteten sogleich das Gespräch auf anderes über: sie sprachen vom Wetter, dann davon, daß die Unruhe der letzten Tage ungünstig auf die philosophischen Arbeiten Nikolai Apollonowitsch' gewirkt, von den Schwindeleien, die der Offizier in der Proviantierungskommission (er versorgte dort irgendein Amt) aufgedeckt haben wollte.

So unterhielten sie sich während des ganzen Weges.

Und nun kam die Moikastraße.

»Adieu, also . . . Sie gehen ja weiter?«

Das Herz Nikolai Apollonowitschs begann eifrig zu pochen; etwas wollte er sagen; und doch, nein: er sagte es nicht; einsam stand er nun vor der zugeschlagenen Tür; ihn packte die Erinnerung an eine verunglückte Liebe, vielmehr -- an einen sinnlichen Trieb -- und blau pulsierten die Äderchen an den Schläfen; er sann jetzt über seine Rache; er sann über die boshafte Verhöhnung seiner Gefühle von seiten der, die hinter diesem Vestibül wohnte; schon seit nahezu einem Monat sann er über seine Rache; doch -- jetzt kein Wort mehr davon!

* * *

Nikolai Apollonowitsch sah nicht den Newskij-Prospekt, noch immer stand das graue Haus vor seinen Augen; Fenster, hinter den Fenstern Schatten; hinter den Fenstern vielleicht lustige Stimmen: die des gelben Kürassiers, Baron Ommau-Ommergau; die des blauen Kürassiers, Graf Awen; und ihre -- ihre Stimme . . . Da sitzt Ssergeij Ssergeijewitsch, der Offizier, und wirft vielleicht unter den Witzen dazwischen:

»Und ich bin jetzt mit Nikolai Apollonowitsch gegangen.«

Im Arbeitszimmer eines hohen Verwaltungsamtes

Hier, im Arbeitszimmer des hohen Verwaltungsamtes, wuchs Apollon Apollonowitsch zu einem wahrhaften Zentrum heran: in eine Serie von Staatsämtern, Abteilungen und grünen Tischen. Hier war er, der Kraft aussendende Punkt, der Kreuzungspunkt der Kräfte, und der Impuls unzähliger, reich gegliederter Manipulationen. Hier war Apollon Apollonowitsch eine Kraft im Newtonschen Sinne; Kraft im Newtonschen Sinne aber ist, wie Sie sicher wissen, eine okkulte Kraft.

Hier war er die letzte Instanz.

Apollon Apollonowitsch war heute besonders genau: bei Entgegennahmen der Berichte winkte er kein einziges Mal mit dem nackten Schädel; Apollon Apollonowitsch fürchtete Schwäche zu zeigen: bei Erfüllung der amtlichen Pflichten! . . . Schwer fiel es ihm heute, sich zur logischen Klarheit zu erheben: weiß Gott wieso -- doch Apollon Apollonowitsch kam zu dem Schlusse, daß sein eigener Sohn Nikolai -- ein ausgemachter Schuft sei . . .

* * *

Im Begriff, vor die Schar wartender Bittsteller zu treten, lächelte Apollon Apollonowitsch; dieses Lächeln aber kaum aus Schüchternheit: was mochte nur seiner hinter der Tür harren . . .

Apollon Apollonowitsch verbrachte sein Dasein zwischen zwei Schreibtischen, zwischen dem seines eigenen Arbeitszimmers und dem des Verwaltungsamtes. Ein dritter beliebter Ort war für ihn sein Wagen.

Und nun war er -- schüchtern.

Schon ging die Tür auf; der Sekretär, ein junger Mann mit einem etwas liberal über die Bruststärke hängenden Orden, flog der hohen Persönlichkeit entgegen, und dabei knisterte ehrfurchtsvoll der überstärkte Rand seiner schneeweißen Manschette. Auf seine schüchterne Frage brüllte ihn Apollon Apollonowitsch an:

»Nein, nein! . . . Machen Sie so, wie ich gesagt habe . . .«

Die kalten Finger

Apollon Apollonowitsch Ableuchow im grauen Mantel und hohen schwarzen Zylinder mit steinernem, an einen Briefbeschwerer mahnendem Gesicht, sprang rasch aus dem Wagen und lief über die Stufen des Entresols, im Gehen den schwarzen Wildlederhandschuh herunterstreifend.

Rasch trat er ins Vorzimmer. Der Zylinder wurde mit Vorsicht dem Lakai überreicht. Mit derselben Vorsicht wurden Mantel, Portefeuille und Cachenez übergeben.

Apollon Apollonowitsch stand vor dem Lakai in Nachdenken versunken; plötzlich wandte er sich an ihn mit der Frage:

»Haben Sie die Freundlichkeit, mir zu sagen: kommt öfters hierher ein junger Mann -- ja: ein junger Mann?«

»Ein junger Mann?«