Part 29
»Warum ich Sie eingesperrt habe? Warum ich Sie sozusagen mit Gewalt hierher gelockt habe? . . . Ha, ha, ha: Das steht in gar keiner Beziehung zum Domino oder zu Sofja Petrowna . . .«
Durch Ableuchows Kopf ging es: »Er ist total verrückt; er hat alle Zusammenhänge verloren, er folgt nur krankhaften Assoziationen: er hat, wie es scheint, doch vor, mich . . .«
Als hätte Ssergeij Ssergeijewitsch seine Gedanken erraten, beeilte er sich, ihn zu beruhigen, aber das klang eher wie Hohn oder boshafter Spott:
»Ich wiederhole: Sie sind hier in vollständiger Sicherheit. . . Nur der Rock . . .«
»Der verhöhnt mich!« dachte Nikolai Apollonowitsch, und ein ebenfalls wahnsinniger Gedanke flog durch sein Hirn: dem Offizier einen Hieb mit dem Briefbeschwerer auf den Kopf zu versetzen; dem so Betäubten die Hände zu binden und sich in dieser Weise das Leben zu retten, das er schon deswegen braucht, weil . . . ja . . . weil ja . . . die Bombe . . . im Schreibtisch noch immer . . . tickte . . . tickte . . .
»Also Sie werden von hier nicht weggehen . . . Ich aber werde mit einem Brief von Ihnen, den ich diktiere -- mit Ihrer Unterschrift . . . Ich werde dann in Ihre Wohnung gehen und in Ihrem Zimmer nachsehen . . . Zwar war ich heute schon dort, habe aber nichts gefunden . . . Ich werde alles durchsuchen, und wenn ich nichts finde, dann warne ich Ihren Vater . . . denn« -- er rieb sich die Stirn -- »es handelt sich nicht um Ihren Vater; es handelt sich um Sie: ja, ja, ja -- es handelt sich einzig und allein um Sie, Nikolai Apollonowitsch!«
Er bohrte sich mit dem knochigen Finger in die Brust und stand, eine Augenbraue hochgezogen (nur eine Braue hochgezogen) da.
»Das wird nicht geschehen, Nikolai Apollonowitsch! Das wird nie und nimmer geschehen!«
Und in dem glattrasierten, roten Gesicht spiegelte sich:
-- ?
-- -- ?
Nein, der ist total verrückt!
Sonderbarerweise wurde aber Nikolai Apollonowitsch von diesem Wahnsinnsdelirium in Spannung versetzt; er horchte auf: Ist es auch wirklich Delirium? Es scheinen eher, Anspielungen zu sein, unzusammenhängend ausgesprochene Anspielungen aus etwas; doch -- worauf? Am Ende -- auf . . . auf . . . auf?
Ja, ja, ja . . .
»Aber Ssergeij Ssergeijewitsch, wovon reden Sie denn eigentlich?«
Sein Herz hörte auf zu schlagen; er hatte das Gefühl, als umspanne seine Haut nicht einen Körper, sondern einen Kieselsteinhaufen; und an Stelle des Hirns hatte er auch nur Kieselsteine.
»Wovon ich spreche? Aber von der Bombe . . .« -- Äußerst verwundert trat Ssergeij Ssergeijewitsch zwei Schritte zurück.
Der Briefbeschwerer entfiel Ableuchows Hand . . .
* * *
»Ich bin erstaunt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Wie konnten Sie glauben, daß ich . . . daß ich . . . Wie konnten Sie annehmen, daß ich mich für eine solche Schufterei hergeben werde . . . Ich bin doch -- kein Schurke . . . Ich glaube doch, kein gänzlich Verworfener zu sein, Ssergeij Ssergeijewitsch.«
Nikolai Apollonowitsch schien nicht weiter sprechen zu können; er wandte sich ab; nach einer Weile kehrte er wieder sein Gesicht dem Offizier zu.
In der schattigen Ecke zeichnete sich stolz die gekrümmte Figur, -- wie es dem Offizier schien -- aus fließenden Helligkeiten, ein schmerzhaft lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen; die flachsweißen Haare wie eine lichte Aureole um den Kopf; die Stirn glänzend weiß und hoch; empört, beleidigt, schön, stand er dort, gehoben durch den grellroten Fond der Tapete.
Der seidene Kragenschoner baumelte sehr unangebracht herunter und seinem Rock fehlte -- ach! -- die eine Schoßhälfte . . .
So stand er: aus den tiefen Augenhöhlen blickte auf den Offizier eine kalte, dunkle Leere; sie schmiegte sich an ihn, gab ihm die Empfindung des Eises. Lichutin schien es, als wäre er mit all seiner physischen Kraft, seinem gesunden Verstand (denn er glaubte gesunden Verstand zu besitzen), mit all seinem Edelmut nur -- ein Gespenst.
»Aber ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen« -- verlegen fuchtelte Lichutin mit den Händen.
»Ich habe eigentlich«, sagte er ganz beschämt, »gar nicht gezweifelt . . . Ich muß mich wirklich schämen . . . Ich bin etwas aufgeregt . . . Mir erzählte meine Frau . . . Man hat ihr einen Zettel aufgenötigt . . . Sie las ihn durch: sie hatte das Kuvert aus Versehen aufgemacht« -- log er dazu und errötete.
Ableuchow klammerte sich schadenfroh an das Gesagte:
»Gewiß: wenn Sofja Petrowna den an mich adressierten Zettel gelesen hat, dann hatte sie« (er zuckte mit den Achseln) »wohl das Recht gehabt« (seine Stimme klang hier sehr ironisch), »Ihnen den Inhalt mitzuteilen.« Ganz hochmütig ließ er die letzten Worte fallen und trat aus der Ecke.
»Ich . . . ich . . . war etwas hitzig gewesen.« Des Offiziers Blick streifte den abgerissenen Schoßteil.
»Was den Rock betrifft -- haben Sie keine Sorge: ich nähe den Schoß selbst wieder an.«
Aber mit kaum merklichem Lächeln sprach Nikolai Apollonowitsch, stolz und etwas belehrend:
»Sie wußten nicht, was Sie taten.«
In den tiefblauen Augen lag eine unklare, geheimnisvolle Traurigkeit.
»Also gehen Sie doch, zeigen Sie mich an, wenn Sie mir nicht glauben.«
Und er wandte sich ab.
Die breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen . . . Nikolai Apollonowitsch brach plötzlich in Weinen aus; aber: Nikolai Apollonowitsch, der sich von seiner groben, tierischen Angst befreit hatte, gewann völlig Mut; ja noch mehr: in diesem Augenblick wünschte er sogar, der Leidende zu sein. So wenigstens empfand er jetzt sich selbst, er empfand sich als einen der Qual überlieferten Helden; als einen, der vor aller Welt Leiden und Schmach erdulden mußte; seinen Körper empfand er als -- zerquälten Körper; seine Gefühle waren zerrissen wie sein »Ich«; er erwartete, daß aus seinem zerrissenen »Ich« eine blendende Helligkeit hervorsprühen und eine liebe Stimme -- aus dem Inneren, wie schon so oft früher -- ihm zurufen wird:
»Du hast für mich gelitten: ich wache über dich.«
Aber die Stimme blieb aus. Auch die Helligkeit blieb aus. Es gab nur Dunkelheit. Auf einmal begriff er, warum die versöhnende Stimme: »Du hast für mich gelitten«, -- ausblieb. Weil er für niemand gelitten hatte, weil er nur für sich selbst gelitten hat . . . Weil er nur eine widerwärtige Suppe sozusagen, die er sich selbst eingebrockt, auszulöffeln hatte. Deswegen kam die Stimme nicht und blieb auch die Helligkeit aus. An Stelle des früheren »Ich« war Dunkelheit. Deswegen konnte er nicht mehr standhalten: seine breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen.
Er wandte sich ab, er weinte.
»Wirklich,« ertönte hinter ihm eine friedliche, milde Stimme, »ich habe mich geirrt, ich habe die Sache mißverstanden . . .«
Aber in der Stimme klang auch Ärger; Scham und Ärger. Ssergeij Ssergeijewitsch biß sich fest auf die Lippen; in seinem Gesicht malte sich ein Kampf zwischen edelsten Gefühlen und häßlichen Erinnerungen; sein Gegner aber wandte ihm den Rücken zu, weinte und ließ mit sehr unangenehmer Stimme Worte fallen.
»Sie benutzten Ihre physische Übermacht, um mich . . . vor einer Dame . . . dahinzuschleifen, wie . . . wie . . .«
Die edlen Gefühle haben die Oberhand gewonnen; mit ausgestreckter Hand schritt Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin durch das Zimmer; aber Nikolai Apollonowitsch, der sich umgewandt hatte, sagte mit einer Stimme voll verhaltener Wut und -- ach! -- verspätetem Selbstgefühl:
»Wie . . . wie . . . einen Mehlsack . . .«
Hätte auch er die Hand ausgestreckt -- Ssergeij Ssergeijewitsch wäre der glücklichste Mensch, in seinem Gesicht würde sich Milde spiegeln; seine edle Aufwallung hatte aber in dunkle Leere getroffen.
»Sie wollten sich überzeugen, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . . Daß ich -- kein Vatermörder bin? . . . Nein, nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie hätten sich vorerst überlegen sollen . . . Sie aber haben mich . . . wie einen . . . einen Mehlsack . . . Und haben mir den Rock zerrissen . . .«
»Den Rock kann man ausbessern!«
Und ehe Nikolai Apollonowitsch zu sich kam, lief Lichutin zur Tür:
»Marwruscha, einen schwarzen Faden! . . . Eine Nadel!«
Die aufgerissene Tür traf beinahe Sofja Petrowna, die dahintergestanden und gehorcht hatte; ertappt sprang sie auf die Seite, doch -- zu spät; nun stand sie da, rot wie eine Pfingstrose und maß beide mit wütendem, vernichtendem Blick.
Auf dem Boden, zwischen den drei Dastehenden lag das abgerissene Stück vom Rock.
»Du . . . Sonetschka . . .«
»Sofja Petrowna! . . .«
»Ich habe Sie gestört? . . .«
»Sieh mal, . . . Nikolai Apollonowitsch . . . hat ein Stück von seinem Rockschoß verloren . . . Könnte man nicht . . .«
»Beunruhigen Sie sich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte, Sofja Petrowna . . .«
»Könnte man nicht -- ihm diesen annähen?«
Aber Nikolai Apollonowitsch, mit vor Verlegenheit verzerrtem Mund, begab sich rasch in das Fuji-Jama-Zimmer; er griff nach seinem italienischen Überwurf, und erst da bemerkte er, daß die Decke in diesem Zimmer beschädigt war; aus Höflichkeit wandte er das verzerrte Gesicht Sofja Petrowna zu:
»Das Zimmer hat sich etwas verändert . . . An der Decke ist . . . Sie lassen Reparaturen ausführen?«
»Das war ich, Nikolai Apollonowitsch . . . Ich habe an der Decke gearbeitet.«
Bei sich aber dachte er:
»So, so: in der Nacht ist mir das Erhängen mißlungen, jetzt die Auseinandersetzung . . .«
Nikolai Apollonowitsch verließ humpelnd den Salon; sein Überwurf glitt ihm auf einer Seite von der Schulter und zog sich wie eine phantastische Schleppe hinter ihm her.
* * *
Von den Notabenen, Fragezeichen, Paragraphen, von der nun letzten Arbeit erhob sich der kahle Kopf; dann sank er wieder; im Kamin prasselte und lohte das Feuer; mit boshaft herausforderndem Lächeln und zusammengekniffenen Augen starrte der kahle Kopf in den Kamin.
Was ist das?
Ein schmerzhaft lächelnder Mund, Augen von kornblumenblauer Farbe, Haare wie eine lichte Aureole um den Kopf; der Senator erblickte in der Flamme des Kamins eine Gestalt: Nikolai Apollonowitsch, gekreuzigt, leidend, von Helligkeit schimmernd; er zeigte mit den Augen auf seine roten Wunden an den Handflächen; von oben aber schüttete ein beflügelter Erzengel kühlende Tautropfen über ihn, in die Glut des Kamins . . .
»Er weiß nicht, was er tut . . .«
Plötzlich begann es zu krachen, zu zischen, die Helligkeiten zerrissen und mit den Funken zerstob die leidvolle Gestalt.
* * *
Eine Viertelstunde später befahl Apollon Apollonowitsch dem Kutscher, anzuspannen; eine halbe Stunde danach bestieg er den Wagen und noch in einer Viertelstunde danach wurde sein Wagen von einer gaffenden Menge im Weiterfahren behindert; doch: war es wirklich eine nur gaffende Menge?
Es schien etwas vorgefallen zu sein.
Nur durch die dünne Wand des Wagens war Apollon Apollonowitsch von der rebellischen Menge getrennt; durch die Scheibe sah er lauter Köpfe: Hüte, Mützen und mandschurische Pelzmützen; ganz in der Nähe erblickte er ein Paar zornblitzende Augen; er sah den weit aufgerissenen Mund des Lumpenkerls: der Lumpenkerl sang. Der Lumpenkerl rief ihm zu:
»Steigen Sie nur aus, es gibt keine Durchfahrt mehr.«
Der Stimme des Lumpenkerls gesellten sich weitere von ebensolchen Lumpenkerlen hinzu.
Da mußte Apollon Apollonowitsch seine Wagentür aufmachen; die Lumpenkerle sahen, wie ein alter Mann, dessen Oberlippe zitterte, aus dem Wagen stieg und mit der behandschuhten Hand den Rand seines Zylinderhutes hielt. Apollon Apollonowitsch sah vor sich aufgerissene Münder und eine Holzstange, von der, wellenartig die Luft durchschlagend, mit leichtem pfeifenden Geräusch ein rotes Tuch flatterte; aus der Menge ertönte es plötzlich:
»He, Hut ab!«
Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder ab und begann eilig, Wagen und Kutscher verlassend, sich durch die Menge zu drücken, um das Trottoir zu erreichen; bald lief er dann mit kleinen Schrittchen in die entgegengesetzte Richtung, von der Menge fort; aus den Läden, Häusern, Wirtshäusern, Seitengassen strömten schwarze Gestalten und versperrten den Weg; er arbeitete sich mit allen Kräften durch und erreichte -- endlich -- eine leere Seitenstraße, aus der eine . . . Abteilung Kosaken . . . dorthin . . . sprengte . . .
* * *
Verschwunden waren die Kosaken; die Straße war leer; man sah in der Ferne noch die Rücken der Reiter; und in der anderen Richtung den Rücken eines alten, eilig dahintrottenden Mannes mit hohem Zylinder auf dem Kopfe.
Das kleine Patiencespiel
Der Samowar dampfte auf dem Tisch; ein neuer, schön geputzter Samowar glänzte in der Ecke auf der Etagere; der aber, der auf dem Tische stand, war ungeputzt und schmutzig; der neue Samowar wurde nur aufgestellt, wenn Besuch da war; war man allein, dann kam das verbogene Ungetüm auf den Tisch; es keuchte und schnarchte laut; hie und da schossen rote Funken aus ihm hervor. Irgendeine schlecht erzogene Hand hatte Kugeln aus Weißbrot gerollt, die jetzt, platt gedrückt, an der Tischdecke klebten; unsauber -- grau hob sich ein feuchter Fleck unter einem nicht ganz geleerten Teeglas ab; auf einem Teller lag der Rest eines Kotelettes und ein wenig kaltes Kartoffelpüree.
Wo sind die üppigen Haare der Soja Sacharowna? Statt ihrer war nur ein kleines Zöpfchen zu sehen.
Wahrscheinlich trug Soja Sacharowna eine Perücke -- natürlich wenn Besuch da war; nebenbei wahrscheinlich schminkte sie sich ausgiebig, denn wir hatten sie immer als üppige Brünette mit glatter, emaillierter Haut gesehen; jetzt aber saß eine einfache, ältliche Frau da mit schwitzender Nase und einem Mäuseschwanzzöpfchen; sie trug eine eben nicht gerade saubere Nachtjacke.
Lipantschenko saß halb abgewandt vom Teetisch, den viereckigen Rücken Soja Sacharowna und dem Samowar zugekehrt. Vor ihm lagen die aufgeschlagenen Karten; er hatte nach dem Abendbrot seine Lieblingsbeschäftigung, das Patiencespiel, aufgenommen, das so sehr beruhigend auf die Nerven wirkte; aber er war gestört worden; durch ein langes Gespräch mit Soja Sacharowna, bei dem er die Karten, den Tee und alles andere beiseite ließ.
Nach dem Gespräch hatte er sich abgewandt: er hatte dem Gespräch den Rücken zugewandt.
Er saß ohne Kragen, ohne Rock, mit aufgeschnalltem Hosengürtel, der ihm wahrscheinlich den Leib zu sehr gedrückt hatte.
Gerade hatte ihn ein verdächtiger schwarzer Fleck an der Wand neben der Uhr gefesselt, der unzweifelhaft eine Küchenschabe war (es gab ihrer reichlich in dem Landhaus), als er wieder durch seine Lebensgefährtin aufgeschreckt wurde.
Soja Sacharowna schob so laut das Teetablett von sich, daß Lipantschenko zusammenfuhr.
»Na, und was ist eigentlich dabei? . . . Was ist dabei? . . .«
»Was denn?«
»Darf denn nicht eine Frau, eine treue Frau, eine vierzigjährige Frau, die Ihnen ihr Leben gewidmet hat, -- eine Frau wie ich, eine . . .«
Ihre Ellbogen fielen auf den Tisch.
»Was murmeln Sie dort, meine Liebe? Sprechen Sie deutlicher . . .«
»Darf denn nicht eine Frau wie ich . . . eine bejahrte Frau . . . darf sie nicht fragen . . .«
Lipantschenko drehte sich in seinem Lehnstuhl um.
Die Worte schienen in ihm etwas geweckt zu haben; für einen Augenblick blitzte etwas wie Reue in seinem Gesicht auf; halb schüchtern, halb kindlich kapriziös zwinkerte er mit den Äuglein; er schien etwas sagen zu wollen, aber getraute sich doch nicht; er dachte langsam über etwas nach: vielleicht darüber -- wie seine Lebensgefährtin ein Geständnis von ihm aufgenommen hätte; sein Kopf senkte sich; er keuchte und blickte verstohlen von unten herauf.
Aber die Anwandlung von Aufrichtigkeit verging bald; die Aufrichtigkeit selbst fiel zurück auf den dunkeln Grund der Seele. Er wandte sich wieder seinem Kartenspiel zu.
»Hm, ja, ja . . . Zu der roten die schwarze . . . Und wo ist nun die Dame? . . . hier ist die Dame . . . Jetzt kommt der Bub . . .«
Plötzlich warf er Sofja Sacharowna einen prüfenden, mißtrauischen Blick zu; seine kurzen, mit goldig glänzenden Haaren bedeckten Finger hoben die Karten ab.
»Das soll ein Spiel sein . . .« murmelte er zornig und legte die Karten reihenweise auf den Tisch.
Soja Sacharowna trug die saubergewischte Tasse zum Schrank, mit den Pantoffeln schlürfend.
»Und warum nur gleich böse sein?«
Die Pantoffel schlürften weiter im Zimmer:
»Ich bin gar nicht böse, Mütterchen« -- und wieder warf er ihr einen prüfenden Blick zu; sie kreuzte die Arme über dem Leib, der, vom Korsett nicht beengt, sich behäbig rundete; ihr herunterhängendes Doppelkinn wiegte sich beim Gehen; sie näherte sich leise dem Sitzenden und berührte sanft seine Schulter:
»Sie hätten sich doch lieber erkundigen sollen, wieso ich darauf gekommen bin, Sie auszufragen? . . . Weil ich eben selbst von anderen gefragt werde . . . Die Leute zucken mit den Achseln . . . Da dacht ich mir, es ist doch besser, ich weiß alles . . .«
Lipantschenko biß sich auf die Lippen und fuhr fort, mit unruhiger Geschäftigkeit die Karten in Reihen zu legen.
Lipantschenko wußte, daß der morgige Tag für ihn von größter Wichtigkeit ist; gelingt es ihm nicht, sich reinzuwaschen, gelingt es ihm nicht, die Wucht der belastenden Dokumente irgendwie zu beseitigen -- dann hat er ausgespielt: Er wußte das alles und pfiff jetzt nur ein wenig durch die Nase:
»Hm: ja--ja . . . Hier ist noch ein freier Platz . . . Nichts zu machen: der König muß hierher . . .«
Aber er hielt es nicht aus:
»Die Leute fragen Sie aus, sagen Sie?«
»Das dürfen Sie mir schon glauben -- ja . . .«
»Kommen also Leute her, wenn ich nicht zu Hause bin? . . .«
»Freilich kommen sie und zucken mit den Achseln . . .«
Lipantschenko warf die Karten von sich:
»Es kommt doch heute nichts heraus!«
Er war sichtlich aufgeregt.
Plötzlich kam ein klirrender Laut aus dem Nebenraum, in dem Lipantschenkos Schlafzimmer war; als wäre dort das Fenster aufgemacht worden. Beide wandten die Köpfe in die Richtung des Schlafzimmers, beide schwiegen vorsichtig: was mochte das sein?
Wahrscheinlich Tom, der Bernhardiner.
»Aber begreifen Sie doch, komisches Frauenzimmer, daß Ihre Fragen . . .« -- er erhob sich ächzend, sei's, um nach der Ursache des Lärms zu sehen, sei's, um einer Antwort auszuweichen.
». . . daß Ihre Fragen« -- er trank einen Schluck ganz kalten Tee -- »gegen die -- Parteidisziplin verstoßen . . .« Er schritt gegen die offene Türe des Nebenzimmers, in die Dunkelheit . . .
»Aber was für Disziplin -- mir gegenüber, Kolenka!« -- Soja Sacharowna stützte das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf nach unten . . . »Bedenken Sie es doch . . .«
»Früher hatte es zwischen uns keine Geheimnisse gegeben . . .«
Das sagte sie zu sich selbst, denn Lipantschenko befand sich im dunkeln Schlafzimmer.
Aber bald erschien er wieder in der Tür und sie fuhr fort:
»Das hatten Sie mir nie gesagt, daß wir uns miteinander nicht unterhalten dürfen, daß Sie vor mir Geheimnisse haben . . .«
»Nichts weiter: es ist niemand im Schlafzimmer«, unterbrach er sie.
»Ich werde belästigt: man kommt mir mit Fragen, mit Anspielungen . . . Und diese Blicke oft . . .«
Pause.
»Sollte ich da nicht fragen? . . . Warum schrien Sie mich so an? Was hab' ich gemacht, Kolenka? . . . Liebe ich Sie denn nicht? Respektiere ich Sie denn nicht?«
Sie schlang ihre Arme um seinen dicken Hals und schluchzte:
»Ich bin ein treues Weib, ein ergebenes Weib . . .«
»Lassen Sie es nur . . . Lassen Sie es nur . . . Schon gut . . . Soja Sacharowna, lassen Sie mich los . . . Sie wissen doch, daß ich an Atemnot leide . . .«
Er umfaßte mit den Fingern ihre Hände und entfernte sie vom Halse; dann ließ er sich in den Sessel nieder; er atmete schwer.
»Sie wissen ja, daß ich ein weicher und schwachnerviger Mensch bin . . . Jetzt bin ich schon wieder . . .«
Beide schwiegen.
In tiefem, schwerem Schweigen, das sich nach einem langen, erregenden Gespräch einstellt, wenn alles gesagt ist, wenn die Angst vor Worten schon erlebt war und nur noch dumpfe Resignation zurückblieb -- in diesem tiefen Schweigen trocknete Sofja Sacharowna die Teetassen und die Löffel ab.
Er aber saß halb vom Tisch abgewandt und kehrte Sofja Sacharowna und dem schmutzigen Samowar den viereckigen Rücken zu.
Zeit, was hast du gemacht?
Die hellgrauen Augen, die Augen voll Humor und schlauer Lustigkeit -- wie hast du sie in den fünfundzwanzig Jahren in die Höhlen hineingedrückt, mit einem gefährlichen Schleier, mit einem Dunst allermöglichen häßlichen Atmosphären überzogen . . . Fünfundzwanzig Jahre ist wohl eine lange Frist, und doch: so zu verfallen, so zu verwelken . . . Diese dicken Säcke unter den Augen, dieses fleischige Doppelkinn? Die damals rosige Gesichtsfarbe -- gelb, ölig, welk, mit der grauen Blässe einer Leiche; die Stirn mit Haaren bewachsen, die Ohren -- selbst diese sind gewaltig gewachsen; gibt es doch in der Welt einfache, anständig aussehende alte Leute? Und er ist ja noch nicht einmal ein alter Mann.
Was hast du gemacht, Zeit?
Der blonde zwanzigjährige Student mit rosiger Gesichtsfarbe, Lipensky: -- gespensterisch aufquellend hatte er sich allmählich in einen fünfundvierzigjährigen, unanständigen Spinnenbauch verwandelt, der Lipantschenko hieß.
Das Schwanenlied
Der Busch kochte . . . Auf dem sandigen Strand krümmten sich da und dort kleine Teiche mit salzigem Wasser.
Von der Bucht her flogen immerzu weißmähnige Streifen; der Mond beschien sie, einen Streifen nach dem anderen, die in der Ferne aufstiegen und brodelten; dann flogen sie gegen den Strand und zerschellten hier in gischtige Flocken; die von der Bucht kommenden Streifen breiteten sich glatt auf dem flachen Strand -- resigniert, durchsichtig; sie leckten den Sand, schnitten Stücke von ihm los: wurmten ihn; wie eine fein geschliffene, gläserne Säbelschneide glitt jeder von ihnen über den Sand hin; hie und da erreichte der gläserne Streifen die salzigen Teiche, sie mit salzgetränktem Wasser füllend.
Und schon lief er zurück; ein neuer brodelnd gischtiger Streifen löste ihn ab.
Der Busch kochte . . .
Hunderte von Sträuchern, hier -- dort; in einiger Entfernung vom Meer streckten sie ihre knorrigen Arme vor; diese entblätterten Arme erhoben sich wie Bewegungen Geistesgestörter in der Luft; eine kleine schwarze Gestalt lief ängstlich hin und her zwischen den Sträuchern; im Sommer strömten sie ein süßes, leise raunendes Geflüster aus; jetzt war das Geflüster vertrocknet, und nur ein Knirschen und Ächzen erhob sich von der Stelle; Nebel stiegen da auf; Feuchtigkeiten stiegen da auf; die knorrigen Äste streckten sich aus dem Nebel und der Feuchtigkeit; neben der kleinen Gestalt streckte sich so ein vertrockneter Arm vor, von dünnen Ruten wie von Wolle überdeckt.
Die Gestalt neigte sich gegen einen Stamm, eingehüllt in schwarze Feuchtigkeit; sie versank in bittere Gedanken; und der widerspenstige Kopf fiel auf die Hände.
»Du, meine Seele,« -- stieg es aus dem Herzen auf -- »du, meine Seele, du hast mich verlassen . . . Gib mir Antwort, Seele: ich bin so arm . . .«
Es stieg aus dem Herzen auf:
»Vor dir kniet mein zerrissenes Leben . . . Gedenke meiner: ich bin so arm . . .«
Die Gestalt blieb stehen; sie streckte flehend die Hände gegen die leeren phosphoreszierenden Stellen zwischen den Ästen; sie streckte die Hände gegen das Licht, das dort aus dem Garten des kleinen Landhauses schimmerte:
»Aber höre, höre: auf einen bloßen Verdacht hin . . . Ohne seine Erklärung abzuwarten . . .«
Eine befehlende Hand zeigte gegen das erleuchtete Fenster hinter den schwarzen, knirschenden Sträuchern.
Da schrie die schwärzliche Gestalt plötzlich auf und stürmte vorwärts; und hinter ihr her stürzten die schwarzen Astgebilde, die zusammen mit dem sandigen Strand ein seltsames Ganze bildeten, aus dem heraus schauerliche, undefinierbare, nirgends vorhandene Bedeutungen entstanden; die schwärzliche Gestalt rannte mit der Brust an das Gitter eines Gartens an; sie kletterte über das Gitter und glitt lautlos, mit den Stiefeln an den bereiften Gräsern hängen bleibend zum grauen Haus, wo sie erst vor kurzem gewesen, wo aber jetzt alles für sie -- ganz anders war.