Petersburg

Part 28

Chapter 283,501 wordsPublic domain

Und ohne die Höflichkeitsformen zu beachten, die er als Wirt des Hauses seinem Besuch schuldete, schob er ganz unzart den breitkrempigen Hut und den fliegenden Überwurf zusammen mit Nikolai Apollonowitsch in das Zimmer, in dem die Fuji-Jamas an den Wänden hingen.

Nikolai Apollonowitsch erblickte flüchtig das rosa Kimono: es verschwand eilig im Nebenzimmer, und die Tür schloß sich hinter ihm.

In seiner ungewollt raschen Fahrt durchs Zimmer merkte Ableuchow die hier vorgegangenen Veränderungen nicht: weder die Spuren des abgefallenen, nur notdürftig weggeschafften Schutts noch das klaffende Loch in der Zimmerdecke. Als er aber seinen ängstlich fletschenden Mund in die Richtung seines Henkers wandte, da erblickte er . . .

Die Tür zu Sofja Petrownas Zimmer ging ein wenig auf, und im Spalt zeigte sich ein Kopf: Nikolai Apollonowitsch sah nur -- zwei Augen; voll Grauen sahen ihn diese Augen aus einer schwarzen Haarflut an.

Aber kaum hatte er ihnen seinen Blick zugewandt, da sahen sie weg, und es ertönte der Ruf:

»Ach, ach!«

Sofja Petrowna sah: ihr Gatte, der Offizier, mit schweißbedecktem Gesicht, bemühte sich krampfhaft, den Überwurf des Nikolai Apollonowitsch festzuhalten, während dieser ebenfalls mit vor Schweiß feuchter Stirn sich zu entwinden suchte. Seine Stiefelabsätze stemmten sich gegen den Teppich, rutschten aus, und der Teppich zog sich in große Falten zusammen.

Hier hatte Ableuchow Sofja Petrowna erblickt; weinerlich rief er ihr zu:

»Bitte, Sofja Petrowna, lassen Sie uns allein; was wir Männer miteinander . . .«

Da löste sich sein Überwurf von ihm und flog wie ein phantastischer Vogel auf das Sofa.

Seine Absätze glitschten auf dem Teppich aus, und einen Augenblick verlor er das Gleichgewicht; balancierend suchte er irgendeinen festen Punkt zu erhaschen; dieser feste Punkt erwies sich aber als die nichtgeschlossene Tür zu Lichutins Zimmer; die Tür öffnete sich und wie ein Stein fiel Ableuchow nieder: das Unbekannte verschlang ihn.

Der Privatmann

Endlich erhob sich Apollon Apollonowitsch.

Er blickte seltsam unruhig um sich; er riß sich von dem Stoß übereinander gehäufter Papiere los: von den Notabenen, Paragraphen, Frage- und Ausrufezeichen; kalt bebte und hüpfte die Hand mit dem Bleistift -- über dem vergilbten Blatt auf dem Perlmuttertischchen; der Stirnknochen wölbte sich in gewaltsamer Anstrengung: es hieß zu begreifen, um jeden Preis zu begreifen.

Und er -- begriff.

Der lackierte Wagen mit dem Wappen wird nicht mehr an die alte, steinerne Karyatide heransausen; nichts wird sich dort, hinter der Glastür, ihm entgegen, erheben: weder die achtzigjährige Schulter, noch der Dreimaster und der kupferköpfige Stab; aus den Ruinen wird nicht Port Arthur entstehen; aber erheben wird sich China; horch! -- tönt nicht ein Stampfen aus der Ferne? Das sind -- die Reiter des Tschingis-Khan.

Apollon Apollonowitsch horchte auf: aus der Ferne kommt das Stampfen; nein, es ist kein Stampfen: Ssemjonytsch schreitet durch die kalt glitzernde Pracht der Zimmer; herein kommt er, sieht sich um und geht weiter.

Die Schritte des alten Ssemjonytsch verklangen.

Apollon Apollonowitsch liebte seine große Wohnung nicht, mit der ewigen Perspektive der Newa: eine grünliche Schar zogen dort die Wolken dahin: zuweilen verdichteten sie sich zu gelblichem Rauch, der sich dann auf die Ufer legte; die dunkle Wassertiefe schlug mit dem Stahl ihrer Schuppen an den Granit; Apollon Apollonowitsch sah sich um: diese Wände! Hier wird er sitzenbleiben, für lange Zeiten, mit der Perspektive auf die Newa. Das ist sein Familienherd; der öffentliche Dienst ist beendet.

Was ist dabei?

Wände -- Schnee und nicht Wände! Ja, gewiß, sie sind etwas kalt . . . Was ist dabei? Familienleben -- schon gut: Familienleben; d. h.: ja gewiß: Nikolai Apollonowitsch ist ein schrecklicher -- ja, sozusagen ein schrecklicher . . . und dann: Anna Petrowna, die auf ihre alten Tage . . . weiß Gott wozu, sich gewandelt hat!

Mm -- mmä . . .

Apollon Apollonowitsch drückte fest den Kopf mit den Händen; seine Blicke starrten in die prasselnde Glut des Kamins: müßige Spiele des Gehirns!

Sie liefen weiter -- die Gedanken, liefen über, die Grenze des Bewußtseins hinaus: dort türmten sie sich zu einem Berg chaotischer Bilder; Nikolai Apollonowitsch tauchte dort auf -- klein gewachsen, mit forschend blauen Blicken und einem Knäuel mannigfachster (das muß man schon zugeben) geistiger Interessen, bis zum Äußersten verworrener.

Und es tauchte ein Mädchen auf (seitdem sind schon -- dreißig Jahre verflossen); eine Schar Anbeter; unter ihnen ein in besten Jahren stehender Herr, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, bereits ein höherer Beamter und ein hoffnungslos Verliebter.

Und -- die erste Nacht; das Grauen in den Augen der mit ihm allein gebliebenen Gefährtin -- der Ausdruck des Ekels, der Verachtung, verborgen unter dem ergebenen Lächeln der Duldenden; in jener Nacht hatte Apollon Apollonowitsch Ableuchow, ein bereits hochgestellter Beamter, einen verbrecherischen, formell erlaubten Akt begangen: er hatte ein Mädchen vergewaltigt; diese Vergewaltigungsakte geschahen Jahre hindurch; und in einer solchen Nacht wurde Nikolai Apollonowitsch gezeugt -- zwischen zwei verschiedenen Lächeln: zwischen dem Lächeln der Wollust und dem der Ergebenheit; ist es verwunderlich, daß Nikolai Apollonowitsch dann die Mischung aus Verachtung, Angst und Wollust in sich verkörperte? Sie hätten sogleich beide an die Aufgabe gehen sollen: das von ihnen gezeugte Grauen zu erziehen, das Grauen zu vermenschlichen.

Sie aber fachten es noch mehr an.

Und nachdem sie selbst dieses Grauen bis zum Äußersten trieben, flüchteten sie sich alle selbst vor dem Grauen: Apollon Apollonowitsch in die hohe Verwaltung, in der die Schicksale Rußlands bestimmt wurden; Anna Petrowna -- zur Befriedigung ihrer erwachten Geschlechtstriebe zu Mantalini (dem italienischen Sänger); Nikolai Apollonowitsch in die Philosophie; und von dort in die Versammlungen von Abiturienten nicht existierender Hochschulen. Ihr heimischer Herd verwandelte sich in eine Stätte der Verwüstung.

An diese Stätte wird er jetzt nun wieder zurückkehren; statt Anna Petrowna wird ihm nur die geschlossene Tür zu ihren Appartements entgegensehen, falls sie nicht die Lust verspüren wird, in seine Verwüstung zurückzukehren; die Schlüssel zu diesen Appartements hat er bei sich (zweimal war er in diesen Teil des kalten Hauses getreten, um dort ein Weilchen zu sitzen; beide Male hatte er Schnupfen davongetragen).

Statt des Sohnes aber wird er ein Auge erblicken -- ein zwinkerndes, ausweichendes Auge -- groß, leer und kalt, von kornblumenblauer Farbe; ein halb diebisches, halb grenzenlos erschrockenes; in diesem Auge wird sich das Grauen verbergen -- jenes Grauen, das sich in den Augen der Neuvermählten gemalt hatte, in jener Nacht, da Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der hohe Beamte, zum erstenmal . . .

Wenn er sich nicht mehr im Staatsdienst befinden wird, können auch die anderen Paradezimmer geschlossen werden; nur der Korridor wird offenbleiben mit den anschließenden Räumen für ihn und den Sohn: sein ganzes Leben wird sich auf den Korridor beschränken; seine Pantoffel werden dort schlürfen; und dann wird es noch geben: Zeitunglesen, das Verrichten körperlicher Notdürfte, das unvergleichliche Örtchen und die Fertigstellung der Lebensmemoiren.

Ja, ja, ja!

Und die Tür, die zum Zimmer des Sohnes führt -- davor wird er stehenbleiben und -- durchs Schlüsselloch hineingucken, dann aber, bei jedem verdächtigen Geräusch -- zurückspringen; oder nein, er wird an einer passenden Stelle ein Loch durch die Wand bohren, und -- seine Mühe wird belohnt werden: das Zimmertreiben seines Sohnes wird vor seinen Blicken offenliegen wie der Mechanismus einer aus dem Gehäuse entfernten Uhr. Von diesem Beobachtungspunkt aus wird er andere als staatliche Interessen verfolgen können.

Und doch wird alles nur sein:

»Guten Morgen, Vater!«

»Guten Morgen, Kolenka!«

Und jeder wird dann in sein eigenes Zimmer gehen.

Dann -- dann: der Schlüssel wurde umgedreht; er schleicht sich zu der Stelle an der Wand, wo sie durchbohrt ist, um zu sehen; horchen, zuweilen zittern, zusammenfahren in Erwartung des sich ihm eröffnenden Geheimnisses; in welcher Weise wird sich die Vertraulichkeit zwischen Nikolai und jenem, mit dem Schnurrbärtchen, äußern; in der Nacht wird er dann, die Decke von sich werfend und den schweißbedeckten Kopf vorstreckend, über das Gehörte grübeln, wird Oblaten zu sich nehmen, um die schmerzhaften Schläge des Herzens zu beschwichtigen, und wird zum unvergleichlichen Örtchen rennen: mit den Pantoffeln durch den Korridor schlürfen . . . bis ein neuer Morgen graut.

»Guten Morgen, Vater!«

»Guten Morgen, Kolenka!«

Das ist das Leben eines Privatmannes.

* * *

Ein unüberwindlicher Drang trieb ihn, in das Zimmer des Sohnes zu treten; schüchtern knarrte die Tür: er war im Empfangszimmer; er blieb an der Schwelle stehen; ganz klein, greisenhaft; er zupfte an den himbeerroten Schnüren seines Morgenrockes und betrachtete das Durcheinander, das hier herrschte: den Vogelkäfig mit den Papageien, das arabische Taburett mit Inkrustation aus Elfenbein und Kupfer; dann die Geschmacklosigkeit: den roten Domino, dessen üppige Falten wie Feuergarben oder fließende Hirschgeweihe vom Taburett herunterquollen, direkt zum Leoparden hinunter, der auf dem Boden mit fletschendem Maul ausgestreckt lag; Apollon Apollonowitsch stand eine Weile, kaute mit dem leeren Mund, kratzte sich das wie mit Reif bedeckte Kinn und wandte sich voll Abscheu ab (er kannte ja die Geschichte mit der Maske).

Apollon Apollonowitsch schien es, als wenn es hier schwül wäre; statt mit Luft war die Atmosphäre hier mit Blei angefüllt; als wären hier furchtbare, unerträgliche Gedanken gedacht worden . . . Ein unangenehmes Zimmer! Und eine unangenehme Atmosphäre! . . .

Da -- ein leidvoll lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen, wie eine lichte Aureole die Haare: in eng anliegender Studentenuniform mit sehr schmaler Taille, weiße Glacéhandschuhe in der Hand, frisch rasiert (vielleicht parfümiert), den Säbel an der Seite, stand sein Sohn Nikolai Apollonowitsch im Rahmen und litt: Apollon Apollonowitsch betrachtete einen Augenblick lang aufmerksam das Porträt, das im vergangenen Frühjahr gemalt worden war, und schritt in das Nebenzimmer.

Der nicht abgesperrte Schreibtisch zog die Aufmerksamkeit des Senators auf sich: eine der Schubladen war etwas vorgeschoben; eine instinktive Neugierde überkam Apollon Apollonowitsch, den Inhalt dieser Lade näher zu untersuchen; mit raschen Schritten näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach einer darauf liegenden großen Photographie, die eine brünette Dame darstellte . . .

Mechanisch drehte er das Bild in der Hand, ohne es eigentlich zu sehen; denn seine Gedanken waren weit weg und bewegten sich in der Richtung der Betrachtungen über seine zurückgelegte eigene Laufbahn und die, die manche andere (die vulgär Karrieristen genannt zu werden pflegen) noch vor sich haben . . . Ihn aber möchte man . . .

Was -- möchte man ihn?

Durch die Gedanken abgelenkt, merkte er es gar nicht, daß er nicht mehr das Porträt in der Hand hielt, sondern einen ihm unbekannten schweren Gegenstand, den er mechanisch aus der offenen Schublade herausgezogen hatte; ein tönender Laut kam aus diesem Innern: am allerwenigsten dachte der Senator dabei an einen Abgrund (wir trinken ja oft genug vor einem offenen Abgrund Kaffee mit Sahne); er betrachtete den viereckigen Gegenstand mit den abgerundeten Kanten mit der größten Aufmerksamkeit und horchte auf das Ticken der Uhr in seinem Innern: ein Uhrmechanismus -- in einer schweren Sardinenbüchse . . . In der Tat . . .

Der Gegenstand gefiel ihm nicht . . .

Er trug den Gegenstand, um ihn eingehender zu untersuchen, über den Korridor in den Salon. Mit seinem über den Gegenstand geneigten Kopf erinnerte er an ein Häufchen grauer Mäuse; seine Gedanken waren noch immer mit jenem Typus der Staatsmänner beschäftigt, wie er ihn gerade heute vor sich gehabt hatte; die Leute von diesem Typus pflegen, um jede Verantwortung von sich zu wälzen, zu den ödesten Phrasen Zuflucht zu nehmen; wie zum Beispiel: »Es ist bekannt, daß . . .«, während keinesfalls etwas bekannt ist; oder: »Die Wissenschaft sagt uns . . .«, während die Wissenschaft uns nichts sagt.

Apollon Apollonowitsch lief mit dem Gegenstand bis zu der Stelle des Salons, wo das mit Inkrustation verzierte Tischchen stand und hochmütig-steif sich eine langbeinige Bronze in die Höhe streckte; er legte den schweren Gegenstand auf ein kleines chinesisches Lacktablett, sein kahler Kopf war nach unten gebeugt; über ihm aber breitete sich der Lampenschirm aus blaßviolettem, fein bemaltem Glas.

Doch das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und abgedunkelt war auch die seine Malerei.

* * *

Die verunglückte Auseinandersetzung

Trotz des Schmerzes, den ihm das Fallen verursachte, erhob sich Nikolai Apollonowitsch sofort vom Parkettboden des Lichutinschen Arbeitszimmers und sah sich ängstlich nach einem Verteidigungspunkt um; diesen entdeckte er in einem schweren eichenen Lehnstuhl, der vor dem Schreibtisch stand, und hinter diesen flüchtete er; er sah komisch genug aus mit dem bebenden Kinn, den deutlich zitternden Fingern, von dem einzigen, instinktiven Streben erfüllt -- noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen: sich an den Lehnstuhl zu klammern. Hier würde er dem herannahenden Feinde ausweichen können; nach links, nach rechts, je nachdem von welcher Seite der Angriff nahen würde.

Oder: er könnte den Lehnstuhl als Waffe benützen; den Feind durch einen Stoß mit den Stuhlbeinen zu Boden werfen und, ehe dieser sich aufrichtet, das Fenster erreichen . . .

Schwer atmend und hinkend gelangte er an den Lehnstuhl.

Doch kaum hatte er ihn erfaßt, als er auf seinem Halse den sengenden Atem des Offiziers verspürte; er drehte sich um und erblickte ein verzerrtes Gesicht sowie eine gehobene Hand, deren fünf Finger auf seine Schulter niederzufallen bereit waren; das vor Wut gerötete Gesicht des Rächers starrte ihn mit versteinertem Blick an; niemand hätte in dieser Physiognomie das harmlose Gesicht des Offiziers wiedererkannt, der ehedem gleichmütig ein Zwanzigkopekenstück nach dem anderen als Strafe für dumme Witze an die Kasse seiner Gattin zahlte. Es war nicht eine Hand mit fünf Fingern, sondern eine Tatze, die die Schulter zermalmen müßte, wenn sie auf diese niederhieb. Behende sprang Ableuchow über den Lehnstuhl hinüber.

Die fünffingerige Tatze fiel auf den Lehnstuhl.

Ein Krachen ertönte; der Lehnstuhl stürzte um; eine unmenschliche, gellende Stimme drang an Ableuchows Ohr:

». . . denn da wird eine Menschenseele vernichtet!«

Eine ungelenke Gestalt jagte hinter der kleinen davoneilenden Figur her; aus dem geöffneten speichelnden Mund kamen heisere, gurgelnde Laute, wie ein dünnes Krähen, stimmlos und rot:

»Ich habe mich eingemengt . . . weil . . . verstehen Sie? . . . Diese ganze Sache . . . Diese Sache . . . das ist . . . Verstehen Sie es? . . . Das ist so etwas . . . Mich geht es persönlich nichts an . . . Ich bin ein Unbeteiligter . . . Aber -- verstehen Sie? . . .«

Der irrsinnig gewordene Offizier hob über seinem Opfer die nervös zitternden Fäuste, und während es eine klatschende Ohrfeige erwartete, fuchtelte er mit ihnen in der Luft; der zu einem Häufchen Muskeln zusammengeschrumpfte Ableuchow wand und krümmte sich; aus seinem feige fletschenden Munde kamen stoßweise Worte:

»Ich verstehe es . . . Ich verstehe schon, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Beruhigen Sie sich, aber . . . Ich bitte Sie, nicht so laut . . .«

Er glitt in die Ecke und kauerte dort von Schweiß übergossen nieder.

Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und sich die Ohren zugestopft, um ja nicht das halbwahnsinnige, rote Gesicht zu sehen und die krähende, tonlose Stimme hören zu müssen:

»Aah . . . Eine solche Sache . . . da muß jeder anständige Mensch . . . aah . . . jeder anständige Mensch . . . muß da eingreifen . . . ohne auf seine Stellung . . . ohne auf die Etikette zu achten . . .«

Nikolai Apollonowitsch dachte:

»Soll ich jemand zu Hilfe rufen?

Aber wen? Nein, es ist zu spät: noch ein Augenblick, und alles wird zu Ende sein!«

Er öffnete die Augen -- und erblickte über sich (er kauerte ja noch immer am Boden) zwei weit auseinander gespreizte Beine; ohne sich lange zu besinnen, entschloß er sich: mit fletschendem, gleichsam lachendem Mund, mit flachsweiß wehenden Haaren schwang er sich zwischen den zwei Beinen hindurch und rannte wie ein Pfeil zur Tür; doch . . . fünf Finger erfaßten ihn schmachvoll beim Schoß seines Rockes; sie klammerten sich fest und -- knackend riß der kostbare Stoff entzwei.

»Bleiben Sie doch . . . bleiben Sie doch . . . Ich . . . ich . . . ich . . . töte Sie doch nicht . . . Bleiben Sie doch . . . Es drohen Ihnen keine Gewalttätigkeiten . . .?«

Durch einen groben Stoß wurde Nikolai Apollonowitsch wieder in die Ecke geschoben, so daß er mit dem Rücken an die Wand anschlug; dort in der Ecke blieb er stehen, schwer atmend, fast weinend über die Garstigkeit der Szene; er begriff nun: es war nicht Lichutin, der von ihm beleidigte Offizier, der hier tobte, ja nicht einmal ein von Rachegefühlen gepeitschter Feind, sondern ein Geistesgestörter, mit dem man nicht reden kann; noch hatte sich der Irrsinnige, der ja als solcher kolossale Muskelkraft besitzt, nicht über ihn gestürzt; aber er wird es gleich tun, sicherlich.

Der Irrsinnige aber wandte sich um; ging auf den Fußspitzen zur Tür, und knacks -- wurde der Schlüssel umgedreht; jenseits der Tür hörte man unruhige Laute, als weine jemand. Dann war alles still. Ein Rückzug war nicht mehr möglich; außer durchs Fenster.

Schwer atmeten zwei im abgesperrten Zimmer: ein Vatermörder und ein Halbwahnsinniger.

* * *

Das Zimmer mit dem abgefallenen Stuck an der Decke war leer; vor der Tür zum Zimmer des Hausherrn lag ein breiträndiger weicher Hut, von der Chaiselongue hing ein Stück des phantastischen Überwurfes herunter; als aber aus dem Arbeitszimmer des Gatten ein Laut wie vom Aufschlagen mit etwas Schwerem ertönte, öffnete sich die Tür aus Sofja Petrownas Zimmer, und Sofja Petrowna in Hauspantöffelchen, die Haare wie eine schwarze Kaskade über den Rücken gleiten lassend, trat hervor, ihr schmales Stirnchen war sichtlich in Falten gelegt.

Sie näherte sich ganz leise der Tür, kauerte nieder und sah durch das Schlüsselloch; sie sah: zwei Paar Beine, die sich gegen die Zimmerecke wälzten; dann sah sie die Beine nicht mehr, wohl aber vernahm sie eine aus der Ecke kommende, seltsam gurgelnde, krähende, rollend-flüsternde Stimme; und wieder zeigten sich zwei Beine, die sich gegen die Tür bewegten, dann drehte sich, direkt vor Sofja Petrownas Augen, der Schlüssel um.

Sofja Petrowna begann zu weinen und sprang von der Tür fort; da erblickte sie eine weiße Schürze und eine Schmetterlingshaube: es war Marwruscha, die hinter ihrem Rücken stehend sich das schneeweiße Schürzchen vor das Gesicht hielt und -- weinte:

»Was geht denn dort vor? . . . Liebe, gnädige Frau . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich weiß gar nichts . . . Was ist das nur? Was machen sie dort, Marwruscha?«

* * *

Der Halbwahnsinnige fuhr fort mit den Händen in der Luft herumzufuchteln; er flüsterte ununterbrochen etwas und schritt in Diagonalrichtung durch das schwüle Zimmerchen, von einer Ecke zur anderen. Nikolai Apollonowitsch, noch immer an der Wand in der Ecke stehend, beobachtete seinen wahnsinnigen Feind, der ja jeden Augenblick zu einem wilden Tier werden konnte.

Jedesmal wenn die Hand oder der Ellbogen des Wahnsinnigen eine scharfe Kurve machte, fuhr der an der Wand Stehende zusammen. Aber der besessene Offizier verfolgte ihn nicht mehr, er ließ sich in den Lehnstuhl nieder und kehrte seinem Opfer den Rücken zu; seine Ellbogen auf die Knie stützend, den Rücken gekrümmt, den Kopf tief in den Schultern vergraben, seufzte er und versank in tiefe Nachdenklichkeit.

Auf einmal stöhnte er:

»Allmächtiger Gott!«

Und wieder ein Stöhnen:

»Steh uns bei und beschütze uns!«

Nikolai Apollonowitsch benutzte dieses stille Delirium.

Er schob sich ein wenig vor und streckte sich; der Offizier wandte sich nicht um: der Paroxismus schien den Höhepunkt überschritten zu haben und war jetzt im Abnehmen; lautlos humpelte nun Nikolai Apollonowitsch zum Schreibtisch; er sah komisch genug aus in elegantem Gehrock mit abgerissenem Schoßteil, mit glänzenden Gummischuhen an den Füßen und herunterbaumelndem Kragenschal um den Hals.

Er erreichte den Schreibtisch: hier blieb er einen Augenblick stehen und horchte auf den Atem und das murmelnde Beten des Geisteskranken; dann streckte er vorsichtig den Arm und suchte den Briefbeschwerer zu ergreifen; wie fatal: über dem Briefbeschwerer lag ein ganzer Stoß mit Briefbogen.

Wenn sein Ärmel nur diese nicht streifte!

Aber tückischerweise hat der Ärmel doch das Papier gestreift; die Papierbogen fuhren auseinander und knisterten verräterisch; das riß den Leutnant aus seiner Nachdenklichkeit; sein Kopf wandte sich und erblickte Nikolai Apollonowitsch mit vorgestrecktem Arm, den Briefbeschwerer in der Hand; Nikolai Apollonowitsch blieb das Herz stehen; er sprang vom Tisch zurück und drückte den Briefbeschwerer fest in der Hand -- für alle Fälle.

In zwei Sprüngen war Ssergeij Ssergeijewitsch neben Ableuchow, ließ seine Hand auf dessen Schulter fallen: »So -- nun geht es wieder an.«

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten . . . Ich war etwas aufgeregt: entschuldigen Sie . . .«

»Beruhigen Sie sich . . .«

»Die Sache war aber zu ungewöhnlich . . . Aber um Gottes willen, fürchten Sie sich doch nicht . . . Warum zittern Sie? . . . Mir scheint, ich flöße Ihnen Angst ein . . . Ich . . . ich . . . habe Ihnen den Rockschoß abgerissen: das . . . geschah ohne meinen Willen . . . weil Sie, Nikolai Apollonowitsch, sich vor der Unterredung drücken wollten . . . Begreifen Sie doch, daß Sie mir in der Sache eine Erklärung schuldig sind . . .«

»Aber ich bin ja bereit«, empörte sich Nikolai Apollonowitsch. »Über den Domino sagte ich Ihnen schon auf der Treppe; ich wollte Ihnen gern alles erklären, aber Sie ließen mich nicht dazu kommen . . .«

»Hmm . . . ja, ja . . .«

»Glauben Sie mir: die Geschichte mit dem Domino liegt nur an der Übermüdung meiner Nerven; ich habe das Ihnen gegebene Versprechen nicht überschritten: es war nicht mein freier Wille, daß ich plötzlich im Stiegenhaus erschien, es war . . .«

»Also wegen des Rockes entschuldigen Sie«, unterbrach ihn Lichutin wieder und zeigte hiermit aufs neue, daß er einfach ein unzurechnungsfähiger Mensch war . . . »Der Rockschoß wird Ihnen angenäht; ich mache es, wenn Sie wollen, selbst: ich habe eine Nadel und Zwirn . . .«

»Das fehlte noch!« Ableuchow sah forschend den Offizier an: der Paroxysmus schien doch wirklich vorüber zu sein.

»Aber das, Ssergeij Ssergeijewitsch, ist eigentlich . . . Das ist eine Lappalie . . .«

»Ja, ja: das ist weiter nichts . . .«

»Was unser Thema betrifft: daß ich mich im Stiegenhaus einfand . . .«

»Aber es handelt sich doch gar nicht um das Stehen im Stiegenhaus!« wehrte geärgert der Offizier ab und begann aufs neue, in Diagonalrichtung durch das kleine Zimmer zu schreiten.

»Na, ich meine: was Sofja Petrowna betrifft . . .« Mutiger geworden trat Ableuchow ein wenig aus der Ecke vor.

»Es handelt sich nicht um . . . nicht um . . . Sofja Petrowna,« schrie ihn der Offizier an, »Sie haben mich vollständig mißverstanden!«

»Aber um was denn?«

»Das ist ja alles -- nichts . . . Das heißt -- nichts im Vergleich zu der Sache, um die es geht . . .«

»Was meinen Sie damit?«

»Die Sache ist« -- der Offizier blieb vor Ableuchow stehen und saugte sich mit seinen blutangelaufenen Augen an die erschrockenen Augen seines Partners fest . . . »die Sache ist, daß Sie nun eingesperrt sind . . .«

»Aber . . . warum bin ich eingesperrt?« Die Hand griff den Briefbeschwerer fester . . .