Petersburg

Part 27

Chapter 273,468 wordsPublic domain

»Apollon Apollonowitsch« -- versuchte der Beamte den Alten zur Vernunft zu bringen, »Sie sind ein Mann von festem Willen, Sie sind ein Russe . . . Wir hofften . . . Nein, Sie werden doch sicherlich unterschreiben.«

Apollon Apollonowitsch drehte einen Bleistift zwischen zwei knöchernen Fingern; er blieb stehen, sah mit scharfem Blick in das Papier hinein und: knisternd brach der Bleistift in zwei Stücke; erregt band er darauf die Gürtelschnur seines Morgenrockes fest, seine Kinnladen zitterten vor Zorn.

»Ich gehöre, Väterchen, zur Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Das Huhn geht nicht zu den Eiern in die Lehre . . .«

»Mmä--mä . . . Ich -- gebe -- meine -- Unterschrift -- nicht . . .«

Schweigen.

»Mmä--mm--mä . . . Mä--ä--mmä . . .«

Und er blies seine Wangen auf . . .

Der Herr mit dem wallenden Backenbart stieg mit bedenklicher Miene die Treppe hinunter; es war ihm klar: die Karriere des Senators Ableuchow, an der er lange Jahre gebaut hatte, ist nun zu Staub geworden. Nachdem der Vizedirektor gegangen war, schritt Apollon Apollonowitsch lange zornig auf und ab, im Salon zwischen den Empirestühlen. Dann verließ er den Raum und erschien gleich wieder mit einer riesigen Mappe unterm Arm, die er auf das Perlmuttertischchen legte. Dann läutete er und befahl dem Diener, ein Feuer im Kamin zu machen.

Ein toter Kopf blickte über die Notabene, die Fragezeichen, Gedankenstriche, Paragraphen, über die nun _letzte Arbeit_, zum Kaminfeuer hinüber; die Lippen murmelten:

»Macht nichts . . . So--so . . .«

Mit boshaftem Lächeln und zusammengekniffenen Augen dachte der kahle Senatorenkopf an den vollendeten Karrieristen, der soeben das Haus verlassen hatte, der es gewagt hatte, ihm, Ableuchow, den Vorschlag zu machen, sein bisher reines Gewissen durch eine Konzession zu beflecken und der jetzt sicherlich sprühend vor Wut durch die schmutzigen Straßen raste . . .

»Ich bin, meine Herrschaften, einer aus der Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Ja, ja, meine Herrschaften . . .«

Der scharf gespitzte Bleistift hüpfte zwischen den Fingern; der scharf gespitzte Bleistift fiel als kleine Splitter auf das Papier nieder; das ist ja seine letzte Arbeit; in einer Stunde wird diese Arbeit gemacht sein; in einer Stunde wird er sich mit dem Hohen Amt telephonisch verbinden lassen und ihm die mit dem Geiste kaum zu fassende Nachricht überbringen.

* * *

Der Wagen raste an die Karyatide des Portals heran; die Karyatide rührte sich nicht; er rührte sich nicht, der bärtige Alte, der das Portal des Hohen Amtes stützte.

Das Jahr achtzehnhundertundzwölf hatte ihn aus den Wäldern befreit; achtzehnhundertfünfundzwanzig stürmten die Dezembertage an ihm vorbei. Vorüber sind diese Stürme! Vorüber sind auch die jüngsten Stürme von neunzehnhundertundfünf!

Mann mit dem steinernen Bart!

Alles hatte er gesehen, was um ihn geschah, und was zu geschehen aufgehört hatte. Doch wird er niemals davon erzählen.

Er erinnert sich der zwei Vollblutrosse, die der Kutscher mit festem Zug an der Leine vor dem Portal anhielt; von den schweren Gruppen stieg der Dampf in Wolken auf; ein General mit Dreimaster auf dem Kopfe, in einem Mantel mit Biberkragen, sprang graziös aus dem Wagen und lief unter lauten »Hurras« zur Glastür, die sich ihm öffnete.

Dasselbe »Hurra« klang ihm entgegen, als der General später auf den Balkon hinaustrat. Der bärtige Mann unter dem Balkon kennt diesen Namen noch heute. Aber er nennt ihn niemandem.

Er wird niemandem von der Dirne erzählen, die heute nacht unten auf den Stufen des Portals gekauert und geweint hatte.

Er wird niemandem von dem Minister erzählen, der, bis vor kurzem, hier täglich zu erscheinen pflegte: er trug einen Zylinder auf dem Kopf; in seinen Augen lag eine grünliche Tiefe; wenn er aus dem leichten Schlitten heraustrat, glättete er seinen gepflegten graumelierten Bart mit der grau behandschuhten Hand.

Er ging mit hastigen Schritten durch die Glastür, um dann in Nachdenklichkeit versunken an den Fenstern stehenzubleiben.

Dort, an jenem Fenster, sah man das blasse, blasse Gesicht an die Scheibe gedrückt; der zufällige Passant würde in dem blassen Fleck an der Scheibe wohl kaum das Gesicht des Mannes vermutet haben, der von da aus die Schicksale Rußlands lenkte.

Der bärtige Alte kannte ihn; und er erinnert sich seiner, niemals und nie wird er von ihm erzählen! . . .

Und -- Ruhe seiner Asche . . .

Auch der Schweizer mit dem Stab, der über dem »Börsenkurier« schlummerte, auch er kannte das leiddurchzogene Gesicht gut. Wetscheslaw Konstantinowitsch hat, Gott sei Dank, noch niemand im Hohen Amt vergessen; aber an, seligen Angedenkens, Kaiser Nikolaus Pawlowitsch erinnert sich keiner mehr: man erinnert sich nur der weißen Säle, der Säulen, der Balustraden.

Der bärtige Alte aber, er erinnert sich seiner.

Aus der Unzeit her, wie über der Linie der Zeit schweben, steht er gebeugt da: über der pfeilgeraden Straße oder -- über der bitteren, salzigen, fremden menschlichen Träne?

* * *

Der kahle Kopf hebt sich empor, der mephistophelische, greisenhaft welke Mund lächelt; rötliche Flämmchen zucken durch das Gesicht; Flämmchen blinken in den Augen, aber es sind steinerne Augen; blau in grünlichen Höhlen; kalte, erstaunte Blicke, und -- kalt, kalt. Gespenstisch entflammen Zeit, Sonne, Licht. Das ganze Leben nichts als -- ein Gespenst. Lohnt es sich? Nein, es lohnt sich nicht:

»Ich bin, meine Herrschaften, aus der Schule Plehwe . . . Ich, meine Herrschaften . . . Ich--mmä--mmä«

Der kahle Kopf senkt sich.

* * *

Im Hohen Amt hüpfte ein Flüstern von Tisch zu Tisch; plötzlich ging die Tür auf; ein Beamter mit kalkweißem Gesicht sprang ans Telephon:

»Apollon Apollonowitsch hat seinen Abschied genommen . . .«

Alle sprangen von den Plätzen auf; der Beamte Legonin begann zu weinen; es entstand ein blödes Stimmengewirr, ein Fußtrampeln; aus dem Zimmer des Vizedirektors drang eine feste Stimme und das Knattern der Telephonglocke (zum Departement neun); der Vizedirektor stand mit bebendem Kinn da; in seiner Hand tanzte das Telephonrohr hin und her. Apollon Apollonowitsch Ableuchow war bereits nicht mehr das Haupt des Amtes.

Eine Viertelstunde später erteilte der grauhaarige Vizedirektor, in hoch zugeknöpftem Amtsrock und mit dem Annaorden auf der Brust, seine Befehle; zwanzig Minuten später schritt er mit frisch rasiertem, verjüngtem Gesicht durch die weiten Säle.

Das war der Verlauf eines Ereignisses von unbeschreiblicher Wichtigkeit.

Das Reptil

Die schäumenden Wasser des Kanals wälzten sich gegen die Stelle, an der der Wind, aus der öden Ferne des Marsfeldes kommend, stöhnte: ein schrecklicher Ort!

Am Rande dieses schrecklichen Ortes prangt ein herrlicher Palast; sein nach oben ragender Turm gibt ihm das Aussehen eines wunderschönen Schlosses: rosarot, steinschwer; ein Gekrönter lebte in diesen Mauern; schon lange ist es her: der Gekrönte weilt längst nicht mehr unter den Lebenden.

Seiner Seele, o Herr, sei in deinem Reiche gnädig!

Der rosenrote Palast hob sich mit seinen nach oben ragenden Dächern von den vollständig blätterlosen, knorrigen Ästen der Umgebung ab; in wirrem Durcheinander streckten sich die Zweige gegen den Himmel und fingen die weißgrauen Nebelbausche auf; ächzend flog, pfeilgerade, eine Krähe auf; sie flog auf, schwebte eine Weile in den Nebelflocken und stürzte sich wieder hernieder zur Erde.

Ein Droschkenwagen durchkreuzte diesen Ort.

Ihm entgegen liefen zwei kleine, rötliche Häuschen, die, ein Einfahrtstor bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stämme neigten sich, wie zum Überfall; die dünne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.

Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches Werk! Wie schade, daß ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei meinem jüngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.

Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem großen Urgroßvater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das Schloß hier bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine unglücklichen Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden konnte nicht lange währen; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen Wallungen wurde seine Seele zu Tode gezerrt; in Stücke zerrissen, entfloh die kindliche Seele ihrem Körper.

Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken aus diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft mochte hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht haben, in das rosige Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des Mondlichts im dunklen Blättergewirr der Sträucher . . . Vor dem Tor stand die Schildwache mit breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und salutierte mit dem Gewehr, wenn die Majestät mit goldbestickter Brust und dem Andrejewschen Band über der Schulter aus der Tür trat, um seinen aquarellbemalten Wagen zu besteigen, auf dessen hohem Bock ein flammenroter Kutscher saß, während auf den Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.

Alles mit flüchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das sentimentale Gespräch mit dem in duftige Gazeschleier gehüllten Hoffräulein fort; das Hoffräulein lächelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische Grübchen, und -- ein schwarzes Schönheitspflästerchen . . .

In jener verhängnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett und vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen, funkensprühenden Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit Tusche leicht hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr; irgendwo tönten Schritte . . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und zerwühlt war das Bett; an der Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben hatte, sah man nur eine Vertiefung im Kissen; das Bettleinen war noch warm; der Schlafende war verschwunden; ein Häufchen weißgepuderter Offiziere mit blanken Säbeln stand über das Lager gebeugt; jemand suchte eine Seitentür von außen zu sprengen; man hörte eine weinende Frauenstimme; plötzlich hob ein Offizier mit rosigen Lippen den schweren Fenstervorhang; in dem durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah man -- einen schwarzen, hageren, zitternden Schatten.

Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu streuen, auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett; es vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . . Irgendwo schlug eine Turmuhr; Schritte tönten in der Ferne.

* * *

Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen düsteren Platz und merkte nicht, daß das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants sich ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein Opfer streifte, schien von Neugierde erfüllt; Lichutin rückte fortwährend auf seinem Platze hin und her; stieß seinen Nachbar in die Seite; allmählich erriet Nikolai Apollonowitsch, daß der Leutnant es nicht über sich bringen konnte, ihn zu berühren -- wenn auch nur mit dem Ellbogen, und er rückte immer weiter fort und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.

In diesem Augenblick riß ein Windstoß Ableuchow den italienischen Hut vom Kopf und er war genötigt, ihn mit unwillkürlichen Bewegungen von den Knien seines Nachbars aufzufangen; er berührte dabei Lichutins kalte Finger und diese Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berührung von etwas Widerlichem zurück; der spitze Ellbogen machte eine rückwärtige Bewegung; als hätte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten Bekannten, ja seines Spielkameraden, berührt, sondern . . . ein Reptil . . . das man am liebsten . . . mit dem Fuß zerdrücken möchte . . .

Diese Bewegung war Ableuchow nicht entgangen; er sah seinerseits jetzt mit prüfendem Blick den Freund seiner Kindheit an, mit dem er einst auf du gewesen war; dieser Sserjosha, nämlich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hatte sich seit ihrem letzten Zusammensein mindestens um acht Jahre verjüngt und hatte sich wieder in Sserjosha verwandelt; aber dieser Sserjosha horchte jetzt nicht mehr voll Spannung den gedanklichen Flügen Ableuchows, wie damals, vor -- acht Jahren, als sie in den Holunderbüschen des alten großväterlichen Parks sich verborgen hielten; acht Jahre sind vergangen; diese acht Jahre haben alles verändert; die Holunderbüsche sind abgetragen worden und er . . . mit heimlicher Unterwürfigkeit sah er Ssergeij Ssergeijewitsch an.

Ableuchows Gesicht magerte plötzlich ab.

»Sie quittieren Ihren Dienst, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

»Ha?«

». . . Ihren Dienst? . . .«

»Ja, wie Sie sehen . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch maß Ableuchow mit einem Blick, als sähe er ihn zum erstenmal; er sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.

»Ich würde Ihnen raten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den Mantelkragen hochzuheben: Ihr Hals ist erkältet und bei diesem Wetter . . . da ist es wirklich sehr leicht möglich . . .«

»Was meinen Sie?«

»Sie können sich leicht eine Halsentzündung zuziehen.«

»Ihrer Sache wegen« -- brachte mit dumpfem Brummen Lichutin hervor.

-- ?

»Es hat mit dem Hals nichts zu tun . . . Ich habe Ihrer Sache wegen den Dienst quittiert, das heißt, nicht einmal Ihrer Sache wegen, sondern Ihretwegen.«

»Aha, eine Anspielung!« wäre beinahe laut aus Ableuchow herausgekommen; aber er fing wieder einen Blick auf: so sieht man nicht die an, die man kennt; so sieht man höchstens ein überseeisches Wunder im Panoptikum an.

So sehen Passanten einen Elefanten an, den man zuweilen in vorgerückter Abendstunde auf dem Wege vom Bahnhof zum Zirkus antrifft. Sie heben die Augen, machen einen Ruck nach rückwärts und glauben ihren eigenen Augen nicht, zu Hause erzählen sie:

»Denkt euch, wir haben auf der Straße einen Elefanten gesehen.«

Aber alle lachen über sie.

Eine solche Neugierde sprach aus Lichutins Blicken; es war keine Empörung in ihnen, höchstens ein gewisser Ekel (wie von der Nähe einer Ringelnatter); kriechende Reptile rufen keine Empörung hervor, man möchte nur . . . sie mit dem Fuße . . . zertreten.

Nikolai Apollonowitsch dachte über Lichutins Worte nach: er quittiere seinetwegen den Dienst; ja, Leutnant Lichutin verliert die Möglichkeit, Offizier zu sein, nach dem, was bald zwischen ihnen geschehen sein wird; in der Wohnung wird wohl niemand sein; es wird da etwas geschehen, etwas . . . Hier wurde Ableuchow von ernster Angst gepackt; er rückte unruhig auf seinem Platze und -- und plötzlich bohrten sich alle seine zehn Finger in den Arm des Offiziers.

»Ha! . . . Was meinen Sie . . . Warum wollen Sie? . . .«

Ein rosafarbiges Häuschen, von oben bis unten mit Stuck verziert, eilte an ihnen vorbei: dieses Rokokohäuschen war vielleicht einst die Wohnstätte des Hoffräuleins gewesen, des Hoffräuleins mit den schelmischen Grübchen in den Wangen und dem schwarzen Schönheitspflästerchen.

»Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich muß gestehen . . . Ach, ich bedaure so sehr . . . Mein Benehmen war sehr, sehr bedauerlich . . . Ich habe mich benommen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . schmachvoll, betrübend . . . Aber ich habe -- eine Rechtfertigung; ja, ich habe, habe eine Rechtfertigung. Als ein gebildeter humaner Mensch, als lichte Erscheinung, dürften Sie, Ssergeij Ssergeijewitsch, das begreifen können . . . Ich habe diese Nacht nicht geschlafen, ich will sagen: ich leide an Schlaflosigkeit . . . Die Ärzte fanden« (er erniedrigte sich nun zu einer Lüge) ». . . Ich meine, mein Zustand wird als sehr ernst betrachtet. Gehirnübermüdung mit Pseudohalluzinationen« (ihm fielen plötzlich Dudkins Worte ein) ». . . Was meinen Sie dazu?«

Ssergeij Ssergeijewitsch sagte nichts: ohne jede Empörung sah er ihn an; in seinem Blicke war nur Ekel (wie in der Nähe einer Ringelnatter); Reptile lösen ja keinen Zorn aus: sie . . . zertritt man nur mit dem Fuß . . .

»Pseudohalluzinationen . . .« wiederholte flehend Ableuchow, erschreckt, klein, ungelenk, und verkroch sich mit den Augen in die des anderen (diese Augen aber antworteten nicht); er wollte schon hier die Auseinandersetzung beenden, hier, in der Droschke und nicht dort in der Wohnung; das verhängnisvolle Hausportal ist schon so, so nahe; ist die Auseinandersetzung bis zur Erreichung des Portals nicht beendet -- dann ist alles aus, alles, alles! A--us! Ein Mord geschieht, eine tätliche Beleidigung, oder es kommt zu einer einfachen Schlägerei.

»Ich . . . ich . . . ich . . .«

»Steigen Sie aus, wir sind schon da . . .«

Mit bleiernen, unbeweglichen Blicken sah Nikolai Apollonowitsch um sich, sah in die bläulichen Nebelflocken, sah auf die mit einem Glucksen niederfallenden Tropfen, auf die metallischen Blasen der Pfützen.

Leutnant Lichutin sprang aus der Droschke, warf dem Kutscher das Fahrgeld zu und blieb auf dem Trottoir in Erwartung des Senatorsöhnchens stehen, der, schwerfällig zaudernd, noch nicht ausgestiegen war.

»Warten Sie bitte, Ssergeij Ssergeijewitsch, ich hatte ja einen Stock . . . Wo ist er nur? Ach, sollte ich ihn . . . verloren haben?«

Er suchte wirklich nach seinem Stock; aber der Stock war rettungslos verschwunden; ganz blaß und beunruhigt drehte Nikolai Apollonowitsch die Augen nach allen Seiten.

»Nun, was ist?«

»Aber mein Stock . . .«

Ableuchows Kopf sank tief auf die Schultern; die Schultern wiegten sich auf und ab; der Mund zog sich auf eine Seite aus; mit bleiernem, unbeweglichem Blick sah Nikolai Apollonowitsch vor sich hin, in die bläulichen Nebelflocken, und rührte sich nicht vom Fleck.

Da begann Lichutin zornig und ungeduldig zu atmen; er faßte Ableuchow delikat, aber fest am Ärmel, und hob ihn vorsichtig wie einen Warenballen aus der Droschke.

Nikolai Apollonowitsch krallte sich mit allen zehn Fingern in Lichutins Arm: jetzt müssen sie über die dunkle Stiege gehen: wie, wenn die Hand des Offiziers eine unanständige Geste machen wird, der er im Dunkeln nicht ausweichen kann; die Handlung wird geschehen sein und dann -- ist es -- aus; das Geschlecht der Ableuchow ist für immer geschändet (sie wurden noch nie geschlagen).

Leutnant Lichutin (dieser Wüterich!) hat ihn so schon mit der freigebliebenen Hand am Saum des italienischen Überwurfs gepackt; Nikolai Apollonowitsch wurde ganz weiß.

»Ich gehe schon, ich gehe, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«

Er stemmte sich unwillkürlich mit dem Schuhabsatz gegen den Rand der ersten Treppenstufe, aber er überlegte es sich sofort, um nicht lächerlich zu erscheinen.

Die Haustür schloß sich hinter ihnen.

Höllische Finsternis

Höllische Finsternis umfing sie in dem unbeleuchteten Stiegenhaus (wie im ersten Augenblick nach dem Tode); man hörte das Keuchen des Offiziers, und hinter ihm reihten sich wie Perlen einzeln gesprochene Worte.

»Ich . . . bin hier gestanden . . . hier . . . Ich bin nur so . . . gestanden . . .«

»So machen Sie es, Nikolai Apollonowitsch? So machen Sie es?«

»Ein vollständiger Nervenanfall . . . Krankhafte Vorstellungsassoziationen . . .«

»Assoziationen? . . . Warum kommen Sie nicht? . . . Wie sagten Sie -- Assoziationen?«

»Der Arzt sagte . . . Warum ziehen Sie mich am Arm? Ich kann doch selbst gehen . . .«

»Sie brauchen aber auch nicht meinen Arm zu packen . . . Bitte, lassen Sie mich los . . .«

»Aber es fällt mir ja gar nicht ein . . .«

»Der Arzt sagte -- der Arzt sagte: eine ganz selten vorkommende . . . Gehirnzerrüttung; der Domino und alles andere: nur Gehirnzerrüttung . . .«

Plötzlich ertönte von oben eine gut genährte, laute Stimme:

»Guten Abend!«

Jemand stand vor der Wohnungstür der Lichutins.

»Wer ist da?«

Unzufrieden klang Lichutins Stimme in der Finsternis.

»Wer ist da?« fragte auch Ableuchow sehr erleichtert; die ihn festhaltende Hand löste sich von ihm, und zu seiner großen Freude hörte er jemand ein Streichholz reiben.

Die fremde, gut genährte Stimme fuhr laut fort:

»Ich stehe da schon eine ganze Weile . . . Habe ein paarmal geläutet -- es macht niemand auf. Und plötzlich bekannte Stimmen.«

Die Streichholzflamme beleuchtete eine weißgepflegte Hand, die einen Bund wundervoller Chrysanthemen hielt; hinter ihnen zeichnete sich die stattliche Figur Werhefdens.

»Wie? Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

»Sie sind bartlos?«

»Sie sind in Zivil? . . .«

Er tat, als bemerkte er erst jetzt Ableuchow (unsererseits sagen wir aber, daß er Ableuchow schon im ersten Augenblick gesehen hatte), rieb ein neues Streichholz und maß ihn mit den Blicken, wobei er die Brauen hochhob.

»Auch Nikolai Apollonowitsch? . . . Wie geht es Ihnen, Nikolai Apollonowitsch? Nach dem gestrigen Abend dachte ich . . . Sie hatten sich nicht wohl gefühlt? . . . Sie sind etwas stürmisch aus dem Ballsaal verschwunden . . . Seit dem gestrigen Abend . . .«

Wieder flammte ein Streichholz auf; zwei spöttische Augen blickten hinter den Chrysanthemen hervor: Werhefden wußte, daß das Lichutinsche Haus vor Ableuchow geschlossen war; als er bemerkt hatte, daß dieser jetzt, offensichtlich gegen seinen eigenen Willen, hierher geschleift wurde, hielt er es als gut erzogener Mensch für seine Pflicht, sich zu entfernen.

»Ich störe doch nicht? . . . Ich muß nämlich gleich gehen . . . Wir haben unglaublich viel zu tun . . . Ihr Herr Vater, Apollon Apollonowitsch, erwartet mich . . . Ein Generalstreik scheint in Vorbereitung zu sein, da gibt's nun viel Arbeit für uns . . .«

Ehe ihm geantwortet werden konnte, ging die Tür eilig auf; eine weiße, steife Haube mit einem Schmetterling obenauf erschien in der Öffnung.

»Marwruscha, ich komme nicht zu Besuch . . .«

»Bitte den Herrn, einzutreten: die gnädige Frau ist zu Hause.«

»Ach nein, Marwruscha, übergeben Sie nur bitte diese Blumen der gnädigen Frau von mir . . . Das ist eine frühere Schuld« -- wandte er sich mit einem Lächeln an Lichutin und zuckte mit den Achseln, wie der Mann einem anderen zulächelt und mit den Achseln zuckt, nachdem sie gemeinsam einen Abend in Gesellschaft mit Damen zugebracht hatten . . .

»Ich bin sie Sofja Petrowna schuldig geblieben für die vielen verunglückten Witze . . .«

Und wieder lächelte er; dann erinnerte er sich:

»Also, auf Wiedersehen, lieber Freund. Adieu, Nikolai Apollonowitsch: Sie sehen übermüdet aus, nervös . . .«

Wie Schrotkugeln rollten seine Schritte die Treppe hinunter; von unten klang noch herauf:

»Sie sollten nicht so viel mit ihren Büchern . . .«

Nikolai Apollonowitsch wollte beinahe hinunterrufen:

»Ich komme mit, Hermann Hermanowitsch; ich muß auch schon gehen, haben wir nicht denselben Weg? . . .«

Aber die Schritte verstummten -- und bum! fiel das Haustor ins Schloß.

Da fühlte sich Nikolai Apollonowitsch wieder ganz verlassen; und wieder wurde er festgehalten, jetzt nun endgültig, vor Marwruscha. In seinem Gesicht malte sich Grauen, während das von Marwruscha deutliche Spuren von Erstaunen und Angst zeigte; dagegen drückten die Gesichtszüge des Offiziers unverhehlte, geradezu satanische Freude aus; mit Schweiß überdeckt zog er sein Taschentuch hervor, während er mit der freien Hand den widerstrebenden Studenten gegen die Tür schob.

So geschmeidig sich auch die Figur Nikolai Ableuchows im Ausweichen zeigte -- er wurde endlich doch in die offene Tür geschoben.

»Bitte einzutreten . . .«

Er war also doch da; aber im Vorzimmer erblickte er bekannte Gegenstände, die eichenimittierte Wandverkleidung mit dem Spiegel in der Mitte; und mit dem letzten Rest von Würde meinte er:

»Ich halte mich nur einen Augenblick auf.«

Beinahe hätte er seinen Überwurf nach alter Gewohnheit Marwruscha zugeworfen. Uff -- diese Hitze und das Parfüm. Da vergeht einem das Denken.

Doch trat Ssergeij Ssergeijewitsch dazwischen und zischte Marwruscha leise zu:

»Gehen Sie in die Küche . . .«