Petersburg

Part 26

Chapter 263,391 wordsPublic domain

Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.

»Verändert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch mehr Falten im Gesicht . . . Könntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen . . .«

»Doch -- nein, nein!«

Plötzlich zerfloß das Gesicht des achtundsechzigjährigen alten Herrn unnatürlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.

Und der Sechzigjährige war jetzt -- ein Tausendjähriger; und mit künstlich erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die grauhaarige Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.

»A . . . m--m--ä . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m--m--mä . . . barfuß.«

Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.

»Entschuldigen, Erzell . . .«

»Das . . . m--m--mä . . . meine ich gar nicht«, strengte sich Apollon Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.

Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die Leere geheftetem Blick da; ganz flüchtig ließ er sich dann nieder und brach mit dem Unsinn los:

»A . . . sagen Sie . . .«

»?«

»Sie haben gelbe Fersen?«

Ssemjonytsch war beleidigt.

»Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzöpfigen Chinesen . . .«

»Hi -- hi -- hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?«

»Mit Verlaub -- menschliche . . .«

»Nein -- gelbe, gelbe . . .«

Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjährige, Zitternde, Kleine, stampfte mit dem Pantoffel auf den Boden auf.

»Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind's die Hühneraugen, Exzellenz . . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und zu stechen, ja, Herr . . .«

Bei sich aber dachte er:

»Ach was -- Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen . . . Hast wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen . . . Und die Gemahlin befindet sich in der nächsten Nähe, in erwartendem Zustand . . . Und der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der muß von den Fersen reden! . . . Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen . . . Auch eine -- >Persönlichkeit<! . . .«

Und er fühlte sich ganz und gar beleidigt.

Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade über ihn kam) in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Späßchen eine geradezu klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der Senator (der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Träger der Brillantenorden) den Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bösewicht; er war da für die anderen wie die Fliegen, die an gewitterschweren, schwülen Tagen einem zudringlich bald in die Augen, bald in die Nase, bald ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die man an gewitterschweren, schwülen Tagen, wenn graurötliche Wolken schwer und tief über den Linden hängen, zu Dutzenden auf den Händen, auf dem Schnurrbart umbringt.

»Das Fräulein aber -- hi--hi--hi . . . Das Fräulein . . .«

»Was meint der gnädige Herr?«

»Das Fräulein hat . . .«

So ein Tunichtgut!

»Was hat das Fräulein?«

»Rosige Fersen . . .«

»Das kann ich nicht wissen . . .«

»Da geben Sie nur acht . . .«

»Spaßig sind Sie, gnädiger Herr . . .«

»Das kommt von den Strümpfchen, wenn das Füßchen vom -- Schweiß . . .«

Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow -- der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes -- mit den Pantoffeln schlürfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und -- knacks: die Tür abgesperrt.

Drinnen hinter der Tür ließ er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still, weich.

Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie sich sein Rücken krümmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wäre eine hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkürlich nach der hüpfenden, schmerzenden Seite.

* * *

Ja--a! . . .

Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn, der Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine schreckliche Lage, wissen Sie . . .

Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplündert: ein schuftiger Hohlkopf, mit einem Schnurrbart wie bei einer Küchenschabe . . . Nun ist sie zurückgekehrt . . .

Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .

Aufruhr, Rußlands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat! Irgendein Abiturient mit Schnurrbärtchen erlaubt sich, in ein altadeliges, geachtetes Haus . . .

Dann aber -- die Gase, die Gase! . . .

Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .

* * *

Die Feder verliert ihre Elastizität, wenn sie zu stark gespannt ist; es gibt eine Grenze für die Elastizität; für den menschlichen Willen gibt es auch eine Grenze; auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdünnt sich das menschliche Hirn. Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen sprüht helleuchtende Funken; und du modellierst aus den frostigen Schneesternchen eine funkelnde menschliche Gestalt.

Raunend und flüsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird unterwässert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfällt.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er hatte gefroren und seine Kräfte gestählt; in der frostigen Petersburger Nacht schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese selbstleuchtende, funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am mächtigsten geragt, als der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund vernichtete; dieser Wind, der jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des Sturmes noch immer auf der Höhe gehalten; ja, auch nachher.

Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch Ableuchow -- selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine Grenze gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.

Über Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, über Nacht fiel er zusammen und ließ seinen großen Kopf hängen; auch er, der federnd Elastische, knickte zusammen. Früher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem faltenlosen Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote Flämmchen gezuckt, die . . . ganz Rußland . . . in Flammen . . . versetzen konnten . . .

Eine einzige Nacht lag dazwischen.

Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des brennenden Rußlands -- ein an Hämorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert, schwitzend -- der konnte natürlich nicht den Lauf unseres ins Wanken geratenen Staatsrades (über die holprigen, schlecht befahrbaren Wege) leiten! . . .

Fortuna hat ihn verlassen.

Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner Krieger im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen Anna Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein nirgends Glück hatte -- sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna Petrowna (im schwarzen gestopften Kleid mit schwarzem Täschchen in der Hand); sicher endlich war es auch nicht der rote Lappen auf der Straße, die den Träger der brillantenen Orden in einen mürben Schneehaufen verwandelt haben.

Nein -- die Zeit war es.

* * *

Haben Sie schon einmal berühmte, aber bereits in Kindheit verfallene Männer gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten -- weißlockige (öfters noch kahlköpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte Führer?

Ich habe solche gesehen.

In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer blendend weißen Stärke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften Schultern; rückengekrümmte Greise mit herunterhängenden Kiefern, falschen Zähnen

-- ich sah sie --

wie sie, noch gewohnheitsmäßig sich auf der Tribüne aufraffend, in alter Weise die Herzen zu erobern versuchten und eroberten.

Und ich sah sie dann zu Hause.

Mit schwachsinniger Geschäftigkeit flüsterten sie mir kranke, schlechte Witze ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit schmatzendem Mund auf das Bücherfach mit den in Schweinsleder gebundenen »gesammelten Werken«, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst mich und sich selbst bewirtet hatten.

Trauer überkommt mich!

* * *

Um zehn Uhr hat es an der Haustür geläutet; es war nicht Ssemjonytsch, der aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch, saß dort, ließ einen Zettel zurück.

Ich weiß, was ich tue

Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.

Ins Speisezimmer pflegte er -- wie wir wissen -- immer kalt, streng, frisch rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert, unparfümiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlürfend, zum Frühstück erschienen.

Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.

Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengruß der Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an dem Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:

»He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .«

Die Hand bröselte und knetete das französische Frühstücksbrötchen, während der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden der Tasse starrte.

Um halb zwölf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas, fuhr unruhig-geschäftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten hin und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit perlenden Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der zurückgeschlagene Vorderschoß des Morgenrockes seine nur halb zugeknöpfte Unterhose sehen ließ.

Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, daß der Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.

Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter über die weichen Samtteppiche rollte, von Bücherschrank zu Bücherschrank, wie er ächzend, stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr für sein hohes Leben die Sprossen hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bücher auf Staub zu untersuchen; den Diener erblickend, kaute er ein wenig verächtlich mit dem leeren Mund, ohne auf die Mitteilung über den unten wartenden Wagen etwas zu erwidern.

Mit der Hand über die Rückeneinbände klopfend, verlangte er nach einem Staubtuch.

Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtücher; auf seinen Wunsch wurden ihm diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich -- rechts und links -- neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm mit der Kerze nach oben.

»Höher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber höher doch . . . noch etwas höher . . .«

Über den hohen Gebäuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen rauchige, bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knäuel aus Filz in der Luft; der Wind schlug gegen die Fenster; im grünlich-düsteren Zimmer herrschte Halbdämmerung; draußen heulte der Wind; und immer höher, höher streckten sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Schöße des mausgrauen Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.

»Exzell . . .«

»Ist es eine Arbeit für Sie, Exzellenz . . .«

»Wozu mühen Sie sich nur selbst ab? . . .«

»Erlauben, Exzell . . . So was Unerhörtes . . .«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hören. Ach wo: alles in der Welt vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrücken, klopfte mit den Deckeln an die Leiter, bis er schließlich heftig zu niesen begann:

»Staub, Staub, Staub . . .«

»So was . . . So was . . .«

»Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!«

»So, sehr schön . . .«

Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, über den Staub her.

Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt läutete; aber auf das unruhige Geläute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:

»Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird ausgerichtet werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .«

Auch auf das dritte, diesmal wütende Klingeln, wurde geantwortet:

»Noch nicht . . .«

»In seinem Arbeitszimmer . . .«

»Ist mit Ordnen der Bibliothek beschäftigt . . .«

»Der Wagen?«

»Der Wagen wartet . . .«

Die Pferde wurden endlich in den Stall zurückgebracht; der Kutscher spuckte aus: schimpfen traute er sich nicht.

* * *

»Sauber wisch' ich euch!«

»Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!«

»Abschi! . . .«

Und die zitternden, gelben Hände schlugen auf die dicken Bände.

* * *

Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Räume der lackierten Zimmer -- als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat ungebeten ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg über die Sprossen der Leiter nach oben.

Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.

»Hören Sie?«

Wer es sein konnte?

Es konnte -- Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und Lügner; es konnte ein -- Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren kam; oder ein Kotosch -- Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann übrigens -- mm -- mmä -- auch Anna Petrowna sein . . .

Es schepperte.

»Hören Sie denn nicht?«

»Gewiß, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .«

Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer gestanden und hatten geleuchtet.

Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas bedrückt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen Kleiderchiffonniere:

»Nordost: schwarze und weiße Krawatten . . . Kragen und Manschetten -- im Osten . . . Uhren -- im Norden« -- nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd, horchte auf, wurde unruhig, schärfte das Ohr und trippelte gegen das Arbeitszimmer des Herrn.

»Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat geläutet.«

Die Diener antworteten nicht.

Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der Staubwolke hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:

»Ja, auch ich hab' es gehört.«

Apollon Apollonowitsch riß sich von einem dicken Band los:

»Ja, ja, ja . . .«

»Es läutet . . . Hören Sie, es läutet . . .«

Beide verspürten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches Etwas, denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .

»Es ist die gnädige Frau . . .«

»Es ist Anna Petrowna!«

Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!

Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im grünlichen Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen; nach Luft schnappend, ächzend, die haarige Brust, die Schulter und das borstige Kinn gegen die Sprossen gedrückt, stieg er die Leiter hinunter und begann plötzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibül zu rennen, den Staublappen in der Hand, die Schöße des Morgenrockes wie phantastische Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und tastete kurz atmend mit dem Finger nach dem Puls.

* * *

Ein Herr mit wallendem Backenbart in tadellos zugeknöpftem Amtsrock, mit blendend weißen Manschetten und dem Annastern an der Brust, kam ehrfurchtsvoll, vom Diener angeführt, die Treppe herauf; auf dem Silbertablettchen in den zitternden Händen des alten Ssemjonytsch lag eine Visitenkarte, die eine Adelskrone aufwies.

Hinter der steinernen Niobe stand Apollon Apollonowitsch, schlug mit geschäftiger Miene die Schöße seines Morgenrockes übereinander und sah dem würdigen Gast mit dem gut gepflegten Bart entgegen.

Wahrhaftig er sah wie eine Maus aus.

Du wirst wie geistesgestört sein

Petersburg -- das ist ein Traum.

Wenn du einmal im Traum Petersburg besucht hast, dann kennst du zweifellos dieses mächtige Vestibül: die eichenen Türen sind schwer, und die Spiegelscheiben blitzen; die Vorübergehenden sehen nur die Spiegelscheiben; nie waren sie hinter ihnen.

Hinter der Spiegelscheibe blitzt immer der kupferschwere Kopf des Schweizerstabes.

Die gebogene achtzigjährige Schulter hinter der Scheibe: von ihr träumt der zufällige Passant lange, von ihm, dem alles nur ein Traum ist und der selber ein Traum ist; auf die gebogene Schulter des greisen Schweizers fällt schwer der dunkle Dreimaster; seine Silbertressen blinken und erinnern an Angestellte der Bestattungsbureaus, wenn sie ihres Amtes walten.

Unverändert bleibt es.

Der schwere Kupferkopf ruht friedlich auf der achtzigjährigen Schulter eines Schweizers; und jahraus, jahrein der mit einem Dreimaster gekrönte Schweizer über dem »Börsenkurier«. Dann erhebt er sich wohl einmal und öffnet die Tür. Am Tage, am Morgen, gegen Abend, wann du an der Eichentür vorbeigehst, am Tage, am Morgen oder gegen Abend -- immer erblickst du den kupfernen Stabkopf; immer erblickst du die Silbertressen; immer erblickst du den dunklen Dreimaster.

Verwundert bleibst du vor dieser Vision stehen. Dasselbe hattest du bei deinem vorigen Hiersein gesehen. Fünf Jahre waren vorübergegangen: dumpfe Wellen von Ereignissen waren dahingerollt; China war erwacht; Port Arthur war gefallen; die Gelben hatten unser Amurgebiet überschwemmt; es sind die alten Märchen von den eisernen Reitern des Dschingis-Khan wieder lebendig geworden.

Aber die Visionen der alten Zeiten bleiben unverändert; eine achtzigjährige Schulter, ein Dreimaster, eine Silbertresse, ein Bart.

In dem Augenblick, in dem sich der weiße Bart hinter der Spiegelscheibe bewegen, der schwere Kupferkopf des Schweizerstabes hinter der Tür blitzen und silbrig wie das Rinnenwasser, das dem Kellerbewohner Cholera und Typhus bringt, die weißen Tressen schimmern -- und wo dennoch von den alten Zeiten nichts mehr sein wird, -- in diesem Augenblick wirst du wie ein Geistesgestörter durch die Petersburger Prospekte rennen.

Wenn dort hinter der blinkenden Glastür der schwere Kupferstab seinen Platz verlassen hätte, dann würde sicher, sicher hier weniger von Typhus und Cholera zu merken sein; China würde nicht so voll Unruhe gären; Port Arthur wäre nicht gefallen; unser Amurgebiet wäre nicht von Zöpfen überflutet und die Reiter des Dschingis-Khan nicht aus ihren vielhundertjährigen Gräbern auferstanden.

Aber höre nur, horch: ein Stampfen von Schritten . . . Aus den Uralsteppen kommt es. Es kommt immer näher, das Stampfen.

Das sind -- die eisernen Reiter.

* * *

Was für ein Tag!

Schon am frühen Morgen hatten die Tröpfchen zu flüstern, zu klatschen, zu klappern begonnen; von der Meeresküste her türmten sich die nebligen Filzflecken; paarweise erschienen die Schreiber; der Schweizer mit dem Dreimaster machte ihnen auf; sie hängten ihre Hüte wie ihre feuchten Überkleider an die Haken, liefen die mit rotem Tuch belegten Stufen hinauf, liefen durch das weißmarmorne Vestibül, hoben die Augen zu dem Porträt des Ministers und gingen in ihre ungeheizten Säle -- an ihre kalten Arbeitstische. Aber die Schreiber schrieben nicht: sie hatten nichts zu schreiben; aus dem Direktorzimmer kamen keine Papiere; das Direktorzimmer war leer; wohl brannten im Kamin lohend Holzscheite. Aber über dem massiven Eichentisch neigte sich nicht der kahle Kopf mit den geschwollenen Adern an den Schläfen, die tiefsitzenden Augen wandten sich nicht gegen den Kamin, wo in lustiger Kornblumenschar giftige Rauchwölkchen emporringelten. Das Direktorzimmer war leer.

An diesem Tag war Apollon Apollonowitsch nicht in sein Arbeitszimmer geschritten.

Das Warten wurde bereits langweilig; ein bescheidenes, fragendes Flüstern ging von Tisch zu Tisch; Gerüchte schoben sich von einem zum anderen; Gespenster huschten durch die Luft; im Zimmer des Vizedirektors knatterte die Telephonglocke.

»Noch nicht herausgekommen? . . . Unmöglich! . . . Sagen Sie, wird dringend erwartet . . . nicht möglich . . .«

Zum zweiten Male knattert das Telephon:

»Haben Sie ausgerichtet? . . . Noch immer beim Frühstück? . . . Sagen Sie, Exzellenz wird dringendst verlangt . . .«

Der Vizedirektor stand mit bebendem Unterkiefer vor dem Telephon; er machte mit den Armen Gesten des vollständigen Unbegreifens; er wartete eine, anderthalb Stunden; dann setzte er seinen überhohen Zylinder auf und stieg die teppichbelegte Treppe hinunter. Die Haustür flog auf vor ihm; er bestieg einen Wagen . . .

Zwanzig Minuten später betrat er das Vestibül des gelben Hauses und erblickte mit Erstaunen seinen Vorgesetzten, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, im Morgenrock von widerwärtiger, mausgrauer Farbe, mit unruhig auf ihn gerichteten: Blick hinter der Statue der Niobe stehen.

»Apollon Apollonowitsch!« rief der grauhaarige Ritter des Annaordens und richtete hierbei eilig seinen Halsorden unter der Krawatte zurecht. Er erblickte hinter der Niobe das unrasierte, mit Haarstoppeln bedeckte Kinn.

»Apollon Apollonowitsch, da sind Sie? Und ich, wir warteten und warteten; telephonierten immer wieder.«

»Ich . . . mm--mmä . . . ordnete meine Bibliothek . . . Verzeihen Sie, Väterchen, daß ich Sie . . . so . . . empfange.«

Er zeigte mit den Händen auf seinen Morgenrock.

»Was haben Sie, krank? A--a--a: Sie scheinen etwas aufgedunsen. Das ist sicherlich die Wassersucht?« -- und er berührte ehrfurchtsvoll den mit Staub bedeckten Finger des Vorgesetzten.

Apollon Apollonowitsch ließ den Staublappen auf das Parkett niedergleiten.

»Daß Sie gerade jetzt krank wurden! . . . Ich komme mit Neuigkeiten . . . Ich muß Ihnen zu -- einem Generalstreik in Merowetrinsk gratulieren . . .«

»Woher nehmen Sie? . . . Ich . . . mm--mmä . . . bin gesund . . .« Das Gesicht des Alten verzog sich in Falten. (Die Nachricht vom Generalstreik nahm er gleichgültig auf; er schien sich nicht mehr über etwas wundern zu können.) -- »Bitte nur einzutreten; so viel Staub, wissen Sie . . .«

»Staub?«

»Da hab' ich mit dem Lappen . . .«

Der Vizedirektor mit dem wallenden Backenbart verneigte sich ehrfurchtsvoll vor der gekrümmten Ruine und bemühte sich immerfort, auf das wichtige Papier zu kommen, das er im Salon auf ein Perlmuttertischchen vor sich hinlegte.

Doch Apollon Apollonowitsch unterbrach ihn wieder:

»Staub, wissen Sie, der enthält Mikroorganismen, die verschiedene Krankheiten hervorrufen. Ich habe ihn deswegen mit dem Staublappen . . .«

Plötzlich sprang die graue Ruine aus dem Empiresessel auf und stieß, sich mit der einen Hand auf die Lehne stützend, mit der anderen gegen das Papier.

»Was ist das?«

»Wie ich Ihnen, Exzellenz, soeben mitteilte . . .«

»Nein, gestatten Sie . . .« Apollon Apollonowitsch bückte sich rasch über das Papier: er wurde auf einmal jünger, sein Gesicht wurde weiß und rosig (rot konnte es nicht mehr werden).

»Warten Sie! . . . Aber sie sind dort alle verrückt geworden! . . . Man braucht meine Unterschrift? Neben dieser Unterschrift?!«

»Apollon Apollonowitsch! . . .«

»Ich gebe meine Unterschrift nicht.«

»Aber es ist eine Revolte!«

»Setzen Sie Iwantschenko ab . . .«

»Iwantschenko ist schon abgesetzt: haben Sie es vergessen?«

»Ich gebe meine Unterschrift nicht . . .«

Mit verjüngtem Gesicht latschte er in seinen Pantoffeln auf und ab durch den Salon, die Hände auf dem Rücken, mit unanständig geöffnetem Morgenrock, die Glatze tief nach vorn gebeugt; er näherte sich dem erstaunten Gast und begann auf ihn mit Speichel zu spritzen:

»Wie konnten die dort sich das nur denken? Etwas anderes ist eine -- feste administrative Gewalt, und wieder etwas anderes ist eine direkte Verletzung der gesetzlichen Regeln . . .«