Part 23
Unermeßlichkeiten
Wir verließen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als Alexander Iwanowitsch Dudkin, verwundert über den aus Ableuchows Lippen plötzlich hervorgebrochenen Redestrom, ihm die Hand drückte und in der schwarzen Kopfbedeckungsflut untergetaucht war, während Nikolai Apollonowitsch da wieder fühlte, daß er sich zu dehnen begann.
Wir verließen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als die peinliche Verkettung von Umständen sich unerwartet glücklich gelöst hatte.
Bis zu diesem Augenblick hatten sich vor ihm wie Felsenblöcke allerlei Visionen und gedankliche Ungetüme getürmt; ganze Gaurissankare von Geschehnissen drohten über ihn niederzustürzen, und das alles hatte sich im Laufe von vierundzwanzig Stunden vollzogen: das Warten im Sommergarten und die unruhigen Schreie der Krähen; die Verkleidung in rote Seide; der Ball, das heißt: die gestreiften, glöckchenbehängten Harlekine, die flammend roten Narren, der gelbbucklige Pierrot und der sinnlos betrunkene, den Mädchen Angst einflößende Bajazzo -- diese ganze Harlekinade, die wie ein Schreck durch die Säle dahingesaust war; die unbekannte himmelblaue Maske, die knicksend getanzt und ihm knicksend ein Zettelchen zugesteckt hatte; und dann -- dann seine schmachvolle Flucht aus dem Saal, fast bis zum Abort an den Zaun, wo ihn das kleine räudige Männchen abgefangen hatte; endlich Pépp, Péppowitsch, Pépp, das heißt, die Sardinenbüchse furchtbaren Inhalts, die . . . noch immer . . . tickte . . .
Die Sardinenbüchse furchtbaren Inhalts, geeignet, die ganze Umgebung in einen einzigen blutigen Schlamm zu verwandeln.
Wir verließen Nikolai Apollonowitsch bei dem Schaufenster eines Ladens; wir verließen ihn, weil zwischen uns und dem Senatorsohn Regentropfen niederzufallen begonnen hatten; ein rieselndes Regennetz hatte sich zu spinnen begonnen; hinter diesem Netz verloren alle schweren Gegenstände, die Häuserkanten und Vorsprünge, die Karyatiden, Portale, die Karniese der steinernen Balkons ihre deutlichen Konturen, verwischten sich allmählich und traten kaum, kaum hervor.
Man spannte Regenschirme auf.
Nikolai Apollonowitsch stand vor der Auslage und dachte daran, daß es keinen Namen für diese Gemeinheit gebe; einer Gemeinheit, die vierundzwanzig Stunden andauerte oder achtzigtausendsechshundert in der Tasche dahinhüpfende Sekunden: achtzigtausend Augenblicke bedeuten ebenso viele Punkte in der Zeitlichkeit; kaum war ein Augenblick eingetreten, als schon über ihn Sekunden, Augenblicke, Punkte, hüpfend, im Kreise verteilt, herannahten und sich langsam in eine dehnbare kosmische Kugel verwandelten; die Kugel zersprang immer wieder; der Fuß glitt in die kosmischen Leeren über: der durch die Zeit Wandernde fiel in unbekannte Tiefen, vielleicht in die kosmischen Räume, bis zu . . . einem neuen Augenblick; so waren vierundzwanzig Stunden dahingegangen, achtzigtausend in der Tasche hüpfende Sekunden; jede von ihnen verpuffte: der Fuß glitt in Unermeßlichkeiten hinüber.
Nein, es gibt keinen Namen für diese Gemeinheit, nein!
Es war besser, nicht zu denken; aber -- irgendwo dachte _es_; vielleicht kamen die Gedanken aus dem aufgequollenen Herzen; Gedanken, die nicht im Kopfe, wohl aber im Herzen hausten; das Herz dachte; das Hirn aber fühlte.
Ganz von selbst entstand vor ihm der scharfsinnige, bis in Einzelheiten ausgearbeitete Plan; ein für den Urheber verhältnismäßig ungefährlicher Plan, aber ein um so gemeinerer, ja gemeinerer!
Wer hat diesen Plan ausgeheckt? Hätte er, Nikolai Apollonowitsch, so etwas zustande gebracht?
Nämlich:
In all diesen Stunden hüpften vor seinen Augen, unabhängig von ihm selbst, nadelscharfe Gedankensplitter, die in allen möglichen Farben irisierten, wie Sternfunken und wie das lustige Klimbim des Weihnachtsbaumes schimmerten: unaufhörlich versanken, flogen sie durch die einzige vom Bewußtsein erleuchtete Stelle und versanken wieder: aus dem Dunkel ins Dunkle; bald wand sich vor ihm die Gestalt eines Clowns, bald galoppierte der zitronengelbe Narr Petruschka durch die erleuchtete Stelle des Bewußtseins dahin -- aus dem Dunkel in das Dunkle -- das Bewußtsein aber beschien unparteiisch alle sich überstürzenden Bilder; und wenn sie miteinander verschmolzen, verlieh ihnen das Bewußtsein einen erschütternden, unmenschlichen Sinn; Nikolai Apollonowitsch spuckte beinahe vor Ekel.
»Ideenarbeit?«
»Es war ja gar keine Ideenarbeit . . .«
»Es war nur feige Angst und tierische Empfindungen, das Bestreben, die eigene Haut zu retten . . .«
»Ja, ja, ja . . .«
»Ich bin ein vollendeter Schuft . . .«
Wir hatten schon gesehen, daß auch der verehrte Herr Vater seinerzeit zu genau demselben Schluß gekommen war.
* * *
Er war -- ein ausgemachter Schuft!
Nachdem er das begriffen, war sein erstes, auf die Wassiljewski-Insel zu eilen, in die 18. Linie; eine schäbige Droschke fuhr ihn dahin; mit keuchender, wuterfüllter Stimme flüsterte er hinter dem Rücken des Kutschers:
»Ha! . . . So etwas! . . . Heuchler . . . Lügner . . . Mörder . . . Einfach für die eigene Haut . . .«
Auf dieses laut empörte Flüstern wandte sich der Kutscher um und fragte etwas geärgert:
»Was ist?«
»Nichts . . . Gar nichts . . .«
Der Kutscher dachte:
»Ein sonderbarer Herr, wahrhaftig . . .«
Nikolai Apollonowitsch pflegte, wie Apollon Apollonowitsch, mit sich selbst zu reden.
Die Winde echoten:
»Vatermörder!«
»Lügner!«
Völlig außer sich sprang Nikolai Apollonowitsch aus der Droschke; an den Holzstapeln vorbei durchflog er den asphaltierten kleinen Hof und gelangte an die Hintertreppe, um über die Stufen hinaufzurennen . . . weswegen -- das wußte er allerdings nicht; wahrscheinlich aus Neugierde; um demjenigen in die Augen zu blicken, der die ganze Sache -- durch die Übergabe des Pakets -- verschuldet hatte.
Hier stieß er auf Alexander Iwanowitsch; alles andere wissen wir ja nun.
* * *
Es gibt keinen Namen für diese Schändlichkeit, nein!
Ja, -- doch sein Herz, von all dem Geschehenen erwärmt, begann langsam zu schmelzen; das eisigkalte Herzklümpchen wurde allmählich wieder ein Herz; erst hatte es sinnlos gepocht; jetzt pochte es mit bestimmtem Sinn; auch pochten in ihm die Gefühle; diese Gefühle erbebten ganz plötzlich in ihm; diese kleinen Erschütterungen erschütterten und verwandelten jetzt seine ganze Seele.
Soeben noch türmte sich jenes Ungeheuer von einem Hause als ein Massenhaufen steinerner Balkons über der Straße; wäre er über die gepflasterte Straße gelaufen, dann hätte er mit der Hand seine steinerne Ecke fassen können; aber es fing zu regnen an, und in dem Nebel begann diese steinerne Ecke zu schwimmen.
So schwamm jetzt auch alles andere.
Es begann zu rieseln, und das Ungeheuer aus ineinandergreifenden Steinen begann sich aufzulösen; nun erhebt es schon, aus dem Regen heraus -- in den Regen hinein, seine leichten Spitzenkonturen, seine kaum merklichen Linien: ein wahrhaftiges Rokoko: das Rokoko verschwindet dann in einem Nichts.
In nassem Glanz blinken die Fenster, die Vitrinen; aus den Dachrinnen schießt ein Wasserstrahl hervor; auf die bleichen Trottoirs fielen von oben dichte, lange Tropfen, die tödliche Trockenheit des Trottoirs nahm eine dunkelbraune Farbe an; ein vorbeisausendes Gummirad spritzte Kot nach beiden Seiten.
Und so ging es und ging es weiter . . .
Nikolai Apollonowitsch verschwand unter den aufgespannten Regenschirmen der Passanten: die Prospekte schwammen in Dunst; es war, als schöben sich die Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in irgendeinen anderen, unbekannten Raum; dumpf blinken von dort ihre Konturen herüber, der ineinander verworrenen Karyatiden, Spitzen, Mauern. Es schwindelte ihn: er lehnte sich gegen ein Schaufenster; etwas zersprang in ihm, flog auseinander; und -- vor ihm erstand ein Stück seiner Kindheit.
* * *
Er sieht seinen Kopf auf dem Schoß der Gouvernante, der alten Nokkert, ruhen; beim Lampenlicht liest die Alte:
»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind . . .«
Plötzlich heulte der Sturm hinter den Fenstern auf; sicher wird das Kind dort verfolgt; an der Wand zittert der Schatten der Gouvernante.
Und wieder . . .
Apollon Apollonowitsch -- klein, alt, grau -- lehrt Kolenka das französische Contre-Danse; gleitend bewegt er sich, zählt seine Schrittchen und schlägt mit den Handflächen den Takt; er schreitet bald rechts, bald links; er schreitet bald vorwärts, bald rückwärts; an Stelle der begleitenden Musik rezitiert er laut und schnell:
»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind . . .«
Dann richtet er seine haarlosen Augenbrauen auf Kolenka:
»Wie ist also, mein Lieber, die erste Figur der Quadrille?«
Alles andere war Nacht und Wind gewesen, denn die Verfolger hatten ihn eingeholt: hatten das Kind aus den Armen des Vaters gerissen:
»In seinen Armen das Kind war tot . . .«
Das ganze Leben nach jenem Augenblick erwies sich als ein Spiel der Nebel. Das Stück Kindheit verschwand.
* * *
In nassem Glanz blinkten die Fenster, die Vitrinen, die Wasserrinnen; die graubraune Nässe der Trottoirs glänzte; Gummiräder spritzten Kot auf alle Seiten. In der dunstigen Nässe verschwand Nikolai Apollonowitsch unter den aufgespannten Regenschirmen der Passanten; es war, als schöben sich die Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in einen anderen, unbekannten Raum; es blinkten von dort ihre Konturen herüber, die ineinander verwobenen Karyatiden, Spitzen, Mauern.
Die Kraniche
Nikolai Apollonowitsch wünschte sich in die Heimat zurück, in die Kindheit, denn auf einmal begriff er es: er war -- ein kleines Kind.
Er mußte _alles_, _alles_ von sich abstreifen, vergessen; er mußte alles, alles, wieder lernen, wie man es in der Kindheit einmal lernt; die alte vergessene Heimat -- jetzt hört er sie wieder. Und -- schon, schon hörte er überall die Stimme der traurigen, aber doch lieben Kindheit, die lange nicht mehr erklungene Stimme, die nun zu klingen begann.
Jener Stimme Laut?
Wie man in der Stadt den Schrei der Kraniche nicht hört, so hört man auch diese Stimme nicht: hoch oben schweben die Kraniche; in dem Gepolter der Stadt hören sie die Städter nicht; sie aber fliegen, fliegen, über die Stadt dahin -- die Kraniche! . . . An irgendeiner Stelle, vielleicht auf dem Newskij-Prospekt, bleibt im Lärm der dahinsausenden Droschken, unter dem Schrei der Zeitungsverkäufer, in vorabendlicher Stunde zur Frühlingszeit ein Mann wie angewurzelt auf dem Trottoir stehen, ein Bewohner der Felder, der zufällig in die Stadt gekommen war; er bleibt stehen -- neigt den struppigen Kopf mit dem bärtigen Gesicht auf die Seite und redet dich an:
»Tsss! . . .«
»Was ist's?«
Aber er, der Bewohner der Felder, der zufällig in die Stadt gekommen war, schüttelt zur Antwort den struppigen Kopf und lächelt schlau-schlau:
»Hören Sie nicht?«
»?«
»Horchen Sie doch! . . .«
»Aber was? Aber was denn?«
Er aber seufzt:
»Dort . . . rufen die . . . Kraniche . . .«
Du horchst auch hin.
Erst hörst du rein nichts; dann aber hörst du von oben, aus den Fernen: ein lieber, vergessener Laut -- ein besonderer Laut . . .
Dort schreien die Kraniche.
Ihr wendet beide die Köpfe nach oben. Ein dritter, ein vierter, ein fünfter wendet den Kopf nach oben.
Erst sind alle von den kosmischen Fernen geblendet; nichts außer Luft . . . Doch nein: es ist etwas da, außer der Luft . . . Durch das gänzlich leere Blau sieht man etwas ziehen, etwas immerhin Bekanntes: nach dem Norden . . . fliegen . . . die Kraniche . . .
Ein ganzer Ring von Neugierigen; alle Köpfe sind nach oben gewendet, das Trottoir ist von Menschen versperrt; langsam schiebt sich der Gorodowoi heran; und -- o nein, er bemeistert seine Neugierde nicht: bleibt stehen, wirft den Kopf nach oben; er schaut.
Ein Murmeln:
»Kraniche! . . .«
»Sie kehren wieder zurück . . .«
»Die Lieben . . .«
Über den verfluchten Petersburger Dächern, über dem Holzpflaster, über der Menge -- dieses Vorfrühlingsbild, diese bekannte Stimme! . . .
* * *
Ebenso -- die Stimme der Kindheit!
Man hört sie nicht; aber -- sie sind da; der Ruf der Kraniche über den Straßen von Petersburg: plötzlich hört man ihn einmal! Ebenso die Stimme der Kindheit.
So etwas wie diese Stimme vernahm auf einmal Nikolai Apollonowitsch.
Wie wenn ein trauriger Jemand, den Nikolai Apollonowitsch noch nie gesehen hatte, um seine Seele einen lichten, durchdringenden Kreis beschrieben hätte und dann in seine Seele eingedrungen wäre; durch die Seele drang das helle Licht seiner Augen hindurch. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen; es dehnte sich etwas in seiner Seele, was bis dahin ganz zusammengeschrumpft darin gelegen war; leicht floß dieses Etwas in die Unermeßlichkeit hinüber; ja, die Unermeßlichkeit war selbst da und sprach:
»Ihr verjagt mich alle! . . .«
»Was, was, was?« versuchte Nikolai Apollonowitsch zu horchen; die Unermeßlichkeit sprach unentwegt:
»Ich folge euch allen . . .«
So sprach sie.
Nikolai Apollonowitsch sah sich verwundert um, als erwarte er, den Sprecher vor sich zu erblicken; er erblickte aber etwas anderes, und zwar: eine schwimmende Masse von Hüten, Schnurrbärten, Kinnen; weiter zog sich nur einfach der Prospekt hin; und in ihm schwammen Blicke, wie alles jetzt schwamm.
Der neblige Prospekt erschien ihm auf einmal lieb und bekannt; ah -- ah -- ah! -- wie traurig war jetzt der Prospekt; und der Strom der Hüte mit den Gesichtern? Alle an ihm vorbeiziehenden Gesichter -- wie waren sie nachdenklich und unaussprechlich traurig.
Den aber, der gesprochen hatte, erblickte er nicht.
* * *
Aber wer ist denn dort? Dort, auf der anderen Seite? Neben jenem Riesenhause? -- unter den Steinmassen der Balkons?
Ja, dort steht jemand.
Genau so wie er selbst; auch vor dem Schaufenster eines Ladens; er steht unter dem aufgespannten Regenschirm, einfach so . . . Ja, einfach so: oder betrachtet er etwas? . . . Es scheint so -- sein Gesicht ist nicht zu sehen. Was ist daran Besonderes? Steht er doch, Nikolai Apollonowitsch, auf dieser Seite, einfach so, zu seinem eigenen Vergnügen . . . _Jener_ steht nun auch so: wie er, Nikolai Apollonowitsch, wie die anderen Passanten; er ist ja auch nur ein Passant; und er ist auch lieb und traurig (wie alle jetzt); er betrachtet etwas mit ganz unbefangener Miene: ich bin nichts weiter als ein einfacher Jemand, mit einem Schnurrbart! . . . Nein -- glattrasiert . . . Seine Gestalt in dem Wintermantel erinnert -- doch an wen? Winkt er nicht?
Einfach jemand mit einer Schirmmütze auf dem Kopf.
Wo war es doch nur früher schon einmal gewesen?
Sollte er nicht an ihn näher herankommen, an den lieben Eigentümer der Schirmmütze? Der Prospekt gehört ja der Allgemeinheit, wahrhaftig! Auf diesem öffentlichen Prospekt ist für jeden Platz . . . Er konnte einfach hingehen -- sich die Sachen dort im Schaufenster ansehen. Dazu ist jeder berechtigt.
Er konnte unbefangen neben dem anderen stehenbleiben, dann zufällig einen flüchtigen, wie zerstreuten, dabei aber aufmerksamen Blick werfen --
-- auf ihn!
Um sich zu vergewissern: wer er denn eigentlich sei?
Nein, nein, nein! . . . Um seine -- sicher erstarrten -- Finger zu berühren und zu weinen vor dummem Glücksgefühl! . . .
Sich aufs Trottoir platt hinstrecken!
»Ich bin -- krank, taub, belastet . . . Beruhige mich, Meister, beschütze mich . . .«
Und die Antwort zu bekommen:
»Steh auf . . . und . . .«
»Gehe . . .«
»Begehe keine Sünden . . .«
* * *
Nein, er wird keine Antwort bekommen.
Gewiß, er wird keine Antwort von dem Traurigen bekommen, denn es gibt jetzt noch keine Antwort: die Antwort wird später kommen -- in einer Stunde vielleicht, in einem Jahr, in fünf Jahren; vielleicht noch später -- in hundert, in tausend Jahren; aber eine Antwort wird kommen! Jetzt aber würde der Traurige und Schlanke, den er nie vorher im Traum gesehen, der ein Unbekannter, doch kein einfacher Unbekannter, sondern ein geheimnisvoller Unbekannter war -- jetzt würde dieser Traurige und Schlanke ihn nur ansehen und den Finger auf den Mund legen. Ohne sich umzusehen, ohne stehenzubleiben würde er weiter durch den Straßenschmutz gehen . . .
Und würde in dem Straßenschmutz verschwinden . . .
* * *
Aber ein Tag wird kommen.
Und all das wird sich in einem kurzen Augenblick ändern. Und alle unbekannten Passanten -- alle, die im Augenblick der tödlichen Gefahr aneinander vorbeigegangen waren (irgendwo in einem schmalen Gäßchen), alle, deren unaussprechliche Blicke von diesem kommenden Augenblick gesprochen hatten und die dann in der Unermeßlichkeit verschwunden waren -- alle, alle werden sie sich finden!
Die Freude dieser Begegnung wird ihnen niemand nehmen.
Ich gehe einfach so . . . und störe niemand
»Was ist das mit mir?« dachte Nikolai Apollonowitsch, »ich versank zu sehr unrechter Zeit in Träumereien.«
Es war keine Zeit zu verlieren . . . Die Zeit vergeht, inzwischen tickt die Sardinenbüchse noch immer. Das beste wäre: an den Schreibtisch zu gehen, das Ganze in ein Papier einschlagen, in die Tasche stecken und dann -- zur Newa . . .
Er wandte bereits die Augen von dem Riesenbau, vor dem unter den steinernen Balkons der Unbekannte mit aufgespanntem Regenschirm stand; wieder ergoß sich der dicke Körperbrei mit den vielen Füßen an ihm vorbei -- der Brei aus menschlichen Körpern, der hier immer floß, im Frühling, im Sommer, im Winter: der Brei aus immer gleichen Körpern.
Aber er hielt es nicht aus und sah wieder hin.
Der Unbekannte hatte sich nicht vom Platz gerührt; er wartete offenbar, ebenso wie Nikolai Apollonowitsch; wartete, bis der Regen aufhört; plötzlich rührte er sich, plötzlich schloß er sich dem Menschenstrom an; den Paaren und den Gruppen; er verschwand hinter einem blanken, lackierten Dreimaster; nur sein Regenschirm ragte hilflos hervor.
»Du solltest dich abwenden und weitergehen! Hol' ihn der Kuckuck, den Unbekannten, was geht er dich an?«
Kaum hatte er es gedacht, tauchte die Schirmmütze, die ihn so gefesselt hatte, hinter dem blanken Dreimaster und den sich rasch vorbeiziehenden Schultern wieder auf; in Gefahr, unter eine Droschke zu kommen, lief der Unbekannte quer über die Straße; komisch streckte er seinen Regenschirm vor, den der Wind ihm aus der Hand zu reißen drohte.
Wie sollte er sich jetzt abwenden? Wie jetzt fortgehen?
»Was will er?« dachte Nikolai Apollonowitsch und war, unerwartet für sich selbst, darüber verwundert.
»Ah, so sieht er also aus!«
In der Nähe verlor der Unbekannte sehr an Interesse; aus der Entfernung hatte er imposanter ausgesehen; geheimnisvoller, trauriger; seine Bewegungen waren langsamer.
»He! bitte: er sieht ja ganz idiotisch aus! Diese Mütze, nein diese Mütze! Wie er auf seinen Kranichbeinen dahintrippelt! Die Schöße des schäbigen Mäntelchens flattern hin und her, der Schirm mit Löchern, und die Gummischuhe sind viel zu groß . . .«
Nikolai Apollonowitsch empfand etwas wie Feindseligkeit gegen den Fremden; erst wollte er ihn vorbeilassen, dann änderte er seine Taktik und rührte sich nicht vom Platz, um dem anderen nicht etwa den Weg frei zu, machen; so stießen sie direkt aufeinander; Nikolai Apollonowitsch machte eine erstaunte Miene, der andere zeigte sich gleichgültig; sonderbar: die durchfrorene, große Hand (mit Gänsehaut bedeckt) berührte die Mütze; eine hölzerne, heisere Stimme hämmerte entschlossen:
»Ni--ko--lai A--pol--lo--no--witsch!! . . .«
Da erst merkte Nikolai Apollonowitsch, daß der Unbekannte, der ihn fast überrannt hatte (offensichtlich ein gewöhnlicher Kleinbürger), um den Hals einen Verband trug (wahrscheinlich eines, Furunkels wegen, die ja gewöhnlich dort ihren Sitz nehmen, wo sie am meisten störend empfunden werden: am Hals, am Schulterblatt oder an einer nicht näher zu bezeichnenden Stelle! . . .).
Doch seine Betrachtungen über die tückischen Eigenschaften der Furunkel wurden unterbrochen:
»Sie scheinen mich nicht zu erkennen!«
(Ei, ei!)
»Mit wem hab' ich die Ehre?« hatte schon Nikolai Apollonowitsch mit etwas beleidigter Miene begonnen, aber er sah aufmerksamer den Unbekannten an, riß dann plötzlich den Hut vom Kopfe und rief mit entstelltem Gesicht:
»Nein . . . Sind Sie es wirklich? . . .«
Gewiß, in dem zufälligen Passanten, der wie ein Bettler aussah, war nicht leicht Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin zu erkennen; denn erstens war jetzt Lichutin in Zivilkleidung, die ihm ungefähr so paßte wie der Kuh ein Sattel; und dann -- sieh mal einer her! -- war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin bartlos. Das war die Hauptsache: an Stelle des welligen runden Bartes trat ein unangebrachtes, ein wenig unsauberes Nichts hervor; und -- was ist nur mit dem Schnurrbart geworden? Diese haarlose Stelle zwischen Nase und Lippe war es eben, die das wohlbekannte Gesicht zu einem völlig fremden, zu einem unangenehmen Nichts machte.
Das Verschwinden des eigens Lichutin gehörenden Bartes, des eigens Lichutin gehörenden Schnurrbartes verlieh dem Leutnant den erschütternden Ausdruck eines Idioten:
»Nein, entweder versagen meine Augen . . . oder . . . Sie scheinen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«
»Ganz richtig: ich bin in Zivil . . .«
»Das mein' ich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Das nicht . . . Nicht das erstaunt mich . . . es ist aber immerhin etwas erstaunlich . . .«
»Was ist erstaunlich?«
»Sie haben sich ganz verwandelt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung . . .«
»Das sind Kleinigkeiten . . .«
»O, gewiß . . . Ich sage es nur so . . . Ich wollte nur sagen, daß Sie sich den Bart abgenommen haben . . .«
»Was ist dabei?« sagte etwas gereizt Lichutin, »Den Bart abgenommen! Warum auch nicht? . . . Ja, ich habe mir den Bart abgenommen . . . Diese Nacht habe ich nicht geschlafen . . . Warum dürfte ich mir da nicht den Bart wegrasieren? . . .«
In der Stimme des Leutnants Lichutin klang seltsamerweise eine gewisse Erbostheit, eine Rauheit, die mit dem bartlosen Gesicht wenig harmonierte.
»Ja, ich habe mich rasiert . . .«
»Natürlich, natürlich . . .«
»Hol's der Kuckuck!« regte sich noch immer Lichutin auf, »Ich quittiere eben den Dienst . . .«
»Warum quittieren Sie? . . . Wieso? . . .«
»Aus privaten Gründen, die nur mich allein angehen . . . Uns gehen diese Lappalien nichts an, Nikolai Apollonowitsch . . . Uns gehen unsere privaten Angelegenheiten nichts an . . .«
Hier rückte Leutnant Lichutin näher an Ableuchow heran.
»Übrigens gibt es Angelegenheiten, die . . .«
Mit dem Rücken die Vorübergehenden stoßend, begann Nikolai Apollonowitsch zurückzuweichen.
»Es gibt Angelegenheiten, Ssergeij Ssergeijewitsch, die . . .?«
»Angelegenheiten, die, mein Herr . . .«
In der heiseren Stimme des Leutnants merkte Nikolai Apollonowitsch deutlich unheimliche Noten; es schien ihm, als bemühte sich der Offizier, seine Hand zu erhaschen.
»Sie sind erkältet?« änderte Ableuchow brüsk das Thema und stieg vom Trottoir herunter; zur Erklärung seiner Worte berührte Ableuchow seinen eigenen Hals und deutete damit auf den Halsverband des Offiziers hin, auf eine mögliche Halsentzündung oder Grippe.
Ssergeij Ssergeijewitsch aber wurde rot, sprang schnell vom Trottoir herunter und bemühte sich um jeden Preis, an Ableuchow heranzukommen, um . . . um . . . um . . . Ein paar Passanten blieben stehen und sahen zu:
»Ni--ko--lai Apol--lono--witsch! . . .«
»?«
»Ich habe Sie wahrhaftig nicht deswegen eingeholt, damit Sie -- von dem Hals . . . und weiß der Teufel wovon reden . . .«
Es blieb ein dritter, dann ein fünfter, ein zehnter Passant stehen, wohl in der Meinung, daß ein Taschendieb gefangen wurde.
»Das gehört gar nicht zur Sache . . .«
Ableuchows Aufmerksamkeit war aufs äußerste geschärft, er dachte bei sich:
»So--so--so? . . . Was gehört denn eigentlich zur Sache?«
Lichutin ausweichend, befand er sich nun wieder auf dem Trottoir.
»Um was handelt es sich also?«
Wo war nur sein Gedächtnis?
Die Angelegenheit mit dem Offizier schien ernst zu werden. Ja: der Domino! Zum Teufel! Er hatte die Geschichte mit dem Domino gänzlich vergessen; jetzt erst fiel sie ihm wieder ein.
»Es gibt was, es gibt was . . .«