Petersburg

Part 22

Chapter 223,462 wordsPublic domain

Alexander Iwanowitsch fiel das höchst befremdende Benehmen seines Gastes auf, dessen Stimme sich plötzlich in höchst unpassender Weise von ihm gelöst hatte; und überhaupt verwandelte sich der unbeweglich auf dem Fensterbrett sitzende Gast (oder betrogen ihn etwa seine Augen?) ganz deutlich in einen Rußfleck auf der mondbelichteten Fensterscheibe, während seine Stimme, immer lauter werdend, den krächzenden Ton eines Grammophons annahm, der Alexander Iwanowitsch unmittelbar ins Ohr hineintrommelte.

»Der Petersburger Schatten aber ist nicht einmal ein Papua; die Biologie der Schatten ist noch nicht erforscht. Sie werden sich nie mit dem Schatten verständigen können, seine Forderungen nie verstehen lernen; sobald Sie Petersburger Boden betreten, schlüpft der Schatten in Sie zugleich mit allen möglichen Krankheitsbazillen hinein, die Sie mit dem Wasser aus den Leitungen hinunterschlucken . . .«

* * *

Vom Mond beschienen und mit phosphoreszierenden Flecken überdeckt, saß er auf seinem schmutzigen Lager und ruhte von den Angstanfällen aus; da, hier war sein Gast gesessen: der war jetzt nicht mehr da. Diese Angstanfälle! Drei-, vier-, fünfmal während einer Nacht; den Halluzinationen folgten klare Augenblicke.

Jetzt war sein Bewußtsein klarer wie der Mond dort hoch vor den seitwärts dahinziehenden Wolken; und wie der Mond schien das Bewußtsein hell und belichtete die Seele, wie der Mond die labyrinthartigen Straßenprospekte. Weit nach hinten und nach vorn belichtete das Bewußtsein die kosmischen Zeiten und die kosmischen Fernen.

In jenen Fernen gab es nichts: keine Menschen, keine Schatten.

Und -- leer waren die Fernen.

In seinen vier einander perpendikulären Wänden kam er sich selbst wie ein in den kosmischen Räumen eingeschlossener Gefangener vor; ein Gefangener, der -- freier ist als alle anderen Menschen, für den der winzige Raum zwischen den vier schmalen Wänden dem ganzen Raum des Alls gleicht.

Einsam ist der Raum des Alls! Sein leeres Zimmer! . . . Das All ist der letzte Besitz an Reichtümern . . . Das eintönige All! . . . Eintönig war sein Zimmer schon immer gewesen . . . Die Wohnung eines Bettlers muß aber prunkvoll erscheinen im Vergleich mit der Leere des Raumes im All.

* * *

Die Befreiung von den Dämmerzuständen wie eine Erholung empfindend, träumte sich Alexander Iwanowitsch hoch über alles Sinnliche der Welt hinweg.

Eine höhnische Stimme sprach:

»Der Schnaps!«

»Das Rauchen!?«

»Die wollüstigen Gefühle?«

Befand er sich auch wirklich so hoch über allem Sinnlichen der Welt?

Er senkte den Kopf: davon kommt alles: die Krankheit, die Angstzustände, die Schicksalsschläge -- von den schlaflosen Nächten, vom Rauchen, vom Trinken.

Der Schnaps!

Plötzlich fühlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken Backzahn; er drückte die Hand auf die Wange.

Seine Irrsinnsanfälle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner erkrankten Sinnesorgane an das bewußte Ich; nicht der persische Untertan Schischnarfijew verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane verfolgten sein _Ich_; und indem sich dieses _Ich_ vor ihnen zu retten sucht, wird es zum _Nicht-Ich_, denn nur durch die Sinnesorgane kommt das _Ich_ wiederum zu sich zurück; der Alkohol, der Tabak und die schlaflosen Nächte untergruben seinen schwachen Körper; unser körperlicher Organismus aber ist eng mit dem Raum verbunden; während der Organismus zu zerfallen begann, bildeten sich auch Lücken im Raum; in die Spalten der Sinnesorgane drangen Bazillen ein; das Räumliche aber, das immer den Körper umschließt -- füllte sich mit Visionen . . . Zum Beispiel: Wer ist Schischnarfijew? Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist eine Folgeerscheinung des Alkohols; Schischnarfijew ist also nichts anderes als ein Stadium der Alkoholvergiftung.

»Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann würden deine Sinnesorgane wieder ihren Dienst tun!«

Er fuhr zusammen.

Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es übersehen, daß er jemand verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an etwas geglaubt: das war Verrat. Ein noch größerer Verräter ist Lipantschenko selbst; daß Lipantschenko sie alle verriet, hatte er eigentlich schon immer gewußt, und doch verbarg er vor sich selbst dieses Wissen (Lipantschenko übte eine besondere Macht über seine Seele aus): darin lag die Wurzel seiner Krankheit: im furchtbaren Wissen, daß Lipantschenko ein Verräter ist; das Trinken, Rauchen, das ausschweifende Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen waren die letzten Glieder der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt. Warum tat es dieser? Weil Lipantschenko wußte, daß ihm sein Verrat bekannt ist; nur weil Lipantschenko weiß, läßt er ihn auch jetzt nicht los.

Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte, abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, daß in ihm, Dudkin, Mißtrauen erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mißtrauen einzudämmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher hatte er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik gegossen, dieser aber in ihn den Alkohol.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer des Lipantschenko; der freche Zyniker und Schuft hatte es auch da verstanden, ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten Hals des Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn gleichsam frech verhöhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse fühlend, sich umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der Lipantschenko alles gesagt hatte.

Damals hatte er mit seiner Einschüchterungspolitik begonnen: er hatte ihn überfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tödlich verletzenden Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromiß vorgeschlagen: so zu tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte.

Und Dudkin hat es geglaubt!

Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fäuste; das war nun Tatsache, das ist nun geschehen.

Hier lag der Grund seines Alpdruckes.

* * *

Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Lipantschenko; der Eindruck war wahrlich kein angenehmer gewesen; Lipantschenko hatte entschieden etwas zuviel Interesse für die Schwächen seiner Mitmenschen gezeigt. Dieser plumpe Körper, diese stumpfsinnig zwinkernden Äuglein konnten wohl einem Provokateur höheren Genres angehören, nicht aber . . .

Ein solcher konnte schon manchmal auch ganz einfältig erscheinen.

»Gewürm . . . O, du Gewürm!«

Je mehr er sich in Lipantschenko vertiefte, in die Betrachtung seiner Körperteile, seiner Manieren, Gepflogenheiten, um so deutlicher sah er vor sich: nicht einen Menschen, sondern -- eine Tarantel.

Und etwas Stählernes drang ihm in die Seele:

»Ja, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.«

Ein Gedanke erleuchtete ihn: alles wird so einfach enden; daß es ihm nicht schon früher eingefallen war! Nun ist es ihm klar, welche Mission er zu erfüllen hat.

Alexander Iwanowitsch lachte hell auf:

»Dieser Wurm glaubte mich hintergehen zu können.«

Da fühlte er wieder einen starken Stich im Zahn: aus seinen Träumereien gerissen, griff er sich an die Backe; sein Zimmer, der kosmische Raum -- verwandelte sich wieder in eine armselige Dachkammer; das Bewußtsein begann zu erlöschen (wie das Mondlicht in den Wolken); er wurde vom Fieber geschüttelt; seine Augenblicke füllten sich langsam mit Ängsten und Bangigkeit; er rauchte eine Zigarette nach der anderen, rauchte sie ganz bis zum äußersten Rand herunter . . .

Plötzlich aber . . .

Der Gast

Alexander Iwanowitsch Dudkin vernahm einen seltsamen knallenden Laut; der knallende Laut kam von unten; dann wiederholte er sich (begann er sich zu wiederholen) auf der Treppe: ein Schlag folgte dem anderen, mit Pausen dazwischen. Wie wenn jemand mit aller Wucht ein riesengroßes, zentnerschweres Metallstück auf Stein warf; und diese auf Stein niederfallenden Metallschläge stiegen immer höher, kamen immer näher. Alexander Iwanowitsch begriff nun, daß ein Übeltäter die Treppenstufen zerschlug. Er horchte, ob nicht aus irgendeiner Tür jemand herauskam, um den nächtlichen Ruhestörer dingfest zu machen. Ist es aber auch wirklich bloß ein nächtlicher Übeltäter?

Die Schläge auf der Treppe folgten einander; eine Steinstufe nach der anderen wurde zermalmt; und die Steine flogen unter den wuchtigen Schritten nach unten; dieses metallene, dröhnende Etwas näherte sich hartnäckig dem dunkelgelben Dachzimmer; mit betäubendem Gepolter rollten jetzt vielhundertzentnerschwere Steinmassen über die Stufen: zertrümmert sind sie; und -- mit furchtbarem Knall löste sich auf einmal der Steinboden vor der Tür:

Die Tür spaltete sich mit donnerndem Krachen und flog aus den Angeln; aus der gähnenden Öffnung ergossen sich melancholische Düsterkeiten wie rauchige, tiefgrüne Wolkenknäule in die Kammer; von dem Stiegenraum her floß Mondferne herein, und die Dachkammer schloß sich an die Unermeßlichkeit an; mitten aber an der Türschwelle, zwischen den zerrissenen Wänden, durch die die grünliche Unermeßlichkeit hereinsickerte, stand plötzlich, den gekrönten, grünumwobenen Kopf tief gesenkt, den schweren, grünumsponnenen Arm vorgestreckt, eine mächtige, phosphorleuchtende Gestalt.

Das war -- der kupferne Gast.

Der metallene, matt schimmernde Mantel glitt schwer von den metallisch blinkenden Schultern über den geringelten Panzer; die aus Eisen gegossenen Lippen bebten zweideutig, denn nun wiederholte sich das vergangene Jahrhundert; jetzt, im selben Augenblick, in dem hinter der armseligen Kammer die Wände des alten Gebäudes in die grünliche Unermeßlichkeit stürzten; und ebenso klaffte seine eigene Vergangenheit vor Alexander Iwanowitsch auf; er rief:

»Jetzt erinnere ich mich . . . Ich habe dich erwartet . . .«

Der Riese mit dem kupfernen Kopf war im Fluge durch alle Zeitepochen gezogen und schloß so den eisernen Ring bis zu diesem Augenblick ab; Vierteljahrhunderte zogen dahin; Nikolai stieg auf den Thron; die verschiedenen Alexander stiegen auf den Thron; Alexander Iwanowitsch aber, der Schatten, hatte sich vergeblich bemüht, den Ring zu überwinden: alle Zeitepochen zu durchlaufen, indem er die einzelnen Tage, Jahre, Minuten durchlief, indem er die feuchten Petersburger Prospekte durchwanderte -- träumend, wachend, sich in Sehnsucht verzehrend . . . Und hinter ihm her, hinter allen anderen her klirrte das Metall, das die Existenzen zerschlug; krachten die metallenen Schläge -- in leeren Fluten, in Dörfern, in den Städten; donnerten unter den Haustoren, auf den öffentlichen Plätzen, auf den Stufen der nächtlichen Haustreppen.

Es donnerten -- die Zeitepochen; ich habe dieses Donnern gehört. Und du -- hast auch du sie gehört?

Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist -- ein Schlag auf Stein; Petersburg ist -- ein Schlag auf Stein; die Karyatide dort vor dem Portal, die sich bald lösen will -- ist wiederum derselbe Schlag auf Stein; unvermeidlich ist die Verfolgung; und unvermeidlich sind -- die Schläge; du kannst dich in deiner Dachkammer nicht verbergen; die Dachkammer ist Lipantschenkos Werk; die Dachkammer ist eine Falle; einrennen mußt du sie, einrennen . . . durch Schläge auf Lipantschenko!

Dann wird sich alles wenden; unter den Metallschlägen, die den Stein zerbröckeln, muß Lipantschenko in Stücke zerfallen; dann zerfällt auch die Dachkammer und zerfällt auch Petersburg selbst; die Karyatide wird zu Staub werden, und der nackte Schädel Ableuchows wird durch die Schläge, die Lipantschenko treffen, tödlich getroffen.

Alles, alles erhellte sich jetzt für ihn, als nach zehn Jahrzehnten der kupferne Gast bei ihm erschien und mit laut tönender Stimme sagte:

»Ich grüße dich, mein Sohn!«

Drei Schritte nur: ein dreimaliges Knattern der Bretter unter den Füßen des riesigen Gastes; mit seinem metallenen Hintern schlug der aus Metall gegossene Kaiser laut klirrend auf den Stuhl auf; der grünumsponnene Ellbogen, mit tönenden, glockenähnlichen Lauten sich vom Mantel befreiend, fiel mit seiner ganzen kupfernen Schwere auf das billige Tischchen; und mit langsamer, zerstreuter Bewegung griff der Kaiser vom Kopfe die kupfernen Lorbeeren; klirrend fiel der kupferne Lorbeerkranz vom Haupt.

Klirrend und prasselnd zog die tausendzentnerschwere Hand die rotglühende Pfeife hervor; und zwinkernd sprach er:

»Petro Primo Catherina Secunca . . .«

Er schob die Pfeife zwischen die starken Lippen, und der grüne Rauch des geschmolzenen Kupfers stieg in den Mondschein auf.

Da erst begriff Alexander Iwanowitsch, daß er umsonst durch all die Jahrzehnte gelaufen; daß die Schläge hinter ihm ohne jeden Zorn gedonnert haben; jene Schläge in den Städten, Dörfern, unter den Toren, auf den Treppen; er war ein seit Ewigkeit Begnadigter; und alles Gewesene -- ebenso wie das Kommende -- war nur ein visionäres Durchwandern, bis zum Trompetenruf der Erzengel.

Und -- er sank zu den Füßen des Gekommenen:

»Meister!«

In den kupfernen Gesichtsfalten des Gastes leuchtete kupferne Melancholie; gutmütig legte sich auf seine Schulter die steinzermalmende Hand, und weißglühend brach sie ihm das Schlüsselbein.

»Macht nichts: sterbe nur, dulde . . .«

Der metallene Gast, in tausendgradiger Hitze, im Mond glühend, saß jetzt sengend vor ihm; ganz durchglüht, blendend weiß geworden, floß er über den gebeugten Alexander Iwanowitsch wie ein geschmolzener Eisenstrom; in vollständigem Wahn wand sich Alexander Iwanowitsch in der tausendzentnerschweren Umarmung: der kupferne Reiter ergoß sich mit seinem Metall in seine Adern.

Die Schere

»Herr, schlafen Sie?«

In seiner bleiernen Bewußtlosigkeit fühlte Alexander Iwanowitsch dumpf, daß ihn wer rüttelte.

»Herr, he? . . . Herr!«

Endlich schlug er die Augen auf und versetzte sich in den düsteren Tag.

»Aber Herr! . . .«

Der Kopf neigte sich.

»Was ist los?«

Alexander Iwanowitsch merkte erst da, daß er auf der Pritsche lag.

»Die Polizei?!«

Vor seinem Blick erhob sich ein Zipfel des heißen Kissens.

»Welche Polizei denn . . .?«

Ein dunkelroter Fleck kroch auf dem Kissen dahin -- brr: in seinem Bewußtsein blitzte es auf:

»Eine Wanze . . .«

Er wollte sich auf den Ellbogen stützen und sich erheben, verfiel aber wieder in Bewußtlosigkeit . . .

»Herrgott, aber kommen Sie doch zu sich . . .«

Alexander Iwanowitsch stützte sich endlich auf den Ellbogen.

»Bist du es, Stjopka?«

Er erblickte ein aufsteigendes Dampfwölkchen; ein Dampfwölkchen aus einer Teekanne; auf dem Tische sah er auch die Kanne und eine Tasse.

»Ah, das ist schön, Tee.«

»Was schön! Sie fiebern ja ganz, Herr . . .«

Mit Verwunderung sah Alexander Iwanowitsch, daß er angekleidet war; er war ja sogar im Mantel dagelegen.

»Wieso bist du hier?«

»Ich bin zu Ihnen raufgekommen; es wird auf sehr vielen Fabriken gestreikt; die Polizei überall, massenhaft. . . . Ich kam zu Ihnen rauf, hab' das Gebetbuch mitgebracht.«

»Das Gebetbuch war aber schon bei mir.«

»Aber wo, Herr, das hat Ihnen nur geträumt . . .«

»Warst du nicht gestern hier gewesen?«

»Nein, Herr, Sie haben mich schon zwei Tage nicht gesehen.«

»Ich glaubte aber . . . Mir schien eben . . .«

Was schien ihm?

»Ich kam heute zu Ihnen rauf und sah Sie liegen; Sie stöhnten, fieberten ganz, wie im Feuer lagen Sie da.«

»Ich bin aber gesund, Stjopka.«

»Aber wo denn, gesund! . . . Ich hab' da für Sie einen Tee gemacht; hier ist auch Brot, ganz frisches; trinken Sie, vielleicht wird's doch besser. Ja! So dazuliegen -- das ist doch nichts . . .«

(Er erinnerte sich: In der Nacht war durch seine Adern eine kochende Metallbrühe geflossen.)

»Ja, ja, mein Lieber, in der Nacht habe ich ein ganz anständiges Fieber gehabt . . .«

»Das glaub' ich schon . . .«

»Ein Fieber von hundert Grad.«

»Sie werden einmal im Alkohol zu Tode gesotten . . .«

»In der eigenen Brühe? Ha--ha--ha . . .«

»Was meinen Sie? Man erzählt: es hat einmal einen alkoholischen Menschen gegeben, dem sind aus dem Mund weiße Dampfwolken aufgestiegen . . . und er war dann totgesotten . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte ein böses, wehes Lächeln.

»Sie haben sich schon den Teufel auf den Hals getrunken . . .«

»Die Teufel waren schon da, das ist wahr . . . Deswegen habe ich dich auch um das Gebetbuch gebeten: ich will sie verjagen.«

»Sie werden sich auch noch die grüne Schlange auf den Hals trinken . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte wieder schief:

»Ganz Rußland aber auch, mein Lieber . . .«

»Waas? . . . Trinkt sich die grüne Schlange . . .?«

Er dachte aber gleich:

»Solltest doch lieber deine Zunge hüten . . .«

»Das ist nicht wahr: Rußland steht unter Jesu Christi Schutz . . .«

»Du quatschst . . .«

»Sie quatschen selbst: Sie werden schon sehen . . . wenn Sie noch weitertrinken, dann werden Sie einmal von _ihr_, von _ihr_ selbst geholt . . .«

Alexander Iwanowitsch schrak heftig zusammen.

»Von wem?«

»Von . . . von . . . der _weißen Frau_.«

Daß das Delirium tremens, das Stjopka mit der »weißen Frau« meinte, auf den Fersen war -- daran war nicht zu zweifeln.

»Ach, weißt du: wenn du doch in die Apotheke laufen . . . und mir ein Chininpulverchen kaufen möchtest . . .«

»Das kann ich schon tun . . .«

»Aber nicht vergessen: salzsaures, kein schwefelsaures. Schwefelsaures Chinin ist nur Verschwendung und hilft weiß Gott nichts . . .«

»Ach, Herr, am Chinin liegt es nicht . . .«

»Fort mit dir! . . .«

Stepan lief zur Tür und Alexander Iwanowitsch ihm nach.

»Vergiß auch nicht, Stjopuschka, mir bei dieser Gelegenheit auch etwas Himbeersaft zum Tee zu kaufen.«

Er dachte:

»Himbeer ist ein gutes, schweißtreibendes Mittel.«

Mit raschen, fließenden Bewegungen trat er an die Wasserleitung; kaum hatte er sich aber aus dem Hahn gewaschen, als in ihm wieder alles aufflammte, die Grenze zwischen Delirium und Wirklichkeit verwischend.

Während er mit Stjopka gesprochen hatte, schien es ihm immerfort, hinter der Tür lauere etwas: etwas ihm seit Ewigkeiten Bekanntes. Dort, hinter der Tür? Und er lief hinaus; aber hinter der Tür sah er nur das Treppenhaus sowie das Treppengeländer, das über dem Abgrund hing. Hier blieb Alexander Iwanowitsch angelehnt stehen; er schnalzte mit der vollständig ausgetrockneten Zunge, zitternd vor innerer Kälte. Ein Geschmacksgefühl reizte ihn, ein Kupfergeschmack; im Mund und auf der Zungenspitze.

»Wahrscheinlich wartet es unten im Hofe . . .«

Im Hof war aber niemand, nichts. --

Vergeblich suchte er überall, in allen versteckten Ecken, in den Durchgängen (zwischen den Holzstapeln); silbern schimmerte der Asphalt; silbern schimmerten die Ahornblätter; nichts, niemand, nichts . . .

»Wo ist _es_ also?«

Stjopka lief mit den gekauften Sachen vorbei; nun schlüpfte er rasch, um von Stjopka nicht gesehen zu werden, hinter einen Holzstoß; plötzlich wurde er von einem Gedanken erleuchtet:

»_Es_ ist in einem metallenen Ort . . .«

Was das für ein Ort war und warum ein metallener? Darauf gab ihm sein im Wirbel sich kreisendes Bewußtsein keine erklärende Antwort. Umsonst strengte er seine Gehirnzellen an: nichts deutete auf das in ihm früher gewesene Bewußtsein; eines blieb in der Erinnerung haften: es hat sich hier ein anderes Bewußtsein befunden; dieses andere Bewußtsein hatte sehr klare Bilder vor ihm entstehen lassen; in jener Welt, die keinesfalls unserer ähnlich war, befindet sich . . . _es_ . . .

Und . . . _es_ wird wieder erscheinen.

Mit dem Erwachen verwandelt sich jedes andere Bewußtsein in einen unrealen, mathematischen Punkt; am Tage also, im Wachsein, schrumpft _es_ zu einem Bruchteil eines mathematischen Punktes zusammen; ein Punkt hat aber keine Teile; also kann _es_ nicht gewesen sein.

Es blieb nur die Erinnerung an eine Erinnerungslosigkeit und an ein Etwas, das einer Ausführung harrte, das kein Verschieben duldete; doch -- was war es?

Eine Erinnerung an einen _metallenen Ort_ . . .

Eine Erleuchtung kam über ihn: mit federnden, leichten Schritten eilte er zu einer Straßenecke, wo sich zwei Straßen kreuzten; an dieser Straßenecke (das wußte er) war ein Geschäft, dessen Fenster ein Glanzflimmern verbreiteten . . . Wo war aber das Geschäft, und -- wo war diese Straßenecke?

Dort glänzten Gegenstände.

»Gibt es dort Metalle?«

Diese sonderbare Passion!

Woher auf einmal diese sonderbare Passion bei Alexander Iwanowitsch? Wirklich: an der Ecke glänzten Metalle: es war ein kleiner Laden, in dem alle möglichen, billigen Metallgegenstände: Scheren, Messer, Gabeln, verkauft wurden.

Er trat in das Geschäft ein.

Eine verschlafene Gestalt (wahrscheinlich der Eigentümer all dieser Sägen, Messer, Bohrer) erhob sich hinter der Kasse und trat vor den Verkaufstisch, auf dem verschiedene Stahlgegenstände glänzten; der schmalstirnige Kopf fiel eigentümlich schwer gegen die Brust; hinter der Brille verbargen sich kleine, rötlichgraue Äuglein:

»Ich möchte, ich möchte . . .«

Da er nicht wußte, was er wollte, berührte er mit der Hand eine Säge; die gab einen klirrenden Laut von sich: »wss--wss--wss«. Der Ladeninhaber blickte mit seinen tief in den Höhlen sitzenden Augen den Käufer an: Alexander Iwanowitsch ist ja ganz unerwartet für sich selbst auf die Straße gelangt; so wie er auf seiner Pritsche im Mantel gelegen war, kam er in das Geschäft; der Mantel war zerdrückt und mit Schmutz bedeckt; vor allem aber: er hatte keinen Hut auf dem Kopf: das Gesicht mit überhängenden, wirren Haaren konnte jeden erschrecken.

Deswegen sah ihn der Ladeninhaber mißtrauisch, mit gefalteter Stirn an; mit unüberwindlichem Ekel in den ungemütlichen, von Natur aus schwer gebauten Gesichtszügen starrte er unverwandt Dudkin an.

»Wünschen Sie eine Säge?«

Die scharf prüfenden Äuglein aber sprachen wütend:

»So--o--o! . . . Ein wahnsinnig gewordener Trunkenbold!«

So schien es ihm.

»Nein, keine Säge; mit einer Säge, wissen Sie, geht es nicht. Ich brauche ein finnisches Messer, ein geschliffenes.«

Doch der Ladeninhaber erwiderte grob:

»Verzeihen Sie: wir haben keine finnischen Messer.«

Die bohrenden Augen sagten gleichsam:

»Wenn du ein Messer in die Hand bekommst . . . dann geschieht manches Unheil . . .«

Wenn sich die Lider gehoben hätten, dann wären die scharf bohrenden Äuglein zu einfachen Augen geworden; aber eine Ähnlichkeit überraschte Dudkin; eine Ähnlichkeit -- denken Sie, mit wem? Mit Lipantschenko. Jetzt drehte ihm die Gestalt den Rücken zu und warf ihm einen Blick zu, der selbst einen Ochsen zu Boden gestreckt hätte.

»Es ist ganz gleich: geben Sie mir eine Schere . . .«

Bei sich aber dachte Dudkin: Woher diese Wut in ihm? Woher diese Ähnlichkeit mit Lipantschenko? Aber gleich darauf beruhigte er sich selbst: Ach wo! Ist da überhaupt eine Ähnlichkeit?

Lipantschenko trägt keinen Bart, und dieser dicke Kerl hat einen runden Vollbart.

Aber bei dem Gedanken an Lipantschenko fiel ihm plötzlich alles ein: alles -- alles -- alles! Jetzt wußte er ganz klar, warum er auf den Gedanken verfallen war, in dieses Geschäft zu gehen. Jetzt wußte er, was er vorhatte.

Vor der Schere stehend, begann er zu zittern:

»Sie brauchen nicht einzuschlagen -- nein, nein . . . Ich wohne ganz in der Nähe . . . Ich kann es so tragen, es geht auch so . . .«

Mit diesen Worten nahm er die kleine Schere, die von eleganten Leuten zum Nägelschneiden gebraucht wird, und steckte sie in die Tasche; dann lief er aus dem Laden.

Mißtrauisch, verwundert und erschreckt blickte ihm der quadratförmige, schmalstirnige Kopf mit dem vorstehenden Stirnknochen nach; der vorstehende Stirnknochen ging im hartnäckigen Wunsch auf, das Vorgefallene zu verstehen; es um jeden Preis zu verstehen, koste es, was es wolle; zu verstehen -- oder in Stücke zu zerfallen.

Doch der Stirnknochen vermochte es nicht zu verstehen; er war ja ein so armseliger Stirnknochen: schmal, mit Querfalten; es war -- als weinte er.

* * *