Part 21
Je mehr er sich selbst zu überzeugen suchte, daß an der Zerstörung der Organisation in T. T. Ableuchow beteiligt war, um so mehr wich das bedrückende Gefühl, das ihn während des Gesprächs mit der Persönlichkeit befallen hatte; eine gewisse Leichtigkeit und Sorglosigkeit rann in seine Seele. Alexander Iwanowitsch hatte seit jeher den Senator besonders gehaßt. Er empfand Apollon Apollonowitsch gegenüber einen Ekel, einen förmlichen Ekel, wie ihn die Menschen vor der Tarantel empfinden; Nikolai Apollonowitsch aber hatte er zuweilen direkt geliebt; jetzt hatten sich für ihn der Senator und der Senatorsohn zu einem gemeinsamen Etwas verschmolzen, das in ihm nicht nur Ekel auslöste, sondern auch den Wunsch hervorrief, diese Tarantelbrut auszurotten, zu vernichten.
»O, ihr Gewürm! . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . O, ihr Gewürm . . .«
Selbst die Tausendfüßler sind besser, selbst die gelbbraune Tapete, selbst die Persönlichkeit; in der Persönlichkeit ist wenigstens Größe des Hasses vorhanden; mit der Persönlichkeit kann man sich wenigstens in dem Wunsch, zu zerstören, zu vernichten, eins fühlen.
»O, ihr Gewürm! . . .«
Aus dem Zimmer nebenan lockte bereits der gastfreundlich gedeckte Tisch; allerlei Schmackhaftigkeiten waren auf dem Tisch aufgestellt: Wurst, Aal und kalter Kalbsbraten; man hörte die etwas ermüdete Stimme der Persönlichkeit und die des Schischnarfijew, der sich verabschiedete; endlich war er fortgegangen.
Gleich darauf trat die Persönlichkeit in das Arbeitszimmer, trat zu Alexander Iwanowitsch und legte ihm die schwere Hand auf die Schulter:
»So ist es! . . . Es ist besser, wir streiten uns nicht, Alexander Iwanowitsch: Wenn die, die zueinander gehören, sich herumstreiten, . . . was soll dann überhaupt werden? . . .«
* * *
»Nun, kommen Sie zu Tisch! . . . Essen Sie mit uns zu Abend . . . Aber um eins bitte ich: beim Essen kein Wort von alldem . . . Das ist ja alles ziemlich traurig . . . Und Soja Sacharowna braucht davon nichts zu wissen: sie ist auch so schon von alldem müde . . . Ich selbst bin auch schon ordentlich ermüdet . . . Alle sind wir müde . . . Das machen eben die Nerven . . . Wir sind eben beide nervöse Menschen . . . Also zu Tisch . . . kommen Sie . . .«
Gastfreundlich lockte der schimmernde Tisch.
Wieder war er da, der Traurige und Schlanke
Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch.
Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch vor dem Tor seines düsteren Hauses; der Hausmeister öffnete ihm nicht; hinter dem Tor antwortete auf das Läuten nur Hundegebell; ein Hahn in der Ferne verkündete durch seine krähende Stimme die Mitternacht; und -- schwieg dann; die 18. Linie schlängelte sich hin, in die Tiefe, ins Leere.
Überall war Leere.
Alexander Iwanowitsch empfand eigentlich etwas wie Freude: in der Tat, es verschob sich in dieser Weise sein Eintreten in die düsteren Räume zwischen den Wänden; hinter diesen Wänden hört man die ganze Nacht Geräusche, Knacken und Quieken. Und was die Hauptsache war: er mußte, ehe er diesen Raum betrat, im Dunkeln achtmal zwölf kalte Stufen überwinden; er zählte immer erst zwölf, dann machte er eine drehende Bewegung und zählte wieder ebenso viele.
Das machte er viermal hintereinander.
Zusammen also -- sechsundneunzig lauttönende, steinerne Stufen; dann blieb er vor einer filzbeschlagenen Tür stehen; voll Angst mußte er den halbverrosteten Schlüssel ins Loch stecken; ein Streichholz anzuzünden war gefährlich: es konnte plötzlich die unglaublichsten Dinge beleuchten, wie zum Beispiel eine Maus oder noch was anderes . . .
So dachte Alexander Iwanowitsch.
Deswegen verweilte er gern vor dem Tor seines Hauses.
Nun aber . . . --
-- Jemand, ein Trauriger und Schlanker, den Alexander Iwanowitsch oft schon an der Newa gesehen hatte, zeigte sich in der Tiefe der 18. Linie. Diesmal trat er leise in den hellen Lichtkreis einer Laterne; es war aber, als ergoß sich wehmütig helles, goldenes Licht aus seinem Antlitz, von seinen knochigen Fingern . . . -- So ist auch heute der unbekannte Freund erschienen.
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß dieser liebe Bewohner der 18. Linie einmal von einer alten Frau mit haubenförmigem Strohhut mit lila Bändern angerufen worden war.
Sie hatte ihn da Mischa genannt.
Alexander Iwanowitsch war jedesmal zusammengefahren, wenn der Schlanke und Traurige im Vorbeigehen ihm seinen unaussprechlichen, allsehenden Blick zugewandt; dabei hatten seine eingefallenen Wangen weiß geschimmert. Nach solchen Begegnungen an der Newa war es Alexander Iwanowitsch immer, als hörte und hörte er nichts, als sehe und sehe er nichts.
»Wenn er doch stehengeblieben wäre! . . .«
»O, wenn er doch! . . .«
»O, wenn er ihn doch anhören wollte! . . .«
Aber ohne zu sehen, ohne stehenzubleiben ging der Schlanke und Traurige vorbei.
Deutlich verklangen seine Schritte. Alexander Iwanowitsch drehte sich um und wollte ihm leise etwas sagen; er wollte den unbekannten Mischa leise anrufen . . .
Aber der helle Kreis, in den Mischa soeben eingetreten war, schimmerte leer; und niemand, nichts war dort zu sehen; nur der Wind pfiff, und in den Pfützen spiegelte sich Licht.
Und die gelbe Lichtzunge der Laterne winkte herüber.
Ein toter Strahl fiel durchs Fenster
So, so, so: dort standen sie, als er in der Nacht nach Hause zurückkehrte. _Sie_ warteten auf ihn. Wer _sie_ waren, dies zu sagen war nicht gut möglich: zwei deutliche Gestalten. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster des dritten Stocks; er legte sich wie ein fahler Schein auf die grauen Stufen der Treppe.
Und unheimlich ruhig lagen in der vollständigen Dunkelheit die fahlen Lichtflecke -- ohne jeden Reflex.
In diesem fahlen Licht rankte auch das Treppengeländer; neben dem Treppengeländer aber standen _sie_: zwei undeutliche Gestalten; sie ließen Alexander Iwanowitsch passieren und blieben rechts und links von ihm stehen; sie sagten nichts, rührten sich nicht, bebten nicht; man fühlte nur in der Dunkelheit einen bösen, zusammengekniffenen, festen Blick.
Sollte er sich ihnen nicht nähern, sollten er ihnen nicht die in seiner Erinnerung aufgetauchte Beschwörung zuflüstern?
Und unter diesem Blick in den fahlen Fleck treten zu müssen! Vom Mond beschienen zu sein, während zwei spähende Augen auf ihn gerichtet sind; dann hinter sich im Rücken die Augen zweier Späher zu fühlen, die jeden Augenblick ihm etwas antun konnten; den Schritt nicht zu beschleunigen, gleichgültig zu tun, zu hüsteln!
Denn -- würde er die Treppe rasch hinauflaufen, dann folgen ihm seine Späher sofort.
Auf einmal wurden die weißfahlen Flecke grau und zerflossen harmonisch; sie lösten sich vollständig in gänzliche Dunkelheit auf. (Ein schwarzer Knäuel schien vor den Mond getreten zu sein.)
Alexander Iwanowitsch näherte sich jetzt ruhig der vorhin weißschimmernden Stelle; er sah die Augen nicht mehr und folgerte daraus, daß auch er von den Augen nicht gesehen wird (der Arme: er hoffte, ungesehen in seine Dachstube zu schlüpfen). Er beschleunigte nicht seinen Schritt und begann sogar -- an seinem Bärtchen zu zupfen; und . . .
. . . Alexander Iwanowitsch hielt nicht stand.
Pfeilschnell rannte er über die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz (welche Taktlosigkeit!). Als er den Treppenabsatz erreicht, tat er etwas, was ihn völlig in den Augen der unten stehenden Gestalten herabsetzen mußte.
Er rieb ein Streichholz, beugte sich über das Treppengelandet und warf einen erschreckten, verlorenen Blick in die Tiefe: die Eisenstäbe des Geländers blitzten auf, und deutlich erblickte Alexander Iwanowitsch unten die Silhouetten.
Wie groß war aber sein Erstaunen!
Eine der Silhouetten erwies sich einfach als der Tatare Machmudka, der im Kellerraum des Hauses wohnte, und neben ihm stand ein ganz gewöhnlicher Mensch mit steifem Hut auf dem Kopfe und einer gebogenen, orientalischen Nase; der Mann mit der orientalischen Nase schien Machmudka um eine Auskunft zu bitten, worauf dieser verneinend den Kopf schüttelte.
Dann erlosch das Streichholz, und Alexander Iwanowitsch konnte nichts weiter sehen.
Doch verriet das brennende Zündholz seine Anwesenheit, und sofort ertönte ein Scharren von Tritten auf den Stufen; und schon hörte Alexander Iwanowitsch direkt vor seinem Ohr eine Stimme.
»Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Andrej Andreitsch Gorelski?«
»Nein, ich bin Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«
»Ja, dem falschen Passe nach . . .«
Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen, aber . . . er sah ein, daß jetzt ein Leugnen nutzlos wäre.
»Schön. Und was wünschen Sie? . . .«
»Ich bitte um Entschuldigung: ich komme zu Ihnen zum erstenmal in so ungewöhnlicher Stunde . . .«
»Bitte . . .«
»Diese Hintertreppe . . . Ihre Wohnung war geschlossen . . . Aber jemand war drin . . . Ich beschloß, Sie beim Eingang zu erwarten . . . Diese Treppe . . .«
»Wer ist in meinem Zimmer? . . .«
»Das weiß ich nicht; mir antwortete eine Bauernstimme . . .«
Stjopka! . . . Gott sei Dank, Stjopka ist dort . . .
»Und was wünschen Sie? . . .«
»Verzeihen Sie, ich hörte soviel von Ihnen: wir haben gemeinsame Freunde . . . Nikolai Stepanowitsch Lipantschenko, in dessen Hause ich wie ein Sohn aufgenommen bin . . . Ich wollte Sie schon längst kennenlernen . . . Ich hörte, daß Sie ein Nachtschwärmer sind . . . Deswegen hab' ich mir erlaubt . . . Ich wohne eigentlich in Helsingfors und komme nur hier und da hierher; meine Heimat ist der Süden . . .«
Alexander Iwanowitsch leuchtete es sofort ein, daß sein Gast log, und zwar in ganz unverschämter Weise, denn genau dieselbe Geschichte war ihm schon einmal passiert (wo und wann -- das konnte er sich im Augenblick nicht vergegenwärtigen).
Nein, nein, nein: die Sache ist keinesfalls harmlos; doch durfte er nicht verraten, daß er das gemerkt hat; er sagte also in die Dunkelheit hinein:
»Mit wem hab' ich die Ehre zu sprechen?«
»Ich bin der Perser Schischnarfijew . . . Ich hab' Sie schon öfters gesehen . . .«
»Schischnarfijew . . .«
»Wir waren heute zu gleicher Zeit dort, bei Lipantschenko. Ich saß dort zwei Stunden und wartete, bis Sie mit Ihrer geschäftlichen Angelegenheit fertig waren, aber ich mußte dann doch fortgehen, ehe Sie herauskamen . . . Soja Sacharowna hatte mir vorher nichts von Ihrem Besuch gesagt. Ich suchte schon längst eine Gelegenheit, Sie zu treffen . . . Ich suche Sie schon längst . . .«
Die letzten Worte riefen wieder in Dudkin eine Erinnerung wach, eine schwache Erinnerung, wie im Schlaf: er fühlte sich angewidert, gelangweilt, angeödet . . .
»Haben wir uns schon früher getroffen?«
»Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . .«
Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet für sich selbst zündete er wieder ein Zündholz an und hielt es direkt vor Schischnarfijews Gesicht: die Wände blitzten gelb auf, die Eisenstäbe des Geländers schimmerten für einen Augenblick metallisch; im flatternden gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, daß er in der Tat dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Café gesehen habe; und auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn gerichteten Blick der forschenden Augen.
»Erinnern Sie sich?«
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, daß gerade in Helsingfors -- ja eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen; gerade in Helsingfors begann jenes müßige, in ihn gleichsam von außen eingedrungene Gehirnspiel.
Er erinnerte sich nun, daß es gerade die Zeit gewesen war, in der er die ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur müsse beseitigt werden, da die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus -- zu Ende angelangt sei, und was von ihr noch übrigblieb, sei nur ein verwitterter, morscher Steinüberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte, die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der Aristokratie, in der Rebellion der Künste gegen das Althergebrachte wie in der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden, die Negertänze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte; Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der Bibliotheken, der Universitäten, der Museen; er predigte auch noch die Herbeirufung der Mongolen (doch später bekam er vor den Mongolen Angst). Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien eingeteilt: zu der einen gehörten die Erscheinungen, die von einer absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das sich jetzt noch unter der Maske der äußersten Verfeinerung bergen mußte (Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . .
Alexander Iwanowitsch war dafür eingetreten, daß die Masken abgenommen und dem Chaos freies Spiel gegeben werde.
Er erinnerte sich, damals im Café in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu haben; und als ihn jemand gefragt, wie er sich zum Satanischen stelle, hatte er zur Antwort gegeben:
»Das Christentum ist überlebt: im Satanischen aber liegt ein großer Fetischismus, das heißt gesundes Barbarentum.«
Gerade bei dieser Unterhaltung -- das erinnerte er sich jetzt -- hatte abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn unverwandt angesehen.
Die Predigt des Barbarentums hatte ein sonderbares Ende gefunden (damals schon, in Helsingfors): ja, es war ein vollständiger Alpdruck gewesen: er war nämlich (ob im Traum oder im Einschlafen, das wußte er nicht) mit rasender Schnelligkeit durch einen nicht zu definierenden, möglicherweise zwischen den fernen Planeten sich befindenden Raum geschleift worden, wo an ihm ein dort vielleicht üblicher, von unserem Standpunkte aber sicherlich brutaler Akt vollführt worden war; es war sicher alles ein Traum gewesen (unter uns: was ist eigentlich ein Traum?), aber es war ein häßlicher Traum gewesen; der damals zum Abbrechen der Predigt geführt hatte; diesen Traum hielt Alexander Iwanowitsch später für den Anfang seiner Krankheit, doch im übrigen -- liebte er es nicht, daran erinnert zu werden.
Da war es gewesen, wo er heimlich die Offenbarung zu lesen begonnen hatte.
Jetzt an der Treppe war für ihn die Erinnerung an Helsingfors furchtbar. Und er dachte:
»Das war es also, warum sich mir in den letzten vierzehn Tagen immerzu das Wort Helsingfors aufdrängte.«
Schischnarfijew fuhr inzwischen fort:
»Erinnern Sie sich?«
Die Sache nahm eine häßliche Wendung: er hätte eigentlich unbedingt in sein Zimmer flüchten müssen, so rasch als möglich, die steinernen Stufen hinauf; er sollte die Dunkelheit ausnutzen, ehe das phosphoreszierende Licht wieder seine fahlweißen Strahlen auf die Stufen wirft; doch von Grauen erfüllt, zögerte Alexander Iwanowitsch.
Schischnarfijew aber sagte wieder:
»Sie werden mir also erlauben, zu Ihnen einzutreten? . . . Ich bin, aufrichtig gesagt, etwas müde vom Warten . . . Ich hoffe, daß Sie mir meinen mitternächtlichen Besuch nicht übelnehmen . . .«
In einem Anfall unbewußter Angst schrie Dudkin heraus:
»Bitte sehr! . . .«
Für sich aber dachte er:
»Dort ist ja Stjopka, er wird mir helfen . . .«
* * *
Alexander Iwanowitsch lief die Treppe voran; hinter ihm her lief Schischnarfijew: die langen Reihen der Stufen schienen sie nicht bloß in den fünften Stock zu tragen, sondern in eine unendliche Höhe; die Treppe schien kein Ende zu haben; umkehren war nicht möglich: hinter ihm her lief Schischnarfijew, und vor ihm schlug ein Lichtstrahl aus einem Türspalt.
Alexander Iwanowitsch dachte:
»Wie konnte Stjopka da hineingekommen sein: der Schlüssel ist ja bei mir?«
Durch einen Griff in die Taschen überzeugte er sich aber, daß er sich geirrt hatte: statt des Türschlüssels hatte er den vom alten Reisekoffer eingesteckt.
Petersburg
In vollständiger Verwirrung betrat Alexander Iwanowitsch sein armseliges Zimmer; vor einem brennenden Lichtstumpf kauerte Stjopka auf der Pritsche, den buschigen Kopf tief über ein Buch in altslawischem Druck gebeugt.
Stjopka las in einem Gebetbuch.
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß er Stjopka gebeten hatte, das Gebetbuch mitzubringen: er wollte darin das Gebet des großen Wassilij: die Beschwörung des Teufels, nachlesen.
»Du bist da, Stjopka, das freut mich!«
»Ich habe Ihnen das Geb . . .« -- Nachdem er einen Blick auf den Gast geworfen: »Ich habe Ihnen das Gewünschte gebracht . . .«
»Ich danke dir . . .«
»Ich habe Sie erwartet und inzwischen darin gelesen . . .« (Wieder ein Blick auf den Unbekannten). . . »Jetzt muß ich aber gehen . . .«
Alexander Iwanowitsch faßte Stjopka an der Schulter:
»Geh nicht fort, bleib noch eine Weile . . . Dieser Herr da ist Herr Schischnarfijew.«
Dieser stand an der Tür; er hatte seinen Hut abgenommen, den Mantel aber behielt er an und betrachtete das Zimmer mit fragenden Blicken:
»Nicht sehr schön haben Sie es hier . . . Feucht ist es ein wenig . . . und kalt . . .«
Der Lichtstumpf brannte aus: das Papier, mit dem es an seinem Ende umwickelt war, begann zu brennen, und plötzlich begannen die Wände in fließendem Rot zu tanzen.
* * *
»Nein, Herr, bitte mich zu entlassen, ich muß gehen« -- Er warf einen etwas schielenden, feindseligen Blick auf Alexander Iwanowitsch, während er den Gast überhaupt keines Blickes mehr würdigte; -- »lassen Sie mich gehen; ein anderes Mal schon . . .«
Er nahm das Gebetbuch an sich.
Unter Stjopkas scharfem Blick senkte Alexander Iwanowitsch unwillkürlich den seinigen: ihm schien der scharfe Blick ein Blick des Vorwurfs zu sein. Wie soll er sich jetzt Stjopka gegenüber verhalten? Er hätte ihm so gern etwas gesagt; er hat wohl Stjopka beleidigt; Stjopka wird es ihm nicht verzeihen; er glaubte Stjopkas Gedanken zu lesen:
»Nein, Herr, wenn Sie _solche_ Besucher empfangen, da ist es nichts mehr zwischen uns; und Sie brauchen dann auch kein Gebetbuch mehr . . . Solche Leute suchen nicht einen jeden auf; und wen sie aufsuchen, der muß von _derselben_ Sorte sein wie sie selbst . . .«
Also -- also erkennt Stjopka in dem Gast eine verdächtige Person . . . Wie sollte nun er mit ihm allein im Zimmer bleiben? . . .
»Stepan, bleib doch hier.«
Aber Stjopka machte eine abwehrende Bewegung, die etwas wie Ekel verriet.
»Der Herr kommt doch zu Ihnen, nicht zu mir!«
Die Tür hinter Stjopka fiel zu. Alexander Iwanowitsch wollte ihm erst nachrufen, er solle doch das Gebetbuch dalassen, aber . . . er schämte sich. Nun sollte er plötzlich das für ihn, den Freigeist, kompromittierende Wörtchen Gebetbuch aussprechen. Alexander Iwanowitsch nahm sich fest vor, vor nichts, was auch kommen mag, zu erschrecken; denn alles, was jetzt kommt, nachdem Stjopka das Zimmer verlassen hat, kann nur Halluzination des Gesichts und des Gehörs sein. Die tanzenden roten Flammen an den Wänden erstarben; alles wurde -- ein tödlich fahles Grün.
* * *
Mit einer Handbewegung lud er den Gast ein, auf der Pritsche vor dem Tischchen Platz zu nehmen, selbst aber blieb er neben der Tür stehen, um gegebenenfalls entschlüpfen zu können, das Zimmer mit dem Besucher abzusperren und selber über alle sechsundneunzig Stufen hinunterzukollern.
Der Gast stützte seinen Ellbogen aufs Fensterbrett, zündete eine Zigarette an und begann zu plaudern; sein Profil zeichnete sich schwarz auf dem Fond des durchs Fenster hereinströmenden, grünlichen Lichtes; hinter dem Fenster flog der Mond zwischen Wolken dahin . . .
»Ich sehe wohl ein, daß es nicht die rechte Stunde, in der ich zu Ihnen gekommen . . . daß ich Sie, wie es scheint, störe . . .«
»Das macht nichts, bitte sehr«, versuchte Alexander Iwanowitsch den anderen zu beruhigen, während er selbst der Beruhigung bedurfte und mit der Hand heimlich hinter dem Rücken untersuchte, ob die Tür offen oder zugesperrt sei.
»Aber . . . Ich habe Sie so lange schon besuchen wollen, hab' Sie überall gesucht, und als wir uns auch bei Soja Sacharowna verfehlt haben, bat ich diese um Ihre Adresse; ich komme jetzt direkt von dort zu Ihnen und beschloß auf Sie zu warten . . . Um so mehr, als ich morgen schon ganz früh verreise.«
»Sie verreisen?« fragte Alexander Iwanowitsch, denn es schien ihm, die Worte seines Besuchers hätten in ihm ein doppeltes Echo ausgelöst: während sein äußeres Ohr die Worte »Ich verreise ganz früh« vernommen hatte, hörte er mit einem anderen, inneren Ohr deutlich:
»Ich verreise ganz früh am Morgen, um mit der Abenddämmerung zurückzukehren . . .«
Aber er bestand nicht auf der Beantwortung seiner Frage und fuhr fort, das weitere mit seinem äußeren Gehör aufzunehmen.
»Ja, ich verreise nach Finnland, nach Schweden . . . Dort wohne ich; meine Heimat ist aber -- Schemacha. Ich wohne eben in Finnland, weil das Petersburger Klima, aufrichtig gesagt, auch für mich schädlich ist.«
Ein doppeltes Echo löste wieder dieses »auch für mich« aus: das Klima von Petersburg ist für alle schädlich, es war nicht nötig, es zu betonen.
»Ja,« erwiderte Dudkin mechanisch, »Petersburg befindet sich auf einem Sumpf . . .«
»Ja, ja, ja . . . Für das Russische Reich ist Petersburg ein sehr bezeichnender Punkt . . . Nehmen Sie nur die Landkarte zur Hand . . . Unsere Hauptstadt, die so reich von Denkmälern geschmückt ist, gehört auch zum Lande des Jenseits . . .«
»Oh, oh, oh!« dachte Dudkin; »nun heißt es die Nase nach dem Winde halten, um rechtzeitig fliehen zu können . . .«
Laut aber erwiderte er:
»Sie sagen: _unsere_ Hauptstadt . . . Doch nicht Ihre: Ihre Hauptstadt ist ja nicht Petersburg, sondern Teheran . . . Ihnen, als einem Orientalen, dürften die klimatischen Verhältnisse unserer Hauptstadt . . .«
»Ich bin Kosmopolit: ich lebte ja schon in Paris und in London . . . Ja, wovon sprach ich? -- daß unsere Hauptstadt zum Land des Jenseits gehört, das pflegt man bei den Landkarten, Reiseführern und dergleichen nicht in Betracht zu ziehen; selbst der ehrenwerte Baedeker schweigt darüber; der bescheidene Provinzler, der nicht vorher aufmerksam gemacht wurde, gerät schon bei dem ersten Schritt vom Nikolaijewer oder Warschauer Bahnhof in einen Sumpf; er hatte eben nur mit der realen Behörde gerechnet und hatte es unterlassen, sich mit einem Schattenpaß zu versehen.«
»Wie meinen Sie es?«
»Nun eben, ganz einfach: wenn ich in das Land der Papuas gehe, weiß ich, daß ich im Land der Papuas auf Papuas stoßen werde; über diese Naturerscheinung hat mich Herr Karl Baedeker rechtzeitig unterrichtet; aber denken Sie, wie ich mich fühlen müßte, wenn ich auf dem Wege nach Kirssanow auf eine Horde schwarzer Papuas stieße (was übrigens sehr bald in Frankreich der Fall sein wird, da Frankreich in aller Stille die schwarzen Horden bewaffnet, um sie nach Europa zu bringen): Sie werden das erleben, übrigens dürfte es Ihren Wünschen sehr zustatten kommen; es paßt ja so gut zu Ihrer Theorie der Vertierung und der Kulturvernichtung: erinnern Sie sich? . . . Ich hörte Ihnen damals im Helsingforser Kaffeehaus mit Befriedigung zu.«
Alexander Iwanowitsch fühlte sich immer unbehaglicher; es fröstelte ihn; besonders widerlich war es ihm, einen Hinweis auf die von ihm längst überwundene Theorie zu hören; er hat diese Theorie längst als krankhaft erkannt und verworfen; und nun jetzt, wo er sich wieder krank fühlt, tritt sie ihm in so widerlicher Form entgegen.
»Also, wo bin ich? Ja, die Papuas: die Papuas sind, sozusagen, erdgeborene Wesen; die Biologie der Papuas, so primitiv sie auch ist, dürfte Ihnen, Alexander Iwanowitsch, nicht unbekannt sein. Mit einem Papua können Sie schließlich und endlich sich irgendwie noch immer verständigen; sagen wir zum Beispiel etwa mit Hilfe des Schnapses; und dann: selbst in Papuasien gibt es Rechtsinstitutionen, die unter Kontrolle des papuasischen Parlaments stehen . . .«