Petersburg

Part 2

Chapter 23,386 wordsPublic domain

Und nun ist er im Hofe, in dem mit Asphalt gepflasterten, von den fünf Stöcken des vielfenstrigen Riesen eingezwängten Viereck. Inmitten des Hofes standen regelmäßige Holzstapel, und man sah noch ein Stück der vom Winde abgekahlten »siebzehnten Linie«.

Der Unbekannte von der Insel haßte Petersburg schon immer: dort -- dort erhob es sich, das Petersburg, aus einer dichten Wolkenwoge; dort schwebten Häuser; dort schwebte, schien es, über den Häusern etwas Gehässiges und Dunkles, dessen Atem mit dem Eis seines Granits und seiner Steine die einst grünen, lauschigen Inseln fest eingezwängt hat. Ein befremdend Kaltes, Dunkles, Schweres starrte von dort aus kämpfendem Chaos; starrte mit steinernem Blick und schlug in wahnsinnigem Flug mit seinen Fledermausflügeln; und peitschte mit schwerwiegendem Wort die Armut der Inseln, und aus dem Nebel traten Schädel und Ohren hervor: so war nämlich vor kurzem auf dem Titelblatt eines Gassenblättchens jemand abgebildet gewesen.

Der Unbekannte dachte daran und drückte in der Tasche seine Faust fest zusammen; er dachte an ein von jemand gesagtes grausames Wort, und er dachte noch, daß die Blätter an den Bäumen schon fielen.

* * *

Unsererseits sagen wir aber: O, ihr russischen Leute, ihr russischen Leute: Laßt nicht die Scharen der aus den Inseln gleitenden Schatten an euch heran! Fürchtet die Insulaner! Sie haben das Recht, sich frei im Reiche zu siedeln: sind nicht deswegen Brücken, schwarze und graue, über die lethischen Gewässer zu den Inseln gespannt? Abbrechen sollte man sie . . .

Zu spät . . .

Die Polizei dachte nicht daran, die Nikolajewsche Brücke fortzuschaffen; nun wälzten sich dunkle Schatten über die Brücke; unter diesen Schatten spannte sich auch der düstere des Unbekannten. In der Hand dieses Schattens wiegte sich gleichmäßig ein nicht ganz kleines und doch nicht allzu großes Paket.

Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen . . .

In der grünlichen Beleuchtung des Petersburger Morgens, im rettenden »Als ob« zirkulierte vor dem Senator Ableuchow auch das übliche Phänomen: der Strom von Menschen; wortstumm wurden hier die Menschen; ihre Wogen, wie die ans Ufer schlagenden Wellenfluten -- dröhnten, brüllten; das gewöhnliche Ohr aber begriff es nicht im geringsten, daß jene donnernden Wogen menschliche Wogen waren.

Mit der vorderst flutenden Menge verkehrte der greise Senator mit Hilfe der Drähte (der Telegraphen- und Telephondrähte), und der Schattenstrom prägte sich in seinem Bewußtsein wie die ruhig fließende Kunde aus einer hinter Fernen liegenden Welt.

Apollon Apollonowitsch dachte: an die Sterne, an die Unfaßlichkeit der dahinrollenden Donnerwogen; und sich auf seinem schwarzen Polster wiegend, stellte er Berechnungen an über die Stärke der vom Saturn herüberströmenden Lichtkraft.

Plötzlich . . .

-- faltete sich sein Gesicht und wurde von einem Zucken entstellt; krampfhaft rollten die steinernen, von Blau umränderten Augen; die mit schwarzem Wildleder bekleideten Hände flogen bis zur Höhe der Brust, als sollten diese Hände ihn schützen. Sein Oberkörper sank zurück und der Zylinder fiel, an die Wand aufschlagend, auf die Knie unter den entblößten Kopf . . .

Die vorübergleitenden Silhouetten betrachtend (Mützen, Hüten, Federn), erblickte Apollon Apollonowitsch unter den Mützen, Hüten, Federn in der Ecke -- ein paar wahnsinnige Augen: die Augen zeigten eine unerhörte Eigenschaft; die Augen erkannten den Senator; und indem sie ihn erkannten, wurden sie wahnsinnig; vielleicht hatten die Augen an der Ecke gelauert; und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen.

Dieser wahnsinnige Blick war ein bewußt geworfener Blick und gehörte einem unbestimmten Individuum mit schwarzem Schnurrbärtchen, in einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen; wenn sich Apollon Apollonowitsch später in die Einzelheiten des Geschehnisses vertiefte, kam er -- eher durch Überlegung als durch Erinnerung -- auf noch einen Umstand: in der rechten Hand hielt das Individuum ein in ein nasses Tuch gewickeltes Paket.

Die Sache war ja so einfach: der Strom der Droschken hielt den Wagen an der Straßenkreuzung auf (dort hob eben der Schutzmann sein weißes Stäbchen in die Höhe); die vorbeiziehende Woge von Individuen, gedrängt von den Droschken, die quer den Newskij durchschnitten, diese Woge wurde ganz einfach an den Wagen des Senators gedrängt und zerstört? die Illusion: wenn er, Apollon Apollonowitsch, über den Newskij raste, war er Milliarden von Werst weit weg von dem menschlichen Tausendfüßler, der dieselbe Straße beschritt; beunruhigt rückte Apollon Apollonowitsch dicht an das Fenster heran und sah, daß ihn nur eine dünne Wand und ein vier Werschok breiter Raum von der Menge trennte; hier hatte er das Individuum erblickt; und begann es ruhig zu betrachten; es war etwas Bemerkenswertes in seiner ganzen unansehnlichen Gestalt; und sicher wäre ein Physiognomiker, zufällig in der Straße auf diese Figur stoßend, überrascht stehengeblieben und würde später bei seinen Geschäften an das gesehene Gesicht denken; die Besonderheit des Gesichtes lag nur in der Schwierigkeit, seinen Ausdruck unter irgendeine Kategorie zu bringen -- in nichts anderem . . .

Diese Betrachtung wäre durch den Kopf des Senators gehuscht, wenn er auch nur eine Sekunde lang beobachtet hätte; doch es dauerte keine Sekunde. Der Unbekannte hob die Augen und -- hinter den Spiegelscheiben des Wagens, in vier Werschok Entfernung von sich, erblickte er -- nicht ein Gesicht, sondern . . . einen Totenschädel im Zylinder und ein riesiges blaßgrünes Ohr.

In derselben Viertelsekunde erblickte der Senator in den Augen des Unbekannten -- jene Unbegrenztheit des Chaos, aus der die neblige, vielschlotige Ferne und die Wassiljewskij-Insel schon seit jeher zum Haus des Senators hinüberschielte.

Da eben war es, wo sich die Augen des Unbekannten weiteten, zu leuchten, zu glänzen begannen; und da eben flogen hinter dem Wagenfenster, in vier Werschok Entfernung, die Hände des Senators in die Höhe und bedeckten die Augen.

Verschwunden ist der Wagen; mit ihm entschwand auch Apollon Apollonowitsch in die feuchten Fernen; dorthin, wo an klaren Tagen herrlich die goldene Spitze, die Wolken und der purpurne Sonnenuntergang glänzten, wo aber heute schmutzige Wolkenschwärme zogen . . .

Apollon Apollonowitsch litt an Herzerweiterung.

Einen kurzen Augenblick nur hatte all dies gedauert.

Apollon Apollonowitsch setzte mechanisch den Zylinder wieder auf und drückte den wildledernen schwarzen Handschuh ans hüpfende Herz, dann nahm er sein geliebtes Betrachten der Kuben auf, um sich über das Geschehene ruhige und klare Rechnung zu geben.

Apollon Apollonowitsch sah wieder aus dem Fenster des Wagens: was er jetzt sah, verwischte das Frühere: eine nasse, glitschrige Straße, nasse, glitschrige Pflastersteine, die fiebernd glänzten im septemberlichen Tag!

* * *

Die Pferde hielten. Der Polizist salutierte. Hinter dem Fenster des Vestibüls, unter dem die Säulen des kleinen Balkons stützenden bärtigen Karyatiden dasselbe Schauspiel wie immer: die schwerköpfige Messingkeule glänzte in der Hand des Portiers; die achtzigjährige Schulter drückte ein dunkler Dreimaster; ein achtzigjähriger Portier schlummerte über dem »Börsenkurier«. So schlummerte er schon vorgestern, gestern. So schlummerte er in jenen verhängnisvollen fünf Jahren . . . So wird er auch weitere fünf Jahre schlummern.

Fünf Jahre sind es her, seit dem Tag, an dem Apollon Apollonowitsch als unverantwortliches Haupt eines Amtes im Amt erschienen war; seit dieser Zeit sind fünf Jahre verstrichen. Und Ereignisse hat es gegeben: China revoltierte, Port Arthur war gefallen. Doch unverändert blieben die Visionen der Zeiten: achtzigjährige Schultern, Livreetressen, ein Dienerbart.

* * *

Die Flügeltüre flog auf: die Messingkeule klopfte. Durch die Wagentür trug Apollon Apollonowitsch seinen steinernen Blick in das breite Vestibül hinüber. Dann schloß sich die Tür hinter ihm.

Apollon Apollonowitsch stand und atmete.

»Exzellenz . . . wollen sich doch hinsetzen . . . Siehe doch nur: Exzellenz schöpfen kaum Atem.«

»Immer laufen Exzellenz, als ob Sie noch ein kleiner Junge wären . . .«

»Wollen doch Exzellenz ein wenig sitzen, bis Sie zu sich kommen.«

»So ist es, ja . . .«

»Vielleicht . . . einen Schluck Wasser?«

Aber das Gesicht des ruhmreichen Mannes erhellte sich wieder, kindisch wurde es, greisenhaft, überzog sich mit Fältchen.

* * *

Doch das Herz, der Vernunft nicht gehorchend, bebte und pochte; und alles umher schien deswegen so -- und wieder auch nicht so . . .

Aber schweigen Sie doch! . . .

Die Petersburger Straße durchdringt im Herbst den ganzen Organismus: Sie macht das Knochenmark frieren; sie kitzelt das zitternde Rückgrat; trittst du aber von der Straße in einen warmen Raum, beginnt sie im Blute als Fieber zu kreisen. Diese Eigenschaft der Straße empfand jetzt der Unbekannte, in das Vorzimmer tretend, das erfüllt war von schwarzen, blauen, grauen, gelben Mänteln, von burschikosen, langohrigen, stutzschwanzigen Mützen und allerhand Überschuhen. Warme Feuchtigkeit schlug ihm entgegen; in der Luft hing weißlicher Dampf.

Das Individuum mit dem Schnurrbärtchen trat, nachdem es seine Überkleider in Verwahrung übergeben hatte, in den Saal . . .

»A--a--a . . .«

Ihn betäubten zuerst die Stimmen.

* * *

»Kre--e--ebse . . . aaa . . . ah--aa--ha . . .«

»Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie . . .«

»Sprechen Sie nicht . . .«

»Me--emme . . .«

»Und noch Wodka dazu . . .«

»Aber wieso denn . . . aber gehen Sie . . . Was Sie nicht sagen . . .«

* * *

Der Restaurantsaal war ein ziemlich schmutziger Raum; der Boden war mit Pasta bestrichen; die Wände, von einem Schildermaler bemalt, stellten die Trümmer einer schwedischen Flottille dar, von deren Höhe Peter der Große mit der Hand in die Ferne zeigte; und weiter sah der Beschauer waschblaufarbene Flächen als weißmähnige Wälle ihm entgegenstürmen; durch den Kopf des Unbekannten aber stürmte ein Wagen . . .

* * *

»Wünschen Sie mit Sirup?« wandte sich der dick aufgedunsene Wirt vom Schanktisch an unseren Unbekannten.

»Nein, ohne.«

Selbst aber dachte er: Warum war der Blick hinter dem Wagenfenster erschrocken? Die Augen waren hervorgetreten, wurden steinern und schlossen sich dann; der tote, rasierte Kopf wiegte sich und verschwand; der Rücken war nicht von der Peitsche eines grausamen Wortes erwärmt; die schwarz-wildlederne Hand schwang sich machtlos in der Luft; es war nicht eine Hand, es war nur ein . . . armseliges Händchen . . .

»Noch ein Glas . . .«

* * *

Dort weiter saß ein müßig schwitzender Mann mit breitem Kutscherbart; in blauer Joppe, die geschmierten Schaftstiefel über die graue Soldatenhose gezogen. Der müßig schwitzende Mann trank ein Glas nach dem anderen.

* * *

Dreimal schluckte mein Unbekannter das scharfe, farblos glänzende Gift, dessen Wirkung an die Wirkung der Straße gemahnte. Speiseröhre und Magen lecken mit vertrockneter Zunge seine rachevollen Flammen, das Bewußtsein aber, des Körpers entledigt, sich um diesen zu wirbeln beginnt und wird unerhört hell . . . Nur für einen kurzen, einen Atemzug währenden Augenblick.

Und das Bewußtsein des Unbekannten wurde für einen kurzen, einen Atemzug währenden Augenblick hell, und er erinnerte sich: die Arbeitslosen hungern; die Arbeitslosen hatten ihn gebeten, und er hatte ihnen versprochen; und er hatte von ihnen bekommen -- ja? Wo ist das Paketchen? Da ist es ja, hier -- neben ihm . . . Von ihnen hatte er das Paketchen bekommen.

In der Tat: die Begegnung auf dem Newskij hat sein Gedächtnis verwirrt.

* * *

Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen setzte sich vor ein Tischchen, um den zu erwarten, der . . .

»Haben Sie Lust auf ein Gläschen?«

Der müßig schwitzende Bärtige zwinkerte lustig.

»Danke . . .«

»Warum nicht?«

»Aber ich hab' schon getrunken . . .«

»Trinken Sie noch eins, in meiner Gesellschaft . . .«

Mein Unbekannter überlegte etwas: Mißtrauisch sah er den Bärtigen an, griff erst nach dem feuchten Paketchen, dann griff er nach einem Zeitungsstück und deckte wie zufällig jenes Paketchen zu.

Plötzlich . . .

Doch von diesem »Plötzlich« später einmal.

Ein Schreibtisch stand dort

Apollon Apollonowitsch suchte sich auf den laufenden Geschäftstag einzustellen; plötzlich standen deutlich vor ihm die Berichte des gestrigen Tages; er sah vor sich die gefalteten, auf seinem Schreibtisch liegenden Akten, ihre Anordnung, die von ihm auf den Akten gemachten Notizen, die Buchstabenform der Schrift, den Bleistift, mit dem er blau »Folge geben«, rot »Information« geschrieben hatte.

In der kurzen Zeit von der Treppe zum Arbeitszimmer veränderte Apollon Apollonowitsch durch eigenen Willen das Zentrum seines Bewußtseins; alles Spiel des Gehirns wurde an den Rand des Gesichtsfeldes geschoben: ein Häufchen parallel gelegter Akten aber bekam seinen Platz im Zentrum jenes Feldes.

Apollon Apollonowitsch öffnete die Tür des Arbeitszimmers.

Der Schreibtisch stand auf seinem Platz, und ihn bedeckte ein Haufen von Akten; Holzscheite knisterten im Kamin; ehe er in die Arbeit versank, wärmte Apollon Apollonowitsch seine frierenden Hände am Kamin; doch das Spiel des Gehirns fuhr fort, seine nebelhaften Flächen zu bauen und begrenzte das senatorische Gesichtsfeld.

Apollon Apollonowitsch blieb in der Tür stehen -- denn -- wie nun anders?

Das harmlose Gehirnspiel schob sich wieder in sein Gehirn, das heißt in den Haufen von Akten und Bittgesuchen.

Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: das Individuum hatte er schon einmal gesehen.

_Das Individuum sah er ein mal -- denken Sie -- im eigenen Hause._

Er weiß noch: er stieg die Treppe hinab, um zum Empfang zu erscheinen; auf der Stiege stand Nikolai Apollonowitsch und unterhielt sich, über die Brüstung gelehnt, mit jemand, der unten stand: Nikolai über seine Bekanntschaften auszufragen -- dazu hielt der Staatsmann sich nicht für befugt; das Taktgefühl hinderte ihn auch damals geradeheraus zu fragen:

»Sag' mal, Nikolinka, wer ist es, der dich da besuchte, mein Engel?«

Nikolai hätte die Augen zu Boden geschlagen und hätte gesagt:

»Nun so, Vater, mich besuchen eben . . .«

Damit hätte das Gespräch sein Ende gehabt.

Deswegen hatte auch Apollon Apollonowitsch für die Person des Individuums im dunklen Mantel, das unten stand, kein Interesse gezeigt. Der Unbekannte hatte dasselbe schwarze Schnurrbärtchen und dieselben Augen, dieselben absonderlichen Augen (solchen Augen können Sie nachts in der Moskauer Kapelle des Märtyrers Panteleymon begegnen: diese Kapelle ist berühmt durch Heilung Besessener; solche Augen würden Sie auf den Photographien sehen, die den Lebensbeschreibungen bedeutender Menschen beigegeben sind; und schließlich: solche Augen sehen Sie in neuropathischen und selbst psychiatrischen Anstalten).

Schon damals hatten die Augen sich geweitet, zu spielen, zu glänzen begonnen; also war das schon einmal gewesen und wird sich vielleicht wiederholen.

»Über alles -- ja, ja . . .«

»Notwendig . . .«

»Genaueste Information . . .«

Seine genauesten Informationen bekam aber der Staatsmann nicht auf direktem, sondern auf verschlungenem Wege.

* * *

Apollon Apollonowitsch sah durch die Tür seines Arbeitszimmers: Schreibtische, Schreibtische! Haufen von Akten! Über die Akten gebeugte Köpfe! Kratzen der Federn! Knistern der umgeschlagenen Blätter! Was für fieberhaft gigantische papierne Tätigkeit!

Apollon Apollonowitsch versank beruhigt in die Arbeit.

Seltsame Eigenschaften

Das Gehirnspiel des Trägers diamantener Orden hatte seltsame, sehr seltsame, höchst seltsame Eigenschaften: Sein Schädel wurde zum Behälter gedanklicher Bilder, die sofort ihre Verkörperung in dieser Gespensterwelt fanden.

Mit Rücksicht auf diesen seltsamen, sehr seltsamen, höchst seltsamen Umstand hätte besser Apollon Apollonowitsch keinen seiner müßigen Gedanken von sich geworfen; denn jeder seiner müßigen Gedanken entwickelte sich hartnäckig zu einem räumlich-zeitlichen Bilde und setzte seine -- jetzt nun unkontrollierbaren -- Handlungen außerhalb des senatorischen Kopfes fort.

Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: aus seinem Kopfe entstiegen Götter, Göttinnen und Genien. Wir haben es schon gesehen: einer dieser Genien (der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen), als bloßes Bild entstanden, begann dann in der gelblichen Newa-Räumlichkeit sein wirkliches _Sein_; dabei behauptete er, dieser Räumlichkeit, nicht dem senatorischen Kopf, entstammt zu sein; nun hatte aber auch der Unbekannte müßige Gedanken; und auch diese besaßen die gleichen Eigenschaften.

Sie entflohen dem Hirn und wurden zu etwas Festem.

Ein dem Kopfe des Unbekannten entflohener Gedanke war, daß er, der Unbekannte, wirklich existiere; vom Newskij-Prospekt lief dieser Gedanke zurück in das Senatorhirn und befestigte in ihm das Bewußtsein, die Existenz des Unbekannten in diesem Kopfe sei -- eine illusorische Existenz.

So schloß sich nun der Kreis.

Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: kaum wurde in seinem Kopfe die mit einem Paketchen bewaffnete Pallas -- der Unbekannte -- geboren, als schon aus ihm eine zweite, ebensolche Pallas hervorstieg.

Diese letzte Pallas war das senatorische Haus.

Das steinerne Ungeheuer war dem Hirn entflohen; und nun öffnet es seine gastliche Tür -- vor uns.

* * *

Der Lakai stieg die Treppe hinauf; er litt an Asthma; doch ist nicht von ihm jetzt die Rede, sondern von -- der Treppe: einer herrlichen Treppe! Die Stufen: weich waren sie wie die Windungen des Hirns. Doch diese Treppe zu beschreiben, über die öfters schon Minister gegangen waren, bleibt dem Autor keine Zeit, denn nun ist der Lakai schon oben im Saal . . .

Aber auch -- der Saal: herrlich! Fenster und Wände: die Wände etwas kalt . . . Aber der Lakai ist schon im Salon.

Wir betrachteten das schöne Wohnhaus nach jenen allgemeinen Merkmalen, die der Senator an alle Dinge anzuwenden pflegte. --

So: --

In weiß Gott welcher Zeit einmal in die freie Natur gekommen, erblickte hier Apollon Apollonowitsch dasselbe wie wir; d. h.: er sah eine blühende Natur; für uns pflegt sie im Nu in einzelne Teile zu zerfallen: Veilchen, Butterblumen, Nelken; der Senator aber machte aus der Geteiltheit wieder eine Einheit. Wir würden natürlich gesagt haben:

»Hier ist ein Gänseblümchen.«

»Hier -- ein Vergißmeinnicht . . .«

Apollon Apollonowitsch sagte einfach und kurz:

»Blumen . . .«

»Eine Blume . . .«

Unter uns gesagt: Apollon Apollonowitsch hielt alle Blumen, weiß Gott warum, für Glöckchen . . .

Mit lakonischer Kürze würde er auch sein eigenes Haus charakterisieren; für ihn bestand es aus Wänden (die bildeten Quadrate und Kuben), aus durchgeschlagenen Fenstern, aus Parkettböden, Stühlen, Tischen; weiter kamen Details . . .

Der Lakai trat ins Vorzimmer . . .

Und da wollen wir uns erinnern: alles, was an uns vorüberglitt (Bilder, Klavier, Spiegel, Perlmutter-Inkrustation an den Tischchen), kurz alles, was vorüberglitt an uns -- all das konnte keine räumliche Form besitzen: all das war nur Reizung der Hirnhaut, wenn nicht am Ende ein chronisches Kranksein . . . des Kleinhirns . . .

Es entstand die Illusion eines Zimmers; sie zerfloß dann aber spurlos, und hinter der Grenze des Bewußtseins baute sie ihre nebelhaften Flächen; wenn der Diener die schwere Salontür hinter sich schloß, wenn seine Stiefel laut auf dem Korridorboden aufschlugen -- das alles war nur ein Pochen in den Schläfen: Apollon Apollonowitsch litt an Blutandrang gegen den Kopf, dessen Ursache die Hämorrhoiden waren.

Hinter der zugeschlagenen Tür war kein Salon: es war . . . Hirnraum: Windungen, graue und weiße Hirnmasse, die dicken Wände aber, die aus funkelnden Pünktchen bestanden (bedingt durch den Blutandrang), diese nackten Wände waren nur das bleierne Schmerzgefühl in den Nacken-, Stirn-, Schläfen- und Scheitelknochen, die zu dem würdigen Schädel gehörten.

Das Haus -- dieses steinerne Ungeheuer war kein Haus; es war ein Senatorkopf: Apollon Apollonowitsch saß vor dem Tisch, über den Akten, durch Migräne bedrückt, mit dem Empfinden: sein Kopf sei sechsmal so groß und zwölfmal so schwer als er sein sollte.

Seltsame, sehr seltsame, höchst seltsame Eigenschaften.

Unsere Rolle

Die Petersburger Straßen haben eine unleugbare Eigenschaft: sie verwandeln die Passanten in Schatten; Schatten aber verwandeln sie in Menschen. Wir sahen es an dem Beispiel mit dem geheimnisvollen Unbekannten.

Als der Gedanke im Senatorhirn entstanden, wurde er auf dem Newskij-Prospekt zu etwas Festem und folgt nun dem Senator durch unsere ganze bescheidene Erzählung.

Wir haben den Weg von der Straßenkreuzung bis zur Millionenstraße beschrieben, den der Unbekannte gegangen war; wir beschrieben auch, wie er in dem kleinen Restaurant saß, bis zu dem vielsagenden »Plötzlich«, bei dem alles abbrach; mit dem Unbekannten geschah etwas plötzlich; eine unangenehme Empfindung überkam ihn.

Untersuchen wir jetzt seine Seele; doch erst untersuchen wir das kleine Restaurant; dafür haben wir Gründe; wenn wir, der Autor, mit pedantischer Genauigkeit den Weg eines ersten besten Unbekannten beschreiben, so glaube uns der Leser: die Zukunft wird unser Verhalten rechtfertigen.

Als der Unbekannte hinter der Tür des kleinen Restaurants verschwunden war und wir den Drang verspürten, ihm zu folgen, wandten wir uns um und bemerkten zwei Silhouetten, die langsam den Nebel durchquerten; eine der Silhouetten war behäbig und groß, doch ihr Gesicht konnten wir nicht unterscheiden (Silhouetten besitzen eben kein Gesicht); wir bemerkten jedoch: einen neuen aufgespannten seidenen Regenschirm, blendend glänzende Gummischuhe und eine Pelzmütze mit Ohrenklappen.

Der Hauptbestand der zweiten Silhouette war die ausgemergelte Gestalt eines kleinen Männchens; das Gesicht zeichnete sich deutlich genug, doch wir sahen es nicht, gefesselt von der riesigen Warze.

Wir taten, als betrachteten wir die Wolken und ließen das dunkle Paar an uns vorbeigehen; vor der Tür des Restaurants blieb besagtes Paar stehen und wechselte einige Worte:

»Hm?«

»Hier . . .«

»So dacht' ich's mir: Vorkehrungen sind getroffen; für den Fall, daß Sie mir ihn an der Brücke nicht zeigten.«

»Und welche sind die Vorkehrungen?«

»Ich ließ jemand ins Restaurant sich hineinsetzen.«

»Ach, wozu Sie nur Vorkehrungen treffen! Ich habe Ihnen gesagt: hundertmal hab' ich's Ihnen gesagt . . .«

»Verzeihung, ich tat es aus Eifer . . .«

»Erst hätten Sie sich mit mir beraten sollen . . . Ihre Vorkehrungen sind gut . . .«

»Nun sagen Sie es selbst . . .«

»Ja, aber Ihre guten Vorkehrungen . . .«

»Hm . . .«

»Wie? . . . Ihre guten Vorkehrungen werden alles verwirren . . .«

* * *

Das Paar machte fünf Schritte, blieb stehen. Und wieder wechselte es einige Worte:

»Hm! . . . Ich muß nun . . . Hm! . . . Ihnen Erfolg wünschen . . .«

»Wie können da Zweifel bestehen: das Unternehmen ist im Zug wie ein Uhrmechanismus. Wenn ich selbst nicht dahinterstünde -- ich sagte Ihnen aus Freundschaft: die Sache ist sicher.«

»Hm?«

»Was meinten Sie?«

»Verfluchter Schnupfen.«

»Ich spreche von der Sache . . .«

»Hm . . .«

»Die Seelen sind wie Instrumente gestimmt: und bilden ein Konzert -- was meinen Sie? -- Dem Dirigenten hinter den Kulissen bleibt nur, das Stäbchen zu schwingen. Senator Ableuchow wird ein Zirkular verfassen, der Unbekannte aber . . .«

»Verfluchter Schnupfen . . .«

»Nikolai Apollonowitsch wird . . . Kurz: ein Konzerttrio, und Rußland ist der Zuschauerraum; Sie verstehen mich? Verstehen? Warum schweigen Sie immer?«

»Hören Sie: Sie sollten Ihr Gehalt beziehen . . .«

* * *

»Nein, Sie können mich nicht verstehen!«

»Ich kann's schon; hm -- hm -- hm -- wo soll einer nur so viel Taschentücher hernehmen?«

»Was ist los?«

»Na, der Schnupfen! . . . Und wird das Tier -- hm -- hm -- hm -- nicht inzwischen Reißaus nehmen . . .«

»Aber wo . . .«

»Sonst nehmen Sie lieber Ihr Gehalt . . .«