Petersburg

Part 19

Chapter 193,438 wordsPublic domain

»Sie haben mir schon früher einmal zum Vorwurf gemacht, daß ich die Apokalypse nicht kenne; ich will sie jetzt lesen, ganz bestimmt. Ich fühle, daß, nachdem ich durch Sie wegen der Sache beruhigt bin, in mir das Interesse für Ihre Lektüre erwacht ist; ich werde mich jetzt, wissen Sie, zu Hause einschließen, werde Brom trinken und die Apokalypse lesen; es interessiert mich ganz außerordentlich; etwas blieb in mir von dieser Nacht zurück: alles ist so und doch wieder anders . . . Sehen Sie zum Beispiel hier das Schaufenster . . . In ihm spiegeln sich die Gegenstände ab: da geht ein Herr mit steifem Hut vorbei -- sehen Sie -- jetzt ist er fort . . . Da sind wir beide, sehen Sie? Und alles ist so sonderbar . . .«

»Sonderbar . . . ja . . .« Alexander Iwanowitsch nickte zustimmend: o, was das »sonderbar« betrifft, so war er darin wohl Spezialist.

»Oder auch: die Gegenstände . . . Weiß der Teufel, was das ist: alles ist so, wie es war, und doch wieder anders . . . Das ist mir bei der Betrachtung der Blechbüchse klar geworden: eine Blechbüchse wie jede andere -- und doch: keine, nein, keine Blechbüchse, sondern . . .«

»Tsss . . .«

»Eine Blechbüchse -- furchtbaren Inhalts!«

»Tragen Sie nur die Blechbüchse geschwind in die Newa; dann wird sich auch alles geben, alles wird wieder auf seine richtige Stelle kommen . . .«

»Nein, nein, nie wird es wieder, wie es war, nie . . .«

Er sah sich traurig nach den vorübergehenden Paaren um; er seufzte traurig, denn er wußte: nie wird es wieder, wie es war, nie, nie wieder . . .

Alexander Iwanowitsch staunte über den Beredsamkeitsstrom, der sich aus dem Munde Ableuchows ergoß; er wußte im Grunde genommen gar nicht, was er damit anfangen solle: sollte er ihn beruhigen, ihm beipflichten oder ihm im Gegenteil widersprechen; oder das Gespräch abbrechen (Ableuchows Anwesenheit bedrückte ihn jetzt sehr).

»Ihre Empfindungen, Nikolai Apollonowitsch, erscheinen nur Ihnen selbst merkwürdig; Sie sind einfach bis jetzt in ungelüftetem Zimmer dagesessen und haben Kant studiert; nun gerieten Sie in einen Wirbelsturm, und da begannen Sie auf sich aufzupassen . . . Sie horchten auf den Sturm und entdeckten sich selbst in ihm . . . Ihre Empfindungen sind schon oft und oft beschrieben worden; sie sind Gegenstand der Beobachtungen, des Studiums . . .«

»Wo aber, wo?«

»In der Belletristik, in der Lyrik, in der Psychiatrie, in okkultischen Forschungen . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte unwillkürlich über diese schreiende (von seinem Standpunkte) Unwissenheit dieses geistig hochentwickelten Scholastikers, dann fuhr er lächelnd fort:

»Der Psychiater . . .«

»?«

»Würde es bezeichnen . . .«

»Ja, ja, ja . . .«

»All das . . .«

»Dieses: >das und wieder nicht das<?«

»Ja, nennen Sie es, wie Sie wollen; er würde es mit dem ihm geläufigen Worte: >Pseudohalluzination< bezeichnen.«

»?«

»Das bedeutet -- eine Art symbolischer Empfindungen, die dem reizauslösenden Geschehnis nicht entsprechen.«

»Ah was: so etwas sagen ist so gut wie nichts sagen.«

»Ja, Sie haben wohl recht.«

»Nein, solche Erklärung kann mich nicht befriedigen . . .«

»Gewiß, der Ultramoderne würde diese Empfindungen als die der Urtiefe bezeichnen, das heißt, er würde einer nicht alltäglichen symbolischen Empfindung ein passendes Bild zu geben versuchen.«

»Das wäre doch nur eine Allegorie.«

»Verwechseln Sie nicht Allegorie mit Symbol: Allegorie ist ein Symbol, das zu einer stehenden Redensart geworden ist; ein Beispiel dafür ist das übliche >außer sich<; das Symbol aber ist eine Appellation an das wirklich Erlebte, zum Beispiel von Ihnen -- an Ihr Erlebnis bei der Blechbüchse; es ist eine Aufforderung an die anderen, künstlich das zu erleben, was der Betreffende wirklich erlebt hatte . . . Doch wäre ein anderes Wort hier zutreffender: nämlich: das Pulsieren des Elementarkörpers. In dieser Weise hatten Sie eben Ihr Erlebnis gehabt; die erlebte Erschütterung hat Ihren Elementarkörper ganz real mitgerissen, er hat sich für einen Augenblick von Ihrem physischen Körper gelöst, und darin liegt der Grund all Ihrer Empfindungen: stehende Redensarten wie >Abgrundtiefe< oder >außer sich< haben Tiefe angenommen, wurden für Sie lebenswahr, wurden Symbol; nach der Lehre verschiedener mystischer Schulen verwandeln die Erlebnisse des Elementarkörpers Worte und Allegorien in Realitäten und Symbole; die Werke der Mystiker sind erfüllt von solchen Symbolen, und ich würde Ihnen raten, jetzt, nachdem Sie das alles erlebt haben, die Mystiker zu lesen . . .«

»Ich sagte Ihnen schon, daß ich es tun werde . . .«

»Was Ihre Erlebnisse selbst betrifft, so kann ich nur noch folgendes hinzusetzen: Ihre ersten Empfindungen nach Ihrem Tode werden ganz derselben Art sein, wie Plato, gestützt auf das Zeugnis der Bacchanten, uns versichert . . . Es gibt Experimentalschulen, in denen man solche Empfindungen bewußt hervorruft. Sie glauben es nicht? . . . Solche gibt es, das kann ich Ihnen fest versichern, denn mein einziger Freund, der mir überhaupt am nächsten stehende Mensch, gehört einer solchen Schule an; die Experimentalschule würde Ihren Alpdruck durch zielbewußte Arbeit in gesetzmäßige Harmonie verwandeln, indem sie den Rhythmus, die Bewegungen, die Pulsation studieren und das nüchterne Bewußtsein in die Empfindungen einführen würde, zum Beispiel in das Gefühl der Ausbreitung . . . Übrigens stehen wir noch immer da und plaudern . . . Sie müssen nach Hause eilen und die Blechbüchse ins Wasser werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen Schritt hinaus (Sie werden sicher beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen, trinken Sie Brom, und lesen Sie die Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt . . . Übrigens lassen Sie lieber das Brom; Brom stumpft das Bewußtsein ab; wer Brom mißbraucht hat, der taugt zu nichts mehr . . . Und ich muß nun eilen, in Ihrer Sache.«

Alexander Iwanowitsch drückte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den Strom schwarzer Hüte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief:

»Vergessen Sie nicht -- die Blechbüchse in den Fluß!«

Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der Vielfüßler mit sich fort.

Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbüchse brodelte ja inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus an der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke nehmen; zu Hause werde er _sie_ in die Tasche stecken, und dann in die Newa mit ihr!

Nikolai Apollonowitsch fühlte plötzlich wieder, wie er sich zu dehnen begann; zugleich fühlte er: es rieselt.

Die Karyatide

Dort hinter der Kreuzung gähnte wie ein dunkler Schlund die Straße; steinern erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.

Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow unbeschränkt herrschte.

Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze; zyklisch verlaufen selbst die Zeitperioden. Die bärtige Karyatide aber erhob sich über die Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen Huf gegen die Mauer; man glaubte: gleich würde sie sich losreißen und als Steinmasse auf die Straße stürzen.

Und doch -- sie stürzt nicht hinunter.

Was sie über sich sieht, ist wie das Leben veränderlich, unerklärlich, unfaßbar: Wolken ziehen dahin; die weißen Schäfchen wandeln sich in weiße Unfaßlichkeiten; oder -- es rieselt; es rieselt -- so wie jetzt, wie gestern, wie vorgestern.

Das, was sie zu ihren Füßen sieht, ist ebenso unveränderlich wie sie selbst: unveränderlich ist der Zug des menschlichen Vielfüßlers auf dem erleuchteten Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen Feuchtigkeit: das tödlich eintönige Schlürfen der dahineilenden Füße; und ewig grün sind die Gesichter; nein, an ihnen sieht man nicht, daß große Ereignisse im Gange sind.

Wer den dahinziehenden Strom von Hüten beobachtete, hätte nicht gesagt, daß schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertönte: »Staatsbürger! . . .«, daß der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik entdeckt hat, daß in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; daß an zehn Universitäten Rußlands Meetings abgehalten wurden -- an ein und demselben Tag, zu ein und derselben Stunde; daß zur gleichen Zeit Tausende überzeugter, jüdischer Revolutionäre zu Versammlungen zogen; daß die Bewohner von Perm rumorten; daß im selben Augenblick die von Kosaken umzingelte Stahlfabrik in Reval die rote Flagge gehißt hat.

Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, hätte nicht gesagt, das von überallher neues Leben hervorsprudelte; daß schon auf der Strecke Moskau -- Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; daß auf vielen anderen Strecken die Arbeit eingestellt wurde; daß die Arbeiter in den Bahnhöfen die Fenster einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstörten; daß Zehntausende vom Starrkrampf getroffene Waggons überall stillstanden, daß der Verkehr allmählich erstarb. Angesichts dieses Hutstroms hätte niemand gesagt, daß in Petersburg die Ereignisse in vollem Gange waren, daß sich die Setzer aller Zeitungen vereint und eigene Delegierte gewählt haben; daß an den Riesenwerken bei Petersburg gestreikt wurde und überall in den Vororten die mandschurischen Mützen zu sehen waren; daß jeder einzelne -- _er_ und doch wieder _nicht er_ war; daß der Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern dahinzog mit dem Gefühl der Unruhe in sich; daß jeder die Empfindung hatte, sein Kopf sei ein »Idiotenkopf mit offenen Schädelnähten«, daß dieser Kopf jeden Augenblick von einem Säbel oder sogar von einem einfachen Holzknüppel gespalten werden konnte. Hätte da einer sein Ohr auf den Boden gedrückt und gelauscht -- er hätte ein liebliches Gemurmel vernommen: ein Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur Krim, von Libau bis Blagoweschtensk ausbreitete.

Doch war die Zirkulation noch ungestört: monoton, langsam, leblos zog noch der Hutstrom zu den Füßen der Karyatide dahin.

* * *

Die graue Karyatide beugte sich vornüber und blickte auf die sich immer gleichbleibende Menge zu ihren Füßen; unendlich war die Verachtung, die sich im alten Stein der Augen ausdrückte; unendlich war der Überdruß, unendlich die Verzweiflung.

Und -- o, hätte sie doch die Kraft!

Wie hätten sich die muskulösen Arme über die steinernen Schultern gereckt; und der von dem Meißel zerhauene Nacken -- wie flöge er wild nach oben; in einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brüllen risse sich der Mund auf; du hättest gesagt: »Es ist das Brüllen des Sturmes« (so brüllten die schwarzen Tausende von Mützen der Huligans während der Pogrome). Wie aus einer Lokomotive würde sich auf die Straße ein Dampfstrom ergießen; die von der Straße losgerissene Balkonbalustrade würde erstaunt auf das Pflaster aufschlagen und in laut tönende, feste Steine zerfallen (so fielen bald darauf die Steine gegen die Fenster der Regierungsgebäude); zu einem Steinhagel würde dieses Meißelwerk werden, während es erst in der trüben Luft einen ebenso trüben wie blendenden Bogen bilden würde; und als blutige Splitter würden diese Hagelkerne auf den erschreckten Hüten der hier monoton, langsam, leblos Vorüberziehenden liegenbleiben . . .

* * *

An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prächtige Tür auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers sprang heraus, um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild an und rollten pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der graue Lakai mit dem glattrasierten Gesicht streckte sich mit dümmster Miene in Positur, während Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem Rücken, unrasiert, mit krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhängender Unterlippe seine schwarz behandschuhte Hand an den Rand des glänzend schwarzen Zylinders führte.

Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgültigkeit erfüllten Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze Brücke, auf die gleichmäßige Fläche der Newa, in der sich die dumpfe, vielschlotige Ferne zeichnete, während sich hinten aschgrau die Wassiljewski-Insel breitete mit den vielen Tausenden von Streikenden, die sie beherbergte.

Der stramme Diener schlug die Wagentür zu, die das alte Wappen, einen Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen stürmte in den schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des Issakijdoms, an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den Newskij, wo die Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Säuseln der rote flatternde Stoff über die Straße spannte; die schwarzen Konturen des Wagens, die Silhouette vom Dreimaster des Lakaien durchschnitt plötzlich die schwarze, dichte Masse, aus der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug.

Der Wagen hielt in der Menge.

Fort, fort, Tomy!

»Mais j'espère . . .«

»Sie hoffen?«

»Mais j'espère que oui«, schallte des Ausländers Stimme hinter der Tür.

Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tönten absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins Zimmer führende Tür war halb offen.

Es wurde immer dunkler -- blauer.

Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin beschloß, nicht weiter zu horchen, und er überschritt die Schwelle des Zimmers.

Ein schwerer Duft erfüllte hier die Luft: eine Mischung von Parfüm und scharfer Säure eines Medikamentes.

Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswürdigkeiten. Sie gab sich die größte Mühe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen; der Fremde wehrte aber dankend ab.

Es wurde immer dunkler -- blauer.

»Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett, daß ich Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Füße ab, und nehmen Sie Ihren Überzieher ab.«

Alexander Iwanowitsch drückte kühl Sojas Hand.

»Ich hoffe, Sie haben einen sehr schönen Eindruck von Rußland gewonnen . . . Nicht wahr? . . .« wandte sie sich wieder an den Fremden. -- »Welcher Aufstieg!«

Der Franzose trocken:

»Mais j'espère . . .«

Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Händchen und sah mit ihrem liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald Alexander Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den Augenhöhlen hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein; Soja Sacharowna war eine Brünette mit großem Kopf; ihre festen Wangen waren emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter.

»Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm?« fragte sie wie beiläufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flüchtigen Frage verbarg sich eine gewisse Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit; vielleicht sogar Haß; doch die Unruhe, Feindseligkeit und der Haß verdeckte der Blick und das liebenswürdige Lächeln; so verdeckt die klebrige Süßigkeit der Bonbons, die allenthalben in den Läden verkauft werden, all den Schmutz der ungelüfteten Räume, wo sie gemacht werden.

»Ich werde auf ihn warten.«

Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er nach einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander Iwanowitsch aß Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna ließ inzwischen den Franzosen nicht los:

»Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . Überall Mut und Jugend . . . Der zukünftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben Sie es nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hören Sie nur die Reden voll überschwenglicher Gefühle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an . . .«

Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprächs zu haben.

»Pardon, madame, monsieur viendrat il bientôt?«

Um dieses Gespräch, das sonderbarerweise sein nationales Gefühl verletzte, nicht zu hören, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast über einen buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend gemächlich einen Knochen bearbeitete.

Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer dunkler -- blauer.

Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte -- eins, zwei, drei! -- und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten flatterte in der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten; die Lichter am Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vieläugige Strand borstete sich mit seinem Schilf; weit, weit tönte eine Sirene.

Was für ein Wind!

»Bitte, da ist die Aschenschale . . .«

Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem Protestgefühl heraus.

»Wer singt denn da?«

Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, daß sie den Fragenden als einen rückständigen Menschen betrachtete.

»So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewiß: Sie wissen es eben nicht . . . Also: es ist nämlich Schischnarfijew . . . was das aber heißt -- hinter seinen vier Wänden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen sehr angeschlossen . . .«

»Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehört . . .«

»Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . .«

Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als hätte Alexander Iwanowitsch an den künstlerischen Fähigkeiten des genannten Sängers in unangebrachter Weise Zweifel geäußert. Doch Alexander Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Künstlers zu bemäkeln.

Er fragte bloß:

»Ist er Armenier? Bulgare? Georgier?«

»Nein, ach nein . . .«

»Chorwate? Persier?«

»Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in Ispaganj beinahe umgebracht worden . . .«

»Ah, so: er ist also ein Jungperser?«

»Selbstverständlich . . . Sie wußten es nicht? . . . Schämen Sie sich . . .«

Soja Sacharowna übergoß ihn mit einem verächtlichen Blick und wandte sich wieder dem Franzosen zu:

Alexander Iwanowitsch hörte der Unterhaltung der beiden nicht zu, natürlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene Baritonstimme; der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und tiefe Wehmut wehte von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flüchtig ging es aber Alexander Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, daß Soja Sacharownas Gesichtszüge den verschiedensten schönen Frauen entnommen sein konnten: der einen die Nase, der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen ergaben die Züge jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und das nichts weniger als schön war. Ihrem Typus nach gehörte aber Soja Sacharowna zu den üppigen orientalischen Brünetten.

Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an Dudkins Ohr:

»Es handelt sich wohl um das Geld?«

Schweigen.

»Das Geld aus dem Auslande wird man wohl benötigen.«

Zur Antwort eine unruhige Handbewegung.

»Nach der Zerstörung der Organisation in T. T. wäre es ratsamer für Ihren Redakteur, nicht hierherzukommen . . .«

Der Franzose gab keinen Laut von sich.

»Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . .«

Alexander Iwanowitsch hörte wieder das elegische Singen des Jungpersers. Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch sagte er:

»Je serai bien triste d'avoir manqué l'occasion de parler à monsieur.«

»Sie können ebenso mit mir sprechen . . .«

»Excusez, dans certain cas je préfaire parler personnellement . . .«

Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster.

Zwischen den Zweigen sah man die weiße Gischt der Wellen schimmern, dämmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und über den Segeln verdichtete sich blau der Abend.

Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dämmernden Blau.

Da hielt plötzlich vor der Gartentür eine Droschke, und ein korpulenter Herr wälzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem halben Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange im Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tüte rutschte dabei nach unten, und flugs kullerten mehrere schöne Äpfel im Schmutz der Straße.

Der Herr beugte sich, um die Äpfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schließen der Gartentür wären ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen.

Endlich schritt er auf dem gelben, von Sträuchern umsäumten Gartenweg dem Hause zu; sofort verbreitete sich eine drückende Atmosphäre; der mit einer Ohrenmütze bedeckte geierartige Kopf saß schwer auf den Schultern; die tiefsitzenden Äuglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie sie es immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden Augen blickten müde und fest zu den Fenstern des Hauses hinüber.

Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere, eigene Freude, zu der sich Müdigkeit und Traurigkeit gesellten -- eine rein tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwärmen und in ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu können. So erscheint das Raubtier, während es in seine Höhle zurückkehrt, zahm und mild und läßt die auch ihm innewohnende Gutmütigkeit erblicken; es beschnuppert dann wohlwollend sein Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab.

War das _er_?

Ja, das war _er_; und _er_ sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch: es war _er_.

* * *

»Da kommt er auch!«

»Enfin . . .«

»Lipantschenko! . . .«

»Guten Tag . . .«

Mit freudigem Knurren sprang der gelbe Bernhardiner auf und warf sich, mit einem Satz an die andere Ecke des Zimmers gelangend, seinem Herrn auf die Brust.

»Fort, fort, Tomy! . . .«

Lipantschenko, bemüht, die Pakete vor dem Hunde zu schützen, hatte nicht ein mal Zeit gehabt, seine ungerufenen Besucher in Augenschein zu nehmen: auf seinem breiten, flachen Gesicht drückte sich teils Humor, teils hilfloser Zorn aus; ein direkt kindlicher Zug huschte plötzlich in seinem Gesicht auf:

»Schon wieder das Ablecken!«

Er wandte sich hilflos von Tomy ab und rief:

»Soja Sacharowna, so helfen Sie mir doch loszukommen . . .«

Aber schon berührte die breite Hundezunge ehrfurchtslos die Nasenspitze des Herrn; dieser schrie laut auf (und dabei, man denke nur, lächelte er) . . .

»Aber Tomy!«

Da erst bemerkte er die Besucher, die auf ihn warteten und etwas ungeduldig über das Familienidyll lächelten; die Heiterkeit verschwand aus seinem Gesicht, und er sagte etwas barsch und wenig höflich:

»Bitte, gleich . . .«

Dabei bebte die herunterhängende Unterlippe, und man konnte ihr ablesen:

»Selbst hier keine Ruhe . . .«

Er ging in eine Ecke und bemühte sich lange, die neuen und etwas engen Überschuhe abzustreifen; dann legte er ebenso langsam den Überzieher ab, wobei er schwer und mühevoll etwas aus der Tasche hervorzog (man hätte glauben können -- einen zwölfläufigen Browning); was aber zum Vorschein kam, war -- eine Puppe.

Diese Puppe warf er auf den Tisch mit den Worten:

»Das ist für Akulinas kleine Manja . . .«

Da sperrte jeder der Besucher den Mund auf.

Endlich wandte sich der Hausherr, indem er sich die erfrorenen Hände rieb, mit gewissem, verlegenem Mißtrauen an den Franzosen:

»Bitte . . . da hinein . . . da . . .«

Zugleich warf er Dudkin zu:

»Bitte gefälligst zu warten . . .«

Häßlich . . .

Seltsam!

Das Verhalten der _gewissen Persönlichkeit_ Dudkin gegenüber hatte bis zu diesem Tage den Charakter größter Verbindlichkeit getragen; ja, es war nur Verbindlichkeit gewesen, und zwar Verbindlichkeit etwas zudringlicher Art; durch Monate hindurch, bei den verschiedensten Anlässen oder auch ohne diese hatte die gewisse Persönlichkeit ein Ornament aus Schmeichelei um Dudkin gewoben: diese Schmeichelei ernst zu nehmen -- das war so angenehm gewesen.

Und Dudkin hatte sie ernst genommen.