Petersburg

Part 18

Chapter 183,381 wordsPublic domain

»Und behauptete, eine solche Drohung wäre im Sinne der Partei, und die Partei billige so etwas? . . .«

»Na ja, sie billige es . . .« Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt und versuchte einzuwenden:

»Sie werden sich erinnern, daß auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile der Partei . . .«

»Was hab' ich gesagt?« rief lebhaft und streng Dudkin.

»Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . .«

»Unsinn!« Dudkins ganzer Körper zuckte, und er beschleunigte den Schritt.

Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein Schuljunge auf Dudkins Fragen und lächelte unnatürlich. Dann fuhr er fort zu erzählen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant.

Es waren vollständige Fieberphantasien.

Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wären sie schon längst wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde richtet, wirklich existierte.

* * *

Schwarze Menschenschwärme wälzten sich ihnen entgegen: Hunderte von schwarzen Hüten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich über den Wellen; eine Straußfeder schäumte vor ihnen auf; Tellermützen lächelten sie an: blaue, gelbe und rote Mützen.

Von überall her lugten zudringliche Nasen.

Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und Hühnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grünliche, grüne, blasse, weiße und rote Nasen.

All das wälzte sich ihnen entgegen auf der Straße: sinnlos, eilend, massenhaft.

Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschließen, mit der Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des schrecklichen Briefes konnte unmöglich im Auftrage der Partei gehandelt haben, ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschließlich beschäftigte: diese Frage war ja für ihn von äußerster Wichtigkeit -- seiner praktischen Konsequenzen wegen; und sie füllte sein ganzes Hirn aus.

»Sie glauben also -- Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum eingeschlichen?«

Nachdem er diesen zögernden Versuch gemacht hatte, an die ihn beschäftigende Frage heranzugehen, fühlte Nikolai Apollonowitsch, wie brennende Ameisen über seinen Körper zu kriechen begannen: wie, wenn das alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn von neuem.

»Sie sprechen von dem Brief?« hob Alexander Iwanowitsch die Augen, nachdem er sich von dem Strom von Köpfen, Hüten, Schnurrbärten losgerissen hatte.

»Selbstverständlich -- nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein Irrtum: es ist ein niederträchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das Unsinnige ist tadellos durchgeführt und verrät ein sicher gestecktes Ziel: sich in die Beziehungen zweier eng miteinander verknüpften Menschen zu drängen, sie verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu ertränken.«

»Dann helfen Sie mir aus der . . .«

»Eine unglaubliche Verhöhnung,« unterbrach ihn Dudkin, »ein Hineinziehen von Klatsch und Schauermärchen . . .«

»Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . .«

»Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhängnis, nach Grauenhaftem . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . .«

»All das ist ein Schauermärchen . . .«

Von Mitleid übermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand entgegen; dabei merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als er (Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Größe gesegnet).

»Versuchen Sie Ihre ganze Kaltblütigkeit zu bewahren . . .«

»Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltblütigkeit reden; ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . . ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll . . .«

»Warten Sie . . .«

»Werden Sie zu mir kommen?«

»Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen.«

Er sagte es so überzeugt und sicher, ja, fast feierlich, daß sich Ableuchow sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, überschätzte Alexander Iwanowitsch in seiner Aufwallung von Mitleid, die Möglichkeit für ihn zu helfen, in hohem Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen? Er war ein Einsamer, durch die konspirative Stellung von der Außenwelt Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur Parteitätigkeit ab; dem Komitee selbst aber hat er nie angehört, obschon er Ableuchow großsprecherisch vom Stabsquartier erzählt hatte; das einzige, was er tun konnte, war -- mit Lipantschenko Rücksprache zu nehmen. Vor allem jedoch hieß es, den bis zum Äußersten erschütterten Ableuchow zu beruhigen.

Und er tat es.

»Ich hoffe, daß es mir gelingen dürfte, die verworrenen Fäden wieder zu ordnen; ich werde heute noch die nötigen Erkundigungen einziehen und . . .«

Er stockte; die nötigen Aufklärungen konnte ihm nur Lipantschenko geben; sonst niemand; wie aber, wenn dieser nicht in der Stadt war?

»Und . . .?«

»Und werde Ihnen morgen Antwort geben.«

»Ich danke Ihnen, ich danke.« Und Nikolai Apollonowitsch begann ihm in überschwenglicher Rührung die Hände zu drücken; das machte Alexander Iwanowitsch etwas verlegen; alles hing ja doch davon ab, ob Lipantschenko in der Stadt war und über welches Material dieser verfügte.

»Lassen Sie es nur: wir sind ja an der Sache alle gleich interessiert.«

Doch Nikolai Apollonowitsch, der bis zu diesem Augenblick nur Grauen empfunden hatte, vermochte jedes Hilfe versprechende Wort entweder ganz apathisch oder begeistert aufzunehmen.

Und Nikolai Apollonowitsch reagierte mit Begeisterung.

Alexander Iwanowitsch versank inzwischen wieder in seine Gedanken; eine kleine Tatsache beschäftigte ihn: Ableuchow versicherte ihm ja, daß der furchtbare Auftrag von einem Anonymus ausging; dieser Anonymus hatte Ableuchow wiederholt geschrieben; es war nun klar: dieser Anonymus war eben ein Provokator.

Weiter . . .

Aus den verworrenen Reden Ableuchows waren immerhin einige Folgerungen möglich: es haben zwischen ihm und der Partei besondere Beziehungen bestanden; aus diesen Sonderbeziehungen wucherte das Gemeine hervor; Alexander Iwanowitsch suchte sich noch etwas zu erklären, doch vergeblich: die Fülle der an ihnen vorbeiziehenden Nasen, Schnurrbärte, Schultern lenkte seine Gedanken von der gegebenen Richtung ab.

Der Newskij-Prospekt

Schultern, Schultern und Schultern zogen vorbei; sie bildeten zusammen einen pechschwarzen Brei; einen sehr zähen und langsam fließenden Brei; an diesen Brei heftete sich sofort auch die Schulter des Alexander Iwanowitsch, sie blieb sozusagen an ihm kleben; und Alexander Iwanowitsch Dudkin folgte seiner eigenwilligen Schulter, dem Gesetz der Unteilbarkeit des menschlichen Körpers gehorchend; so wurde er auf den Newskij-Prospekt geschleudert; wie ein Kaviarkörnchen wurde er in einen dicken Brei hineingedrückt.

Was ist ein Kaviarkörnchen? Es ist eine Welt und ein Konsumtionsgegenstand zugleich; als Konsumobjekt stellt das Kaviarkörnchen keine befriedigende Einheit dar; diese Einheit ist der Kaviar selbst: die Gesamtsumme der Kaviarkörnchen; der Konsument kennt keine Kaviarkörnchen, er kennt den Kaviar, den er auf das Butterbrot gestrichen bekommt. So werden Körper, einzelne Individuen, die auf das Trottoir des Newskij-Prospekts hineingeraten, zu einem Teil eines größeren Körpers, sie werden zu Körnchen des Kaviars: die Trottoire des Newskij-Prospektes sind die Butterbrotflächen. Dasselbe geschah auch mit Dudkins Körper, der aufs Trottoir geriet; dasselbe geschah auch mit seinen ihn beschäftigenden Gedanken: er verschmolz sich mit einem fremden, mit dem Verstand nicht zu fassenden Gedanken -- dem Gedanken des riesigen, vielbeinigen Wesens, das durch den Newskij-Prospekt zog.

Auf dem Newskij-Prospekt gab es keine Menschen, dort war nur ein laut tönender, kriechender Vielfüßler; eine Vielheit von Worten wurde an ein und derselben Stelle durch eine Vielheit von Stimmen abgelagert; richtig geordnete Sätze wurden dort zerhackt durch Anprallen aufeinander; und die Worte flogen sinnlos und wahnsinnig geworden auseinander wie die Scherben zerschlagener, leerer Flaschen, die früher an einer bestimmten Stelle gelegen waren. Durcheinandergebracht verbanden sich die Worte dann wieder in einen endlosen Satz, ohne Anfang und Schluß; dieser Satz war jedes Sinnes beraubt und schien aus sinnlosen Fabeln zu bestehen: die endlose Sinnlosigkeit eines Satzes hing wie eine Rußwolke über dem Newskij-Prospekt; in der Luft erhob sich der schwarze Rauch der Hirngespinste.

Alexander Iwanowitsch riß seine Gedanken wieder aus der Flut zurück; sie kamen aus dem fließenden Wirrwarr ordentlich beschmutzt hervor; nach dem Bad in dem gedanklichen Kollektiv wurden auch seine Gedanken zu einem Wirrwarr, mit Mühe richtete er sie auf, die Worte, die gegen sein Ohr schlugen: auch die Worte des Nikolai Apollonowitsch; diese Worte klopften schon fortwährend an sein Ohr, aber fremde Worte drängten sich wie Splitter dazwischen und zerrissen die Sätze; Alexander Iwanowitsch konnte deswegen nicht den Sinn dessen auffangen, was an sein Trommelfell gelangte.

»Verstehen Sie,« -- trommelte es vor seinem Ohr -- »verstehen Sie mich, Alexander Iwanowitsch . . .«

»O ja, ich verstehe . . .«

Das Ohr Alexander Iwanowitschs bemühte sich, den an ihn gerichteten Satz aus dem Wirrwarr herauszuziehen, das war aber nicht leicht, denn fremde Worte fielen wie ein Steinhagel dazwischen:

»Ja, ich verstehe Sie . . .«

»In der Blechbüchse dort« -- trommelte es wieder -- »bewegte sich ein Leben: dort tickte so seltsam ein Uhrwerk . . .«

Alexander Iwanowitsch dachte:

»Blechbüchse? Was für eine Blechbüchse? Und was geht mich seine Blechbüchse an?«

Als er aber seine Aufmerksamkeit konzentriert hatte, begriff er plötzlich, daß der Senatorsohn von der Bombe sprach.

»Als ich sie aufgezogen hatte, begann sich drinnen ein Leben zu bewegen; und erst war sie doch tot . . . Ich habe nur den Schlüssel umgedreht und ja . . . und . . . ja, es schluchzte sogar etwas darin, ich versichere Sie; wie ein Betrunkener, den man aus dem Schlaf gerüttelt hat.«

»Haben Sie sie denn aufgezogen?«

»Ja, und sie begann zu ticken . . .«

»Die Uhr?«

»Auf vierundzwanzig Stunden.«

»Wozu haben Sie das getan?«

»Ich habe die Blechbüchse auf den Tisch gestellt und sah sie an, betrachtete sie; die Finger streckten sich von selbst nach ihr -- einfach so, sie drehten von selbst den Schlüssel um . . .«

»Was haben Sie gemacht?!! Geschwind in den Fluß mit ihr!!«

In aufrichtigem Schreck schlug Alexander Iwanowitsch die Hände zusammen; seine Halsmuskeln zuckten.

»Verstehen Sie: sie schnitt eine Grimasse . . .«

»Die Blechbüchse?«

»Ich wurde überhaupt, während ich vor ihr stand, von verschiedenen Empfindungen erfaßt, die einander rasch abwechselten, von sehr verschiedenen . . . Weiß der Teufel, was das war . . . Ich habe, aufrichtig gesagt, noch nie im Leben derartiges empfunden . . . Ein Ekel hatte mich gepackt, aber so, daß ich von Ekel zerrissen wurde . . . Das blödeste Zeug kam mir in den Kopf; und vor allem das Gefühl des Ekels, eines furchtbaren, unermeßlichen Ekels: schon die Form der Blechbüchse ekelte mich an, der Gedanke, daß darin früher Sardinen herumschwammen (nicht ausstehen kann ich sie!); es war ein Ekel wie vor einem großen, harten Insekt, das mir mit seinem Insektengeplapper ans Ohr schlug; denken Sie: es wagte mir etwas zuzuraunen . . . Ha? . . .«

»Hm . . .«

»Es war ein Ekel wie vor einem Rieseninsekt, dessen Körper mit Übelkeit erregendem Blech überzogen war . . . Ich weiß nicht: war es das Insektenhafte oder war es das Blecherne . . . aber wissen Sie, mich drückte so der Ekel, als ob . . . na, als ob ich sie hinuntergeschluckt hätte . . .«

»Hinuntergeschluckt!? Pfui Teufel . . .«

»Ja, weiß der Kuckuck: geschluckt; verstehen Sie, was das heißt? Ich wurde eine gehende Bombe mit zwei Beinen, in deren Leib es widerwärtig tickte.«

»Leiser doch, Nikolai Apollonowitsch, man kann uns hören!«

»Ach, was werden die verstehen! Das ist ja gar nicht zu verstehen . . . Man muß sie auf dem Tisch vor sich gehabt haben, ihr Ticken gehört haben, vor ihr gestanden sein . . . Kurz, man muß alles selbst erlebt haben, in seinen Empfindungen . . .«

»Ah, wissen Sie,« -- plötzlich wurde auch Alexander Iwanowitsch lebhaft -- »ich verstehe Sie: ein Ticken . . . Einen Laut kann man verschieden in sich aufnehmen: wenn man auf ihn horcht, kann man neben dem einen auch etwas anderes hören . . . Ich habe einmal einen Neurastheniker bis zur Raserei gebracht: ich begann nämlich im Gespräch mit ihm mit dem Finger leicht auf den Tisch zu klopfen, mit gewissem Vorbedacht, wissen Sie, im Takt zum Gespräch; plötzlich sah er mich an, verstummte, wurde blaß und fragte dann: >Was machen Sie?< Ich sagte: >Nichts<, fuhr aber fort, weiterzuklopfen . . . Denken Sie: der hat einen Anfall bekommen und war so verletzt, daß er mich von da ab bei Begegnungen auf der Straße nie mehr grüßte . . . Das kenne ich . . .«

»Nein, nein, nein: das kann man nicht verstehen . . . In mir hob sich etwas: Erinnerungen, unbekannte und doch bekannte Delirien . . .«

»Sie erinnerten sich Ihrer Kindheit, nicht wahr?«

»Als wenn sich alle Empfindungen von einer Binde gelöst hätten . . . Es bewegte sich etwas über dem Kopfe -- wissen Sie? Wenn sich einem die Haare sträuben -- das kann ich verstehen, aber das war es doch nicht, denn bei mir war der Schädel selbst offen. Jawohl: ich habe es diese Nacht verstehen gelernt, was das heißt: die Haare stehen einem zu Berge; es sind aber nicht die Haare: der ganze Körper ist es, der einem >zu Berge steht<, alles sträubte sich wie einzelne Härchen: die Beine, die Arme, die Brust; wie wenn alles mit unsichtbaren Haaren bedeckt wäre und jemand dir mit einem Strohhälmchen darüber führe; oder wie wenn du in ein Kohlensäurebad tauchst und die mit Gas gefüllten Luftblasen dir über den Körper laufen: kitzeln, pulsieren, immer rascher, immer schneller, so daß, wenn du still liegen bleibst, dieses Kitzeln, Pulsieren, Herumfahren zu einer mächtigen Empfindung wird; wie wenn dein Körper in Stücke zerrissen würde, die einzelnen Teile deines Körpers in verschiedene Richtungen auseinandergezerrt würden: vorn wird dir das Herz herausgerissen, hinten ein Stück deines Rückenmarks; du wirst an den Haaren nach oben gezogen; nach unten an den Beinen gezerrt . . . Dann machst du eine Bewegung, und alles beruhigt sich wieder . . .«

»Kurz: Sie waren wie Dionysos, der Gemarterte, Nikolai Apollonowitsch . . . Doch Scherz beiseite: Sie sind jetzt auf einmal ganz anders, ich erkenne Sie nicht . . . Jetzt sprechen Sie nicht nach Kant . . . So habe ich Sie noch nie reden hören . . .«

»Ja, ich sagte es Ihnen schon: meine Empfindungen haben sich gleichsam von einer Binde gelöst . . . Nicht nach Kant, meinen Sie. Was Kant? Dort ist alles anders . . .«

»Dort ist, Nikolai Apollonowitsch, eine ins Blut übergeleitete Logik, das heißt Hirnempfindung im Blut oder Totenruhe; nun näherte sich Ihnen ein wirkliches Ereignis des Lebens, und das Blut stieg Ihnen zum Hirn; daher hört man auch in Ihren Worten jetzt das Pulsieren wirklichen Lebens . . .«

»So stand ich, wissen Sie, vor ihr, und es schien mir . . . ja, worüber sprach ich?«

»Sie sagten: und es schien Ihnen . . .«

»Und es schien mir, ich selbst blähe mich auf; vielmehr: ich bin schon längst ganz aufgebläht; es sind vielleicht schon hundert Jahre, daß ich mich immer mehr aufblähe; ohne es gemerkt zu haben, lief ich als aufgeblähtes Monstrum herum . . . Das ist wirklich schrecklich.«

»All das sind Empfindungen . . .«

»Aber sagen Sie: bin ich nicht . . . nicht . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte mitleidig:

»Im Gegenteil, Sie sind etwas magerer geworden: Ihre Wangen sind eingefallen, unter den Augen sind bläuliche Ringe.«

»Ich bin dort vor ihr gestanden . . . Nein, nicht ich -- nicht ich, nein . . . ein Riese mit ungeheurem idiotischen Kopf, dessen Schädelnähte offen waren; und dabei pulsierte der Körper; über den ganzen, ganzen Körper liefen Nädelchen; sie stachen, schossen hinein; ich empfand deutlich auf einer Entfernung von mindestens einem Viertelarschin vom Körper die Stiche -- ganz außerhalb des Körpers! . . . Ah! . . . Denken Sie nur! . . . Ich empfand unzählige Stiche körperlicher Art -- außerhalb des Körpers . . . Und diese Stiche, die Pulsschläge -- begreifen Sie doch das! -- zeichneten mein Kontur über den Grenzen meines Körpers, diesseits der Haut: die Haut befand sich innerhalb des Empfindungskreises. Was war das? Sollte ich umgekrempelt gewesen sein, mit der Haut nach innen? Oder war mein Hirn nach außen übergesprungen?«

»Sie waren einfach außer sich . . .«

»Sie haben gut zu sagen >außer sich< -- das sagen eben alle. Das ist ja nur eine Allegorie, die sich nicht auf körperliche Empfindungen stützt; oder, im besten Fall, nur auf eine Emotion. Ich fühlte mich aber >außer mir< ganz körperlich, sozusagen physiologisch, nicht emotional . . . Gewiß, ich war auch zugleich in Ihrem Sinne außer mir, das heißt, ich war erschüttert. Die Hauptsache war aber, daß sich meine organischen Empfindungen, die Empfindungen meiner Sinnesorgane um mich herum ausbreiteten, sich in den mich umgebenden Raum ergossen, erweiterten: ich flog auseinander wie eine Bombe . . .«

»Tsss!«

»In kleine Teile! . . .«

»Es kann uns jemand hören . . .«

»Wer war es also, der dort gestanden hat -- ich oder nicht ich? Das geschah mit mir, in mir, außerhalb meiner . . . Merken Sie diese Anhäufung von Worten? . . .«

»Erinnern Sie sich: als ich neulich bei Ihnen war, wie ich das Paketchen brachte -- da fragte, ich Sie: Warum bin ich -- ich? Sie haben mich damals nicht verstanden . . .«

»Und jetzt habe ich alles begriffen: aber das ist doch ein Schrecken, ein Schrecken . . .«

»Es ist kein Schrecken, sondern das wahrhaftige Erleben des Dionysos: kein Erleben in Worten, im Buch . . . Ein Erleben des sterbenden Dionysos . . .«

»Der Teufel weiß, was das ist!«

»Beruhigen Sie sich doch, Nikolai Apollonowitsch! Sie sind furchtbar müde; und das ist nicht zu verwundern: in einer Nacht so viel zu erleben . . . Das könnte auch einen Stärkeren umwerfen.«

Alexander Iwanowitsch legte ihm die Hand auf die Schulter; die Schulter bebte; Alexander Iwanowitsch empfand jetzt direkt das Bedürfnis, sich von dem nervös plappernden Ableuchow frei zu machen und über das Geschehene ins klare zu kommen.

»Ich bin ja ruhig, vollständig ruhig; ich wäre jetzt sogar nicht abgeneigt, ein Gläschen zu trinken; ich fühle mich gehoben, frisch . . . Sie können mir ja mit Sicherheit bestätigen, daß der Auftrag ein Schwindel war?«

Das konnte nun Alexander Iwanowitsch nicht mit Sicherheit sagen; trotzdem sagte er kurz und ungemein heftig:

»Ich bürge dafür . . .«

Die Offenbarung

Endlich verabschiedete er sich.

Jetzt hieß es vorwärts schreiten: immerzu schreiten, schreiten bis zur völligen Berauschung des Gehirns; dann vor das Tischchen im kleinen Restaurant niedersinken, Wodka trinken und nachdenken.

Alexander Iwanowitsch fiel es plötzlich ein: der Brief, der Brief! Aber hatte er nicht selbst einmal einen Brief von der gewissen Person übernommen, um ihn -- Ableuchow zu übergeben?

Wie hatte er doch alles vergessen! Den Brief hatte er bei sich, als er Ableuchow damals mit dem Paket besuchte, doch hatte er vergessen, ihn abzugeben; er übergab ihn bald darauf Warwara Ewgrafowna, die ihm sagte, sie werde Ableuchow treffen. Sollte es am Ende der verhängnisvolle Brief gewesen sein? . . .

Aber nein doch, nein.

Dieser konnte es nicht gewesen sein; Ableuchow bekam ja jenen Brief, wie er berichtet hat, auf einem Ball durch eine -- Maske . . . Ball, Maske -- und Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa!

Nein, nein!

Das beruhigte Alexander Iwanowitsch: dieser Brief war es also nicht; so war er, Alexander Iwanowitsch Dudkin, an der Sache unbeteiligt; vor allem aber: der furchtbare Auftrag konnte nicht von Lipantschenko ausgehen; das behielt er als Haupttrumpf in der Hand; denn würde der Brief von Lipantschenko ausgegangen sein, so müßte dieser ihm als eine zweifelhafte Person erscheinen und er, Dudkin, würde sich dann sagen müssen, daß er mit einer zweifelhaften Person in Verbindung stehe.

Das wäre ein Wahnsinn.

Kaum, daß er sich all das überlegte, und im Begriff, einen Trambahnwagen zu besteigen, den Droschkenstrom zu durchqueren dachte, als er eine Stimme vernahm.

»Alexander Iwanowitsch, einen Augenblick . . . warten Sie . . .«

Er drehte sich um und sah Nikolai Apollonowitsch, der, kaum Atem holend, am ganzen Körper zitternd, mit Fieberflämmchen in den Augen, hinter ihm herlief und ihm zur Verwunderung der Passanten mit dem Stock lebhaft zuwinkte . . .

Einen Augenblick . . .

Herrgott, Sakra! . . .

Warten Sie, Alexander Iwanowitsch: ich kann mich nicht so ohne weiteres von Ihnen trennen . . . Ich muß Ihnen nur sagen . . . Er nahm Dudkin bei der Hand und führte ihn zum Schaufenster eines Ladens, wo sie nun stehenblieben.

»Mir eröffnete sich noch etwas . . . War es eine Offenbarung oder so etwas gewesen . . .? Dort vor der Blechbüchse . . .«

»Hören Sie, Nikolai Apollonowitsch, ich muß gehen: in Ihrer eigenen Sache . . .«

»Ja, ja, ja: nur noch einen Augenblick . . . eine kleine Sekunde . . .«

»Schön, schön: ich höre zu . . .«

Nikolai Apollonowitsch sah jetzt aus, als wäre eine Inspiration über ihn gekommen; vor Freude vergaß er, daß der Knoten eigentlich noch nicht gelöst war; und daß -- was die Hauptsache war: die Blechbüchse noch tickte und unermüdlich daran arbeitete, die vierundzwanzig Stunden zu überwinden.

»Wie eine Offenbarung war es: als wachse ich, wissen Sie, in die Unermeßlichkeit hinein, den Raum überwindend; ich versichere Sie: es war ganz real -- und zugleich mit mir wuchsen alle Gegenstände: das Zimmer, die Aussicht auf die Newa, die Spitze der Peter-Paul-Festung: alles wuchs, dehnte sich; schon näherte sich das Wachsen seinem Abschluß (es gab einfach keine Raummöglichkeit mehr), da schien es mir: in diesem Abschluß, in dem Ende des Wachsens, in seiner Vollendung lag der Anfang von irgend etwas, lag etwas Fertiges . . . Und dieses >Etwas< war so unfaßbar und so unangenehm und so sinnlos; sinnlos aber vielleicht nur deswegen, weil mir das Organ fehlte, mit dessen Hilfe ich in diesem Sinnlosen, dem über den Abschluß Hinausreichenden einen Sinn gefunden hätte. An Stelle der sinnlichen Empfindung hatte sich eine >Null _Null minus Etwas_< war.«

»Hören Sie,« unterbrach ihn Alexander Iwanowitsch: »sagen Sie mir lieber: hat Ihnen Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa einen Brief übergeben? . . .«

»Einen Brief? . . .«

»Ja, einen Brief? . . .«

»Ach, Sie meinen die Verse mit der Unterschrift >Flammende Seele<?«

»Na, ich weiß es nicht; kurz: haben Sie einen Brief von Warwara Ewgrafowna bekommen?«

»Ja, ja . . . Nun also: ich sage -- >_Null minus Etwas_<. Was ist das aber?«

Mein Gott, immer dasselbe!

»Sie sollten doch die Apokalypse lesen . . .«