Part 15
Pawel Jakowlewitsch beugte sich über das Büchlein; sein über den Tischrand sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Händen befestigt zu sein; einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetüm aus: Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen scheußlichen Kopf mit zwinkernden Äuglein, die Haare -- wie Wolle, die man einem Hunde ausgekämmt hatte; mit widerlicher Lachmiene ließ er seine zehn mit gelben Hautfalten überzogenen, hüpfenden Finger über die Blätter laufen: wie ein riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige Spinne, deren Pfoten über knisterndes Papier liefen.
Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow bloß erschrecken; es war nur ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das Büchlein Ableuchow über den Tisch zurück.
»Ich bitte; warum eigentlich diese übergroße Zuvorkommenheit . . . Ich habe ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhör zu nehmen . . . Ängstigen Sie sich doch nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei -- in direktem Auftrage der Partei tätig . . . Es war gar nicht nötig, daß Sie sich so aufregten, Nikolai Apollonowitsch, wahrhaftig nicht . . . Wäre ich wirklich ein Polizeibeamter, Sie wären jetzt sicher verhaftet; denn Ihre Geste, die war, wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faßten Sie sich an die Brust mit so erschrecktem Gesichtsausdruck, als befände sich bei Ihnen ein Dokument . . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten, wiederholen Sie nicht diese Geste, diese würde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen haben, aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Büchlein aus der Tasche hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewünscht wurde; Sie nahmen das Büchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas anderem abzulenken . . .«
* * *
»Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklich _das_ sind, wofür Sie sich ausgeben, -- He, Kellner, zahlen! -- ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle Ihre Grimassen -- unwürdig.«
Beide erhoben sich.
In den weißen, stinkenden Dampfwolken, die aus der Küche herüberdrangen, stand Nikolai Apollonowitsch -- blaß, weiß und wutschnaubend, den roten Mund ohne jegliches Lächeln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden müde gejagtes Tier; die Zähne fletschend, wandte er sich verächtlich gegen Morkowin, nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstück zugeworfen hatte.
Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon längst leer und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straßen der Wassiljewskij-Insel verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht überall ausgelöscht; das gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote Leere; im Halbdunkel zerrannen die Wände; von einem Tischchen erhob sich der fünfundvierzigjährige Seemann; einen Augenblick lang sprühten seine Augen grüne Funken um sich; dann verschwand er im Dunkel.
Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch:
»Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen.«
»Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . .«
»Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . .«
»Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . .«
* * *
». . . nun ja: über den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulösen gedenken . . .«
Mit ernstem Blick auf Ableuchow fügte er voll Würde hinzu:
»Die Partei erwartet Ihre unverzügliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch.«
Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter.
Die Restauranttür schlug hinter ihm zu.
Die vieläugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hüpften in seltsamen Lichtgestalten, indem sie sich für die lange Petersburger Nacht bereit hielten.
»Na, und wenn ich den Auftrag ablehne?«
»Dann verhafte ich Sie . . .«
»Sie? mich? verhaften?«
»Bitte nicht zu vergessen, daß ich . . .«
»Daß Sie ein Konspirator sind?«
»Daß ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . .«
»Was wird die Partei dazu sagen?«
»Die Partei wird mir recht geben.«
»Und wenn ich Sie anzeige?«
»Versuchen Sie es . . .«
Auf der großen eisernen Brücke sah sich Nikolai Apollonowitsch um: niemand, nichts . . . die nasse Brüstung, das grünliche, von Bazillen wimmelnde Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grün der Tiefe -- oder nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann ging er mit raschen, ungelenken Schritten weiter.
Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem Flug dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne über die Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhäuser der Inseln, die mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Höhe spreizte eine schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hände; eine Schar nach der anderen.
Vollständig leer war der Kai.
Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die Riesengestalt des kupfernen Reiters an.
Plötzlich teilten sich die Wolken, und ein grünlicher Rauchschleier überzog sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand alles in Flammen: das Wasser, die Dächer, der Granit; das Gesicht des Reiters blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glänzte; und er streckte befehlend die vielhundertzentnerschweren Hände direkt gegen Nikolai Apollonowitsch.
Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort:
»Ja, ja, ja . . .«
»Ich weiß, ich weiß . . .«
»Unrettbar verloren . . .«
* * *
. . . Es hieß sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren -- doch was? War es nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids so oft gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen die Adeligen, gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen Hals . . .
Endlich stieß er auf eine verspätete Droschke: die vierstöckigen Häuser fuhren -- sausten nun an ihm vorbei.
Das Admiralitätsgebäude schob seine achtsäulige Ecke vor; es schimmerte eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein weiß-schwarz gestreiftes Schilderhäuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen Mantel schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab.
Da sah plötzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt, die sich mit eiligen, verspäteten Schritten wie hüpfend auf dem Trottoir bewegte; diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt . . . er erkannte diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte jetzt zur Schwelle des gelben Hauses.
Apollon Apollonowitsch hörte hinter seinem Rücken das Poltern der Droschke; der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke den Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrümmt ein ältlich, krüppelhaft aussehender Jüngling, in unangenehmster Weise in seinen Mantel vollständig gehüllt.
Und es schien ihm, daß sich die Augen des unangenehmen Jünglings bei seinem Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen überholt und hüpfte mit zudringlichem Gepolter über die Steine dahin, während hinten die weiße Nummer schimmerte: 1095.
Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das Portal des gelben Hauses.
Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von der Morgenröte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an gewissen Kalendertagen die rotweißblaue Flagge über die Newa flatterte; und unter den Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen federgeschmückten Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt. Dieses alte Wappen gehörte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai Apollonowitsch, war durchbohrt -- doch von wem? Von wem?
Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel -- jene kleine, trockene Gestalt, in der . . . die . . . -- Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah aus -- wie der Tod in einem Zylinderhut.
Inzwischen kam die kleine Gestalt näher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie immer, ganz verwirrt.
Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bös aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und schuldbewußt, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen.
»Guten Morgen, Vater . . .«
Schweigen.
»So eine unerwartete Begegnung: ich komme nämlich von Zukatows.«
»So -- so: guten Morgen, Kolenka . . .«
Die Flügeltür flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug den beiden Ableuchows entgegen.
Die eine Seite etwas vorschiebend, schritt jeder von ihnen rasch durch die Tür.
Rot wie Feuer
Beide wußten, daß ihnen ein Gespräch miteinander bevorstand; dieses Gespräch war schon in all den vielen Jahren des Schweigens gereift; Apollon Apollonowitsch übergab dem wartenden Lakai Zylinder, Mantel und Handschuhe, doch hielt er sich sonderbarerweise mit den Gummischuhen lange auf; armer, armer Senator: wußte er denn, daß es gerade sein Sohn, Nikolai Apollonowitsch, war, der mit jenem Auftrage betraut war? Ebensowenig konnte Nikolai Apollonowitsch vermuten, daß sein Vater die Geschichte mit dem roten Domino genau kannte. Beide atmeten den wohlbekannten Geruch ihrer Wohnung ein; der silberschimmernde weiche Biber fiel auf die Hände des Dieners; in seinem Domino erschien nun Nikolai Apollonowitsch vor dem Vater.
»Ah . . . ah . . . Ein roter Domino? . . . Sieh mal her!«
»Ich war maskiert . . .«
»So--o . . . Kolenka . . . so--o . . .«
Als er seinen Sohn erröten sah, wurde er selbst rosig, und um dies zu verbergen lief er mit koketter Grazie die Treppe zum Vestibül zur Wohnung hinauf.
Nikolai Apollonowitsch blieb allein auf den Stufen der samtbelegten Treppe zurück, versunken in tiefes Nachdenken; doch die Stimme des Lakaien unterbrach seinen Gedankengang.
»Väterchen! . . . Dieses schäbige Gedächtnis! . . . Gnädiger Herr, lieber gnädiger Herr: es ist ja etwas vorgefallen! . . .«
»Was ist vorgefallen?«
»Etwas -- etwas . . . Ich wage es kaum zu sagen . . .«
Auf den Stufen der grauen, mit Samt belegten Treppe hielt nun Nikolai Apollonowitsch inne; durch das Fenster drang purpurnes Licht herein und bildete auf dem Boden ein Netz aus hellen Flecken.
»Es ist so etwas! Ja, also: unsere gnädige Frau . . .«
»Unsere gnädige Frau, Anna Petrowna . . .«
». . . ist zurückgekehrt!!«
* * *
»Wer ist zurückgekehrt?«
»Anna Petrowna! . . .«
»Wer ist denn das? . . .«
»Wieso -- wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur, lieber gnädiger Herr, als wären Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter . . .«
»?«
»Die gnädige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurückgekehrt . . .«
* * *
»Die gnädige Frau schickte erst einen Brief durch einen Boten: sie wäre in einem Hotel abgestiegen . . . Denn das läßt sich denken . . . Die Lage der gnädigen Frau ist eine solche . . .«
»?«
»Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als plötzlich -- ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf den Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstück . . .«
»Aber kaum war eine Stunde danach vergangen -- als . . . du meine Güte! Da erscheint die gnädige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher gewußt, daß niemand zu Hause war . . .«
* * *
»Es läutete also . . . Ich mach' die Tür auf . . . Vor mir steht eine fremde Dame, eine sehr würdige Dame; nur einfach gekleidet und -- ganz in Schwarz . . . Ich sage nun: >Sie wünschen, Gnädige?< Und die Dame zu mir: >Aber erkennst du mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?< -- Da habe ich rasch ihr Händchen geküßt: >Mütterchen, Anna Petrowna . . .<«
* * *
»Und Anna Petrowna -- Gott schenk' ihr Gesundheit -- sah so, sah mich so an . . . Sie sah mich an -- und brach in Tränen aus: >Ich will sehen, wie ihr da ohne mich lebt< . . . Das Taschentüchlein hat sie aus dem Täschchen gezogen . . .«
»Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen . . . Aber ich hab' unsere gnädige Frau doch reingelassen . . . Und sie . . .«
Der Greis machte große Augen; mit weitgeöffnetem Munde blieb er stehen und dachte bei sich, daß die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon längst den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu äußern -- rannte Nikolai Apollonowitsch ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, die Treppen hinauf, so daß die roten Atlasenden seines Dominos wunderlich in der Luft flatterten.
* * *
Ein schlechtes Zeichen
In den Zimmern blitzte schon die Sonne; die Inkrustation an den Tischen schoß ihre Strahlen in die Luft, und die Spiegel glänzten freudig; ja, sie lachten, die Spiegel, denn aus dem ersten von ihnen, der im Salon hing, vom Saal aber zu sehen war, blickte ein weißes, wie mit Mehl bestäubtes Gesicht; das war Nikolai Apollonowitsch, der unbeabsichtigterweise in den Salon hineinrannte, hier aber wie angewurzelt stehenblieb . . .
Nikolai Apollonowitsch sah nun, daß sein Vater ihn hier erwartete.
Statt des Sohnes erblickte Apollon Apollonowitsch im Spiegel eine einfache rote Marionettenpuppe; beim Anblick dieser Marionettenpuppe ging ihm der Atem aus; die rote Puppe aber blieb in der Mitte des Saals verlegen stehen . . .
Da näherte sich Apollon Apollonowitsch, unerwartet für sich selbst, der Tür und schloß sie; der Rückzug war abgeschnitten. Das Begonnene mußte erledigt werden. Das Gespräch über das sonderbare Verhalten des Sohnes betrachtete Apollon Apollonowitsch als einen schweren chirurgischen Eingriff. Wie der Chirurg zum Tischchen eilt, auf dem die Messer, Zangen, Feilen zurechtgelegt sind, so trat Apollon Apollonowitsch, sich die gelben Finger reibend, dicht an Nikolai heran; er suchte den ausweichenden Blick aufzufangen, nahm mechanisch das Brillenetui aus der Tasche, drehte es zwischen den Fingern eine Weile und steckte es wieder ein; er hüstelte behutsam, schwieg einen Augenblick und sagte:
»So -- so: ein Domino.«
Zugleich ging ihm durch den Kopf, daß dieser scheue Jüngling da, dessen grinsender Mund bis zu den Ohren reichte, der es nicht zustande brachte, einem gerade ins Gesicht zu sehen -- daß dieser scheue Jüngling und der Petersburger Domino, von dem die judäische Presse voll war -- ein und dieselbe Person war; daß er selbst, Apollon Apollonowitsch, die erstklassige Persönlichkeit und Träger alten Adels, daß er selbst diesen Jüngling gezeugt hatte; in demselben Augenblick sagte Nikolai Apollonowitsch etwas verlegen:
»Ja . . . es waren eben viele in Masken . . . da hab' auch ich mir . . . diesen Maskenanzug . . .«
Zugleich ging es Nikolai Apollonowitsch durch den Kopf, daß dieses zwei Arschin lange Körperchen seines Vaters, mit einem Umfang von höchstens zwölfeinhalb Werschok, das Zentrum und den Kreis eines unsterblichen Zentrums bilde: des darin sitzenden »Ich«; daß aber ein Ziegelstein, der sich irgendwo zufällig gelöst hatte, dieses Zentrum vernichten kann, vollständig vernichten. Vielleicht unter dem Einfluß dieses sich auf ihn übertragenen Gedankens lief Apollon Apollonowitsch eilig zum allerentferntesten Tischchen und begann darauf mit zwei Fingern zu trommeln. Inzwischen trat Nikolai Apollonowitsch mit schuldbewußtem Lächeln näher:
»Es war, weißt du, sehr lustig . . . Wir tanzten, weißt du . . .«
Zugleich aber dachte er: Haut, Knochen und Blut, kein einziger Muskel; aber dieses Hindernis -- Haut, Knochen und Blut -- muß durch den Willen des Schicksals in Stücke zerrissen werden . . .
»Dann weißt du, haben wir Petit jeu gespielt.«
Apollon Apollonowitsch sah fest dem Sohn ins Gesicht und antwortete nichts . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: einst war diese fremde Marionettenpuppe ein kleines Körperchen; dieses Körperchen hatte er mit väterlicher Zärtlichkeit auf den Armen getragen; der blonde kleine Knabe hatte sich eine Papiermütze aufgesetzt und war ihm auf den Nacken gestiegen. Apollon Apollonowitsch hatte mit etwas heiserer und zerrissener Stimme gesungen:
»Kolenka, der dumme Tropf, Hüpft und tanzet immer; Mit der Mütze auf dem Kopf Reitet er durchs Zimmer.«
Jetzt aber, jetzt? Nicht ein Körperchen sah Apollon Apollonowitsch vor sich, sondern einen Körper, und dieser Körper -- war groß und fremd . . . War er fremd? War er . . .?
Apollon Apollonowitsch, begann durchs Zimmer zu zirkulieren, auf und ab:
»Siehst du, Kolenka . . .«
Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen weichen Lehnstuhl nieder.
»Ich muß, Kolenka . . . das heißt, nicht ich muß, sondern -- wie ich hoffe -- wir müssen . . . miteinander sprechen: hast du jetzt die nötige Zeit dazu? Die Sache, die mich aufregt, besteht darin . . .«
Apollon Apollonowitsch stockte, er lief wieder zum Spiegel (in diesem Augenblick schlug die Turmuhr), und Nikolai Apollonowitsch erblickte im Spiegel den Tod im Gehrock, sah einen vorwurfsvoll auf sich gerichteten Blick, hörte, wie Finger trommelten; da sprang mit lautem Lachen der Spiegel: wie ein Blitz durchschnitt ihn eine schräge Nadel mit lautem Knistern und blieb für immer im Glas wie ein Silberzickzack stecken.
Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf den Spiegel, und der Spiegel sprang; Abergläubische würden gesagt haben:
»Es ist ein böses, ein böses Zeichen . . .«
Geschehen, fertig: das Gespräch war nun unausbleiblich.
Mit allen Mitteln hatte Nikolai Apollonowitsch sich bemüht, die Auseinandersetzung hinauszuschieben; und gerade jetzt erschien sie ihm überhaupt überflüssig: alles hätte sich ja von selbst bald geklärt. Nikolai Apollonowitsch bedauerte, daß er nicht rechtzeitig aus dem Salon entwichen war (wie viele Stunden die Agonie schon dauerte: und unter dem Herzen schwoll ihm etwas, schwoll, schwoll); doch zugleich mit dem Schrecken empfand er eine seltsame Wollust: er konnte sich von seinem Vater nicht losreißen.
»Ja, Vater, ich habe, aufrichtig gesagt, diese Auseinandersetzung erwartet.«
»Ah, du hast sie erwartet?«
»Ja, ich habe sie erwartet.«
»Hast du jetzt Zeit?«
»Ja, ich bin frei.«
»Dann, Kolenka, geh in dein Zimmer und sammle erst deine Gedanken. Entdeckst du in dir etwas, was wir zusammen besprechen können, dann komm in mein Arbeitszimmer.«
»Jawohl, Vater . . .«
»Apropos: leg' diese Jahrmarktsfetzen ab . . . Aufrichtig gesagt, mir mißfällt das alles in höchstem Grade . . .«
»?«
»Ja, es mißfällt mir sehr! Es mißfällt mir in höchstem Grade!«
Die Tür fiel ins Schloß.
* * *
Nikolai Apollonowitsch blieb neben dem Tischchen stehen; sein Blick hüpfte über die Blätter der Bronze-Inkrustation, über die Nippsachen und die kleinen Etageren an der Wand. Ja, hier hatte er gespielt: hier war er oft lange gesessen -- in dem Lehnstuhl mit den kleinen Girlanden auf dem blaßblauen Atlasbezug; und wie jetzt hing auch damals die Kopie vom Bilde Davids: »Distribution des aigles par Napoléon premier«. Das Bild stellte den großen Kaiser im Purpurmantel und mit einem Kranz auf dem Haupt dar, wie er den Arm gegen die Marschallversammlung ausstreckte.
Was wird er seinem Vater sagen? Wieder in qualvoller Weise lügen? Lügen, wo das Lügen schon nicht mehr nützt? Lügen, wo seine Situation jede Lüge eigentlich ausschließt? Lügen . . . Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich, wie er in den fernen Kinderjahren gelogen hatte.
Da ist das Klavier, gelb, stilgemäß; es berührt kaum den Parkettboden mit seinen feinen Rollbeinchen. Hier pflegte die Mutter, Anna Petrowna, zu sitzen, die alten Beethoventöne erschütterten die Wände: das unendlich Alte, das in Tönen rann, rief in seinem kindlichen Herzen dieselbe Sehnsucht hervor wie der verblassende Mond, der erst rot auftauchend, immer höher über die Stadt seine blaßgelbe Trauer trägt . . .
Muß er nicht schon gehn, um mit dem Vater zu sprechen?
In diesem Augenblick sah die Sonne in das Zimmer herein; die Sonne, die leuchtende Sonne warf von oben ihre lanzenartigen Lichter; der goldene tausendarmige Titan der uralten Zeiten überzog die Leere mit seinen leuchtenden Vorhängen und beleuchtete die Turmspitzen, die Dächer, die Wässer und die Steine und die an die Fensterscheibe gedrückte, göttlich-blasse Sklerosestirn; der goldene tausendhändige Titan jammerte dort still über seine Einsamkeit: »Kommt, kommt zu mir, zur alten Sonne!«
Ihm aber schien die Sonne eine riesige, tausendbeinige Tarantel, die in wahnsinniger Leidenschaft die Erde überfällt . . .
Und unwillkürlich schloß Nikolai Apollonowitsch die Augen; da alles plötzlich aufblitzte: der Lampenschirm blitzte auf; der Lampenzylinder wurde von Amethysten übersät; Funken strahlten auf den Flügeln des goldenen Amors; die Oberfläche des Spiegels blitzte auf -- ja, der Spiegel, der hat einen Sprung bekommen.
Abergläubische würden gesagt haben:
»Ein böses Zeichen, ein böses Zeichen . . .«
In all dem Hellen und Blitzenden zeichnete sich plötzlich eine dunkle Gestalt vor Nikolai Apollonowitsch; in all das Stumme hüpfte plötzlich ein eindringliches Flüstern hinein:
»Und wie soll es nun . . . soll es nun . . .?«
Nikolai Apollonowitsch hob sein Antlitz . . .
»Wie soll es nun mit . . . der gnädigen Frau?«
Vor sich erblickte er den Diener Ssemjonytsch.
Alles Alte kehrt wieder zurück . . . Nein: das Alte kehrt nie wieder.
Alles, alles, alles: das Blitzen der Sonne, die Wände, der Körper, die Seele -- alles wird verschwinden; schon jetzt schwindet alles; und dann: ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe.
In der Kindheit hatte Kolenka oft phantasiert; nachts begann oft ein elastisches Kügelchen vor ihm zu hüpfen; das Kügelchen schien bald aus Gummi zu sein, bald aus einem Stoff aus anderen Welten; den Boden berührend, gab es einen sonderbaren lackierten Laut von sich: »pépp -- pepépp« und wieder: »pépp -- pepépp«. Plötzlich blähte sich das Kügelchen in erschreckender Weise auf und nahm deutlich die Gestalt eines kugeligen dicken Herrn an; dieser dicke Herr, der zu einer langweiligen Kugel geworden war, blähte sich immer mehr auf, immer mehr, immer mehr, so daß er zu zerplatzen drohte.
Und während er sich dehnte und zu einer Kugel wurde, um dann zu zerspringen, hüpfte er, wurde rot, sprang in die Luft und ließ einen leisen lackierten Laut hören:
»Pépp . . .«
»Péppowitsch . . .«
»Pépp . . .«
Und er sprang auseinander.
Im vollständigen Delirium begann dann Nikolenka seltsame, sinnlose Dinge zu schreien.
»Pépp, Péppowitsch, Pépp . . .«
»Was ist das? Fieberphantasien?«
Nikolai Apollonowitsch drückte seine kalten Finger an die Stirn: es wird -- ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe . . .
Bleistiftpäckchen
Das Arbeitszimmer des Senators war äußerst einfach; in der Mitte erhob sich natürlich ein Tisch; das war aber nicht das Wichtigste; viel wichtiger waren die Schränke, die an allen Wänden standen; auf dem Tische aber vorn lag ein Lehrbuch der Planimetrie.
Vor dem Schlafengehen schlug Apollon Apollonowitsch gewöhnlich dieses Buch auf, um das ungefügige Leben dem Schlaf unterzuordnen und es im Kopfe zu beruhigen durch Betrachtung der beseligenden Zeichnungen: der Parallelepipede, Parallelogramme, der Konuse, Kuben und Pyramiden.
Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen schwarzen Lehnstuhl nieder, und hier saß er gerade gestreckt und wartete auf das Erscheinen seines nichtsnutzigen Sohnes.
Ein ängstlicher Seufzer ertönte hinter seinem Rücken; er sah sich um und erblickte den Diener Ssemjonytsch . . .
»Was ist los?!«
»Ich erlaube mir, es Ihnen vorzubringen: unsere gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . .«
Zornig kehrte Apollon Apollonowitsch dem Lakai sein riesiges Ohr zu . . .
»Was? Was ist los? . . . Sprechen Sie lauter, ich höre schlecht.«
Der zitternde Ssemjonytsch neigte sich ganz zum blaßgrünen Ohr des Senators hin, der ihn wartend ansah.
»Die gnädige Frau . . . Anna Petrowna . . . sind zurückgekehrt . . .«
»?« . . .
»Aus Hispanien -- nach Petersburg . . .«
* * *