Part 14
Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus.
»Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel?«
Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen.
»Warum hörte ich hier ein Rumoren und Laute?«
Ssergeij Ssergeijewitsch drückte verlegen ihre kalten Fingerchen in seinen Händen.
»Warum sind Ihre Hände voll Seife? . . . Ssergeij Ssergeijewitsch, Liebster, sagen Sie, was das alles bedeutet?«
»Siehst du, Sonjuscha . . .«
Aber sie unterbrach ihn:
»Warum sind Sie heiser?«
»Ja, siehst du, Sonjuscha . . . ich . . . ich hatte das Fenster geöffnet . . . Deswegen bin ich heiser . . . Aber darum handelt es sich nicht . . .«
Er stockte.
»Nein, nicht, nicht!« -- rief Ssergeij Ssergeijewitsch, als seine Frau das elektrische Licht aufdrehen wollte -- »nicht hier, komm ins andere Zimmer.«
Und er zog sie mit Gewalt in sein Zimmer.
Der Morgen begann bereits zu dämmern, und manchen Augenblick schien es hier, als wären die Gegenstände des Zimmers: Stühle, Bilder, Vasen, Säbel, Wände, die verstreut liegenden Rasierutensilien -- nur aus Luft gewobene Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte, verschämt und zärtlich, der ins Fenster fallende morgendämmernde Himmel.
Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche Stimme ihr nach:
»Dort findest du Unordnung . . .«
»Weißt du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . .«
»Die Decke hat einen Riß gegeben . . .«
»Man mußte . . .«
Aber Sofja Petrowna hörte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestürzten Stuhl war beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue -- auf der liegend Sofja Petrowna noch vor kurzem Henry Besançon gelesen hatte -- unter dieser weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna Lichutina zitterte; sie fühlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie krümmte sich.
Hinter den Fenstern begannen plötzlich leichte Flammen zu sprühen, und alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lücken dieses Netzes blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfüllte sich mit bebender Unsicherheit; alles erfüllte sich mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr?« Durch Sofja Petrownas Seele gingen plötzlich hauchend leichte Stimmen; und alles leuchtete für sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes fiel. Ihr Herz erfüllte sich mit plötzlichem Schauer und mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab' ich vergessen?«
Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina küßte den Strick und begann leise zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer Kindheit (die Gestalt war doch nicht völlig vergessen -- wo habe ich sie nur gesehen: kürzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und jetzt stand sie hinter ihrem Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter ihrem Rücken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank, lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie gerichtet:
»Du mußt mir verzeihen, Sonjuscha!«
Sie fiel, weiß Gott warum, zu seinen Füßen, umarmte sie und weinte:
»Du Armer, Armer, Geliebter! . . .«
Was sie noch miteinander flüsterten -- weiß der Himmel: das blieb unter ihnen; bei der Morgenröte aber sah man ihn seine mageren Arme über sie breiten:
»Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . .«
Das rasierte Gesicht lachte glücklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen, angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wölkchen dahinflogen?
Der Bürger
Weit dehnten sich und liefen die Gäßchen, Gassen, Straßen und vornehmen Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter Wuchtigkeiten; bald gähnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne Ägypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im Petersburger Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon Apollonowitsch weiter, an dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen Ecke, an all den Hunderten zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging und ging, alle Schwierigkeiten überwindend: nun erreichte er einen niederen, grauen, ein wenig moderigen Bretterzaun.
Da ging plötzlich eine niedrige Tür auf, die dann offen stehen blieb; weißer Dampf wälzte sich aus der Türöffnung, scheltende Stimmen, das Klimpern einer armseligen Balalaika und Gesang drangen nach außen.
So ist also der Bürger? Apollon Apollonowitsch empfand plötzlich Interesse für diesen Bürger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch packte, an die erste beste Tür zu pochen und den Bürger zu suchen; aber da fiel ihm ein, daß eben dieser Bürger ihm einen schmachvollen Tod wünschte: sein Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die müden Schultern sanken:
-- Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stücke zerrissen; nicht ihn selbst, aber seinen besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen nur einmal im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon Apollonowitsch deutlich vor sich einen grauen Schnurrbart, die grünliche Tiefe der auf ihn gerichteten Augen, während sie beide über der Reichskarte gebeugt dasaßen und ihr seltsam jugendhaftes Greisenalter sich in heißen Träumen erging (das geschah gerade einen Tag, bevor . . .). Aber die Bürger hatten auch diesen einzigen Freund zerfleischt, den ersten unter den ersten . . . Man sagt, das dauert nur eine Sekunde, dann aber ist -- rein gar nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein Staatsmann ist nun einmal ein Held; aber doch -- brr -- brr . . .
Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das nicht weniger faule Leben des Bürgers dahin -- durch das Netz schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzäune -- durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien ihm auf einmal, als werde auch er von dem Haß jenes modrigen Zauns und jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wußte Apollon Apollonowitsch, daß _sie_ ihn haßten; doch wer waren diese _sie_? Ein armseliges, wie alles andere stinkendes Häuflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute vor seinem Blick neblige Flächen; die Riesenkarte Rußlands erschien ihm winzig klein: War _das_ der Feind? Die ungeheure Zusammenhäufung von Völkern, die auf dieser Fläche wohnen: _hundert Millionen_. Nein, mehr . . .
Was? Er wird gehaßt? . . . Nein, Rußland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr -- brr . . . Müßiges Spiel des Gehirns.
Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Bürger? Aber der Bürger will ihn . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, daß er einst vorhatte, mit Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun -- Anna Petrowna hatte ihn verlassen, ja, verlassen!
Apollon Apollonowitsch sah plötzlich ein, daß er keinen Lebenskameraden besaß (bis zu diesem Augenblick hatte er darüber nie nachgedacht), und ein Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche Verschönerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer überkam ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hörte nur das Säuseln des dahinfließenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe, um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . .
Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, begann sich langsam zu dehnen. Die Häusermauern verschmolzen matt mit der entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden -- und entschwanden allmählich vollständig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern erloschen. Die Laternen verwandelten sich schließlich in dunkle Punkte, die verwundert in den trüben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es, als wäre die graue Zusammenhäufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den huschenden Flächen der Schatten und der unendlich vielen Fenster -- daß das alles keine Zusammenhäufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die Sonne zaghaft hervorblickte.
Plötzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa fünfzehn Jahre altes Mädchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr her zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die Gestalt schien mit niedrigen Vorschlägen an das Mädchen herangekommen zu sein. Apollon Apollonowitsch hielt sich für einen Ritter; unerwartet für sich selbst lüftete er den Zylinder.
»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser späten Stunde ist es für junge Personen von Ihrem Geschlecht nicht ungefährlich, allein durch die Straßen zu gehen.«
Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien näher, als es in der Wirklichkeit war; naß und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu entfernen; all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon früher aus der Ferne gesehen. Aber jetzt -- jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine Häuschen, Mauern, niedrige Tore und an seinen Arm ängstlich gedrückt dieser Backfisch, für den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator war, sondern einfach nur so ein unbekannter gütiger Greis.
Sie kamen bis zum grünen Häuschen mit schiefem Tor und morschen Stufen; hier lüftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom Backfisch; als die Tür sich hinter dem Mädchen schloß, verzog sich traurig der greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem Augenblick ertönten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war die Stimme des Petersburger Gockels, der etwas verkündete, das nicht existierte, jemand weckte, der nicht vorhanden war.
Ende des vierten Kapitels.
Fünftes Kapitel
Das Herrchen
Nikolai Apollonowitsch schwieg während des ganzen Weges.
Der Petersburger Schmutz gluckste in den Straßenrinnen; tastend mit seinen Laternenlichtern sauste dort ein Wagen in den Nebel hinein . . .
Während des ganzen Weges hörte er das zudringliche Aufschlagen der hinter ihm her eilenden Gummischuhe; er fühlte auf seinem Rücken zwei entzündete, kleine Äuglein gerichtet, die zu dem steifen Hut gehörten, der sich ihm angeschlossen hatte -- an jener Stelle am Zaun -- dort im Gäßchen.
Nikolai Apollonowitsch wandte sich und sah gerade dem Herrchen ins Gesicht; sein Gesicht besagte nichts: steifer Hut, Stock, Mantel, Bärtchen und Nase.
»Mit wem hab' ich die Ehre?«
»Pawel Jakowlewitsch Morkowin.«
Die Petersburger Feuchtigkeiten krochen ihm unter die Haut; der Petersburger Schmutz gluckste in den Straßenrinnen; frostig kalte Nässe durchtränkte seinen Mantel.
Der Schatten des steifen Hutes dehnte sich bald an der Mauer, bald schrumpfte er wieder zusammen; wieder ertönte eine deutliche Stimme hinter Ableuchows Rücken:
»Ich wette, daß Sie aus purer Koketterie diesen gleichgültigen Ton anzunehmen geruhten . . .«
»Hören Sie,« versuchte Nikolai Apollonowitsch dem steifen Hut zu erwidern, »ich bin, aufrichtig gesagt, höchst verwundert; ich bin, aufrichtig gestanden . . .«
Dort, dort blitzte der erste helle Apfel auf, da der zweite; dort weiter der dritte; diese Linie der elektrischen Äpfel zeigte den Newskij-Prospekt an, wo die steinernen Häusermauern die ganze lange Petersburger Nacht von elektrischem Licht übergossen stehen und wo die kleinen, hellerleuchteten Restaurants mit dem grellen Rot ihrer Schilder in die Nacht starren, während vor ihnen federngeschmückte Dämchen auf und ab spazieren und das Karminrot ihrer gefärbten Lippen in die Boas vergraben; sie spazieren da neben Zylinderhüten, Schirmmützen, Russenkitteln, vornehmen Wintermänteln, in dem matthellen Lichtchaos -- dem weitaufgesperrten, glühenden Rachen, der wie die Hölle von den armseligen finnischen Sümpfen gegen das sich weit, weit breitende Rußland gerichtet ist.
Nikolai Apollonowitsch beobachtete immerzu den Schatten des steifen Hutes an der Mauer, den ewig dunklen Schatten; es war klar: die besonderen Umstände der Begegnung mit dem geheimnisvollen Pawel Jakowlewitsch hatten ihn daran gehindert, gleich dort -- am Zaun im Gäßchen -- diese Bekanntschaft abzubrechen, ohne dabei die eigene Würde preiszugeben; jetzt hieß es mit der größten Vorsicht auszuforschen, was eigentlich dieser Pawel Jakowlewitsch von ihm wußte, was zwischen diesem und seinem Vater vorgegangen war; deshalb zögerte er, sich zu verabschieden.
Sie gingen über die Brücke.
Vor ihnen schritten zwei Leute: ein fünfundvierzigjähriger, in schwarzes Leder gekleideter Seemann; auf seinem Kopf saß eine Mütze mit Ohrenklappen, er hatte blauschimmernde Wangen und einen grellrotblonden Bart, in dem sich weiße Fäden mischten; sein Begleiter, ein Riese in Schaftstiefeln, mit dunkelgrünem Filzhut, schwarzen Haaren und Brauen und kleinem Schnurrbärtchen, schritt neben ihm her. Beide erinnerten Nikolai Apollonowitsch an etwas; und beide schritten durch die offene Tür in das kleine Restaurant mit dem brillantenen Schild.
Pawel Jakowlewitsch faßte Ableuchow am Mantel:
»Hierher, Nikolai Apollonowitsch, ins Restaurant: da, hierher, das kommt uns sehr gelegen! . . .«
»Aber gestatten Sie . . .«
Es war nichts zu machen: Nikolai Apollonowitsch zuckte kaum merklich mit den Achseln und öffnete mit leichter Ekelgrimasse die Tür . . .
»Eine seltene, höchst seltene Gelegenheit . . .« Herr Morkowin schnalzte mit den Fingern: »Ich sage es Ihnen ganz offen: einen jungen Mann von Ihren Talenten . . . auslassen?! ignorieren?! . . .«
Hier im geschlossenen Raume empfand man die Petersburger Straße als ein scharfes fiebriges Prickeln am Körper, als ein Krabbeln zahlloser rotfüßiger Ameisen.
»Mich kennen ja alle . . . Alexander Iwanowitsch, Ihr Vater, Schischiganow, Peppowitsch . . .«
Um sie herum aber tönte es:
»Wer sind Sie eigentlich?«
»Wer? . . . Iwan! . . .«
»Iwan Iwanowitsch! . . .«
»Was bist du doch, Iwan Iwanowitsch, für ein Schwein!«
An einer Stelle stieg eine dicke Rauchwolke in die Höhe; dort wieder brüllte plötzlich das Orchestrion auf, wie wenn zehn Blashörner ihre ohrenzerreißenden Töne in die durchqualmte Luft hinausstoßen würden. Der Kaufmann Iwan Iwanowitsch Iwanow stellte sich, eine grüne Flasche in der hochgehobenen Hand, mit seiner Dame, deren Bluse ganz zerzaust war, in Tanzpositur vor das Orchestrion.
Nikolai Apollonowitsch sah sich erstaunt um: wie konnte er in eine solche unmögliche Gesellschaft, in einen solchen unmöglichen Ort geraten, er, der doch . . .?
»Ha--ha--ha--ha--ha--ha!« dröhnte es in der Ecke, wo die betrunkene Gesellschaft saß. Verzweifelt, qualvoll, wie das Explodieren unterirdischer Ungeheuerlichkeiten in einem Vulkan, wuchs und breitete sich und weinte in den goldenen Trichtern, bald aufbrausend, bald mit Kastagnetten schlagend, das alte, alte Lied:
»Schwei--ei--get, ihr lodernden Ge--füüh--le, Schlaaaf ein, du hooofnungsloo--oses Heee--erz . . .«
Ein Gläschen Wodka!
»Gestehen Sie . . . He: zwei Gläschen Wodka! -- Gestehen Sie . . .,« rief Pawel Jakowlewitsch Morkowin, »ich wette, daß ich für Sie ein Rätsel bin, über das Sie jetzt vergeblich Ihren Gehirnapparat anstrengen . . .«
Dort, dort ein kleiner Tisch: vor diesem Tischchen sitzt über sein Glas gebeugt ein etwa fünfundvierzigjähriger Seemann mit schwarzem Lederanzug, bläulich schimmerndem Gesicht.
Und neben dem Seemann kauerte schwer, wie aus Stein gehauen, der Riese.
Der Riese -- mit schwarzen Brauen und schwarzen Haaren -- lachte zweideutig und schielte gegen Nikolai Apollonowitsch.
»Also, mein junger Freund?«
»Was meinen Sie?«
»Was sagen Sie zu meinem Benehmen auf der Straße?«
»Was ich zu Ihrem Benehmen auf der Straße sage? Ach was? . . . Ich weiß wirklich nicht . . .«
»Trinken wir noch eins?«
»Ja, wir trinken noch eins . . .«
* * *
Vor ihm glänzte das prickelnde Gift; um sich in ruhigere Verfassung zu versetzen, legte er sich auf den Teller etwas von dem welken Gemüse, das ihnen angeboten wurde; nun stand er so mit dem voll gefüllten Glas, während Pawel Jakowlewitsch geschäftig bemüht war, mit der Gabel einen glitschrigen Pilz zu erwischen; nachdem er endlich diesen glitschrigen Pilz erwischt hatte, wandte er sich wieder Nikolai Apollonowitsch zu (auf seinem Schnurrbart blieben Fädchen vom Gemüse hängen). . .
»Nicht wahr, das hat seltsam ausgesehen?«
So stand er einmal (denn das alles -- war schon früher einmal gewesen) . . .
Die Gläser stießen laut aneinander; genau so hatten die Gläser aneinander gestoßen . . . Wo? Wann?
Nikolai Apollonowitsch suchte sich zu erinnern. Doch er konnte sich nicht erinnern.
»Dort, neben dem Zaun . . . Nein, Herr Wirt, keine Sardinen: die schwimmen ja in einem gelben Schleim.«
»Wissen Sie, Pawel Jakowlewitsch, ich erwarte von Ihnen eine Aufklärung . . .«
»Meines Verhaltens?«
»Jawohl, Ihres Verhaltens . . .«
»Ich werde es erklären . . .«
Wieder glänzte das prickelnde Gift: Nikolai Apollonowitsch fühlte, wie er berauscht wurde -- alles begann sich um ihn zu drehen; gespensterhafter schimmerte vor ihm die Schankstube, noch blauer schien der Seemann, riesenhafter der Riese; sein Schatten verteilte sich an den Wänden und schien wie mit einer Krone geschmückt.
»Trinken wir also noch ein drittes Gläschen?«
»Jawohl, trinken wir ein drittes . . .«
* * *
»Also, was haben Sie zu dem Gespräch am Zaun hinzuzusetzen?«
»Über den Domino?«
»Na ja, natürlich . . .«
Voll Ekel wollte Nikolai Apollonowitsch den wenig appetitlichen Lippen des Herrn Morkowin ausweichen, doch er überwand sich. Und nachdem er das Schmatzen zweier Lippen auf seinen Lippen gefühlt hatte, hob er seine Augen zur Decke, mit der Hand eine Locke von der hohen Stirn wegstreichend, und seine Lippen verzogen sich in ein unnatürliches Lächeln und zuckten und zitterten angestrengt (so zucken unnatürlich die Beinchen der gemarterten Frösche, wenn an sie die Enden der elektrischen Drähte angesetzt werden).
»Gestehen Sie -- es ist ein ganz absurder Gedanke: Sie wären der Domino . . . Hi--hi--hi: wie konnte man auf einen solchen Gedanken nur kommen -- he? Sagen Sie bloß? Ich sagte mir: He, Pawel, das ist nur so ein kurioser Einfall; und dazu noch neben dem Zaun, beim Verrichten eines sozusagen menschlichen Bedürfnisses . . . Domino! . . . Es war einfach nur ein Anlaß für die Bekanntschaft, mein Lieber.«
Sie verließen den Schanktisch und drängten sich zwischen den Tischen durch. Und wieder brüllte das Orchestrion wie zehn kreischende Blashörner, die ihre ohrenzerreißenden Töne in den Qualm hinausstoßen; an den Ohren sich brechend, erhob sich das Gebimmel eines ganzen Schwarms von Glöckchen.
»Kellner! Eine saubere Tischdecke! . . .«
»Und Wodka . . .«
»Nun sind wir mit dem Domino fertig. Und jetzt, mein Lieber, gehen wir zum anderen, uns miteinander verbindenden Pünktchen über . . .«
* * *
Beide stützten die Ellbogen auf das Tischchen. Nikolai Apollonowitsch fühlte seinen Rausch (vor Müdigkeit wahrscheinlich).
»Ja -- ja -- ja: es ist ein seltsamer, kurioser Punkt . . . Schön: geben Sie mir Nierenbraten mit Madeira; und Ihnen . . . auch Nierenbraten?«
»Was ist das nur für ein Punkt?«
»Kellner, zwei Portionen Nierenbraten . . . Nun also -- ich muß Ihnen sagen: die Bande, die uns aneinander knüpfen -- diese Bande -- es sind heilige Bande . . .«
»?«
»Es sind Bande des Blutes . . .«
In diesem Augenblick wurde der Nierenbraten gebracht.
»Ach, denken Sie ja nicht, daß jene Bande . . . -- bitte Salz, Pfeffer, Senf! -- etwa mit Blutvergießen in Zusammenhang stehen . . . Aber warum zittern Sie, mein Lieber? Sieh mal einer her: wie er rot wurde, wie er aufflammte: rein wie ein junges Mädel! Wünschen Sie Senf? Da ist Pfeffer.«
»Was sagten Sie?«
»Ich sagte: da ist der Pfeffer . . .«
»Vom Blute . . .«
»Ah? Von den Banden? Unter den Banden des Blutes verstehe ich die Bande der Verwandtschaft.«
»Verzeihen Sie, ich glaube Sie nicht recht verstanden zu haben: Was verstehen Sie unter Verwandtschaft?«
»Ich bin ja, Nikolai Apollonowitsch, ein Bruder von Ihnen.«
»Wie, ein Bruder?«
»Ein morganatischer natürlich, denn ich bin das Resultat einer unglücklichen Liebe zwischen Ihrem Vater und -- einer im Hause lebenden Weißnäherin . . .«
Wahnsinn!
Das hatte er früher einmal schon erlebt.
»Und nun wollen wir zu Ehren unserer Begegnung als Verwandte noch ein Gläschen trinken.«
Verzweifelt, qualvoll dröhnte es in dem wildgewordenen Orchestrion, heulend und wie die Tanztrommel schlagend, festigten und breiteten sich die Töne und ergossen sich jammernd aus den vergoldeten Trichtern in den Saal.
* * *
»Sie wollten sagen, daß mein Vater . . .«
»A--a--a: die Schulter! Wie die Schulter zuckt!« unterbrach ihn Pawel Jakowlewitsch. »Wissen Sie, warum sie gezuckt hat?«
»Warum?«
»Weil die Verwandtschaft mit einem solchen Subjekt, Sie, Nikolai Apollonowitsch, gewissermaßen verletzt . . . Dann haben Sie aber auch wieder etwas Mut gewonnen.«
»Mut gewonnen? Weswegen sollte ich den Mut verloren haben?«
»Ha--ha--ha« -- Pawel Jakowlewitsch hörte ihm nicht zu -- »Sie haben Mut gewonnen, weil Ihrer Meinung nach . . . -- Noch ein Stück vom Braten?«
»Danke . . .«
. . . »Meine ausfallende Neugierde und unser Gespräch neben dem Zaun sich in einfacher Weise erklärten.«
Nikolai Apollonowitsch kniff die Augen zusammen, während seine Finger auf dem Tisch trommelten.
»Jetzt aber bin ich genötigt, Sie freudig und traurig zugleich zu stimmen . . . Sie entschuldigen mich: bei einer neuen Bekanntschaft mach' ich es immer so; es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu sagen, daß wir wohl Brüder sind, aber von verschiedenen Eltern . . .«
»Inwiefern sind wir dann Brüder?«
»Den Überzeugungen nach . . .«
»Was wissen Sie von meinen Überzeugungen?«
»Sie sind ein fest überzeugter Terrorist, Nikolai Apollonowitsch.«
»Ha--ha--ha!« Nikolai Apollonowitsch warf sich auf seinen schäbigen Stuhl zurück. »Ha--ha--ha--ha . . .«
»Hi--hi--hi!« echote Morkowin.
»Ich werde Ihnen was sagen« -- Nikolai Apollonowitsch wurde ganz ernst und tat, als hätte er mit Mühe den Lachanfall überwunden (er hatte nur künstlich gelacht), »Sie irren sich, denn ich verhalte mich dem Terror gegenüber ganz negativ; doch abgesehen von all dem: woher nehmen Sie es an?«
»Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch! Ich bin ja über alles, was Sie betrifft, unterrichtet: über das Paket, über Alexander Iwanowitsch Dudkin, über Sofja Petrowna . . .«
* * *
»Ich weiß alles, erstens dank meiner persönlichen Neugierde, dann aber, weil es meine dienstliche Pflicht von mit fordert . . .«
»Sie stehen im Dienst? . . .«
»Ja, der Polizei . . .«
»Der Polizei?«
»Mein Lieber, warum faßten Sie sich an die Brust, als läge dort ein sehr gefährliches und sehr diskretes Dokument. . . Ein Gläschen!«
Rettungslos verloren
Mit ganz neuem, schuldbewußtem Lächeln zog Nikolai Apollonowitsch aus seiner Seitentasche ein Notizbüchlein heraus.
»A--a--a--a--! Wollen Sie mir gefälligst dieses Büchlein . . . zur Durchsicht geben . . .«
Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben schuldbewußten Lächeln dazusitzen.