Petersburg

Part 13

Chapter 133,472 wordsPublic domain

Das kleine Männchen, das hinter ihm herging (warte nur, hatte er es nicht soeben gesehen?), blieb am Zaun, zwei Schritte von ihm entfernt -- eines natürlichen Bedürfnisses wegen stehen; aber vor dem alten Zaun stehend, drehte es das Gesicht Ableuchow zu, schnalzte in besonderer Art mit der Zunge und lächelte kaum merklich:

»Vom Ball sicher?«

»Ja, vom Ball . . .«

»Ich weiß es wohl . . .«

»So--o . . . Und woher denn?«

»Aber unter Ihrem Mantel blickt ein . . . ein Zipfel vom Domino hervor.«

»Na, ja: ein Domino . . .«

»Neulich, da hat er auch herausgesehen . . .«

»Wie, neulich?«

»Ja, neulich, neben dem Kanal . . .«

»Herr!! . . .«

»Aber lassen Sie es nur gut sein: Sie sind ja der Domino?«

»Welcher Domino eigentlich . . .«

»Na, eben -- _derjenige_.«

»Ich verstehe Sie nicht; und überhaupt ist es seltsam, einen unbekannten Menschen . . .«

»Unbekannt sind Sie durchaus nicht: Sie sind Nikolai Apollonowitsch Ableuchow, und außerdem sind Sie der _rote Domino_, von dem die Zeitungen schreiben . . .«

Nikolai Apollonowitsch wurde blaß wie der Tod.

»Hören Sie, hören Sie . . . Glauben Sie mir, das alles sind abscheuliche Märchen . . .«

Mit seinem natürlichen Bedürfnis fertig geworden, verließ das Männchen den Zaun, knöpfte seinen Mantel zu, schob familiär die Hand in die Tasche und zwinkerte vieldeutig:

»Wo wollen Sie hin?«

»Auf die Wassiljewskij-Inseln.«

* * *

»Sie scheinen nicht genau zu wissen, wo Sie hinwollen,« sagte lächelnd das kleine Herrchen; »dann machen wir doch zusammen einen Abstecher ins Restaurant.«

Begleiter

In grauem Mantel, mit schwarzem Zylinderhut, das Gesicht von der Farbe grauen, grün überhauchten Wildleders, lief Apollon Apollonowitsch Ableuchow wie geängstigt die Stufen hinunter und stand nun im durchnäßten glitschrigen Portal.

Jemand rief seinen Namen, und auf den ehrfurchtsvollen Ruf hin tauchten aus der Dunkelheit die schwarzen Konturen des Wagens auf, und im Lichtkreis der Laterne hob sich das Wappen ab: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend. Schon hob Apollon Apollonowitsch seinen Fuß zum Wagentritt, als er das schäbige Herrchen, von dem er soeben die wichtige, traurige Wahrheit vernommen hatte, auf der Straße erblickte.

Apollon Apollonowitsch ließ darauf den im geraden Winkel gehobenen Fuß wieder sinken, berührte mit dem Handschuh den Rand des Zylinders und gab dem vor Erstaunen blöd dreinschauenden Kutscher trocken den Befehl: allein nach Hause zu fahren. Dann beging Apollon Apollonowitsch eine unerhörte Tat: so was wies die Geschichte seines Lebens in den letzten fünfzehn Jahren nicht auf: Apollon Apollonowitsch, selbst vor Verwunderung mit den Augen zwinkernd und die Hand, des Asthmas wegen, an das Herz gedrückt, begab sich zu _Fuß_, bemüht, den sich im Nebel verlorenen Rücken des schäbigen Herrchens einzuholen, auf den Weg; eine wesentliche Tatsache bitte ich in Betracht zu nehmen: die unteren Extremitäten des ruhmvollen Mannes waren nämlich bis zum äußersten klein geraten; wenn Sie diese wesentliche Tatsache berücksichtigen, dann werden Sie es verständlich finden, daß Apollon Apollonowitsch durch eifriges Bewegen der Arme sich das Gehen zu erleichtern suchte.

Apollon Apollonowitsch beging also zwei unerhörte Abweichungen von dem Kodex seiner höchst geregelten Lebensweise, erstens: verschmähte er den Wagen (in Anbetracht seiner krankhaften Raumangst -- eine wirkliche Heldentat); zweitens: flog er in nicht übertragenem, sondern buchstäblich wahrem Sinne des Wortes in dunkler Nacht durch eine menschenleere Straße. Er rief dem in die Dunkelheit entfliehenden Rücken zu:

»Mm . . . Hören Sie!«

Doch der Rücken (eigentlich nicht der Rücken, sondern die mitlaufenden Ohren) hörten nicht.

»Halten Sie doch . . . Pawel Pawlowitsch!«

Der Rücken wandte sich um, blieb stehen und, den Senator erkennend, kam er ihm entgegen.

»Exzellenz! . . . Apollon Apollonowitsch! Wieso ohne Wagen? . . .«

Aber Apollon Apollonowitsch unterbrach den Gefühlserguß:

»Die Nachtluft ist mit nützlich . . .«

Beide gingen nun in derselben Richtung: das Herrchen bemühte sich, Schritt mit dem Senator zu halten, was aber in Wirklichkeit nicht leicht war (die Schrittchen Apollon Apollonowitschs konnte man durch das Mikroskop betrachten).

Apollon Apollonowitsch hob die Augen auf den Begleiter und sagte -- sagte mit sichtbarer Verwirrung:

»Ich . . . wissen Sie . . .«

»Ja?« horchte das Männchen auf.

»Ich . . . wissen Sie . . . möchte Ihre genaue Adresse haben, Pawel Pawlowitsch.«

»Pawel Jakowlewitsch«, verbesserte bescheiden der Begleiter.

»Pardon, Pawel Jakowlewitsch, ich habe, wissen Sie, ein schlechtes Gedächtnis für Namen . . .«

»Macht nichts, bitte, macht absolut nichts, nichts.«

Das schäbige Herrchen dachte inzwischen bei sich:

»Möchte wohl über den Sohn etwas erfahren . . . aber schämt sich zu fragen . . .«

»Also, Pawel Jakowlewitsch, ich bitte Sie um Ihre Adresse.«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow knöpfte den Mantel auf und zog sein, in das Fell eines gefallenen Nashorn gebundenes Notizbuch hervor; sie blieben unter einer Laterne stehen.

»Meine Adresse«, sagte, sich gleichsam windend, das Herrchen, »ist veränderlich. Meist halte ich mich auf der Wassiljewskij-Insel auf: 18. Linie, Haus Nr. 17; dort habe ich zwei Zimmer beim Schuhmacher Beßmertny; zu fragen: der Schreiber des Polizeireviers Woronkow.«

»So -- so -- so: ich werde Sie in diesen Tagen besuchen . . .«

Plötzlich hoben sich die Augenbrauen des Senators und Erstaunen prägte sich in seinem Gesicht:

»Warum?« fragte er, »warum? . . .«

»Warum mein Name Woronkow ist, während ich in Wirklichkeit Morkowin heiße?«

»Ja -- eben.«

»Das kommt daher, Apollon Apollonowitsch, weil ich dort unter falschem Namen wohne.«

Das Gesicht Apollon Apollonowitschs drückte Ekel aus (im Prinzip war er gegen solche Erscheinungen).

»Meine eigentliche Wohnung ist auf dem Newskij . . .«

Apollon Apollonowitsch dachte: »Was ist zu machen: solche Erscheinungen sind in einer Übergangszeit und im Rahmen der Gesetzlichkeit -- eine traurige Notwendigkeit, aber eben eine Notwendigkeit.«

»Ich bin zur Zeit, Exzellenz, mit der Auffindung einer gewissen Spur beschäftigt: es ist jetzt eine äußerst bedeutsame Zeit.«

»Ja, ja, Sie haben recht«, stimmte Apollon Apollonowitsch bei.

»Es ist ein politisches Verbrechen von besonderer Wichtigkeit in Vorbereitung . . . Vorsichtig: hier ist eine Pfütze . . . Dieses Verbrechen . . .«

»Soo . . .«

»In nächster Zeit dürfte es uns gelingen, dieses Verbrechen an den Tag zu bringen . . . Hier ist eine trockene Stelle, darf ich Ihnen die Hand bieten? . . .«

Apollon Apollonowitsch wurde von seiner Angst befallen: sie schritten über einen großen Platz; unwillkürlich rückte er ganz nahe an den Begleiter heran.

»Soo, soo: sehr gut . . .«

Apollon Apollonowitsch suchte Mut zu fassen, aber der riesige Platz und die ihm entgegenlaufende Ferne drückten ihn nieder. Einen Augenblick überwand die Sorge um das bedrohte Rußland die persönlichen Ängste: die Angst um den Sohn und die Angst vor der Notwendigkeit, diesen riesigen Platz zu überschreiten.

»Ist ein terroristischer Akt in Vorbereitung?«

»Wie gesagt -- ja . . .«

»Und sein Opfer?«

»Soll ein hoher Beamter werden!«

Über das Rückgrat Apollon Apollonowitschs lief es kalt: er hatte vor einigen Tagen einen Drohbrief erhalten; in diesem Briefe wurde ihm mitgeteilt: falls er den Posten annehme, würde er von einer Bombe vernichtet werden; Apollon Apollonowitsch verachtete anonyme Briefe; er warf das Schreiben fort; den Posten nahm er an.

»Verzeihen Sie, wenn es kein Geheimnis ist: wen haben sie jetzt vor?«

Hier geschah etwas wirklich Seltsames: alle Dinge an dem Senator duckten sich gleichsam und rückten viel näher heran; auch Herr Morkowin schien kleiner geworden zu sein und rückte näher heran; ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, als er im Flüsterton, den Kopf gegen den Senator geneigt, sagte:

»Wieso -- wen? Sie, Exzellenz, Sie!«

Apollon Apollonowitsch sah: eine Karyatide vor dem Portal: nichts weiter -- eine Karyatide. Doch -- nein, nein! Keine Karyatide, so eine hat er nie im Leben gesehen: diese hängt nur so im Nebel. Dort ist der Giebel eines Hauses: nichts weiter -- ein Giebel; doch -- nein, nein: es ist nicht einfach ein Giebel, wie auch alles andere nicht mehr einfach ist; alles hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln gelöst; selbst er hat sich von den Wurzeln gelöst; und er stammelte in die mitternächtliche Dunkelheit:

»Warum aber? . . . Bitte -- bitte. Warum? . . .«

Apollon Apollonowitsch konnte es sich durchaus nicht denken, daß diese behandschuhte Hand, daß diese Beine, daß dieses müde, absolut müde (glaubt es mir!) Herz -- unter der Einwirkung sich verbreitender Gase in irgendeiner Bombe im Nu sich verwandeln können sollte . . .

»Das heißt, wie meinen Sie das?«

»Aber eben so, Apollon Apollonowitsch -- höchst einfach . . .«

Dann aber fügte Herr Morkowin hinzu:

»Sie dürfen sich durchaus nicht fürchten, Exzellenz, denn es sind die strengsten Maßregeln getroffen worden: wir verhindern es: eine unmittelbare Gefahr für heute oder morgen besteht nicht . . . In einer Woche aber werden Sie informiert sein. So lange gedulden Sie sich . . .«

Das ängstlich bebende Gesicht betrachtend, das, vom fahlen Laternenlicht beschienen, an eine Leiche gemahnte, dachte Herr Morkowin: »Wie alt er doch ist, die reinste Ruine . . .«

Aber mit kaum merklichem Krächzen wandte Apollon Apollonowitsch dem Männchen sein bartloses Gesicht zu und lächelte plötzlich, ganz trübe, wodurch sich unter seinen Augen gewaltige faltige Säcke bildeten.

Einen Augenblick später kam jedoch Apollon Apollonowitsch wieder zu sich, verjüngte sich, seine Gesichtsfarbe wurde heller: er drückte fest Herrn Morkowins Hand und schritt, aufrecht wie ein Stock, dem schmutzigen, herbstlichen Nebel entgegen, im Profil an die Pharaomumie Ramses' des Zweiten erinnernd.

Uh! Wie war es feucht, wie faulnaß, wie war die Nacht so bläulich und lila mit rötlichem Ausschlag von den Laternen, wie entwand sich Apollon Apollonowitsch dem Lila, um in den Kreis der Laterne zu gelangen, und wie flog er aus dem Rot der Laterne wieder in das Lila!

Närrisch

Knacks -- knacks -- knacks: so knacksten die elektrischen Knöpfe, und die Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin?

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwärtig im Spiegel zu erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil, seinem Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle lassen durfte. Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben Leutnant Lichutin -- er selbst.

Knacks -- knacks -- knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen Knöpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie mit schlürfendem Schritt aus der Küche ins Zimmer trat, erstaunte sie über die völlige Dunkelheit.

Und sie brummte:

»Was ist das nun wieder?«

Aber in der Dunkelheit hüstelte jemand trocken.

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr . . .«

Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme:

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr, ich muß im Zimmer der gnädigen Frau Ordnung machen . . .«

»Gehen Sie ganz fort . . .«

* * *

»Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .«

* * *

»Hinaus! sagte ich.«

Kaum war sie in die Küche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:

»Gehen Sie überhaupt weg aus dem Hause . . .«

»Aber warum nur, gnädiger Herr . . .?«

»Fort, gleich fort! . . .«

»Aber wohin soll ich?«

»Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .«

»Gnädiger Herr!! . . .«

»Fort mit Ihnen, daß Sie sich nicht zeigen bis morgen.«

»Aber gnäd . . .«

»Fort, fort! . . .«

Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tür hinaus; Mawruscha brach in Tränen aus; sie erschrak -- tödlich: der Herr schien plötzlich nicht ganz . . . Sie hätte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.

Ja, Mawruscha . . .

* * *

Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut -- ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf -- so zerschellt es, und der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die für den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem Ätherstoff geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts übrig, als sich zu zerstören; und es -- zerstört sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah er, daß es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den Kopf; er fühlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf Häßlichkeiten ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann _es_: es kroch heran, zischte; was ist dieses _Es_? -- Warum kam es? Außer der Verkleidung Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen -- das vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau -- das ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball gehen würde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen war -- zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.

»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch faßte sich an den Kopf:

»Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .«

Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in vollständiger Dunkelheit: ta -- ta -- ta -- tönten seine Schritte; Ssergeij Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:

»Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu -- macht zusammen siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.«

Erfreut über die Bewältigung dieser komplizierten geistigen Arbeit äußerte er diese Freude in einer etwas überlauten Weise. Plötzlich fiel ihm ein: sein Gesicht verfinsterte sich:

»Siebentausendzweihundert Sekunden -- seit ihrem Entfliehen: zweihunderttausend Sekunden -- dann ist alles zu Ende!«

Nach den siebentausendzweihundert Sekunden führt die siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij Ssergeijewitsch, als wäre er seit der Entstehung der Welt in diese Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unerträglichen Kopfschmerzen; den selbsttätigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende Person ausschließt. Ssergeij Ssergeijewitsch begann plötzlich fieberhaft in einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.

Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach -- wo! Er nahm bloß, weiß Gott wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fußboden nieder und begann über einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.

Denken Sie sich nur!

Er stieg, weiß Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke abgenommen); dann zog er vom Fußboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Füße; an Stelle der Lampe aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Händen die Schlinge über seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknüpfen.

Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf: eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.

Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die Haare vom Hals zu rasieren.

Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und -- was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er überrascht werden würde; zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und verkündete ihm, daß er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu schleichen; und während er schlich, merkte er: langsam schmolz die schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht über ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstände: ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und über all diesem -- eine nasse Schlinge.

Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlüsselloch und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich bei ihm ein solcher Grad von Vergeßlichkeit, einer Vergeßlichkeit, bei der die Durchführung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tür hörte, begann er aus purer Angst entsetzlich zu brüllen; jetzt sah er ein, daß alles verloren war, schnell rannte er ins Zimmer zurück, um sein originelles Vorhaben rasch durchzuführen: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber, wer weiß wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.

Dann rief er, weiß Gott wozu:

»Wort und Tat!«

Er stieß mit den Füßen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen Messingröllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der Tür hörte).

Was weiter

Einen Augenblick . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen, von der Straßenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hörte er das Klopfen und Kratzen an der Tür; seine zwei Finger wurden ihm so fest ans Kinn gedrückt, daß er sie nicht mehr herausziehen konnte; plötzlich schien es ihm, als ersticke er; über seinem Kopfe hörte er einen Knall (wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefäße). Plötzlich begann sich oben an der Decke etwas zu lösen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch vollständig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten, nachdem er im Jenseits bloß einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er kam zu sich und begriff, daß er nicht von den Toten auferstanden, sondern daß er, mit Schmerzen im Rückgrat, auf dem Fußboden seines Zimmers lag und zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er sich, beinahe, erhängt hätte: daß nicht viel, nicht viel gefehlt -- und er wäre tot gewesen. Ssergeij Ssergeijewitsch stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen: der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkürlich, wie etwa unwillkürlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grünen Tiefe untertauchen. Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lächeln Sie, bitte, nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschließen, und er hätte dieses Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausführung gebracht, wenn nicht die morsche Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trägt) nachgegeben hätte; den Erleichterungsseufzer stieß also nicht die Persönlichkeit Ssergeij Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher, unpersönlicher Körper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem Fußboden, und horchte auf alles mögliche (auf die tausend verschiedenen Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hülle bewahrte völligen Gleichmut.

Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewußtsein das Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen -- das dauerte zu lange . . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser -- hu -- hu -- hu! Nein: das Natürlichste war: hier auf dem Fußboden gestreckt liegenzubleiben und alles andere dem Schicksal zu überlassen; ja, aber bei dieser natürlichen Lösung wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehört) zum Hausmeister laufen -- wenn sie nicht schon gelaufen ist --, man wird an die Polizei telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tür aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den Hals, liegen sehen.

Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau gegebenes Wort. Es bleibt nur eines übrig: rasch die Tür aufzumachen und sich mit der Frau zu versöhnen.

Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster Weise zur Tür, hinter der es jetzt ganz still war.

Mit demselben unwillkürlich keuchenden Atem öffnete er und blieb, unschlüssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham überkam ihn, und der Sturm, der in seiner Seele gewütet, legte sich, als hätte sich im Augenblick, als sich der Deckenhaken löste, alles in ihm gelöst: der Zorn gegen die Frau, die Empörung über das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er doch selbst jetzt Unerhörtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende Schandtat: er wollte sich erhängen und -- zog statt dessen den Haken aus der Decke heraus.

Einen Augenblick . . .