Part 12
Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij Ssergeijewitsch führte sich seit dem gestrigen Abend in unanständigster Weise auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte es, in bloßer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es dann, hinter ihrer Wand bis zum frühen Morgen auf und ab zu schreiten.
Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon seit langem verdächtig: verdächtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den letzten drei Monaten; verdächtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach, sie war so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste Stütze; wie wünschte sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hätte sie wie ein Kind in seine Arme genommen und von hier weggetragen . . .
Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er ihr gestern den Abendmantel gereicht und die Tür devot geöffnet hatte. Wie mochte er hinter ihrem Rücken dann gestanden haben! Wie verächtlich aber hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem Panierrock knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht auch bei der Übergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der Tür umgedreht und dem Offizier eine lange Nase gemacht hatte! Und jetzt: sie ängstigte sich doch ein bißchen, nach Hause zurückzukehren . . .
Geärgert stampfte sie mit dem Füßchen.
»Na, warte, du sollst es schon sehen!«
Und doch war es ihr ängstlich zumute, nach Hause zurückzukehren.
Aber noch ängstlicher, hier noch länger zu verweilen; denn schon waren die meisten der Gäste fort, der gutmütige Wirt trat, ein wenig niedergedrückt, bald zu dem einen, bald zu dem anderen der übriggebliebenen Gäste und erzählte irgendeine Anekdote; dann sah er sich verwaist in dem immer leerer werdenden Saale um, sah die kleine Schar der noch anwesenden Harlekine und Narren, und sein Blick bat unverhohlen, den Rest der Fröhlichkeit doch nun aufzugeben.
Der weiße Domino
Es war höchste Zeit, das Haus zu verlassen. Einsam und aufgeregt schlich sich Sofja Petrowna durch die fast leeren Säle. Plötzlich erblickte sie in der Ferne einen weißen Domino, der jetzt gerade aufgetaucht zu sein schien, und:
jemand, traurig und schlank, jemand, den sie unzählige Male gesehen zu haben glaubte, auch vor kurzem, auch heute -- jemand, traurig und schlank, ganz in weißen Atlas gehüllt, schritt ihr durch die leeren Säle entgegen; durch die Ausschnitte der Maske ergoß sich auf sie das helle Licht seiner Augen; es schien ihr, als strahlte trauriges Licht von seiner Gestalt, von seinen knöchernen Fingern . . .
Und vertrauensvoll rief Sofja Petrowna dem lieben Domino zu:
»Ssergeij Ssergeijewitsch! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch!«
Kein Zweifel, es war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; er hatte den gestrigen Auftritt bereut; er kam -- um sie abzuholen.
Sofja Petrowna rief noch einmal dem lieben Domino zu -- dem Schlanken, Traurigen:
»Sie sind es doch? Sie?«
Doch der Schlanke, Traurige schüttelte langsam den Kopf und legte die Finger an den Mund, wie zum Schweigen auffordernd.
Vertrauensvoll streckte sie dem Kostümierten ihre Hand entgegen: wie schimmerte doch der weiße Atlas, wie war er kühl! Ihr himmelblauer Arm legte sich, willenlos, auf den weißen des Dominos.
Nie hatte sie Ssergeij Ssergeijewitsch so glänzend gesehen, während sie flüsternd bat:
»Sie haben mir verziehen?«
Durch die Maske kam ein Seufzer als Antwort.
»Wir werden uns jetzt versöhnen?«
Aber der Schlanke, Traurige schüttelte langsam den Kopf.
»Warum schweigen Sie?«
Aber der Schlanke, Traurige, legte wieder den Finger an den Mund.
»Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?«
Aber der Schlanke, Traurige befahl ihr zu schweigen.
Sie traten bereits ins Vorzimmer hinaus; das Unaussprechliche umgab sie, Unaussprechliches stand zwischen ihnen; Sofja Petrowna nahm ihre Maske ab und versank im liebkosenden Pelz; der Schlanke, Traurige zog seinen Wintermantel an, nahm aber die Maske nicht ab. Verwundert sah sie auf ihn: ihm wurde kein Offiziersmantel gereicht, sondern ein schäbiges Mäntelchen, aus dessen Ärmeln die schmalen Hände seltsam hervortraten, sie an Lilien erinnernd. Unter den verwunderten Blicken der Diener schmiegte sie sich nahe an ihn; das Unaussprechliche umgab sie, das Unaussprechliche stand zwischen ihnen.
Aber auf der Schwelle schüttelte der Schlanke, Traurige mit dem Kopfe und befahl ihr zu schweigen.
Der Himmel war schon gestern gegen Abend ganz schmutzig gewesen; über Nacht ließ sich der Schmutz auf die Erde nieder; und der Nebel und alles verwandelte sich dann in schwärzliche Dunkelheit, aus der schreiend grell die braunroten Flecken der Laternen hervorstachen. Sofja Petrowna sah vor sich die unklaren Abrisse der langen Gestalt, und flehend bat sie ihn:
»Ich möchte eine Droschke.«
Die lange Gestalt ihres unbekannten Begleiters, eine abgetragene Mütze über den Kopf gestülpt, schwenkte den Arm gegen den Nebel, eine Droschke kam langsam näher.
Sofja Petrowna verstand nun alles; die traurige Erscheinung hatte eine wundervolle, kosende Stimme -- eine Stimme, die sie unzählige Male gehört; erst vor kurzem, erst heute; ja, heute: im Traum; und sie hatte sie vergessen, wie sie vergessen hatte -- den Traum selbst . . .
Er hatte eine wundervolle, kosende Stimme, aber . . . kein Zweifel; es war nicht die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. Sie aber hatte gehofft, sie aber hatte gewünscht, dieser herrliche, freundliche, ihr fremde Mensch, wäre ihr Gatte gewesen. Aber ihr Gatte war nicht gekommen, hatte sie nicht aus der Hölle geholt; ein Fremder hatte es getan.
Wer mochte er sein? Wer?
Die unbekannte Gestalt erhob mehrmals die Stimme: die Stimme wuchs, wuchs und wuchs, und es schien, als wachse jemand riesengroß unter der Maske.
»Wer sind Sie doch?«
»Ihr alle verleugnet mich; ich aber folge euch allen. Ihr verleugnet mich, um dann nach mir zu rufen . . .«
Die lichte Erscheinung half ihr in die Droschke; als sie ihm aber flehend die zitternden Hände entgegenstreckte, legte er wieder den Finger auf die Lippen und befahl ihr zu schweigen.
Der Wagen bewegte sich bereits: o, wäre er doch stehengeblieben! Oder wäre er doch, o, zurückgekehrt -- zu jener Stelle, wo soeben noch der Schlanke, Traurige stand, wo jetzt aber niemand war und nur eine Laterne mit ihrem grellen, trüben Auge in die Nacht blinkte.
Sie vergaß das, was war
Sofja Petrowna Lichutina vergaß das, was war. Ihre Zukunft verlor sich in der schweren, dunklen Nacht. Das Nicht-mehr-gut-zu-Machende nahte sich ihr, das Nicht-mehr-gut-zu-Machende erfaßte sie.
Mitsamt einem Stück ihrer nahen Vergangenheit löste sich der gestrige Tag von ihrem Bewußtsein; Unannehmlichkeiten mit dem Gatten; Unannehmlichkeiten mit Madame Farnoix: als sie tiefer gehen wollte und das Bewußtsein befragte -- da löste sich der gestrige Tag los, wie sich ein Stück Erde manchmal loslöst; er löste sich los und versank in einer dunklen Tiefe. Man hörte einen Laut, als würden Steine zerschlagen.
Vor ihr erstand ihre Liebe von diesem unglücklichen Sommer; und auch die Liebe dieses unglücklichen Sommers löste sich wie alles andere und versank in einem dunklen Abgrund; und wieder hörte man einen Laut, als würden Steine zerschlagen. Es erstanden vor ihr, um gleich wieder zu versinken, ihre Gespräche mit Nikolai Ableuchow; es erstanden -- um wieder zu versinken -- die Jahre ihrer Ehe, ihre Brauttage, ihre Hochzeit: eine Leere verschlang diese Stücke ihrer Erinnerungen, und es tönten Laute, als zerschlüge jemand Steine. Ihr ganzes Leben flog an ihr vorbei, und dieses ganze Leben versank in einer Tiefe; als wäre es nie gewesen; als wäre sie selbst -- ein noch nicht geborenes Seelenwesen. Hinter ihrem Rücken bereits begann diese Leere (denn alles war dort versunken und sank in einen dunklen Grund) und setzte sich in die Ewigkeit fort; und von den Ewigkeiten her tönte ein Schlag nach dem anderen: dort löste sich ein Stück nach dem anderen von ihrem Leben und fiel, laut aufschlagend, in einen dunklen Abgrund . . .
Plötzlich kam Sofja Petrowna zu sich: die Droschke überholend raste ein Feuerwehrwagen vorbei; ein Helm und eine brennende Fackel blitzten vor ihr für kurze Augenblicke auf; gleich darauf raste, klappernd und rasselnd, ein ganzer Feuerwehrzug vorbei.
»Brennt es irgendwo?« wandte sich Sofja Petrowna an den Kutscher.
»Ja, Herrin, wie es scheint, auf den Inseln.«
Das Gefährt hielt nun vor ihrem Hause.
Sofja Petrowna erinnerte sich da an alles: alles stand erschreckend prosaisch vor ihr. Die Masken erschienen ihr als einfache Spaßmacher; sicher waren es Bekannte, die auch ihr Haus öfters aufsuchten; der Traurige, Schlanke war wohl einer von ihren revolutionären Freunden (wie lieb es von ihm war, sie zur Droschke zu bringen). Geärgert biß sie sich auf die Lippen: wie konnte sie so ungeschickt _ihn_ mit ihrem Gatten verwechseln? Und ihm sinnlose Bekenntnisse ins Ohr flüstern über irgendeine Schuld? Jetzt wird dieser unbekannte Bekannte allen Leuten den Unsinn überbringen, wird die Meinung verbreiten, sie fürchte sich vor ihrem Manne. Und dieser Klatsch läuft dann durch die ganze Stadt . . . Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie werden mir gleich für diese unnötige Schmach bezahlen! . . .
Zornerfüllt stieß sie mit dem Füßchen gegen die Eingangstür; die Tür klappte mit lautem Krachen hinter ihrem Rücken zu. Finsternis umfing sie, das Unaussprechliche erfaßte sie wieder für einen Augenblick (so mußte es wohl im ersten Augenblick nach dem Tode sein). Aber Sofja Petrowna dachte nicht an den Tod, im Gegenteil, sie dachte an so einfache Dinge. Sie dachte daran, wie sie Mawruscha gleich befehlen würde, den Samowar aufzutragen, wie sie inzwischen ihrem Manne eine ordentliche Predigt halten würde (auf so was verstand sie sich: vier Stunden konnte sie es, ohne Aufatmen, fortsetzen), und wenn Mawruscha den Tee fertig serviert hatte -- dann würde sie sich mit ihrem Manne versöhnen.
Sofja Petrowna klingelte. Gleich mußte sie den eiligen Schritt Mawruschas hinter der Tür vernehmen; aber sie hörte diesen eiligen Schritt nicht. Sofja Petrowna fühlte sich beleidigt und klingelte zum zweitenmal.
Mawruscha schläft natürlich; Sofja Petrowna braucht nur aus dem Hause zu gehen, da wirft sich die dumme Gans sofort ins Bett . . . Aber auch der Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch ist großartig: er wartete natürlich seit Stunden voll Ungeduld auf ihr Kommen, hörte das Läuten und merkte, daß die Bediente schlief. Und doch rührte er sich nicht! Der Herr ist beleidigt! Na, warte nur!
Du bleibst ohne Versöhnung und ohne Tee! . . .
Sofja Petrowna begann heftig zu läuten, einmal nach dem anderen, die Glocke prasselte nur so . . . Nichts, niemand! Sie neigte sich mit dem Ohr gegen das Schlüsselloch; und wie sie ihr Ohr lauschend am Schlüsselloch hatte, hörte sie hinter der Tür (in einem Werschok Entfernung) ganz deutlich: ein keuchendes Atmen und ein Reiben von Zündhölzern an der Schachtel: Herrgott Jesus Christus, wer mochte dort keuchen? Sofja Petrowna trat etwas zurück.
Mawruscha? Nein, sie war es nicht. Ssergeij Ssergeijewitsch? Ja, er war es. Aber warum schwieg er? Warum machte er nicht auf? Warum stand er hinter der Tür und keuchte?
Böses ahnend begann Sofja Petrowna, verzweifelt, an die filzbeschlagene Tür zu hämmern; Böses ahnend rief Sofja Petrowna:
»So macht doch auf!«
Hinter der Tür fuhr jemand fort keuchend zu atmen, regelmäßig und hastig:
»Ssergeij Ssergeijewitsch, lassen Sie es doch! . . .«
Schweigen.
»Sind Sie es? Was haben Sie?«
Ta -- ta -- ta -- etwas wälzte sich von der Tür.
»Was ist denn los? Herrgott, ich fürchte mich, ich fürchte mich . . . Machen Sie doch auf, Liebling!«
Etwas heulte auf hinter der Tür und lief eilig in die inneren Zimmer; man hörte ein Rumoren, Stühle wurden geschoben; Sofja Petrowna glaubte die Lampe im Salon klimpern zu hören, dann wurde wieder ein Tisch geschoben. Einen Augenblick lang war dann alles ruhig.
Aber dann plötzlich hörte man ein furchtbares Krachen; wie wenn die Decke eingestürzt wäre und der Schutt nach unten fiele; unter den verschiedenen Tönen vernahm Sofja Petrownas Ohr mit Schrecken: das schwere Niederfallen eines menschlichen Körpers.
Unruhe
Apollon Apollonowitsch Ableuchow haßte im Grunde genommen das unvermittelte Sprechen, bei dem man in die Augen des Partners blicken mußte; das Sprechen mittels der Telephondrähte beseitigte diese Nachteile. Apollon Apollonowitsch horchte mit Vergnügen auf das Summen des Telephons.
Apollon Apollonowitsch ging zu Zukatows mit dem einzigen Vorhaben, dem Leiter eines gewissen Amtes einen Schlag zu versetzen. Diesem Amt hatte es in der letzten Zeit beliebt, mit einer radikalen Partei ein wenig zu kokettieren. Apollon Apollonowitsch haßte Kompromisse; und er wollte dem Parteileiter zeigen, wie er, einmal erst auf seinem hohen Posten, sich zum besagten Amtsleiter stellen würde . . .
Deswegen blieb Apollon Apollonowitsch den ganzen Abend bei Zukatows, vor sich das höchst widerliche Bild: konvulsivisch hüpfende Beine und blutrote, unangenehm knisternde Stoffe: solche roten Fetzen sah er schon einmal: auf dem Platze vor der Kathedrale: dort wurden diese Fetzen Fahnen geheißen.
Diese roten Fetzen hier, auf einem Tanzabend, bei dem das Haupt der Verwaltung anwesend war -- schienen ihm ein unschicklicher, unwürdiger, schmachvoller Scherz, und die konvulsivisch tanzenden Beine riefen in ihm das Bild einer traurigen (aber unumgänglichen) Maßnahme hervor, durch die Staatsverbrechen unmöglich wurden.
In offensichtlicher Langeweile, mit kaum zu überwindendem Widerwillen, saß Apollon Apollonowitsch auf dem Stuhle, aufrecht wie ein Stock, ein kleines Porzellantäßchen in den winzigen Händchen. Gegen den bunten, bucharischen Teppich stemmten sich in perpendikulärer Richtung die dünnen Beinchen, deren untere Teile mit den Schenkeln einen geraden Neunziggradwinkel bildeten; perpendikulär zu der Brust streckten sich die dünnen Arme nach dem Porzellantäßchen vor. Apollon Apollonowitsch Ableuchow, die erstklassige Persönlichkeit, glich einer auf den Teppich gemalten Ägypterfigur -- eckig, breitschulterig, jede anatomische Regel verleugnend.
Die Mitteilung des kleinen, unscheinbaren Herrchens wirkte auf Apollon Apollonowitsch wie ein Schlag: der blutrote unangenehme Domino, der hirnlose Narr, der ihm am meisten auf die Nerven fiel -- sein leiblicher Sohn . . . Nein, nein -- nein, nein: der Domino sein leiblicher Sohn! . . .
Ist er auch wirklich sein Sohn? Sein leiblicher Sohn kann ja einfach nur der Sohn Anna Petrownas sein; durch Überwiegen in den Adern des mütterlichen Blutes. Das mütterliche Blut hat das reine Ableuchowsche Geschlecht verunreinigt, indem es dem berühmten Manne einen _unsauberen_ Sohn geschenkt hat. Nur ein _unsauberer_ Sohn, ein _Bastard_, konnte Dinge treiben wie diese.
Am meisten empört war Apollon Apollonowitsch, daß der widerwärtige, dort hüpfende Domino (Nikolai Apollonowitsch), wie ihm das kleine Herrchen berichtete, bereits eine ebenso widerwärtige Vergangenheit hatte, daß über sein Treiben die jüdische Presse bereits geschrieben hatte; Apollon Apollonowitsch bedauerte, nicht in die »Tagesneuigkeiten« der Zeitungen hineingesehen zu haben.
Mit rascher Bewegung erhob sich Apollon Apollonowitsch und lief in das Nebenzimmer, um dort den Domino ausfindig zu machen; aber aus demselben kam mit eiligen, eiligen Schritten ein kleiner, glattrasierter Gymnasiast im Salonrock auf ihn zu, und Apollon Apollonowitsch war nahe daran, ihm aus Zerstreutheit die Hand zu reichen; der glattrasierte Gymnasiast erwies sich bei näherer Betrachtung als Senator Ableuchow selbst: in der Eile war der Senator beinahe in den Spiegel hineingerannt.
Apollon Apollonowitsch wandte dem Spiegel den Rücken zu; und -- dort, dort: im Zimmer, zwischen Saal und Salon, sah Apollon Apollonowitsch den widerlichen Domino (den Bastard), der in das Lesen eines (sicher widerlichen) Briefes (sicher unanständigen Inhalts) vertieft war. Apollon Apollonowitsch hatte nicht den Mut, den Sohn zur Rede zu stellen.
Bald vernahm Apollon Apollonowitsch ein Murmeln und Flüstern und merkte da und dort ein spöttisches Lächeln; er bemerkte auch, daß das konvulsivische Tanzen plötzlich aufgehört hat; das beruhigte für einen Augenblick sein aufgewühltes Gemüt. Aber dann ging es wieder mit erschreckender Klarheit durch seinen Kopf: sein Sohn sei ein ganz miserabler Kerl; denn nur ein ganz miserabler Kerl konnte sich in so abscheulicher Weise aufführen: einige Tage hintereinander einen roten Domino anziehen, einige Tage hintereinander eine Maske vors Gesicht binden; einige Tage hintereinander die jüdische Presse in Aufregung halten . . .
Apollon Apollonowitsch gedachte jetzt auf seinen Posten verzichten zu müssen: er konnte den Posten nicht annehmen, ehe er die Schmach weggewaschen hatte, die seinem Geschlecht durch das Benehmen des Sohnes (immerhin ein Ableuchow) zugefügt wurde . . .
Mit diesen trüben Gedanken reichte er den Anwesenden seinen Finger und lief, von Wirt und Wirtin geleitet, aus dem Salon. Und als er in seinem Lauf durch den Tanzsaal angsterfüllt gegen die Wände blickte -- dabei fand er den hellerleuchteten Saal viel zu groß --, sah er deutlich, wie ein Häufchen grauer Matronen miteinander tuschelte.
An Apollon Apollonowitschs Ohr gelangte nur das Wort -- Hühnchen.
Apollon Apollonowitsch haßte die Hühnchen, die mit weggeschnittenen Köpfen in den Basaren verkauft werden.
Der Brief
Nikolai Apollonowitsch befand sich in einem dunklen Traum, im dunkelsten Naßkalt der Straße, in das die Laterne hartnäckig einen rötlichen Fleck hineinzuleuchten bemüht war.
Nach ein paar Schritten bemerkte Nikolai Apollonowitsch mit Gleichmut, daß ihm die Beine fehlten; unordentlich patschten durch den Schmutz weiche Körperteile; vergeblich bemühte er sich, diese weichen Körperteile in gewünschter Richtung zu bewegen; sie weigerten sich, ihm zu gehorchen; sie hatten wohl äußerlich die Form von Beinen: aber Beine waren es nicht; unwillkürlich ließ sich Nikolai Apollonowitsch auf eine Stufe vor dem Nachbarhause nieder; so saß er, gehüllt in seinen Wintermantel, wohl eine Minute lang.
Das war ganz natürlich in seiner Lage (sein ganzes Benehmen war durchaus natürlich); ebenso natürlich war es, daß er den Mantel aufschlug, in den Taschen suchte und das Briefchen hervorzog; wieder und wieder las er es, bemüht, darin eine Spur von Scherz oder Spott zu entdecken; aber nichts davon gelang ihm . . .
»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages teilen wir Ihnen mit, daß der Würfel nun auf Sie fiel. Sie haben unverzüglich an die Sache zu gehen -- und« . . . hier konnte Nikolai Apollonowitsch nicht lesen, denn da stand der Name seines Vaters -- doch weiter: »Das nötige Material in der Gestalt der Bombe mit dem Uhrmechanismus wurde Ihnen seinerzeit übergeben; Eile ist geboten; es ist erwünscht, daß die Angelegenheit schon in den nächsten Tagen erledigt ist . . .« Weiter folgte -- die Parole: Nikolai Apollonowitsch kannte die Parole wie die Schrift gut. Es war die Schrift des »Unbekannten«. Er hatte schon öfters Briefe von dem »Unbekannten« erhalten.
Zweifel waren ausgeschlossen.
Nikolai Apollonowitsch bemühte sich, nicht zu denken, nicht zu verstehen: denken, _verstehen_ . . . konnte man denn so etwas _verstehen_; das _kam_ einfach und zwang und würgte . . . darüber denken hieß sich ins Wasser stürzen . . . Zu denken gab es da nichts, denn . . . das war . . . Na, wie war es nur zu bezeichnen? . . .
Nein, niemand vermochte hier etwas zu denken.
Nikolai Apollonowitsch suchte sich an Äußeres zu klammern: da ist die Karyatide an der Einfahrt; nichts weiter: eine Karyatide . . . Doch -- nein, nein! Gar keine Karyatide: er hatte eine solche noch nie gesehen: sie hängt gerade über einer Flamme. Und dort ist -- ein Haus: nichts weiter -- ein Haus.
Nein, nein, nein!
Es ist kein einfaches Haus, wie alles andere nicht einfach ist: alles in ihm hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln losgelöst, er selbst hat sich von seinen eigenen Wurzeln losgelöst und sieht von irgendwoher (für ihn ganz unbekannt), wo er noch nie gewesen, seine Umgebung.
Da sind nun auch Beine -- nichts weiter -- Beine . . . Nein, nein! Es sind keine Beine, es sind ganz weiche, unnötig baumelnde Körperteile.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich schwer von der Stufe. Nikolai Apollonowitsch trat in ein leeres Gäßchen.
Das Gäßchen war leer, wie alles: wie dort oben die Ferne; so leer, wie die menschliche Seele sein kann. Für einen Augenblick bemühte sich Nikolai Apollonowitsch, an die transzendenten Dinge zu denken; daran, daß die Geschehnisse dieser vergänglichen Welt nicht im geringsten das unsterbliche Zentrum berühren und daß selbst das denkende Hirn nur ein Bewußtseinsphänomen sei; daß, soweit er, Nikolai Apollonowitsch, in dieser Welt handelte, er -- nicht er sei; sondern nur -- vergängliche Materie; sein wirklicher, beschauender Geist kann ihm noch immer den Weg erleuchten; erleuchten trotz _diesem_; beleuchten -- selbst . . . _dieses_ . . . Doch _dieses_ umgab ihn, umgab ihn von allen Seiten wie ein Zaun; zu seinen Füßen sah er nur eine Pfütze.
Und nichts leuchtete.
Das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs bemühte sich vergeblich zu leuchten; es leuchtete nicht. Die furchtbare Dunkelheit blieb, wie sie war. Sich ängstlich umsehend, erreichte er mit schleichenden Schritten den hellen Laternenfleck. Er begann wieder zu lesen. Die Gedanken entflogen dem Bewußtseinszentrum wie eine Schar betäubter, vom Sturm gepeitschter Vögel; aber auch dieses Zentrum gab es nicht mehr: es gab nur noch ein düsteres Loch, vor dem Nikolai Apollonowitsch verloren stand, wie vor einem tiefen Brunnen. Wann und wo war er schon einmal so gestanden? Er suchte sich dessen zu entsinnen, aber es gelang ihm nicht. Und wieder begann er:
»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages«, las er und wollte einen Punkt entdecken, den er beanstanden konnte; doch er fand keinen.
»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages« . . . Er hatte in der Tat den Vorschlag gemacht, aber er hatte ihn später vergessen; wohl fiel er ihm nachträglich wieder ein, aber dann folgten die Ereignisse der allerletzten Zeit, folgte der Domino; verwundert blickte Nikolai Apollonowitsch auf diese Vergangenheit zurück; er fand sie einfach albern; eine Dame mit hübschem Gesichtchen füllte sie aus; nichts weiter -- eine Dame, eine Dame, eine Dame! . . .
»Wir teilen Ihnen mit, daß der Würfel auf Sie fiel«, las Nikolai Apollonowitsch, als er hinter seinem Rücken Schritte vernahm; er wandte sich um und ging dem Herannahenden entgegen; er erblickte Hut, Mantel, Stock, ein kleines Vollbärtchen und eine Nase: das alles ging an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten (er hörte nur die Schritte und das sich überschlagende Pochen des Herzens).
Er wandte sich wieder dem Brief zu.
»Das nötige Material in Gestalt einer mit Uhrmechanismus versehenen Bombe ist Ihnen seinerzeit übergeben worden« . . . Es war ihm nichts übergeben worden, nein, nichts! Es tauchte etwas wie eine Hoffnung in ihm auf, alles wäre nur -- Spaß . . . Eine Bombe? Nein, er hatte keine Bombe! Ja, ja -- keine!!
* * *
Das Paket?!
* * *
Da erinnerte er sich: das Paket, der verdächtige Besucher, der septemberliche Tag -- alles, alles. Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich deutlich, wie er das Paket nahm (es war naß) und in seinen Schreibtisch verbarg.
Und zum erstenmal erfaßte ihn eine unaussprechliche Angst.