Petersburg

Part 11

Chapter 113,478 wordsPublic domain

Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft vorsintflutlichem Äußern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck. Die Schöße seines Rockes, auf dem stellenweise weiße Federchen hingen, waren hinten etwas geöffnet und ließen eine höchst primitive Hosenschnalle sehen; es war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Büscheln ein gelblicher Vollbart, und über die Schultern fielen ihm Haarsträhnen, die aussahen, als kämen sie selten mit einem Kamm in Berührung. Unheimlich wirkte seine blutrote hängende Lippe, die sich gleichsam vom Munde loszulösen schien.

In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der Glanz und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmütigen Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein und derselben Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes Taschentuch hervor, um die auf dem Schnurrbart hängende Feuchtigkeit von der Straße abzutrocknen; er zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick, zwischen zwei Quadrillefiguren, stillstanden.

Endlich gelangte er in den von bläulichem, elektrischem Licht beschienenen Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurückhielt.

»Verstehen Sie jetzt, meine Gnädige, den Zusammenhang zwischen dem japanischen Krieg, den Hebräern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der Revolution? Das jüdische Auftreten und die Treibereien der großen Fäuste in China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander.«

»Ich verstehe es jetzt, ich verstehe.«

Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhänger sozusagen humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht da zu sein -- und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes; derselbe Redakteur, der soeben gerade die fünfundzwanzigjährige, reine Tätigkeit des Sammelns statistischer Daten -- human ausgedrückt -- in unanständigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann plötzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise verächtlich in seinen struppigen Bart.

»Begreifen Sie jetzt, meine Gnädige, das jüdisch-freimaurerische Treiben?«

»Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen.«

Und dort, dort . . .

Mit einer Hand auf die Baßtasten aufschlagend, schloß der Tapeur dort elegant das Tanzstück, während er mit der anderen mit meisterhafter Schnelligkeit das Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und die Finger ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er seinen Körper erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weißen Zähne schimmerten.

Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem stürmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit der Stirn gegen die Luft stoßend, glitt er eilig über das blinkende Parkett zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter ihr flatternd eine heliotropfarbene Schärpe; inspiriert durch den Flug seiner Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die Richtung des Tapeursitzes und brüllte wie ein Löwe durch den Saal:

»Pas -- de -- quatre, s'il vous plait!«

Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschöpf.

Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschüler seinen Handschuh von der Hand und fächelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine Mädchen, eng umschlungen, flüsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttüchlein.

Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gästen vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Früchte in großen Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.

In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurück; er legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfältig die heißen Finger, fuhr mit einem weichen Läppchen über die Tasten, legte die Notenhefte säuberlich übereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig unentschlossen -- während die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal die Fenster zum Lüften öffneten -- in die Richtung des lackierten Vorzimmers.

Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf Kohlen) im Salon gesessen war; er stieß jetzt auf den liberalen Leiter einer Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn, lächelte ihm freundlich zu, und wie geängstigt, daß dieser ihm davonlaufe, ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als Rettungsanker; und nun hörte man:

»Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Holländers . . .«

Und wieder hörte man:

»Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .«

»Nach den Ergebnissen der Statistik . . .«

Als klagte jemand

In diesem Augenblick sprang ein zehnjähriges Mädchen aus dem Mittelzimmer heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden, verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tür auf; der geschliffene, diamantensprühende Türgriff bewegte sich geheimnisvoll, und in den schmalen Raum zwischen Tür und Wand schob sich vorsichtig eine schwarze Maske herein; zwei glänzende Funken leuchteten durch die Augenausschnitte derselben.

Das zehnjährige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bös funkelnden Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und schließlich einen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt führte das Kind die Finger zu den Augen, dann aber lächelte es freudig, klatschte mit den Händchen und lief mit dem Schrei: . . . »Die Masken sind angekommen!« durch die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen Tabaksrauchwolken sich die Gestalt des Professors mit seinen Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete.

Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fuß gefaßt hatte, sah verwundert den Domino an und faßte sich aus Verlegenheit wieder an den Bart; der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem Hause in den Schmutz der Petersburger Straßen, in den bösen, dicken Nebel zu jagen.

»Sagen Sie, bitte, sind Sie eine -- Maske?«

Schweigen.

Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal.

Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging in ein hauchendes Flüstern über; endlich verstummte auch das Flüstern; eine schwere Stille trat ein.

Der arme Domino: als wäre er bei einem Vergehen ertappt -- er neigte sich vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht aus dem Hause in den Petersburger Straßenschmutz, in den bösen, feuchten Nebel zu jagen.

»Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straßen herumläuft?«

»Meine Herrschaften, haben Sie heute die >Tagesneuigkeiten< in der Zeitung gelesen?«

»Warum?«

»Aber da steht wieder etwas über den roten Domino.«

»Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn.«

So rief über die bunten Köpfchen der jungen Mädchen der kleine Kadett hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino. Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende mit leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen und fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz ließ der Domino unbeantwortet und streckte nur flehend die Arme vor.

»Gehen wir, meine Herrschaften.«

Und die Schar lief davon.

Eine kleine vertrocknete Gestalt

Er hatte sich selbst vergessen; er vergaß seine Gedanken und vergaß seine Hoffnungen; er weidete sich an der Rolle, die er sich selbst zugedacht hatte: das gottähnliche, leidenschaftslose Wesen war verschwunden; geblieben war nur die nackte Leidenschaft; und diese Leidenschaft wurde zu Gift.

Als hätte er all die letzten Tage seine Zaubermacht an ihr versucht; indem er die Arme aus den Fenstern des gelben Hauses ihr entgegen ausgestreckt, indem er seine kalten Arme gegen die Newanebel über dem Granit ausstreckte. Er suchte das von ihm in Gedanken hervorgerufene Bild liebend zu fassen; um sich zu rächen, wollte er die vor ihm schwebende Silhouette erwürgen; deswegen breiteten sich all diese Tage auch ihre kalten Arme aus, Raum gegen Raum; deswegen klangen ihr all diese Tage über in den Ohren wie aus der Ferne kommende, unirdische Liebesbeschwörungen, pfeifende Schwüre und keuchende Leidenschaftsworte; deswegen hörte sie unverständliches Summen, und deswegen flochten zu ihren Füßen knisternde Blätter Girlanden aus Worten . . .

An sein Ohr drangen ferne Stimmen, und langsam wandte er sich um; undeutlich und unklar -- ganz, ganz weit von ihm -- schritt eine kleine, trockene Gestalt durch den Saal, haarlos, bartlos, ohne Brauen über den Augen, seltsam. Nikolai Apollonowitsch konnte durch die Maske nur mit Mühe die Einzelheiten der Erscheinung sehen, denn das Blicken durch dieselbe verursachte ihm Schmerz (außerdem war er kurzsichtig); er sah nur die Konturen grünlicher Ohren; kurz, er erblickte vor sich den Vater: mit den Ringen seiner Uhrkette spielend, starrte Apollon Apollonowitsch mit schlecht verborgener Angst, auf die plötzlich aufgetauchte Maske; er dachte, ein boshafter Spaßvogel wollte ihn, den Höfling, durch die symbolische Farbe seines grellroten Kleides terrorisieren . . .

Unerwartet vernahm man das Lachen nahender Gäste; das Zimmer füllte sich mit Masken; eine Schar schwarzer Kapuziner sprang herein; sie bildeten sofort einen Kreis um ihren roten Genossen und begannen einen wilden Reigen zu tanzen; die Atlasschöße ihrer schwarzen Gewänder flogen auf und nieder; dazu hüpften die Spitzen der Kapuzen drollig im Takt, und vorn an der Brust baumelten die gestickten, auf zwei gekreuzten Knochen ruhenden Totenschädel.

Der rote Domino machte sich von der ihn umringenden Schar frei und lief aus dem Saal; lachend folgte ihm die schwarze Kapuzinerschar; so liefen sie durch den weiten Vorraum ins Speisezimmer; die um die Tische Sitzenden dort begrüßten sie, indem sie mit den Tellern klapperten.

Nur einer sagte:

»Meine Herrschaften, es ist zuviel . . .«

Pompadour

Engel Peri stand vor dem etwas schräggehängten, ovalen Spiegel: alles lief in ihm nach unten; die Zimmerdecke, die Wände, der Fußboden, und dort gleich einer Fontäne von duftigen Gegenständen, aus dem Meerschaum, aus Spitzen und Mull trat sie selbst hervor, eine Schönheit mit hochgewelltem Haar und einem Schönheitspflästerchen auf der Wange: Madame Pompadour!

Und ihre Haare, ganz in Locken gedreht, nur leicht von einem Band gehalten, waren wie Schnee; und fein waren die Fingerchen, die jetzt die Puderquaste hielten; die schmale himmelblaue Taille war ein wenig nach links gebeugt, die Hand hielt eine kleine schwarze Maske; aus dem engen, tiefausgeschnittenen Mieder blickte, wie hauchüberzogen, atmend, lebendigen Perlen gleich, der Busen; an den schmalen, seiderauschenden Ärmelchen wogten in Wellen Valencienner Spitzen; Valencienner Spitzen wogten auch sonst überall, an dem Ausschnitt, unter dem Ausschnitt; der Panierrock wiegte sich unter dem Mieder, wie vom Windhauch getragen wiegte er sich, spielend mit Volants und flimmernd mit der Silbergirlande der Festons; silberne Schuhchen an den Füßen und jedes verziert mit einer Silberquaste. Aber seltsam: Sofja Petrowna sah in ihrer Robe gealtert und weniger hübsch aus; statt des kleinen rosigen Mündchens hoben sich die unschön abstehenden, allzu roten, allzu schweren Lippen vom kleinen Gesichtchen ab; und als die Augen zu schielen begannen, zeigte Madame Pompadour etwas Hexenhaftes: in diesem Augenblick steckte sie den Brief hinter das Mieder.

Im selben Augenblick auch sprang Mawruscha herein und brachte einen Stab aus hellem Holz mit goldenem Griff und flatternden Bändern; während aber Madame Pompadour den Stab nahm, blieb in ihrer Hand ein Zettelchen zurück, von ihrem Gatten; darauf stand: »Wenn Sie abends fortgehen, kehren Sie nicht mehr in mein Haus zurück. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin.«

Dieser Zettel war natürlich an Sofja Petrowna Lichutina, nicht an Madame Pompadour, gerichtet; Madame Pompadour lächelte verächtlich; sie sah in den Spiegel, in die Tiefe, in das matte Grün: dort weit, weit zogen leichte, rauschende Wellen dahin; und aus dieser grünlichen, blassen Tiefe mit dem grellen Fleck des roten Lampenschirms tauchte -- plötzlich, ein Wachsgesicht auf, und Sofja Petrowna drehte sich um.

Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lächelte sie verächtlich, hob leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons und schritt knicksend zurück; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf seinen Schwingen davon, und ihr Reifrock wiegte sich gleichmäßig wie eine Glocke und rauschte in süßem Zephirhauch; in der Tür wandte sie ihm das Gesicht zu und machte dem Offizier mit der Hand, die die schwarze Maske hielt, schelmisch lächelnd, eine lange Nase; hinter der Tür hörte man dann lautes Lachen und den lauten wie sonst ausgesprochenen Befehl:

»Marwruscha, den Mantel!«

Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Göreischen, Seiner Majestät Regiment, blaß wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem Lächeln der graziösen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb ehrfurchtsvoll wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner Gattin stehen; mit noch größerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, riß weit die Flügeltür vor ihr auf, mit verbindlichem Lächeln mit der Hand nach außen zeigend, in die farblose Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit hochgehobener Stirn, an dem ergebenen Diener vorbeischritt -- schlug Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die Sporen aneinander und machte wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene Finsternis ergoß sich über sie -- von allen Seiten ergoß sie sich: Lange, lange noch hörte man das Rauschen auf der Treppe, denn fiel unten die Tür zu; Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurück und begann mit denselben übertriebenen scharfen Bewegungen überall die elektrischen Lichter zu löschen.

Das Verhängnisvolle

»Komm mit mir!« bedrängte eine Madame Pompadour Nikolai Apollonowitsch, und da er Madame Pompadour nicht erkannte, gab er nur unwillig den Arm; unmerklich spöttisch sah sie ihren roten Kavalier an, und mit zurückgeworfenem Kopfe legte sie eine Hand in seinen Arm, indessen die andere den Rocksaum aus hellblau flatterndem Duft hielt und ein reizvolles, silbernes Schuhchen hervorlugen ließ.

Und nun begann man zu tanzen:

Eins -- zwei -- drei -- und die Taille bog sich, das Füßchen lugte hervor . . .

»Erkennst du mich?«

»Nein.«

»Du scheinst jemand zu suchen?«

Eins -- zwei -- drei -- und wieder ein Wiegen der Taille wie ein Vorschieben des Füßchens.

»Ich habe einen Brief für dich.«

Dem ersten Paar -- Domino und Marquise -- folgten Harlekine, Spanierinnen, perlmutterblasse Fräuleins, Juristen, Husaren und willenlose Mullgeschöpfe: Nackte Schultern, silberige Rücken und Schärpen.

Allmählich legte sich die eine Hand des roten Dominos um ihre hellblaue Taille, und während er mit der zweiten die der Dame ergriff, ließ diese den Brief in seine Hand übergleiten; und im gleichen Augenblick legten sich dunkelgrüne, schwarze und husarenrote Arme aller anderen Kavaliere um die schlanken, weißen, heliotropfarbenen, seidenknisternden Gewänder, und alles begann sich im Tanze zu drehen.

Der weißbärtige Wirt aber brüllte:

»A vos places!«

Und hinter ihm her flog ein willenloser Backfisch.

* * *

Apollon Apollonowitsch

Apollon Apollonowitsch erholte sich von seinem Herzanfall; er schämte sich seiner Angst -- und trat in den Salon; alle erhoben sich bei seinem Erscheinen von den Plätzen, und Lubow Aleksejewna ging ihm entgegen; der Statistikprofessor bewegte sich ruhelos auf seinem Platze und stammelte:

»Ich hatte schon einmal die Ehre gehabt; ich wollte Sie, Apollon Apollonowitsch, in einer Angelegenheit . . .«

Der Wirtin die Hand küssend, antwortete Apollon Apollonowitsch etwas trocken:

»Ich bin im Departementsbureau zu sprechen.«

Zerstreut warf inzwischen die Wirtin ihrem Partner zu:

»Und was meinen Sie, bitte . . .«

Da trat ein Neuer ein: ein schweigsames, bewegliches Herrchen mit riesiger Warze unter der Nase; er winkte wie aufmunternd dem Senator zu, lächelte und rieb sich die Finger; mit zweideutig sanfter Miene führte er den Senator beiseite:

»Ja, sehen Sie, Apollon Apollonowitsch . . . Der Direktor des N.-Departements trug mir auf . . . na, wie soll ich es sagen . . . an Sie eine etwas heikle Frage zu richten . . .«

Weiter konnte man nichts hören; man sah nur, wie das kleine Herrchen etwas in das blaßgrünliche Ohr flüsterte und plötzlich Apollon Apollonowitsch ängstlich dazwischenwarf:

»Sprechen Sie also geradeheraus . . . mein Sohn?«

Wieder ein Flüstern; der Senator fragte:

»Der Domino, sagen Sie?«

»Der Domino -- ebendieser dort.«

Mit diesen Worten zeigte das lebhafte Herrchen in den Nebenraum, wo der ruhelose Domino in Rot über das spiegelnde Parkett tanzend dahinglitt.

Der Skandal

Nachdem sie den Brief übergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von ihrem Kavalier fort, kraftlos ließ sie sich auf ein weiches Taburett nieder; ihre Arme und Beine versagten den Dienst.

Was hatte sie gemacht?

Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift besser zu lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes legten sich wie schwarze, flatternde Flügel auf beide Seiten des Kopfes; aus den flatternden Flügeln aber blickte ein wächsernes, unbewegliches Gesicht mit vorstehenden Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den die Finger hielten, zitterte; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat plötzlich jemand herein; der Domino verbarg mit nervöser Bewegung das Billett in den Atlasfalten; die Maske aber vergaß er herunterzuziehen. Und so stand er da, mit auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem Blick.

Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mädchen, Kühlung suchend, herein; sie stieß beinahe in der Tür den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte dann zum Spiegel, richtete das Bändchen im Haar, schnürte das weiße, seidene Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu flüstern.

Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief:

»Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer hätte es nur gedacht!«

Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mädchen zulächelte; dann verließ er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig in den Saal.

An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her rauschte der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkürlich an Blut denken mußte.

Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem wahren Skandal; die Tanzenden verließen ihre Plätze, die Damen sahen ihm mit weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: »Um Gottes willen, Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen?« -- Doch wie ein gehetztes Tier sah ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lächeln, ohne daß daraus ein Lächeln wurde, und stürzte, sich losreißend, weiter.

Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons auf sich; die schwerfälligen Salonbesucher drängten sich, beschienen vom bläulichen Lichte, in die Tür, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend. Aus dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit wie aus papiermachébleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und grünlichen, abstehenden Ohren: genau so war er kürzlich auf dem Titelblatt eines humoristischen Straßenblättchens dargestellt gewesen.

Wie aber wenn . . .?

Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen.

Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie deutlich den Inhalt des Briefchens: begriff, daß der Brief Nikolai Apollonowitsch aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe, die sich angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen -- dies war kaum mißzuverstehen -- gegen _den Senator_ zu werfen (denn Apollon Apollonowitsch wurde allgemein _der Senator_ genannt).

Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter den Masken und bemühte sich, das Ganze zu begreifen; gewiß, es war ein boshafter und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn durch diesen Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige Feigling. Wie aber, wenn . . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem Tische einen so furchtbaren Gegenstand liegen hat? Und wenn man das erfährt? Und ihn jetzt gleich festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja Petrowna unter den Masken, mit himmelblauer Taille und silbergrauen, üppigen Locken.

Überall hörte man ein Flüstern, ein Murmeln.

»Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was?«

»Ich habe es immer gesagt, ma chère: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch Tante Lise und Mimi und Niklas -- sie alle sagten es ebenfalls.«

»Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . .«

»Ach, wir verstehen sie alle.«

»Da kommt er selbst, da kommt er . . .«

»Er hat schreckliche Ohren . . .«

»Es heißt, er wird Minister . . .«

»Er wird das Land zugrunde richten . . .«

»Man muß es ihm sagen . . .«

* * *

Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch eine Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst einmal gegen den Tisch stoßen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem Tische vor einem Buche. Eine Bombe -- das ist etwas Rundes, was nicht berührt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang sah sie deutlich Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die Hände reibend, vor dem Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon und schleudert gegen sie leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach, warum mußten sie sich zanken! Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief, dem Domino und alles andere? . . .

Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich verurteilt ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in der Welt; nicht einmal unter Tieren fänden sich solche, die einen wahnsinnigen Sohn zwingen würden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das waren Albernheiten der Freunde. Wie dumm war sie doch -- vor einem einfachen Spaß zu erschrecken! Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der Freunde; er war doch ganz einfach ein Feigling: auch damals, am Kanal, lief er nicht vor dem Signal des Polizisten davon?

Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so prosaisch lugte unter dem Atlas die gewöhnliche, graue Hose hervor . . . Und auch jetzt: er lachte nicht über den naiven Scherz der revolutionären Freunde, er erkannte die Überbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne Maske, machte sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch mußte diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij Ssergeijewitsch muß den Feigling herausfordern . . .