Part 10
Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen Gießkanne begoß er die Pflanzen; er ließ Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn aus Danzig und Apfelbäume aus Schweden herbeibringen; er errichtete Wasserspiele, und ihre Sprühregen glitzerten zuweilen wie leichtes Spinngewebe auf den roten Kamisolen der allerhöchsten Persönlichkeiten, mit gepuderten Locken, schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in kostbaren Roben; gestützt auf den geschliffenen Griff des schwarzen, goldverzierten Stockes, führte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das Bassin, wo vom dunkelgrünen, schäumenden Grund, prustend, der Seehund seine Schnauze hervorstak; ein geängstigtes »Ach!« von seiten der Dame, indessen der Kavalier scherzhaft lächelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum entgegenhielt.
Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mußte ein ordentliches Stück seiner Fläche für die Alleen des Gartens hergeben, jenen Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus indischen Gewässern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre rosafarbigen Fühler in die Luft, und die hohe Persönlichkeit näherte, den pleureusengeschmückten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen Öffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich andere hohe Persönlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser.
Auch in späteren Zeiten hörte man öfters Lachen, Seufzer und Flüstern vor der Statue, die in malerischer Pose ihre Hände in den dämmernden Tag vorstreckte; dabei glänzten die Perlen der Hoffräulein. Im Frühling war es, am Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; plötzlich wurde sie von Orgeltönen erschüttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen hervorbrachen; und von derselben Ecke aus breitete sich plötzlich spaßiges grünes Licht aus; von diesem grünen Licht beschienen, bliesen grellrote Jägermusikanten in ihre Hörner, und von den melodischen Tönen erzitterte die Luft, die Seelen der Zuhörer in ihren Tiefen aufwühlend; hast du das sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft emporgehobenen Hörner nicht vernommen?
Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen düster verstimmt die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose Vogelschar kreiste über dem Peterhäuschen; unerträglich war ihr Gezwitscher und das Aufschlagen der vielen Flügel; die schwarze, ruhelose Schar ließ sich störend auf die Zweige niederfallen.
Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, schritt, in seinen Wintermantel gehüllt, über den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den Pelz, und die Augen glänzten eigentümlich. Er hatte gerade beschlossen, sich in Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen überreicht wurde; mit unbekannter Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den Sommergarten ein; die Unterschrift war ein »S«. Wer mochte sich hinter dem geheimnisvollen »S« verbergen? »S« ist -- Sofja (sie hat wohl ihre Schrift verändert). Nikolai Apollonowitsch, frisch rasiert und parfümiert, schritt über den hartgefrorenen Weg weiter.
Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen Schlaf gehabt; eine dünne Staubschicht legte sich ungehindert auf die aufgeschlagene Seite des Kant. Ein Strom süßer Gefühle zog durch die Seele Nikolai Apollonowitschs; Ähnliches hatte er auch schon früher empfunden. -- Dumpf, fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfaßt; als hatte er in ihm selbst schlummernde Kräfte in unergründeten Tiefen geweckt; als wäre in ihm eine Äolssaite gesprungen und anderer Leidenschaften -- Kinder hätten ihn durch die Lüfte in andere Länder getragen. Sollten auch das nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen Empfindungen sein? Oder war es am Ende -- die Liebe? Aber die Liebe verneinte er.
Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem, schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen Bank saß eine nachlässig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich plötzlich, trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf ihn zu.
»Sie haben mich . . . nicht erkannt?«
»Ach ja, guten Tag!«
»Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin -- Solowjowa.«
»Aber natürlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna!«
»Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . .«
Nikolai Apollonowitsch ließ sich gequält neben ihr nieder; in dieser selben Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglückliche Begegnung! Nikolai Apollonowitsch überlegte, wie er das Mädchen loswerden konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwährend verlegen um, doch es kam niemand.
Vor ihren Füßen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Blätter; ein dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu ächzen; von Zeit zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen.
»Haben Sie meinen Zettel bekommen?«
»Welchen Zettel?«
»Den Zettel mit >S< gezeichnet?«
»Was, den haben _Sie_ geschrieben?«
»Aber gewiß doch . . .«
»Wieso dann >S<?«
»Wieso? Ich heiße doch Solowjowa.«
Alles stürzte vor ihm zusammen. Und er, und er -- was hatte er sich nicht schon alles ausgemalt! Die unbestimmten Schauer, die ihn trugen, versanken in jähe Tiefe.
»Womit kann ich dienen?«
»Ich . . . ich wollte, ich dachte . . . haben Sie einmal ein Gedicht mit der Unterschrift >Die flammende Seele< bekommen?«
»Nein.«
»Wie ist das möglich? Ach, wie ärgerlich! Ohne diese Verse ist es mir eigentlich schwer, Ihnen zu erklären . . . Ich wollte Sie über den Sinn des Lebens fragen . . .«
* * *
»Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit.«
»Wieso? Ach, wieso denn?«
»Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses Gespräch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr?«
Warwara Ewgrafowna machte einen schüchternen Versuch, ihn zurückzuhalten, doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine parfümierte Hand. Ihr fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben bewegen konnte; er aber lief ganz verärgert, das Gesicht stolz und gekränkt in den Pelzmantel vergraben, von dannen.
Madame Farnoix
Erst in später Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen Äuglein aufzuschlagen; ihre Äuglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im Köpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Köpfchen schwirrten Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle Gedanke war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie sich darüber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und ihren Kopf erfüllten wieder Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus dieser Unklarheit erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was war es aber mit dem Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele: Toilette à la Pompadour -- himmelblaue Seide mit Blümchenmuster, Valencienner Spitzen, silbergraue Halbschuhe mit Pompons. Über die Toilette à la Pompadour hatte sie mit Madame Farnoix neulich einen großen Disput; Madame Farnoix wollte keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es entstand eine Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, daß Madame Farnoix Sofja Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hören, und so blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergère an den Ärmeln betraf.
So war man einig geworden.
Vertieft in Gedanken über Madame Farnoix, Maison Tricotons und Pompadour, fühlte Sofja Petrowna doch, daß gestern noch etwas geschehen war, das alles andere verwischen mußte; sie benutzte aber ihren verschlafenen Zustand unbewußt, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage nicht in sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte: Domino und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser Bangigkeit die Hände; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch eingeschlafen war.
Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant.
Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu denken, das dritte aber vollständig zu ignorieren. Doch gerade dieses dritte drängte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nämlich so: kaum war sie aus ihrem überheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten, ihre schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, überzeugt, daß dieser, wie immer, schon längst aus dem Hause war, um irgendwo dort den Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tür von innen abgeschlossen fand; entgegen jeder Regel, entgegen der Vernunft, der Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung -- befand sich Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer.
Da erst fiel ihr die gestrige häßliche Szene ein; und mit schmollendem Mündchen schlug sie die Tür ihres Schlafzimmers zu (er habe sich eingesperrt, dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte sie das zerschlagene Tischchen.
»Gnädige Frau wünschen den Kaffee ins Zimmer?«
»Nein, nicht.«
* * *
»Der gnädige Herr wünschen den Kaffee ins Zimmer?«
»Nein, nicht.«
* * *
»Gnädiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden.«
Schweigen.
»Gnädige Frau, es ist jemand da.«
»Von Madame Farnoix?«
»Nein, von der Wäscherin.«
Schweigen.
* * *
Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfällig wälzten sich die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin.
Schweigen.
Während des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Baron Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit Kraftschokolade unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gnädig entgegengenommen, der Kürassier mußte gehen.
Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestät Kürassier, Graf Awen, mit einer Bonbonniere von Ballé in der Hand. Die Bonbonniere wurde angenommen, er mußte gehen.
Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmütze; der Husar schüttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen erschienen.
Dann war Werhefden mit einem Logenbillett für das Mariensche Theater erschienen; es fehlte nur Lipantschenko.
Endlich, spät am Abend, kam das Laufmädchen von Madame Farnoix mit einem riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darüber im Vorzimmer ein Kichern entstand, öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, ein verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief erzürnt:
»Rasch damit her!«
Zu gleicher Zeit knackte das Schloß im Herrenzimmer, eine zerwühlte Mähne erschien einen Augenblick und -- verschwand. War es wirklich der Leutnant?
* * *
Petersburg verkroch sich in die Nacht.
Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?
Die riesengroße Purpursonne lief über der Newa dahin, um sich dann hinter den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Häuser überzogen sich mit einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten rubinenrot. Alles, was sonst schwerfällig hervorstach: die Vorsprünge der Mauern, die Karyatiden an den Eingängen, die steinernen Balkons, verloren sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit.
Blutrünstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkörper, umgeben von einer Schar weißer Säulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu öffnen, um in die Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert, und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen Westen.
An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfaßt war, versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der Linien und Wände, indessen dort auf dem erlöschenden lila Himmel in den Perlmutterwölkchen sich langsam sprühende Feuerchen entzündeten; langsam, langsam leichte duftige Flämmchen aufhüpften.
Du würdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendröte der Vergangenheit.
Eine Dame von kindlicher, nicht allzu großer Gestalt, ganz in Schwarz, die an der Brücke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten ihre Hände. Die rundliche Dame war im vorgerückten Alter und sah aus, als litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn, das erheblich über dem Kragen hervorhing und einzelne graue Härchen zeigte. Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie plötzlich mit der zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtäschchen heraus, wandte sich gegen die Newa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das Schnurrbärtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne und die Tiefe des Wassers.
Endlich näherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und läutete.
Die Tür ging auf; ein betreßter Greis streckte durch die Öffnung seinen kahlen Schädel vor und zwinkerte mit den träumenden Äuglein in den gelben Glanz des Newasonnenuntergangs.
»Sie wünschen?«
Die ältliche Dame kam in Aufregung: Rührung vielleicht, vielleicht verborgene Schüchternheit erhellten ihre Züge . . .
»Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht?«
Da erbebte der kahle Lakaienschädel, und sein Blick fiel auf das kleine Handtäschchen.
»Mütterchen, gnädige Frau! . . . Anna Petrowna!«
»Ja, Semjonytsch, ich bin's . . .«
»Aber wieso denn? Woher?«
Rührung, wenn nicht gar verborgene Schüchternheit klang aus der angenehmen Stimme.
»Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht.«
»Gnädige Frau, Mütterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . .«
Anna Petrowna schritt über die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie damals.
Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon Apollonowitsch.
Über der Balustrade erhob sich wie damals die Säule aus weißem Alabaster, und auf ihr hob wie damals die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; dieses _Damals_ überfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre verstrichen, und vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die schwarzen Augen des italienischen Kavaliers auf, und wieder spürte sie ihre sorgsam verborgene Schüchternheit.
»Befehlen gnädige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den Samowar?«
Anna Petrowna schüttelte mit Mühe die Vergangenheit von sich (hier war alles wie früher).
»Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen?«
»Es ging eben . . . Aber ich muß der gnädigen Frau sagen: ohne Sie gibt's keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gnädige Herr hat . . .«
»Ja, das weiß ich . . .«
»Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was ist da zu sagen: der gnädige Herr bedeuten schon was!«
»Und ist -- der Herr -- gealtert?«
»Der gnädige Herr kommt -- wie es heißt -- auf einen verantwortlichen Posten: er ist so gut wie Minister . . .«
Anna Petrowna schien es plötzlich, daß der Lakai sie ein klein, klein wenig vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von dem blendenden Glanz der untergehenden Sonne, während er ihr die Tür zum Salon öffnete.
»Und Kolenka?«
»Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht Fortschritte in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich gehört . . . Ein bildhübscher, junger Herr!«
»Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . .«
Sie sagte es, ließ die Augen sinken und machte sich an dem Handtäschchen zu schaffen.
An den Wänden dieselben hochbeinigen Stühle; zwischen den Stühlen mit den cremefarbigen Plüschsitzen überall kleine weiße Säulen; und von jeder dieser Säulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll an. Und direkt feindlich funkelte sie das grünliche, alte Spiegelglas an, unter dem sie mit dem Senator das entscheidende Gespräch hatte; dort weiter -- die blaßtönigen Bilder -- die pompejanischen Fresken; diese Fresken brachte ihr der Senator, als sie seine Braut gewesen war -- vor nun dreißig Jahren.
Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfaßt; von dem Lack und äußeren Glanz; wie in alter Zeit bedrückte etwas ihre Brust; die alte Feindseligkeit wälzte sich nach oben, bis zur Kehle; Apollon Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber -- nie; im lackierten Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre Entladungen waren tötend.
So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die rosigen Wölkchen, die über die Newawellen dahinglitten.
»Bleiben gnädige Frau bei uns?«
»Ich? . . . Ich wohne im Hotel.«
* * *
Im zerfließenden Grau tauchten plötzlich matte, wie verwundert blickende Punkte auf: Lichter, Lichtchen; Lichter, Lichtchen reihten sich aneinander und sprangen dann als rötliche Flecken aus der Dunkelheit, indessen von oben Wasserfälle herunterstürzten: blaue, dunkellila, schwarze.
Petersburg verkroch sich in die Nacht.
Ihre Schuhchen trippelten
Die Klingel ging immer wieder.
Aus dem Vorzimmer traten in den Saal engelhafte Wesen in hellblauen, weißen, rosafarbigen Kleidern; sie schimmerten silbern, funkelten; fächelten einander mit den Augen, mit den Fächern, mit dem leichten Seidenstoff an; strömten eine wohltuende Atmosphäre aus von Veilchen, Maiglöckchen, Lilien, Tuberosen; die weißmarmornen Schultern, noch überhaucht von leichtem Puderstaub, sollten während einer Stunde rot werden, von feuchtem Dunst überzogen; jetzt vor dem Tanzen schienen die Gesichtchen, die Schultern, die mageren, nackten Arme noch blässer und magerer als sonst; um so stärker war der Reiz dieser Geschöpfe, der nur in dem leisen Aufblitzen der Augen unmerklich hervortrat, während sie, wie richtige Engelskindlein, sich in farbigen, duftigen Mullwolken scharten; von dem Öffnen und Zumachen der weißen Fächer entstand ein leichter Wind. Ihre Schuhchen trippelten.
Es war eigentlich gar kein Ball, den die Zukatows gaben; es war mehr ein Kindertanzabend, an dem auch die Erwachsenen sich zu beteiligen wünschten; die Kunde ging allerdings, daß auch Masken erscheinen würden.
Darüber wunderte sich Lubow Aleksejewna eigentlich ein wenig, denn es war ja noch nicht die Zeit der Bälle; aber so waren schon einmal die Traditionen des geliebten Gatten: wo es sich um Tanzen und Kinderlachen handelte, galt ihm der Kalender nichts; der Gatte, der Eigentümer eines silberweißen Backenbartes, wurde noch immer Koko genannt. In seinem tanzenden Heim hieß er natürlich Nikolai Petrowitsch, das Oberhaupt der Familie und Vater zweier lieblicher Töchter von achtzehn und fünfzehn Jahren.
Diese zwei lieblichen blonden Geschöpfe trugen heute duftige Kleidchen und silberne Schuhchen. Seit neun Uhr schon fuchtelten sie mit ihren Fächern gegen den Vater, gegen die Wirtschafterin, gegen das Stubenmädchen, sogar . . . gegen den würdigen, alten Herrn von Nashornumfang, der als Besuch im Hause weilte (ein Verwandter von Koko). Endlich erscholl das langersehnte Klingelzeichen, die Tür des weißleuchtenden Saals tat sich auf, und im festanliegenden Frack trat der Tapeur ein und stieß beinahe mit dem Offizianten zusammen, den man für diesen glanzvollen Abend extra engagiert hatte. Der bescheidene Tapeur legte seine Noten zurecht, schlug den Klavierdeckel bald auf, bald wieder zu, blies vorsichtig den unsichtbaren Staub von den Tasten und drückte schließlich ohne plausiblen Grund den glänzenden Lackschuh aufs Pedal; er erinnerte an den Maschinisten der Lokomotive, der seine Maschine vor dem Verlassen der Station sorgfältig untersucht. Nachdem er von dem guten Zustande des Instruments überzeugt war, schob er die Schöße des Fracks auseinander, ließ sich auf das niedere Taburett nieder, warf den Körper zurück und blieb, die Finger auf den Tasten, einen Augenblick unbeweglich sitzen -- dann aber erschütterten helltönende Akkorde die Wände, als wäre ein Signal zur Abfahrt gegeben worden.
Zu Ende getanzt
Wie gewöhnlich schlichen sich auch heute von Zeit zu Zeit Salongäste durch den Saal zum Salon -- mit wohlwollender Miene schritten sie längs den Wänden; freche Fächer nippten sie gegen die Brust, perlenverzierte Röcke trafen sie im Flug, und der heiße Wind wehte ihnen zu von dahinsausenden Paaren; sie aber schritten lautlos weiter.
Ein rundlicher Herr mit unangenehm blatternarbigem Gesicht durchquerte zuerst den Saal; sein Rock spannte sich über dem übermäßig runden Bäuchlein; er war Redakteur einer konservativen Zeitung und entstammte selbst der liberalen Geistlichkeit. Im Salon angekommen, küßte er das dicke Händchen Lubow Aleksejewnas, der fünfundvierzigjährigen Wirtin, mit aufgedunsenem Gesicht, dessen Doppelkinn auf den vom Korsett gestützten Busen fiel.
Kaum hatte die Wirtin eine harmlose Frage an ihn gerichtet, als der dickliche Redakteur dieselbe zu einer Frage von höchster Bedeutung erhob:
»Sagen Sie es nicht -- nein! Denn so denken sie alle, weil sie die reinen Idioten sind. Ich kann es Ihnen ganz genau beweisen.«
»Aber mein Mann, Koko . . .«
»Das sind alles jüdisch-freimaurerische Schwindeleien, meine Gnädige: Organisation, Zentralisation . . .«
»Ach, wie interessant: erzählen Sie bitte . . .«
Und er sagte, sich tief in den Lehnstuhl versenkend:
»Ja, meine Herrschaften, so ist es.«
Durch die offenen Türen der dazwischenliegenden zwei Räume sahen sie aus der Ferne den Saal, erfüllt von Glanz und Flimmern. Man hörte das donnernde:
»Rrrekulé . . .«
»Balances vos dames! . . . «
Und wieder:
»Rrrekulé! . . .«
Der Ball
Was ist der Salon während eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe zum Tanzsaal und die Zufluchtsstätte für Mütter. Aber die kluge Lubow Aleksejewna benutzte die Gutmütigkeit ihres Gatten (er besaß keinen einzigen Feind) sowie ihr mitgebrachtes, riesiges Vermögen, schließlich auch den Umstand, daß ihr Haus gegen alles außer Tanzen höchst gleichgültig war und so ein neutrales Zentrum für alle bildete -- dies alles benutzte die kluge Lubow Aleksejewna, um, -- dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal überlassend -- selbst die Begegnungen der verschiedensten Persönlichkeiten zu vermitteln; bei ihr trafen sich die Führer der verschiedensten Parteien; der Publizist mit dem Departementsverwalter; der Demagoge mit dem Antisemiten. In ihrem Hause verkehrte, speiste sogar Apollon Apollonowitsch.
Und während Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue Figuren verwickelte -- verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit in dem gegen alles gleichgültig freundlichen Salon manche Konjunktur.
Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise.