Peterchens Mondfahrt: Ein Märchenspiel
Chapter 5
Gib mir einen Kuß!
(Das Sandmännchen küßt.)
_Peterchen_
Mir auch!
(Das Sandmännchen küßt.)
_Sandmännchen_
So, und nun ist es die höchste Zeit! Komm her, Maikäfer – du bist der Erste.
_Maikäfer_
(springt ängstlich herum)
Summ – summ – wenn es schießen tut, Hab’ ich Angst, hab’ ich Angst, ich gehe kaputt!
_Sandmännchen_
Was? Schäm’ dich, du alter Kerl! Du willst Angst haben? Für Ihn wird die ganze Geschichte gemacht, und da strampampelt Er hier? – Will er wohl gleich! –
(Der Maikäfer kommt ängstlich, das Sandmännchen packt ihn, zieht ihn auf die Leiter und stopft ihn oben in den Lauf hinein.)
So, und nun die Augen zumachen!
(Das Sandmännchen tritt an das hintere Ende der Kanone.)
Eins – zwei – drei! –
(Er zieht an einer Schnur, und die Kanone entlädt sich mit einem dumpfen Knall. Aus der Mündung sprüht ein Regen von Funken, und mitten darin sieht man ein braunes Etwas in den Himmel fliegen.)
_Sandmännchen_
Seht ihr, da fliegt er! – – Gut getroffen! – – (Er wendet sich zu den Kindern.) Der ist also oben.
_Die Kinder_
(klatschen in die Hände)
Das war fein!
_Sandmännchen_
Jetzt Nummero zwei; komm’, Peterchen! (Er hebt Peterchen hoch und steckt ihn in das Rohr; dann stellt er sich hinter die Kanone.) Glück auf die Reise! – Augen zu! – Eins – zwei – drei! – (Er zieht ab, die Kanone kracht, der Funkenregen stiebt, und ein weißes Etwas saust in die Luft.)
_Sandmännchen_
So, der ist auch oben! – Und nun kommt das kleinste Paketchen hinterher! Komm’ Anneliese!
_Anneliese_
(winkt mit dem Händchen, während sie in den Lauf gestopft wird.)
Ade! – Ade!
_Sandmännchen_
(stellt sich hinter die Kanone)
Augen zu! – Eins – zwei – drei! –
(Er zieht ab, und in dem Funkenregen fliegt ein kleines, weißes Paketchen in die Ferne.)
_Sandmännchen_
(starrt in die Luft)
Nun ist auch das Kleinste glücklich da oben; Hab’ gut gezielt und muß mich loben!
(mit einem Seufzer.)
Man erlebt auf dem Monde so selten was, Und dies war doch mal ein besonderer Spaß! Zwei schöne Äpfelchen gaben sie mir, Schick’ ihnen nun schöne Träume dafür. Sie waren wirklich sehr lieb und gut, Und mir ist ganz weinerlich zu Mut.
(Er wischt sich mit vieler Umständlichkeit die Augen und starrt dann wieder in die Luft. Plötzlich reckt er die Faust gen Himmel.)
Wenn der Mondmann ihnen ein Leid antut, Soll er das Sandmännchen kennen lernen; Ich schwör’ es bei allen meinen Sternen! Den ganzen Himmel ruf’ ich herbei Und reiß’ ihm die schwarze Seele entzwei, Daß die Fetzen nur so durch die Lüfte fliegen Und an allen Enden des Mondes liegen!
(Er fuchtelt mit den Fäusten zum Berge hinauf.)
Ich schwör’ dir’s, Mondmann, bei allen Sternen, Dann sollst du das Sandmännchen kennen lernen!
(Während das Sandmännchen mit den Fäusten in der Luft herumfuchtelt, fällt der Vorhang.)
_Verwandlung._
Auf der Höhe des Mondberges.
(Unregelmäßig gerundete, mit seltsamen, silbergrauen Bäumen bestandene Bergterrasse. Im Hintergrunde scheint es ins Bodenlose zu gehen. Völlig schwarzer Himmel. Gespenstig fahl blaues Licht. An einem der Bäume hängt ein Maikäferbeinchen. Der Mondmann, ein schwarzer, wüst aussehender Riese, läuft mit einer Axt in der Hand und einem Bündel Knüppeln auf dem Rücken umher.)
_Mondmann_
Verflucht sei die Welt, verflucht sei die Zeit, Verflucht meine ewige Einsamkeit!
(läuft zum Rand des Berges.)
Dort, in der Tiefe, dort liegt die Erde, Die ich nie wieder betreten werde; Verdammt sollen alle Menschen sein, Pest, Hunger und Tod in ihr blasses Gebein!
(schwingt wütend die Axt.)
Ich hasse dieses Menschengezücht, Das da glücklich im Lichte der Sonne kriecht!
(wendet sich und droht mit der Axt.)
Oh, käm’ mir mal einer hier herauf, Mit Haut und Haaren fräß’ ich ihn auf! Schlachten würd’ ich ihn, langsam braten Am Spieß, er sollte mir wohl geraten! Ich ließe ihn backen hundert Stunden, Dann sollten mir seine Gliederlein munden. Schon tausend Jahr’ hab’ ich nichts gegessen, Tausend Menschen könnte ich fressen Mit Haut und Haar, mit Hut und Schuh; – Ach, käm’ es doch nur einmal dazu!
(Vor dem Maikäferbeinchen.)
Du, Beinchen, an dem Birkenbaum, Du bist mein letzter Hoffnungstraum; Denn findet der Käfer ein Kinderpaar, So kommen sie her, und dann wird’s wahr, Dann kann ich all mein Leid vergessen, Dann kann ich sie fressen, fressen, fressen!
(Man hört den dumpfen Ton eines fernen Kanonenschusses.)
_Mondmann_
Ha, was war das? – ein Kanonenschuß? Das klingt mir wie ein Hoffnungsgruß! – Will mich zunächst einmal verstecken.
(Er kriecht hinter einen Baum und duckt sich dort. Auf den Rand der Terrasse wird aus dem Hintergrunde herauf plötzlich der Maikäfer geworfen. Er sitzt mit seltsamer Possierlichkeit, wie ein plötzlich durch Schreck Geweckter, und reibt sich die Augen.)
_Maikäfer_
Du lieber Himmel, das war ein Schrecken!
(Ein zweiter Schuß ertönt. Peterchen fliegt neben den Maikäfer auf den Rand und reibt sich die Augen.)
_Peterchen_
Bauz, pardauz, das war ein Vergnügen, So puff, hoch durch die Luft zu fliegen! Es sumst einem ordentlich in den Ohren ...
(Ein dritter Schuß ertönt. Anneliese fliegt neben Peterchen auf den Rand und reibt sich die Augen.)
_Anneliese_
Beinahe hätt’ ich mein Püppchen verloren, So bin ich durch die Luft gebrummt, So toll hat die Kanone gebummt!
(Alle drei gucken sich an und lachen.)
_Alle drei_
Das war mal lustig, ha ha ha!
_Peterchen_
(sieht sich um)
Ich glaube, jetzt sind wir endlich da Und können das Beinchen suchen gehn! –
_Maikäfer_
Da hängt es, da hängt es, ich hab’s gesehn!
(Alle drei laufen zu dem Baum, an dem das Beinchen hängt. Der Mondmann stürzt mit Gebrüll aus seinem Versteck hervor und vertritt ihnen den Weg. Der Maikäfer fällt sofort auf den Rücken und stellt sich tot. Die Kinder bleiben stehn.)
_Peterchen_
(unverzagt)
Bist du der Mondmann?
_Mondmann_
Der Mondmann? Ja! Was wollt ihr winzigen Würmer da? Was wollt ihr in meinem Waldrevier?
_Peterchen_
Hast du nicht ein Maikäferbeinchen hier?
_Mondmann_
(lacht wild)
Ein Maikäferbein, ein Maikäferbein? Das soll hier auf dem Mondberg sein?
_Peterchen_
Die Nachtfee sagt, es wäre da, Und ich seh’ es schon hängen, da ist es ja!
_Mondmann_
Was siehst du hängen, du winziger Wicht? – Was an dem Baum hängt, das kümmert dich nicht! Hierher gehört das Maikäferbein, Und ich geb’ es nicht her, denn es ist mein!
_Peterchen_
Das ist nicht wahr, es gehört nicht dir, Es gehört einem armen, kleinen Tier!
_Mondmann_
So? Was du Kröte nicht alles weißt! Da sag’ mir doch erst einmal, wie du heißt?
_Peterchen_
Ich heiße Peterchen und bitte dich sehr, Gib jetzt dem Maikäfer sein Beinchen her!
_Mondmann_
Du bittest mich sehr? Was gibst du mir, Wenn ich es dir gebe, denn wieder dafür?
_Anneliese_
Du kannst einen schönen Apfel haben!
(reicht ihm ihren letzten Apfel. Der Mondmann reißt ihn aus ihrer Hand und verschlingt ihn.)
_Mondmann_
Schmeckt gut! – (Zu Peterchen.) Hast du auch solche Gaben?
_Peterchen_
(gibt seinen letzten Apfel, den der Mondmann ebenso verschlingt)
Hier hast du den letzten. – Nun gib es uns her!
_Mondmann_
(zu Anneliese)
Da in dem Körbchen ist ja noch mehr!
_Anneliese_
(nimmt zögernd das Paketchen mit Pfefferkuchen heraus.)
Pfefferkuchen – vom Weihnachtsmann!
_Mondmann_
(reißt es ihr aus der Hand)
Her damit, wenn man’s fressen kann!
(Er verschlingt es. Anneliese bekommt dicke Tränen in die Augen.)
_Mondmann_
(zu Peterchen)
Und du, da ist auch noch was drin! – Siehst du nicht, daß ich hungrig bin?
_Peterchen_
(gibt ihm sein Päckchen)
Da hast du, – hungrig sollst du nicht sein; Aber gib uns nun, bitte, das Maikäferbein!
_Mondmann_
(fressend und kauend)
Ist noch nicht genug, habt ihr gehört? Das Beinchen ist mir noch viel mehr wert!
_Peterchen_
Wir haben nichts mehr ...
_Mondmann_
Ihr habt nichts mehr? Dann gib mir mal den Hampelmann her!
_Peterchen_
(entsetzt)
_Meinen_ Hampelmann?...
_Mondmann_
Ja, gib ihn her! Der bunte Kerl gefällt mir sehr! –
_Peterchen_
Und bekommen wir dann ...
_Mondmann_
Das will ich mal sehn! Erst gib ihn her! –
_Peterchen_
(reicht ihn zögernd)
Hier, bitte schön!
_Mondmann_
(besieht den Hampelmann von vorn und hinten und verschlingt ihn mit einem gewaltigen Biß.)
_Peterchen_
(entsetzt)
Er frißt ihn auf!
(Anneliese fängt an zu weinen.)
_Mondmann_
Schmeckt wunderschön!
(schnüffelt nach Annelieses Puppe.)
Und da hab’ ich noch so ein Püppchen gesehn! Immer her, immer her mit dem Puppenkind; Sonst geb’ ich das Beinchen nicht raus – geschwind!
_Anneliese_
(weint laut und kriecht hinter Peterchen.)
Nein nein, mein Püppchen soll er nicht kriegen! Komm, Peterchen, komm, nach Hause fliegen!
_Peterchen_
Anneliese, nicht weinen – laß nur sein, Wir kriegen ja gleich das Maikäferbein, Und wenn wir zu Hause sind, ja, dann Schreiben wir gleich an den Weihnachtsmann; Er soll was schicken.
_Anneliese_
Das mußt du tun, Ich kann noch nicht schreiben ... und nun ... und nun ...
(Sie hält dem Mondmann das Püppchen mit entsetzt aufgerissenen Augen hin. Der Mondmann reißt es aus dem Händchen und frißt es auf.)
_Anneliese_
(schreiend)
Nicht essen, mein Püppchen, ach nein, ach nein!
_Peterchen_
(legt die Ärmchen um sie)
Laß, Anneliese, das muß so sein. Jetzt hat er alles, was er will Und gibt uns das Beinchen. (streichelt sie.) Sei still, sei still!
(Anneliese beruhigt sich wieder.)
_Peterchen_
(energisch)
So, Mondmann, jetzt haben wir garnichts mehr, Jetzt gibst du uns aber das Beinchen her!
_Mondmann_
(wischt sich das Maul)
Ihr habt nichts mehr? Das ist ein Spaß! –
(schmunzelnd)
Ich weiß es, ich weiß es, ihr habt noch was!
_Peterchen_
Es ist nicht wahr, guck’s Körbchen an!
(beide strecken ihr Körbchen hin.)
_Mondmann_
(zieht schmunzelnd ein langes Messer)
Ei, ei, jetzt kommt ihr ja selber dran; Geschlachtet und gebraten, fein, Knusprig die weißen Gliederlein!
_Peterchen_
(zieht mutig sein kleines Holzschwert)
Geh’ weg, du häßlicher, böser Mann!
_Mondmann_
(greift schmunzelnd nach Anneliese)
Erst kommt das zarte Schwesterchen dran!
(In diesem Augenblick wird es pechfinster. Ein greller Blitz zuckt, und ein brüllender Donnerschlag folgt. Als es wieder hell wird, liegt der Mondmann mehrere Schritte zurück auf dem Rücken und reibt sich alle Glieder vor Schmerzen.)
_Mondmann_
(brüllend)
O weh, mein Bauch, o weh, mein Bein! Verfluchte Pein, verfluchte Pein! – Das war der Donnermann, ihr Kröten; Ihr habt ihn wohl um Schutz gebeten?
(Er richtet sich auf.)
Verdammt, es soll euch Donnern und Blitzen Trotzdem vor meinem Grimm nichts nützen!
(Er stürzt sich von neuem mit geschwungenem Messer auf die Kinder. Peterchen hebt wieder mutig sein Schwert, und im gleichen Augenblick schießt ein mächtiger Wasserstrahl aus der Erde, dem Mondmann gerade ins Gesicht, sodaß er abermals rücklings hinschlägt.)
_Mondmann_
Prrrrrrrr! – Was fangen die Wichte an? Jetzt half ihnen gar der Wassermann!
(Er rappelt sich auf.)
Verfluchtes Gewürm, es soll euch nichts nützen, Ihr sollt’ doch an meinem Bratspieß schwitzen.
(Er stürzt sich zum dritten Male auf die Kinder; Peterchen hebt wieder das Schwert, da wird es nachtfinster, und ein wilder Sturmstoß heult heran. Als er vorüber ist, und es heller wird, liegt der Mondmann auf dem Rücken, und über ihn ist ein Baum gestürzt, der ihn an der Erde festklemmt.)
_Mondmann_
(brüllt)
Au – au – das ist der Sturmriese gewesen! Verflucht! – Doch kann er sie auch nicht erlösen! Und wenn sie mit Wasser, Feuer und Wind Hier gegen mich verbündet sind, Ich lasse sie doch am Spieße zappeln – O wartet nur, wartet, ich will mich schon rappeln!
(Er zappelt wütend, um loszukommen.)
_Peterchen_
Nun siehst du wohl, du böser Mann, Daß alles dir nichts helfen kann! Nun bist du gefangen und kannst nichts machen, Und wir, wir nehmen das Beinchen und lachen!
(will das Beinchen holen.)
_Mondmann_
(windet sich wütend)
Ihr nehmt das Beinchen? Ihr nehmt es nicht! Warte, du frecher Menschenwicht, Warte, ich komme ja schon frei!
(Er rappelt sich frei, kommt auf die Beine, greift nach seiner Axt und stürzt sich schäumend auf Peterchen.)
Jetzt schlag’ ich dich mit der Axt entzwei; Jetzt freß’ ich dich wie ein Hühnerei; Jetzt hau’ ich euch zu Mus und Brei!
_Die Kinder_
(laut, mit aufgehobenen Händen)
Sternchen, Sternchen, kommt herbei!
(Im Nu stehen beide Sternchen, jedes neben seinem Kinde.)
_Mondmann_
(heranstürmend)
Was Sternchen, was soll die Pappelei!
(Jedes Sternchen hebt eine Hand und hält sie vor jedes Auge des Rasenden.)
_Mondmann_
(stutzt und fährt sich an die Augen)
Nanu? – Ich sehe nichts, bin ich blind? Ich sehe nicht mehr, wo die Kröten sind!
(Er taumelt umher.)
Was habt ihr mit meinen Augen gemacht? Rings um mich her ist finstere Nacht! Wo ist meine Axt, mein Messer nur? Hier war sie – nein, hier – nicht eine Spur! Ich kann nichts finden, ich kann nichts sehn!
(Er taumelt immer weiter fort, bis er von der Szene verschwindet.)
Dort müssen sie sein! – Dort müssen sie steh’n! – Ich freß’ euch mit Haut und Haaren, Gezücht, Ihr entgeht mir nicht – ihr entgeht mir nicht!
(Als die Stimme verhallt ist, fallen die Kinder den Sternchen jubelnd um den Hals.)
_Die Kinder_
Liebe Sternchen, liebe Sternchen, wir danken schön! Nun kann der böse Mann nichts sehn.
_Die Sternchen_
Macht schnell, macht schnell, verliert keine Zeit! Lebt wohl, der Tag ist nicht mehr weit!
(Sie verschwinden.)
_Peterchen_
(sieht sich um)
Fort sind sie – fort – wir sind wieder allein! – – Komm, Anneliese, wir holen das Bein!
_Anneliese_
Du, Peterchen, mußt es herunterheben, Und ich will es mit Spucke ankleben.
_Peterchen_
Ja, schnell ...
(läuft zu dem Baum und holt das Beinchen.)
Das war aber mal ’ne Not!
(Sie laufen mit dem Beinchen zum Maikäfer, der noch immer regungslos auf dem Rücken liegt und sich tot stellt.)
_Anneliese_
Guck mal – er ist vor Schreck ganz tot!
_Peterchen_
Kleb’ ihm nur schnell das Beinchen an, Dann wecken wir den Sumsemann!
_Anneliese_
(spuckt eifrig auf das obere Beinchenende, während sie das Folgende sagt:)
Ja, Peterchen – und – du weißt es doch, – Wo es hin muß – da – in welches Loch? –
_Peterchen_
(zeigt)
Hier, Anneliese – hier muß es hin! Und ordentlich drücken!
(Sie drücken beide.)
_Anneliese_
(pustet)
Nu ist es drin!
_Peterchen_
Jetzt sitzt es fest – ganz ungeheuer!
(mit tiefem Aufatmen.)
Na, das war mal ein Abenteuer!
_Anneliese_
Nun weck’ ihn auf!
_Peterchen_
(rüttelt ihn)
Herr Sumsemann, Sehen Sie sich mal Ihr Beinchen an!
(Der Maikäfer schreckt auf, krabbelt und kommt auf die Beine.)
_Maikäfer_
Hu – hu – hat er euch gefressen, der Mann? –
_Peterchen_
Du Dummer, guck doch dein Beinchen an!
_Maikäfer_
Summ – summ – ach ja –
(Er sieht das Beinchen – stutzt – plötzlich:)
hurra – hurra – Mein Beinchen ist da, mein Beinchen ist da!
(tanzt um die Kinder herum.)
Ich dank’ euch, ich dank’ euch viel tausendmal! Nun hat sie ein Ende, die alte Qual, Der Sumsemänner fünfbeiniges Leid; Zwei Kinderchen haben uns befreit Von dem schrecklichen Fluch, hurra – hurra – Das sechste Beinchen ist wieder da!
(Plötzlich strahlt rotes Licht über den Himmel, und die Morgenröte steht am Rand des Berges mit aufgehobenen Händen.)
_Morgenröte_
Der Sonne goldener Wagen naht, Von der Erde weichen die Träume; Schon kränzen des Himmels heiligen Raum Des Tages silberne Säume. Die Röte fliegt über die Welt dahin Mit dem Bruder, dem Morgensterne; Frühwolken, wie blitzende Blumen blühn Über der duftenden Ferne. – Schon weckt der Frühwind den schlafenden Hain Zu des Tages leuchtendem Glück; Nun eilt euch – eilt euch, ihr Kinderlein; Kehrt schnell zur Erde zurück!
(Sie entschwebt in die Luft, die Röte bleibt.)
_Maikäfer_
(tritt plötzlich ernst zu den Kindern.)
Ich habe mit euch die Reise gemacht, Ich habe euch auf den Mond gebracht. Nun ist sie vorüber, die seltsame Fahrt, Bei der ihr mir treue Begleiter wart. Mein Beinchen habe ich endlich wieder, So wollen wir schnell zur Erde hernieder! – Faßt euch bei den Händen, und, hört ihr den Spruch, So schließt eure Augen, in sausendem Fall Geht’s nieder in unser Heimattal.
(Die Kinder umschlingen sich.)
_Maikäfer_
(stellt sich zu ihnen)
Mutter Erde, wir rufen dich an, Fern dir führte uns unsere Bahn! Hör’ uns – unsere Not war groß, Nimm uns nun wieder in deinen Schoß!
(Es wird finster, ein Donner rollt auf, die Kinder und der Maikäfer versinken, der Donner geht in ein langes, gleichmäßiges Sausen über, das anhält, bis es wieder hell wird. Peterchen und Anneliese sitzen im Nachthemdchen auf dem Tisch in ihrer Kinderstube, eng umschlungen. Die Morgensonne lacht durchs Fenster.)
_Peterchen_
Hu, wie das braust ...
(reibt sich die Augen.)
_Anneliese_
Hu, wie das saust!
(schlägt die Augen auf und guckt erstaunt.)
_Beide Kinder_
(lachen)
Ha ha ha! – ha ha ha! –
_Peterchen_
Anneliese, wir sind wieder da!
_Anneliese_
Guck, mein Püppchen ist wieder ganz!
_Peterchen_
Und mein bunter Hampelhans!
_Anneliese_
Und die Äpfel von Mama!
_Peterchen_
(erstaunt)
Ja, sie sind alle wieder da!
_Peterchen_
Komm, Anneliese, ins Bettchen, schnell! Minna kommt gleich, es ist schon ganz hell!
(Beide Kinder huschen ins Bett.)
_Minna_
(kommt herein, zieht vor dem Fenster die Gardinen zurück)
Aufstehn, Peterchen, Anneliese! Die Sonne ist schon über der Wiese, Die Schäfchen tummeln sich auf dem Rasen, Und die großen, bunten Kühe grasen.
(Sie schlägt die Vorhänge vor dem Bettchen zurück.)
Auf, kleine Gesellschaft, schnell, schnell, schnell!
_Peterchen_
(naiv)
Ach, Minna, ist es schon ganz hell?
_Minna_
Natürlich, die Mutter kommt gleich herum! –
(Sie stutzt)
Nanu, was ist das für ein Gebrumm?
_Die Kinder_
(zugleich)
Der Maikäfer! –
_Minna_
Warte, du Ungeheuer! Husch ... (fängt ihn) schwupp, da ist er! Nun fort, ins Feuer!
_Die Kinder_
(sind aus dem Bett gesprungen, schreiend)
_Peterchen_
Nein, Minna, gib her! Nein, Minna, nein!
_Anneliese_
Der Maikäfer darf nicht ins Feuer rein! Der muß leben bleiben!
_Peterchen_
(zerrt sie am Rock)
Gib, bitte, gib!
_Anneliese_
Wir haben den Sumsemann doch lieb!
_Minna_
Was habt ihr?... Das soll nun ein Mensch verstehn! Ihr habt doch schon viele Maikäfer gesehn!?
_Peterchen_
Nein, diesen, diesen, Minna, gib!
_Minna_
Nun, hat der Bub ihn denn gar so lieb – Da ist er, da nimm ihn; aber laßt ihn fliegen, Damit wir ihn hier aus dem Zimmer kriegen.
(Sie macht die Fenster auf und geht hinaus.)
_Die Kinder_
(über den Maikäfer gebeugt)
Er stellt sich tot. – Jetzt krabbelt er wieder!
_Peterchen_
Hat er sechs Beinchen? – Wart’! – Eins – zwei – drei – Vier – fünf – und sechs!
_Anneliese_
Das sechste ist neu, Ganz blank! – Guck, Peter, man kann es nicht sehn, Daß es angeklebt ist! – Spucke klebt schön!
_Peterchen_
Komm’ schnell ans Fenster, wir lassen ihn fliegen, Damit ihn böse Menschen nicht kriegen!
_Anneliese_
Dann fliegt er zu seiner Maikäferfrau Und erzählt ihr alles ganz genau!
_Peterchen_
Anneliese, die hat ja das Huhn gefressen!
_Anneliese_
Ach, ja, das hatte ich ganz vergessen.
_Peterchen_
Komm’, wollen ihn dicht ans Fenster bringen Und ihm das Fliegeliedchen singen!
(Sie stellen sich an das Fenster, und Peterchen hält den Zeigefinger, auf dem der Maikäfer sitzt, hoch hinaus, während Anneliese gespannt zusieht. Sie singen:)
»Maikäfer fliege – dein Vater ist im Kriege, Deine Mutter ist usw.«
(Der Maikäfer fliegt fort.)
_Peterchen_
Ade, ade, Herr Sumsemann! Kommen Sie gut zu Hause an!
_Anneliese_
Guck mal, wie lustig er fliegt – ganz weit!
_Peterchen_
Ich glaube, daß er sich furchtbar freut!
(Die Mutter kommt herein, in jeder Hand ein Pfefferkuchenpäckchen.)
_Die Mutter_
Guten Morgen, guten Morgen, Kinderlein!
_Die Kinder_
(fliegen ihr um den Hals)
Ach Muttchen, Muttchen, das war fein!
(atemlos)
Der Maikäfer, Muttchen ...
_Die Mutter_
Nun, habt ihr ihn?
_Peterchen_
Er war noch eben hier bei uns drin, Und Minna ...
_Anneliese_
Und wir lassen ihn raus ...
_Peterchen_
Und er flog noch höher als unser Haus ...
_Anneliese_
Und sechs Beinchen hat er und hat sich gefreut ...
_Peterchen_
Und jetzt ist er sicher schon ganz weit ...
_Die Mutter_
(verschließt ihnen die Mäuler mit Küssen)
Das war brav, das habt ihr recht gemacht! – Und, da hab’ ich euch auch was mitgebracht; Das schickt zur Belohnung der Weihnachtsmann Jetzt mitten im Sommer, denkt mal an!
(gibt ihnen die Paketchen.)
_Die Kinder_
(ganz ehrfürchtig)
Der liebe, gute Weihnachtsmann!
(plötzlich die Mutter umarmend)
Ach Muttchen, Muttchen, hör’ doch an! Wir haben die Weihnachtswiese gesehn, Ach Muttchen, Muttchen, wie war das schön! –
Schnell Vorhang.
_Ende._
Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1912 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print edition published in 1912. The table below lists all corrections applied to the original text.
The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
S. 11: hab’ ich doch Angst .. -> Angst ... S. 16: Summ – Summ – Smum, -> Summ, S. 17: und der keine Junge -> kleine S. 39: Wir müssen putzen und klopfen und schraben -> schaben S. 57: Sie zum Kaffe in ihrem Schloß -> Kaffee S. 66: Im hohen Norden. Meine Bettenruhe -> Bettentruhe S. 67: Er trägt ein Monokle -> Monokel S. 72: an ihren nakten Armen und Füßen -> nackten S. 115: in gleichem Augenblick schießt -> im gleichen S. 122: Analiese -> Anneliese
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