Peterchens Mondfahrt: Ein Märchenspiel
Chapter 4
Jawohl – sie kommen schon selber an! Das Sandmännchen, hi hi, es ist verrückt; Ich glaube, es hat den Mondstich gekriegt! Es hat auf seinem Wagen, ha ha – Nu sehen Sie doch, – da sind sie ja!
(Das Sandmännchen kommt gravitätisch herein, an der rechten und linken Hand die beiden Kinder, hinter ihm der Maikäfer. Bei ihrem Hereinkommen erhebt sich am Tisch zur Linken der Fee ein gewaltiges Freudengetöse; der Donnermann donnert, die Blitzhexe blitzt, der Hagelhans trommelt, der Wassermann kriecht halb aus der Badewanne und patschelt sich den Bauch vor Vergnügen. Der Eismax klemmt das Monokel ein und stößt ein schnarrendes Gelächter aus. Die Nachtfee erhebt sich und streckt die Hand aus. Es wird still.)
_Nachtfee_
Sandmännchen, du bist spät gekommen, Und ich sehe, du hast da mitgenommen Zwei Menschlein und ein Käfertier. Warum tatest du das, und was sollen sie hier?
_Sandmännchen_
(mit Verneigung)
Hochwerte Nachtfee, ich muß dir sagen, Seltsames hat sich zugetragen; Etwas ganz Neues auf dem Mond, Seit ihn das Sternenvolk bewohnt. Ich hatte grad’ meine Arbeit verrichtet, Die Sterne noch etwas ausgerichtet, Da sah ich urplötzlich am heiteren Himmel, Nicht weit von meiner Sternenbimmel, Wie ganz vergnüglich diese Drei Kamen durch die Luft herbei. Ich fiel vor Erstaunen fast auf die Nase, Lief schnell nach dem großen Guckeglase, Da waren sie aber schon angekommen Und hatten mich aufs Korn genommen. Erst hab’ ich sie furchtbar angekracht, Das hat aber gar keinen Eindruck gemacht; Dann hab’ ich sie mal ausgefragt, Und da hat mir das Peterchen gesagt ...
(Es schiebt das Peterchen vor.)
Ich glaube, er wird es dir selber sagen; Man braucht ihn garnicht lange zu fragen. Hör’, Peterchen, gib der Nachtfee Bescheid, Warum ihr zum Monde geflogen seid!
_Peterchen_
(mutig)
Du mußt nicht böse sein, liebe Fee der Nacht, Anneliese und ich haben die Reise gemacht, Weil wir dem Maikäfer sein Beinchen wollen; Das muß man vom Mond herunterholen. Und der Mondmann hat es ihm abgehackt, Und es ist auf dem Mondberg eingepackt. Und die Sumsemanns haben nur fünf Beine, Und das ist schrecklich, und ich meine, Der Mondmann hat das Beinchen gestohlen, Und darum muß man es wiederholen.
_Nachtfee_
Vor viel’ hundert Jahren ist das gescheh’n, Es ist richtig, und ich muß gesteh’n, Daß ich sehr erfreut und verwundert bin, Daß nun doch zwei Kinder es wagen wollen, Das Beinchen vom Mondberg herunterzuholen.
_Peterchen_
Liebe Nachtfee, wir fürchten uns nicht eine Spur!
_Nachtfee_
Ich glaube dir schon, liebes Peterchen, nur Liegt der Mondberg sehr, sehr weit von hier, Im äußersten, dunkelsten Nachtrevier. Dorthin ist äußerst gefährliche Fahrt; Doch, wenn ihr immer artig wart ...
_Sandmännchen_
(fällt ein)
Sie waren’s, ich hab’ ihre Sternchen gefragt, Die haben sehr günstig ausgesagt.
_Nachtfee_
Nun, dann ist es gut und kann euch gelingen, Den bösen Mondmann zu bezwingen; Doch müssen wir erst die Elemente befragen Was sie zu eurer Reise sagen. (Sie wendet sich an den Donnermann.) Wie denkt darüber der Donnermann?
_Donnermann_
(steht auf und kommt näher, stellt sich breitbeinig vor die Kinder, rollt fürchterlich mit den Augen. Anneliese faßt Peterchen etwas ängstlich am Zipfel des Hemdchens. Peterchen legt den Arm um sie und sieht den Donnermann furchtlos an.)
_Donnermann_
Potz Knatter – Knäblein, er will was wagen? Kann er denn einen kräftigen Donner vertragen?
_Peterchen_
Herr Donnermann, ich hab’ gar keine Angst!
_Donnermann_
So? Wollen mal sehen, ob du dich bangst! – Blitzweib, komm’ her ...
_Blitzhexe_
(springt neben ihn)
Sirrrrr – –
_Donnermann_
Schlag mal ein! Achtung, geladen!...
(Es wird plötzlich pechfinster.)
Feuer hinein!...
(Ein greller Blitz zuckt, dem ein schmetternder Schlag folgt, der langhin nachrollt. Es wird ganz allmählich wieder heller. Man sieht Peterchen und Anneliese eng umschlungen, aber tapfer aufrecht; neben ihnen liegt der Maikäfer auf dem Rücken.)
_Peterchen_
(laut)
Das war noch gar nichts, mach’s ruhig nochmal!
_Donnermann_
(lacht laut)
Potz Knatter, das ist ja ein prächtiger Junge, Der wird mal Artilleriegeneral! – Aber höre doch, was ist denn bloß Mit deinem fünfbeinigen Maikäfer los?
(Er lacht unbändig, die anderen stimmen ein.)
_Peterchen_
(hilft dem Maikäfer auf die Beine)
Ach, Herr Donnermann, das ist nicht schlimm, Er wohnt auf dem Baum, und da ist es ihm Nicht angenehm, wenn es donnert und blitzt, Weil er doch immer draußen sitzt; Und wenn es einschlägt, fürchtet er sich.
_Maikäfer_
(zu Peterchen)
Ich danke, ja, das war fürchterlich!
_Donnermann_
So so! – Aber du? Nu guck mal an; Du gefällst mir, du tapferer, kleiner Mann! – Also, wie es auch immer sei, Wir stehen dir auf deiner Reise bei, Mein Blitzweib und ich, das nimm nur an!
_Anneliese_
(gibt ihm einen Apfel)
Wir danken dir schön, lieber Donnermann.
_Donnermann_
(nimmt den Apfel)
Potz Krach, ein Apfel? Nett von der Kleinen; Da gib meinem Blitzweib auch gleich einen!
_Peterchen_
(gibt der Blitzhexe einen Apfel)
Hier hast du ihn!
_Blitzhexe_
Sirrrr, ich danke sehr! Komm, Donnermann, setz’ dich wieder her!
(Sie zieht den Donnermann zu seinem Platze.)
_Donnermann_
Potztausend Granaten, der Junge ist prächtig!
(Zum Publikum.)
Daß alle Jungen so wären, das möcht’ ich!
_Nachtfee_
So, Peterchen, das war sehr schön. Nun aber müssen wir weiter sehen Und wollen den Wassermann befragen; Vielleicht hat er noch etwas zu sagen.
_Peterchen_
Erlaubst du es, lieber Wassermann, Daß ich das Beinchen holen kann?
_Wassermann_
Uax – ich finde nichts dabei, Weiß ja, er ist nicht wasserscheu; Hat seinen Schwamm und seine Wanne Und seine uax – uax – Wasserkanne; Putzt sich die Zähne, hat Seife und Schrubber Und plantscht gern Wasser, blubber, blubber. Er hat auch beim Baden nie gefehlt, Das haben die Wassernixen erzählt. Noaaaa – wie ist es, kann er schwimmen?
_Peterchen_
Wie’n Frosch!
_Wassermann_
Uax, so will ich bestimmen, Daß von den Meergeistern ihn keiner stört, Wenn er uax – uax – zu dem Mondberg fährt.
_Anneliese_
(gibt ihm einen Apfel)
Danke schön, lieber dicker Wassermann!
_Wassermann_
(nimmt den Apfel)
Uax, einen Apfel, das nehm’ ich an.
(zu dem Sternenmädchen.)
Du, Mädchen, begieß’ mich noch einmal, Die Luft ist sehr trocken in dem Lokal.
(Das Mädchen begießt ihn, und er rutscht in seine Wanne zurück.)
_Nachtfee_
Haben Wasser und Feuer nichts zu klagen, So müssen wir jetzt die Luft befragen; Hat der Sturmriese uns noch etwas zu sagen?
(Der Sturmriese springt auf, hebt die Keule, es wird abermals finster, und ein heulender Sturm fegt daher. Man hört das Krachen und Splittern niederbrechender Bäume und das Rollen der Hageltrommel. Dann wird es still und allmählich wieder heller. Der Sturmriese steht vor den Kindern mit gesenkter Keule. Der Maikäfer liegt wieder auf dem Rücken.)
_Sturmriese_
Ho ho, sie stehen noch kerzengrade! Ich hab’ sie nicht umgeblasen, schade; Und bin doch gewaltig dahergefegt; Bloß den Maikäfer habe ich umgelegt.
_Peterchen_
(hilft dem Maikäfer auf die Beine.)
_Sturmriese_
(lacht)
Kraft ist in dem Jungen, das ist wahr! Wenn man stark ist, fürchtet man keine Gefahr! Will ihm helfen auf seinem Reiseritte!
_Peterchen_
Dank’, lieber Windmann, ein Apfel? – bitte?
_Sturmriese_
(nimmt den Apfel)
Hab’ viel so Dinger von Bäumen gebrochen Und nicht einmal daran gerochen; Aber so, aus einer Kinderhand – – Das nehm’ ich, das wäre ungalant.
(Er kehrt auf seinen Platz zurück.)
_Nachtfee_
Feuer, Wasser und Luft sind jetzt gefragt Und haben euch Hilfe zugesagt; Die Erde schläft unter dem Himmelsraum In meiner Hut, und ihren Traum, Der heilig ist, darf ich nicht stören; Doch wenn ihr sie ruft, so wird sie euch hören. – Und nun kommt her, ihr kleinen Wesen
(Sie breitet die Arme aus.)
Und laßt euch küssen ...
(Sie küßt beide Kinder, die zu ihr auf den Thron kommen.)
Vor allem Bösen Will ich euch hüten, soweit ich vermag. – Eure Fahrt muß schnell sein, denn, naht der Tag, Und es trifft auf dem Mond euch sein erster Blick, So findet ihr nie mehr zur Erde zurück. – Ihr sollt auf dem großen Bären reiten, Und das Sandmännchen soll euch begleiten.
_Milchstraßenmann_
Frau Nachtfee, der Bär hat heut’ grüne Augen, Da wird er für den Ritt nicht taugen; Er hat schrecklich an seiner Kette gerissen Und mich beim Füttern beinahe gebissen.
_Nachtfee_
Er ist der Schnellste, hol’ ihn herein; Man wird ihn zähmen, denn es muß sein.
(Der Milchstraßenmann geht kopfschüttelnd ab.)
Hör’, Sandmännchen, auf der Weihnachtswiese, Da macht ihr halt, und Anneliese Und Peterchen sehen sich das mal an Und begrüßen den guten Weihnachtsmann. Dann aber geht’s weiter in großer Schnelle, Bis nah’ an den Mondberg, an jene Stelle, Wo die silberne Riesenkanone steht. Versuch’ es, Sandmännchen, und wenn es geht, So lade sie in den Kanonenlauf Und schieße sie auf den Mondberg hinauf. Dort müssen sie dann selber sehen, Wie sie ihr Abenteuer bestehen.
_Sandmännchen_
(Kratzfuß)
Ich werde sie führen, ganz genau Nach deiner Weisung, edle Frau!
(Er wendet sich.)
Dort kommt auch schon der Milchstraßenmann Und bringt uns den großen Bären an.
(Der Milchstraßenmann tritt in den linken Eingang, an einer Kette einen großen, weißen Bären, der nach Art der Kinder-Petzbären auf einem mit Rollen versehenen Brett läuft. Der Bär bleibt in der Tür stehen, klappt mit dem Rachen und starrt mit grün leuchtenden Augen in die Versammlung.)
_Milchstraßenmann_
Er ist furchtbar böse heute, der Bär!
_Nachtfee_
Den Kindern wird es gewiß nicht schwer, Ihn zu besänftigen.
_Sandmännchen_
(zu den Kindern)
Hört mal her: Wenn er böse ist, hat er grüne Augen, Und wird er gut, so bekommt er rote; Dann macht er Männchen und gibt die Pfote, Man kann mit ihm Reiter und Pferdchen spielen Und ihm ganz ruhig im Fellchen wühlen. – Gebt ihm einen Apfel, wir wollen mal seh’n, Ich glaube, dann wird die Geschichte geh’n.
(Peterchen und Anneliese gehen zu dem Bären. Der Bär starrt sie mit grünen Augen an, klappt mit dem Rachen und stößt ein fürchterliches Gebrüll aus. Peterchen nimmt einen Apfel, stellt sich auf die Zehen, zielt und wirft ihn in den offenen Rachen. Der Bär verschluckt den Apfel, bekommt für einen Augenblick rote Augen, dann aber wieder grüne, dann rote, dann grüne und so fort, während er abwechselnd brüllt und brummt.)
_Sandmännchen_
Seht ihr, was so ein Apfel tut! Halb ist er schon gezähmt und gut. Nun gebt ihm schnell noch einen zweiten, Dann paßt mal auf, dann könnt ihr ihn reiten.
(Anneliese versucht, einen Apfel auf den Zehenspitzen hinaufzureichen; da sie aber zu klein ist, nimmt Peterchen ihr den Apfel ab und wirft ihn, wie vorher, dem Bären in den Schlund. Augenblicklich schließt der den Rachen, brummt gemütlich und hat dauernd rote Augen. Allgemeines Gelächter.)
_Sandmännchen_
Seht ihr, was hab’ ich euch gesagt? Nur immer frisch drauf los gewagt!
_Peterchen_
(kühn zum Bären)
Petz, gib mal Pfötchen!
(Der Bär gibt ihm die ungefüge Pfote.)
Nun mach’ mal schön!
(Der Bär richtet sich steif auf den Hinterbeinen auf und klappt dann wieder zurück.)
_Milchstraßenmann_
(mit Kennermiene)
Ich glaube, Frau Nachtfee, jetzt wird es geh’n!
_Nachtfee_
Dann schnell, und keine Zeit verloren!
(Ein Sternenmädchen bringt eine kleine Leiter, und sie steigen auf.)
Sandmännchen lenkt ihn bei den Ohren, Peterchen, Anneliese dann, Und ganz zuletzt der Maikäfermann.
(Sie sitzen.)
_Nachtfee_
Sitzt ihr jetzt sicher?
_Die Reiter_
Wir sitzen gut!
_Nachtfee_
Dann reitet von dannen und seid in Hut! Lebt wohl! Lebt wohl! – (Sie winkt.)
_Sandmännchen_
Hopp, Petz! – He – he! –
(Der Bär rollt mit seinen Reitern schnell hinaus.)
_Alle_
(winken)
Glück auf die Reise! – Ade – ade! –
Vorhang.
Ende des dritten Aufzuges.
4. Bild.
Die Weihnachtswiese.
(Im Hintergrunde eine dichte Hecke von kleinen Weihnachtsbäumchen, deren jedes ein Sternchen an der Spitze trägt. In der Mitte dieses kleinen Waldes steht eine winzige, goldene Wiege, in der ein Kindchen mit silbernem Krönchen schläft. Vorn rechts steht ein silberner Baum mit vergoldeten Äpfeln und Nüssen, links ein goldener Baum mit Pfefferkuchen und Brezeln. Der Mittelgrund ist in zwei Hälften geteilt. Auf der rechten Seite wachsen aus der Erde wie Spargel Soldaten, Pferdchen, Nußknacker, Hampelmänner, Petze usw.; auf der linken Seite Puppen in allen Größen und Formen. Teils gucken diese Spielsachen nur erst mit dem Kopfe aus der Erde hervor, teils sind sie halb, teils ganz herausgewachsen. Neben der Wiege im Hintergrunde sitzt der Weihnachtsmann in Pantoffeln, Pelzmütze und Pelzrock, die Pfeife im Munde und wiegt das Christkindchen. Im Vordergrunde springt das Pfefferkuchenmännchen mit grotesken Sprüngen herum und begießt die Puppen, Soldaten und Weihnachtsbäumchen. Es hat einen kaffeebraunen Anzug an mit großen, blauen Zuckerknöpfen und auf Bauch und Rücken je ein großes, goldenes Pflaster. Es herrscht eine goldmatte Dämmerung.)
_Weihnachtsmann_
(wiegt leise die Wiege und singt dazu:)
Stille Nacht – heilige Nacht – (den ersten Vers.)
(dann zum Pfefferkuchenmännchen.)
Nun, Printenmännchen, wächst alles fleißig? Sind die Weihnachtsbäumchen schön im Reisig? Und steht es gut mit der Spielzeugsaat?
_Pfefferkuchenmännchen_
Brillant in dem Jahre, es ist ein Staat!
_Weihnachtsmann_
Wird also ’ne gute Ernte werden?
_Pfefferkuchenmännchen_
Ein bissel noch fehlt’s bei den Hottepferden Und bei den Hampelmännern, allein, Die Soldaten, die werden extrafein; Und nun im Puppengarten gar, Da ist das Wachstum ganz wunderbar!
_Weihnachtsmann_
Müssen in dem Jahre auch reichlich haben; Es gibt viel artige Mädchen und Knaben!
_Pfefferkuchenmännchen_
Allermeist genug für alle artigen Kinder; Bonbons und Printen für die Leckermünder Und was sonst Wünsche gemeldet werden, Von Luftballons bis zu Schaukelpferden; Soviel als sie immer haben wollen.
_Weihnachtsmann_
Man müßte sich bald mal die Liste holen Vom Sandmännchen ... ach, da fällt mir ein, Es muß doch jetzt die Stunde sein, Daß Peterchen und Anneliese Herkommen nach der Weihnachtswiese! Sie reiten hier auf dem Bären vorüber, Das Sandmännchen bringt sie zum Mondberg hinüber; Die Nachtfee hat mir das sagen lassen. – Also, wenn sie uns jetzt besuchen, Pflück’ du ihnen Nüsse und Pfefferkuchen. Sind artige Kinder, alle beide, Machen ihrem Mütterchen Freude.
(Er wiegt weiter.)
_Pfefferkuchenmännchen_
Wird gemacht, wird gemacht, mit größtem Vergnügen! – Jetzt müssen die Weihnachtsbäumchen was kriegen!
(Er begießt die Bäumchen und singt dazu, während der Weihnachtsmann wieder wiegt:)
O Tannebaum, o Tannebaum – (den ersten Vers.)
(Ein Sausen wird in der Luft hörbar.)
_Weihnachtsmann_
(steht auf)
Es summt und surrt, es brummt und braust,
(weist nach rechts in die Luft)
Ich glaube, dort kommen sie angesaust. Sie reiten mit gewaltiger Schnelle!...
(Das Sausen reißt ab; von rechts rollt der Bär mit seinen Reitern heran.)
_Sandmännchen_
Hallo, hallo, wir sind zur Stelle!
_Weihnachtsmann_
Ei, ei, das ist mir eine Freude! Guten Tag, ihr lieben Kinderchen beide, Und Sandmännchen und Maikäfermann. Kommt nur herunter und seht euch an, Was alles wächst auf der Weihnachtswiese!
(Er stellt eine Leiter an, und sie klettern herunter.)
Guten Tag, Peterchen, (gibt Peterchen die Hand.) guten Tag, Anneliese! (gibt Anneliese die Hand.) Ja, ja, ich kenn’ euch, wißt ihr’s nicht mehr? Ich kenne euch gut, noch von Weihnachten her!
_Peterchen_
Ach ja, ich weiß, es war furchtbar fein, Du kamst ganz leis’ in die Stube hinein, Ganz voll von Schnee waren deine Füße, Und ein großer Sack voll Äpfel und Nüsse, Der hing über deinen Rücken und Bauch, Und Pelzhandschuhe, die hattest du auch, Und einen großmächtigen, goldenen Stock, Ja, und einen ganz grünen, dicken Rock. Und Anneliese hat sich versteckt, Und nachher hab’ ich sie so geneckt, Weil du gar nicht böse gewesen bist Und was erzählt hast vom heiligen Christ Und unser Weihnachtsbäumchen gebracht hast Und Nüsse und Äpfel und weil du gelacht hast Und uns gelobt, weil wir ganz allein Unsern Spruch gesagt haben, ja, das war fein!
_Weihnachtsmann_
Nun, siehst du, da sind wir ja beide gut Freund.
(zu Anneliese)
Und warum hat Anneliese geweint?
_Anneliese_
(zutraulich)
Ach, weißt du, damals war ich noch klein; Jetzt fürcht’ ich mich gar nicht mehr, o nein, Auch nicht ein bißchen, weil wir dich besuchen, Und ... hier ist so vieler Pfefferkuchen!
_Weihnachtsmann_
(lacht)
Ja ja, hier ist es wunderschön! – Und nun kommt, nun wollen wir alles besehen!
(Er nimmt die Kinder an der Hand und führt sie umher. Inzwischen pflückt das Pfefferkuchenmännchen zwei Pakete mit Pfefferkuchen vom Baum.)
Seht ihr, hier wachsen die Soldaten; Wenn sie reif sind, nehme ich einen Spaten Und grabe sie jeden aus seinem Beet Mit einem Stück Rasen, daß er steht. – Hier wachsen die Petze, die Pferde und Hasen; Wenn sie größer sind, fangen sie an zu grasen Und laufen immer lustig im Kreise Und quietschen, jedes auf seine Weise.
_Anneliese_
Ach, das ist lustig!
_Peterchen_
Das ist mal schön!
_Weihnachtsmann_
Ja, es ist drollig anzusehn; So ausgelassen sind die Rangen, Und schließlich werden sie eingefangen. – Und hier ist die Bilderbücherwiese, Die wachsen da lustig wie Gemüse. – Dies ist das Trompeten- und Trommelbeet, Wenn sie reif sind, werden sie abgemäht. – Dort an den Sträuchern wachsen Bonbons, Die Schilfkeulen werden Zeppelin-Ballons. – Und hier, seht – hier ist der Puppengarten.
_Anneliese_
(schlägt staunend in die Händchen)
Ach ja!! –
_Weihnachtsmann_
Die muß man pflegen und warten Und sehr behutsam putzen und hüten. Erst sehen sie aus wie ganz kleine Blüten, Gelb und grün und rot und blau, Und man weiß es noch nicht ganz genau, Wie sie werden, man kann es noch nicht sehen; Dann wachsen Gesichterchen ...
_Anneliese_
(klatscht in die Händchen)
Ach, ist das schön!
_Weihnachtsmann_
Ja, und schließlich, wenn sie reifen, Wachsen die Haare, die Schühchen, die Schleifen. Und ganz zuletzt, wenn alles geglückt, Werden sie vorsichtig abgepflückt.
(Die Kinder stehen ganz versunken.)
_Peterchen_
Ach ja, nun weiß man doch, wie es geht.
_Anneliese_
Wie so ein liebes Püppchen entsteht.
_Weihnachtsmann_
Und hier und dort wachsen Weihnachtsbäumchen; Um die ganze Wiese läuft so ein Säumchen Von kleinen, größeren und ganz großen, Und sie werden mit Zuckerwasser begossen. – Das alles tut der Printenmann.
_Die Kinder_
(staunend)
Und sieht sich dabei so lecker an!
_Pfefferkuchenmännchen_
(mit komischen Bücklingen)
Natürlich, natürlich, viel gibt’s zu tun, Immer geschäftig, kein’ Zeit zu ruhn! Vom vielen Arbeiten und Mühn Kommt’s, daß ich Weihnacht so mürbe bin, Daß ich so gebräunt und lecker aussehe Und so schnick schnack auf der Zunge zergehe!
(Er macht einen grotesken Sprung.)
_Peterchen_
(nachdenklich)
Ja, aber, Printenmännchen, das heißt, Tut es nicht weh, wenn man von dir abbeißt?
_Pfefferkuchenmännchen_
Oh, wenn ich erlaubt bin, dann kitzelt es mich, Und dann freue ich mich fürchterlich; Aber, wenn ich verboten bin, oh jeh, Dann tut das Abbeißen furchtbar weh.
_Weihnachtsmann_
Ja ja, wenn die Kinder das nur wüßten, Sie ließen von ihren Naschgelüsten. – – Und nun kommt her und seht es liegen Das Christkindchen in seiner Wiegen. Es schläft, um sich das Herz zu stärken Zu allen seinen Liebeswerken. Derweil muß ich es wiegen und warten Hier oben im stillen Weihnachtsgarten; Und wenn unsere Stunde gekommen ist, In der Winterszeit, zum heiligen Christ, Dann weck’ ich es ganz leise, leise, Und wir machen uns auf die weite Reise Durch Nacht und Wälder, durch Schnee und Wind, Dorthin, wo artige Kinder sind.
(Die beiden Kinder falten die Händchen und knien andächtig an der Wiege nieder. Von fernen Harfen und Geigen ertönt die Melodie: »O, du fröhliche ...« Während der Musik glühen an den Bäumchen um die Wiege Lichter auf. Als das Lied verklungen ist, stehen die Kinder auf, und der Weihnachtsmann steckt ihnen je ein Pfefferkuchenpaketchen in das Körbchen.)
_Weihnachtsmann_
Das ist für die Reise, schmeckt wunderschön! – Bleibt brav, und Weihnacht auf Wiedersehen!
_Sandmännchen_
Kommt schnell, es ist Zeit, kommt schnell, es ist Zeit, Der Weg ist noch weit, der Weg ist noch weit!
(Die Kinder eilen zu dem Bären, erklettern ihn auf dem Leiterchen und nehmen hintereinander Platz.)
_Sandmännchen_
Hopp, Petz, jetzt geht’s zur Kanone, hopp hopp! Nun lauf’ deinen allerschnellsten Galopp!
(Der Bär rollt schnell fort. Ein lautes Sausen beginnt.)
Vorhang.
_Verwandlung._
(Das Sausen tönt fort und der Vorhang teilt sich wieder. Man erblickt den Bären im Mittelgrunde; auf dessen Rücken das Sandmännchen, die Kinder und den Maikäfer, eng umschlungen und vornüber geneigt. Vom Winde durch die schnelle Fahrt flattert das Fell des Bären, die Haare der Kinder, die Zipfelmütze und der Mantel des Sandmännchens und die kleine Geige des Maikäfers. Im Hintergrunde sieht man den bestirnten Nachthimmel langsam vorüberziehen. Das Sausen tönt fort als der Vorhang sich wieder schließt.)
_Verwandlung._
(Sternenlose Nacht ringsum. Auf einem kleinen, grauen Hügel steht eine gewaltige, silbern schimmernde Kanone, mit der Mündung zum Himmel gerichtet. Eine kleine Leiter lehnt am Rad. Es ist weiter nichts zu sehen. Man hört noch immer das Sausen in der Luft, der Bär rollt mit seinen Reitern heran.)
_Sandmännchen_
Halt, Petz! – Hier sind wir am Ziel der Reise!
(Er rutscht von seinem Sitz, lehnt das Leiterchen an den Bären, und die Drei klettern herunter.)
_Sandmännchen_
So, Petz, nun lauf’ du auf deine Weise Nach Hause in den Bärenstall! Schön Dank bis auf das nächste Mal!
(Er klopft den Bären, und der rollt fort.)
_Sandmännchen_
(in Positur)
Jetzt, meine Herrschaften, kommt das große Abenteuer. – Erst will ich mal sehen, ob die Kanone auch hübsch sauber ist. (Er lehnt die Leiter an die Mündung und guckt hinein.) Na, es ist noch nicht so ganz besonders. Maikäfer, gib mir mal den Wischer her! (Der Maikäfer reicht einen Wischer, der am Boden lag. Das Sandmännchen putzt mit komischer Gründlichkeit den Lauf. Beim Putzen:) Wenn der Lauf – nämlich nicht – spiegelblitzeblank – ist – dann scheuert ihr euch – beim Herausfliegen – die Nasen ab. – Und das wollen wir doch lieber – nicht machen! – (Er ist mit dem Putzen fertig.) So, nun ist er blank, wie eine Kakaobüchse. Jetzt geht es geschmiert. (Er kommt herunter.) Hört also mal ganz genau her. Ich werde euch jetzt da hinein laden. Habt ihr Angst?
_Die Kinder_
Nein, Sandmännchen!
_Sandmännchen_
Gut! Also, zuerst kommt der Maikäfer dran, der ist der Dickste; dann Peterchen und dann Anneliese. Und wenn ich zähle, eins – zwei – drei – so macht ihr bei »drei« die Augen zu; da geht’s nämlich los. Ihr fliegt dann einer nach dem anderen oben auf den Mondberg und dort angekommen, macht ihr die Augen wieder auf. Habt ihr verstanden?
_Die Kinder_
Ja, Sandmännchen!
_Sandmännchen_
Oben aber ist ein Wald, und in dem Walde hängt das Beinchen an einem Baum, und von diesem Baume müßt ihr es herunternehmen und dem Maikäfer mit Spucke wieder ankleben. Habt ihr verstanden?
_Die Kinder_
Ja, Sandmännchen!
(Der Maikäfer tanzt herum.)
_Sandmännchen_
Halt du! – Da gibt’s nichts zu tanzen! – Jetzt wird hier aufgepaßt! – Wenn ihr also in dem Walde seid, und der böse Mondmann sollte euch sehen und euch zu Leibe gehen wollen, dann fürchtet euch nur nicht; denn die Elemente stehen euch bei. Wenn ihr euch aber gar nicht mehr wehren könnt, dann ruft nur eure Sternchen an, die helfen euch sicher. Habt ihr verstanden?
_Die Kinder_
Ja, Sandmännchen!
_Sandmännchen_
Und wenn die Morgenröte kommt, dann ist es Zeit; sie warnt euch; dann müßt ihr die Erde anrufen, und die gute Erde wird euch sogleich wieder aufnehmen. Habt ihr verstanden?
_Die Kinder_
Ja, Sandmännchen!
_Sandmännchen_
So, und nun lebt wohl, ihr lieben, artigen Kinderchen! Ich wünsche euch von Herzen Glück zu eurem großen Abenteuer!
_Die Kinder_
Danke schön, liebes, gutes Sandmännchen!
_Anneliese_