Peterchens Mondfahrt: Ein Märchenspiel

Chapter 2

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Also, nun paßt mal auf, ich spiele eine ganz bestimmte Melodie, und nur zu dieser Melodie könnt ihr fliegen. Ich werd’s euch jetzt vormachen.

(Er setzt die Geige an und macht zu der Melodie »Maikäfer, fliege« ein paar seltsame, groteske Sprungschritte im Kreise um den Tisch. Dazu singt er:)

Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – linkes Bein, Und dann kommt das Flügelein, Summ – Summ – Summ!

(Er entfaltet die Flügel, das Summen ertönt, und so fliegt er, weiter geigend, zwei- bis dreimal um den Tisch herum. Die Kinder jubeln laut auf und klatschen in die Hände.)

_Maikäfer_

(läßt sich zur Erde)

So, nun sollt ihr’s versuchen. Stellt euch mal hintereinander auf. Erst Peterchen, dann Anneliese. Und nun geht es um den Tisch herum. –

(Er stellt sich mitten auf den Tisch.)

Aufgepaßt!

(Er setzt die Geige an)

Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – usw....

(Die Kinder hüpfen in ihren Nachthemdchen komisch possierlich und sehr ernsthaft um den Tisch. Der Maikäfer singt und spielt.)

Und dann kommt das Flügelein, Summ – Summ – Summ!

(Bei »Summ« fliegen die Kinder in die Höhe und einmal in possierlicher Haltung um den Tisch. Kaum haben sie sich von der Erde erhoben, so lachen sie laut auf, klatschen in die Hände und fallen – bums – auf die Nase. Sie stehen sehr erstaunt auf.)

_Maikäfer_

Ja, klatschen dürft ihr nicht; dann geht’s nicht; das ist eine äußerst ernsthafte Angelegenheit.

_Peterchen_

Na, ich bin schön hingepurzelt!

_Anneliese_

Und ich bin auch hingepurzelt.

_Maikäfer_

Also, da versuchen wir die Geschichte noch einmal. – Aufgepaßt!

(Die Kinder stellen sich auf.)

_Maikäfer_

(spielt und singt)

Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – usw....

(Sie fliegen bei »Summ« wieder auf, breiten diesmal die Ärmchen aus und segeln so sehr schön zweimal um den Tisch. Beim zweiten Male aber hält es Anneliese nicht mehr aus.)

_Anneliese_

(klatscht in die Händchen und ruft)

O, jetzt kann ich es aber!

(Bums, da liegen sie beide wieder auf der Nase.)

_Maikäfer_

Ja, siehst du, kleine Anneliese, da liegt ihr schon wieder. In die Händchen klatschen dürft ihr nicht; dann geht’s gleich pardauz!

_Peterchen_

(reibt sich das Bein – vorwurfsvoll)

Das war mal ’nen ordentliches Pardauz.

_Anneliese_

(ganz klein)

Ach, es war so schön, Herr Sumsemann; und da klatschten meine Händchen ganz von selbst. Aber ich will’s jetzt nicht wieder tun. – Nochmal, Herr Sumsemann, bitte, ja? –

_Maikäfer_

(setzt sich in Positur)

Also los. Aufgepaßt!

(Er spielt und singt)

Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – usw.

(Die Kinder fliegen jetzt mehrere Male um den Tisch und lachen zuletzt aus vollem Halse vor Freude, ohne jedoch die ausgestreckten Ärmchen zu bewegen. Der Maikäfer läßt sein Spiel leise verklingen, und sie gleiten sanft zur Erde.)

_Maikäfer_

So, nun könnt ihr’s.

_Peterchen_

(jubelnd)

Ach, das war mal famos! Es hat richtig gebrumst bei mir, wie ich geflogen bin.

_Anneliese_

Ja, und bei mir hat es auch gebrumst.

_Maikäfer_

Natürlich, das gehört zum Fliegen.

_Peterchen_

Und nun fliegen wir nach dem Mond?

_Maikäfer_

Das tun wir.

(Er stellt sich zu ihnen neben den Tisch.)

Jetzt paßt auf; ich fliege vorweg, dann Peterchen, dann Anneliese. – – Halt! da fällt mir etwas ein; wir haben eine weite Reise vor und müssen Proviant mitnehmen. Habt ihr etwas da?

_Die Kinder_

Ja, Äpfel von Muttchen.

_Maikäfer_

Schön, dann nehmt sie, jedes ein Körbchen.

(Die Kinder nehmen ein jedes sein Körbchen.)

_Maikäfer_

So, nun aufgestellt! – Fertig?

_Anneliese_

Herr Sumsemann?

_Maikäfer_

Was ist denn los?

_Anneliese_

Darf ich meine Puppe mitnehmen?

_Peterchen_

Und ich meinen Hampelmann?

_Maikäfer_

Na, eigentlich beschwert uns das unnötig; aber man kann nicht wissen, wozu es gut ist. Holt schnell!

(Die Kinder springen zum Bett, holen Puppe und Hampelmann. Peterchen gürtet sich außerdem sein kleines Holzschwert ums Hemdchen.)

_Maikäfer_

So, nun Puppe in die rechte Hand, Äpfelkörbchen in die linke, beide Ärmchen ausgebreitet – aufgepaßt!

(Er spielt, und sie springen hintereinander um den Tisch.)

Rechtes Bein – linkes Bein, Rechtes Bein – usw.

(Sie fliegen auf und dreimal um den Tisch. Während sie um den Tisch fliegen, öffnet sich die Wand im Hintergrunde des Zimmers, und man sieht den Vollmond gelb und rund über einer schönen, nächtlichen Wiese liegen. Nach dem dritten Umfliegen wendet sich der Maikäfer zum Hintergrunde, und sie fliegen hinaus, über die Wiese, immer weiter, auf den Mond zu. Die Melodie verklingt leise in der Ferne.)

Vorhang.

Ende des ersten Aufzuges.

2. Bild.

Sternenwiese auf dem Mond. Eine weite, schneeweiße Fläche, mit vielen kleinen, weißen Pyramidenhügelchen bestanden. Auf jedem dieser kleinen Hügelchen sitzt ein kleines Mädchen in silbernem Kleid mit silbernem Haar. Alle haben auf den Knien große Strahlenkronen von Silber, an denen sie emsig mit goldenen Läppchen putzen. Im Vordergrunde steht rechts eine große silberne Pauke und links ein silbernes Fernrohr; an dieses angelehnt ein großes Pustrohr. Im Hintergrunde ist ein weißer Stall. Vom Himmel herab hängt ein silberner Glockenstrang. Zwischen Pauke und Fernrohr wandert das Sandmännchen steifbeinig auf und nieder. Es hat ein rotes, lustiges Gesicht, kugelrunde, große Augen, mit denen es immerfort zwinkert, eine spitze, lange Nase und ein spitzes Bäuchlein. Auf dem Kopfe sitzt ihm eine seltsame Zipfelmütze. Es hat einen himmelblauen Schlafrock an und himmelblaue Pantoffel. Schlafrock und Pantoffel sind mit kleinen, weißen Sternchen bestickt. In den Händen, die es meistens gravitätisch auf dem Rücken verschränkt hat, hält es einen großen Paukenstock. Über diesem allen spannt sich ein schwarzer Himmel ohne irgendwelche Sterne. Auf der Wiese herrscht magisches, bläulich-weißes Leuchten, das vom Boden auszugehen scheint. Als der Vorhang sich teilt, geht ein silbernes Lachen von den vielen kleinen Sternenmädchen über die Wiese.

_Sandmännchen_

Was lacht ihr denn so, ihr dummen Dinger? Guckt mir lieber auf eure Finger! Sonst gibt’s wieder blinde Flecken am Himmel, Grünspan am Mond, auf der Milchstraße Schimmel! Es kommt jetzt bald der Onkel Komet, Und wenn da nicht alles am Schnürchen geht, Frißt er von euch gleich ein Dutzend zur Strafe, Rips – raps – rups, wie der Wolf die Schafe! Also, jetzt wird mir flott geschruppt Und nicht gelacht oder sterngeschnuppt!

(haut auf die Pauke.)

_Drittes Sternchen_

Sandmännchen, mein Strahl hat ’nen Fleck!

_Sandmännchen_

Putze nur tüchtig, dann geht er weg!

_Drittes Sternchen_

Ach, mein Kind ist nicht artig gewesen.

_Sandmännchen_

Gut, dann nimm mal den Scheuerbesen!

(Das Sternchen holt eine Bürste hervor und scheuert.)

_Viertes Sternchen_

Sandmännchen, mein Strahl hat ’ne Scharte!

_Sandmännchen_

Ei, da nimm nur den Schleifstein, warte!

_Viertes Sternchen_

Ach, mein Kind hat Kuchen stibitzt!

_Sandmännchen_

So, dann schleife nur, bis du schwitzt!

(Das Sternchen schleift seinen Strahl auf einem kleinen Schleifstein.)

_Fünftes Sternchen_

Sandmännchen, mein Strahl ist verbogen!

_Sandmännchen_

So, dann hat dein Kind wohl gelogen?

_Fünftes Sternchen_

Ja, ich glaube, schon wieder einmal.

_Sandmännchen_

Hier ist der Hammer, klopfe den Strahl!

(Das Sternchen klopft mit dem Hämmerchen.)

_Sandmännchen_

Ja, wenn die Kinder doch artig wären! Wissen gar nicht, wie sie uns hier Auf der Mondwiese das Leben erschweren. – Wir müssen putzen und klopfen und schaben, Wenn sie ihr Sternchen bekleckert haben.

(zum Publikum)

Himmel Bomben und tausend Granaten, Seid mir ja artig – das will ich euch raten!

(Es rollt fürchterlich mit den Augen, schnaubt sich und haut auf die Pauke.)

So, jetzt wird wieder ein Lied gesungen, Damit die kleinen Mädchen und Jungen, Die auf der Erde im Bettchen liegen, Im Traum was Nettes zu hören kriegen.

(Die Sternchen singen gemeinsam, während das Sandmännchen mit dem Paukenstock den Takt schlägt.)

Singe, singe, sing’, die Sternelein Sitzen alle rings im Reih’n, Putzen ihre Zicke-Zacken fein, Müssen blitze-blinke-sauber sein – Bums! (Das Sandmännchen haut auf die Pauke.)

Husche, husche, husche, in der Nacht, Wenn die Welt sich dunkel macht, Finke-funkeln alle, welche Pracht, Und der ganze Himmel blitzt und lacht – Bums!

Surre, surre, surre, schläft das Kind, Summ, summ geht der Wind. Silbersand aus Sandmanns Säckchen rinnt, Siebenhunderttausend Sternlein sind – Bums!

_Sandmännchen_

(sieht auf eine riesengroße Taschenuhr, die es mit vieler Umständlichkeit aus dem Schlafrock praktiziert)

Hallo, die Sonne ist untergegangen Auf der Erde, (es lauscht) die Abendglocken klangen; – Seid ihr fertig mit eurer Putzerei?

_Die Sternchen_

Ja, Sandmännchen, ja!

_Sandmännchen_

Dann eins, zwei, drei, Die Strahlen auf, ich ziehe die Bimmel, Und jedes huscht auf sein Plätzchen am Himmel!

(Alle Sternchen setzen ihre Strahlenkronen auf und erheben sich. Jedes holt ein kleines Spiegelchen hervor und ordnet sich die silbernen Locken. Alsdann zieht das Sandmännchen an dem Glockenstrang, und es ertönt ein Klingen wie von tausend silbernen Glöckchen aus der Höhe.)

_Sandmännchen_

(läutet).

_Die Sternchen_

(singen)

Auf der Erde ist Frieden, Auf der Erde ist Ruh, Alle Kinderlein schlafen, Haben die Äuglein zu.

Alle Tierlein auf dem Felde, Alle Vöglein im Wald, Alle Fischlein im Wasser Träumen nun bald.

Hoch am Himmel, im Schweigen Der heiligen Nacht, Halten viel tausend Sternlein Treu ihre Wacht.

Silberglöckchen, die läuten, Und Silberlicht rinnt, Und die Sternlein, die singen, – Süß träumt das Kind.

(Alle Sternchen verschwinden mit einem Schlage. Im gleichen Augenblick ist der bis dahin schwarze Himmel tiefsammetblau und von Sternen übersät. Das Sandmännchen läutet noch eine kleine Zeit und hört dann auf.)

_Sandmännchen_

So, nun muß ich noch mal sehen, Ob sie auch alle richtig stehen!

(geht ans Fernrohr, richtet es und sucht den Himmel ab.)

Ihr da, ihr beiden, ihr steht mir zu dicht!

(Zwei Sternchen rücken voneinander fort.)

Und du da, du Kleiner, das geht so nicht; Du mußt ein klein wenig höher stehen, Sonst kann man dich von der Erde nicht sehen!

(Das Sternchen rückt.)

Hallo – was ist denn das für ein Klumpen? Wollt ihr wohl auseinander, ihr Lumpen!

(Ein Haufen Sternchen stiebt auseinander.)

Die haben sich immer was zu erzählen; Na, wartet nur, das könnte mir fehlen!

(Es läßt das Fernrohr.)

So, nun scheinen sie richtig zu stehen. – Da will ich mal nach den Mondschäfchen sehen, Die müssen mir auch auf die Himmelsweide!

(wischt sich den Schweiß.)

Ach ja, man hat schon so seine Freude! Ist eines von den schwierigsten Dingen, So einen Himmel in Ordnung zu bringen.

(Es geht zum Stall im Hintergrund und macht die Tür auf.)

Heraus, heraus auf die Himmelswiese! Es gibt wieder herrliches Schnuppengemüse!

(Es stürzen etwa ein Dutzend kleine, weiße Schäfchen heraus, nach Art der Kinderschäfchen auf kleinen Rollbrettchen. Sie rollen quer über die Szene und verschwinden rechts. Gleich darauf zieht eine Kette silberner Lämmerwölkchen von rechts am Himmel auf.)

Die hätten, was sie brauchen; und nun Muß ich noch das Wichtigste tun. Alles soll hübsch nach der Reihe gehen; Jetzt will ich nach Säckchen und Pustrohr sehen. Muß den Kindern noch in die Äugelein Meinen silbernen Schlafsand streu’n, Damit sie hübsch stille im Bettchen liegen Und ordentlich rote Bäckchen kriegen.

(Es nimmt das Pustrohr, füllt es aus dem Säckchen, geht nach dem Hintergrund und bläst viermal einen silbernen, leuchtenden Staub in die Luft. Alsdann kommt es nach vorn und sieht noch einmal über den ganzen Himmel hin.)

So, nun ist Ordnung für diese Nacht!

(selbstzufrieden mit den Augen rollend.)

Sandmännchen hat’s wieder gut gemacht. – Ich denke, es wäre jetzt ganz schön, Auf der Milchstraße ein wenig spazieren zu gehen.

(Es dreht sich herum und zieht seine Uhr.)

Um zwölf Uhr bin ich zum Kaffee geladen Bei der Nachtfee. – Nun, da kann es nichts schaden, Wenn ich mir noch etwas Bewegung verschaffe. Er ist überhaupt viel zu stark, der Kaffee, Den die Nachtfee braut; kann ihn gar nicht vertragen Und kriege immer das Kullern im Magen.

(reibt sich mit komischem Fratzenschneiden den Magen.)

Und die Sahne, die ist auch viel zu dünn; Weshalb ich bestimmt der Ansicht bin, Es ist eine Krankheit unter den Himmelskühen, Und man müßte den Wendekreistierarzt bemühen.

(schwenkt herum.)

Na also, ich geh’ mal zum Milchstraßenmann, Ob mir der darüber was sagen kann.

(wirft noch einen Blick auf den Himmel.)

Hübsch ist mein Himmel, so blank und fein, Kein Königsmantel kann sauberer sein.

(Es stutzt plötzlich und legt die Hand über die Augen.)

Potz tausend Granaten, was ist denn das? –

(Es starrt auf eine Stelle am Himmel und stürzt dann zum Fernrohr.)

Da muß ich doch gleich mal durch’s große Glas! –

(visiert die Stelle mit dem Fernrohr an.)

Nanu – das ist ja – seh’ ich denn recht?

(wischt sich heftig seine kleinen, kugelrunden Äugelchen und guckt wieder.)

Wahrhaftig! – Na, der Spaß ist nicht schlecht! Da kommt ja ein richtiger Maikäfer an, Und zwei Kinderchen fliegen hinterdran?

(richtet sich auf, starrt staunend in die Luft und putzt sich immer wieder die Augen.)

Guck an, man hat doch schon viel erlebt; Aber sowas?... Kommen da angeschwebt, Als wär’s so ein Sonntagnachmittagsvergnügen, Schwupp, von der Erde zum Mond zu fliegen. Man muß es im Mondkalender buchen! – Neugierig bin ich, was sie hier suchen. Will mal erst tüchtig die Pauke schlagen Und sie anbrüllen und grimmig ausfragen.

(Es schwingt den Paukenstock, schlägt dreimal wuchtig auf die Pauke und schneidet eine fürchterliche Grimasse.)

Bum, bum, bum – hier ist der Mond! Rausgeschmissen wird, wer hier nicht wohnt!

(Der Maikäfer, Peterchen und Anneliese erscheinen von rechts.)

_Maikäfer_

Guten Abend, Herr Sandmann. Sie wollen gütigst entschuldigen ...

_Sandmännchen_

Was, was, was, entschuldigen? Er ist ein Maikäfer, Er gehört auf die dicke Kastanie und nicht auf den Mond! Was will Er hier? (schlägt auf die Pauke.) Ich werde mal gleich ein paar Sternraketen gegen ihn abschießen, daß ihm der Bauch platzt!

_Anneliese_

Ach nein, Herr Sandmännchen; bitte nicht schießen, bitte nicht böse sein; da hast du auch einen Apfel; sei gut!

(Sie hält ihm im ausgestreckten Händchen einen Apfel hin.)

_Sandmännchen_

(schon etwas begütigt)

Nanu? – Was ist denn das für ein kouragiertes, kleines Frauenzimmerchen? Einen Apfel willst du mir schenken? Das ist allerdings ’ne Seltenheit auf dem Mond. Hier wächst so etwas nicht. Nur auf der Weihnachtswiese, da wachsen die vergoldeten Äpfel, aber davon kann man leider nichts haben. – Gib mal her!

(nimmt den Apfel und beißt hinein. Mit beiden Backen schmausend.)

Hm, das schmeckt großartig; so was hab’ ich noch nie gegessen; sehr schön, sehr schön! (Schon sehr begütigt.) Aber, nun sagt mal, ihr Hemdenmätze ihr; was wollt ihr denn hier oben? Ihr sollt doch schlafen!

_Peterchen_

(tritt vor)

Herr Sandmännchen, wir sind auf einer Abenteuerfahrt. Wir sind ausgezogen, um dem armen Maikäfer Sumsemann hier sein Beinchen zurückzuerobern.

_Sandmännchen_

Hoho! Du bist ja ein sehr kühner, kleiner Mann! – – Gib mir mal auch einen Apfel!

_Peterchen_

Ja, den geb’ ich dir gerne. Aber dann sag’ uns auch, wo das Beinchen ist.

(Er gibt dem Sandmännchen einen Apfel, das Sandmännchen schmaust.)

_Sandmännchen_

Schmeckt prächtig, schmeckt prächtig! Ja, und nun wartet mal! Wie heißt der Maikäfer doch? – Sumsemann? – Sagtest du nicht Sumsemann?

_Maikäfer_

(Kratzfuß)

Sumsemann, zu dienen, Herr Sandmann!

_Sandmännchen_

(tippt sich auf die Stirn.)

Ja, da fällt mir etwas ein!... Sumsemann, Sumsemann? Den Namen hab’ ich doch schon gehört?... Aha, jetzt weiß ich es wieder! Du bist der Maikäfer, dessen sechstes Beinchen hier auf dem Berg beim Mann im Monde ist?

_Maikäfer_

(Kratzfuß)

Ganz richtig, Herr Sandmann!

_Sandmännchen_

O ja, o ja, deine Geschichte kenne ich; sie ist traurig, sie ist sehr traurig. Die Nachtfee hat sie uns einmal auf dem Kaffeeklatsch erzählt; wir waren alle sehr gerührt. (starrt ihn an.) Kreuz Himmelsziege und Mondsalat; und da hast du tatsächlich zwei artige Kinderchen entdeckt, die dir helfen wollen? Na, da hast du aber Glück; das heißt, wir wollen erst mal sehen, ob die Kinder auch immer artig waren. (zu den Kindern) Wie heißt ihr beide?

_Peterchen_

Ich heiße Peterchen!

_Anneliese_

Ich heiße Anneliese!

_Sandmännchen_

(zieht an dem Glockenstrang, und das Läuten der vielen Glöckchen ertönt. Darauf hält es die Hände an den Mund und ruft zum Himmel hinauf:)

Die Sternchen von Peterchen und Anneliese sollen mal schnell herunterkommen!

(Zwei Sternchen fallen vom Himmel, und gleich darauf stehen zwei liebliche Sternenmädchen auf der Wiese und strecken nach den Kindern die Arme aus. Die Kinder laufen jubelnd zu den Sternchen und schmiegen sich an sie.)

_Peterchens Sternchen_

Peterchen! mein Peterchen!

_Annelieses Sternchen_

Meine kleine Anneliese!

_Sandmännchen_

Na, nun mal keine unnötige Rührung; Die Sache ist ernst, es geht um die Führung!

(streng.)

Peterchens Sternchen, gib genauen Bericht; War Peterchen artig, oder war er es nicht?

_Peterchens Sternchen_

(küßt Peterchen)

Mein kleiner Junge war artig und brav, Immer, immer, im Wachen und im Schlaf.

_Sandmännchen_

Und du, kleines Sternchen, gib mal Bescheid! War Anneliese artig zu jeder Zeit?

_Annelieses Sternchen_

(küßt Anneliese)

Mein kleines Mädchen ist immer lieb gewesen; Von keiner Unart weiß ich, von keinem Bösen.

_Maikäfer_

(schreit)

Hurra, hurra, das ist mal ein Glück! Jetzt krieg’ ich gewiß mein Beinchen zurück!

(Er ist so wild umhergesprungen vor Vergnügen, daß er abermals auf den Rücken gefallen ist.)

O – das ist sehr fatal – entschuldigen Sie, meine Herrschaften!

_Sandmännchen_

(komisch erschreckt)

Nanu? – Was macht denn der? Was ist denn das für ’ne neumodische Art, sich zu benehmen?

_Maikäfer_

Ach, mir war die Freude so in die Glieder gefahren!

_Sandmännchen_

Und da muß er gleich alle Glieder von sich strecken?

(Peterchen und Anneliese eilen ihm zu Hilfe, und er kommt wieder auf die Beine.)

_Peterchen_

Herr Sandmännchen, dafür kann er nicht; es passiert ihm aus Versehen. Ich kenne das von den Maikäfern. Und er hat auch nur fünf Beinchen, da kann er sich nicht so schnell rappeln.

_Sandmännchen_

(streichelt die Kinder.)

Na ja, ich sehe jetzt, daß ihr gute Kinder seid und will euch helfen. Also, nun nehmt mal zuerst von euren Sternchen Abschied!

(Peterchen und Anneliese umarmen ihre Sternchen.)

_Peterchen_

Leb’ wohl, mein liebes Sternchen, ich danke dir schön!

_Anneliese_

Leb’ wohl, mein liebes Sternchen, auf Wiedersehen!

_Die Sternchen_

Ade, ihr lieben Kinderchen, vergeßt uns nicht! Wir grüßen und wir winken euch mit silbernem Licht!

(Sie huschen fort und tauchen im gleichen Augenblick am Himmel als Lichtpünktchen auf. Die Kinder starren ihnen nach.)

_Peterchen_

Husch, sind sie fort! – Guck Anneliese, Da stehen sie wieder auf der Himmelswiese!

_Sandmännchen_

So, nun kommt mal her, Kinderchen; jetzt wollen wir beraten, wie wir es am besten anfangen. Die Geschichte ist nämlich gar nicht so einfach, denn der Mondmann ist sehr böse.

_Peterchen_

(mutig)

O, den hau’ ich schon mit meinem Schwert!

_Sandmännchen_

(lächelt)

Na ja, du mutiger, kleiner Mann, das glaube ich dir schon; aber so mir nichts, dir nichts, geht die Sache denn doch nicht; es muß schon ein wenig vorbereitet werden, und da kommt mir eben ein großartiger Gedanke.

(zieht die Uhr.)

Jetzt ist es halb zwölf; um zwölf Uhr bin ich bei der Nachtfee zum Kaffeeklatsch geladen; mein Mondschlitten muß gleich hier sein. Also, da will ich euch mal etwas sagen: Ihr steigt jetzt alle drei mit ein, und wir fahren zu Vieren zur Nachtfee aufs Schloß. Dort sind noch viele andere Leute eingeladen; mit denen wollen wir gemeinsam beraten, wie es am besten zu machen ist.

_Peterchen_

Das ist famos – da freue ich mich drauf!

_Maikäfer_

(Kratzfuß)

Verbindlichsten Dank, Herr Sandmann!

_Sandmännchen_

Seht ihr, da kommt auch schon mein Schlitten!

(Ein schneeweißer Schlitten, von sechs silbernen Nachtfaltern gezogen, fährt vor.)

_Sandmännchen_

Einsteigen, einsteigen, wir haben keine Zeit, Der Weg ist weit, der Weg ist weit!

(Alle steigen ein – Sandmännchen setzt sich auf den Bock.)

_Sandmännchen_

(knallt mit der Peitsche)

Hui, hallo, auf, wie der Wind! Wie der Blitz gefahren, geschwind, geschwind!

(Sie fahren davon.)

Vorhang.

Ende des zweiten Aufzuges.

3. Bild.

(Großer Saal im Schloß der Nachtfee. Eine blaue Kuppelhalle, in die von oben die Sterne hereinsehen. Rechts und links weite Eingänge vor schwarzem Hintergrunde. Der Boden der Halle ist silbergrau. In der Mitte des Raumes steht eine silberne Treppenpyramide mit einem Thron. Der Thron leuchtet von innen. Rechts und links von dem Thron zwei Tafeln aus blassem Marmor, auf denen silberne Tassen und silberne Teller stehen. Bei jedem Gedeck steht ein silberner Stuhl. Auf dem Thron sitzt die Nachtfee, in einem tiefblauen Mantel, der mit Sternen bestickt ist. Sie hat ein blasses, edles Antlitz. In ihrem tiefschwarzen Haar trägt sie eine silberne Mondsichel als Krone. In der Halle herrscht bläuliche Dämmerung. Aus der Höhe ertönt eine süße Harfenmusik, zu deren Melodie an dem Fries der Halle entlang eine Kette reigentanzender Sternenmädchen ununterbrochen hinzieht. Es sieht aus, als kämen die Mädchen vom Himmel herein, zögen durch den Raum und wieder in die Tiefe der Nacht hinaus. Eine Glocke schlägt aus der Höhe mit zwölf tiefen Schlägen.)

_Nachtfee_

Mitternacht! – Die Welt schlief ein; Frieden, Frieden soll über ihr sein!

(Ein ferner Chor nimmt den Ruf auf und singt immer leiser, immer ferner.)

Frieden, Frieden soll über ihr sein,

(Der Chor verklingt.)

_Nachtfee_

Nun kommen wohl bald meine Gäste an, Ich höre schon den Donnermann.

(Man hört fernen Donner, stärker und stärker. Plötzlich gibt es einen gewaltigen Krach, und auf einer großen Pauke kommt von rechts der Donnermann hereingeritten. Er hält vor dem Thron der Fee und steigt ab. Eine riesige Gestalt, dick und ungeschlacht, mit rotem, borstigem Bart und roten Haaren. Er hat ein schwarzledernes Wams an und hohe Kanonenstiefel.)

_Donnermann_

(macht vor der Nachtfee eine Verbeugung.)

Zum Donnerwetter, da bin ich gekommen; Habe mir keine Zeit genommen; Bin gleich, weil du mich geladen hast, Auf meiner Pauke hierher gerast. Mein Weib, die Blitzhexe, läßt dir sagen, Sie hätte noch schnell mal wo einzuschlagen Und käme dann hinterher geritten; Derweil zu grüßen läßt sie bitten! Potz – Himmel – Bomben – Donnerwetter, Unterwegs überholt’ ich meinen Vetter, Den Hagelhans, er muß gleich kommen, Hat ein graues Wolkenschiff genommen, Hat ein Loch an der Mondsichel ins Segel geschnitten, Läßt derweil durch mich um Entschuldigung bitten. Potz – Krach – Blitz – Donner – Bombenschlag – Ich bin hier und sage dir guten Tag!

(Es donnert, und er verneigt sich.)

_Nachtfee_

Ich danke dir für deinen Gruß, mein Lieber; Setz’ dich nur dort an die Ecke herüber, Und ich bitte dich, mach’ ein freundlich Gesicht Und erschreck’ mir meine Sternenkinder nicht!

_Donnermann_

(nimmt Platz)

Potz Bomben, ich will’s versuchen, schöne Frau; Doch entwischt mir ein Donner, nimm’s nicht so genau.

_Nachtfee_

(verbindlich)

Bitte, bitte, ich lege darauf kein Gewicht, So ein klein wenig schadet ja nicht. – Ah, die Windliese kommt, sie ist sehr schnell Und immer mit den Ersten zur Stell’.

(Ein Windsausen geht durch die Luft, und die Windliese kommt von rechts auf einem Besen hereingeritten. Sie hat ein rotbäckiges, dickes Gesicht; blondes, wirr um den Kopf stehendes Haar und ein graublaues Schleierkleid. Während sie spricht, säuselt ein leiser Wind; wenn möglich flattern ihre Schleier.)

_Windliese_

(macht einen Knicks)